Tierney Sutton Quartet | 12.04.2002

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

„Spring is here. And it’s true!“ Mehr als nur einen Hauch vom Frühling brachte das Quartett um die junge Sängerin Tierney Sutton auf ihrer „Rising Star“ Tour nach Neuburg mit. Die junge Lady zeigte im Birdland Jazzclub, um wie viel weniger mehr sein kann, wenn frau wirklich singen kann.

Die Beste kam zuletzt. Nach einer ganzen Phalanx junger Sängerinnen, die in den letzten Monaten im Neuburger Birdland vor Augen und Ohren vorbeidefilierten, reichte Tierney Sutton dem Publikum zum Dessert ein Sahnestück. Ihre Performance war schlichtweg perfekt: Glasklare Intonation, die jedes noch so schwierige Intervall lässig meistert, souveränes Handling des Stimmumfangs, eigenständige Auseinandersetzung mit dem Material, sichere Phrasierung, wohldosiert eingesetztes Timbre und wahre Rundflüge über das Reich des Scatgesangs, so einfach ist das. Da braucht es weder Show noch Streicherschwulst, weder Schlitz im Kleid noch Dekolleté. Tierney Sutton verwöhnt ihr Publikum mit natürlicher Präsenz und wacher Sensibilität. Eine faszinierende Scateinlage im Duett mit Drummer Ray Brinker, ein schimmerndes „I thought about you“ allein mit Kevin Axt am Bass, eine hellsichtige Version von Jimmy Rowles‘ „The Peacocks“ gemeinsam mit Tamir Hendelman am Bösendorfer, das allein hätte schon gereicht um das Publikum zu begeistern. Wem Tierney Suttons Version von Bill Evans‘ trauernd-tröstlichem „We will meet again“ nicht tief unter die Haut geht, der muss ein Herz aus Stein haben. Auch Miles Davis‘ „Blue in Green“, der Titelsong ihrer aktuellen CD, entfaltet vom ersten Ton an eine ungeheure Suggestionskraft, das durch Nat King Cole bekannt gewordene „Route 66“ wechselt zwischen kerniger Reisegeschwindigkeit und rasantem Drive, Bill Evans‘ „Detour ahead“ schreitet als zärtliche Hommage an seinen Schöpfer in die Nacht und des Duke „Caravan“ scattet atemberaubende Melodiebögen ins Gewölbe.
Mehr Würze als Beilage vermitteln die sparsamen Arrangements. Die Instrumente breiten mit leisen Akzenten einen feingeknüpften Teppich unter eine Stimme, die keiner lückenbüßenden Unterstützung bedarf: Axt spielt den Bass so kernig wie zurückhaltend, Brinker trommelt mit rhythmischer Leichtigkeit und filigranen Variationen, Hendelman streut in tauglänzender Frische zart knospende Kirschblüten auf die Klaviatur. Im Mittelpunkt bleibt wie selbstverständlich Tierney Sutton, die alles Zeug hat, die Tradition der großen Jazzsängerinnen fortzusetzen und selbst als eine Große in die Geschichte einzugehen mit einer Stimme, die klar ist wie Quellwasser und feinfühlig wie eine zarte Blüte im Frühling. Wahrhaftig: Spring is here!