Presse

The Hot Stuff Jazzband | 25.05.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Revivalbands haben Konjunktur. Wenn die Originale nicht mehr existieren oder nicht greifbar sind, bedient sich der Hörer gerne des Dupli­kats. Elvis, die Beatles, Pink Floyd, AC/DC, Rammstein – im Sog ge­schichtsträchtiger oder sagenumwobe­ner Künstler findet sich immer ein Nachah­mer, der um so beliebter ist, je näher er an das Origi­nal herankommt. Frisur, Look und Outfit müssen überein­stimmen und die Musik natürlich auch. Am bes­ten Ton für Ton.

Was für Rock und Pop gilt, gilt für den Jazz auch, aber nur eingeschränkt, denn obwohl es – wie im Falle der Hot Stuff Jazzband, die an diesem Abend im aus­verkauften Birdland Jazzclub in den Tie­fen der Vergangenheit schürft – auch hier um Nostalgie geht, die „gute alte Zeit“ und in diesem Fall um die ganz auf eine be­stimmte Ära des Jazz fixierte Vorliebe der Zuhö­rer, wird die Authentizität nicht zur bedingungslo­sen Kopie. Schon allein zwangsläufig deswegen nicht, weil all die Stücke des Oldtime Jazz, des Swing und des frü­hen Blues, all die Filmmelo­dien und die Broadway-Songs gar nicht detailgetreu nachspielbar sind. Schon allein der Soli wegen nicht. Covern ist ja auch etwas ganz an­deres als kopieren. Ersteres erfor­dert Kreativität und Inno­vation, letzteres lediglich die Fähig­keit, das nachzumachen, was andere vorge-macht haben.

Und so ist die Hot Stuff Jazzband mit Heinz Dauhrer (Trompete, Gesang), Butch Kellem (Posaune, Gesang), John Brunton (Gitarre, Gesang), Gary Todd (Kontra­bass) und Hermann Roth (Schlagzeug) auch bei ihrem diesmaligen Auftritt im Birdland einmal mehr eine Formation, die zwar auch auf den hohen Wiederer­kennungswert der ausgewählten Stücke setzt, um damit beim Publikum die ge­wünschten Reaktionen hervorzuru­fen, wohl wis­send, dass jene um so deut­licher ausfal­len, je mehr es – wie Max Goldt es so treffend ausdrückte – das ei­gene Ge­dächtnis be­klatschen kann. Das ist über­haupt nicht verwerflich und gar nicht ab­wertend ge­meint, sondern ein­fach nur eine Feststel­lung, die für viele Bereiche gilt. Man fühlt sich besonders sicher und wohl mit dem, was man be­reits kennt und hat deswegen besonders großen Spaß daran.

Im Falle der Hot Stuff Jazz Band be­deutet das ein Wiederhören mit den übli­chen Verdächtigen, mit Sidney Bechet, Louis Armstrong und Duke Ellington und Stücken wie „Honeysuckle Rose“, „C’est Si Bon“ und dem „Basin‘ Street Blues“. Aber dabei bleibt es nicht. Denn obwohl die Bandmitglieder kein einziges Stück ihres Repertoires selber kompo­niert ha­ben, selbige also sofort als Adap­tionen identifizierbar sind, kommt hier dennoch eine gehörige Portion Eigenin­itiative mit ins Spiel. Selbst entworfene Arrange­ments und absichtlich vorge­nommene Veränderungen, die die Hot Stuff-Versio­nen nicht nur von den ur­sprünglichen Vorlagen unterscheiden, sondern auch von den nachträglichen Va­rianten ähn­lich ausgerichteter Bands, he­ben das Quintett letztendlich doch über den Status einer reiner Revi­val-Band hinaus und verleihen ihm ein durchaus eigenes Gesicht. Und nachdem am Ende auch das Publikum per Zugabenforder­ung sei­ne Zufriedenheit signa­lisiert, kommt man unweiger­lich zu dem Schluss, dass die Hot Stuff Jazzband an­scheinend ein­mal mehr alles richtig ge­macht hat. Er­wartungen erfüllt, Konzept aufgegangen.


Max Greger jr. Trio | 24.05.2024
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Bernd Reiter ist ein Schlagzeuger der obersten Kategorie und im Neuburger Birdland so etwas wie ein Stammgast. Der Vollblutjazzer aus Graz sagte am Ende eines wunderbaren Konzerts nur zwei kurze Sätze. Jazz is as good as the club, so lautete die eine Bemerkung. Der andere: So spielen nicht viele Klavier – und die meisten, die so gut gespielt haben, sind schon gestorben.

Damit hat Reiter den Zauber dieses Jazz-Events auf den Punkt gebracht. Die Atmosphäre im Birdland-Keller, die unmittelbare Nähe der Musiker und des Publikums, eine Nähe nicht nur im räumlichen Sinne, schafft oft genug schon alleine eine Qualität, die herausragend unter den Jazz-Clubs ist. Und was den Pianisten Max Greger mit seinen inzwischen auch schon 72 Jahren und seiner unvergleichlichen Erfahrung aus der Bigband seines berühmten Vaters angeht, so gilt: Einen besseren, einen kreativeren Jazzpianisten wird man schwerlich irgendwo finden.

Und zugleich keinen, der in einem Trio den dominanten Part innehat, aber nie dominant auftritt, nie auch nur im Ansatz den Eindruck erweckt, dass hier der berühmte Sohn eines noch berühmteren Vaters eingeschwebt ist, um sein Können zu zeigen. Max Greger nimmt sich nicht wichtiger als seine Compagnons am Bass (Markus Schlesag) und am Schlagzeug (Bernd Reiter). Die drei auf der Birdland-Bühne sind jeder für sich Jazzer durch und durch. Daraus formt sich ein Trio, wie es idealerweise sein soll. Da wird miteinander musiziert, nicht in einzelnen, tollen Solopassagen geschwelgt.

Im Grund spielt dieses Trio „nur“ Standards etwa von Duke Ellington, Lester Young oder Oskar Peterson und George Gershwin. Und sogar bekannte „Schlager“ von Friedrich Hollaender und Horst Jankowski sind zu hören. Die umwerfende Wirkung des Max Greger Trios liegt darin, wie aus diesen Melodien und Kompositionen durch raffinierte Verfremdung, durch grandiose Improvisationskunst und aus dem Augenblick geborenen musikalischen Witz etwas erfrischend Neues, Aufregendes wird.

Da bekommt man eben nicht zu hören, was man so ähnlich schon oft gehört hat. Auch das wäre ja schon etwas, denn man hat diese Standards ja immer wieder gerne und mit Genuss gehört. Das Max Greger Trio bietet ungleich mehr als die Erinnerung an schöne Musik, die einen Wohlfühlabend garantiert.

Nehmen wir „On the street“ aus dem Musical My Fair Lady, „Night train“ oder die Ballade „What`s new“. Greger, Schlesag und Reiter nehmen diese Standards, die eine starke Substanz haben, musikalisch ernst – und spielen zugleich in einer frechen, gekonnten und an vielen Stellen auch ein wenig mutig-verrückten Art mit dem Sujet. Es bereitet intellektuelle Freude, genau zuzuhören und den vielen kreativen Pfaden nachzuspüren, die das Trio um die Originale herum, von ihnen weg und plötzlich wieder zurück beschreitet.

Besonders ausgeprägt ist dieses Vergnügen beim Publikum und bei den Akteuren selbst, wenn es um Stücke geht, die nicht unbedingt mit Jazz verbunden sind: Die „Schwarzwaldfahrt“ des Horst Jankowski, mit ihren eher lieblichen, süffigen Melodien und das von Marlene Dietrich berühmt gemachte „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ Friedrich Hollaenders sind für sich genommen zurecht beliebt und berühmt. Im Klavierspiel von Max Greger (der hier zwangsläufig die entscheidende Rolle spielt) werden daraus tolle, verblüffende, durchaus artifizielle und doch direkt ins Gemüt gehende Preziosen.

Es stimmt eben: So mit den Tasten umzugehen verstehen nur sehr wenige.


Nina Plotzki International Quintett
„De Tout Mon Coeur“ | 18.05.2024

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Eigentlich kann man da nicht viel verkehrt machen: Die Amerikaner Darryl Hall am Kontrabass und Greg Hutchinson am Drumset, zwei der wichtigsten Protagonisten des Gegenwarts-Jazz an ihren Instrumenten, dazu noch der wunderbare Südfranzose Vincent Bourgeyx am Piano und vor allem der wieder einmal unglaubliche, famose Ungar Tony Lakatos am Tenor- und Sopransaxofon. Was für Namen! Schon allein dieses Quartett würde einen Birdland-Besuch an diesem Abend allemal rechtfertigen.

Aber vorne dran steht ja noch eine Sängerin. Und eigentlich ist sie der wahre Grund dafür, warum sich diese Superband hinter ihr auf der Bühne des Neuburger Hofapothekenkeller zusammengefunden hat. Nina Plotzki würde nie in den Verdacht geraten, nur ein properer weiblicher Farbtupfer sein zu wollen, der sich eine prominente Begleitcrew zusammengekauft hat. Die 46-Jährige ist vielmehr eine überraschend hinreißende, schlicht grandiose, mit allen heiligen Wassern des Jazz gesegnete Vokalistin, die mit ihren renommierten Kollegen absolut auf Augenhöhe agiert und in dem bis auf den allerletzten Winkel besetzten historischen Gewölbe wie so häufig in den vergangenen Monaten wieder Begeisterungsstürme auslöst.

Wie ist so etwas möglich? Ein Gesangstalent, noch dazu aus Deutschland, das seit Jahrzehnten unter dem Radar läuft, hochgeschätzt von anderen Musikerinnen und Musikern, aber beim Publikum nahezu unbekannt? Das soll, nein, es muss sich jetzt ändern! Die Art, wie Plotzki spielerisch leicht agiert, die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich inmitten ihres Ensembles bewegt, ihr dunkle Timbre wie ein Mobile zwischen Piano und Saxofon hin- und herpendeln lässt, begeisterte vor gut zwei Jahrzehnten schon den großen Wynton Marsalis bei einem Deutschland-Besuch. Es sind die innovativen Interpretationen von Standards wie „The Nearness Of You“, von beschwingten brasilianischen Sambas wie „Falsa Baiana“ von João Gilberto (mit einer für mitteleuropäischen Zungen bemerkenswert sicheren Betonung dieses schnellen portugiesischen Textes) oder ihre spannenden Eigenkompositionen, die Titel wie das walzernde „White Rabbit“ beinhalten, die einen spontan gefangen nehmen. Mal wirkt die Wahl-Münchnerin unterkühlt, mal emotionsgeladen, aber immer spannend und einem stringenten Konzept folgend, das für jeden im Birdland etwas parat hält. Etwa die Zugabe mit dem lebhaften „Blues For Berry“ – Ninas Hund, bei dem Piano und Schlagzeug andeuten, dass es sich um einen ausgesprochen lebhaften Vierbeiner handeln muss. Oder Plotzkis ganz persönliche „Songs zum Weinen“, mit denen sie eine schwere persönliche Lebenskrise überstand – diesmal allerdings völlig ohne Tränen. Aber Burt Bacharachs „A House Is Not A Home“ ist so ein Stück, das jedes noch so tiefsitzende innere Eis zum Schmelzen bringt.

Wie eine Begleitband sich vorbehaltlos in den Dienst ihrer Vokalistin stellen, aber sich trotzdem noch alle Freiheiten gönnen kann, um die instrumentalen Qualitäten ihrer Mitglieder breitesten Raum zu geben, das beweisen Darryl Hall, Greg Hutchinson, Vincent Bourgeyx und Tony Lakatos mit vielen ausschweifenden, extrem farbenreichen, auf den Punkt kommenden Soli. Ein herausragender Konzertabend, und hoffentlich nicht der letzte Besuch von Nina Plotzki in Neuburg. Beim nächsten Mal braucht sie dann auch nicht mehr zur Pause ihr Outfit wechseln und von einem eleganten Abendkleid ins andere schlüpfen. Denn diese Sängerin muss längst nicht mehr durch Äußerlichkeiten auf sich aufmerksam machen. Es reicht allein ihre Stimme!


Nina Plotzki International Quintett
„De Tout Mon Coeur“ | 18.05.2024

Donaukurier | Karl Leitner
 

Wer sich mit Jazz-Standards beschäftigt, hat es mit Songs zu tun, die zum Allgemeingut des Genres gehören und als Ausgangspunkt für eigene Interpretationen dienen. Das heißt, was auf den Notenblättern steht, ist die Grundlage, die dann jeder Musiker oder jede Band nach eigener Sichtweise auslegen kann. Das International Quintet um die Sängerin Nina Plotzki ist ein Beispiel dafür, zu welch außergewöhnlichen Ergebnissen dieses im Jazz häufig verwendete Verfahren führen kann.

Kaum einer wird „On A Clear Day“, „Fly Me To The Moon“ oder „A House Is Not A Home“ exakt nach Vorlage spielen, aber was Plotzki und ihre Band daraus machen, dürfte ziemlich einzigartig sein. Ohne große Gesten, ohne Diven-Gehabe, dafür aber mit großer emotionaler Tiefe und Glaubwürdigkeit versenkt sich die Sängerin in die Vorlagen, spürt deren Essenz nach, fördert den Kern zutage. Die Balladen, bei denen sich bekanntlich die Spreu vom Weizen trennt, dürfen atmen, erzeugen ein ums andere Mal Gänsehaut, die flotten Nummern innerliches Wohlbehagen. Ihr warmer Alt steht im Mittelpunkt, das ist von Beginn an klar, aber Plotzki ist klug genug, den exzellenten Musikern, die sie da um sich versammelt hat, auch Auslauf zu gewähren.

Den nutzen sie weidlich. Stiege man als Zuhörer erst im Mittelteil ein, hätte man wohl keine Chance, den jeweiligen Song auch nur ansatzweise wiederzuerkennen, denn Tony Lakatos (Tenor- und Sopransaxofon), Vincent Bourgeyx (Klavier), Darry Hall (Kontrabass) und Greg Hutchinson (Schlagzeug) lieben es, sich auszutoben und tun dies auch weidlich. Selbst Plotzki ist mitunter überrascht, wohin die Reise geht. Dabei ist eine gehörige Portion Witz mit im Spiel, wenn vor allem Hutchinson, langjähriger Dummer für Betty Carter, seine Kollegen auf überraschend kurvige Pfade lockt, worauf die sich gerne einlassen. Lakatos mit seinem kraftvollen Schleifen, in die er rasende Läufe und extravagante Querschläger einbaut, Bourgeux mit seinem von Oscar Peterson, Monty Alexander und Chick Corea gleichermaßen geprägten Hintergrund und Allrounder Hall mit seinem warmen, markanten und prägnanten Ton.

Sie bearbeiten zusammen mit Plotzki, die Shouting, Stimmakrobatik und Scatting nur sehr behutsam einsetzt und sich lieber dem Chanson annähert als schweißtreibenden Krachern, die Klassiker auf eine Art, die den vorgegebenen Rohdiamanten von Burt Bacharach, Joao Gilberto, Bill Evans oder Nancy Wilson ihren ganz individuellen Feinschliff verleiht. Dass Plotzki selber darüber hinaus auch eine absolut ernst zu nehmende Komponistin ist, beweist sie zusätzlich mit „Little White Rabbit“ und „De Tout Mon Coeur“, dem Titelsong ihres aktuellen Albums, das auch für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert wurde. Wüsste man es nicht besser, würden auch diese Nummern problemlos als Bestandteil des Standard-Pools durchgehen.

„In diesem Club kann man keine halben Sachen machen“. Die Fotogalerie mit all den Säulenheiligen des Jazz an den Wän­den des Birdland-Gewölbes veranlasst Plotzki gleich zu Beginn des ersten Sets zu diesem Statement. Und halbe Sachen gibt’s auch nicht an diesem Abend, son­dern vielmehr ein Konzert der Spitzen­klasse mit einer Sängerin und einer Band in Top-Form und einem begeisterten Pu­blikum.


Joe Haider Trio & Amigern String Quartet | 17.05.2024
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Auftritt Joe Haider: Ein großer Herr im schwarzen Anzug, mit Stock und schwarzem Hut schreitet durch den Birdland Jazzkeller und wuchtet sich auf die Bühne. Er legt den Stock zur Seite, setzt sich an den Flügel. Und man hat das Gefühl, dass Joe Haider in diesem Moment um 50 Jahre jünger wird. Dann wäre diese Jazz-Legende 38, also ungefähr im Alter seiner sechs jungen Mitstreiter und Mitstreiterinnen, die etwas nach ihm die Bühne betreten und allesamt seine Enkel oder Enkelinnen sein könnten.

Was der Altmeister Haider, sein Bassist Lorenz Beyerler, der Schlagzeuger Claudio Strüby, Vincent Millioud und Sebastian Lötscher (Violine), Francesca Verga (Viola) und Valentina Velkova (Cello) an diesem Abend zu bieten haben, kann man nur grandios nennen. Die sieben Akteure, eigentlich zwei nicht unbedingt für einander geschaffene Besetzungen (Jazz-Trio und Streichquartett), musizieren in einer umwerfenden Sensibilität, blitzgescheit aufeinander bezogen.

Die Klangfarben aller Instrumente vereinen sich zu einem leichten, frischen, oft betörenden Sound. In den besten Momenten, und davon gibt es viele, spielt da ein Septett der edlen Art. Auch wenn es in der an Varianten reichen Jazzmusik ein Septett dieser Instrumentierung vielleicht gar nicht gibt. Dann musste man es eben erfinden.

Die Seele dieses Klangs ist Joe Haider. Was er da am Flügel veranstaltet, mit einem unnachahmlich gefühlvollen Anschlag, ohne Kraftaufwand, aber mit einer inneren Stärke und in keiner Passage irgendwie dominant – das ist einfach zum Genießen. Für die Zuhörer und vor allem auch für Haider selbst. Der 88-Jährige Wahl-Schweizer scheint nach dem Motto zu musizieren: Ich danke dem Jazz-Gott, dass ich in meinem Alter noch so Stücke spielen kann und dass ich das mit so wunderbaren jungen Musikern tun darf. Wie lange es noch so geht, weiß ich nicht. Also kosten jetzt diese zwei Stunden Musik heiter und fröhlich aus.

Und niemand lässt den alten Herrn da irgendwie hängen. Der Bassist mit dem feinen Fingerspitzengefühl spielt jeden Ton mit Herz und Verstand, aus der Schlagzeug-Ecke kommen elegante, oft fast melodiöse Klänge, die Streicher müssen niemandem beweisen, dass sie auch Teufelsgeiger, wilde Bratschistin oder Cello-Virtuosin draufhaben. Alle sieben verstehen sich als Musiker, auch als Musikanten im besten Sinn des Wortes, die nicht dazu da sind, selbst groß rauszukommen. Sondern um gemeinsam möglichst gute Musik zu erschaffen.

Das gelingt in eher lyrisch geprägten Nummern („In grandfathers garden“, „Josepha in Palermo“) ebenso wie in rasanten Ritten („Keep it hot“), in Balladen oder im Blues. Immer wieder blitzen improvisatorischen Einfälle am Flügel, auf der Violine oder am Kontrabass auf, jeder Titel entwickelt so seinen vollen Charme. Herrlich, wie die Streichinstrumente Mini-Cluster aus schrägen Harmonien ineinanderfließen lassen – ein toller Kontrast zu den Eskapaden von Flügel, Schlagzeug und Bass.

Und hinreißend, wie gleich darauf träumerische, feine Kantilenen den Raum erfüllen. Die Ballade „Rosalies dream“, ein berührendes Stück über Glück, Unglück und die am Ende doch ganz erträgliche Leichtigkeit des Seins macht aus dem Kontrabass ein zartes Melodieinstrument und aus dem Schlagzeug einen Erzähler zerbrechlicher Träume. Und auch die anderen lassen es an feinen Überraschungen nicht fehlen.

Es könnte sein, dass die laufende Tournee, die aktuelle CD, Joe Haiders letzte wird. Mal sehen, vielleicht ist der Jazz-Gott großzügig und genehmigt noch ein paar Ehrenrunden.


Joe Haider Trio & Amigern String Quartet | 17.05.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Man benötigt kein Mathematikstudium, um zu erkennen, dass diese Gleichung falsch ist. In diesem Falle freilich stimmt sie erstaunlicherweise doch, denn das gemeinsame Konzert des Joe Haider Trios und des Amigern String Quartets ergibt zwar rein rechnerisch eine Ansammlung von sieben Musikern und Musikerinnen auf der Bühne des Birdland Jazzclubs, aber eben auch eine aus ursprünglich zwei Ensembles gebildete, absolute Einheit, die Musik spielt, die sich anhört und anfühlt, als sei sie dem Kollektiv wie auf den Leib geschrieben. Was sie natürlich auch ist.

Initiator des Projekts namens „Rosalie’s Dream“, zu dem eine Tournee, eine CD gleichen Namens und an diesem Abend ein Programm mit elf Stücken gehört, ist der deutsch-schweizerische Pianist Joe Haider. Mit mittlerweile 88 Jahren ist er umtriebig und kreativ wie eh und je, komponiert, arrangiert, zieht die Fäden mal hinter großen Ensembles, mal für sein eigenes Trio mit ihm selbst am Flügel, mit Lorenz Beyerler am Kontrabass und Claudio Strüby am Schlagzeug, und nun also für ein Septett aus Jazzband und Streichquartett. Vincent Millioud (1. Geige), Sebastian Lötscher (2. Geige), Francesca Verga (Bratsche) und Valentina Velkova (Violoncello) verzahnen sich mit Haiders Swing- und Mainstream-Trio, was zum einen an dessen maßgeschneiderten Arrangements liegt, aber auch daran, dass es hier absolut keine genrebedingten Berührungsängste gibt, weswegen man sich erst annähern oder auf einem eigentlich fremden Terrain beweisen müsste.

Ausgangspunkt des Amigern String Quartet um Vincent Millioud, den Haider nicht ganz zu Unrecht als „Teufelsgeiger“ bezeichnet, ist die Klassik, aber Jazz und Folk sind dem Ensemble durchaus vertraut, was die Sache natürlich erleichtert. Vor allem Millioud selber legt sich solistisch mächtig ins Zeug und legt auf die mit viel Elan und ungebremster Spielfreude intonierten Stücke noch eine Schippe obendrauf. Das Konzept steckt voller Überraschungen, verbindet Energie und Drive mit ausgefuchsten Arrangements und höchster Spielkultur. Alle ticken und denken gleich, weswegen es auch so gut funktioniert, sei es bei den Haider’schen Eigenkompositionen wie „My Grandfather’s Garden“, „Marcelles Granddaughter“, „Soultime“ und „Kollektiv 7“, dem Titel, quasi Programm ist, wie auch bei den Adaptionen. Zweimal Duke Ellington mit „Caravan“ und „The Single Petal Of A Rose“ und „Parker’s Mood“, komplett neu arrangiert, fügen sich perfekt ein in diese absolut schlüssigen Rahmenbedingungen, zu denen selbstverständlich auch die ausgiebigen, launigen Ansagen gehören über Stationen seines Künstler- und Privatlebens. Ohne die kleinen Geschichten und Anekdoten zwischen den einzelnen Stücken ist Haider nicht denkbar.

„Das Wichtigste ist, dass die Musik Spaß macht.“ sagt er. Genau das macht sie. Seinem Publikum, seinen Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne und nicht zuletzt ihm selbst, wie man deutlich merkt. Seit seinen Kindertagen, als er im von GI’s besetzten Stuttgart erstmals mit dem Jazz in Berührung kam, bis heute, wenn er mit Kollegen spielt, die allesamt seine Enkel sein könnten. Die aktuelle Tour werde wahrscheinlich seine letzte sein, fügt er lakonisch hinzu. Nach diesem überragenden Konzert glaubt ihm das natürlich kein Mensch.


Swingin‘ Ladies + 2 | 11.05.2024
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Damen haben nicht etwa ihre männlichen Anhängsel zur Ausübung ihres Hobbys mitgebracht, sondern wollen mit dem eigenwilligen Namen „Swinging Ladies + 2“ vor allem ihr Alleinstellungsmerkmal hervorheben. Denn Nicki Parrott, Stephanie Trick, Paolo Alderighi und Engelbert Wrobel verstehen sich als absolut gleichberechtigte, bestens aufeinander eingespielte Combo, die im rappenvollen Birdland (muss man eigentlich angesichts der kontinuierlich vollen Reihen in den vergangenen Monaten kaum mehr erwähnen) für allerfeinste Unterhaltungsmomente im kommoden Fußwipp-Puls sorgt.

Was auf den ersten Moment wie die schleichende Einführung der Quote in einen der renommiertesten Jazztempel der Republik klingt, ist in Wahrheit ein launiger, bestens disponierter Abend, der die Menschen im Hofapothekenkeller mit jeder Note abholt und auf eine Reise durch die Wunderwelt des Swing, des Stride und der bekanntesten amerikanischen Standards mitnimmt. Die beiden virtuosen Ladies, die von zwei nicht minder kompetenten Gentlemen flankiert werden, wirken in ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit fast wie eine Juke-Box: Wir spielen das, was sie sich schon immer gewünscht haben! Allein die Ankündigung von Gassenhauern mit jeder Menge Ohrwurmpotenzial wie Fats Dominos „Blueberry Hill“, „Tico Tico“, „Bei mir bist du scheen“ oder „La Vie En Rose“ entlockt den dauerlächelnden Menschen ein langgezogenes „Aha“. Wenn der Titel eines Songs wie „Tea For Two“ fällt, dann seufzt das Publikum schon mal vorab selig in froher Erwartung. Und es weiß ganz genau, warum: Diese Art von Swing kommt exakt auf den Punkt und löst wegen ihres Wiederkennungseffektes Sturzbäche von kollektiven Glücksgefühlen aus.

Jedes der vier Bandmitglieder bekommt seine Bühne, jeder darf mal ansagen, keiner bleibt auf der Strecke. Wobei – ein Piano, dessen 88 Tasten von vier Händen bearbeitet werden und dessen Besitzer sich eng auf eng eine Klavierbank teilen müssen, normalerweise durchaus Konfliktpotenzial birgt. Nicht jedoch bei der Amerikanerin Stephanie Trick und dem Italiener Paolo Alderighi. Beide teilen ihre Leidenschaft für den Stride und den Ragtime nicht nur im beruflichen, sondern auch im privaten Leben – Szenen einer Klavierehe eben. Da gibt es kein Platzgerangel, kein Keifen, keine linken Tricks, keiner versucht, den anderen zu übertrumpfen, sondern lässt ihr oder ihm stets genügend Raum und ergänzt sich beim wieselflinken Ritt über das Elfenbein. Manchmal scheint es gar, als würden die beiden sogar am Flügel diskutieren. Wobei Stephanie Trick mit ihrem atemberaubenden Solo zu Jelly Roll Mortons „The Fingerbreaker“ (nomen est omen!) ein absolutes Highlight setzt.

Die zweite Pärchen-Konstellation ergibt sich in Person der eleganten kanadischen Bassistin und Sängerin Nicki Parrott und des feinen deutschen Klarinettisten und Tenorsaxofonisten Engelbert Wrobel. Ob als Gesangsduo in „The World ist Waiting For The Sunshine“ oder im rhythmischen Kolorieren der Piano-Intermezzi: Parrott und Birdland-Stammgast Wrobel werfen ihre immensen Fähigkeiten stets dafür in die Waagschale, die Band als Ganzes glänzen zu lassen. Da geht es vom gemütlichen Kaffeehaus-Trott gleich der Gangschaltung eines Sportwagens in den rasenden Schweinsgalopp. Alderighi lässt die Tasten fliegen, Trick übernimmt fliegend, Parrott zupft ihren Walkingbass, dass die Saiten glühen und die Fingernägel abbrechen, während Wrobel wahlweise die Klarinette wie Woody Hermann oder das Tenorsax wie Louis Jordan jubilieren oder röhren lässt. Ein feiner Jazzabend wie perlender Champagner; formvollendet, edel, geschliffen, mit – natürlich – wieder einmal frenetischen Publikumsreaktionen. Gerne wieder!


Swingin‘ Ladies + 2 | 11.05.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Der letzte Auftritt einer Tournee sei immer ein ganz besonderer, heißt es in Musikerkreisen. Das Pro­gramm sitze nach all den Durchläufen perfekt, man leiste sich schon mal ein paar spontane Scherze untereinander, sei glücklich über eine gelungene Konzert­reise, aber auch in freudiger Erwartung einiger freier Tage. Dass daraus sogar bisweilen magische Momente entstehen und sich ein ganz eigener Zauber entfal­ten kann, sieht man am Konzert der For­mation Swingin‘ Ladies +2 im Birdland.

Wobei, ganz nüchtern betrachtet, die Voraussetzungen sich nicht wesentlich unterscheiden von den vergangenen Gastspielen des Quartetts an gleicher Stelle. Nikki Parrott, Kontrabassistin und Sängerin aus dem australischen New­castle, der aus Dormagen stammende Engelbert Wrobel (Tenor- und Sopransa­xofon, Klarinette) sowie die beiden Pia­nisten Paolo Alderighi aus Mailand und Stephanie Trick aus St. Louis, Missouri, spielen Stücke aus der Zeit zwischen 1920 und 1950, lieben Swing, Boogie, Ragtime und die Musik der großen Broadway Shows jener Tage und machen aus Fats Waller, Jelly Roll Moron, Benny Goodman und Gerorge Gershwin ein Pro­gramm, bei dem eigentlich nichts schief gehen kann.

Was es auch noch nie tat, wenn das Quartett in Neuburg zu Gast war, dies­mal freilich ist dessen Auftritt nicht nur ge­wohnt „gut“, sondern tatsächlich au­ßerordentlich. So tight, so zwingend, so meisterlich und souverän hörte man die Band wohl noch nie. Bei der Leichtig­keit, mit der „Honeysuckle Rose“, „El Choclo“ und “Liza“ von der Bühne kom­men, verspürt man als Zuhörer innerli­ches Kribbeln, die Darbietung ist elegant und zugleich spritzig, der Umgang mit dem Publikum geprägt von echter Herz­lichkeit. Man spürt, dass die Vier vor­ne auf der Bühne einen Riesenspaß ha­ben mit dem haben, was sie da gerade tun, je nach Situation als Quartett, im Trio, re­duziert auf diverse Duos. Wenn die bei­den Pianisten zum vierhändigen Stri­de-Battle antreten und dabei ständig die Sitzposition wechseln, ist das absolut virtuos und der Beifall danach fällt zu­recht dementsprechend stürmisch aus. Wenn Parrott „As Time Goes By“ singt, ist Andacht angesagt, wenn „Spanish Fly“, „Tijuana Taxi“ und „A Taste Of Honey“ zu einem Herb Alpert-Medley zusammengezogen werden, stellt man überrascht fest, dass man diesen Band­leader gar nicht auf dem Schirm hatte, und wenn Wrobel mit seinen Arrange­ments mit quasi jeder Nummer seinen Schabernack treibt, indem er Akzente verrutscht, das Tempo variiert oder mit Taktarten jongliert, dann hat das al­les auch noch eine gehörige Portion Witz. Wie Wrobels Ansagen übrigens auch.

Exzellente Musikerinnen und Musiker, originelle Ideen, Feuer und Leidenschaft auf der Bühne. Dabei macht die Band im Grunde nichts anderes als viele ähnlich ausgerichtete Ensembles auch. Es spielt alte, allseits bekannte Stücke aus der amerikanischen Jazz-Historie. Der große Unterschied liegt in der Art und Weise, wie sie das tut und mit welchem Ergeb­nis. Wenn jemand mit den Mitteln der Musik es fertig bringt, am Ende eines Konzerts ein Lächeln auf die Gesichter der Anwesenden zu zaubern, dann hat er alles richtig gemacht. Die Frage, ob an dem betreffenden Abend der Jazz neu er­funden wurde oder nicht, stellt sich nicht. Wohl aber die nach dem Genuss­faktor. Der lag bei 100 Prozent.


Joscho Stephan Trio | 10.05.2024
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Immer wenn man denkt, es geht nicht mehr, … kommt jemand, der die Fenster aufreißt und die Grenzen überschreitet. So einer ist Joscho Stephan. Seit der gebürtige Mönchengladbacher als Jugendlicher eher zufällig die Musik Django Reinhardts entdeckt hat, geht es ab. Joscho Stephan ist weit mehr als ein klassischer Djangologist, er trägt die Fackel weit über das Erwartbare hinaus.

Schon bei seinem 2010er Gastspiel im Birdland begeisterte er mit seiner Erweiterung des klassischen Gypsy-Repertoires. Joscho Stephan nimmt die Tradition absolut ernst, beherrscht die klassischen Standards des Genres aus dem Effeff und huldigt Übervater Django mit aller zu Gebote stehenden Virtuosität, ungemein locker swingend und jener spielerischen Leichtigkeit, die nur durch tausende Stunden beharrlichsten Übens entstehen kann. Genau das gibt ihm zugleich die Freiheit, die Grenzen des Genres aufzubrechen, feste Ankerpfosten loszulassen und hinauszufahren dahin, wohin die Sehnsucht nach dem weiten Meer treiben mag.

Das zeigt sich schon zu Beginn des Konzerts, nicht nur, weil es mit Paul McCartneys Beatles-Klassiker »Can‘t By Me Love« beginnt, sondern auch, weil von Beginn an die individuelle Handschrift Joscho Stephans hörbar wird mit seiner eigenwilligen Gestaltung der Akkorde und geradezu atemberaubenden Linien sowie dem glockenklaren Sound jeder einzelnen Note.

Es kommt bekanntlich nicht nur darauf an, was man spielt, sondern wesentlich auf das Wie: Mozarts »Rondo a la turca« passt da ebenso ins Bild wie Jimi Hendrix »Hey Joe«, Dorado Schmitts »Bossa«, mal eben angereichert nicht nur mit dem Stones Hit »Paint It Black«, ebenso wie Pat Mathenys »Travels«, Charlie Christians »Seven Come Eleven« ebenso wie Stephans eigene Stücke, »Funk 22« etwa oder der nagelneu seiner – offenkundig temperamentvollen – Frau gewidmete »Song for Ramona«, nicht zuletzt der »Rattlesnake Reggae Shuffle«; der Name sagt schon alles.

Dass Django Reinhardt, u.a. mit »Minor Swing«, wie nebenher auch Astor Piazolla mit »Oblivion« zu Wort kommen, versteht sich wie von selbst. Joscho Stephan öffnet nicht nur die eigenen Ohren weit, bleibt zugleich seiner Sache radikal treu, dem Gypsy Jazz.

Sven Jungbeck an der Rhythmusgitarre – selbst auch ein veritabler Solist – und der fulminante Bassisten Volker Kamp, zwei würdige Kombattanten, heben den Abend auf glänzendem Niveau aus einem reinen Solistenkonzert deutlich heraus.

Die höchste Ehre freilich gebührt Joscho Stephan und dessen ungemein kreativer Spiel- und Experimentierfreude an einem Instrument und in einem Genre, das offenkundig immer noch nicht ausgereizt ist. Selten war das wahrlich qualitätsverwöhnte Publikum im Birdland derart aus dem Häuschen.


Emmet Cohen Trio | 04.05.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Zuschauer feiern ihn bereits lautstarkt, als er den Saal betritt. Emmet Cohen, aus Miami, Florida stam­mend und mittlerweile im New Yorker Stadtteil Harlem zuhause, eilt der Ruf voraus, einer der virtuosesten Jazzpianis­ten der jüngeren Generation zu sein. Das hat sich herumgesprochen, weswegen die Tickets für sein Kon­zert im Birdland auch im Nu vergriffen sind.

Eigentlich war er bis vor kurzem noch damit beschäftigt, die vor ungefähr 100 Jahren entwickelte Spielform des Stride Pianos in den aktuellen Modern Jazz zu übersetzen, was in Fachkreisen ziemlich für Aufsehen sorgte, aber davon ist in Neuburg nur noch wenig zu hören. Sein „Lion Song“, dem einstigen Gründerva­ter Willie „The Lion“ Smith gewidmet, und ein Ausflug in die Zeiten des Rag­time sind die einzigen noch davon ver­bliebenen Spuren. Nein, Cohen ist längst schon wieder einen Schritt weiter, macht sich über Standards her auf eine unerhör­te und bislang ungehörte Art und Weise und bringt mit damit den Saal zum Ko­chen, das Publikum zum Schwärmen und seine Fans dazu, in der Pause dafür zu sorgen, dass LPs und CDs weggehen wie die warmen Semmeln.

Wie macht er das? – Indem er das Great American Songbook und das Real Book Of Jazz zu seinen Bibeln macht und wie ein Prediger seinen Schäfchen deren In­halt auf mitreißen­de, in jeder Phase un­gemein lustvolle, vor Energie nur so sprühende Art präsentiert. Das funktio­niert prächtig. Am Ende, nach weit über zwei Stunden, gibt es als zweite Zugabe eine zum Niederknien schöne Version von Neal Hefti’s „Lil‘ Darlin’“, völlig zu­recht Standing Ovations für ein sensatio­nelles Konzert und den sehnlichsten wenn­gleich unrealistischen Wunsch, es möge bis in die Morgenstunden einfach immer so weiter gehen.

Cohen ist als Instrumentalist virtuos, seine Kollegen, Philip Norris am Kontra­bass und Kyle Poole am Schlag­zeug, sind dies freilich auch. Wenn Co­hen an „Holy Land“, „Second Time Around“ und „Don’t Get Around Any­more“ und damit an Cedar Walton, Count Basie und Duke El­lington herumzerrt, sie mit fast kindli­cher Lust und Neugier zerlegt, neu auf­baut, mit Stolperfallen versieht, Un­wuchten einbaut, dann zie­hen die beiden mit schier unglaublichem Reaktionsver­mögen mit. Wer genau hin­schaut, der merkt schnell, dass Cohen ihnen seine Ideen meistens spontan vor die Nase setzt, ihnen die Bälle zuwirft. Die drei verstehen sich blind, natürlich, und Nor­ris und Poole kennen zumindest Cohen’s bevorzugte Wurftechniken, aber das Pu­blikum kennt sie nicht und ist einfach nur fasziniert.

Musik bedeute für ihn Freiheit, Leiden­schaft, Zuhören, Gemeinschaft, Offen­heit und Liebe, sagt Cohen. All das kommt an diesem Abend zum Tragen, ist Voraus­setzung für die Grundidee, eine Ver­bindung herzustellen zwischen den frü­hen Klängen des Jazz und aktuellen Aus­drucksformen, die weitaus mehr, un­gleich schillernder und wagemutiger ist als das Nachspielen bekannter Melodien zu bekannten Arrangements im Sinne doch recht eng verstandener Authentizit­ät. – Unter dem Titel „Live From Em­met’s Place“ wurden während der Pande­mie wöchentlich Livekonzerte aus seiner Wohnung ins Netz gestellt, die laut „The Guardian“ seither die „meistge­sehene re­gelmäßige Online-Jazz-Show der Welt“ ist. Und nun spielt deren Initia­tor im Birdland. Absolut großartig!