Presse

Jazz im Audi Forum Ingolstadt feiert 25-jähriges Jubiläum | 10.03.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

„Dass die Reihe bis heute eine so große Strahlkraft besitzt, erfüllt uns mit großer Freude und Dankbarkeit – gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie gegenüber unserem treuen Publikum“. Das sagt Anne-Marie Neudecker, seit 2022 Pressesprecherin der Audi AG für Kultur. „Audi war von Beginn an der ideale Partner und Gastgeber für unsere Konzerte und ist es bis heute,“ sagt Manfred Rehm, Chef des Birdland Jazzclubs in Neuburg. Beide blicken gemeinsam zurück auf eine Zusammenarbeit, die nun schon ein viertel Jahrhundert andauert, und allmonatlich seine Früchte trägt, wenn die Leute zu „Jazz im Audi Forum“ pilgern, um regionalen, nationalen und interna-tionalen Spitzenmusikern des Jazz zu lauschen.

Begonnen hat alles am 1. Mai 2001 mit dem Konzert des legendären Ray Brown Trios. Der spätere Vorstandsvorsitzende der Audi AG, Franz-Josef Paefgen, der selber immer wieder gerne privat im Birdland in Neuburg vorbeischaute, kam mit Rehm ins Gespräch und beide waren sich sehr schnell einig darin, das eben fertig gestellte Audi Forum als eine Art Zweigstelle des Birdland zu nutzen. Das führte zu einer Win-win Situation, von der bis heute beide Seiten profitieren. Der Konzern, weil er neben Klassik seither auch Jazz anbieten kann und einen kompetenten Partner an der Seite hatte mit hervorragenden Kontakten und dem richtigen Gespür für die Programmgestaltung und die Auswahl der Künstler, und das Birdland, weil ihm nun eine zusätzliche Spielstätte zur Verfügung stand, die Platz genug bot für große Big Bands und bekannte Künstler, für die das Birdland-Gewölbe in Neuburg zu klein war. Dritter Nutznießer ist natürlich das Publikum, das allmonatlich die Möglichkeit hat, ein ganz besonderes Konzert zu besuchen.

Viel ist seither passiert. Es waren einige Künstler zu Gast im Audi Forum, die man getrost als Stars bezeichnen darf. Der erwähnte Ray Brown, Freddie Hubbard, Roy Hargrove, Ron Carter, Gary Burton. John Scofield, Dominic Miller. Man konnte immer wieder namhafte Orchester und Big Bands hören. Das Count Basie- und das Vienna Art Orchestra, die Big Chris Barber Band und das Clayton-Hamilton Orchestra, die Dutch Swing College Band und das Pasadena Roof Orchestra, die Radio Belgrad Big Band und das Orchestre National de Jazz France. Solch große Ensembles zu engagieren ist eine logistische Herausforderung, weshalb man sie auch eher selten anderswo hören kann. Immer wieder war das Audi Forum Schauplatz für CD-Aufnahmen, immer wieder schickte der Bayerische Rundfunk einen Ü-Wagen, um Konzerte für „Jazz auf Reisen“ oder „Jazztime“ aufzunehmen. Und bald nach dessen Start wurde Ingolstadt wegen der Konzerte im Audi Forum auch fester Bestandteil des jährlichen, weltweit übertragenen „Birdland Radio Jazz Festivals“.

„Viele Konzertbühnen verpflichten Künstler, die sowieso schon ein Publikum haben“, sagt Rehm. „Wir setzen lieber auf Vielfalt, und dies nicht nur mit Künstlern und Musik, die es schon kennt, sondern auch mit solchen, die es noch nicht kennt“. Das geschieht im mehrerlei Hinsicht. Im Birdland geht es mitunter auch mal sperrig zu, die „After Work Jazz Lounge“ bei Audi, für die Rehm ebenfalls zuständig ist – und die mit bislang 550 Konzerten seit ebenfalls 25 Jahren eine ganz eigene Erfolgsgeschichte schreibt – bietet kleinen Formaten aus der Region oder der bayerischen Jazz-Szene eine Möglichkeit, sich zu präsentieren, und im Forum kommen immer wieder auch der Traditonal- und der Oldtime-Jazz zu Wort. Das ergibt eine Art Gesamtpaket, geschnürt mit dem Ziel, möglichst viele Facetten des Jazz abzudecken und in der Region anzubieten. Dass das Konzept mit der Vielfalt aufgeht, kann man an den erfreulichen Zuschauerzahlen an jedem der drei Spielorte ablesen.

Jubiläen müssen gefeiert werden. In diesem Fall aber nicht mit Brimborium und Sonntagsreden, sondern – wie könnte es anders sein – mit musikalischen Mitteln und dem 200. Konzert von „Jazz im Audi Forum“. Es findet statt am 19. März und steht sowohl im Zeichen des Jazz wie auch des Blues. Die Sängerin Titilayo Adedokun wird an diesem Abend mit ihrer Band unter dem Titel „Blues For All Seasons“ zu hören und zu sehen sein. Sie bietet ein energiegeladenes und unterhaltsames Programm mit Musik von Ray Charles, Ma Rainey, B.B. King, Doc Pomus, T-Bone Walker, Gary Moore und eigenen Kompositionen. Ihr hört man an, dass sie nicht nur an einem Ort, nicht nur in einem Genre zuhause ist. Die in den USA geborene Tochter nigerianischer Eltern, die lange in Kapstadt lebte und heute in Deutschland beheimatet ist, vereint mit ihrer sinnlichen und starken Stimme mühelos Jazz, Blues, Klassik und südafrikanische Einflüsse. Weil man davon ausgehen kann, dass das Audi Forum aus diesem speziellen Anlass besonders schnell ausverkauft sein dürfte, sollte man also mit dem Erwerb eines Tickets nicht allzu lange zögern. Karten sind erhältlich über www.ticket-regional.de oder über www.birdland.de.


Peter Protschka Quintett | 07.03.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Ein Streichquintett oder eine Rockband hätte das Konzert wohl abgesagt, die für das Birdland in Neu­burg unter dem Namen „Peter Protschka & Adrian Mears“ gebuchte Band tut das nicht, obwohl mit dem australischen Po­saunisten Adrian Mears, der wegen des Iran-Kriegs in Abu Dhabi nicht zwi­schenlanden konnte, weswegen sein Flug abgesagt wurde, und mit dem Pianisten Oliver Kent zwei tragende Säulen ausfal­len. Für Jazzer freilich ist das Canceln eines Gigs aus derartigen Gründen im Normalfall keine Option. Man fragt her­um, wer einspringen könnte, kümmert sich um Notenblätter, steht abends pünktlich auf der Bühne und legt los. Jazzer können das. Improvisation gehört in ihrem Metier nun mal mit dazu.

Neben Protschka (Trompete und Flü­gelhorn), Mario Gonzi am Schlagzeug und Martin Gjakonowski am Kontrabass sind folglich ausnahmsweise die Pianis­tin und Komponistin Anke Helfrich, die ansonsten ein eigenes Trio unterhält, und der erst 25-jährige Moritz Renner an der Posaune mit von der Partie, die beide ge­rade mal 48 Stunden Zeit hatten, sich auf die Notsituation einzustellen. Aber zur allgemeinen Überraschung merkt man überhaupt nichts vom Umbau des Band­gefüges und wüsste man es nicht besser, käme man gar nicht auf die Idee, dass hier nicht die Stammbesetzung am Werk ist. Moritz Renner packt die Chance, die sich ihm so unerwartet bietet, beim Schopf, fügt sich nahtlos ein in den Blä­sersatz und legt ein paar derart gelunge­ne Soli hin, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Nach dem Konzert wird er von seinen Kollegen ausgiebigst beglückwünscht und Renner strahlt übers ganze Gesicht. Wozu er auch allen Grund hat nach dieser voll­brachten Großtat.

Anke Helfrich hat mit dem der Malerin Frida Kahlo gewidmeten „La Oscura“, mit „Upper Westside“ und dem Ab­schluss-Blues „You’ll See“ der Setlist eigene Kompositionen beigefügt und passt stilistisch hervorragend in das von elastisch groovendem Mainstream ge­prägte Konzept, das an diesem Abend auch ohne die beiden etatmäßigen Stammkräfte so außerordentlich gut funktioniert. Bei Protschka’s „Black For­rest“, seinem farbenreichen „Atlantic City“, dem hinreißenden Thema von „Transition“, dem seiner Tochter gewid­meten „Mina“, ja, bereits beim Opener „Beatrice“ aus der Feder von Sam Rivers wird überdeutlich, dass die Bezeichnung „Ersatzleute“ für Helfrich und Renner absolut fehl am Platz wäre wie auch der Name „Notprogramm“ für das, was auf der überaus anspruchsvoll bestückten Setlist steht.

Und als die neu formierte und hiermit in „Peter Protschka Quintett“ umbenann­te Combo, von der man sich in der Tat wünschen würde, dass aus ihr eine neue „feste“ Band werden möge, in der Zuga­be Mort Schumann’s „Old Folks“ into­niert, ist die Jazzwelt im Birdland längst wieder in Ordnung, was man auch daran ermessen kann, dass das begeisterte Pu­blikum unbedingt noch ein weiteres Stück hören möchte. Doch dazu kommt es nicht mehr, was in diesem Fall auch verständlich ist wegen der kurzen Vor­laufzeit. Und aus Verlegenheit noch ir­gendeinen Gassenhauer zu bringen, wür­de auch gar nicht zu dieser Band und ihrem Anspruch passen. Aus der Not eine Tugend, eine aus Pech resultierende Situation zu einem Glücksfall machen, mit vereinten Kräften Großes zustande bringen. – Diese Band zeigt an diesem Abend, dass das durchaus möglich ist. Alle Achtung! Chapeau!


Nduduzo Makhathini Trio | 06.03.2026
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Ist doch nur ein Trio! Wirklich? Oder steckt tatsächlich mehr hinter dem Phänomen Nduduzo Makhathini, diesem südafrikanischen Hünen, der auf dem Papier vor allem als Pianist fungiert? Doch das ist höchstens ein Viertel der ganzen Wahrheit. Was der 43-Jährige zu vollbringen vermag, erfahren bei seinem mittlerweile dritten Besuch im Neuburger Birdland-Jazzclub die Menschen aus Nah und Fern erneut am eigenen Leib. Es gibt keinen freien Platz mehr, viele sind wiedergekommen, weil Makhathini sie schon bei seinen Neuburg-Gastspielen 2021 und 2023 völlig in seinen Bann schlug.

Mittlerweile zählt der Leiter der Musikschule der Universität von Fort Hare in Südafrika, Akademiker, Intellektuelle und Heiler (!) als der wichtigste Jazzmusiker seines Kontinents. Und er hat sich weiterentwickelt, sein ohnehin schon überbordendes Spiel am Flügel noch mehr in den Vordergrund gestellt, ohne dabei seine kommunikativen Fähigkeiten zu vernachlässigen, seine Gabe, spontan Brücken zum Publikum zu bauen, ein tiefes Urvertrauen und eine selten gehörte Spannung zu schaffen.

Ohne Zweifel: Die mystische Kraft seiner Klänge wirkt auch dieses Mal wieder. Er spricht, philosophiert; über den Begriff „Heimat“. Die ist für ihn kein bestimmter Ort, sondern ein Gefühl. Alle Menschen würden in der Musik eine gemeinsame Heimat finden. Oder „Mutter“, aus der jeder entstammt und in die Welt entlassen wird, um seinen eigenen Weg zu gehen. Nduduzo Makhathini will uns mit dem Song „Mama“ zur Mutter zurückführen, zu diesem heimeligen Gefühl der Vertrautheit. Dabei klimpert der Pianist nicht bloß etwas auf den Tasten herunter, er spricht und singt immer wieder mit sanfter, gelegentlich ins Falsett fallender Stimme. Auch ohne der Zulu-Sprache mächtig zu sein, spürt man, was für Geschichten Makhathini hier gemeinsam mit seinem neuen Bassisten Dalisu Ndlazi und dem Schlagzeuger Francisco Mela ausbreitet. Sie erzählen von stiller Trauer, sublimierter Wut und leichter Zuversicht. In epischen Suiten, die unter anderem den Wassergeistern gewidmet sind, setzt er sich mit der Unterdrückungs- und Kolonialgeschichte in seiner Heimat auseinander.

Von bitter-markerschütternden Anklagen ist der Ausnahmekünstler jedoch weit entfernt. Er versöhnt auseinanderdriftende Pole, zeigt die Gemeinsamkeiten von Musikstilen auf. Mal beginnt sein Vortrag mit einer milden Wohlfühl-Ballade, einem schwebenden Räucher-Prozess in Noten, bei denen man sein Patschuli-Parfüm bis in die hintersten Reihen erschnuppern kann. Bis Makhathini, Ndlazi und Mela, die pausenlos miteinander kommunizieren, ohne erkennbaren Bruch in einen südamerikanischen Rhythmus überleiten, dann in einen Blues münden, der schließlich bei einer Art Wiener Walzer endet. Die Stücke tragen Namen wie „Schwarz“, „Frieden“ oder „Vogel“. Nummern wie „Uxolo“ oder „Izinkonjana“ erinnern in ihrer leichtherzigen Vermischung von Gospel- und Kwela-Musik an Abdullah Ibrahims erhebende Anti-Apartheid-Hymne „Mannenberg“. Es gibt mystische Beschwörungsformeln, die nicht nur die Musiker in einen tranceähnlichen Zustand versetzen, einem Strudel gleich, der jeden immer tiefer hinabzieht. Viele seiner Kompositionen kreiseln um ein tonales Zentrum wie in einer Beschwörungszeremonie und leben von einer tiefen spirituellen Grundstimmung.

Das alles verfängt auf verblüffende, überzeugende Weise, weil es nie wie plumper Populismus daherkommt, sondern immer authentische Züge trägt – dieses Charisma, dieses Lachen, diese pure Freude just in diesem einen Augenblick.

Das ist auch bei der Zugabe „Ithemba“ (Hoffnung) so; ein Stück von strahlender, erhabener Schönheit, geradezu gelöst und geläutert. Dieser Mann kann tatsächlich mit Musik heilen!


Nduduzo Makhathini Trio | 06.03.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Er ist eine der großen charismatischen Figuren des Jazz, Philo­soph und Heiler, Schamane und Intellek­tueller, Komponist, Pianist, Sänger, einer der wichtigsten Musiker seines Kontin­ents und in seiner Heimat Südafrika ein echter Star. Im Neuburger Birdland-Jazz­club, in dem er an diesem Abend zum dritten Male auftritt, ist er das irgendwie auch, weil er die ganz besondere Gabe hat, seine Musik für sein Publikum fühl­bar, spürbar, erlebbar zu machen.

Makhathini, hineingeboren in eine Welt der Apartheid, die auch nach Nelson Mandela, Stephen Biko und Desmond Tutu nicht wirklich aufgehört hat zu existieren, ist nicht nur Künstler, sondern auch politisch aktiv und informiert bei all seinen Konzerten über seine „Philo­sophy Of Forgiveness“. Als spiritueller Musiker definiert er den Begriff der Hei­mat nicht geografisch, sondern im Zu­sammenhang mit dem Klang, dem Sound als Mutter aller Dinge. Er sei der Code, die gemeinsame DNA, auf die sich alle Jazzer verständigen können, und das Symbol der Mutter stehe für das Fühlen und das Empfinden, ohne das die Menschheit vor dem Aus stünde. Seinen Zuhörern dieses oftmals vergessene Le­bensgefühl zurückzugeben, sei seine Aufgabe, sagt er.

Da hat er sich in der Tat etwas vorge­nommen in einer Welt, in der die Offen­barung von Gefühlen, von einer aus dem Wesen des Menschen an sich kommen­den inneren Lebendigkeit, nichts mehr zählt, man sich für deren Existenz viel­mehr zu schämen scheint. Makhathini freilich, der sein Publikum nicht nur künstlerisch, sondern auch emotional bei sich selbst abholt, es mit musikalischen Mitteln hineinzieht in einen akustischen Sog des Empfindens mit allen Sinnen, geht ganz in seiner Mission auf. Wobei seine afrikanische Herkunft, in der nicht nur Spiritualität, sondern etwa auch überlieferte Rhythmen und Melodien oftmals eine ungleich größere Rolle spie­len als hierzulande, nur das eine Element ist. Das andere ist die DNA des westlich geprägten Jazz, dessen afrikanische Wur­zeln im Falle Makhathini von so ent­scheidender Bedeutung sind. Abdullah Ibrahim und Randy Weston mögen die Klassiker sein, der stark mit der Zulu-Kultur verbundene Nduduzo Makhathini ist deren legitimer Nachfolger.

Und obwohl er auch Entertainer und Showman ist, ist er kein Rollenspieler des Showbiz, sondern absolut echt. Was auch für sein herzliches Verhältnis zu seinen Partnern, dem Kontrabassisten Dasilu Ndlazi und dem Schlagzeuger Francisco Mela, gilt. Seine Offenheit und positive Zugewandtheit bekommt auch das Publikum zu spüren. Spränge jemand auf und finge an zu tanzen, wäre das vermutlich ganz in seinem Sinne. Aber auch bewusstes Zuhören ist ihm wichtig und er bedankt sich ausdrücklich und mehrfach dafür und so bleibt es am Ende bei einen von allen zusammen in­tonierten Phantasie-Refrain. Wie auch immer, Hauptsache die Vibes zwischen Bühne und Zuschauerraum stimmen, und wenn eine emotionale Verbindung zwi­schen beiden entsteht, was an diesem Abend binnen weniger Minuten passiert, hat er sein Ziel erreicht. Diesmal mit ganz anderen Mitteln als beim letzten Konzert vor drei Jahren, mit weniger ex­trovertierten Passagen, statt dessen auch mit leisem Säuseln zwischen den hefti­gen Böen und den plötzlichen und uner­warteten Stopps, die zu seinem Marken­zeichen an diesem Abend werden. Wobei das der immensen Intensität freilich kei­nerlei Abbruch tut.


Christian Elsässer Quintett | 28.02.2026
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es ist immer etwas Spielerisches dabei. Wobei man sich den dreifachen Vater Christian Elsässer vielleicht als jemanden vorstellen könnte, der selbst das spontane Verstecken seiner Kinder, profanes Topfschlagen oder ein impulsives Mensch-ärgere-dich-nicht bis ins haarkleinste Detail plant. Nur die lieben Kleinen sollen am besten nichts davon merken.

So ist das nun mal, wenn ein mittlerweile in großen Kategorien denkender Pianist, der trotz seiner erst 42 Jahre schon für alle vier deutschen Rundfunk-Bigbands, das Metropole Orkest, die Jazzrausch Bigband und obendrein für Weltstars wie Dee Dee Bridgewater oder Kurt Elling arrangiert und dirigiert hat, im abermals voll besetzten Neuburger Birdland-Jazzclub Musik für ein kleineres Ensemble verwirklicht. Elsässer ist ein Perfektionist par excellence, ein ziemlich talentierter, fast schon genialer noch dazu. Um seine wild umherfliegenden Ideen zu bündeln, muss er sie ganz zwangsläufig einem Motto unterordnen. Und so geht es an diesem Abend vor allem um den Umzug des Pianisten und seiner Familie aus München hinaus aufs Land, durchzogen von Aufbruchsstimmung, Wehmut und dem Zauber neuer Anfänge. Und so verwundert es kaum, dass die Kompositionen aus seiner Feder alle Dynamik, Aufbruchsfreude, aber auch eine gewisse Anspannung ausstrahlen.

Weil Elsässer dabei stets einen gewissen erzählerischen Gestus als roten Faden an den Tag legt, klingt kein Stück wie das andere. In „Morgentau“ etwa, in dem das Tenorsaxofon von Niels Klein nach anfänglicher Euphorie verschattet-nachdenkliche Linien absondert, die sich irgendwo zwischen verwunschenem Sirenengesang und obskurem ländlichem Getier ansiedeln. Man erkennt jede Menge Spaß in „The Move“ und kann sich in „Move Out“ ein leeres Haus vorstellen, das Schlagzeuger Fabian Arends gerade „besenrein“ gefegt hat. Nach dem spritzig swingenden Opener des zweiten Sets, in dem der Bandleader die ständigen Fragen der Kinder, wann man denn endlich am Ziel angelangt sei („Bald!“), in „Almost There“ aufs Korn nimmt, erinnert er sich nach der Pause an die Vögel in seinem alten Münchner Domizil („Birds“) und ihren Gesang mit den unberechenbaren Linien sowie eigenwilligen Melodieverzwirbelungen, die vor allem durch das hibbelige Geklöppel von Vibrafonist Tim Collins wie der Soundtrack aus einem flatternden Käfig anmuten lassen. Und „Circles And Corners“ klingt genauso, wie es der Titel verspricht: voller Kreise und Ecken, mit jeder Menge Monk-Anspielungen.

Es gibt abstrakte, verspielte Tongemälde in der Hommage auf seine Töchter „Lisa & Lilli“ und ein sanft dahingleitendes, wunderbares „Wiegenlied“, das Christian Elsässer ganz allein am Bösendorfer eröffnet. Was auffällt dabei: Der Pianist scheint selbst bei seinen feinen, anmutigen Soli immer an seinen Notenblättern zu hängen, er reproduziert gewissermaßen die Töne, die er sich bereits zuvor in seinem Kopf zurechtgelegt hat. Derweil kann Hennig Sieverts im Verbund mit den Tasten des Flügels zeigen, welch feiner Bassist mit unglaublich wärmendem Ton er doch ist. Bei den fünf herausragenden Instrumentalisten schimmert jede Menge intelligente Lyrik durch, gepaart mit allerhöchsten technischen Fertigkeiten. Allerdings spricht es für diese Band, dass sie ihre Musik nie übervirtuos oder „kopfig“ an ihr Publikum weitergibt, sondern immer nahbar und emotional bleibt. Und so entsteht daraus ein reizendes, musikalisches Tagebuch aus dem Leben einer Familie, in dem es um eine Reise voller Abschiede und Neubeginne geht. Denn Leben ist Veränderung. Im besten Falle entsteht daraus einfallsreicher Jazz wie dieser.


Christian Elsässer Quintett | 28.02.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Eine Familie, zwei Er­wachsene und drei Kinder, zieht aus der Großstadt aufs Land. Da ist es durchaus sinnvoll, den sich daraus ergebenden Wandel, die Veränderungen und all die neuen Eindrücke zu dokumentieren. Der eine führt Tagebuch, der andere tut das mit der Kamera oder dreht zu Erinne­rung diverse Videos. Christian Elsässer fasst den Prozess des Umzugs in Töne, schreibt elf Stücke darüber, fasst sie zu einem Album zusammen, das er „The Move“ nennt, stellt eine Band auf die Beine, geht damit auf Tour und lässt an diesem Abend auch die Besucher des Birdland Jazzclubs in Neuburg teilhaben an seinen Umzug von Schwabing ins Chiemgau.

Elsässer hat eine Professur für Kompo­sition und Jazz-Piano an der Hochschule für Musik und Theater in München inne, hat mit Dee Dee Bridgewater, Kurt El­ling und Mike Stern gearbeitet und mit allen vier deutschen Rundfunk-Bigbands (WDR, HR, NDR, SWR) und gilt mit gerade mal 42 Jahren als eine der vielsei­tigsten Stimmen des jungen europäi­schen Jazz. In Neuburg entwirft er zu­sammen mit seinen Kollegen Niels Klein am Tenorsaxofon, Tim Collins am Vibra­phon, Henning Sieverts am Kontrabass und Fabian Arends am Schlagzeug Stimmungsbilder, emotional aufgeladene Momentaufnahmen vom „Morgentau“ am See, in „Birds“ von kleinen Kindern am Spielplatz, die zwischen Spatzen her­umspringen, mit ihren Puppen namens „Lisa & Lilli“ spielen und anschließend erschöpft in die Kissen sinken, akustisch kommentiert von einer Komposition mit dem schlichten Titel „Wiegenlied“.

Doch der Mann, der vom Klavier aus Regie führt, ist nicht nur Papa, sondern auch Tüftler. Für sein Stück „Short Sto­ries No. 2“ wählte er ganz bewusst die Vorgabe, dass alle dafür nötigen Noten unbedingt auf ein einziges Notenblatt passen sollten. Für „Kanon“ mussten nacheinander und in genau dieser Rei­henfolge Bass, Vibrafon, Saxofon und Klavier mit der gleichen Melodie ins Ge­schehen eingreifen, und zwar exakt nach 14 Takten. Dass sich daraus ein weiteres Stück in Elsässers typischem Duktus, zu dem Wärme und Weichheit ebenso gehö­ren wie kompositorische Finessen und der Wagemut eines erfahrenen Arran­geurs, der durchaus auch mal eine Kom­position für ein Quintett einrichtet, als hätte er eine Big Band vor und um sich herum. Da passt es auch ins Bild, dass mittendrin Johann Sebastian Bach auf­taucht und am Ende in der Zugabe sogar ein Walzer namens Country-Quintett. Womit sich der Kreis zur Familie aber­mals schließt.

Manchmal fühlt man sich vom Sound her ein klein wenig an Gary Burton’s ECM-Aufnahmen mit Eberhard Weber und Rainer Brüninghaus erinnert, weil Piano, Kontrabass und Vibrafon für eine ganz eigene klangliche Facette stehen, manchmal kommen sich kammermusika­lischer Minimalismus und eine fiktive Big Band im Hinterkopf ziemlich nahe und mitunter würde auch der Begriff Konzept-Jazz greifen. Aber solcherlei Versuche der Etikettierung mögen zwar der Beschreibung wegen nützlich sein, sagen aber wenig aus über das Gesamt­empfinden angesichts einer Sammlung wie „The Move“. Die ist intellektuell und ausgetüftelt, ja, aber auch emotional, liebevoll und sehr persönlich. Und wird auch noch schön portioniert, überlegt do­siert, einfühlsam mit George Shearing’s „Conception“ garniert und kompetent präsentiert. Was für ein schöner, interes­santer und bereichernder Abend.


The Hot Stuff Jazz Band feat. Alexander von Hagke | 26.02.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

L.A.? – Das bedeutet nicht immer und automatisch Los Ange­les, im Jazz schon gleich gar nicht. Wenn man nämlich die sechs Herren der Hot Stuff Jazz Band und das begeisterte Pu­blikum im Audi Forum fragte, wären sich alle darin einig, dass das Kürzel an diesem Abend nur für niemand anderen als „Louis Armstrong“ stehen kann. Um „Satchmo“, den ersten Superstar des Jazz, dreht sich alles bei diesem, dem 199. Konzert der Reihe „Jazz im Audi Forum“, um dessen Kompositionen, die fast alle ein ganzes Jahrhundert auf dem Buckel haben, und damit gleichzeitig auch um New Orleans, der Stadt, aus der er stammte, der Crescent City, von der aus er seinen Siegeszug um die ganze Welt antrat.

Und natürlich auch um Lil Hardin, sei­ne Ehefrau und Pianistin, um seinen Kol­legen Fats Waller, seine beiden wichtigs­ten Bands, „The Hot Five“ und „The Hot Seven“ und all die berühmten Komposi­tionen, die er tatsächlich geschrieben hat oder die ihm posthum zugeschrieben werden, „“C’est Si Bon“, „Hello Dolly“, „Wonderful World“ und all die anderen. Heinz Dauhrer (Trompete), Butch Kel­lem (Posaune), John Brunton (Gitarre, Banjo), Gary Todd (Kontrabass), Her­mann Roth (Schlagzeug) und der Klari­nettist Alexander von Hagke, der im Audi Forum tatsächlich zum allerersten Male mit seinen Kollegen auf einer Büh­ne steht und sich vom ersten Augenblick an komplett integriert zeigt, sind quasi so etwas wie „The Hot Six“. Nicht, weil sie wie eine Horde junger Wilder mit Swing, Oldtime- und Traditionnal Jazz den Saal rocken würden, sondern weil sie inner­lich brennen für „ihre“ Musik. Die Her­ren sind Überzeugungstäter, das merkt man ab der ersten Minute, ab den ersten Tönen von „Sleepy Time Down South“, der Nummer, der trotz ihres Titels ein Abend mit alles anderer als einschlä­fernder Musik folgt.

Die Band hat – ohne Alexander von Hagke – oftmals im Birdland Jazzclub in Neuburg gespielt, noch nie zuvor aber im Audi Forum. Doch auch in dieser weitaus größeren Location schafft sie es, ihr Konzert in einer geradezu familiären Atmosphäre ablaufen zu lassen. An die­sem Abend gibt es nur Fans, auf der Bühne, vor der Bühne, und wer anfangs noch keiner war, der wird bis zum Ende einer. Dieses Sextett mag nicht in jeder Hinsicht perfekt sein, dafür verfügt es über Charisma und Seele. Dauhrers mit Augenzwinkern moderierten Geschich­ten offenbaren souveräne Bühnenpräsenz und jeder einzelne in der Band spielt mit Hingabe an die gemeinsame Sache und mit Herzblut.

Und das Repertoire? – Die Melodien kennt jeder, der sich auch nur ansatzwei­se irgendwann einmal mit Jazz beschäf­tigt hat. Der „Savoy Blues“, Ain’t Misbe­havin’“, der „Basin Street Blues“ und „On The Sunny Side Of The Street“, „St. James Infirmary“ und natürlich „Do You Know What It Means To Miss New Or­leans“. Die Arrangements hingegen, spe­ziell zugeschnitten auf das Format des Sextetts, gehen zumindest in Teilen auf das Konto der Band, die damit alles an­dere ist als eine reine Tribute-Formation. „Nicht nur nachspielen, sondern inter­pretieren“ lautet die Devise und dies auf eine Art und Weise, die nicht auf Party und verschwitzte Leiber aus ist – was mit Armstrong sicher auch möglich wäre – sondern zu Herzen geht. „Hot Stuff“, der innerlich wärmt, was ganz besonders gut tut angesichts des nasskalten Nebels anschließend draußen auf der Plaza auf dem Weg zum Parkplatz.


Mike LeDonne Quintet | 21.02.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Im Mai 1996 lieferte der legendäre Vibraphonist Milt Jackson im Birdland Jazzclub ein sensationelles Konzert ab. Am Flügel saß damals „der hinreißende Pianist Mike LeDonne mit seinem erlesenen Blueshändchen“, wie es anschließend in der Presse hieß. Der ist nun wieder in Neuburg zu Gast, diesmal als Chef einer eigenen Band, und beginnt sein Konzert mit Ray Brown’s „Used To Be Jackson“, das auch damals auf der Setlist stand. Und erweist sich dabei wieder einmal als ein Meister aller Tasten, dem weder im Mainstream- noch im Modern Jazz so leicht einer etwas vormacht.

Ansonsten ist er auch öfter mal mit The Heavy Hitters oder mit Soul Chemistry anzutreffen, mitunter auch an der Hammond B3, diesmal jedoch wird der Mann aus Bridgeport, Connecticut unterstützt von Andrew Wagner an der Trompete, Alex de Lazzari am Tenorsaxofon, Clemens Gigacher am Kontrabass und Joris Dudli am Schlagzeug. Diese Besetzung ist zwar der seiner anderen Projekte nicht unähnlich, die Musik jedoch ist eine ganz andere. Bis auf zwei Exkursionen ins Great American Songbook, die man aber vernachlässigen kann, geht es bei diesem Konzert fast ausschließlich um Le Donne-Stücke aus verschiedenen Phasen seiner Karriere, um „Silver Dust“, das er für Horace Silver geschrieben hat, um das bluesige „That’s What’s Up“, das wuchtige „Continuum“ und das rasante „Groundation“, das er ausdrücklich seinem 2019 verstorbenen Pianisten-Kollegen Harold Mabern widmet, der 2017 noch selbst im Birdland konzertierte. LeDonne macht aus seiner Hochachtung ihm gegenüber kein Geheimnis und spielt im Andenken an ihn auch noch „The Booking Agent“.

Rasende Läufe, geerdet durch dazwischen geschobene Akkordblöcke, harmonische Richtungswechsel und dieser unglaubliche Einfallsreichtum – das sind Faktoren, die LeDonne auszeichnen. Besonders gut zu beobachten sind sie in dem Moment, als die beiden Bläser von der Bühne gehen und bei Mongo Santamaria’s „Afro Blue“ das Quintet zum Trio wird. Was LeDonne mit diesem Titel abliefert, ist schlichtweg Weltklasse und steckt trotz verminderter Wucht voller Energie und innerem Feuer. Denn auch diese Komponenten gehören mit dazu, wenn aus einem Konzert ein denkwürdiges Ereignis werden soll, das Publikum nicht nur beeindruckt sondern gepackt und mitgerissen werden soll. Die Bläser schieben an, der Groove rollt unerbittlich und die Solisten überschlagen sich geradezu im Entwickeln unorthodoxer Ideen, die sie dann auch noch meisterlich umsetzen.

In für den Hardbop typischer Besetzung leistet die Band wahrlich Großartiges an diesem Abend und die beiden erfahrenen Haudegen Dudli und LeDonne, der nicht nur an der Seite von Milt Jackson, sondern auch an der von Benny Goodman, Dizzy Gillespie oder Joshua Redman zu hören und zu sehen war, harmonieren prächtig mit den Jungen, die ihre Söhne sein könnten. Das kommt wie zu erwarten sehr gut an beim Publikum, das denn auch postwendend eine Zugabe fordert, die gerne gewährt wird. In Form eines wunderschönen Blues, der musikalischen Form, die das gesamte Werk LeDonne’s wie ein Bekenntnis durchweht. – Ein überaus beeindruckender Abend im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke mit heißer Musik drinnen bei nasskaltem Schmuddelwetter draußen vor der Tür.


Wawau Adler Gypsy Bop | 20.02.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wenn es um Gypsy Swing geht, steht normalerweise im Mit­telpunkt des Geschehens und des Interes­ses ein Gitarrist, der auf rasend schnelle Art Läufe und Melodien spielt und nicht selten ein Virtuose auf seinem Instru­ment ist. Manchmal ist ein Geiger mit dabei, ein Akkordeonist oder in seltenen Fällen auch ein Klarinettist, der es ihm gleichtut, so gut wie nie aber ein Schlag­zeuger, weil für den Rhythmus ein zwei­ter Gitarrist und der Bassist sorgen. Und in kompositorischer Hinsicht schwebt fast immer der legendäre Django Rein­hardt über der Szenerie, der Übervater dieser ganz und gar eigenen Gattung des Jazz.

Der Gitarrist Wawau Adler, der an die­sem Abend im Birdland Jazzclub in Neu­burg gastiert, bildete da bislang keine Ausnahme. Nun aber hat er neben Mi­chael Acker (Kontrabass) und Julian Wohlmuth (Rhythmusgitarre) den Altsa­xofonisten Jan Prax neben sich auf der Bühne, nennt seine Band „Gypsy Bop“ und stellt damit eine Verbindung her zwischen dem, womit Reinhardt (1910-1955) zur zentralen Figur seines Subgen­res wurde, und dem, was man bis heute Bebop nennt und was gleichzeitig auf In­itiative eines Charlie Parker (1920-1955) im Rest der Jazzwelt für Aufsehen sorg­te. Adler spielt wohlgemerkt im Verlaufe des Abends keinen einzigen Ton aus Reinhardt’s Werk und Prax keinen aus dem von Parker, aber die beiden Heroen sind quasi mit im Raum und Treffen auf Vermittlung Adlers aufeinander, was ein Gypsy Swing-Konzert ergibt, das zwar auf traditioneller Basis abläuft, aber doch sehr über das hinausgeht, was sonst unter diesem Etikett angeboten wird.

Neben einigen Fremdkompositionen wie Gershwin’s „The Man I Love“, Jo­bim’s „Meditation“ und „Illusionen“ aus der Feder von – man glaubt es kaum – Udo Jürgens gibt es etliche Adler-Stücke zu hören. „Kolibri“, das drei Tage nach dem Konzert im Studio für eine CD ein­gespielt werden wird, das vom Titel her absolut ins Bild passende „Jazzy Popu­lair“ oder „Moods“, das alles enthält, was Adler als Gitarrist auszeichnet. Die Konzeption der Stücke verrät dessen Nähe zur Tradition, den Bebop bringt Prax ins Spiel, der sich mit seinem Ton ausdrücklich auf Parker bezieht und mit­unter auch auf John Coltrane, der ja zu Beginn seiner Karriere auch überwie­gend Altsaxofon spielte. Deren Erbe ver­bindet er mit der Rasanz, den reichhaltig ornamentierten Figuren und den flüssi­gen Girlanden des Gypsy Swing, fügt sich damit ein in die Welt Adlers, berei­chert sie, aber nicht als Gast, sondern von Beginn an als ein Teil von ihr.

Normalerweise weiß man als Zuhörer bei einem Gypsy Swing-Konzert, was ei­nen erwartet. Adler und seine Band wer­den den Erwartungen absolut gerecht, auch ohne die ansonsten unvermeidli­chen Reinhardt-Stücke. Der Wohlfühl-Charakter, der unerbittliche Swing-Groo­ve, die Virtuosität der Solisten, die spezi­ell europäische Note dieser Musik – alles ist da und verfehlt nicht seine Wirkung beim Publikum, das sich wieder einmal schwer beeindruckt zeigt. Das Besondere freilich, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt, ist die Öffnung eines Genres, das immer wieder für Staunen, Relaxtheit und Genuss sorgt, aber auch oftmals durch vorgezeichnete Grenzen gekenn­zeichnet ist. Dass beides geht – Traditi­onsbewusstsein und Offenheit – zeigt dieser Abend.


Wawau Adler Gypsy Bop | 20.02.2026
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Schon Django Reinhardt hatte ja vor seinem allzu frühen Hinscheiden mit dem Bebop geliebäugelt, seinen Gypsy-Swing peu à peu erweitert auf die moderneren Ausdrucksweisen, wie sie vor allem mit dem Namen Charlie Parker verbunden sind. So ist es durchaus folgerichtig, ein Gypsy-Swing- und -String-Trio mit einem Altsaxophon anzureichern. Was der junge Saxophonist Jan Prax lustvoll nutzte, weniger als Sidekick denn als echter Dialogpartner in den Bund einzutreten.

Der Auftakt präsentiert klassisches Uptempo mit feinem Swing, mitreißendem Groove und blitzgeschwinden Soli, in den sich die Saitenhexerei Wawau Adlers und das heiße Saxophon von Jan Prax in Duetten, Duellen, Exkursen, Unisono-Parts und dem einen oder anderen humorvollen Schlagabtausch erst mal so richtig warm spielen.

Anekdote am Rand: Beide stammen aus Karlsruhe, sind sich aber, obwohl Adlers Frau und Prax’ Mutter sich schon länger kennen, erst kürzlich begegnet. Wawau Adler, längst ein alter Hase des Genres, beherrscht den Saitenzauber aus dem Effeff, gibt ihm in Melodieführung und Tongestaltung indes genau jene eigene Handschrift, die seine Musik so unverwechselbar macht, selbst wenn er zwischendrin mal nur kleine, feine Ornamente aus dem Ärmel schüttelt. Sein Spiel zeichnet sich einerseits durch die klassischen, swingenden Hochgeschwindigkeitsattacken aus, andererseits durch intensive Empfindsamkeit, die einen Song wie »Illusions«, seinerzeit von Udo Jürgens der unvergessenen Alexandra auf den Leib komponiert, so unter die Haut gehen lässt.

Dazu ist Wawau Adler selbst ein vertiabler Komponist, dessen Stücke allemal zu Standards des Genres taugen: »Jazzy Populaire« etwa, »Autumn Swing« oder »Kolibri«, allesamt mit dem Zeug zum Klassiker, halten dem Vergleich mit etwa Gershwins »The Man I Love« locker swingend Stand.

Gypsy-Swing at its best, mit jeder Menge feiner Sahnehäubchen obendrauf: »Here‘s That Rainy Day«. Jan Prax nutzt die Steilvorlagen zu den Bebop-typischen Feuergirlanden, wie sie Minton‘s Playhouse entzündeten – auch hier ist Geschwindigkeit keine Hexerei – erweist sich indes auch im Balladenspiel mit feinem Ansatz als sensibler Meister seines Fachs. Nicht zu vergessen natürlich die beiden Wiener Swing-Garanten Julian Wohlmuth an der Rhythmusgitarre und Michael Acker am Kontrabass, ohne deren locker durchlaufenden Groove die Solisten im luftleeren Raum entschweben würden.

Spätestens mit »Cherokee«, einem Referenzstück des Übergangs vom Swing zu Bop, war dem Konzert nichts hinzuzufügen.