Presse

Joe Haider Sextett | 14.05.2022
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Der wievielte Auftritt ist es eigentlich? Er war schon mit Orchestern da, die von ihrer Opulenz her eigentlich gar nicht in den Hofapothekenkeller passten, mit intimen Pianotrios, in Quartetten oder Quintetten, als Sideman oder als Bandleader. Für einen wie Joe Haider hätte der abgedroschene Terminus vom „lebenden Inventar“ im Neuburger Birdland eigentlich erst erfunden werden müssen. Jetzt kreuzt der kauzige Schwabe am Klavier wieder auf, mit fünf Fahrensmännern zur Seite, allesamt gestandene Jazzmusiker aus der Szene seiner Schweizer Wahlheimat und Österreichs. Aber irgendetwas ist anders. Die Musik vielleicht? Von der Qualität her hebt sie sich abermals weit ab von anderen Mainstream-Darbietungen – wie häufig in der Vergangenheit. Also nichts Neues?

Halt! Was auffällt, ist die Stimmung, diese ansteckende Spielfreude, dieses lustvolle Zelebrieren selbst schwierigster Arrangements, die Haider und seine Freunde aus mehreren Generationen über zwei Stunden lang vermitteln. Dabei ist der Chef des Ensembles immerhin schon stramme 86. Ein leibhaftiger Dinosaurier des deutschen Jazz, ein Stehaufmännchen mit Nehmerqualitäten, ein hoffnungslos der Musik verfallener Triebtäter mit Ecken, Macken und Kanten. Aber so jung, so frisch, so fit, so hungrig nach diesem besonderen Liveerlebnis war Joe Haider nicht einmal vor zehn oder 20 Jahren. Man muss ihn einfach mögen, wie er da auf der Bühne steht und mit seinem trockenen Haider-Humor die Kalauer zwischen den Stücken raushaut. „Geschtern beim Konzert hatten mir ein Schwimmfest. Heute ist der Sound perfekt. Jeder hört jeden. Danke Birdland, danke Robby (Komarek, das „Mädchen für alles“ im Birdland)“. Oder nach einem fulminanten Basssolo: „Ich sag nur ein Wort: Raffaele Bossard!“. Das übliche Procedere mit der Zugabe schenkt er sich gleich: „Normalerweise gehen mir jetzt da runter, Sie klatschen wie verrückt, und dann kommen mir wieder rauf. Da bleiben wir doch lieber gleich oben und spielen einfach weiter.“

In der Tat können die Gäste kaum genug von „Joe Haider 2022“ bekommen. Die Darbietungen des alten Brummbären besitzen die Qualität einer Standortbestimmung auf der Zielgerade seines Lebens und reichen vom launigen Jazzwalzer über virile Hardbop-Wühler bis hin zu feinen Balladen. Druckvolle, satte Bläsersätze mit dem Posaunisten Johannes Herrlich und dem Trompeter Daniel Noesig dominieren „Neptunus“, die Komposition seines ehemaligen Partners Benny Bailey, während die Samba „Little Peace“ aus der Feder des „alten Freundes und Kupferstechers“ sowie aktuellen Birdland-Partners Heinz von Herrmann (ebenfalls 86) trotz ihrer ständigen Rhythmuswechsel fluffig und leicht rüberkommt. „Benoit“ ist ein „Hüpfstück“ (O-Ton Haider) mit unverschämtem Groove, für den vor allem Schlagzeuger Claudio Strüby sorgt, während die leise, langsame Haider-Eigenkomposition „I Remember Duke“ wehmütige Erinnerungen an die „guten, alten Zeiten“ weckt, als Musik noch einen gänzlich anderen Stellenwert besaß.

Dass die Darbietung dennoch nicht in einem Sumpf aus rührseliger Nostalgie versinkt, ist das eigentliche Verdienst dieses Sextetts. Denn nichts wäre schlimmer für den Pianisten, der an sich selbst stets die allerhöchsten Ansprüche stellt, als in der Ecke der ewig Gestrigen abgestellt zu werden. So bleibt die Combo zeitlos tagesaktuell und versetzt bei der unorthodoxen Zugabe die quirlige Herrlich-Nummer „Hot Summer In …“ kurzerhand von Wien nach Neuburg. Ganz zum Schluss verlässt die Band die Bühne, der Boss bleibt einfach am Flügel sitzen und spielt alleine eines der schönsten Schlaflieder, die jemals im Birdland erklangen. „Guten Abend, gutʼ Nacht“ von Johannes Brahms erblüht unter den flinken, nach wie vor wie geschmiert auf der Klaviatur laufenden Fingern von Joe Haider wie eine dunkle, geheimnisvolle Rose. Ein perfekter Rausschmeißer, ein emotionaler Abschied. Bis zum nächsten Mal!


Maciej Obara Quartet | 07.05.2022
Neuburger Rundschau | Ssirus W. Pakzad
 

Als sich abzeichnete, dass sich das Corona-Virus keineswegs so schnell trollen würde wie es 2020 über die Menschheit gekommen war, zog es den polnischen Altsaxofonisten Maciej Obara zurück in die Region, aus der er stammt. Er mietete ein Haus am Rande eines Nationalparks, streifte tagtäglich durch einsame hügelig-gebirgige Landschaften, ließ die Natur auf sich wirken, holte sich Inspiration von der Flora und Fauna, vom wechselnden Licht, von der Witterung. Die Kompositionen, die er dann in der selbst gewählten Klausur entwickelte, stellte er mit seinem bewährten Quartett nun während eines berauschenden Konzerts im Neuburger Birdland vor.

Beim Soundcheck saßen die neuen Stücke noch nicht auf Aufhieb, musste manches Detail der Obara-Kompositionen feinjustiert werden. Das Material des Abends sei noch frisch, das Publikum müsse aber nicht die Sorge haben einer öffentlichen Probe beizuwohnen, beteuerte Maciej Obara später bei seiner ersten Ansage. Das durfte er auch ruhigen Gewissens behaupten – denn er weiß, dass er und seine drei Spielgefährten ganz bei der Sache sind wenn es drauf ankommt, Yes, we can.

Seit einigen Jahren besteht Maciej Obaras Quartett, mit dem er 2019 den „BMW Welt Jazz Award“ für sich entscheiden konnte, nun schon in unveränderter Besetzung. An des Saxofonisten Seite glänzen seit der Gründung seines Vierers mit Steuermann der klassisch ausgebildete, ebenfalls aus Polen stammende Pianist Dominik Wania und zwei Norweger, die zu den erfahrensten Rhythmusleuten Europas zählen: der Bassist Ole Morten Vågan (der derzeit dem furiosen „Trondheim Jazz Orchestra“ vorsteht) und der Schlagzeuger Gard Nilssen (der unter anderem mit seinem „Supersonic Orchestra“ von sich reden macht).

Schnell wird an diesem Abend im Birdland klar, wie instinktsicher, wie reaktionsschnell, wie frei, wie hochsensibel die zwei Mittel- und zwei Nordeuropäer miteinander umzugehen verstehen. Auf und ab wogt ihre Musik, die als bestes Lehrbeispiel für Dynamik taugt. Eben noch tönte sie berührend zart, verletzlich, pastellen, verwunschen. Ohne wahrnehmbare Übergänge mündet das Leise, das Lyrische urplötzlich in Passagen, die einer Farbexplosion gleichen, die wuchtig, überschäumend und einfach überwältigend sind, die höllisch intensiv swingen und die umwerfende Virtuosität von Obara, Wania, Vågan und Nilssen offenbaren. Einfach atemberaubend, was die Vier da zusammen entfachen.

Doch dann lichtet sich der Rauch so schnell, wie er gekommen ist und da sind sie wieder: diese irgendwie schwebenden selbstvergessenen atmosphärischen Momente, mit denen Maciej Obara die meisten seiner von Jazz, zeitgenössischer Klassik und heimischer Folklore beeinflussten Kompositionen einläutete. Seine Musik ist ein Naturereignis, so unberechenbar wie das Klima in der Region, in die er sich während der Pandemie aufhielt. Durch den Nebel im Tal stehlen sich die ersten Sonnenstrahlen. Gleich aber wird ein Gewitter aufziehen, das Blitz und Donner, das Starkregen und Sturm mit sich bringt.
Die Impressionen, die Maciej Obara während seiner Auszeit im Nationalpark gewann, fließen nun in ein drittes Album für das legendäre Münchner Label ECM. Wer im Birdland beim Konzert seines Quartetts anwesend war, wird dieses Werk bestimmt erstehen wollen.


Maciej Obara Quartet | 07.05.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die blaue Stunde ist die Zeit zwischen Sonnenuntergang und dem Einbrechen der Nacht, zwischen gleißender Helligkeit und einsetzender Dämmerung, die Zeit der Schatten, in der die Welt zur Ruhe kommt und man selber zum Nachdenken. Das Phänomen, mit dem sich die Malerei und die Fotografie gleichermaßen auseinandersetzen, kommt einem fast zwangsläufig in den Sinn, wenn man die Musik des Maciej Obara Quartets im Birdland Jazzclub hört.

Unheilverkündend, unheimlich, zartfühlend, sensibel. Anmutige Schönheit und kantiger Purismus in unmittelbarer Nachbarschaft. Sich plötzlich öffnende akustische Räume und Hallen, dann wieder Minimalismus. Vorsichtiges Tasten hinein in neue Welten, dann ungestümes Drauflosstürmen. Verwehte Sounds und aufgetürmte Klanggebirge. Die Band schnüffelt suchend im Gelände, irrlichtert in der Schattenwelt herum, schwingt sich auf den plötzlich einsetzenden Beat, groovt sich ein. Einerseits lange Kameraeinstellungen, Schwebezustände, dann plötzlich rasante Schnitte. Und zum Schluss endet alles in einer Art Rauschzustand, mit einem orgiastischen Finale.

Die polnisch-norwegische Band mit Maciej Obara am Tenorsaxopfon, Dominik Wania am Flügel, Gard Nilssen am Schlagzeug und Ole Morten Vågen am Kontrabass sorgt mit ihrer Musik, einer Art Modern Jazz mit Spuren aus Free und Avantgarde, für ein überaus intensives Hörerlebnis, wie man es wahrlich nicht alle Tage geboten bekommt, in denen die Zustände der Trance und der Ekstase erstaunlich nah beieinander liegen. Ein unermüdlich wühlender Bassist, die dichten, wie aus dem Handgelenk gezauberten Teppiche des Schlagzeugers, der herrlich korrespondierende Pianist und schließlich Obamas, in der Band Thomasz Stako’s gereifte Ton, der die Bilder in den Köpfen des Zuhörers entwirft, weiterentwickelt, verfeinert, ornamentiert, schattiert.

Es gibt in sich geschlossene Stücke, betitelt mit „Rainbow Leaves“, „Dry Mountain“ oder „Frozen Silence“, aber sie werden – wie einst bei der Formation Grünen an gleicher Stelle – zusammengezogen zu zwei etwa 50-minütigen Blöcken, um den Flow, die Assoziationen nicht abreißen zu lassen. So kann man sich besser in die Musik versenken, abtauchen, sich entführen lassen in diese eigenartige klangliche Zwischenwelt, wozu das Publikum im Birdland gerne bereit ist. Es ist nicht der Abend des Zwischenapplauses, nicht der Abend vordergründiger Ausgelassenheit, kein Abend, an dem auf irgendeine Weise das Publikum bespaßt wird, auch keiner, um Virtuosität zu bestaunen. Durchaus aber einer, um sich ver- und entführen zu lassen, der Stimmung nachzugeben, die man für sich erlebt, und zwar einzig und allein dadurch, dass man anwesend ist, sich öffnet, zuhört und die Musik auf sich wirken lässt.

Wenn der derzeit fast inflationär gebrauchte Begriff der Nachhaltigkeit auch für Jazzkonzerte anwendbar ist, dann ganz gewiss für dieses ganz spezielle im Birdland. – Beim Nachhausefahren nach dem Konzert noch das Autoradio andrehen? Unmöglich. Nicht nach dem soeben Erlebten.


The Canadian Jazz Collective | 06.05.2022
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Auch in Kanada gab (oder besser: gibt es) Corona, lange Lockdowns, keine Kultur, keine Konzerte und teilweise strengere Hygieneregeln als hierzulande. Wenn dann Künstler aus dem Land der Elche, Bären und des Eishockeys nach einer solch langen Leidenszeit endlich wieder ihrer Beschäftigung nachgehen dürfen, wirken sie mitunter wie ausgehungerte Tiere, vor allem wenn es darum geht, fernab der Heimat zu zeigen, was sie draufhaben. Unter diesen Vorzeichen muss man wohl das erste Konzert kanadischer Jazzmusiker in Neuburg, die sich in Septett-Stärke als „Canadian Jazz Collective“ vor einem erwartungsfrohen Publikum im ausverkauften Birdland-Jazzclub präsentieren, betrachten.

Zunächst gilt es festzustellen: Es gibt keinen qualitativen Unterschied zu den Kollegen in New York, Detroit oder New Orleans. Das, was der (im wahrsten Wortsinn) voluminöse Trompeter Derrick Gardener, der fast klassisch strukturierende Tenorsaxofonist Kirk MacDonald, der klug konstruierende Gitarrist Lorne Lofsky, die erfrischend unbefangene MacDonald-Tochter Virginia an der Klarinette, der elegant swingende Pianist Brian Dickinson, der unauffällig, aber verlässlich groovende Bassist Neil Swainson sowie als einziger Nicht-Kanadier der österreichische Drummer Bernd Reiter bei ihrem dritten gemeinsamen Konzert auf die Bühne zaubern, hält jedem Vergleich mit den Vorbildern aus dem Mutterland des Jazz stand. Alle beherrschen ihr Instrument auf bestechende Weise, verfügen längst über eine eigene Klangsprache und laufen schier vor Ideen nur so über. Das „Canadian Jazz Collective“ versteht sich als eine Art Composers Orchestra, das die drei künstlerischen Leiter Gardener, MacDonald und Lofsky als willkommene Plattform für ihre suitenartigen Arrangements nutzen.

Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Die Musik besitzt zu jeder Phase spannende, interessante Wendungen, wirkt überaus raffiniert konstruiert und verfügt über jede Menge fein strukturierte Winkelzüge und viele versteckte Fallstricke. Doch irgendwann drängt sich trotz all der swingenden Attitüde, die Bernd Reiter am Schlagzeug, Neil Swainson am Bass und Pianist Brian Dickinson um jeden Preis aufrechterhalten wollen, der Eindruck auf, die Darbietung könnte womöglich doch ein wenig „kopfig“, allzu mathematisch konstruiert sein. Wenn dann noch jeder ausführlich solieren darf, so geraten die Stücke schnell auf eine Gesamtlänge von 25 Minuten und das Ende des Konzerts rückt Richtung Mitternacht. Das mag der immensen Spielfreude geschuldet sein, die das kanadische Musikerkollektiv an den Tag legt. Doch als Probesession für eine tags darauf in Villingen anberaumten Aufnahmetermin eignet sich solch ein Konzert eher weniger, vor allem, weil noch keine Band zuvor derart viele Notenblätter mit auf die Bühne brachte.

Die fleißigen Kanadier würden am liebsten gar nicht mehr aufhören zu spielen, loben immer wieder die Atmosphäre des Clubs und versuchen mit Kompositionen, bei denen zum Beispiel in „The Power Of Four“ vier unterschiedliche Melodielinien neben- und übereinander laufen, Punkte zu sammeln. In „Dig That“ verschachteln sich die Bläsersätze, in „One Thing Came To Another“ fechten der gleißende, krachende Trompeter Gardener und die impressionistische, leise Klarinettistin MacDonald einen ungleichen Kampf aus, die Lofsky in ein paar spinnwebartige Gitarrenläufe einbettet.

Mit fortschreitendem Abend beginnt die Maschine freilich zu laufen, befreien sich Ensemblemitglieder immer mehr aus dem engen Korsett der Arrangements. Erst dann fällt auf, dass Derek Gardener einer der besten Trompeter ist, die seit langem im Birdland ihre Visitenkarte abgegeben haben, dass Vater MacDonald ein herrlich rhapsodierendes Tenorsaxofon spielt und Tochter Virginia in ihrer Kühnheit auf den Spuren des großen Jimmy Giuffre wandelt. Ganz zum Schluss, als niemand mehr damit rechnet, gibt es als Zugabe einen fantastischen „Slow Blues“, an dem nicht nur die Musiker ihren Heidenspaß haben, sondern auch das Publikum. Und bei dem es ausnahmsweise kein Notenblatt braucht, sondern nur die Lust am Momentum.


The Canadian Jazz Collective | 06.05.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Zu Beginn des Konzerts im Neuburger Birdland Jazzclub liegt das Canadian Jazz Collective quasi noch in ihren Geburtswehen. Dies ist nach zwei Auftritten vorher in Paris nämlich erst der dritte überhaupt nach Gründung der Band. Dass das Septett angesichts dessen die ersten Stücke des Abends erst einmal verhalten angeht, ist also durchaus verständlich.

Kirk MacDonald (Tenorsaxofon), Derrick Gardner (Trompete, Flügelhorn), Virginia MacDonald (Klarinette) Lorne Lofsky (Gitarre), Fabio Miano (Klavier) und Neil Swanson (Kontrabass) kommen aus verschiedenen Teilen Kanadas, Schlagzeuger Bernd Reiter hat sich aus Graz hinzugesellt, gemeinsam hat man ein Programm entworfen, das ausschließlich aus Eigenkompositionen besteht. Das Konzept sieht viel Freiraum für alle Solisten vor, aber auch, dass deren Beiträge nacheinander abgerufen werden, während ein spontaner Austausch in Form von Dialogen aus dem Augenblick heraus erst einmal noch nicht vorgesehen ist.

Natürlich geht es ohne Anweisungen des jeweiligen Komponisten vor und während der Stücke in dieser frühen Phase noch nicht, ist das Spielen vom Blatt angesichts der nicht eben simplen Themen von Titeln wie „Dig That“ oder „Shadows“ unverzichtbar. Die Band läuft bereits erstaunlich rund, der letzte Kick aber fehlt noch, wenngleich auch deutlich zu beobachten ist, wie das Septett von Stück zu Stück die Bremsen lockert, an Spritzigkeit zulegt, vor allem in deren Mittelteilen mehr wagt, mehr und mehr zum echten Collective wird.

Dass im Rahmen eines Konzerts, das weit über zweieinhalb Stunden dauert, lediglich acht Kompositionen gespielt werden, sagt einiges über deren Dauer aus. Kein Stück ist kürzer als zehn Minuten, weil die jeweiligen Solisten tatsächlich etwas zu sagen haben. Das gilt für „Theme For Du Sable“, das Trompeter Derrick Gardner dem Gründer seiner Heimatstadt Chicago, Jean Baptiste Point Du Sable, gewidmet hat, und auch für das Paradestück des Abends, Kirk MacDonald’s „Life Cycles“, einer insgesamt achtteiligen Suite, deren Movements 6 bis 8 den Abend beschließen. Es handelt sich dabei – wie auch bei den restlichen Stücken des Konzerts – um eine doch recht komplexe Komposition mit etlichen Stellen, die nicht eben leicht zu bewältigen sind und höchste Konzentration fordert. Auf Seiten der Musiker ebenso wie bei den Anwesenden im Birdland-Gewölbe.

Offensichtlich ist, wie hungrig die Musiker danach sind, endlich wieder live spielen zu können, ein neues Programm und eine neue Band vorzustellen. Ebenso offensichtlich ist, dass das Publikum allmählich wieder bereit sind, die pandemiebedingte Zurückhaltung abzulegen und den Jazzclub fast bis auf den letzten Platz zu füllen, auch wenn das gastierende Ensemble wie in diesem Fall vermutlich nicht jeder vorab gekannt haben dürfte. Wie sehr die Band selbst den Abend genießt und wie entspannt deren Mitglieder sind, wenn sie sich frei bewegen können, belegt schließlich die Zugabe in Form eines absolut relaxten Jams auf der Basis eines Slow Blues. The Canadian Jazz Collective nimmt Fahrt auf und kommt auf Touren.


Samara Joy Quartet | 30.04.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Sie kommt gerade aus Warschau und ist auf dem Weg nach Prag. Dazwischen macht sie Station im Neuburger Birdland Jazzclub. Die wichtigen Orte des Jazz haben mitunter nichts mit deren Einwohnerzahl zu tun. Was für ein Glücksfall für Neuburg. Die Sängerin aus der New Yorker Bronx mit der Ausnahmestimme ist gerade mal 24 Jahre alt und man darf getrost davon ausgehen, dass man von ihr künftig noch jede Menge hören wird. Im Laufe des Abends singt sie Songs, die durch Sarah Vaughan („Can’t Get Out Of This Mood“), Dinah Washington („Only A Moment Ago“) und Nancy Wilson („Guess Who I Saw Today“) bekannt gemacht wurden, von Sängerinnen also, die auch heute noch, obwohl längst nicht mehr am Leben, in ihrem Tätigkeitsbereich so etwas wie das Maß aller Dinge sind. Miss Joy hat wie einst jene die Gabe, Stücke aus dem Great American so zu interpretieren, als wären es ihre eigenen, als wären sie speziell für sie geschrieben. Nur ganz wenige tun das aktuell so überzeugend wie sie, und vermutlich ist es nicht vermessen, sie schon heute als eine legitime Nachfolgerin jener großen Vokalistinnen zu betrachten. Die Schuhe, die sie sich damit anzieht, sind zwar riesig, scheinen aber dennoch wie maßgeschneidert.

Dabei ist sie alles andere als eine Diva, scherzt vielmehr auf ungemein sympathische Weise mit ihrem Publikum, lacht mit ihm, lädt zum Mitmachen ein, er­zählt von ihrem Mentor, dem Pianisten, Komponisten und Musikpädagogen Barry Harris, dessen „Sometimes Today Seems Like Yesterday“ und „Nascimento“ sie dann auch postwendend intoniert, bringt Thelonious Monks „Worry Later“ a cappella. In solchen Momenten hält man unwillkürlich den Atem an, ist fasziniert von der glasklaren Stimme, all der Kraft und der Emotion hinter der bei Bedarf auch mal samtenen Oberfläche, der Sicherheit in der Intonation, der scheinbaren Mühelosigkeit hinter ihrem Tun, der Natürlichkeit ihres Vortrags, bei dem nichts gekünstelt ist oder Effekthascherei.

Einfühlsam unterstützt von Ben Paterson am Flügel, Mathias Allamane am Kontrabass und Malte Arndal am Schlagzeug, überwindet sie mit den ersten Tönen von Nat King Coles „Stardust“ bereits die Distanz zum Publikum, die im Grunde freilich nie bestand, und improvisiert in der zweiten Zugabe aus mal eben schnell einen Song mit dem Titel „Day By Day I Fall More In Love With Germany“. Wofür ausschließlich das Birdland-Publikum verantwortlich ist, denn weitere Deutschland-Termine gibt es aktuell nicht.

Am Ende haben beide Seiten neue Einsichten gewonnen. Das Auditorium im ausverkauften Kellergewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke, das eine Begegnung mit Sarama Joy eine große Chance ist, einen Blick in die Zukunft des Jazzgesangs zu werfen. Und auch die Sängerin selbst, die heute drei neue Wörter der deutschen Sprache gelernt habe, wie sie mit entwaffnendem Lachen feststellt. „Neuburg“, „sehr gut“ und „Zugabe“. Letzteres wäre gerade in ihrem Fall eine tolle Sache. Am besten möglichst bald.


Samara Joy Quartet | 30.04.2022
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Samara Joy ist gerade 24 Jahre jung und zum ersten Mal in Deutschland. „Ich muss das unbedingt meiner Mom erzählen: Neuburg was awesome!“ So steht sie unbekümmert lachend auf der Bühne des Neuburger Birdland-Jazzclubs, die Menschen im bis auf den letzten Platz besetzten Hofapothekenkeller fressen ihr längst aus der Hand, und sie schüttelt immer noch ungläubig den Kopf ob so viel unverhoffter Zuneigung. Als sie gegen Schluss eine butterweiche Ballade intoniert, nur begleitet vom geschmeidigen Bassisten Mathias Allamane, dabei scheinbar mühelos zwischen drei Oktaven hin- und herhüpft, jeden Ton punktgenau trifft, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, und die letzte Zeile gerade wie eine Seifenblase durch das Gewölbe schwebt und verklingt, da ruft einer aus dem Publikum genau das aus, was in diesem Moment wahrscheinlich alle denken: „I love you!“ Samara kichert noch eine Minute später verlegen wie ein kleines Schulmädchen.

Es ist wirklich herzerfrischend, vor allem nach dem klinisch-sterilen Gastspiel eines arrivierten Superstars in der Vorwoche, ja geradezu eine Wohltat, diese hochtalentierte Sängerin bei ihrer Premiere in einem der wichtigsten Jazzclubs Europas erleben zu können. Da singt eine Frau mit so viel ansteckendem Spaß auf eine bemerkenswert reife Art edle Standards aus dem Great American Songbook, verwandelt sie nach nur wenigen Takten flugs in ihre eigenen Songs, segelt wie ein neugieriger Steinadler über die üppigen Harmoniegebirge hinweg und wirkt in ihrem ganzen Tun irgendwie zeitlos. So, wie eine alte Seele in einem jungen Körper, als wäre sie in der Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig daheim, als wäre Samara Joy mit der gesamten Geschichte des Jazz auf einmal verbunden und würde in jeder Ära parallel existieren. Jeder, der Gassenhauer-Themen wie „Moonglow“ kennt und sie längst als traditionell abgeheftet hat, dem macht die junge Vokalistin einen dicken Strich durch die Rechnung.

Joy beherrscht ihr Metier. Mit einem schier unerschöpflichen Energiereservoir offenbart sie die lerchenhafte Zartheit Minnie Ripertons, schüttelt locker das charaktervolle Timbre einer Peggy Lee aus dem Ärmel und haut einfach den innerlich wärmenden Stil Julie Londons mit einem speziellen Faible für besonders feinen Scat raus. Ganz wichtig: Dabei erliegt sie nie der Versuchung, eine ihrer Vorbilder zu kopieren. Samara verfügt längst über ein eigenes, unverkennbares Organ, etwas, das man „Signature Voice“ nennt. Kein Stimmchen – eine Stimme!

Die Sängerin aus der South Bronx in New York navigiert derart souverän durch „Sometimes Today Seems Like Yesterday“ aus der Feder ihres Mentors Barry Harris, jenes legendären Pianisten, der im Dezember vergangenen Jahres mit 92 Jahren starb, dass man jeden Ton inhalieren und dabei wohlwollend prüfen möchte. Delikat, wie sie den ständigen Wechsel zwischen Niedergeschlagenheit und die Hoffnung aufs Liebesglück in ihrem Gesang abbildet. Mal leise, dann wieder mit kräftiger Stimme bemeistert sie die Gefühlsdynamik dieser emotionalen Sturzflut. In ihrer subtilen Art erinnert sie frappierend an Sarah Vaughan – den nach ihr benannten International Jazz Vocal Competition gewann sie 2019 bereits. Eine Reinkarnation Vaughans? Durchaus möglich. Aber warum brauchte es immer solche Vergleiche in dieser Schubladenwelt, wenn Samara Joy selbst in absehbarer Zeit ein neues Jazzkapitel schreibt und diesem Genre eine Zukunft schenkt?

Sie bringt auch das längst vergessene Jazzclub-Feeling zurück ins mittlerweile altehrwürdige Birdland. „Round Midnight“ von Thelonious Monk versetzt die Zuhörer in diesen leicht benebelten Schwebezustand zwischen Wachheit und Müdigkeit, mit dieser Stecknadelstille bei besonders leisen Passagen und dieser drangvoll wärmenden Enge. Fehlen nur noch die Raucherschwaden – Gottseidank! Samara kann dem Publikum inzwischen auch die schwierigsten Scat-Mitsing-Aufgaben stellen – mithilfe ihrer charmanten, ungekünstelten Freunde macht fast jeder mit: „Duwidu-skadabu“ – „Der Birdland Neuburg Chor: Ich liebe ihn!“ Samara Joys Begleiter tun derweil alles, um ihre Chefin glänzen zu lassen. Der kluge, zurückhaltende Pianist Ben Paterson weiß genau, was eine Sängerin braucht, um zur Hochform aufzulaufen, ebenso wie der solide swingende Drummer Malte Arndal.

Zum guten Schluss, als zweite Zugabe eines denkwürdigen Abends, präsentiert Samara Joy, deren Großeltern Elder Goldwire und Ruth McLendon die berühmte Gospelgruppe The Savettes leiteten, ein unbegleitetes Kirchlied. Ein Notengebilde aus purer Schönheit und überwältigenden Emotionen. Keiner wagt zu atmen: „This is my story, this is my song.“ Danke!


Viviane de Farias
Audi Forum Ingolstadt | 28.04.2022

Donaukurier | Karl Leitner
 

Gut zu wissen, dass es auch ohne geht. Ohne touristische Folklore, ohne Gassenhauer wie „The Girl From Ipanema“, „Tico Tico“ und „Agua De Beber“, ohne stupides Mitklatschen. Statt dessen lädt Viviane de Farias, die aus Rio de Janeiro kommt und in Deutschland lebt, ihr Publikum ein, zuzuhören, mitzufühlen, höchstens mal mitzusummen. Es ist also auch möglich, sich abseits des Mainstreams zu bewegen, wenn es um brasilianische Musik geht, um Samba, Bossa Nova und Tropicália.
Für „Vivi“, wie sie sich selbst nennt und auch ihr letztes Album betitelt hat, scheint das überhaupt nicht in Frage zu stehen. Natürlich verwendet auch sie Elemente des Pop, des Jazz und ein klein wenig Brazilectro, aber ihre Welt sind weniger die Sambaschulen, der Karneval und der damit verbundene Lärm, sondern eher Antonio Carlos Jobim, Caetano Veloso und Johnny Alf, die chansonartigen Lieder ihrer Heimat, in denen nicht nur der Rhythmus wichtig ist, sondern auch und vor allem die Texte.
„Tristeza“, die Traurigkeit, und „Anseio“ – die Sehnsucht. Diese Schlüsselbegriffe hört man immer wieder heraus aus ihren Texten, auch wenn man kein Portugiesisch versteht. Man muss nur auf die Musik hören, dann spürt man schon, worum es in Liedern wie „Sonnenaufgang“, „Die Stunde der Leidenschaft“ und quasi in Summe in der Eigenkomposition „Meu Balanço“ geht, ums innere Gleichgewicht. Gleich zu Beginn des Konzerts hat „Vivi“ es ja überaus charmant, aber auch deutlich gesagt. „Am wichtigsten ist mir, dass ihr euch heute Abend entspannt, die Magie der Lieder spürt, die Kraft und die Emotionen, die von ihnen ausgehen.“ Damit das möglich ist, bedarf es einer Band, die weiß, wie man sich zurücknimmt. Natürlich müssen die Grooves stimmen – bei brasilianischer Musik ist das unerlässlich – aber sie dürfen nicht die Szenerie dominieren. Kim Barth an der Querflöte und am Altsaxofon und Tizian Jost am Flügel teilen sich die Soli, Eduardo Penz am sechssaitigen E-Bass und Mauro Martins am Schlagzeug finden genau das richtige Maß, um die Szenerie zu bereiten für die wichtigste Person des Abends am Gesangsmikrofon.
„Quero Cantar“ heißt einer ihrer Songs, „Ich will singen“. Über Fragen der Intonation muss man bei ihr nicht groß nachdenken. Die ist ohnehin makellos. Bei ihr geht es vielmehr darum, die Texte zum Blühen zu bringen, die emotionale Botschaft jedes einzelnen Stückes, um Inhalte wie ihre ganz persönliche Sehnsucht nach der Heimat, ihre Lust am Singen und über die Lebensfreude sogar derer, die in den Favelas von Rio oder Sao Paolo leben. Ihre Stimme, die sie durchaus auch mal wie seinerzeit Al Jarreau für ein lupenreines, vom Saxofon gedoppeltes, Instrumentalsolo einsetzt, setzt sie dazu in die Lage.
Es sind die Zwischentöne, die den Abend so reizvoll machen. Man spürt die Glut, die hinter diesen Songs glimmt, bisweilen auch die Flammen, die züngeln, aber die Feuersbrunst bleibt aus. Schließlich bedeutet das Leben nicht immer nur Party, Sonne und Strand. Nicht mal in Rio. Das Leben an sich beinhaltet mehr. Und „Vivi“ ist ja nicht nur eine Kurzform von Viviane, sondern hat auch mit „Leben“ zu tun.


James Morrison Quartet | 23.04.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Jahrelang war man von Seiten des Birdland-Jazzclubs hinter ihm her, jetzt endlich ist es so weit und der australische Startrompeter James Morri­son ist zum ersten Mal zu Gast in Neu­burg. Die Erwartungen sind hoch, der Saal komplett ausverkauft und als „Mr. Multi“, der auch ein exzellenter Pia­nist und Posaunist ist und überdies ein Plau­derer mit knochentrockenem Humor, die Bühne betritt, ist das der Startschuss für eine spektakuläre musi­kalische Zauber­show, die man so schnell nicht vergessen wird.

Der Mann ist nicht irgendwer. Immer­hin hat er die Eröffnungsfanfare für die Olympischen Spiele in Sydney geschrie­ben und trat vor Queen Elizabeth ebenso auf wie vor den Präsidenten Bill Clinton und Geroge W. Bush. Und nun starten er und seine Band (Libor Smoldas an der Gitarre, Geoff Gascoyne am Kontrabass und Sebastiaan de Krom am Schlagzeug) hier im kleinen Club mit Nat King Cole, Isham Jones und Bennie Moten ins Pro­gramm, präsentieren „On The Trail“ aus Bernstein’s „Grand Canyon Suite“ sowie Luiz Bonfá’s „The Gentle Rain“ und en­den nach gut zwei Stunden bei Elling­ton’s „Things Ain’t What They Used To Be“. Das hört sich erst einmal so spekta­kulär gar nicht an, ist es aber, wenn man bedenkt, was Morrison vor diesem Hin­tergrund den ganzen Abend über so treibt. Der Mann ist schlicht phänome­nal, auf nonchalante Weise virtuos an je­dem seiner Instrumente, dabei so locker und scheinbar völlig mühelos. Messer­scharfe Intonation, makelloser Ansatz, vorneh­me, lässige Eleganz und doch enorme In­tensität – so präsentieren sich er und sei­ne Band. Und natürlich gibt es keinen Chorus, in dem nicht irgendein Kabi­nettstückchen Platz hätte.

Morrison’s Truppe weiß selbstverständ­lich ganz genau, dass es bei einem Kon­zert nicht nur um Kreativität und Virtuo­sität geht, sondern auch um gute Unter­haltung. Da­für sorgt vor der Pause Drummer Sebast­iaan de Krom, eigent­lich ein eher sparsa­mer Trommler, dafür aber ein personifiz­iertes Uhrwerk. In sei­nem herrlich struk­turierten Solo explo­diert er förmlich und unter seiner Füh­rung wird „John Brown’s Body“, die Hymne der Republikaner im US-Bürger­krieg, unterwandert von „I Wish I Was In Dixie“ aus dem Lager der Konföderier­ten. Ein wenig subversiver Humor darf ja durchaus sein, vor allem, wenn er von einem Australier kommt. Nach der Pause liefert Morrison sein Meisterstück, spielt beim „Basin‘ Street Blues“ zeitgleich Klavier und Trompe­te, soliert parallel auf Trompete und Po­saune und entlockt letzterer mehrere Töne gleichzeitig, was ja eigentlich nicht möglich ist, seit Albert Mangelsdorff aber bekanntermaßen ja eben doch.

Natürlich ist das Show. Aber eben eine Art von Show, die scheinbar wie neben­bei stattfindet, weil es sich gerade mal so ergibt und es sich anscheinend für Morri­son just in diesem Augenblick gut an­fühlt, ein wenig Spaß zu machen, die Art von Show, die nicht im mindesten die enorme Qualität des Programms an sich beeinträchtigt, die auf ihre verschmitzte Art zur Moderation Morrison’s passt, die immer wieder aufblitzt, aber nie zur Hauptsache wird. Ein rundum gelunge­ner Abend also? – Ein spektakulärer! Ein Besucher nach dem Konzert: „James Morrison war im Birdland! Und ich war dabei!“


James Morrison Quartet | 23.04.2022
Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Tolles Motiv! Die Fotografen springen wie von der Tarantel gestochen auf. Mit der linken Hand spielt er zu „The Fox“ Piano, mit der Rechten drückt er im Sitzen die Ventile seiner Trompete. James Morrison kann das. Und er zeigt es auch. Wobei er sich diesmal dankenswerterweise mit der Posaune nur auf drei Instrumente beschränkt. Bei anderen Gelegenheiten sind es mehr.

Wir befinden uns nicht etwa im Chinesischen Staatszirkus, sondern im Neuburger Birdland-Jazzclub, einem Ort, an dem Kunststückchen normalerweise nur als Mittel zum Erreichen musikalischer Höchstleistungen eingesetzt werden. Bei Morrison ist das anders. Der 59-jährige Australier, der spätestens seit seinem Beitrag zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2000 in Sydney den Nimbus eines Superstars besitzt, zeigt seine multiplen Talente gerne. Er protzt keineswegs damit, sondern agiert selbstbewusst und charmant im bis auf den letzten Platz besetzten Hofapothekenkeller, um dem Publikum eine kurzweilige Show mit fliegenden Wechseln zwischen Hörnern und Tasten zu servieren. Ein Profi durch und durch. Macht er dabei überhaupt jemals einen Fehler? Gibt es möglicherweise ein Instrument, das er nicht so gut wie das andere beherrscht? Fragen wie diese muss man nicht unbedingt stellen, sie drängen sich aber irgendwann im Laufe eines kurzweiligen Abends auf.

James „Musikmaschine“ Morrison liefert in der Tat alles, was die Menschen offenbar von einem Jazzkonzert erwarten. Aber ist das wirklich der Jazz des 21. Jahrhunderts? Eine Kunst ist es zweifellos, was die vier da über zweieinhalb Stunden ausbreiten. Aber ist es auch künstlerisch wertvoll? Ein unwiderstehlich swingendes Programm mit einer hochprofessionellen Rhythmuscrew (Barfuß-Gitarrist Libor Smoldas sowie die beiden Jamie Cullum-Adlaten Geoff Gascoyne am Kontrabass und Sebastiaan de Krom an den Drums), immer mit dem richtigen Näschen für die Bedürfnisse derer, die sich alle Jubelmonate mal einen Besuch im Jazzclub gönnen. Die Songauswahl passt deshalb punktgenau. „On The Trail“ fließt elegant durch das Gewölbe, Luiz Bonfás „The Gentle Rain“ tickt milde wie der Sand am Strand von Ipanema, während Ellingtons „Take The A-Train“ völlig entschleunigt, fast bis auf das Standbild heruntergebremst, reizvolle Bluesfacetten offenbart. Ein überraschend ruhiges, fast innerliches Konzert, ganz dem intimen Rahmen angepasst, bei dem der als „Highnote-Blower“ bekannte Australier sich dezent zurückzunehmen weiß.

Aber auch das muss ein mit allen Wassern gewaschener Fuchs wie er draufhaben. James „Entertainmentmaschine“ Morrison beherrscht die hohe Kunst der Conference ebenso wie die Dramaturgie eines solchen Abends. Eine Zugabe, dann ist Schluss. „Unglaublich!“ „Sternstunde!“ „Sagenhaft!“ Ob die Leute nächste Woche wiederkommen? Fragen über Fragen…