Aktuelle Presseberichte

Jermaine Landsberger Trio feat. Darryl Hall & Donald Edwards | 16.02.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Man hat im Birdland ja schon einige sensationelle Konzerte erlebt, Konzerte, bei denen sich die Musiker regelrecht in einen Rausch spielen und ihr Publikum dabei derart mitreißen, dass am Ende nicht nur der übliche Beifall gezollt wird für das eben Gehörte, sondern tatsächlich Begeisterungstürme losbrechen.

An dem denkwürdigen Abend, um den es hier geht, ist das Jermaine Landsberger Trio zu Gast im Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke in der Neuburger Altstadt und liefert einen echten Hammer ab. Landsberger, den man ansonsten eher an der Hammondorgel vermutet, sitzt diesmal am Flügel und am E-Piano, Darryl Hall aus Philadelphia bedient Kontrabass und E-Bass und Donald Edwards, der Mann aus New Orleans, spielt Schlagzeug. Jedoch sind die drei eindeutig mehr als lediglich ein Piano-Trio im üblichen Sinne, sie sind – wie es so treffend im Programmheft heißt – tatsächlich ein magisches Dreieck. Einer sei des anderen Schatten. So lautet die Devise. Und in der Tat, die bis auf einen Ausflug in die Fusion-Szene hauptsächlich dem Mainstream zuzuordnenden Stücke zünden vor allem deswegen so hervorragend, weil diese Band eine bis ins kleinste Detail optimal funktionierende Einheit darstellt, weil einer dem anderen auch bei kleinsten Nuance bedingungslos folgt. Landsberger setzt die Orientierungspunkte fest, was dann kommt, ist geprägt von spielerischer Leichtigkeit, elastischen Grooves, Witz und Esprit.

Natürlich sind Landsbergers Stücke, die Titel tragen wie „Soho“, „Four Steps Back“ und „David’s Mood“, allein durch ihre Anlage schon Publikumsrenner. Dass sie von sensationell guten Musikern dargeboten werden, die auch noch mit enormem Elan und absoluter Tightness zu Werke gehen, kommt hinzu. Und schließlich agieren die drei dort auf der Bühne auch noch mit Herzblut und Seele. So wird eine Ballade wie die wunderschöne Komposition „Gypsy Night In Budapest“, in der Csárdás, durch sprudelnde und vor Lebensfreude schier berstende Pianofiguren und die Schwermut der Puszta aufeinandertreffen, zum Höhepunkt eines Konzerts, das eh schon aus lauter Highlights besteht.

Wie fast alle seiner Sinti-Kollegen bezieht sich Landsberger seiner Herkunft und seiner musikalischen Sozialisation wegen auf Django Reinhardt. Aber er wird nicht erdrückt vom schier übermächtigen Erbe dieses Jazz-Großmeis-ters. Auch er bezeigt ihm zwar mit einer Nummer seine Anerkennung, hat sich aber – als Organist wie auch als Pianist – längst gelöst vom Stammvater und geht seiner eigenen Wege. Tut er dies auf einer Bühne gemeinsam mit Partnern vom Schlage eines Darryl Hall und Donald Edwards, wird das für das Publikum zum echten Erlebnis. Sogar für ein so hörerfahrenes wie das im Birdland. Was für ein Konzert!


Michael Arlt European Sixx | 15.02.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Formation „Michael Arlt European Six“, die da an diesem Abend auf der Bühne des Neuburger Birdland Jazzclubs steht, trägt zwar seinen Namen, den Gitarristen Michael Arlt aber als Bandchef in herkömmlichem Sinne zu bezeichnen, wäre sicherlich falsch. Arlt gibt sich vielmehr als Primus Inter Pares und die Aufgaben ruhen zu gleichen Teilen auf den Schultern aller Beteiligten. Das ist die Ausgangslage.

Stephan Zimmermann ist an Trompete und Flügelhorn zu hören, Jean-Marc Robin sitzt hinter dem Schlagzeug, Dietmar Fuhr bedient E-Bass und Kontrabass und Alberto Menéndez spielt Alt- und Sopransaxofon sowie Querflöte. Komplettiert wird die Band durch Marko Lackner (Alt- und Sopransaxofon, Bassklarinette, Querflöte), der auch für einen Großteil der Kompositionen und der Arrangements verantwortlich ist.

Womit auch gleich die großen Stärken der Band angesprochen sind. Lackners „Poem“, sein „Expat Echoes“ und „“Zuaweterzln“ – Lackner kommt aus Kärnten und spielt hier nicht nur mit der Sprache dem Dialekt seiner Heimatregion sondern auch mit Terzintervallen – sind zum einen wirklich spannende Kompositionen des Mainstream Jazz mit deutlichen Anleihen aus dem Soul Jazz, zum anderen sind sie so arrangiert, dass Grooves mit exakt dosierter Schubkraft entstehen, die es nun mal braucht, um einen Konzertsaal oder einen Club in Entzücken zu versetzen.

Andererseits sind relativ umfangreiche Passagen innerhalb der einzelnen Stücke vorab festgelegt, also auskomponiert. Jeder Musiker hat sein Notenpult vor sich stehen, aber nicht nur, um sich dort über die Eckdaten der jeweiligen Komposition zu orientieren bevor die Solisten das Stück dann mit Leben füllen. In diesem Fall gibt es zwar auch immer wieder bemerkenswerte Abschnitte mit überaus gelungenen Improvisationen, die aber sind klar umrissen, folgen vorher verabredeten Wegen, wobei der kompositorischen Rahmen immer erhalten bleibt.

Das hört sich durchaus gut an und die Musiker fühlen sich mit ihrem Konzept auch sichtbar wohl. Manch einer im Saal mag sich vor allem im ersten Set aber doch ein klein wenig mehr Feuer, etwas mehr Spritzigkeit gewünscht haben, während hingegen andere diesen Einwand vermutlich eher als Marginalie betrachten würden. Wie immer kommt es auf die Sichtweise und die Erwartungen an. Dass am Ende, nachdem die Band mit einer ganz eigenen Interpretation des John W. Green-Klassikers „Body And Soul“ auch noch einen Standard interpretiert hat, eine Zugabe hermuss, darin freilich sind sich dann alle einig. Und auch darin, dass man im Anschluss daran durchaus gerne noch mehr gehört hätte.


Michael Arlt European Sixx | 15.02.2019
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Fünfzehn Instrumente und sechs Musiker bevölkerten vergangenen Freitag die Bühne des Birdland Jazzclub in Neuburg. Durch die neueste Formation des Würzburger Jazzgitarristen Michael Arlt mit den drei Bläsern Stephan Zimmermann, Marko Lackner und Alberto Menéndez, dem Bassisten Dietmar Fuhr und dem Schlagzeuger Jean-Marc Robin erlebten erstaunte Zuschauer ein Bigband-Konzentrat allererster Güte. Zu hören gab es Jazz zwischen Mainstream und Moderne auf Tenor-, Alt- und Sopransaxophonen, Trompete, Flügelhorn, Querflöten, Bassklarinette, Stahl- und Nylonsaiten-Gitarren, Bassgitarre, fünfseitigem Kontrabass und dazu einem Schlagzeug, das seitenverkehrt bespielt wurde.

Zum größten Teil reiften die dargebotenen Stücke in den Köpfen von Michael Arlt und Marko Lackner und da waren ein paar echte Juwelen dabei mit Namen wie „Smart Home“, der jazzigen Antwort auf die moderne häusliche Persönlichkeitsanpassung oder „Zuawe terzelt“, einem Ausdruck den unsere österreichischen Nachbarn für eine spontan mitgesungene zweite Stimme verwenden. Da fühlte man sich streckenweise an die gemütliche Spielweise der bayerischen Band Haindling erinnert. Bossa- und Gypsysequenzen hörte man bei einer beschwingten Version von Miles Davis „Blue in Green“, orientalisch anmutende Momente in „Poem“. Ein bezauberndes Highlight war der Einsatz der Bassklarinette bei Arlt‘s einfühlsamer Widmung „Theme for Sonja“.

Moderne Kompositionen im Jazz neigen gerne mal zu verkopften Auswüchsen. Bedenken dieser Art wurden an diesem Abend aber mit jedem weiteren Stück reduziert. Bei European Sixx bestachen die durchweg opulenten, vielseitigen und eingängigen Bläserarrangements, die paritätisch verteilten Soloeinlagen und eine Gruppenarbeit, bei der kein Musiker in den Vordergrund gestellt wurde. Und harmonisch blieb es immer spannend, weil man nie wusste wohin die Reise geht.

Auch wenn der Bandleader ein Gitarrist ist, handelte es sich mitnichten um ein Gitarrenkonzert. Im Birdland hat Michael Arlt eindrucksvoll verdeutlicht, dass ihm bei diesem Projekt das Zueinanderhalten der Band und packende Arrangements wichtiger sind. Klasse!


Willi Johanns Quintett – Bebop spoken here | 09.02.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Vor ein paar Tagen erst feierte Willi Johanns seinen 85. Geburtstag. „Das Fossil singt immer noch!“ ruft er gleich zu Beginn seines Konzerts im Neuburger Birdland Jazzclub ins Publikum. Der Mann hat erstens Humor und zweitens recht. Das ganze Konzert über wird der erste Scatsänger, den die damals noch recht junge Bundesrepublik hervorgebracht hat, verschmitzt in die Runde grinsen und zusätzlich – Klischee hin oder her – den Beleg dafür liefern, dass Jazz jung hält und dass man in keinem Genre – den Blues mal ausgenommen – derart in Würde altern kann wie in diesem.

Zusammen mit der Altsaxofonistin Carolyn Breuer, dem Pianisten Uli Kleiner, dem Kontrabassisten Martin Gjakonovski und dem Schlagzeuger Axel Pape hat Johanns sich für den Abend im Birdland Standards wie „Nice And Easy“, „Embreacable You“ und „Satin Doll“ ausgesucht. In den Textpassagen merkt man ihm das fortgeschrittene Alter an. Seine Intonation ist naturgemäß nicht mehr so wie zu den Zeiten, als er mit Albert Mangelsdorff, Kurt Edelhagen Joe Haider oder Freddie Brocksieper arbeitete, als bei den großen TV-Shows am Samstagabend noch waschechte Big Bands zu hören waren. Fängt er allerdings an zu scatten, also nur mit Lauten und Silben zu improvisieren, seine Stimme wie ein Instrument einzusetzen und Soli zu singen, dann ist er immer noch großartig. „Was Bobby McFerrin kann, das kann ich auch“, sagt er zwischendrin, und legt eine A Capella-Version des Ellington Klassikers „It Don’t Mean A Thing“ hin, die sich in jeder Hinsicht gewaschen hat. Das Scatting sei sein Markenzeichen. Diese Gesangsweise gebe ihm wegen ihrer Unabhängigkeit von einem vorgegebenen Text die Freiheit, die er so sehr liebe, sagt er. Im Grunde ist er ein Instrumentalist.

In jedem Set überlässt er einen Song allein seiner Band, zieht sich kurz zurück, um Atem zu schöpfen. Einen davon nutzt Carolyn Breuer für ihre Komposition „Hektor The Protektor“, ein wunderbares Stück Modern Jazz und zugleich einer der Höhepunkte des Abends. Die anderen steuert Johanns bei, etwa seinen „Dirty Blues“, den er Muddy Waters widmet. Wäre jener Jazzer gewesen, hätte er vermutlich so ähnlich geklungen wie das Willi Johanns Quintett an dieser Stelle des Konzerts.

Am Ende muss er zwei Zugaben geben. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt er, und belohnt sein Publikum mit Theo Makebens „Bei dir war es immer so schön“, und zwar in einer Version, die so richtig unter die Haut geht. Hätte es sich um ein Popkonzert gehandelt, wäre hier der passende Moment gewesen, die Feuerzeuge auszupacken. In abgewandelter Form gilt die Überschrift der Schlussnummer auch für das Konzert. „Bei dir war es wirklich sehr schön“. Humorvoll, entspannt, äußerst unterhaltsam, ein klein wenig nostalgisch freilich auch. Aber das gehört bei einer Legende wie Willi Johanns selbstverständlich mit dazu.


Tribute To Phil Woods | 08.02.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

„Ohne Zweifel war Phil Woods war einer der größten Jazzmusiker und Altsaxofonisten aller Zeiten“. Das sagt Robert Anchipolovsky, und der sollte es wissen, denn er hat bei ihm studiert. „Robert ist einer der talentiertesten Altsaxofonisten, die ich je gehört habe,“ sagte umgekehrt Woods noch zu Lebzeiten über seinen Schüler.

Und nun, vier Jahre nach Woods‘ Tod, steht ebendieser Robert Anchipolovsky zusammen mit seinen Kollegen Andrey Lobanov (Trompete, Flügelhorn), Alexey Podymkin (Klavier), Max Leiss (Kontrabass) und Julian Fau (Schlagzeug) auf der Bühne des Birdland Jazzclubs in Neuburg und erweist mit dieser ukrainisch-russisch-deutschen Formation seinem Lehrmeister seine Reverenz.

Die Hardbop-Kompositionen aus der Feder Woods sollte man eigentlich viel öfter hören. Diese weit geschwungenen Melodien, diese so herrlich in Form gegossenen Kunstwerke sind nicht nur formal erstklassig, sondern bergen auch eine musikalische Seele in sich. Dass man an diesem Abend im Birdland tatsächlich einen Blick in deren Tiefe tun kann, liegt an dieser überaus homogenen Band. Die drei Hauptsolisten am Saxofon, an der Trompete und am Klavier stimmen in ihrer Vorgehensweise völlig überein. Sie gehen in ihren solistischen Beiträgen stets nachvollziehbare harmonische Wege, schmücken jene aber ungemein geschmack-, kunst- und liebevoll aus. So bleiben Stücke wie „Hook To E“, „L.A. Roms“ und „Here‘s To Elvin“ immer griffig aber zugleich eben auch ungemein interessant. Anchipolovsky, Lobanov und Podymkin toben sich regelrecht aus, drehen eine Pirouette nach der anderen, um sich schließlich wieder zurückfallen zu lassen auf das Eingangsthema, das man als Zuhörer dann auch freudig begrüßt wie einen guten langjährigen Bekannten.

Irgendwie scheint Woods selbst anwesend zu sein an diesem Abend. Er selbst war schließlich selbst mehrere Male zu Gast im Birdland, kannte also die Örtlichkeiten und die einzigartige Atmosphäre. Sein Markenzeichen, die berühmte Lederkappe, hat er Anchipolovsky vermacht. Der trägt sie mit Stolz und macht seinem Lehrmeister alle Ehre. Seine Version von „Goodbye Mr. Evans“, das Woods dem Pianisten Bill Evans gewidmet hatte, und „House Of Chan“, eine Liebeserklärung an seine Gattin, der Witwe Charly Parkers, sind echte Juwelen.

Und wenn ganz zum Schluss dann noch „All Bird’s Children“ ertönt, wobei mit „Bird“ natürlich wiederum Parker gemeint ist, schließt sich endgültig der Kreis und man geht in dem Bewusstsein nach Hause, ein absolut rundes, schlüssiges Konzept und eine Band erlebt zu haben mit Musikern, deren Namen man vorab vielleicht nur am Rande oder gar nicht kannte. Und doch sorgen diese fünf Herren dafür, dass aus dem Konzert schließlich ein Abend für Genießer wurde.


Tribute To Phil Woods | 08.02.2019
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Vor fast vier Jahren verstarb der amerikanische Alt-Saxophonist und Hardbop-Veteran Phil Woods, der unter anderem in den Bands von Dizzy Gillespie oder Quincy Jones weltweit Aufmerksamkeit auf sich zog. Und er war Lehrmeister, Vorbild und Bühnenkollege des Alt-Saxophonisten Robert Anchipolovsky. Der in Kiew geborene Irsaeli lebt ebenso wie der Trompeter und Flügelhornist der Band, Andrey Lobanov, derzeit in Nürnberg und schaffte es vergangenen Freitag mit seinem „Tribute to Phil Woods“-Projekt schließlich auf die Bühne des Neuburger Birdland Jazzclubs. Am Flügel saß Lobanov’s Studienkollege und langjähriger Freund Alexey Podymkin. Kontrabassist Max Leiss und Schlagzeuger Julian Fau sorgten als Rhythmuskooperative fulminant für den geographischen „East meets West“-Ausgleich.

Dabei geht es bei Musik rund um Phil Woods keineswegs um eine musikalische Annäherung verschiedener Kulturen. Jazz ist international, unerschöpflich und bedingungslos und seine Interpreten auf allen Kontinenten auf ihre jeweils individuelle Art mit allen Wassern gewaschen. Und genau deshalb funktionieren solche Formationen auch über alle Grenzen hinweg.
Ein oft übliches gegenseitiges Herantasten zwischen Band und Zuschauern war mit dem ersten Ton überwunden. Die Musikmaschine funktionierte wie geschmiert und – selbst bei den Balladen – in einem Höllentempo. Anchipolovsky, der mit der original Kappe von Phil Woods auf der Bühne stand, gab sich wenig Zeit seinen Höllenritt zu unterbrechen, solange er solistisch an der Reihe war. Die Töne sprudelten aus seinem Saxophon wie aus einem Behälter, der unter Druck steht. Und das, ohne auch nur einen Moment die Melodielinien einzubüßen. Anchipolovsky und Lobanov schmetterten die Themen unisono oder zweistimmig in voluminöser Bigband-Power von der Bühne. Die Trompetensoli waren schreiend, scharf und manchmal sperrig und kamen ebenso mit ununterbrochenem Volldampf daher.

In den Kampfpausen der Bläser lockerte das verbliebene Pianotrio mit konträrem Klangbild die positive Spannung der Zuschauer. Die Spielpalette des Pianisten erzeugte zwischen weichem Anschlag und hochexplosiven Akkordsoli jede denkbare Stimmung und auch der Bassist wechselte gekonnt zwischen mitreißendem Pizzicato- und getragenem Bogenspiel und brillierte mit ausgefallenen Ideen. Schlagzeuger Julian Fau bereicherte die Musik mit packenden Elementen und Akzenten und hielt den Laden mit boppig swingendem Spiel zusammen.
Wer war Phil Woods? Die meisten Zuschauer dürften über diesen Musiker zu Beginn des Abends nicht viel gewusst haben. Und von ihm gesehen haben sie lediglich seine Kappe. Aber am Ende des Konzerts hatten alle begriffen welch großartige Musik dieser Meister der Welt hinterlassen hat.


Borderlands Trio | 02.02.2019
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Wie funktioniert Musik eigentlich? Instrumentalisten treffen sich und spielen miteinander. Meist geschieht dies vom Blatt, häufig geht dem ein intensiver Probenprozess voraus, in der Regel geben sie Stücke von überschaubarer Länge zum Besten. Ein kalkulierbarer Prozess, bei dem allenfalls die Tagesform und die äußeren Umstände den Unterschied ausmachen. Das Borderlands Trio verkörpert exakt den Gegenentwurf all dieser gängigen Regeln.

Im Neuburger „Birdland“ beginnen die Pianistin Kris Davis, der Bassist Stephan Crump und der Drummer Eric McPherson eine verwegene Fahrt. Sie dauert fast eine Stunde. Dann nach der Pause dasselbe noch einmal. Es sind keine Stücke, sondern Suiten, Symphonien, Opera, natürlich ankomponiert, aber zum allergrößten Teil improvisiert. Zwei ellenlange, epische Kapitel aus Klängen und Rhythmen, die jeder irgendwo schon einmal gehört hat, die aber in dieser Konstellation noch nie zuvor aufeinander prasselten. Es wirkt, als würde sich die Band ins All schießen, ein bisschen taumeln lassen, bis sie entweder eine Umlaufbahn oder einen Kurs in ein anderes Sonnensystem gefunden hat. Was in diesem Augenblick auf der Bühne passiert, ist so spannend, dass sich niemand aus dem Publikum traut, auszutreten. Er oder sie könnten ja etwas Entscheidendes verpassen.

Die Borderlands stehen stellvertretend für die Grenzgebiete der Musik, die Niemandsländer, dort wo alles anders ist und nichts mehr sicher. Einer geht vor, die anderen laufen hinterher. Mal schauen, was passiert. Davis, Crump und McPherson erzeugen eine aufgekratzte meditative Grundstimmung, die einen wie in einen Strudel hinabzieht. Sie genießen es, eine melodische Figur von allen Seiten her zu beleuchten, sie langsam zu verändern, um dann plötzlich etwas völlig Neues aus dem Dreieck Flügel-Bass-Schlagzeug emporwachsen zu lassen. Alles scheint sich zu drehen, wie bei einem bunten Windrad, das pausenlos seine Tempi und Farben ändert. Die Besucher des Hofapothekenkellers sitzen mit offenen Mündern und einem verklärten Lächeln da. Sie genießen diese Mixtur aus Swing, Groove, Ballade, Marsch, Funk, die das Borderlands Trio auf eine freche, verwegene, moderne Art, flirrend und schlicht genial serviert.

Die organisch funktionierende Einheit erzeugt eine aufgekratzte meditative Grundstimmung, in der jeder seine persönlichen Glanzlichter setzen kann. Etwa Eric McPherson mit seinen verzögerten Schlagzeug-Vierteln, die er über die Hi-Hat anschlägt, Stephan Crump mit seinen torkelnden, durchbrochenen Walking-Linien am Bass, oder Kris Davies, die ihre repetitiven Figuren und Akkorde wie ein Morsefunker in die Klaviatur stanzt, um sie schließlich in rasend schnelle, schlangenlinienförmige Linien zu überführen.

Bei der Zugabe (diesmal knapp fünf Minuten) trommelt der Schlagzeuger auf einer Limoflasche, der Bassist streichelt mit den Händen über den hölzernen Korpus und die Pianistin arbeitet im Inneren des Flügels wie auf einer Zither. Das ist kein Freejazz! Nur ungeheuer eindrucksvolle, grandiose Abenteuermusik. Die Konzertüberraschung des noch jungen Neuburger Jazzjahres!


Borderlands Trio | 02.02.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die „Borderlands“, die das Trio aus New York im Namen führt, ist kein geografischer Begriff, sondern eher avantgardistisch gemeint. Die Pianistin Kim Davis, der Kontrabassist Stephan Crump und der Schlagzeuger Eric McPherson nämlich wagen den Blick über Grenzen, erkunden stilistisches Neuland, lassen sich auf radikale Weise ein auf das, was sie in Terra Incognita erwartet und entführen ihr Publikum im Neuburger Birdland Jazzclub auf äußerst geschickte Weise in exotische musikalische Gegenden, deren Existenz man zwar erahnte, wobei aber vermutlich nur die wenigsten wussten, wie sich ein Besuch dort tatsächlich anfühlen würden.

Nun handelt es sich ja fürwahr nicht um einfache Kost, wenn Rhythmen und Harmonien erst einmal behutsam gefunden werden müssen, wenn melodische Ideen aufgegriffen und wieder verworfen, wenn nach der Auflösung musikalischer Strukturen nur noch der pure Klang übrig bleibt, wenn fast unmerklich Akzente verschoben, wenn mit Kreativität und Leidenschaft errichtete Gebäude zum Einsturz gebracht werden, damit aus den Scherben und Splittern Neues entstehen kann, wenn scheinbar greifbare Melodiefetzen sich plötzlich in Luft auflösen und neue am Horizont auftauchen.

Und doch gibt es am Ende des Konzerts, nach zwei großen Blöcken, zwei 45-minütigen Klangereignissen, laute Bravorufe wie sonst nur ganz selten im Birdland, was schließlich zu zwei Zugaben führt. Woran liegt das? – Nun, im Gegensatz zum reinen Free Jazz bleibt die Band immer – zumindest mit einem Bein – auf der bereits erforschten Seite der Grenzlinie. Das schafft Vertrauen und gibt Sicherheit, befriedigt aber gleichzeitig die Neugier auf all die Welten, die sich jenseits der fiktiven Grenze auftun. Dass man sich quasi mit überaus kompetenter Führung für gut 90 Minuten in beiden Zonen tummeln und ständig pendeln kann, übt einen ungeheuren Reiz aus. Ein zweiter Grund liegt sicherlich darin, dass die Band es schafft, durch minimalistische Repetitionen einen regelrechten Sog, eine Art Strudel zu erzeugen, in dem man unweigerlich hineingezogen wird. Je mehr sich das Ganze dem fulminanten Finale nähert, desto mehr wird es zu einem Trip, der bei allen, die sich darauf einlassen, wohl sogar in einen tranceähnlichen Zustand münden könnte. Das weiß die Band natürlich und lässt nicht umsonst am Ende nach all der Magie das Stück mit Bedacht und Umsicht auslaufen. Der Aufprall in der Realität ist eh schon ziemlich heftig.

Die Musik des Borderlands-Trios ist weit mehr als überaus spannender Stoff für die Ohren. Es gilt, sie auch zu erspüren, zuzulassen, dass sie zum spirituellen Ereignis wird. „Diese Band beamt dich komplett weg“, sagt jemand nach dem Konzert. – Genau. Irgendwie wusste man gar nicht, wie einem geschah. Und hatte dennoch ein herrliches Gefühl dabei. Was für ein phantastischer Abend!


Riccardo del Fra Quintet & Kurt Rosenwinkel | 01.02.2019
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Irgendwann ganz zum Schluss, als die Leute gerade heftig um eine Zugabe klatschen, da fällt es einem wie Schuppen von den Ohren: Wo war eigentlich das Bass-Solo? Jeder der sechs Musiker durfte sich an diesem Abend weidlich präsentieren, konnte zeigen, was in ihm steckt. Nur der Chef persönlich hielt sich bis dato eher bescheiden zurück, wie ein Regisseur, der aus dem Hintergrund das Geschehen steuert. Ein Bassist eben.

Es sei ihm unangenehm, weil er seinen jungen Kollegen gerne allen nötigen Raum gewähre, entschuldigt sich Riccardo Del Fra, als der Applaus verklungen ist. Aber nun gebe es eben ein längeres Bass-Intro: „Iʼm sorry!“ Was folgt, sorgt im Nu für Stecknadelstille im einmal mehr voll besetzten Neuburger Hofapothekenkeller. Der 62-jährige Italiener, der in seiner Wahlheimat Frankreich längst als Legende gilt, weil er auf ein langes und bewegtes Jazzerleben an der Seite von Säulenheiligen wie Dizzy Gillespie, Toots Thielemans, Art Blakey, Sonny Stitt, James Moody, Clifford Jordan oder Paul Motian zurückblickt, zeigt, worauf es bei diesem Instrument ankommt: gleißend warme, fließende Linien voller poetischer Melancholie und uneitler Virtuosität. Schlichtweg große Kunst.

Die beiden Stunden zuvor hatte der Bassist charmant zwischen den Stücken geplaudert, auf die weltweite Ausnahmestellung des Birdland-Jazzclubs hingewiesen und versucht, dem Publikum sein „Moving People“-Projekt näherzubringen – für ihn eine Herzensangelegenheit. Was Del Frau zusammen mit seiner „Söhne“-Band um den Trompeter Tomasz Dabrowski, den Saxofonisten Jan Prax, den Pianisten Carl-Henri Morisset, den Drummer Nicolas Fox sowie den wunderbaren Gitarristen Kurt Rosenwinkel weitgehend vom Notenblatt spielt, das soll in erster Linie an die Empathie und die Mitmenschlichkeit appellieren. Es beleuchtet vor allem das Schicksal jener, die nicht mehr in ihrer Heimat leben (können). Natürlich geht es dabei auch um ihn selbst, aber vor allem um andere, die fliehen und alles Liebgewonnene hinter sich lassen müssen. Was Wunder, dass das Titelstück „Moving People“ mit jeweils grandiosen instrumentalen Einwürfen von Rosenwinkel und Morisset zum erklärten Höhepunkt des Abends gerät. Sowohl der Gitarrist wie auch der Pianist segeln mit unterschiedlichem Flügelschlag durch die Traum-Ballade und der Abendsonne entgegen.
Ihm gehe es um wichtige, aber auch oft sehr traurige Themen, erklärt Riccardo Del Fra. Deshalb sei es sein Ziel, neue Energie und Hoffnung zu verbreiten. „Wir wollen mit unserer Musik Dinge ausdrücken, die die Leute sehr berühren, ihnen aber auch zugleich Kraft geben, reagieren zu können.“ Das tun sie, im zweiten Teil mehr als im etwas starren ersten Teil, mit Titeln wie „The Sea Behind“ oder „Children Walking (Through A Minefield)“. Jedes Solo offenbart allerhöchste Qualität und Originalität. Allerdings mangelt es in manchen Stücken an der Bindung zwischen den einzelnen Polen. Das Resultat: Ein ziemlich unruhiges, mitunter abruptes Verschieben der Schwerpunkte. Drummer Nicolas Fox muss sogar einige Mal vor der besonderen Akustik des Hofapothekenkellers kapitulieren, die mehr Dosierungsgeschick als brachiale Gewalt verlangt.
Trotzdem überwiegen die Momente, die man im Langzeitgedächtnis speichern mag. Etwa wenn Pianist Carl-Henri Morisset das letzte Stück des regulären Konzertes mit einer Adaption von Thelonious Monks „Letʼs Call This“ einleitet, die der Meister selbst nicht schrulliger, verdrehter und bluesiger hinbekommen hätte. Auch das Besondere des Abends bleibt haften: Hier geht es weniger um Nabelschauen, um instrumentale Ego-Trips, sondern um Botschaften und die persönliche Haltung. Eine der vielen, wunderbaren Facetten des Jazz.


Riccardo del Fra Quintet & Kurt Rosenwinkel | 01.02.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Das Programm des Konzerts nennt sich wie das dazugehörige Album. „Moving People“ – Menschen auf Wanderschaft, Menschen unterwegs. Die Band, die es dem von Beginn an entzückten und am Ende restlos begeisterten Publikum im Birdland Jazzclub vorstellt, ist das italienisch-französisch-polnisch-deutsche Quintett des Bassisten Riccardo del Fra, das durch Kurt Rosenwinkel, den amerikanischen Meistergitarristen, komplettiert wird.

„Moving People“ aus der Feder Del Fra‘s ist ein kompositorischer Leckerbissen, das ist schnell klar, und durch die Zusammenarbeit des Bandleaders mit Thomasz Dabrowski (Trompete), Jan Pax (Alt-, Sopransaxofon), Nicolas Fox (Schlagzeug) und Carl-Henri Morrisset (Piano) und schließlich Kurt Rosenwinkel wird es auch zu einem akustischen. Bereits die Eröffnungsnummer, das dramatische „Ressac“, löst Assoziationen aus. Wer würde beim Stichwort „Brandung“ nicht automatisch an Flüchtlinge, Migranten und Boat People denken, noch dazu, nachdem man glaubt, neben dem Wellengang und der Dünung auch noch Morsezeichen aus dem Klangbild herauszuhören? Wer würde bei „Children Walking Through A Minefield“ nicht an Kriegsgräuel und Vertriebene denken, noch dazu, wenn nach einem Marsch-rhythmus zu Beginn die Komposition am Ende regelrecht zerfetzt wird?

„Street Scenes“, „The Sea Behind“, das hinreißende Titelstück “Moving People”. – Im Grunde besteht der Abend aus einer Aneinanderreihung von Höhepunkten. Die Balance zwischen straff organisierten, mit unglaublicher Präzision gespielten, auskomponierten und meisterlich arrangierten Teilen und den individuellen Beiträgen jedes einzelnen Musikers könnte ausgewogener und passender nicht sein. Wie das Saxofon, die Trompete oder die Gitarre sich auf den Rhythmus aufschwingen, auf ihm reiten, Pirouetten drehen und dadurch wiederum die Intensität der Pulsgeber anstacheln, wie sich also alles gegenseitig aus dem Augenblick heraus bedingt und doch dem von Del Fra vorgegebenen Plan folgt, ist vermutlich einzigartig.

Rosenwinkel als Gast fügt sich nahtlos ein in Del Fra’s so überaus homogenes Quintett. Natürlich ist er der heimliche Star des Abends, und der Exkurs zu seinen eigenen Stücken „A Shifting Design“ und „Under It All“ ist brillant, wichtiger als persönliche Selbstdarstellung aber sind auch ihm die „Moving People“ und diese großartigen Kompositionen über ein permanent aktuelles Phänomen, das anscheinend nicht in den Griff zu kriegen ist. Dass vor dem Hintergrund eines globalen Dramas so unglaublich schöne Musik entstehen kann, erfreut die Sinne und das Herz und stimmt gleichzeitlich zuversichtlich.