Presse

Der Birdland Jazzclub und der „Jazz am Audi Forum Ingolstadt“ | 27.04.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

„Die Zusammenarbeit zwischen Audi und unserem Kooperati­onspartner, dem Birdland Jazzclub Neu­burg, ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt Angela von Großmann, Referentin im Bereich Unternehmensauftritt, Audi Fo­rum und Kulturmanagement beim Kon­zern mit den vier Ringen. „Audi ist ein wunderbarer Partner und Gastgeber für unsere Konzerte. Man ist dort so richtig mit Herzblut bei der Sache“, sagt Man­fred Rehm, Chef des Birdland Jazzclubs.

Vor 20 Jahren, im Mai 2001, veranstal­tete Rehm das erste Konzert im damals gerade neu eröffneten Forum, exakt 167 weitere sollten folgen. Und dazu noch gute 500 in der After Work Jazz Lounge. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie alles anfing. Franz-Xaver Paefgen, der spätere Vorstandsvorsitzende der Audi AG, sei privat häufiger Besucher im Jazzkeller in Neuburg und sogar Clubmitglied gewesen, erzählt er. „Nachdem das Audi Forum fertiggestellt war, kam ich mit ihm ins Gespräch und es entstand die Idee, das Forum als eine Art Dependance des Birdland zu nutzen, somit quasi den Jazz und damit auch die Öffentlichkeit der Region ins Werk zu holen und zudem interessierten Mitarbei­tern zusätzlich als Alternative jenseits der Klassik bei den Sommerkonzerten auch noch Jazz anzubieten.“ So seien damals nahezu gleichzeitig zwei Forma­te ins Leben gerufen worden, die heute ihren festen Platz in Ingolstadts Kulturle­ben haben, das Audi Programmkino auf der einen und eben die Reihen „Jazz am Audi Forum“ und die „After Work Jazz Lounge“ auf der anderen Seite.

Die große Bühne im Forum war natür­lich eine Riesenchance für das Birdland. Endlich konnte Rehm seinem Publikum das komplette Spektrum des Jazz nahe­bringen. Alles, was im engen Jazzclub in Neuburg nicht möglich war, war nun machbar. „Die meisten Jazzbühnen setzen auf Künstler, die sowieso ein Pu­blikum haben“, sagt Rehm, „wir hinge­gen bringen auch sperrige Sachen, auch Avantgarde. Das ist eher der harte Weg, man muss sich sein Publikum erst er­kämpfen, erwirbt sich damit mit der Zeit aber den Ruf, etwas Außergewöhnliches zu machen. Trotzdem will ich aber auch für Leute da sein, die leichter zugängli­che Musik hören wollen, zum Beispiel Swing oder traditionellen Jazz. Das Audi Forum bot mir endlich die Möglichkeit, hohe Qualität für ein breiteres Publikum anzubieten.“

Rehm war sofort begeistert, als ihm an­geboten worden war, als Veranstalter das Forum mit Jazz zu füllen. Endlich konn­te er die großen Orchester verpflichten, die nie und nimmer Platz gefunden hät­ten auf der keinen Bühne im Kellerge­wölbe des Birdland in Neuburg. Und mit der Reihe „After Work Jazz Lounge“ konnte er endlich in ausreichendem Maße Duos und Solisten, also kleine Formate, präsentieren, für die im Club nicht genügend Termine zur Verfügung standen, und zudem noch unbekannten regionalen Künstlern eine Auftrittschan­ce geben.

Die Voraussetzungen waren ideal. Ge­nau das richtige Fassungsvermögen, eine tolle Akustik, eine große Bühne und na­türlich, für Rehm ganz wichtig: ideale Arbeitsbedingungen. Er habe in künstle­rischer Hinsicht immer freie Hand ge­habt, sagt Rehm, nie habe ihm irgendje­mand dreingeredet, wenn es um die Ver­pflichtung der Künstler ging. Er meine recht gut einschätzen zu können, was in Ingolstadt geht und was nicht und habe das Programm an diesen Anforderungen ausrichtet. „Und meine Partner bei Audi sorgten immer für eine perfekte Durch­führung. Mit Jürgen Bachmann, Stephan Öri, Brigitte Urban oder Angela von Großmann vor Ort lief und laufe jedes einzelne Event im Laufe der vergange­nen Jahre ab wie am Schnürchen.“ Ein Kompliment, das die Letztgenannte ger­ne zurückgibt. „Durch die Zusammenar­beit mit Manfred Rehm konnten wir be­geisterten Fans zahlreiche große Musik­momente ermöglichen.“

Einer dieser großen Musikmomente sind beispielsweise die jährlichen „Djan­go Reinhardt Nights“. „Nahezu jeder Jazzclub führt im Advent Weihnachts­konzerte mit verjazzten Weihnachtslie­dern durch“, sagt Rehm. „Das nutzt sich irgendwann mal ab. Deshalb wollten wir etwas komplett anderes machen. Django Reinhardt ist der Urvater des einzigen ei­genständigen europäischen Jazzstils, der nicht von den USA beeinflusst wurde, aber trotzdem in der ganzen Welt ge­spielt wird. Das wollten wir würdigen, und haben damit bis heute riesigen Er­folg.“

Je mehr Manfred Rehm über die ver­gangenen 20 Jahre erzählt, desto mehr Anekdoten fallen ihm ein. „In all den Jahren mussten wir nur zwei Konzerte absagen und zu einem späteren Termin nachholen. Das eine war das mit der Tim Bendzko Big Band im Januar 2007. Da fegte ein Orkan hinweg über Deutsch­land und machte eine Anreise unmög­lich. Das andere war das mit Freddie Hubbard & The Young Composers Or­chestra. Hubbard sollte am 13. Septem­ber 2001 im Forum spielen. Wir hatten vereinbart, dass ich ihn zwei Tage vorher von Neuburg aus nochmals in New York anrufen sollte wegen der genauen Abhol­zeit am Flughafen in München und ande­rer Details. Doch so oft ich es auch ver­suchte, die Leitung war tot. Ich dachte natürlich, mein Telefon wäre kaputt und ging verärgert vor die Tür, um erst ein­mal zur Beruhigung eine Zigarette zu rauchen. Dort traf ich zufällig unseren heutigen Oberbürgermeister, den Dr. Bernhard Gmehling, der mich fragte, ob ich denn schon gehört hätte, was in New York passiert sei. Auf diese Art habe ich vom Anschlag auf die Twin Towers er­fahren und dass alle Leitungen nach New York ausgefallen waren. – Das Kon­zert haben wir dann ziemlich genau ein Jahr später nachgeholt.“

Gerne erinnere er sich auch an einen Weltwirtschaftsgipfel in Davos, bei dem sich auch die Audi AG präsentiert habe. Unter anderem mit einem Konzert, für das Rehm durch seine weltweiten Kon­takte innerhalb der Szene den Pianisten Paul Kuhn für den Konzern gewinnen konnte. „Der lebte damals im schweize­rischen Lenzerheide und war sofort be­geistert, weil der Auftritt ja quasi gleich bei ihm um die Ecke stattfand. Der Abend wurde ein voller Erfolg und sorg­te weltweit für großes Aufsehen, auch deswegen, weil plötzlich der ebenfalls anwesende damalige US-Präsident Bill Clinton kurzerhand sein Saxofon aus­packte und spontan einstieg.“

Unter den Musikern gebe es immer wieder richtige Auto-Freaks, sagt Rehm. Ron Carter etwa sei absoluter Audi-Fan und fahre selber privat auch einen. Er ließ sogar extra ein Video drehen, auf dem zu sehen ist, wie er stolz durch Downtown Manhattan fährt. Oder auch Chris Barber, der seinen 75. Geburtstag zusammen mit seiner Band unbedingt „irgendwo in Deutschland, wo’s halt be­sonders schön ist“ feiern wollte. Er sei derart begeistert gewesen von den Expo­naten im Audi Forum, dass er nach sei­nem Auftritt spontan zwei Tage in Ingol­stadt drangehängt habe, mit einem Leih­wagen die Region erkundet und am Abend seines Geburtstags noch ein Zu­satzkonzert im Forum gegeben habe.

Nun wäre es eigentlich angebracht, die 20-jährige Zusammenarbeit gebührend zu feiern. Was natürlich coronabedingt nicht möglich ist. „Die Kulturschaffen­den selbst haben derzeit wenig bis gar nichts zu sagen,“ sagt Rehm. „Wer be­stimmt sind Mediziner, Juristen, die Kommunalverwaltungen, hier vor Ort der Werksschutz. Das muss man zwar akzeptieren, als im kulturellen Bereich Tätiger aber nicht auch noch toll finden. Ich bleibe dennoch trotzdem optimis­tisch. Wenn die Zusammenarbeit in die­ser Art für weitere 20 Jahre weiterginge, wäre ich absolut zufrieden.“ Angela von Großmann sieht das ähnlich. „Wir haben dieses Konzept über all die Jahre konti­nuierlich gepflegt und werden es auch in Zukunft weiterentwickeln.“


30 Jahre Birdland im Kellergewölbe un­ter der Hofapotheke | 30.01.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

1. Februar 1991, kurz vor Mitternacht. Ein für den Jazz in der Region, für Neuburg und für die Betrei­ber des Birdland Jazzclubs geht ein denkwürdiger Tag zu Ende. Soeben näm­lich ist das erste Konzert im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke in Neu­burgs Altstadt zu Ende gegangen. Dusko Goykovich (Trompete, Flügelhorn), Roman Schwaller (Tenorsaxofon), Joe Kienemann (Piano), Karsten Gnettner (Bass) und Wolfgang Haffner (Schlag­zeug) verlassen die Bühne. Sie haben ge­rade eben ein Stück Jazzgeschichte ge­schrieben. Was natürlich damals, vor ge­nau 30 Jahren, niemand vorhersehen konnte. In den nächsten Jahren wird die Adresse Am Karlsplatz A 52, D-86633 Neuburg an der Donau, in Jazzkreisen immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Der Birdland-Jazzclub an sich ist ja doppelt so alt. Nur hatte er in der ersten Hälfte seines Bestehens kein dauerhaftes Domizil. In lockerer Folge holte der Club bereits vorher nationale und inter­nationale Stars des Jazz an die Donau, gespielt wurde im „Cafe Huber“, in der „Rennbahn“, im „Neuhof“, in der „Aus­sicht“ und im „Cocodrillo“. „Das waren aber immer nur Notlösungen“, erzählt Birdland-Chef Manfred Rehm. „Wir wa­ren damals auf der Suche nach einer fes­ten Spielstätte und ich bekam eines Ta­ges den Tipp von Winfried Rein, einem Ingolstädter Journalisten des Donaukuri­er übrigens, dass geplant sei, das Gebäu­de, das ab 1713 als Hofapotheke fungiert hatte, zu renovieren, und dass das dazu­gehörige Kellergewölbe für uns doch ideal sei. Das war es tatsächlich. Der da­malige und auch noch heutige Besitzer der Immobilie, ein Ingolstädter Investor, hatte eigentlich vor, dort eine Weinstube zu eröffnen, warf aber sofort diesen Plan über den Haufen, als ich ihm die Idee eines Jazzkellers vorstellte, und war begeistert.“

Nachdem der dort gelagerte Schutt und Unrat entfernt waren, ließ er den Keller nach den Vorstellungen Rehms umbau­en. Die 17 Zentimeter dicken Naturstei­ne des Fußbodens wurden erhalten, dar­unter freilich wurde eine moderne Fuß­bodenheizung verlegt. Auch die Belüf­tungsanlage, die jetzt in Coronazeiten so wertvoll ist, weil sie innerhalb von 11 Minuten die gesamte Raumluft durch Frischluft von draußen ersetzt, wurde da­mals schon eingebaut. „Das passierte wegen des Zigarettenqualms“, so Rehm. „Damals durfte man noch rauchen. Beim Jazz gehörte das ja fast schon mit dazu. Man kann sich heute gar nicht mehr vor­stellen, was los ist, wenn zwei Drittel der Zuhörer pausenlos Gauloises, Gitanes und Salem No.6 vor sich hin qualmen. Das Schöne an der Anlage ist: Man kann sie auch während der Konzerte durchlau­fen lassen, denn sie arbeitet nahezu ge­räuschlos.“

Am späten Abend des 1. Februar 1991 ist dann auch die letzte Frage beantwor­tet. Würde sich das Gewölbe auch in akustischer Hinsicht als geeignet erwei­sen? – Nach dem erfolgreichen „Probe­lauf“ mit dem Dusko Goykovich Quin­tett stellte sie sich gar nicht mehr, denn gerade wegen des hervorragenden Raumklangs sind ja nicht nur die Zuhö­rer begeistert, sondern auch die Musiker regelrecht scharf darauf, im Birdland spielen zu können.

30 Jahre ist das her, 30 Jahre, in denen fast alle, die im Jazz, Rang und Namen haben, in diesem Keller aufgetreten sind. Unter ihrem eigenen Namen, oder auch eher unauffällig, als Sidemen sozusagen. Bei durchschnittlich 70 Konzerten im Jahr ist ihre Anzahl beträchtlich. Wenn man sich die Fotogalerie an den Wänden des Clubs ansieht, bekommt man einen Eindruck davon. Es handelt sich dabei um ein Who’s Who des Jazz. Musiker, die zum ersten mal vor Ort sind, staunen regelmäßig ungläubig und fast andäch­tig, wenn sie registrieren, wer vor ihnen alles schon mal auf dieser kleinen, gera­de mal 14 Quadratmeter großen Bühne gestanden hat (siehe Kasten).

Nach all den Jahren gibt es natürlich auch jede Menge Anekdoten. Die vom Auftritt des Pianisten Cecil Taylors etwa. Er gab im November 2011 im Birdland eines von lediglich zwei Europa-Konzer­ten. Als der Bayerische Rundfunk davon hörte, wollte man das dort zuerst gar nicht glauben, schnitt aber den Auftritt dann mit. Das war der Startschuss für das Birdland Radio Jazz Festival, das Radio 2020 bereits zum 10. Male statt­fand.

Oder die über das Konzert mit der Band um den Trompeter Clark Terry im Mai 2000. „Wir waren vor dem Konzert ge­meinsam essen und Clark konnte sich köstlich amüsieren über die Bezeichnung „Herr Ober!“. Während des Auftritts komponierte er dann spontan auf der Bühne ein Stück, nannte es „Herr Ober!“ und ließ das Publikum mitsingen. Später kam dann eine CD mit dem Konzertmit­schnitt heraus, ebenfalls unter dem Na­men „Herr Ober!“. Terry kam damit so­gar in die Billboard-Charts.“

Und schließlich Tommy Flanagan. Der Pianist gab im Oktober 1994 ein Solo­konzert, was ihm, der sich immer als Teamspieler sah, gar nicht behagte. Das Konzert war sensationell, wurde mitge­schnitten, die Veröffentlichung kam aber nicht zustande, weil Flanagan zauderte und zögerte. Exakt dieses Konzert ist nun endlich auf Enja Records unter dem Titel „In His Own Sweet Time“ erschie­nen und wird allgemein als Sensation ge­feiert.

Auch der Flügel aus dem Hause Bösen­dorfer ist mit einer Geschichte verbun­den. „Eigentlich wollten wir zur Eröff­nung vor 30 Jahren ja einen Steinway kaufen“, erzählt Manfred Rehm. „Dann wurde ich auf die Firma Bösendorfer in Wien aufmerksam gemacht. Ich kontak­tierte also zehn Pianisten und fragte sie, welches Instrument sie denn bevorzugen würden. Acht sagten, ein Steinway wäre super, ein Bösendorfer aber ein Traum. Also fuhren wir nach Wien, um einen auszusuchen. Oscar Peterson war gerade in der Stadt, hat für uns die 20 vorhande­nen Modelle ausprobiert und für uns die Vorauswahl getroffen. Seither steht ein Bösendorfer M 200 bei uns hier im Club.“

Bei einem Projekt wie dem Birdland läuft viel im Hintergrund ab, wovon der Konzertbesucher erst einmal gar nichts mitbekommt. Da gibt es das clubeigene „Birdland“-Plattenlabel, auf dem mittler­weile 18 CDs erschienen sind. Da gibt es die erste Etage, hoch über dem Kellerge­wölbe. Dort befinden sich das Büro und das Archiv, von dort sendet der Bayeri­sche Rundfunk alljährlich die vierstündi­gen Jazznächte, dort ist die Instrumen­tensammlung mit jeweils zwei E-Pianos, Kontrabässen und Drum-Sets, einem Vi­brafon, Verstärkern und Mikrofonen un­tergebracht.

Von dort aus hält Rehm Kontakt zu Agenturen und Musikern in der ganzen Welt, von dort aus entwirft er das regulä­re Konzertprogramm, die Reihen „Art Of Piano“ und „Jazz regional“, das Bird­land Radio Jazz Festival und eine Reihe für junge Bands, die finanziert wird über die Preisgelder aus dem Spielstättenpreis der Bundesregierung.

Bleibt noch eine Frage, die ihm seit 30 Jahren immer wieder gestellt wird. Wie kann man sich diese Weltstars des Jazz, die ansonsten nicht selten in 1000-er Sä­len spielen, eigentlich leisten? Wie ist es machbar, dass man in Coronazeiten Bands unter Ausschluss des Publikums beim Birdland Radio Jazz Festival spie­len lässt und ihnen auch noch die volle Gage zahlt? „Das Birdland finanziert sich aus mehreren Töpfen.“, sagt Rehm. „Eintrittsgelder, Mitgliedsbeiträge und Spenden aus privater Hand sind das eine, hinzu kommen Förderungen durch die Stadt Neuburg und den Landkreis Neu­burg-Schrobenhausen, dann das Geld aus dem Spielstättenpreis und schließlich die Sponsoren, nämlich die Audi AG und die vPFoundation.“

h30 Jahre Birdland im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke. Herzlichen Glückwunsch! – Aber wie feiert man das Jubiläum in Zeiten, in denen Konzerte verboten sind? Auf diese Frage hat selbst Rehm keine Antwort. „Natürlich habe ich einen Plan für die Zeit nach dem Lockdown. Wir sind auf jeden Fall be­reit, sofort loszulegen, wenn es erlaubt ist. Nur kann mir aktuell nun mal nie­mand sagen, wann das genau sein wird. Damit müssen wir leben.“


Birdland Radio Jazz Festival 2020 – Finale
Sebastian Sternal solo / Trio Francel – Morello – Faller / Kathrin Pechlof Trio | 21.11.2020

Donaukurier | Karl Leitner
 

Das Birdland Radio Jazz Festival des Jahres 2020 wird auf jeden Fall in die Annalen eingehen. Erstens weil es das zehnte seiner Art war, somit also eine Jubiläumsveranstaltung, zweitens weil es in den neun Jahren vorher noch nie ein derartiges Hin und Her um das Programm und die daran beteiligten Künstler gab und drittens, weil fünf von acht Konzerten vor stark gelichteten Reihen und die verbleibenden drei gänzlich ohne Publikum stattfanden. Der Grund dafür? Corona natürlich, was sonst in diesen Tagen, da durch das Virus und die daraus resultierenden Verbote der Konzertbetrieb gänzlich zum Erliegen gekommen ist.

Nein, gänzlich dann doch nicht, denn der Pianist Sebastian Sternal, die gemeinsame Band von Mulo Francel und Paulo Morello sowie das Kathrin Pechlof Trio treten an drei aufeinander folgenden Abenden unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf. Lediglich der Veranstalter, ein Techniker, ein Fotograf und die Presse ist zugelassen und die beiden Redakteure des Bayerischen Rundfunks, die die ersten beiden Abende aufzeichnen und den dritten in einer vierstündigen Sendung aus Neuburg live weltweit übertragen. Es kommt ja schon einer Sensation gleich, dass die Konzerte überhaupt stattfinden, nachdem doch Unterhaltungsveranstaltungen generell verboten sind. Und die Anwesenden sind ja im Grunde auch nur vor Ort, um ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Was ausdrücklich erlaubt und auch notwendig ist. TV-Übertragungen von Geisterspielen im Fußball sind ohne Trainer, Fernsehteam, Kommentatoren und Platzwart schließlich auch nicht denkbar. Komisch fühlt sich die Situation allerdings schon an.

Manfred Rehm hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diese drei Abende wenigstens für die Hörer an den Radiogeräten zu retten. Notfalls würde er das Festival auch mit null Zuschauern durchziehen, hatte er bereits im Vorfeld verkündet. Genau das tut er nun, findet aber sogar in der für die Musiker, das Publikum und nicht zuletzt für ihn selbst höchst unbefriedigenden Situation noch etwas Positives. „Wenn die Leute schon nicht zum Jazz kommen dürfen, dann muss der Jazz eben zu ihnen kommen,“ sagt er. Er geht von geschätzten 100.000 Hörern aus – zuerst denen aus dem Einzugsbereich des BR, nach Mitternacht aus ganz Deutschland via Nachtprogramm der ARD und aus der ganzen Welt übers Internetradio. Das ist nicht übel für den kleinen Club in der Neuburger Altstadt, die in Pandemiezeiten nächtens wie ausgestorben ist. Einzige Besonderheit: drei Übertragungswagen auf dem Karlsplatz unweit des Eingangs.

Zuerst hatte Rehm auch Bands aus dem Ausland im Programm. Nachdem offensichtlich war, dass die nicht würden anreisen dürfen, tritt an den drei verbleibenden Festivalterminen nun also eine Art Plan B in Kraft. Aber was heißt das schon, angesichts der Tatsache, dass das Birdland in Musikerkreisen ein dermaßen hohes Ansehen genießt, dass für jeden zu vergebenden Konzerttermin regelmäßig Dutzende von Anfragen eingehen. Und außerdem sind andernorts Clubs ja derzeit eh geschlossen. Nein, hier wird an diesen drei Tagen alles andere als ein „Ersatzprogramm“ angeboten.

Natürlich ist die Situation ungewohnt, für Zuhörer und Musiker gleichermaßen. Statt das typische Gemeinschaftserlebnis eines Konzerts zu haben, sitzt man abgeschottet auf seinem Stuhl und hat das Gefühl als spiele Sternal, dieser großartige Pianist, der immerhin dreifacher Echo-Preisträger und Professor für Jazzklavier ist, tatsächlich nur ganz allein für einen selbst. Ob man versucht, dabei dessen Improvisationslinien nachzuverfolgen oder sich einfach nur mit ihm treiben lässt, bleibt einem selbst überlassen. Der Bösendorfer Flügel klingt im leeren Saal noch beeindruckender als sonst. Das Gewölbe wird zu einem riesigen Klangkörper. Das sind Erfahrungen, die man ohne Corona vermutlich gar nicht gemacht hätte. Dennoch: Wenigstens handelt es sich nicht um einen Stream aus der Quarantäne, sondern ist live und fühlt sich „echt“ an.

Ebenso wie Sternal sind tags darauf der von Quadro Nuevo her bekannte Mulo Francel (Tenorsaxofon, Klarinette), Paulo Morello (Gitarre) und Sven Faller (Kontrabass) bester Dinge und dankbar, in Neuburg spielen zu können. Für die drei ist es das erste gemeinsame Konzert, überhaupt. Jeder steuert seine eigenen Kompositionen bei, wobei ein Schwerpunkt auf dem Erbe der Juden Osteuropas vor dem Hintergrund ihres Schicksal Mitte des 20. Jahrhunderts und dessen Einbettung in den Kanon des World Jazz liegt. Die Stücke, die quasi der Hauch der Dreißiger Jahre umgibt, sind besondere Leckerbissen.

Kathrin Pechlof, deren zweites Set live über den Äther geht, ist allein wegen ihres Instrument die Exotin des Festivals. Wie im Grunde vor ihr nur Alice Coltrane setzt sie ausgerechnet mit der Harfe neue Akzente in der Welt des Jazz. Ausgehend von sparsamen Skizzen, entwirft das Trio farbige, filigrane, fragile und zum Teil recht sperrige Stücke avantgardistischer Provenienz, die durchaus mehrdeutig interpretierbar sind. Kein leichter, aber ungemein spannender Stoff.

Als pünktlich um 23 Uhr der letzte Ton verklungen ist, stehen den Hörern daheim an dem Radiogeräten noch drei weitere Stunden mit Jazz aus Neuburg bevor. Aus einem eigens eingerichteten Studio im ersten Stock, hoch über dem Jazzkeller, schicken Roland Spiegel und Ulrich Habersetzer vom BR Musik aus den vorab mitgeschnittenen Konzerten des Festivals über den Äther, dazu Interviews mit Musikern, Analysen und Einschätzungen von Musikkritikern, ein Gespräch mit Clubchef Manfred Rehm.

Corona ist für viele Veranstalter eine Katastrophe. Vor allem für kleine, unabhängige Clubs und Bühnen. Jetzt, mitten in der Pandemie, ist es besonders wichtig, dass sie beim ausgesperrten Publikum nicht in Vergessenheit geraten und präsent bleiben. Um das zu gewährleisten, zeigt sich das Birdland erstaunlich erfinderisch. Beim ersten Lockdown wurden Livemitschnitte auf dem clubeigenen Youtube-Kanal zur Verfügung gestellt – und auch wahrgenommen, was weit über 10.000 Zugriffe zeigen. Und nun zum zweiten Lockdown gibt’s Konzerte aus dem Club live und als Mitschnitte übers Radio. Das ist überaus erfreulich, aber dennoch: Der hoffentlich bald wieder stattfindende „Regelbetrieb“ wäre allen Beteiligten eindeutig lieber.


10. Birdland Radio Jazz Festival | 21.11.2020
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Ein runder Geburtstag ohne Publikum, aber mitnichten unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Für das 10. Birdland Radio Festival hat es zum Finale am Wochenende trotz „Lockdown Light“ doch noch ein Happyend gegeben. Als die vierstündige Livesendung des Bayerischen Rundfunks direkt aus dem zweiten Stock der Neuburger Hofapotheke am Sonntagmorgen kurz nach zwei Uhr zu Ende ging, konnte man reihum in zwar müde, aber zufriedene Gesichter blicken. „Wir sind sehr zufrieden und glücklich, dass es am Schluss fast reibungslos geklappt hat“, freute sich Roland Spiegel, Jazzredakteur des Bayerischen Rundfunks, der mit seinem Kollegen Ulrich Habersetzer für die Aufzeichnung der insgesamt acht musikalischen Darbietungen, die Direktübertragung aus der Donaustadt und somit auch die mediale Verbreitung des „Jazz made in Neuburg“ verantwortlich zeichnete.

Mit einem cleveren Schachzug und einigen kurzfristigen Umplanungen hatte es Manfred Rehm, der Impresario des Neuburger Birdland-Jazzclubs, tatsächlich möglich gemacht, dass das Restprogramm des Jubiläumsfestivals trotz des seit 2. November bestehenden Spielverbotes über die Bühne gehen konnte. Fünf Konzerte fanden bereits im Oktober vor Publikum statt: das der South West Oldtime All Stars im Ingolstädter Audi Form (15. Oktober), des Quartetts des Trompeters Maik Krahl (23. Oktober), des Duos mit den beiden Italienern Rita Marcotulli am Piano und Luciano Biondini am Akkordeon (24. Oktober) – die einzigen ausländischen Gäste – , das des Gitarristen Ferenc Snétberger (30. Oktober) sowie des Pianisten Claus Raible mit seinem Trio (31. Oktober). Nachdem Rehm sein ursprüngliches Vorhaben, im Endspurt hauptsächlich auf italienische Künstler zu setzen, wegen der verschärften Reisebeschränkungen wieder kippen musste, lud er kurzerhand einige hochkarätige deutsche Musiker nach Neuburg ein. „Sie sollten spielen, als wäre es ein reguläres Konzert. Nur bleiben die Stühle vor ihnen leer. Und der BR schneidet draußen mit seinem Ü-Wagen jeden Ton mit“, erklärte der Birdland-Boss. Die Darbietungen trugen dann eben die formal korrekte Bezeichnung „Produktionen“.

Die ausgewählten Instrumentalisten und Bands dankten so viel Flexibilität mit völlig unterschiedlichen, aber jeder für sich wunderbaren Auftritten, die allesamt noch einmal zeitversetzt auf BR Klassik zu hören sein werden. Die ersten Ausstrahlungstermine stehen bereits fest, jeweils um 23.05 Uhr in der Sendung „Jazz Time“ auf BR Klassik: am 18. Dezember Marcotulli/Biondini, am 25. Dezember Snétberger, am 15. Januar Krahl und am 22. Januar der Pianist Sebastian Sternal, der zum Auftakt der „Geisterkonzert“-Serie eine bunt schillernde Solo-Performance ablieferte (wir berichteten im Hauptteil).

Noch nicht terminiert wurde unter anderem der Zeitpunkt, an dem das Trios um den Tenorsaxofonisten/Klarinettisten Mulo Francel, bekannt auch als Frontmann der überaus populären Formation Quadro Nuevo, des Gitarristen Paulo Morello und des Bassisten Sven Faller zu hören sein wird. Am Freitag traten sie im Birdland zum ersten Mal „offiziell“ in dieser Besetzung auf. Eine Win-Win-Situation, sowohl für das (imaginäre) Publikum wie für die Musiker selbst, die förmlich nach einer längerfristigen Lösung schreit. Die drei weltgewandten Bayern spielten sich die Bälle dank ihrer Routine, aber auch ihrer stupenden Virtuosität und ihrer ungekünstelten Spielfreude förmlich zu. Jeder steuerte seine eigenen teils autobiografischen Stücke bei. Im Falle des bekennenden Brasilien-Fans Morello blieben dabei vor allem das aus deutscher Fußball-Perspektive verschmitzte „7:1“ oder der „SAD Blues“, angelehnt an dessen Schwandorfer Autokennzeichen, hängen. Francel verstand es im menschenleeren Birdland grandios, träumerische Kompositionen wie „Ikarusʼ Dream“ oder „Goethes italienische Reise“ mit seinen lyrischen Saxofonlinien zu verknüpfen, während Faller sowohl mit seiner exakten Intonation und Bogenarbeit wie auch mit vertonten Geschichten verzaubern konnte. Besonders berührend dabei: „Daniel Laqueur“, die Liebesgeschichte seiner Münchner Oma, deren jüdischer Verlobter vor den Nazis nach Amerika flieht, 35 Jahre später wieder zurückkehrt und seine Angebetete endlich heiratet. Ein Abend der relaxten Superlative. Zehn Saiten und vier Saxofonklappen im inneren Einklang, nur aufeinander fixiert. Bitte unbedingt mehr davon!

Das Kontrastprogramm folgte tags darauf, bei dem erstmal eine Harfenistin, nämlich die Berlinerin Kathrin Pechlof, ihr Instrument im Hofapothekenkeller aufbaute. Was jedoch absolut keine Qualitätsminderung impliziert! Davon konnten sich die Zuhörer von BR Klassik sogar direkt überzeugen, wurde doch das zweite und wesentlich stärkere Set der gebürtigen Münchnerin live übertragen. Pechlof, der Altsaxofonist Christian Weidner sowie der Bassist Robert Landfermann demonstrierten dabei, dass sie so viel mehr als „nur“ Jazz können. Ihre Musik besteht aus mäandernden Linien, aus Fieberträumen zwischen Klassik und Avantgarde, zwischen kammermusikalischen Tupfern und atonalem Gewusel. Die Töne perlen wie Tropfen herab, verzögert, teilweise einzeln, wie in Zeitlupe. Ganz selten entwickelt sich daraus ein kurzer, aber heftiger Platzregen. Pechlof und ihren Mitstreitern ging es vor allem darum, sich, aber auch ihre Zuhörer herauszufordern, neue Wege des Spielens und des Hörens zu erforschen. Am Samstag konnten sie die Wirkung ihrer Musik nicht anhand von offenen Mündern oder geschlossenen Augen verfolgen. Dies hätten die drei jedoch allemal verdient gehabt. Vielleicht ja im nächsten Jahr.


10. Birdland Radio Jazz Festival – Im Coronamodus | 19.11.2020
Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Das Licht ist aus, der Kellerabgang liegt im Dunklen. Kein Schnaufen oder Räuspern ist zu hören, kein Gläserklirren oder Rutschen eines Stuhles. Steril? Muss wohl so sein, in Zeiten wie diesen! Offiziell steht das Ganze unter dem Motto „Produktion“. Aber in Wirklichkeit ist es immer noch ein Konzert, wenn auch das Wichtigste fehlt: die Menschen. Normalerweise säßen dort jetzt die Birdland-Stammgäste: die blonde Frau, deren Klatsch-Intensität ein bombensicheres Barometer für die Qualität jeder Darbietung darstellt, der Mann mit dem Backenbart und dem Porkie-Pie-Hut, der jedes gelungene Solo mit einem wollüstigen „Yeah“ quittiert, die Künstlerin, die Musiker gerne mit Bleistiftskizzen portraitiert, die Immer-zu-spät-Kommer oder die Sound-Fetischisten, die sich mit Vorliebe um die Stehplätze um den Haupteingang herum gruppieren.

Im Keller unter der Neuburger Hofapotheke haben sich an diesem Donnerstagabend zwei Journalisten, zwei Redakteure des Bayerischen Rundfunks, ein Fotograf sowie Manfred Rehm eingefunden. Sechs Leute lauschen diesmal dem Pianisten Sebastian Sternal, klatschen und versuchen wenigstens im Anschein den Eindruck von Öffentlichkeit zu erwecken, weil um den wuchtig-eleganten Bösendorfer-Flügel herum mehrere Mikrofone stehen, um die Darbietung für das 10. Birdland-Radio-Jazzfestival aufzuzeichnen und diese zum Ü-Wagen zu überspielen, der vor der Tür des Clubs an der Amalienstraße parkt. Rehm, Chef und Mitglied des Neuburger Birdland-Jazzclubs seit über 60 Jahren, kann sich noch gut an die Anfangszeiten im Keller erinnern, als zu manchem Freejazz-Konzert ohne Beschränkungen sogar noch weniger Leute kamen.

Sternal, die deutsche Hoffnung an den 88 Elfenbeintasten, Partner des Klarinettisten Rolf Kühn sowie amerikanischer Topmusiker, trotz seiner jungen Jahre Professor und Leiter der Jazzabteilung an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, ist alles andere als ein Ersatz, auch wenn der 37-Jährige kurzfristig für den italienischen Kollegen Stefano Bollani einspringen musste. Der wiederrum hatte zuvor im Programm die Lücke für die in Paris lebende amerikanische Saxofon-Legende Archie Shepp gefüllt. Beide durften nicht anreisen. Grund: bekannt. Ursprünglich sollte der Piano-Solo-Abend sogar im Neuburger Stadttheater über die Bühne gehen. Dass er jetzt überhaupt stattfindet, obwohl derzeit bundesweit der Konzertbetrieb auf Eis liegt, ist vor allem Manfred Rehm zu verdanken. Der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters im vergangenen Jahr mit dem Ehrenamtspreis der Bundesregierung ausgezeichnete Impresario des Birdland Jazzclubs Neuburg wollte das gerade begonnene Jubiläumsfestival trotz des Ende Oktober verkündeten „Lockdown Light“ nicht einfach sang- und klanglos auslaufen lassen. Rehm begann zu improvisieren – wie andere findige Jazzveranstalter. So wurde das Jazzfest Berlin in diesem Jahr komplett als Livestream beim Kultur-Spartensender Arte ausgestrahlt, der Münchner Club Unterfahrt schickt einen Großteil seiner geplanten Konzerte via Internet ins Wohnzimmer.

„Improvisation ist nun mal das Wesen des Jazz“, schmunzelt Manfred Rehm. „Dabei geht es mir vor allem darum, die Musikerinnen und Musiker nicht im Regen stehen zu lassen. Sie leiden am meisten unter dem Lockdown.“ Weshalb der 79-Jährige bei den „Geisterkonzerten“ von Sebastian Sternal und Co. auch die volle Gage bezahlt. Darüber hinaus konnte er eine enorme Solidarität unter den Jazzfans zur Kenntnis nehmen, die sich in einem rapiden Mitgliederzuwachs nach dem ersten Lockdown niederschlug. Seit September, als der Konzertbetrieb unter Einschränkungen wieder hochgefahren werden durfte, besuchten bis Ende Oktober 1200 Besucher 29 Veranstaltungen. „Und es gab keinen einzigen Infektionsfall, der auf uns zurückzuführen gewesen wäre“, betont Rehm. Dies und die unvermindert hohen Fallzahlen lassen leise Zweifel an der Wirksamkeit der Schließung kleiner Veranstaltungsstätten aufkommen. Für den Neuburger Veranstalter liegt das Geheimnis in einer effektiven Raumluft-Umwälzungsanlage. Im Birdland existiert eine solche bereits seit 1991, damals noch installiert, um die Nebelschwaden der Raucher zu beseitigen. Heute leitet sie alle elf Minuten Frischluft in das Kellergewölbe – und minimiert so das Infektionsrisiko deutlich.

Roland Spiegel, zuständiger Jazzredakteur beim Bayerischen Rundfunk und seit zehn Jahren enger Partner des Birdland Jazzclubs, ist „extrem dankbar dafür, dass Manfred in dieser schwierigen Phase wöchentlich nach neuen Lösungen gesucht hat.“ Eine generelle Absage sei deshalb nie zur Debatte gestanden, obwohl das Jubiläumsfestival angesichts der sich ständig veränderten Sachlage „das aufwändigste war, das ich je für den BR organisiert habe“. Dennoch ist auch Spiegel nach fünf bereits im Oktober aufgezeichneten Konzerten sowie zwei an diesem Wochenende angesetzten „Produktionen“ inklusive eine Livesendung aus Neuburg (Samstag, 22 bis 0 Uhr auf BR Klassik, Sonntag 0 Uhr bis 2 Uhr auf Bayern 2) hochzufrieden mit der improvisierten Geburtstagsfeier.

Normalerweise feiert man diese mit einer lauten Party, Menschen dicht auf dicht und jeder Menge Alkohol. Steht in diesem November alles auf der No-Go-Liste, war aber eigentlich auch zuvor in einem Club wie dem Neuburger Birdland kaum ein Thema. Stattdessen: eine besondere Darbietung. Sebastian Sternal lädt seinen handverlesenen Zuhörerkreis und die zahlreichen Zuhörer, die ihm zeitversetzt am Radio lauschen, auf eine betörende Klangreise ein. Da schweben virenfreie kristalline Klänge in „Calgary“ durch den Raum, entsteht eine angenehme imaginäre Nähe im argentinischen „Milonga“ und ein bisschen Sommer-Sonne-Strand-Sorglos-Feeling in „Coffee Bay“. Am zauberhaftesten jedoch entfalten die guten alten Standards wie „Embraceable You“ oder „The Way You Look Tonight“ ihre Wirkung. Ein besonderes Geschenk von Sternal an Manfred Rehm. „Sein Erfindergeist ist großartig. Kein Jammern, sondern einfach machen!“ Fast wie ein Wohnzimmerkonzert. Wohl dem, der improvisieren kann!


Claus Raible Trio | 31.10.2020
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Zum zweiten Mal hat Claus Raible, der Teufelskerl auf dem Jazz-Piano, mit seinem Trio direkt in einen Lockdown hineingespielt. Anfang März in Wien, als eine geplante Tournee abrupt beendet wurde, und jetzt im Birdland Jazzclub in Neuburg. „Ich hoffe, dass wir in Bälde wieder vor Publikum musizieren dürfen, wenn diese hoffentlich nur vier Wochen vorüber sind“, sagte der Münchner Swing-König. Der Beifall war an dieser Stelle besonders intensiv.

Und dann legt Raible mit dem Bassisten Giorgios Antoniou und dem Schlagzeuger Xaver Hellmeier los, als wollten sie dem vermaledeiten Virus und all seinen Begleiterscheinungen sagen: Du hast keine Chance gegen uns, gegen die unbezwingbare Macht des Jazz, der Kultur insgesamt. Mit kraftvollem, fast wütendem Zugriff lässt Raible den Bösendorfer-Flügel in vollen Akkorden aufblühen. Sein Mitstreiter am Kontrabass swingt mit Leib und Seele, das Instrument entwickelt einen betörenden Sound auch in den ganz tiefen Lagen. Und der furiose Schlagzeuger bearbeitet seine Trommeln und Becken mit einem Feuer, als wollte er dieses Covid19 aus unserer Welt einfach hinauswerfen.

Dabei lässt sich Xaver Hellmeier im ersten Set manchmal derart fortreißen, dass er es mit der Lautstärke übertreibt. Da sind Knalleffekte zu hören, die so scharf nicht sein müssen und mehr als hörenswerte Facetten des Pianisten kurzzeitig überdecken. Dabei ist Hellmeier ja ein Künstler auf dem Schlagzeug, er brilliert in seinen Soli mit frappierenden Klangfarben und zeigt im Trio ein zauberhaftes Gespür für sehr komplexe Motive und verrückte Taktwechsel. Mal richtig reinzuhauen, das hat ein Xaver Hellmeier nicht nötig, um zur Geltung zu kommen .

Dieses Trio ist von der Lust am Swing und am Bebop beseelt, es lebt und liebt die komplexen Kompositionen seines Bandleders, die leicht wirken, aber ohne intellektuelle Durchdringung nicht wirklich zu gestalten sind. Das Stück „Excenter“ zum Beispiel, ein vertracktes Gebilde von verschobenen, scheinbar gegeneinander arbeitenden Motiven und rhythmischen Volten. Da ist, wie es Raible selbst beschreibt, eine Art Unwucht zu spüren, die sich immer wieder auf die Auflösung in einen runden Lauf zubewegt und doch wieder auseinanderstrebt, bis sich ein faszinierender, satter Strom von Harmonie und Logik findet.

Komplex, aber nicht überkompliziert ist diese Musik, auch wenn sich die herbe Schönheit etlicher Nummern erst nach einiger Zeit erschließt. Ist diese kleine Hürde genommen, wird der Abend im Birdland zu einem umfassenden Vergnügen. Man kann die verrückten Kapriolen des Pianisten als virtuoses Geschenk genießen, man staunt über eine ätherische Ballade wie „Night time is my mistress“ und spitzt die Ohren, wenn Claus Raible Akkorde aus einer anderen Welt in den Raum setzt.

Da hört man kleine und großen Sekunden, schräge Septimen oder Nonen gleichzeitig, verminderte und übermäßige Akkorde werden in perfekter Reibung ausgekostet. Das sind Dinge, die „eigentlich“ gar nicht gehen, aber dieses Trio beweist das Gegenteil. Sehr mutig, sehr ambitioniert, sehr spielfreudig und mit Tonkaskaden über die 88 Klaviertasten hinauf und hinunter, dass einem der Mund offen steht. Dieser Sound trägt über eine vierwöchige Zwangspause locker hinweg.


Claus Raible Trio | 31.10.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Er sei es ja mittlerweile gewohnt, jeweils am Vorabend des staatlich verordneten Kulturverbots schnell noch ein Konzert zu geben, sagt der Pianist Claus Raible. Im März habe er in Wien quasi in den Lockdown hineingespielt, jetzt täte er das eben in Neuburg. Und dann bearbeitet er anlässlich des 10. Birdland Radio Jazz Festivals die Tasten des Bösendorfer-Flügels mit dieser für ihn so typischen lässigen Eleganz, die den waren Könner auszeichnet.

Raible war schon öfter im Club unter der ehemaligen Hofapotheke zu Gast. Diesmal hat er sein Trio mitgebracht, Giorgios Antoniou am Kontrabass und den Schlagzeuger Xaver Hellmeier, dazu etliche Standards der Jazzliteratur von Tadd Dameron, Dizzy Gillespie und Horace Silver, aber auch eigene Stücke aus seinem aktuellen Album „Trio!“, das er eigentlich mit einer kleinen Tournee vorstellen wollte. Nun, dieses Vorhaben kann er nach gerade mal zwei Terminen erst mal zu den Akten legen.

Raible läuft dennoch an diesem Abend zu beeindruckender Form auf. Sein Spiel ist überaus körperbetont. Manchmal windet er sich förmlich auf seinem Klavierhocker, legt sich quer, lehnt sich weit zurück. Ab und zu sieht es aus, als stoße er mit der rechten Hand wie ein Adler im Landeanflug auf die Eins herab auf die schwarzen und weißen Tasten, als wische er das gerade eben Gespielte mal eben so vom Tisch und ließe es rechts über den Rand purzeln, als wolle er mit rasenden Läufen das Instrument herausfordern und bezwingen.

Obwohl der Schlagzeuger seine Stöcke – wohl gemerkt, nicht die Besen – recht kräftig schwingt und seine Kollegen doch phasenweise akustisch etwas zu sehr dominiert, ist es eine Freude zu sehen und zu hören, wie Raible seine Pirouetten dreht, einen halsbrecherischen Lauf nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelt, in der Tastatur förmlich herumrührt. Durch diese Spielweise werden nicht nur Gillespie’s Klassiker „A Night In Tunisia“ und das extrem beschleunigte „Just One Of Those Things“ von Cole Porter zu echten Leckerbissen, sondern auch jede seiner Eigenkompositionen, angefangen beim extrovertierten „Exzenter“ bis hin zu den Balladen „The Pinguin“ und „Night Time Is My Mistress“.

Ja, dieses Trio ist wirklich gut an diesem vermutlich für längere Zeit letzten Konzertabend im Birdland. Gerade wenn man sich dann aber – die Klasse Raibles und vieler seiner Kollegen im Hinterkopf – vergegenwärtigt, dass die nunmehr den Künstlern, den Veranstaltern und nicht zuletzt dem Publikum aufgezwungene Konzertpause genau diejenigen am härtesten trifft, die am wenigsten mit der Verbreitung des Coronavirus zu tun haben, tut das ganz besonders weh. Und dass der Besuch eines Konzerts anscheinend in der offiziellen Lesart den gleichen Stellenwert innehat wie der einer Spielhalle oder eines Bordells, löst nur noch Kopfschütteln aus, auch und gerade bei denen, die bislang überaus solidarisch jede Maßnahme zur Bekämpfung der Pandemie unterstützt haben.


Ferenc Snétberger Solo | 30.10.2020
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Es kommt nicht so oft vor, dass Solokünstler im Birdland Neuburg auftreten. Doch durch die politischen Unwägbarkeiten in dieser unruhigen Zeit werden kleine bis kleinste Formationen auf Bayerns bedeutendster Jazzbühne eher zur Regel als zur Ausnahme. Um den Anforderungen Genüge zu tun, begann die Vorstellung eine halbe Stunde früher als gewohnt. Leider blieben auch einige der reservierten Plätze im ausverkauften Auditorium unbesetzt.

Es war also viel Luft im Raum, die der sympathische und bescheidene ungarische Ausnahmegitarrist Ferenc Snétberger meisterhaft mit Tönen aus seiner klassischen Gitarre anzureichern wusste. Ferenc ist Roma, seine Musik aber fern von jenen Puszta-Klängen, die man gerne mit seinen Landsleuten verbindet. Bei seiner Art mit dem Instrument zu kommunizieren, kommt sein Studium der klassischen Gitarre ganz klar zur Geltung. Aber die Musik, die er vorspielt hat mit Klassik nur noch begrenzt zu tun. Man glaubt, Fragmente aus Etüden von Fernando Sor zu hören oder Ansätze aus Kompositionen eines Heitor Villa-Lobos, Leo Brower oder Augustin Barrios Mangoré, nur um gleich danach Bossa Nova Rhythmen à la Sebastiao Tapajós oder Sequenzen aus Werken Raphael Rabellos zu erkennen. Auch Anklänge im Stil von Ralph Towner kommen einem in den Sinn. Und doch trifft all das daneben, denn Snétberger hat längst seinen eigenen unverwechselbaren Stil gefunden.

Es fällt auf, dass da wenig ist, woran man sich so richtig festhalten kann. Sobald man versucht, sich an ein Thema oder eine Melodie zu klammern, wechselt der Meister oft unerwartet in ein ganz anderes Stimmungsbild. Auch mit einem durchgehenden Groove kann man nicht rechnen, weil sich der Maestro attacca im freien Spiel in seinen Improvisationen scheinbar zu verlieren scheint. Snétberger schmückt seine Kompositionen gerne mit dem Klang leerer Saiten und das Stück endet auch jedesmal unerwartet und in außergewöhnlicher Form. Seine Musik ist so ungewöhnlich wie die Bauweise seiner Gitarre aus der Meisterwerkstätte von Tom Launhardt mit einem ausgefallenen O-Loch und dem spitz zu laufenden Cutaway.

Und doch fühlt man sich vom ersten bis zum letzten Ton geborgen und gefangen und wünscht sich, die Magie des Abends möge niemals enden, was natürlich irgendwann nicht mehr zu vermeiden war. Als Zugabe glänzte Ferenc mit einer Courante von Johann Sebastian Bach, auf die er wieder auf seine unvergessliche Art improvisierte und dabei auch Bach‘s berühmtes Bourrée aus der ersten Lautensuite zitierte. Dann donnernder Applaus. Bei so wenig Publikum muss das erst mal einer nachmachen.


Ferenc Snétberger Solo | 30.10.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Das ist natürlich Pech. Da sind im Rahmen des 10. Birdland Radio Jazz Festivals gerade mal drei der geplanten acht Konzerte vom Bayerischen Rundfunk mitgeschnitten und dann werden coronabedingt sämtliche Spielstätten bis auf weiteres geschlossen. Wie geht man mit so einer Situation um?

Als erstes, als Sofortmaßnahme quasi, sind die beiden Konzerte aufzuzeichnen, die an diesem Wochenende noch erlaubt sind. Das ist zwar vorab nicht geplant, aber man hat zumindest dann schon mal fünf Veranstaltungen sicher im Kasten. Wie gut, dass der Draht zwischen dem Club und dem Sender anscheinend so gut ist, dass spontan ein Ü-Wagen plus Techniker für zwei Abende zur Verfügung stehen. Wie gut auch, dass mit Ferenc Snétberger zum ersten der beiden Wochenend-Konzerte im Birdland ein Gitarrist der europäischen Spitzenklasse angereist ist, einer, der an guten Tagen durchaus in der Lage ist, sein Publikum vermittels sechs Saiten in sphärische Höhen zu entführen.

In dieser Hinsicht wenigstens ist dies ein guter Tag, ja ein ausgezeichneter, denn wie der gebürtige Ungar Elemente des Jazz, der Klassik, des Gypsy Swing und der Musik Lateinamerikas nahtlos und ohne Bruchstellen verbindet zu einem neuen Ganzen, zu einem speziellen Snétberger-Style sozusagen, das ist schon einzigartig. Seine große Leidenschaft ist die Improvisation und alle, die ihm an diesem Abend bei seinem Tun zusehen und zuhören, folgen ihm scheinbar – der Applaus legt dies nahe – ausnahmslos mit schierer Lust auf den Fährten, die er dabei einschlägt, spüren den Spuren nach, die er dabei hinterlässt.

Snétberger genügt ästhetisch höchsten Ansprüchen, ist technisch makellos, sprüht nur so vor Ideen. Er bietet liebliche Harmonien als weiches Bett, in dem man sich wohlig räkeln kann, dann wieder geht er den entgegengesetzten Weg und vertraut auf den Spürsinn seines andächtig lauschenden Publikums. Ein ums andere Mal entführt er das Auditorium unter Verzicht auf jegliche Griffbrett-Artistik auf eine Traumreise, ohne jedoch je die Bodenhaftung zu verlieren.

Sein Spiel ist Augenweide und Ohrenschmaus zugleich, wenn einer sein Instrument vollkommen beherrscht, dann er. Und obwohl er eher ein zurückhaltender Künstler ist, der auf große Gesten verzichtet, hat er dennoch Witz. Beim ursprünglich von John Lewis für das Modern Jazz Quartet geschriebenen „Fontessa“ deutet sich dieser an, bei Johann Sebastian Bachs „Courante“ ist er am deutlichsten zu spüren, wenn Snétberger nach der Vorstellung des Themas mit vollem Risiko und überaus lustvoll anfängt zu improvisieren und schließlich bei „Bourrée“ landet.

Momente wie diese sind in der Tat geradezu dramatisch. Nicht wegen irgendwelcher vordergründigen, halsbrecherischen Kunststücke auf sechs Saiten – mit so etwas hat er’s eh nicht – um so mehr aber wegen der ungeheuren Vielfalt an künstlerischen und kreativen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen. Und vor allem natürlich wegen dem, was er aus ihnen macht. Ein toller Abend, an dem man kurzfristig sogar den bevorstehenden Kultur-Lockdown verdrängte.


Rita Marcotulli & Luciano Biondini | 24.10.2020
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Dinge, die über all die Jahre zur persönlichen Struktur gehörten, haben sich schlagartig verändert. Keiner weiß genau, ob und wann solch liebgewonnenen Gewohnheiten wieder ein Riegel vorgeschoben wird. Gerade deshalb sind die regelmäßigen Konzerte im Neuburger Hofapothekenkeller derzeit besondere Momente. Seit September bieten sie Augenblicke des Innenhaltens, das historische Gewölbe hat trotz Hygieneregeln längst die Funktion einer Oase eingenommen, in der Menschen Kraft und Zuversicht schöpfen.

Aber erst bei einem Konzert wie dem der Pianistin Rita Marcotulli und des Akkordeonisten Luciano Biondini wird einem so richtig bewusst, welches Geschenk es ist, in Zeiten wie diesen ein hochkarätiges musikalisches Liveerlebnis genießen zu dürfen. Das Birdland gehört zu den ganz wenigen Locations in Deutschland, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Fahne hochzuhalten – auch im Interesse der unzähligen Musikerinnen und Musiker, die in Ermangelung von Auftrittsmöglichkeiten gerade zu Hause zur Tatenlosigkeit verdammt sind. Ähnlich ergeht es dem italienischen Duo, das trotz ebenfalls steigender Infektionszahlen in ihrem Heimatland noch nach Neuburg anreisen konnte – quasi als Vorhut für den Italien-Schwerpunkt des 10. Birdland Radio Festivals, das gerade auf Hochtouren läuft.

Es ist eine in jeder Hinsicht offene, lebensbejahende Musik, genährt aus den Wurzeln ihrer italienischen Heimat, die der 49-jährige Akkordeonist aus Spoleto bei Perugia und die 61-jährige römische Pianistin da durch den Keller schweben lassen. Wunderschöne, klare Melodien, so frisch wie ein Gebirgsbach, voller südländischer Leidenschaft wie etwa in „Vagabondi delle stelle“ (Wanderer der Sterne) oder in „La Strada invisibile“ (Die unsichtbare Straße). Und sie scheint aus einer Zeit vor Corona zu stammen, möglicherweise aber auch aus einer danach. Marcotulli und Biondini zelebrieren die reduzierteste Art gemeinsamen Musizierens, aber eine der spannendsten: Das Duo im magischen Dialog. Die Kraft der Melodie fungiert als ihr Klebstoff im Zusammenspiel. Beide suchen den Zauber des Moments, ihre virtuosen instrumentalen Fähigkeiten benutzen sie als Vehikel, um zur eigentlichen Seele der Musik vorzudringen.

Alles funktioniert. Keine Stolperer, kein Zaudern oder Zurückbleiben, keine falschen Noten, und das alles trotz fehlender Auftrittsroutine. Rita und Luciano funktionieren schlicht perfekt, sie vertrauen einander blind, stürzen sich kopfüber in die größten Herausforderungen, seien es wahnsinnige Tempi, abrupte Tonartwechsel, plötzliche Intervallsprünge oder verwegene Impro-Exkurse. Dieses Tandem verdient das oft leichtfertig verschwendete Prädikat „organisch“ mehr als jede seiner Konkurrenten.

Selbst wenn sie die Leidenschaft übermannt, wirken ihre Ritte auf der Rasierklinge, die verwegenen Schussfahrten durch das Auge des Hurrikans allzeit kontrolliert und mühelos. Sie verweben Jazz, Klassik oder italienische Liedkunst voller Humor, Zärtlichkeit, Melancholie und Temperament zu einem großen, tröstenden Ganzen. Und es sind oft die kleinen Bewegungen, Gesten und Linien, aus denen spontan spannende Momente und neue musikalische Offenbarungen entstehen. Grandioser als in der frenetisch erklatschten Zugabe „Over The Rainbow“ mit all ihren Verschiebungen, Seitenpfaden und feinen, labyrinthischen Schleifen lässt sich dieses Phänomen kaum mehr darstellen. Am Schluss steht ein furioser, knallbunter Regenbogen unüberhör- und -sehbar am Firmament.

Freilich steht zu befürchten, dass Rita Marcotulli und Luciano Biondini die einzigen Künstler aus Italien bleiben könnten, die das 10. Birdland Radio Festival, mit ihrer Anwesenheit bereichern. Da ab 8. November neue Quarantäne-Richtlinien für Reisende aus Risikogebieten in Kraft treten sollen, steht ein Fragezeichen über den geplanten Gastspielen von Rosario Giuliani und Pietro Lusso (13. November), Stefano Bollani (19. November) und Daniele di Bonaventura (20. November) in Neuburg. Birdland-Chef Manfred Rehm lässt sich dadurch jedoch nicht aus der Ruhe bringen und arbeitet schon an einem Plan B, sprich an möglichen Alternativen. „Es gibt so viele herausragende deutsche Musiker, die noch dazu gerade verfügbar wären, so dass wir im schlimmsten Fall diese Termine alle gleichwertig besetzen können“, betont Rehm. „Allerdings hoffen wir momentan noch, dass es vielleicht doch irgendwie klappen könnte.“