Presse

Birdland Radio Jazz Festival 2020 – Finale
Sebastian Sternal solo / Trio Francel – Morello – Faller / Kathrin Pechlof Trio | 21.11.2020

Donaukurier | Karl Leitner
 

Das Birdland Radio Jazz Festival des Jahres 2020 wird auf jeden Fall in die Annalen eingehen. Erstens weil es das zehnte seiner Art war, somit also eine Jubiläumsveranstaltung, zweitens weil es in den neun Jahren vorher noch nie ein derartiges Hin und Her um das Programm und die daran beteiligten Künstler gab und drittens, weil fünf von acht Konzerten vor stark gelichteten Reihen und die verbleibenden drei gänzlich ohne Publikum stattfanden. Der Grund dafür? Corona natürlich, was sonst in diesen Tagen, da durch das Virus und die daraus resultierenden Verbote der Konzertbetrieb gänzlich zum Erliegen gekommen ist.

Nein, gänzlich dann doch nicht, denn der Pianist Sebastian Sternal, die gemeinsame Band von Mulo Francel und Paulo Morello sowie das Kathrin Pechlof Trio treten an drei aufeinander folgenden Abenden unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf. Lediglich der Veranstalter, ein Techniker, ein Fotograf und die Presse ist zugelassen und die beiden Redakteure des Bayerischen Rundfunks, die die ersten beiden Abende aufzeichnen und den dritten in einer vierstündigen Sendung aus Neuburg live weltweit übertragen. Es kommt ja schon einer Sensation gleich, dass die Konzerte überhaupt stattfinden, nachdem doch Unterhaltungsveranstaltungen generell verboten sind. Und die Anwesenden sind ja im Grunde auch nur vor Ort, um ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Was ausdrücklich erlaubt und auch notwendig ist. TV-Übertragungen von Geisterspielen im Fußball sind ohne Trainer, Fernsehteam, Kommentatoren und Platzwart schließlich auch nicht denkbar. Komisch fühlt sich die Situation allerdings schon an.

Manfred Rehm hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diese drei Abende wenigstens für die Hörer an den Radiogeräten zu retten. Notfalls würde er das Festival auch mit null Zuschauern durchziehen, hatte er bereits im Vorfeld verkündet. Genau das tut er nun, findet aber sogar in der für die Musiker, das Publikum und nicht zuletzt für ihn selbst höchst unbefriedigenden Situation noch etwas Positives. „Wenn die Leute schon nicht zum Jazz kommen dürfen, dann muss der Jazz eben zu ihnen kommen,“ sagt er. Er geht von geschätzten 100.000 Hörern aus – zuerst denen aus dem Einzugsbereich des BR, nach Mitternacht aus ganz Deutschland via Nachtprogramm der ARD und aus der ganzen Welt übers Internetradio. Das ist nicht übel für den kleinen Club in der Neuburger Altstadt, die in Pandemiezeiten nächtens wie ausgestorben ist. Einzige Besonderheit: drei Übertragungswagen auf dem Karlsplatz unweit des Eingangs.

Zuerst hatte Rehm auch Bands aus dem Ausland im Programm. Nachdem offensichtlich war, dass die nicht würden anreisen dürfen, tritt an den drei verbleibenden Festivalterminen nun also eine Art Plan B in Kraft. Aber was heißt das schon, angesichts der Tatsache, dass das Birdland in Musikerkreisen ein dermaßen hohes Ansehen genießt, dass für jeden zu vergebenden Konzerttermin regelmäßig Dutzende von Anfragen eingehen. Und außerdem sind andernorts Clubs ja derzeit eh geschlossen. Nein, hier wird an diesen drei Tagen alles andere als ein „Ersatzprogramm“ angeboten.

Natürlich ist die Situation ungewohnt, für Zuhörer und Musiker gleichermaßen. Statt das typische Gemeinschaftserlebnis eines Konzerts zu haben, sitzt man abgeschottet auf seinem Stuhl und hat das Gefühl als spiele Sternal, dieser großartige Pianist, der immerhin dreifacher Echo-Preisträger und Professor für Jazzklavier ist, tatsächlich nur ganz allein für einen selbst. Ob man versucht, dabei dessen Improvisationslinien nachzuverfolgen oder sich einfach nur mit ihm treiben lässt, bleibt einem selbst überlassen. Der Bösendorfer Flügel klingt im leeren Saal noch beeindruckender als sonst. Das Gewölbe wird zu einem riesigen Klangkörper. Das sind Erfahrungen, die man ohne Corona vermutlich gar nicht gemacht hätte. Dennoch: Wenigstens handelt es sich nicht um einen Stream aus der Quarantäne, sondern ist live und fühlt sich „echt“ an.

Ebenso wie Sternal sind tags darauf der von Quadro Nuevo her bekannte Mulo Francel (Tenorsaxofon, Klarinette), Paulo Morello (Gitarre) und Sven Faller (Kontrabass) bester Dinge und dankbar, in Neuburg spielen zu können. Für die drei ist es das erste gemeinsame Konzert, überhaupt. Jeder steuert seine eigenen Kompositionen bei, wobei ein Schwerpunkt auf dem Erbe der Juden Osteuropas vor dem Hintergrund ihres Schicksal Mitte des 20. Jahrhunderts und dessen Einbettung in den Kanon des World Jazz liegt. Die Stücke, die quasi der Hauch der Dreißiger Jahre umgibt, sind besondere Leckerbissen.

Kathrin Pechlof, deren zweites Set live über den Äther geht, ist allein wegen ihres Instrument die Exotin des Festivals. Wie im Grunde vor ihr nur Alice Coltrane setzt sie ausgerechnet mit der Harfe neue Akzente in der Welt des Jazz. Ausgehend von sparsamen Skizzen, entwirft das Trio farbige, filigrane, fragile und zum Teil recht sperrige Stücke avantgardistischer Provenienz, die durchaus mehrdeutig interpretierbar sind. Kein leichter, aber ungemein spannender Stoff.

Als pünktlich um 23 Uhr der letzte Ton verklungen ist, stehen den Hörern daheim an dem Radiogeräten noch drei weitere Stunden mit Jazz aus Neuburg bevor. Aus einem eigens eingerichteten Studio im ersten Stock, hoch über dem Jazzkeller, schicken Roland Spiegel und Ulrich Habersetzer vom BR Musik aus den vorab mitgeschnittenen Konzerten des Festivals über den Äther, dazu Interviews mit Musikern, Analysen und Einschätzungen von Musikkritikern, ein Gespräch mit Clubchef Manfred Rehm.

Corona ist für viele Veranstalter eine Katastrophe. Vor allem für kleine, unabhängige Clubs und Bühnen. Jetzt, mitten in der Pandemie, ist es besonders wichtig, dass sie beim ausgesperrten Publikum nicht in Vergessenheit geraten und präsent bleiben. Um das zu gewährleisten, zeigt sich das Birdland erstaunlich erfinderisch. Beim ersten Lockdown wurden Livemitschnitte auf dem clubeigenen Youtube-Kanal zur Verfügung gestellt – und auch wahrgenommen, was weit über 10.000 Zugriffe zeigen. Und nun zum zweiten Lockdown gibt’s Konzerte aus dem Club live und als Mitschnitte übers Radio. Das ist überaus erfreulich, aber dennoch: Der hoffentlich bald wieder stattfindende „Regelbetrieb“ wäre allen Beteiligten eindeutig lieber.


10. Birdland Radio Jazz Festival | 21.11.2020
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Ein runder Geburtstag ohne Publikum, aber mitnichten unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Für das 10. Birdland Radio Festival hat es zum Finale am Wochenende trotz „Lockdown Light“ doch noch ein Happyend gegeben. Als die vierstündige Livesendung des Bayerischen Rundfunks direkt aus dem zweiten Stock der Neuburger Hofapotheke am Sonntagmorgen kurz nach zwei Uhr zu Ende ging, konnte man reihum in zwar müde, aber zufriedene Gesichter blicken. „Wir sind sehr zufrieden und glücklich, dass es am Schluss fast reibungslos geklappt hat“, freute sich Roland Spiegel, Jazzredakteur des Bayerischen Rundfunks, der mit seinem Kollegen Ulrich Habersetzer für die Aufzeichnung der insgesamt acht musikalischen Darbietungen, die Direktübertragung aus der Donaustadt und somit auch die mediale Verbreitung des „Jazz made in Neuburg“ verantwortlich zeichnete.

Mit einem cleveren Schachzug und einigen kurzfristigen Umplanungen hatte es Manfred Rehm, der Impresario des Neuburger Birdland-Jazzclubs, tatsächlich möglich gemacht, dass das Restprogramm des Jubiläumsfestivals trotz des seit 2. November bestehenden Spielverbotes über die Bühne gehen konnte. Fünf Konzerte fanden bereits im Oktober vor Publikum statt: das der South West Oldtime All Stars im Ingolstädter Audi Form (15. Oktober), des Quartetts des Trompeters Maik Krahl (23. Oktober), des Duos mit den beiden Italienern Rita Marcotulli am Piano und Luciano Biondini am Akkordeon (24. Oktober) – die einzigen ausländischen Gäste – , das des Gitarristen Ferenc Snétberger (30. Oktober) sowie des Pianisten Claus Raible mit seinem Trio (31. Oktober). Nachdem Rehm sein ursprüngliches Vorhaben, im Endspurt hauptsächlich auf italienische Künstler zu setzen, wegen der verschärften Reisebeschränkungen wieder kippen musste, lud er kurzerhand einige hochkarätige deutsche Musiker nach Neuburg ein. „Sie sollten spielen, als wäre es ein reguläres Konzert. Nur bleiben die Stühle vor ihnen leer. Und der BR schneidet draußen mit seinem Ü-Wagen jeden Ton mit“, erklärte der Birdland-Boss. Die Darbietungen trugen dann eben die formal korrekte Bezeichnung „Produktionen“.

Die ausgewählten Instrumentalisten und Bands dankten so viel Flexibilität mit völlig unterschiedlichen, aber jeder für sich wunderbaren Auftritten, die allesamt noch einmal zeitversetzt auf BR Klassik zu hören sein werden. Die ersten Ausstrahlungstermine stehen bereits fest, jeweils um 23.05 Uhr in der Sendung „Jazz Time“ auf BR Klassik: am 18. Dezember Marcotulli/Biondini, am 25. Dezember Snétberger, am 15. Januar Krahl und am 22. Januar der Pianist Sebastian Sternal, der zum Auftakt der „Geisterkonzert“-Serie eine bunt schillernde Solo-Performance ablieferte (wir berichteten im Hauptteil).

Noch nicht terminiert wurde unter anderem der Zeitpunkt, an dem das Trios um den Tenorsaxofonisten/Klarinettisten Mulo Francel, bekannt auch als Frontmann der überaus populären Formation Quadro Nuevo, des Gitarristen Paulo Morello und des Bassisten Sven Faller zu hören sein wird. Am Freitag traten sie im Birdland zum ersten Mal „offiziell“ in dieser Besetzung auf. Eine Win-Win-Situation, sowohl für das (imaginäre) Publikum wie für die Musiker selbst, die förmlich nach einer längerfristigen Lösung schreit. Die drei weltgewandten Bayern spielten sich die Bälle dank ihrer Routine, aber auch ihrer stupenden Virtuosität und ihrer ungekünstelten Spielfreude förmlich zu. Jeder steuerte seine eigenen teils autobiografischen Stücke bei. Im Falle des bekennenden Brasilien-Fans Morello blieben dabei vor allem das aus deutscher Fußball-Perspektive verschmitzte „7:1“ oder der „SAD Blues“, angelehnt an dessen Schwandorfer Autokennzeichen, hängen. Francel verstand es im menschenleeren Birdland grandios, träumerische Kompositionen wie „Ikarusʼ Dream“ oder „Goethes italienische Reise“ mit seinen lyrischen Saxofonlinien zu verknüpfen, während Faller sowohl mit seiner exakten Intonation und Bogenarbeit wie auch mit vertonten Geschichten verzaubern konnte. Besonders berührend dabei: „Daniel Laqueur“, die Liebesgeschichte seiner Münchner Oma, deren jüdischer Verlobter vor den Nazis nach Amerika flieht, 35 Jahre später wieder zurückkehrt und seine Angebetete endlich heiratet. Ein Abend der relaxten Superlative. Zehn Saiten und vier Saxofonklappen im inneren Einklang, nur aufeinander fixiert. Bitte unbedingt mehr davon!

Das Kontrastprogramm folgte tags darauf, bei dem erstmal eine Harfenistin, nämlich die Berlinerin Kathrin Pechlof, ihr Instrument im Hofapothekenkeller aufbaute. Was jedoch absolut keine Qualitätsminderung impliziert! Davon konnten sich die Zuhörer von BR Klassik sogar direkt überzeugen, wurde doch das zweite und wesentlich stärkere Set der gebürtigen Münchnerin live übertragen. Pechlof, der Altsaxofonist Christian Weidner sowie der Bassist Robert Landfermann demonstrierten dabei, dass sie so viel mehr als „nur“ Jazz können. Ihre Musik besteht aus mäandernden Linien, aus Fieberträumen zwischen Klassik und Avantgarde, zwischen kammermusikalischen Tupfern und atonalem Gewusel. Die Töne perlen wie Tropfen herab, verzögert, teilweise einzeln, wie in Zeitlupe. Ganz selten entwickelt sich daraus ein kurzer, aber heftiger Platzregen. Pechlof und ihren Mitstreitern ging es vor allem darum, sich, aber auch ihre Zuhörer herauszufordern, neue Wege des Spielens und des Hörens zu erforschen. Am Samstag konnten sie die Wirkung ihrer Musik nicht anhand von offenen Mündern oder geschlossenen Augen verfolgen. Dies hätten die drei jedoch allemal verdient gehabt. Vielleicht ja im nächsten Jahr.


10. Birdland Radio Jazz Festival – Im Coronamodus | 19.11.2020
Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Das Licht ist aus, der Kellerabgang liegt im Dunklen. Kein Schnaufen oder Räuspern ist zu hören, kein Gläserklirren oder Rutschen eines Stuhles. Steril? Muss wohl so sein, in Zeiten wie diesen! Offiziell steht das Ganze unter dem Motto „Produktion“. Aber in Wirklichkeit ist es immer noch ein Konzert, wenn auch das Wichtigste fehlt: die Menschen. Normalerweise säßen dort jetzt die Birdland-Stammgäste: die blonde Frau, deren Klatsch-Intensität ein bombensicheres Barometer für die Qualität jeder Darbietung darstellt, der Mann mit dem Backenbart und dem Porkie-Pie-Hut, der jedes gelungene Solo mit einem wollüstigen „Yeah“ quittiert, die Künstlerin, die Musiker gerne mit Bleistiftskizzen portraitiert, die Immer-zu-spät-Kommer oder die Sound-Fetischisten, die sich mit Vorliebe um die Stehplätze um den Haupteingang herum gruppieren.

Im Keller unter der Neuburger Hofapotheke haben sich an diesem Donnerstagabend zwei Journalisten, zwei Redakteure des Bayerischen Rundfunks, ein Fotograf sowie Manfred Rehm eingefunden. Sechs Leute lauschen diesmal dem Pianisten Sebastian Sternal, klatschen und versuchen wenigstens im Anschein den Eindruck von Öffentlichkeit zu erwecken, weil um den wuchtig-eleganten Bösendorfer-Flügel herum mehrere Mikrofone stehen, um die Darbietung für das 10. Birdland-Radio-Jazzfestival aufzuzeichnen und diese zum Ü-Wagen zu überspielen, der vor der Tür des Clubs an der Amalienstraße parkt. Rehm, Chef und Mitglied des Neuburger Birdland-Jazzclubs seit über 60 Jahren, kann sich noch gut an die Anfangszeiten im Keller erinnern, als zu manchem Freejazz-Konzert ohne Beschränkungen sogar noch weniger Leute kamen.

Sternal, die deutsche Hoffnung an den 88 Elfenbeintasten, Partner des Klarinettisten Rolf Kühn sowie amerikanischer Topmusiker, trotz seiner jungen Jahre Professor und Leiter der Jazzabteilung an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, ist alles andere als ein Ersatz, auch wenn der 37-Jährige kurzfristig für den italienischen Kollegen Stefano Bollani einspringen musste. Der wiederrum hatte zuvor im Programm die Lücke für die in Paris lebende amerikanische Saxofon-Legende Archie Shepp gefüllt. Beide durften nicht anreisen. Grund: bekannt. Ursprünglich sollte der Piano-Solo-Abend sogar im Neuburger Stadttheater über die Bühne gehen. Dass er jetzt überhaupt stattfindet, obwohl derzeit bundesweit der Konzertbetrieb auf Eis liegt, ist vor allem Manfred Rehm zu verdanken. Der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters im vergangenen Jahr mit dem Ehrenamtspreis der Bundesregierung ausgezeichnete Impresario des Birdland Jazzclubs Neuburg wollte das gerade begonnene Jubiläumsfestival trotz des Ende Oktober verkündeten „Lockdown Light“ nicht einfach sang- und klanglos auslaufen lassen. Rehm begann zu improvisieren – wie andere findige Jazzveranstalter. So wurde das Jazzfest Berlin in diesem Jahr komplett als Livestream beim Kultur-Spartensender Arte ausgestrahlt, der Münchner Club Unterfahrt schickt einen Großteil seiner geplanten Konzerte via Internet ins Wohnzimmer.

„Improvisation ist nun mal das Wesen des Jazz“, schmunzelt Manfred Rehm. „Dabei geht es mir vor allem darum, die Musikerinnen und Musiker nicht im Regen stehen zu lassen. Sie leiden am meisten unter dem Lockdown.“ Weshalb der 79-Jährige bei den „Geisterkonzerten“ von Sebastian Sternal und Co. auch die volle Gage bezahlt. Darüber hinaus konnte er eine enorme Solidarität unter den Jazzfans zur Kenntnis nehmen, die sich in einem rapiden Mitgliederzuwachs nach dem ersten Lockdown niederschlug. Seit September, als der Konzertbetrieb unter Einschränkungen wieder hochgefahren werden durfte, besuchten bis Ende Oktober 1200 Besucher 29 Veranstaltungen. „Und es gab keinen einzigen Infektionsfall, der auf uns zurückzuführen gewesen wäre“, betont Rehm. Dies und die unvermindert hohen Fallzahlen lassen leise Zweifel an der Wirksamkeit der Schließung kleiner Veranstaltungsstätten aufkommen. Für den Neuburger Veranstalter liegt das Geheimnis in einer effektiven Raumluft-Umwälzungsanlage. Im Birdland existiert eine solche bereits seit 1991, damals noch installiert, um die Nebelschwaden der Raucher zu beseitigen. Heute leitet sie alle elf Minuten Frischluft in das Kellergewölbe – und minimiert so das Infektionsrisiko deutlich.

Roland Spiegel, zuständiger Jazzredakteur beim Bayerischen Rundfunk und seit zehn Jahren enger Partner des Birdland Jazzclubs, ist „extrem dankbar dafür, dass Manfred in dieser schwierigen Phase wöchentlich nach neuen Lösungen gesucht hat.“ Eine generelle Absage sei deshalb nie zur Debatte gestanden, obwohl das Jubiläumsfestival angesichts der sich ständig veränderten Sachlage „das aufwändigste war, das ich je für den BR organisiert habe“. Dennoch ist auch Spiegel nach fünf bereits im Oktober aufgezeichneten Konzerten sowie zwei an diesem Wochenende angesetzten „Produktionen“ inklusive eine Livesendung aus Neuburg (Samstag, 22 bis 0 Uhr auf BR Klassik, Sonntag 0 Uhr bis 2 Uhr auf Bayern 2) hochzufrieden mit der improvisierten Geburtstagsfeier.

Normalerweise feiert man diese mit einer lauten Party, Menschen dicht auf dicht und jeder Menge Alkohol. Steht in diesem November alles auf der No-Go-Liste, war aber eigentlich auch zuvor in einem Club wie dem Neuburger Birdland kaum ein Thema. Stattdessen: eine besondere Darbietung. Sebastian Sternal lädt seinen handverlesenen Zuhörerkreis und die zahlreichen Zuhörer, die ihm zeitversetzt am Radio lauschen, auf eine betörende Klangreise ein. Da schweben virenfreie kristalline Klänge in „Calgary“ durch den Raum, entsteht eine angenehme imaginäre Nähe im argentinischen „Milonga“ und ein bisschen Sommer-Sonne-Strand-Sorglos-Feeling in „Coffee Bay“. Am zauberhaftesten jedoch entfalten die guten alten Standards wie „Embraceable You“ oder „The Way You Look Tonight“ ihre Wirkung. Ein besonderes Geschenk von Sternal an Manfred Rehm. „Sein Erfindergeist ist großartig. Kein Jammern, sondern einfach machen!“ Fast wie ein Wohnzimmerkonzert. Wohl dem, der improvisieren kann!


Claus Raible Trio | 31.10.2020
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Zum zweiten Mal hat Claus Raible, der Teufelskerl auf dem Jazz-Piano, mit seinem Trio direkt in einen Lockdown hineingespielt. Anfang März in Wien, als eine geplante Tournee abrupt beendet wurde, und jetzt im Birdland Jazzclub in Neuburg. „Ich hoffe, dass wir in Bälde wieder vor Publikum musizieren dürfen, wenn diese hoffentlich nur vier Wochen vorüber sind“, sagte der Münchner Swing-König. Der Beifall war an dieser Stelle besonders intensiv.

Und dann legt Raible mit dem Bassisten Giorgios Antoniou und dem Schlagzeuger Xaver Hellmeier los, als wollten sie dem vermaledeiten Virus und all seinen Begleiterscheinungen sagen: Du hast keine Chance gegen uns, gegen die unbezwingbare Macht des Jazz, der Kultur insgesamt. Mit kraftvollem, fast wütendem Zugriff lässt Raible den Bösendorfer-Flügel in vollen Akkorden aufblühen. Sein Mitstreiter am Kontrabass swingt mit Leib und Seele, das Instrument entwickelt einen betörenden Sound auch in den ganz tiefen Lagen. Und der furiose Schlagzeuger bearbeitet seine Trommeln und Becken mit einem Feuer, als wollte er dieses Covid19 aus unserer Welt einfach hinauswerfen.

Dabei lässt sich Xaver Hellmeier im ersten Set manchmal derart fortreißen, dass er es mit der Lautstärke übertreibt. Da sind Knalleffekte zu hören, die so scharf nicht sein müssen und mehr als hörenswerte Facetten des Pianisten kurzzeitig überdecken. Dabei ist Hellmeier ja ein Künstler auf dem Schlagzeug, er brilliert in seinen Soli mit frappierenden Klangfarben und zeigt im Trio ein zauberhaftes Gespür für sehr komplexe Motive und verrückte Taktwechsel. Mal richtig reinzuhauen, das hat ein Xaver Hellmeier nicht nötig, um zur Geltung zu kommen .

Dieses Trio ist von der Lust am Swing und am Bebop beseelt, es lebt und liebt die komplexen Kompositionen seines Bandleders, die leicht wirken, aber ohne intellektuelle Durchdringung nicht wirklich zu gestalten sind. Das Stück „Excenter“ zum Beispiel, ein vertracktes Gebilde von verschobenen, scheinbar gegeneinander arbeitenden Motiven und rhythmischen Volten. Da ist, wie es Raible selbst beschreibt, eine Art Unwucht zu spüren, die sich immer wieder auf die Auflösung in einen runden Lauf zubewegt und doch wieder auseinanderstrebt, bis sich ein faszinierender, satter Strom von Harmonie und Logik findet.

Komplex, aber nicht überkompliziert ist diese Musik, auch wenn sich die herbe Schönheit etlicher Nummern erst nach einiger Zeit erschließt. Ist diese kleine Hürde genommen, wird der Abend im Birdland zu einem umfassenden Vergnügen. Man kann die verrückten Kapriolen des Pianisten als virtuoses Geschenk genießen, man staunt über eine ätherische Ballade wie „Night time is my mistress“ und spitzt die Ohren, wenn Claus Raible Akkorde aus einer anderen Welt in den Raum setzt.

Da hört man kleine und großen Sekunden, schräge Septimen oder Nonen gleichzeitig, verminderte und übermäßige Akkorde werden in perfekter Reibung ausgekostet. Das sind Dinge, die „eigentlich“ gar nicht gehen, aber dieses Trio beweist das Gegenteil. Sehr mutig, sehr ambitioniert, sehr spielfreudig und mit Tonkaskaden über die 88 Klaviertasten hinauf und hinunter, dass einem der Mund offen steht. Dieser Sound trägt über eine vierwöchige Zwangspause locker hinweg.


Claus Raible Trio | 31.10.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Er sei es ja mittlerweile gewohnt, jeweils am Vorabend des staatlich verordneten Kulturverbots schnell noch ein Konzert zu geben, sagt der Pianist Claus Raible. Im März habe er in Wien quasi in den Lockdown hineingespielt, jetzt täte er das eben in Neuburg. Und dann bearbeitet er anlässlich des 10. Birdland Radio Jazz Festivals die Tasten des Bösendorfer-Flügels mit dieser für ihn so typischen lässigen Eleganz, die den waren Könner auszeichnet.

Raible war schon öfter im Club unter der ehemaligen Hofapotheke zu Gast. Diesmal hat er sein Trio mitgebracht, Giorgios Antoniou am Kontrabass und den Schlagzeuger Xaver Hellmeier, dazu etliche Standards der Jazzliteratur von Tadd Dameron, Dizzy Gillespie und Horace Silver, aber auch eigene Stücke aus seinem aktuellen Album „Trio!“, das er eigentlich mit einer kleinen Tournee vorstellen wollte. Nun, dieses Vorhaben kann er nach gerade mal zwei Terminen erst mal zu den Akten legen.

Raible läuft dennoch an diesem Abend zu beeindruckender Form auf. Sein Spiel ist überaus körperbetont. Manchmal windet er sich förmlich auf seinem Klavierhocker, legt sich quer, lehnt sich weit zurück. Ab und zu sieht es aus, als stoße er mit der rechten Hand wie ein Adler im Landeanflug auf die Eins herab auf die schwarzen und weißen Tasten, als wische er das gerade eben Gespielte mal eben so vom Tisch und ließe es rechts über den Rand purzeln, als wolle er mit rasenden Läufen das Instrument herausfordern und bezwingen.

Obwohl der Schlagzeuger seine Stöcke – wohl gemerkt, nicht die Besen – recht kräftig schwingt und seine Kollegen doch phasenweise akustisch etwas zu sehr dominiert, ist es eine Freude zu sehen und zu hören, wie Raible seine Pirouetten dreht, einen halsbrecherischen Lauf nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelt, in der Tastatur förmlich herumrührt. Durch diese Spielweise werden nicht nur Gillespie’s Klassiker „A Night In Tunisia“ und das extrem beschleunigte „Just One Of Those Things“ von Cole Porter zu echten Leckerbissen, sondern auch jede seiner Eigenkompositionen, angefangen beim extrovertierten „Exzenter“ bis hin zu den Balladen „The Pinguin“ und „Night Time Is My Mistress“.

Ja, dieses Trio ist wirklich gut an diesem vermutlich für längere Zeit letzten Konzertabend im Birdland. Gerade wenn man sich dann aber – die Klasse Raibles und vieler seiner Kollegen im Hinterkopf – vergegenwärtigt, dass die nunmehr den Künstlern, den Veranstaltern und nicht zuletzt dem Publikum aufgezwungene Konzertpause genau diejenigen am härtesten trifft, die am wenigsten mit der Verbreitung des Coronavirus zu tun haben, tut das ganz besonders weh. Und dass der Besuch eines Konzerts anscheinend in der offiziellen Lesart den gleichen Stellenwert innehat wie der einer Spielhalle oder eines Bordells, löst nur noch Kopfschütteln aus, auch und gerade bei denen, die bislang überaus solidarisch jede Maßnahme zur Bekämpfung der Pandemie unterstützt haben.


Ferenc Snétberger Solo | 30.10.2020
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Es kommt nicht so oft vor, dass Solokünstler im Birdland Neuburg auftreten. Doch durch die politischen Unwägbarkeiten in dieser unruhigen Zeit werden kleine bis kleinste Formationen auf Bayerns bedeutendster Jazzbühne eher zur Regel als zur Ausnahme. Um den Anforderungen Genüge zu tun, begann die Vorstellung eine halbe Stunde früher als gewohnt. Leider blieben auch einige der reservierten Plätze im ausverkauften Auditorium unbesetzt.

Es war also viel Luft im Raum, die der sympathische und bescheidene ungarische Ausnahmegitarrist Ferenc Snétberger meisterhaft mit Tönen aus seiner klassischen Gitarre anzureichern wusste. Ferenc ist Roma, seine Musik aber fern von jenen Puszta-Klängen, die man gerne mit seinen Landsleuten verbindet. Bei seiner Art mit dem Instrument zu kommunizieren, kommt sein Studium der klassischen Gitarre ganz klar zur Geltung. Aber die Musik, die er vorspielt hat mit Klassik nur noch begrenzt zu tun. Man glaubt, Fragmente aus Etüden von Fernando Sor zu hören oder Ansätze aus Kompositionen eines Heitor Villa-Lobos, Leo Brower oder Augustin Barrios Mangoré, nur um gleich danach Bossa Nova Rhythmen à la Sebastiao Tapajós oder Sequenzen aus Werken Raphael Rabellos zu erkennen. Auch Anklänge im Stil von Ralph Towner kommen einem in den Sinn. Und doch trifft all das daneben, denn Snétberger hat längst seinen eigenen unverwechselbaren Stil gefunden.

Es fällt auf, dass da wenig ist, woran man sich so richtig festhalten kann. Sobald man versucht, sich an ein Thema oder eine Melodie zu klammern, wechselt der Meister oft unerwartet in ein ganz anderes Stimmungsbild. Auch mit einem durchgehenden Groove kann man nicht rechnen, weil sich der Maestro attacca im freien Spiel in seinen Improvisationen scheinbar zu verlieren scheint. Snétberger schmückt seine Kompositionen gerne mit dem Klang leerer Saiten und das Stück endet auch jedesmal unerwartet und in außergewöhnlicher Form. Seine Musik ist so ungewöhnlich wie die Bauweise seiner Gitarre aus der Meisterwerkstätte von Tom Launhardt mit einem ausgefallenen O-Loch und dem spitz zu laufenden Cutaway.

Und doch fühlt man sich vom ersten bis zum letzten Ton geborgen und gefangen und wünscht sich, die Magie des Abends möge niemals enden, was natürlich irgendwann nicht mehr zu vermeiden war. Als Zugabe glänzte Ferenc mit einer Courante von Johann Sebastian Bach, auf die er wieder auf seine unvergessliche Art improvisierte und dabei auch Bach‘s berühmtes Bourrée aus der ersten Lautensuite zitierte. Dann donnernder Applaus. Bei so wenig Publikum muss das erst mal einer nachmachen.


Ferenc Snétberger Solo | 30.10.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Das ist natürlich Pech. Da sind im Rahmen des 10. Birdland Radio Jazz Festivals gerade mal drei der geplanten acht Konzerte vom Bayerischen Rundfunk mitgeschnitten und dann werden coronabedingt sämtliche Spielstätten bis auf weiteres geschlossen. Wie geht man mit so einer Situation um?

Als erstes, als Sofortmaßnahme quasi, sind die beiden Konzerte aufzuzeichnen, die an diesem Wochenende noch erlaubt sind. Das ist zwar vorab nicht geplant, aber man hat zumindest dann schon mal fünf Veranstaltungen sicher im Kasten. Wie gut, dass der Draht zwischen dem Club und dem Sender anscheinend so gut ist, dass spontan ein Ü-Wagen plus Techniker für zwei Abende zur Verfügung stehen. Wie gut auch, dass mit Ferenc Snétberger zum ersten der beiden Wochenend-Konzerte im Birdland ein Gitarrist der europäischen Spitzenklasse angereist ist, einer, der an guten Tagen durchaus in der Lage ist, sein Publikum vermittels sechs Saiten in sphärische Höhen zu entführen.

In dieser Hinsicht wenigstens ist dies ein guter Tag, ja ein ausgezeichneter, denn wie der gebürtige Ungar Elemente des Jazz, der Klassik, des Gypsy Swing und der Musik Lateinamerikas nahtlos und ohne Bruchstellen verbindet zu einem neuen Ganzen, zu einem speziellen Snétberger-Style sozusagen, das ist schon einzigartig. Seine große Leidenschaft ist die Improvisation und alle, die ihm an diesem Abend bei seinem Tun zusehen und zuhören, folgen ihm scheinbar – der Applaus legt dies nahe – ausnahmslos mit schierer Lust auf den Fährten, die er dabei einschlägt, spüren den Spuren nach, die er dabei hinterlässt.

Snétberger genügt ästhetisch höchsten Ansprüchen, ist technisch makellos, sprüht nur so vor Ideen. Er bietet liebliche Harmonien als weiches Bett, in dem man sich wohlig räkeln kann, dann wieder geht er den entgegengesetzten Weg und vertraut auf den Spürsinn seines andächtig lauschenden Publikums. Ein ums andere Mal entführt er das Auditorium unter Verzicht auf jegliche Griffbrett-Artistik auf eine Traumreise, ohne jedoch je die Bodenhaftung zu verlieren.

Sein Spiel ist Augenweide und Ohrenschmaus zugleich, wenn einer sein Instrument vollkommen beherrscht, dann er. Und obwohl er eher ein zurückhaltender Künstler ist, der auf große Gesten verzichtet, hat er dennoch Witz. Beim ursprünglich von John Lewis für das Modern Jazz Quartet geschriebenen „Fontessa“ deutet sich dieser an, bei Johann Sebastian Bachs „Courante“ ist er am deutlichsten zu spüren, wenn Snétberger nach der Vorstellung des Themas mit vollem Risiko und überaus lustvoll anfängt zu improvisieren und schließlich bei „Bourrée“ landet.

Momente wie diese sind in der Tat geradezu dramatisch. Nicht wegen irgendwelcher vordergründigen, halsbrecherischen Kunststücke auf sechs Saiten – mit so etwas hat er’s eh nicht – um so mehr aber wegen der ungeheuren Vielfalt an künstlerischen und kreativen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen. Und vor allem natürlich wegen dem, was er aus ihnen macht. Ein toller Abend, an dem man kurzfristig sogar den bevorstehenden Kultur-Lockdown verdrängte.


Rita Marcotulli & Luciano Biondini | 24.10.2020
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Dinge, die über all die Jahre zur persönlichen Struktur gehörten, haben sich schlagartig verändert. Keiner weiß genau, ob und wann solch liebgewonnenen Gewohnheiten wieder ein Riegel vorgeschoben wird. Gerade deshalb sind die regelmäßigen Konzerte im Neuburger Hofapothekenkeller derzeit besondere Momente. Seit September bieten sie Augenblicke des Innenhaltens, das historische Gewölbe hat trotz Hygieneregeln längst die Funktion einer Oase eingenommen, in der Menschen Kraft und Zuversicht schöpfen.

Aber erst bei einem Konzert wie dem der Pianistin Rita Marcotulli und des Akkordeonisten Luciano Biondini wird einem so richtig bewusst, welches Geschenk es ist, in Zeiten wie diesen ein hochkarätiges musikalisches Liveerlebnis genießen zu dürfen. Das Birdland gehört zu den ganz wenigen Locations in Deutschland, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Fahne hochzuhalten – auch im Interesse der unzähligen Musikerinnen und Musiker, die in Ermangelung von Auftrittsmöglichkeiten gerade zu Hause zur Tatenlosigkeit verdammt sind. Ähnlich ergeht es dem italienischen Duo, das trotz ebenfalls steigender Infektionszahlen in ihrem Heimatland noch nach Neuburg anreisen konnte – quasi als Vorhut für den Italien-Schwerpunkt des 10. Birdland Radio Festivals, das gerade auf Hochtouren läuft.

Es ist eine in jeder Hinsicht offene, lebensbejahende Musik, genährt aus den Wurzeln ihrer italienischen Heimat, die der 49-jährige Akkordeonist aus Spoleto bei Perugia und die 61-jährige römische Pianistin da durch den Keller schweben lassen. Wunderschöne, klare Melodien, so frisch wie ein Gebirgsbach, voller südländischer Leidenschaft wie etwa in „Vagabondi delle stelle“ (Wanderer der Sterne) oder in „La Strada invisibile“ (Die unsichtbare Straße). Und sie scheint aus einer Zeit vor Corona zu stammen, möglicherweise aber auch aus einer danach. Marcotulli und Biondini zelebrieren die reduzierteste Art gemeinsamen Musizierens, aber eine der spannendsten: Das Duo im magischen Dialog. Die Kraft der Melodie fungiert als ihr Klebstoff im Zusammenspiel. Beide suchen den Zauber des Moments, ihre virtuosen instrumentalen Fähigkeiten benutzen sie als Vehikel, um zur eigentlichen Seele der Musik vorzudringen.

Alles funktioniert. Keine Stolperer, kein Zaudern oder Zurückbleiben, keine falschen Noten, und das alles trotz fehlender Auftrittsroutine. Rita und Luciano funktionieren schlicht perfekt, sie vertrauen einander blind, stürzen sich kopfüber in die größten Herausforderungen, seien es wahnsinnige Tempi, abrupte Tonartwechsel, plötzliche Intervallsprünge oder verwegene Impro-Exkurse. Dieses Tandem verdient das oft leichtfertig verschwendete Prädikat „organisch“ mehr als jede seiner Konkurrenten.

Selbst wenn sie die Leidenschaft übermannt, wirken ihre Ritte auf der Rasierklinge, die verwegenen Schussfahrten durch das Auge des Hurrikans allzeit kontrolliert und mühelos. Sie verweben Jazz, Klassik oder italienische Liedkunst voller Humor, Zärtlichkeit, Melancholie und Temperament zu einem großen, tröstenden Ganzen. Und es sind oft die kleinen Bewegungen, Gesten und Linien, aus denen spontan spannende Momente und neue musikalische Offenbarungen entstehen. Grandioser als in der frenetisch erklatschten Zugabe „Over The Rainbow“ mit all ihren Verschiebungen, Seitenpfaden und feinen, labyrinthischen Schleifen lässt sich dieses Phänomen kaum mehr darstellen. Am Schluss steht ein furioser, knallbunter Regenbogen unüberhör- und -sehbar am Firmament.

Freilich steht zu befürchten, dass Rita Marcotulli und Luciano Biondini die einzigen Künstler aus Italien bleiben könnten, die das 10. Birdland Radio Festival, mit ihrer Anwesenheit bereichern. Da ab 8. November neue Quarantäne-Richtlinien für Reisende aus Risikogebieten in Kraft treten sollen, steht ein Fragezeichen über den geplanten Gastspielen von Rosario Giuliani und Pietro Lusso (13. November), Stefano Bollani (19. November) und Daniele di Bonaventura (20. November) in Neuburg. Birdland-Chef Manfred Rehm lässt sich dadurch jedoch nicht aus der Ruhe bringen und arbeitet schon an einem Plan B, sprich an möglichen Alternativen. „Es gibt so viele herausragende deutsche Musiker, die noch dazu gerade verfügbar wären, so dass wir im schlimmsten Fall diese Termine alle gleichwertig besetzen können“, betont Rehm. „Allerdings hoffen wir momentan noch, dass es vielleicht doch irgendwie klappen könnte.“


Rita Marcotulli & Luciano Biondini | 24.10.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Ein virtuos in Szene gesetztes Feuerwerk der Ideen und Emotionen endet in einem Finale Furioso. Anlässlich des 10. Birdland Radio Jazz Festivals zeigen mit einer an Dramatik und Leidenschaft kaum zu toppenden zweiten Zugabe die Pianistin Rita Marcotulli und der Akkordeonist Luciano Biondini, wie Jazz in höchster Vollendung funktionieren kann.

Man werfe eine kleine Melodie in den Raum, benutze sie für waghalsige Experimente, bearbeite sie je nach Gusto einfühlsam oder mit ungestümer Leidenschaft, spiele mit ihr, nehme sie als Sprungbrett in ungeahnte Sphären der Kreativität, ohne ihr freilich jemals Leid zuzufügen, sie zu vergewaltigen oder gar zu zerstören.

Als der orgiastische Trip zu Ende ist, herrscht erst einmal atemlose Stille, dann erst bricht der Beifallssturm los. Was man hier und eben gehört hat, ist fast schon sensationell, das weiß jeder im Birdland, und auch den beiden Meistern an den Tasten und Knöpfen scheint, als sie sich mit breitem Grinsen endgültig in die Garderobe verabschieden, durchaus bewusst, dass ihnen an diesem Abend etwas ganz Besonderes gelungen ist. Harold Arlens „Somewhere Over The Rainbow“ und Louis Armstrongs „What A Wonderful World“ als Ausgangspunkte für eine gemeinsame Improvisation, wie man sie selbst an einem für solcherlei denkwürdige Momente geradezu prädestinierten Ort wie dem Birdland nur ganz, ganz selten hört.

Es hatte sich bereits mit der ersten Nummer angedeutet, dem fulminanten Eröffnungsstück des Albums „La Strada Invisibile“ namens „Aritmia“. Dann folgt Schlag auf Schlag. Eine Hommage an den großen Bassisten Charlie Haden, eine an den Schlagzeuger Peter Erskine, die eigentlich „For Jupiter“ heißt, aus gegebenem Anlass aber dann doch „For You, Peter!“. Es folgen halsbrecherische Unisono-Sequenzen, in ihre Einzelteile zerlegte musikalische Themen, parallel angelegte melodische Spuren, die sich plötzlich trennen, zeitversetzt verlaufen, sich überholen und überschneiden, aber immer so, dass nie der rhythmische Fluss verloren geht. In der für diese Art teils vorher festgelegter, teils aus dem Augenblick heraus entstehender Musik geradezu idealen Form des Duos fühlen sich die beiden Protagonisten pudelwohl, umkreisen und belauern sich, gehen gemeinsam ein Stück des Weges oder auch mit fliegenden Fahnen aufeinander los. Einer kommentiert das Tun des anderen, baut an dessen flüchtig skizziertem Gebäude aus Tönen weiter oder wischt den Entwurf mal eben vom Tisch, um stattdessen einen eigenen zur Diskussion zu stellen.

Und man sitzt mit offenem Mund da, hört und sieht diesem Treiben zu und ist fasziniert. Dieses Duo, das auf so unnachahmliche Weise mit Lust und Witz in einem fort Elemente der mediterranen Musik, der Klassik und des Jazz einander näher bringt und verbindet, gibt an diesem Abend nicht nur ein Konzert zur Erbauung des Publikums, nein, es bricht geradezu über das Auditorium herein. Es gibt Abende, die sind so spektakulär, dass sie nachher in die Annalen eingehen. Dieser war so einer.


Maik Krahl Quartet | 23.10.2020
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Maik mit „ai“. Kein Amerikanismus. Eher eine spezielle Lesart von Neue-Bundesländerismus. Denn auch wenn Maik Krahl spielt, als hätte seine Wiege mitten in Brooklyn gestanden, so ist der Trompeter doch im sächsischen Bautzen geboren. Für den 29-Jährigen, der mit seiner Freundescrew das zweite Konzert des 10. Birdland Radio Festival im Neuburger Hofapothekenkeller bestritt, sind derartige Herkunftsdiskussionen jedoch völlig ohne Belang. Selten nämlich klang in den vergangenen Jahren ein deutschen Nachwuchs-Jazzer origineller, ausgebuffter und facettenreicher, kaum ein Newcomer schaffte es nach dem Corona bedingten Neustart im Birdland, das dezimierte Publikum derart aus der Reserve zu locken, wobei dies Krahl und Co. erstaunlicherweise nicht mit populären Showeffekten, sondern einzig und allein mit ihrer instrumentalen Virtuosität und ihren bunt schillernden Eigenkompositionen gelang.

Was Wunder, wenn einer während seines Studiums in Dresden und Essen von solch hochkarätigen Lehrern wie Till Brönner und Ryan Carniaux unterrichtet wurde. Dennoch kopiert Krahl keines seiner Vorbilder, sondern befindet sich erstaunlicherweise bereits auf dem Weg zu einem eigenen, unverkennbaren Ton. Der keineswegs immer nur Volldampf-Uptempo-Nummern braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Der sächsische Trompeter liebt das Balladenspiel, verpackt im segelnden „June 18 or The Dream to Fly“ viele unerfüllte Wünsche; von einem sorgenfreien Sommer, von ungeahnten Fortbewegungsmöglichkeiten und von grenzenloser Musik. Wie in „Decidophobia“, einem herrlich introspektiven Stück über die Angst vor Entscheidungen. Wenn Maik Krahl fein geknüpfte, gehauchte, fast singende Gefühls-Achterbahnfahrten modelliert und diese mit dem taumelnden Kontrabass von Oliver Lutz verzahnt, dann fliegen zahlreiche Fragezeichen durch den Hofapothekenkeller. Ein Stück über Einsamkeit, Zaudern, Zweifeln, Warten. Besser kann man diese ganz spezielle Phobie nicht in Noten transformieren. Der beste Moment des Abends, den das Auditorium mit frenetischen Bravo-Rufen quittiert.

In „Demian“ – benannt nach der gleichnamigen Erzählung von Hermann Hesse – setzt der Bandleader einen elektrischen Trompeten-Phaser ein, ohne dieses Stilmittel freilich zu überreizen. Wieder so ein feiner, emphatischer und schlauer Schachzug, der dem jungen Quartett viele Pluspunkte einbringt. Drummer Leif Berger schichtet effektiv seine Rhythmusberge übereinander, während man Konstantin Krahmer, den Pianisten, der perfekt die facettenreichen Arrangements grundiert, gerne ein bisschen häufiger auf Solopfaden gehört hätte.

An diesem Abend gibt es erfreulicherweise kein einziges langweiliges Stück. „At First Sight“ oder „Long Time Beauty“ mögen zwar knifflig strukturiert sein; durch die geschickte Vermengung von Shuffle- und Tangoelementen gehen sie jedoch sofort ins Ohr und manchmal auch ins Herz. Maik Krahl, ein durchaus freundlicher Zeitgenosse, mag viel über falsch oder richtig, Sinn oder Unsinn grübeln. Gerade weil er aber nichts dem Zufall überlässt und einen völlig abseitigen Weg geht, ist seine Performance vor allem eines: mutig. So, als würde hier einer kopfüber von der Klippe springen, nicht wissend, ob er unten ins Wasser eintaucht. Ein Risiko, das die Birdland-Gäste honorieren. Keiner hat die Entscheidung, in den Keller zu gehen, bereut.