Aktuelle Presseberichte

The Cookers | 01.06.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Exakt um fünf Minuten vor Mitternacht ist die Konzertsaison 2017/18 im Birdland Jazzclub in Neuburg zu Ende. Das amerikanische Septett „The Cookers“ hat gerade eben für einen mitreißenden Abschluss gesorgt und es vor der nun anstehenden Sommerpause noch einmal richtig krachen lassen.

Natürlich kann man angesichts dieser mit Billy Harper (Tenorsaxofon), Donald Harrsion (Altsaxofon) und den beiden Trompetern Eddie Henderson und David Weiss hochkarätig besetzten Hornsection einiges an Druck erwarten, dass sie aber einen derart gewaltigen Bläsersturm entfachen und so den Club regelrecht zum Kochen bringen würden, war nicht unbedingt vorhersehbar. Messerscharfe Bläsersätze, Soli voller Emotion und Leidenschaft, die durchaus an jene von ausgewachsenen Big Bands angelehnten Arrangements und die absolute Präzision, mit der alles abläuft, wobei trotzdem viel Raum für die spontane Entfaltung jedes einzelnen Musikers bleibt – das alles ist höchst beeindruckend.

Zusammen mit Danny Grissett am Piano, Essiet Essiet am Kontrabass und Victor Lewis an den Drums tragen die vier Bläser an diesem Abend im Birdland ein opulentes akustisches, fast dreistündiges  Gourmet-Menü auf, bei dem jedes Detail ganz vorzüglich mundet. „The Call Of The Wild And Peaceful“ ist der Gruß aus der Küche vorneweg und öffnet dem Genießer die erst einmal die Ohren, das heftige „Blackfoot“ ist die Vorspeise und mit „Peacemaker“ und der mit einem geradezu hinreißenden Thema ausgestatteten David Weiss-Komposition „Three Fall“ ist der Reigen an akustischen Hauptgängen eröffnet. Es brodelt, sprudelt, zischt, köchelt bisweilen es auch nur so vor sich hin, die Bläsersätze fahren mit schneidender Schärfe dazwischen. Und als sich mit den beiden Zugaben – denn darunter geht in diesem Falle auch trotz fortgeschrittener Zeit natürlich gar nichts – von Freddie Hubbard und Harold Mabern das Konzert seinem Ende zuneigt, stellt man überraschend fest, dass man durchaus noch Hunger hätte. Nicht etwa, weil die Portionen zu klein geraten wären, nein, im Gegenteil, weil man geradezu süchtig werden könnte nach mehr. Nach Grissetts perlenden Pianoläufen, nach Harrisons Eruptionen am Alt- und nach Harpers abgeklärten Linien am Tenorsaxofon, nach den Trompetenstößen von Henderson und Weiss, ach was, einfach nach der ganzen Band.

Viele Köche verderben den Brei, sagt das Sprichwort. An diesem Abend ist das genaue Gegenteil der Fall, denn diese Allstar-Formation setzt einen überaus schmackhaften akustischen Schlusspunkt  hinter die an Höhepunkten so reiche  Birdland-Saison. Und zwar einen Schlusspunkt mit Nachhall.


The Cookers | 01.06.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Jeder einzelne der sieben Namen zergeht dem Jazzfan auf der Zunge. Was macht es dann schon, wenn das Dreamteam der glorreichen „Cookers“ geschlagene zwanzig Minuten auf sich warten lassen, bevor angerichtet wird? Und es dann auch erst mal gemütlich angehen lässt – ungefähr zehn Takte lang! Aber dann geht die Post ab, oder um im Bild zu bleiben: Es wird eingeschürt und nachgelegt, dass es im Ofen nur so prasselt. Wieder mal beweist der Jazz, dass so manche Lebensweisheit gegen den Strich gebürstet werden kann. Viele Köche mögen den Brei verderben, nicht jedoch sieben Cookers dieses scharf gewürzte Gebräu aus klassischem Hardbop und individueller Klasse. Was die Herren Billy Harper, Eddie Henderson, Donald Harrison, David Weiss, Danny Grissett, Cecil McBee und Victor Lewis, was also diese Herren auf den Tisch zaubern, in diesem Fall auf die Bühne des Birdland, ist von solchem Feuer, dass selbst die schärfste Küche südöstlicher Breiten dagegen beinahe fad wirken dürfte. Knallige Bläser, mächtige Grooves vom Bass, ein tricky loderndes Schlagzeug, jede Menge Pfeffer und kräftiges Curry vom Piano und immer wieder diese Soli, die dem guten Namen ihrer Urheber alle Ehre machen, allen voran Billy Harper am Tenorsaxophon. Da explodieren die Geschmacksknospen förmlich. „The Call of the Wild and Peaceful Heart“ heißt der programmatische erste Gang des Menüs, der schon so viel enthält, dass kaum mehr an eine Steigerung der Intensität zu denken ist. Aber wiederum: Überraschung! Die sieben Cookers halten der selbst entfachten Hitze wacker stand, geben eins ums andere hinzu und bleiben dem hohen Einstiegsniveau treu ohne sich oder dem begeisterten Publikum im ausverkauften Haus auch nur den Hauch einer Verschnaufspause zu gönnen, hochmotiviert, kraftvoll, hellwach und präsent. Wenns’s für Jazz einen Guide Michelin gäbe: Drei Sterne!


Echoes Of Swing | 26.05.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Der Name „Echoes Of Swing“ ist tatsächlich überaus passend für das, was dieses Quartett tut. Es beschäftigt sich nämlich mit Oldtime Jazz, mit Stücken von Sidney Bechet, Johnny Mercer und Jerome Kern, Kompositionen aus der Frühzeit des Jazz also, deren Echo akustisch herüberweht aus einer längst vergangenen Epoche. Damit aus diesem Vorhaben nicht lediglich ein Revival wird, übersetzen Trompeter Colin T.Dawson, Altsaxofonist Chris Hopkins, Pianist Bernd Lhotzky und Schlagzeuger Oliver Mewes die altehrwürdigen Vorlagen in die Gegenwart.

Mit Genuss nachzuhören ist das alles beim Konzert der Band im ausverkauften Birdland Jazzclub. Die auf die Bedürfnisse der Band – und hier insbesondere auf diejenigen der beiden Bläser zugeschnittenen – Arrangements sind in höchstem Maße interessant, interessanter sogar noch als deren Soli, aber zumindest vor der Pause gehen die Herren auf der Bühne noch relativ verhalten zu Werke. Erster Höhepunkt ist das wunderschön vorgetragene „Somewhere Over The Rainbow“ als Solostück für Bernd Lohtzky, der hier ein erstes Ausrufezeichen setzt. Nach der Pause spielt sich die Band frei, lässt sich bei der sehr überzeugenden Eigenkomposition „Wrack der Guten Hoffnung“ quasi selbst von der Leine, baut Ragtime, amerikanischen Schlager und Franz Schubert ins Programm ein und reichert sogar das von Dean Martin bekannt gemachte „Volare“ mit Figuren an, die dieser Gassenhauer nie hatte.

Nachdem die aktuelle CD des Quartetts „Travelin‘“ heißt, taucht die Idee des Reisens auch im Repertoire immer wieder auf. Bei „Orient Express“ etwa, bei dem einem unweigerlich Albert Finney als Hercule Pirot einfällt, oder bei dem Stück „The Fiji Hula Bula“, zu dem Hopkins Südsee-Anekdoten angesichts 50 Grad im Schatten bei 100 Prozent Luftfeuchtigkeit erzählt. Und bei Vernon Duke’s „Cabin In The Sky“ und bei Ellington’s „On A Tourquise Cloud“ wird schließlich auch noch der träumerische Blick nach oben riskiert.

Alles, was man hört an diesem Abend hat Charme, verrät Leichtigkeit und zeugt gleichermaßen von der Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Vorlagen, ist schließlich Indiz für die Liebe der Musiker zu ihrem Stoff. Das Echo aus der Vergangenheit hallt nach. Und es steckt an, was man an den eingeforderten zwei Zugaben am Schluss ablesen kann.

„Echoes Of Swing“ spielen übrigens seit exakt 20 Jahren in der aktuellen Besetzung zusammen, wie Hopkins nicht ohne Stolz erzählt. Die Band feiert somit in diesen Tagen ein rundes Jubiläum. Wie auch das Birdland, das derzeit die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag begeht. Der eine Jubilar macht gute Musik, der andere ermöglicht es uns, sie in schönem Ambiente zu hören. Herzlichen Glückwunsch an beide!


Echoes Of Swing | 26.05.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Noch so ein Foto, das man eigentlich über Nacht in die große Ausstellung des Birdland-Jazzclubs Neuburg hätte packen müssen, wenn die Zeit nicht so knapp und die Zahl der anderen wunderschönen, aber leider ausgemusterten Bilder nicht so riesengroß gewesen wäre. Da sitzt Pianist Bernd Lhotzky nach einem hinreißenden Konzert bei der zweiten Zugabe einfach nur da und intoniert gedankenverloren einen feinen Ragtime. Irgendwann steht Altsaxofonist Chris Hopkins – in seinem zweiten Künstlerleben ebenfalls ein veritabler Klavierspieler – neben ihm, quetscht sich mit auf den kleinen Hocker. Beide lassen ihre 20 Finger wie Skorpione über das Elfenbein tanzen, kreuzen die Hände, verschränken sie ineinander, auf dass sie fast miteinander verknoten und bekommen dennoch eine zauberhaft swingende Melodie zusammen. Als schließlich Drummer Oliver Mewes mit einem schelmischen Grinsen vorbeihuscht und ein bisschen auf dem schwarzen Holz des Flügels herumtrommelt, ist das Foto des Abends perfekt.

Es gibt viele dieser kleinen, großen Momente in der 60-jährigen Clubgeschichte, ein jeder hat seine eigene Geschichte. Und die der drei überschäumenden Männer am Piano (der vierte, Trompeter Colin T. Dawson, hatte leider keinen Platz mehr) gehört sicherlich zu denjenigen, an die man sich auch in einigen Jahren noch gerne erinnert. An die Leidenschaft, mit der sie ihr Konzert im einmal mehr ausverkauften Hofapothekenkeller gestalten, die ungekünstelte Spielfreude und dynamische Spontaneität, mit der sie zu Werke gehen. Immerhin sind die „Echoes Of Swing“ schon seit über zwei Jahrzehnten in ein und derselben Besetzung unterwegs. Was bei den meisten Bands überhaupt nicht funktionieren würde, haben die „Echoes“ zu einer angenehmen Perfektion getrieben. Inzwischen gehören sie zu den besten und angesehensten Notenarchäologen, gelten als die erfolgreichste Erneuerungscombo des traditionellen Jazz, weil sie es tatsächlich schaffen, die gute, alte Tante Swing von allem Musealen, Hausbackenen, Biederen zu entschlacken und zu einer zeitlos frischen Musikform aufzupolieren.

Die vier Musiker reisen gerne durch die Zeit. Indem sie zwischen heute und verschiedenen Epochen des frühen Jazz fröhlich hin und her springen, schaffen sie eine kostbare Mixtur aus Nostalgie, Originalität, Humor und Virtuosentum. Und sie kommen auch real viel herum. Nur zehn Stunden später sind sie schon beim nächsten Konzert in Rain, weshalb Bernd Lhotzky seine Zunft in der ständigen zwischen den einzelnen Bandmitgliedern wechselnden Conference auch launig mit Piraten vergleicht. Die Parallelen lägen dabei auf der Hand: Beide würden sich nicht waschen, unmäßig trinken und seien Meister im Improvisieren. „Auf alle Fälle geht es oft schlecht aus: Der Pirat endet am Strick und der Jazzmusiker in der Gosse.“

So weit ist es bei „Echoes Of Swing“ noch lange nicht. Der nie um eine geschmeidige Lösung verlegene Pianist Lhotzky, der wuselige Saxofonist Hopkins, der technisch brillante Drummer Mewes und der schneidige Trompeter/Sänger Dawson sind Gaudiburschen mit Niveau, hinreißende Entertainer und grandiose Musiker. Sie agieren pfiffig, schmissig und dennoch höchst sorgfältig bei jedem Ton, übertragen Stücke von Sidney Bechet, Duke Ellington, Billie Holiday und Coleman Hawkins mit viel Fantasie in ihr spezielles Bandformat. Gleichzeitig haben sie etliche eigene Kompositionen behutsam in die Spielarten der Vergangenheit übersetzt. Die Zeitreisen des Quartetts führen in den Charleston und Jump, in den Jungle-Swing und Soul-Jazz.

Viel wichtiger scheint dabei jedoch ihre ansteckende Haltung, die jeder im Publikum auch nach zwei Stunden spüren kann. Die Jungs haben immer noch Bock auf jedes Konzert, jedes Stück, jedes einzelne Solo, selbst nach dieser langen Zeit. Sogar aus der ermatteten weißen Taube, der „Paloma Blanca“ modellieren sie bei der x-ten Zugabe eine feine, würzige Jazz-Miniatur. Die dabei entstehenden Swing-Echos hallen bis in die laue Frühlingsnacht hinein nach.


Gary Smulyan – Ralph Moore Encounter Quintet | 25.05.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

1968 veröffentlichte der Baritonsaxofonist Pepper Adams das Album „Encounter“, das heute absoluten Kultstatus genießt. Jetzt, genau 50 Jahre später, steht Gary Smulyan aus New York, sein Nachfolger auf dem Bariton-Thron, auf der Bühne des Birdland Jazzclubs in Neuburg und macht die damalige Veröffentlichung zur Grundlage dieses mitreißenden Konzerts.

Seine Bandkollegen, der Tenorsaxofonist Ralph Moore, der Pianist Olivier Hutman, der Kontrabassist Stephan Kurmann und der Schlagzeuger Bernd Reiter übernehmen die einst mit Zoot Sims, Tommy Flanagan, Ron Carter und Elvin Jones besetzten Positionen und das Repertoire besteht zum überwiegenden Teil aus den damals auf Vinyl gepressten Stücken von Adams, Joe Henderson, Thad Jones und Duke Ellington. Das ist die nüchterne Faktenlage. – Das Konzert freilich ist alles andere als nüchtern, weiß Gott nicht. Ganz im Gegenteil. Unerbittlich angepeitscht von dem überragenden Bernd Reiter, entwickelt dieses Quintett im Laufe des Abends einen schier unglaublichen Drive. Der Druck ist körperlich spürbar, und wenn die beiden Bläser unisono, als „Twin Saxes“ sozusagen, die halsbrecherischen Themen messerscharf in den Saal donnern, dann ist das alles andere als ein laues Lüftchen.

Der Pianist lässt die Töne nur so heraussprudeln aus seinem Instrument, die Tongirlanden der beiden Saxofonisten ranken sich in atemberaubendem Tempo in die Lüfte, ergießen sich kaskadengleich über die ungläubig staunende Jazzgemeinde. Bei den Balladen, etwa bei „Nancy With The Laughing Face“, das Frank Sinatra einst für seine Tochter geschrieben hat, hat man ein klein wenig Zeit durchzuatmen, ansonsten aber tobt der Orkan. Auch wenn die beiden Bläser ihre Soli immer wieder in enormem Tempo angehen, wird das Ganze nie zum Selbstzweck. Die beiden haben nicht nur etwas zu sagen, sondern gestatten sich selbst dennoch genügend Zeit, die Räume, die ihnen die Arrangements bieten, auszuloten und mit immer neuen Ideen zu füllen.

Am Ende, bei Flanagan’s „Verdandi“, spielen sie sich in einem wahren Rausch. Jetzt ist die Band eine akustische Kraftmaschine, die bei optimaler Betriebstemperatur perfekt läuft und das Publikum schier mitreißt. Laut Smulyan liegt’s wohl auch an dem speziellen Ruf, den der Birdland-Jazzclub weltweit genießt. Schon vor dem Konzert sagt er: „Du kannst sogar bei uns zu Hause fragen, wen du willst. Alle kennen diesen Club, und alle sprechen nur mit allergrößter Hochachtung von ihm.“ Aus dem Munde eines Musikers, der immerhin jahrelang in den Bands von Dizzy Gillespie, Mel Lewis, Carla Bley und Dave Holland gespielt und die ganze Welt bereist hat, fürwahr ein riesiges Kompliment. – Das man freilich gerne zurückgibt. Ihr Konzert, Mr. Smulyan, war der Hammer!


Gary Smulyan – Ralph Moore Encounter Quintet | 25.05.2018
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Einen solchen Sound haben auch die mit allen Wassern gewaschenen Jazzfans wahrscheinlich noch nicht erlebt im Birdland Neuburg. Vor ausverkauftem Haus zelebrierten Gary Smulyan (Baritonsaxofon) und Ralph Moore (Tenorsaxofon) sozusagen die musikalische Urgewalt ihrer Instrumente, im perfekten Arrangement mit Olivier Hutman (Klavier), Stephan Kurmann (Bass) und Bernd Reiter (Schlagzeug).

Man muss sich schon eine Weile hineinhören und hineinziehen lassen in diese Klangwelt.

Bariton- und Tenorsaxofon, das sind die tiefsten Lagen der Saxofon-Familie, da sind auch animalische, grobe Töne zu vernehmen, die einen ungeübten Hörer zunächst irritieren können. Sich wohlig zurücklehnen und den angenehmen Dixie-Swing „normaler“ Saxofone genießen, so einfach ist es hier nicht. Um dieses Konzert des Encounter Quintett auszukosten, ist ein wenig Anstrengung nötig, aber sie wird belohnt.

Was die beiden Vollblut-Saxofonisten Smulyan und Moore aus Standards des Great American Songbook machen, kann man phänomenal nennen. Die Arrangements sind kunstvoll, die Unisono-Passagen der beiden Saxofone hochspannend, die Vermischung der ungewöhnlichen Klangfarben schafft einen ganz eigenen Reiz, kraftvoll und mit Raffinement. Und die Improvisationslust der beiden setzt immer wieder mal einen obendrauf.

Die einzelnen Stücke des Quintets umfassen manchmal an die 15 Minuten, Längen haben sie aber trotz dieser ungewöhnlich großen Zeitspanne kaum. Für die Spannung, für die Dichte der Arrangements sind der Pianist, der Bassist und der Schlagzeuger (Bernd Reiter ist im Birdland Neuburg schon ein Stammgast) wesentlich mitverantwortlich. Die drei stehen manchmal rein akustisch etwas im Schatten der Saxofon-Urgewalten, aber musikalisch und musikantisch setzten alle drei Akzente.

Der Bassist Stephan Kurmann erinnert äußerlich im ersten Moment an Anselm Grün, bei manchen lyrischen Stellen strahlt er auf dem Bass auch die Sanftheit des Mönches aus Münsterschwarzach aus. In dem Bassisten mit dem langen weißen Bart aber brennt musikantisches Feuer. Kurmann schöpft alle Varianten des Kontrabasses aus. Dabei tanzt er fast um sein Instrument herum, da gibt einer alles für diesen einen Abend. Ähnliche Qualitäten beweist Bernd Reiter an den drums. Man muss nur die Mimik dieses witzigen Österreichers beobachten, schon das garantiert einen vergnüglichen Abend. Der Mann lebt mit jedem behutsamen Streicheln über die Becken, genauso wie mit jedem Knalleffekt an der Trommel. Und er quittiert die musikalischen Einfälle seiner vier Combo-Kollegen mit einem feinen Lächeln. So schön kann Jazz live sein.

Was Reiter und die anderen vom vorzüglichen Pianisten Olivier Hutmann zu hören bekommen, das ist auch wirklich ein Grund zur Freude. Der Mann aus Paris zelebriert intensives, von einem wunderbar beherrschten Anschlag geprägtes Klavierspiel. Der Drang mancher Pianisten, mit großem Aplomb aufzutrumpfen, liegt diesem Musiker fern. Hutmann fällt nicht auf, aber wenn er zum Solo ansetzt, dann ist er absolut präsent und überzeugend. Das Encounter Quintet macht aus fünf sehr unterschiedlichen Klangfarben und aus fünf Jazz-Persönlichkeiten ein Gesamtkunstwerk. Stürmischer Beifall am Ende.


Scott Hamilton European Quartet | 19.05.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es ist kurz nach 23 Uhr, als im Hofapothekenkeller schlagartig Ruhe einkehrt und alle an den Lippen von Charly Antolini hängen. Der legendäre Schweizer Schlagzeuger wird in wenigen Tagen jugendliche 81 und hat im Laufe seiner fast sechs Jahrzehnte währenden Karriere schon eine Menge Veranstaltungsstätten gesehen, deren Verantwortliche kennengelernt, all die Wichtigtuer, Gernegroß-Veranstalter und Ausbeuter. „Aber es gibt nur einen, der sich wirklich auskennt: Mister Jazz himself, Manfred Rehm!“ Während er das sagt und der Beifall des Publikums im Gewölbe nicht enden will, hält sich der so Gelobte still und bescheiden hinter einer Säule versteckt. Wie immer, auch in Jahr des 60. Geburtstags des Birdland Jazzclubs, den es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohne Rehm heute gar nicht mehr geben würde.

Neuburg besitze einfach „den besten Jazzclub Deutschlands“, schwelgt Antolini weiter, und es klingt keineswegs wie eine heruntergeratterte Höflichkeitsfloskel zum runden Jubiläum, sondern ein Bekenntnis, das ihm scheinbar schon lange auf dem Herzen liegt. Die Band und er seien überglücklich, „in diesen heiligen Hallen spielen zu dürfen“. Und das taten sie über zwei Stunden zuvor auch mit vollem Körper- und Instrumentaleinsatz. Denn wenn Altvordere – was mitnichten despektierlich gemeint sein soll – wie Charly Antolini und der smarte amerikanische Tenorsaxofonist Scott Hamilton wieder mal ins Birdland kommen, dann wissen sie, dass hier vieles anders verläuft, als in ihrem sonstigen Leben „on the road“. Eine prickelnde Atmosphäre, exzellente Akustik, ein feiner Flügel, ein belastbares Schlagzeug, Rundum-Wohlfühl-Betreuung und natürlich besagter Chef, der den oft zitierten Unterschied ausmacht.

Zum Dank lassen Hamilton, Antolini sowie der Schweizer Pianist André Weiss und der Bassist Joel Lochner die Swingmaschine auf Hochtouren laufen. Gut geölt, glitzernd wie ein schneidiger Cadillac, leicht, fließend, mit einem betagten, aber absolut intakten Motor, der zwar Sprit ohne Ende verbraucht, aber nach wie vor problemlos alle Ziele, alle Gipfel erreicht. Und die Chauffeure nehmen jeden Fahrgast mit auf ihrer Reise, ganz im Gegensatz zur akademisierten Jazzer-Generation, die sich am liebsten selber spielen hört.

Diesmal sind es erstaunlich viele. Dicht auf dicht sitzen die Menschen, schwitzen, lächeln und wippen mit dem Kopf. Neuburg, die Trutzburg des Swing? Fast hat es angesichts des proppenvollen Kellers den Anschein. Doch was ist eigentlich Swing? Ein undefinierbarer Wohlfühlmoment, der einen zuerst über den Rhythmus packt und dann tief ins Innere des Körpers eindringt? Scott Hamilton und Charly Antolini, zwei renommierte Restaurateure des Swing, liefern in Neuburg ihre Version. Im Mittelpunkt ein schleichender, gehauchter, formvollendeter Saxofonton, der lässig vibriert, tropft und glimmt, der zugleich schlank, schwebend und doch wieder solide und ernsthaft daherkommt. Dazu ein Schlagzeug voller treibender Kraft und verästelter Tempi, das man nie im Hintergrund wähnt. Ein pulsierender, griffiger Bass und ein farbenreiches Piano zwischen Stride und Blues liefern die Gewürze dazu. Das eigentliche Geheimnis liegt vielleicht auch in der lässigen und doch stets konzentrierten Spielhaltung der Jungs, die auch über einen längeren Zeitraum durch die Themen sprinten und dabei ein unüberhörbares Grinsen in jeden Takt legen.

Dass Charly Antolini gerne „Bomben“ in die bereits aufgeheizte Stimmung platziert – wie die überraschenden Schläge auf die Snare bedeuten, mit denen er alle Aufmerksamkeit wieder auf sich zieht, weiß inzwischen jeder. Sie gehören einfach zu seinem ganz persönlichen Swing-Konzept, das an einem Abend wie diesem wieder einmal voll aufzugehen scheint. Zum guten Ende gibt es noch das alte Schlachtross „Sweet Georgia Brown“, gestriegelt und aufpeppt, sowie das launige Antolini-Fazit, dass die Leute hier verwöhnt seien, weil sie allwöchentlich nur das Beste geboten bekämen. Ein weises und vor allem richtiges Wort zu passenden Zeit!


Scott Hamilton European Quartet | 19.05.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Laut Wikipedia ist ein Kennzeichen für Swing im Jazz „die Spannung zwischen der Regelmäßigkeit des Rhythmus und ihrer Durchbrechung, zwischen Fundamentalrhythmus und Melodierhythmus.“ Von Duke Ellington hingegen stammt das Statement „It Don’t Mean A Thing, If You Ain’t Got That Swing“. So weit, so gut, aber doch immer noch ziemlich theoretisch. Weiter kommt man, wenn man sich hörend auf besagten Swing einlässt, wobei es – wenn die dafür ausgewählten Stücke wirklich swingen, und das tun sie an diesem Abend im Birdland weiß Gott – nicht lange beim bloßen Hören bleibt, denn sehr schnell stellt sich dann ein Erlebnis sensomotorischer Art ein. Man saugt diese Musik geradezu auf, man empfindet sinnlich.

Das Quartett, das der amerikanische Tenorsaxofonist Scott Hamilton in den ausverkauften Club in der Neuburger Altstadt mitgebracht hat, erfüllt alle Voraussetzungen. Joel Locher am Kontrabass, der hochtalentierte junge Pianist André Weiss und Powerdrummer Charly Antolini spannen die Hängematte, in der man sich als Zuhörer so wohlig räkeln und sich dem unwiderstehlichen Puls dieser Musik hingeben kann. Ist man bereit, sich wirklich einzulassen auf diese Kompositionen, die da so herrlich dahinschnurren, auf die immer wieder von einem Solisten – meist vom Bandchef selbst – angerissenen und von einem seiner Partner vollendeten thematischen Bögen, dann entfaltet sich die ganze Kraft, die in ihnen steckt, fast wie von selbst. Die Sache ist tatsächlich ansteckend, man schwelgt, man wippt mit den Füßen den Groove mit, ohne darüber groß nachzudenken, und je mehr man sich fallen lässt, desto besser fühlt man sich. Dass das Ganze wegen der spannenden Wege, die die Solisten gehen, freilich immer mit einem wohligen Kribbeln verbunden ist, macht die Sache nur noch interessanter.

Wenn man Hamiltons warmen Ton wahrnimmt, wird man unweigerlich an Ben Webster erinnert, als dessen legitimer Nachfolger er ja auch gilt. Die Standards von Webster, aber auch von Cole Porter, Hoagy Carmichael, Errol Garner und all der anderen legendären Komponisten des Jazz, die er an diesem Birdland-Abend spielt, passen da sehr gut ins Bild. Und sie sind überdies ein idealer Ausgangspunkt nicht nur für diesen an akustischen und sinnlichen Genüssen so reichhaltigen Abend, sondern auch Basis für Hamiltons individuelle Art, mit dem Erbe seiner stilistischen Vorgänger umzugehen.

Sogar nach weit über zwei Stunden ist das Publikum nur ungern bereit, Hamilton und seine Band von der Bühne gehen zu lassen. Das ist verständlich, denn was das Quartett da gerade eben geboten hatte, hätte man sich durchaus auch gerne bis zum Morgengrauen gegönnt.


Joe Haider Trio | 12.05.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Dieses Konzert im Neuburger Birdland ist in mehrerlei Hinsicht eine Besonderheit. Es ist das 200. Konzert der ins Jazzclub-Programm integrierten Reihe „Art Of Piano“, zudem bedient mit Joe Haider einer der wichtigsten und vielseitigsten deutschen Jazzpianisten der Nachkriegszeit die schwarzen und weißen Tasten und schließlich ist es ein Abend voller Geschichten. Was daran liegt, dass Haider mit seinen 82 Jahren sich nicht nur immer noch als origineller Pianist, sondern auch als ein an diesem Abend scheinbar besonders gut aufgelegter Plauderer erweist. Und schließlich liegt’s auch an der Anwesenheit des Flügels der Firma Bösendorfer.

Könnte der sprechen, würde er sicherlich berichten, wie er einst unter Mitwirkung des großen Oscar Peterson seinen Weg ins Gewölbe in der Neuburger Altstadt fand, wie in lockerer Folge Welt-stars wie Tommy Flanagan, Brad Mehldau, Michel Petrucciani, Dave Brubeck und Cecil Taylor ihn zum klingen brachten. Oder eben im Laufe der Jahre immer wieder mal der seit jeher umtriebige und viel beschäftigte Joe Haider, der in seinem Leben schon das legendäre Münchener „Domicile“ leitete, mit dem Rias Tanzorchester und dem Jazzensemble des Bayerischen Rundfunks arbeitete, selber eine Big Band ins Leben rief, eine eigene Plattenfirma sowie eine eigene Jazzschule gründete und diverse andere leitete und –  wie er mit seinem Augenzwinkern sagt –  „dreimal verheiratet und dreimal pleite“ war.

Ja, es ist ein Abend voller Geschichten, Geschichten aus der Biografie Haiders, eines Musikers, der selber deutsche Jazzgeschichte geschrieben hat. Für das Birdland-Konzert gräbt er alte Kompositionen aus, die in ihrer aktualisierten Version mit Raffaele Bossard am Kontrabass und Claudio Strüby am Schlagzeug klingen, als hätte Haider sie gerade eben geschrieben.

Sein akkordreiches Spiel ist nach wie vor typisch für ihn, und man fühlt sich ganz einfach wohl, wenn man ihm bei seinen Exzerpten aus alten Vinylplatten wie „A Land Of Dolls“ oder „Katzenvilla“ zuhören kann, die veröffentlicht wurden in einer Zeit, als ein Label noch „Spiegelei Records“ heißen durfte und, wie Haider erzählt, er für die Einspielung einer Doppel-LP exakt 600 Mark bekam. Besondere starke Nachwirkungen scheinen seine gemeinsamen Auftritte mit dem amerikanischen Saxofonisten Johnny Griffin zu Beginn der Siebziger Jahre gehabt zu haben. „Wenn ich schon mit euch Krauts spielen muss, will ich euch wenigstens beibringen, wie Jazz geht“, soll der gesagt haben, bevor auch nur eine Note gespielt war. – Was dann folgte, weiß man nicht, aber Lehrer wie Schüler scheinen doch einiges richtig gemacht zu haben, denn Joe Haider hat immerhin den deutschen Mainstream Jazz mit seiner individuellen Spielweise maßgeblich mitgeprägt und ist heute ein Jazz-Urgestein, dessen Name nach wie vor Gewicht hat. Und, was das Entscheidende ist: Ihm zuzuhören, tut richtig gut.


Enrico Pieranunzi Quartet feat. Seamus Blake „New Spring“ | 05.05.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt Melodien, in die man sich augenblicklich verliebt. Enrico Pieranunzi, Pianist, Komponist und Bandleader aus Rom, verfügt über die Gabe, Stücke mit exakt solchen Melodien zu schreiben. „Amsterdam Avenue“, „Entropy“ und „New Spring“ heißen sie, bedienen die Genres Modern- und Mainstream- Jazz, sind aber doch gleich-zeitig viel mehr als lediglich Beispiele für musikalische Schubladen. Pieranunzi arrangiere seine Stücke ganz nach Bedarf, wie er selber sagt. Nachdem er einer mit dem Tenorsaxofonisten Seamus Blake, dem Bassisten Jasper Sömsen und dem Drummer Mauro Geggio glänzend besetzten Band vorsteht, die für und mit ihm durch Dick und Dünn geht, bieten sich ihm an diesem Abend im Neuburger Birdland Jazzclub tatsächlich alle Möglichkeiten.

Pieranunzi als Solist öffnet nach der Themenvorstellung seine Stücke, als wären sie allesamt Schatzkisten. Er spielt mit deren Inhalt, lässt die Preziosen durch die Finger rieseln, wägt ab, kombiniert die Einzelstücke. Sein spielerischer Umgang mit der jeweiligen Komposition, seine aus dem Augenblick heraus geborenen Variationen, Einwürfe, Kommentierungen und Spontanideen lassen die Funken fliegen, ganz gleich, ob er dabei den Blues im Hinterkopf hat, die Zeiten von Vaudeville anklingen lässt wie bei beim „Blue Waltz“ oder sich an seine eigene Klassik-Vergangen-heit erinnert.

Wenn es um die Soli geht, steht Seamus Blake als gleichberechtigter Partner neben ihm. Dessen mächtiger Ton ist einerseits Gegenpol zu Pieranunzis flinken Figuren auf dem Flügel, andererseits ist er, wenn er dem Publikum seine unwiderstehlichen Linien geradezu ins Ohr meißelt, auch die ideale Ergänzung. Beide Musiker zusammen erzeugen eine Energie, die man fast mit Händen greifen kann, was freilich ohne die tatkräftige Mithilfe der Herren am Bass und hinter dem Schlagzeug nicht möglich wäre.

Weit über zweieinhalb Stunden nehmen sich Pieranunzi und seine Band an diesem Abend Zeit, um dem begeisterten Publikum im Birdland ihr Projekt „New Spring“ mit all seinen Farben und Schattierungen und all den darin enthaltenen Raffinessen nahezubringen. Jede einzelne Minute ist der pure Genuss, keine einzige möchte man missen. Und als schließlich nach der Zugabennummer „Five Plus Five“, die sich Pieranunzi, wie er mit einem Augenzwinkern erzählt, selber zum 55. Geburtstag geschrieben hat, das Saallicht aufleuchtet, weiß man schließlich, warum er im Programmheft als „Europas nachweißlich bedeutendster Pianist des Modern Jazz“ bezeichnet wird. Ganz einfach, weil’s stimmt.