Presse

Peter Weiss „The Good View“ | 12.06.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

„The Good View“. Der Titel des aktuellen Projekts des Schlagzeugers Peter Weiss passt absolut zu dem, was man in diesen knapp zwei Stunden im Neuburger Birdland Jazzclub zu hören und zu sehen bekommt, nämlich einen schönen Überblick auf und etliche tiefe Einblicke in die aktuelle Szene des jungen deutschen Modern Jazz anhand explizit ausgewählter Beispiele.

Peter Weiss gibt als Bandleader die Richtung vor, dies aber eher aus dem Hintergrund heraus. Zusammen mit dem Kontrabassisten Christian Ramond ist er verantwortlich für den Puls in der Band. Bezeichnend für sein Rollenverständnis ist, dass er die wenigsten Soli hat von allen. Das Rampenlicht überlässt er seinen jüngeren Kollegen. Das sind Kristina Brodersen am Altsaxofon, der Kanadier Ryan Carnieaux an Trompete und Flügelhorn und Sebastian Sternal am Flügel. Wie glänzend diese Band aufgestellt ist, wird zum einen an den Kompositionen der Beteiligten deutlich, die – betrachtet man deren griffige Themen und strukturellen Abläufe – zwar naturgemäß diverse individuelle Handschriften verraten, zusammen jedoch eine für die Band fast schon charakteristische eigene Stilistik ergeben. In selbige passen sich die Adaptionen von Gunnar Plümer, Wolfgang Engstfeld und Randy Brecker, mit denen Weiss einst ein gemeinsames Quartett unterhielt, dermaßen perfekt ein, als wären sie gerade eben für „The Good View“ geschrieben worden.

Die zweite Einsicht des Abends ist die, dass diese Band über außergewöhnlich kompetente Solisten verfügt. Kristina Brodersen ist die ruhigere, eher in sich gekehrte Persönlichkeit im Bläsersatz. Zusammen mit ihrem Kollegen an der Trompete stellt sie unisono die Themen vor, und – hier ist sie besonders stark – kommentiert im Anschluss daran all das, was dem so alles einfällt, wenn er erst mal loslegt. Carnieux nämlich ist der extrovertierte Typ, der quirlige Tausendsassa. Bei ihm geht es über Stock und Stein. Bisweilen überschlägt er sich und dreht eine Pirouette nach der anderen. Und Brodersen erdet ihn dann wieder. Zusammen sind sie schwer zu schlagen.

Seit Sebastian Sternal im November – bereits im dritten Lockdown und ohne Publikum – ein Solokonzert speziell für das Birdland Radio Jazz Festival gab, weiß man um dessen Klasse. Er ist bereits in jungen Jahren einer der ganz Großen am Jazzpiano hierzulande. Was er als subtiler, einfühlsamer Begleiter und als Solist, der das Abenteuer sucht und sich liebend gerne auch mal quer legt, auch in dieser Band wieder abliefert, ist absolut beeindruckend.

Schöne Aussichten und tiefe Einblicke. Ja, und auch wieder mal die Erkenntnis, dass trotz so hervorragender Einzelpersönlichkeiten es nur dann so richtig rund läuft, wenn keiner auf dem Egotrip ist und alle an einem Strang ziehen. Die Band ist im Eigentlichen der Maßstab aller Dinge, die Basis, von der aus sich der Einzelne entfaltet. Insofern haben die Jungen großes Glück mit Peter Weiss als Koordinator, der unaufgeregt zwar die Fäden in der Hand hält, jene aber eben auch gleichzeitig als „lange Leine“ interpretiert.


Wolfgang Lackerschmid „Trio 77“ | 11.06.2021
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Welcher europäische, gar deutsche, bayerische Jazzmusiker kann schon auf eine Komposition verweisen, die es zur Erkennungsmelodie eines regelmäßigen Features beim US-amerikanischen Fernsehsender ABC gebracht hat? Vielfältig ist das Œuvre von Wolfgang Lackerschmid allemal. Einer der international renommiertesten Meister auf seinem Instrument, dem Vibraphon, gastierte einmal mehr im Neuburger Birdland Jazzclub.

Gemeinsam mit zwei Weggefährten aus lang vergangenen Tagen dem Bassisten Thomas Stabenow und dem Schlagzeuger Michael Kersting knüpfte er an den Faden an, den die drei seinerzeit im Trio 77 zu spinnen begonnen hatten. Dabei haftete dem Abend im Keller unter der Hofapotheke nicht der Hauch von Nostalgie an, im Gegenteil: Ausgesprochen lebhaft erklangen Attila Zollers »A Thousend Dreams«, mit Humor und Verve, Witz und Tücke das Monk-inspirierte »Bluerangoutang«, mit brasilianischer Leichtigkeit Nat Simons »Poinciana. Die »Summer Changes« entwickelten aus der Trägheit eines heißen Tages die lebhafte Bewegung, die sich im Mikrokosmos tummelt, sei es im Tanz der Mücken über der spiegelglatten Fläche eines stillen Weihers, in einer plötzlichen Brise aus dem Ungefähr oder im hurtigen Flug der Schwalben am hohen Himmel. »Four Notes« zelebrierte die Kunst der Reduktion bzw. die schöpferische Fähigkeit, aus weniger mehr zu machen in munterem Lauf.

Thomas Stabenows »Fortysomething« zeigte auch den Bassisten im Trio als einen Komponisten von Rang. Stabenow, wie Lackerschmid im Birdland wohlbekannt, vereint wie kaum ein anderer seiner Zunft profunde Musikalität, coolen Groove, behände Technik, eigenständige Souveränität und unaufdringliches Understatement, dem die eigene Kunst wie selbstverständlich ist. Mit dem stets dezent, dabei gleichwohl markant agierenden Michael Kersting, ähnlichen Geistes Kind am Schlagzeug, bildete er ein ungemein differenziert und filigran agierendes Gespann. So mischten sich der obertonreiche, glockenhelle Sound des Vibraphons, der warme Holzklang des Kontrabasses und der runde Sound des Schlagzeugs zu einem Musikerlebnis, das in fein abgestimmter Balance Ohr, Hirn und Herz gleichermaßen ansprach. Sie mögen keine Zauberer sein, wie der Titel »We Ain‘t No Magicians« betont, für einen zauberhaften, anregenden Abend im Birdland sorgten sie allemal.


Wolfgang Lackerschmid „Trio 77“ | 11.06.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Konkurrenz ist groß. In Rom wird die Fußball-EM eröffnet, draußen ist herrliches Biergartenwetter und endlich darf man sich wieder zu mehreren treffen. Es gäbe also durchaus Alternativen zu einem Besuch im Birdland Jazzclub. Doch alle Plätze, die laut Corona-Beschränkungen besetzt werden dürfen, sind auch besetzt, als der Vibrafonist Wolfgang Lackerschmid mit seinem „Trio 77“ dort zu Gast ist.

Er hat ein brandneues Album mit dem Titel „Summer Changes“ im Gepäck, das zwar erst am 16. Juli erscheint, im Birdland an diesem Abend aber bereits käuflich zu erwerben – und vor allem live zu hören – ist. Damit betreibt Lackerschmid zusammen mit dem Kontrabassisten Thomas Stabenow und dem Schlagzeuger Michael Kersting eine Art Erinnerungsarbeit. Die drei hatten bereits 1977 gemeinsame Aufnahmen gemacht, die damals wegweisend wurden für ihre jeweiligen Karrieren und jeden einzelnen bald in den Rang europäischer Spitzenklasse rückte.

Daraus rekrutiert Lackerschmid, der so herrlich grooven und zupacken, aber auch wunderschön fließende Sounds produzieren kann, sein Programm. Und aus dem weiten Feld zwischen dem Pop-Jazz von „One More Life“ und den höchst sonderbaren Geräuschen im von Thelonious Monk inspirierten „Orangutan“, zwischen Attila Zollers „A Thousand Dreams“, dem Frederic Chopin nachempfundenen „Lemon Moon“ und dem von Caterina Valente seinerzeit bekannt gemachten „Poinciana“, einem Ohrwurm, den zwar jeder kennt, von dem aber keiner weiß, dass er eigentlich von Nat Simon stammt.

Lackerschmid, bestens gelaunt schon allein deswegen, weil überhaupt wieder Live-Konzerte möglich sind, klärt sein Publikum über diese Tatsache auf und vermittels etlicher Geschichten und Anekdoten auch über all die Fakten, die hinter den anderen Stücken des Abends und deren Komponisten stehen. Natürlich hängt er damit auch ein klein wenig längst vergangener Abschnitte seiner eigenen Vita nach, aber wer sagt, dass das etwas Anrüchiges ist? Mehr noch: All diese markanten Riffs, diese hinreißenden Themen, für die Lackerschmid schon immer stand, müssen ganz einfach ab und zu wieder ans Tageslicht gezerrt werden. Noch dazu, wenn sie auf dermaßen zwingende Weise runderneuert wurden wie in diesem Fall und so trefflich ergänzt werden durch neues Material.

Wolfgang Lackerschmid und sein „Trio 77“ spielen Mainstream Jazz. Manch einem mag sogar die Vokabel „gefällig“ in den Sinn kommen. In diesem speziellen Fall ist die oftmals von Jazz-Hardlinern eher negativ benutzte Bezeichnung freilich ausdrücklich als Wertschätzung zu verstehen, denn Lackerschmid und seine Kollegen belegen mit jeder einzelnen Nummer, dass sich musikalische Klasse und künstlerische Substanz und der Aspekt des Wohlfühlens auf Seiten des Auditoriums keineswegs ausschließen. Im besten Fall gehen sie Hand in Hand. Das Trio 77 im Birdland war so ein Fall.


The European All Stars feat. David Hazeltine
„The Music Of Cedar Walton“ | 05.06.2021

Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Der Satzanfang „Je später der Abend…“ lässt sich auf auf verschiedene Art ergänzen,
mehr oder weniger geistreich. Für den Auftritt dreier europäischer Star-Jazzer mit der New Yorker
Klavier-Legende David Hazeltine im Neuburger Birdland gilt jedenfalls: Je länger dieses Quartett musizierte, umso intensiver wurde der Sound, umso charmanter der Swing, umso überzeugender der innere Drive.

Was sich da im Jazzkeller abspielte, wurde gleich beim ersten Song im Kleinen erlebbar. Der Mann am Bösendorfer-Flügel und seine drei Mitstreiter Piero Odorici (Saxofon), Aldo Zunino (Bass) und Bernd Reiter (Schlagzeug) fanden auf subtile Weise zueinander. „Simply pleasure“ als Titel des Eingangsstücks hätte kaum besser gewählt werden können. Es bereitet einfach Freude oder Vergnügen, dass nach langen, dunklen Monaten überhaupt wieder gespielt werden darf, dem Publikum genauso wie den Musikern. Und zugleich ist dieses „einfach nur Vergnügen“ nicht so simpel, sondern fordernd und auch ein wenig kompliziert.

Bernd Reiter ist ein famoser Schlagzeuger, stark in den leisen Tönen und mit Gefühl, wenn es mal wilder zugeht. Und das Edelgewächs aus der Grazer Jazz-Schule strahlt mit seiner Körperspannung und einer ansteckend fröhlichen Mimik auf Zuhörer und Mitspieler positive Energie ab. Piero Odorici am Saxofon ist ein Virtuose mit hochmusikalischem Verstand, der alles in seinen Bann ziehen kann, im lyrischem Melos genauso wie bei Tonkaskaden, denen das Ohr eigentlich nicht mehr zu folgen vermag.

Und einen so facettenreichen Bassisten wie Aldo Zunino, der sich auf glasklaren Rhythmus wie auf improvisatorische Kühnheiten gleich gut versteht, wird man nicht oft finden. Drei „European Allstars“ also, wie es nicht zu Unrecht im Programmheft heißt. Und die sollen nun den vierten Mann am Piano gleichsam musikalisch tragen, ihn zu Glanz und Geltung bringen, ohne selbst zu sehr zu verschwinden. Kein leichtes Unterfangen, zumal wenn es um eine spezielle Stilrichtung des Swing geht, die Piano-Altmeister Cedar Walton in den großen Garten der Jazz-Welt eingepflanzt hat.

Manches wirkt da anfangs und auch mal zwischendurch etwas tastend, der Pianist wirft seinen drei Co-Stars kleine Motive zu, als Frage und als Ermunterung. Die greifen die Einladung zum Tanz gerne auf – je länger diese Annäherung an einen runden Quartett-Sound währt, umso mutiger, kreativer und gelegentlich auch im besten Sinne übermütig. Der Bassist zum Beispiel erlaubt sich bei seinen hinreißenden Soli den Spaß, eine Schlusswendung anzudeuten, der Pianist und die beiden anderen stellen sich schon darauf ein, sanft wieder einzusetzen – da biegt Zuzino noch einmal in die andere Richtung ab. Ein musikalischer Genuss und ein Gaudium für die Jazzer auf der Bühne.

Das sind keine Gags, die nur auf Effekt angelegt wären, solche Details machen diesen Swing leicht und spannend. An einem kollegial-kreativen Wettstreit wachsen alle vier Musiker, bis sie im Kollektiv glänzen. Am schönsten im letzten Song „Holy land“. Musik als das gelobte Land, über zwei Stunden angesteuert und am Ende (annähernd) erreicht.


The European Allstars feat. David Hazeltine
„The Music Of Cedar Walton“ | 05.06.2021

Donaukurier | Karl Leitner
 

Er habe seit 18 Monaten seine New Yorker Wohnung ja im Grunde gar nicht mehr verlassen, sagt der Pianist David Hazeltine gleich zu Beginn seiner Konzerts im Neuburger Birdland. Und nun spiele er hier tatsächlich wieder vor Publikum. Er fühle sich einfach nur rundum glücklich. Das sieht und merkt man ihm an, diesen ganzen denkwürdigen Abend über, den er zusammen mit den hervorragend auf ihn eingestellten European Allstars (Piero Odorici am Tenorsaxofon, Aldo Zunino am Kontrabass und Bernd Reiter am Schlagzeug) für jeden im ausverkauften Jazzclub zu einem vermutlich unvergesslichen Erlebnis macht.

Immer wieder mal verbeugt sich Hazeltine vor Künstlern, die er besonders verehrt und widmet ihnen eigene Programme, in denen er deren Stücke neu arrangiert und ins Jetzt übersetzt. Mit Antonio Carlos Jobim tat er dies bereits und auch mit Burt Bacharach. Diesmal geht es um das Werk seines Pianistenkollegen Cedar Walton (1934 – 2013), dessen wichtigstete Stücke er bereits 2014 zum Inhalt des Albums „I Remember Cedar“ machte. Darauf stützt sich auch die aktuelle Setlist, an deren Beginn und Ende – genau wie beim damaligen Album – „Simple Pleasure“ und „Somehere Over The Rainbow“, stehen, letzteres vor Ort ergreifend dargeboten als Solostück am Flügel. Dazwischen gibt’s ein wenig Eigenes, ein wenig Miles Davis und ganz viel Cedar Walton, neben „Cedar’s Blues“, „Clockwise“ und „Martha ’s Prize“ zum Ende hin auch noch das überragende „Holy Land“, neben „Bolivia“ wohl die bekannteste Nummer aus Walton’s Feder. Nur dessen Jazzrock-Phase rund um „Mobius“ Mitte der Siebziger lässt er aus. Dazu bräuchte er ein Rock-Instrumentarium, aber um Rock geht es an diesem Abend nicht.

Dafür um so mehr um Ästhetik, lässige Nonchalance, Eleganz, technische Brillanz und ganz gezielt eingesetzte Stilmittel. Hazeltine weiß ganz genau, wann er mit der rechten Hand einen wahnwitzigen Lauf spielen darf, wann er mit schelmischem Lächeln völlig überraschend eine Pirouette aus dem Ärmel schüttelt oder wann es besser ist, mit ein paar fest zementierten Akkorden Pfähle einzurammen, damit die Spannung zu steigern und den Stab weiterzugeben an die Kollegen, damit einer von ihnen sie wieder löst mit einem dieser höchst bemerkenswerten Soli, zu denen sie sich immer wieder aufschwingen.

Es kommt ja durchaus vor, dass irgendjemand auf die Idee kommt, eine Begleitband in Ermangelung eines „richtigen“ Namens einfach mal „European Allstars“ zu nennen. Dieses Trio, das für die aktuelle, zehn Termine umfassende Tour mit Neuburg als zweiter Station, Hazeltine so trefflich unterstützt, ist an diesem Abend freilich tatsächlich genau das. Die beiden Italiener Odorici und Zunino und Reiter aus dem steirischen Graz, hellwach, hoch konzentriert und motiviert, laufen zu ganz großer Form auf und es ist nicht nur eine Freude, diesem David Hazeltine zuzuhören und zuzusehen, sondern auch diesem außergewöhnlichen Trio hinter und neben ihm.


Matthieu Bordenave Trio | 04.06.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Das ist keine Musik für nebenbei. Denn das Programm „La Traversée“, das der französische Tenorsaxofonist Matthieu Bordenave zusammen mit seinen Kollegen Florian Weber am Flügel und Patrice Moret am Kontrabass für das ECM-Label eingespielt hat und nun im Neuburger Birdland zu Gehör bringt, hat viel zu tun mit Farben, die in Klänge übersetzt werden, mit Assoziationen und nicht zuletzt ganz viel mit dem Faktor Zeit.

Das Publikum im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke weiß anscheinend ganz genau, auf was es sich an diesem Abend einlässt, denn es spendet keinen spontanen Zwischenapplaus nach besonders gelungenen Sequenzen – obwohl wahrlich Anlass genug bestünde – sondern spürt die Magie des Augenblicks, die tunlichst nicht gestört werden sollte.

Der Titel verrät bereits das Konzept. La Traversée – die Überfahrt. Es geht um den Übergang von zeitgenössischer Musik hin zum Jazz, um ein zwischen Komposition und Improvisation hin und her schwingendes Pendel. Es geht um die Übernahme der Ideen eines Musikers durch seine Kollegen, wobei jeder seiner eigenen Intuition folgt. Es gibt Arrangements, aber keine Verpflichtung, sich jederzeit an sie halten zu müssen. So kann ein Stücke wie „River“ im Konzert durchaus zweimal aufgeführt werden. Weil es sich ständig verändert. Und die dritte und vierte Version – die auf der CD – führen dann wieder in komplett andere Richtungen.

Die Musik, die teilweise so überaus leise, langsam und bedächtig, ja, meditativ anmutet, kommt keinesfalls aus dem Nichts oder ist lediglich ein Hirngespinst Bordenaves. Inspiriert wurde jener vom Werk des Dichters René Char. Er schrieb Gedichte, die von den Farben und Aromen der Provence durchdrungen waren. Nicht umsonst zitiert Bordenave mit den Titeln für seine Kompositionen „Incendie Blanc“, „Chaleur Grise“ oder „Le Temps Divisé“ Zeilen aus dessen Werk.

Das Stück „The Path“ hat sogar mit der Biografie Chars als Aktivist in der französischen Résistance zu tun. Eigentlich ging es in dessen Text gleichen Titels um die Hoffnung auf bessere Zeiten nach dem Krieg. Und was macht – ganz dem Konzept von La Traversée entsprechend – Florian Weber? Er baut spontan Pete Seegers berühmte Hmyne „We Shall Overcome“ in seine Improvisation ein. Er zitiert nicht auf die herkömmliche Art, sondern foltert und quält deren Melodie geradezu, vernichtet sie fast. Dieser Augenblick im Birdland ist geradezu beklemmend. Und doch so wahr. Man sehe sich nur auf dem Globus um.

Nein, das ist keine Musik für nebenbei. Dass am Ende dennoch heftiger Beifall aufbraust und es ohne Zugabe nicht geht, ist ein Zeichen für die Sensibilität und die Offenheit des Publikums, das bereit ist, den Faktor Zeit auch auf sich selbst zu beziehen. Denn es kann ja durchaus ein wenig dauern, um sich im Kosmos des Matthieu Bordenave zu orientieren.


Matthieu Bordenave Trio | 04.06.2021
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Immer noch sind wir auf der Suche, auf der Wanderschaft, auf der Überfahrt ins Ungewisse; und immer noch bleibt sie unerreichbar, die blaue Blume, die Erfüllung verheißt. So viele Künstler, Dichter, Musiker, die zu ihr strebten und streben. Selten indes gilt mehr als hier: Der Weg ist das Ziel. Wer sie je fände, verlöre den Sinn! So auch das Trio des französischen Saxophonisten Matthieu Bordenave im Neuburger Birdland, dessen entschleunigt sparsames Spiel Zeugnis gab von der steten Unerfüllbarkeit menschlichen Verlangens.

Doch gemach und zur Musik: Matthieu Bordenave am Tenorsaxophon, Florian Weber am Flügel und Patrice Moret am Kontrabass folgten dem Credo der Transparenz, der Entdeckung der Langsamkeit und der Verführungskraft zarter Luzidität. Leise, leicht und luftig spürten sie in unaufgeregter Bewegung melodischer Behutsamkeit nach unwiederholbaren Momenten gemeinsamer Intuition. Fast vollständig versunken in die interaktive Meditation zuhörender Intensität erschlossen sie ungemein nuancierte Improvisationskunst in innigem Miteinander und starker Individualität. Der luftige, weiche, dennoch präsente Sound des Saxophons, die filigrane Anschlagskultur des Pianos und der runde, holzbetonte Klang des Kontrabasses verbanden sich zu glücklicher Einheit eines musika-lischen Mikrokosmos von stiller Sogkraft. Eine Wanderung durch Seelenlandschaften mit jenem Ziel, das in der Weite schwebt, eine Spur zu ätherisch und ein bisschen blutleer im ersten Set, mit zunehmender Spontaneität und Lockerheit aufblühend im zweiten, zum Schluss gar mit einer kleinen Prise Humor. Belohnt wird, wer Geduld hat. Zumindest in der Ferne liegt dann ein Hauch der blauen Blüte in der Luft.


Tommy Flanagan im Birdland – Solokonzert von 1994 jetzt preisgekrönt | 03.06.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Als Tommy Flanagan (1930-2001) 1994 im Neuburger Birdland-Jazzclub ein Solokonzert gab, war er längst ein Star am Jazz-Piano. Schließlich war er an den herausragenden Aufnahmen von Ella Fitzgerald, John Coltrane und Son­ny Rollins beteiligt gewesen.

Das Konzert sollte mitgeschnitten und anschließend veröffentlicht werden als Tondokument eines seiner äußerst selte­nen Auftritte als Solist. Eine Rarität also sollte es werden, denn Flanagan sah sich vor allem als ein Teamplayer und war Solo­aufnahmen immer mit Vorsicht begeg­net. Alle waren begeistert vom Ergebnis des Abends, die Organisatoren, das Plat­tenlabel, das Publikum, Flanagans Tour­begleiter, nur Flanagan selbst nicht. Und so blieben auf sein Bestreben hin die Aufnahmen in den Archiven.

Jetzt sind sie als CD unter dem Titel „In His Own Sweet Time“ bei Enja Records erschienen. International werden sie als Sensation gefeiert. So schrieb etwa der britische Observer: „Flanagan ist der komplette Pianist schlechthin. Jede seine Figuren ist absolut zielgerichtet, jede Phrase in perfekter Weise überlegt plat­ziert und rund. Man kann fast hören, wie das Publikum im Club kollektiv vor Spannung den Atem anhält.“

Kürzlich wurde das Album, mit dem Flanagan lange nach seinem Tod sich selbst – und mit ihm einmal mehr den kleinen Club in der bayerischen Provinz – noch einmal ins internationale Ram­penlicht rückt, mit dem Preis der Deut­schen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Angesichts dessen, was Flanagan damals aus den schwarzen und weißen Tasten des Bösendorfer Flügels zauberte, ganz zu Recht. In der Laudatio der Jury heißt es: „Eineinhalb Jahrzehnte lang war er der Begleiter der »Lady of Song« Ella Fitzgerald, als ein vielseitiger Improvisa­tor und bescheidener Musiker, der von sich sagte: »Mir liegt es überhaupt nicht, mich zu profilieren.« Bestgehütet sind … seine Solo-Aufnahmen in den Archi­ven. So auch dieser Mitschnitt aus dem »Birdland« Jazz Club in Neuburg an der Donau von 1994. Sein samtweiches Spiel entfaltet sich auch in der engen Club-Atmosphäre in zehn zauberhaften Balladen, aus dem Bebop heraus entwi­ckelt er seinen Klaviersound: Tommy Flanagan, der hiermit ein sagenumwobe­nes Stück Solo-Musik hinterlassen hat.“

Aus ganz Deutschland waren die Jazz­begeisterten damals angereist, um den genialen Tommy Flanagan zu sehen und zu hören, wie er mit Klassikern wie Tadd Dameron’s „If You Could See Me Now“ oder Billy Strayhorn’s „Day Dream“ um­ging. Man kann in der Tat von einem dreifachen Wunder sprechen: Das erste ist, dass das Konzert überhaupt stattfand, das zweite, dass es aufgezeichnet wurde, das dritte, dass es jetzt – wenn auch eine ganze Generation später – doch noch veröffentlicht wurde. In den Liner-Notes zum Album des Jazz-Journalisten Rein­hard Köchl kann man die ganze Ge­schichte um diesen verspätet gehobenen Schatz nachlesen. Booklet und Musik zusammen ergeben ein überaus ge­schmackvoll ediertes Juwel.


John Marshall Quartet | 29.05.2021
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Wie sein älterer Bruder, der Bebop, kann auch der Hardbop als Gegenbewegung gegen eine allzu domestizierende Vereinnahmung des Jazz verstanden werden. Suchten die rasanten Virtuosen des Bebop Alternativen zur einengenden Welt der großen Swingorchester, gaben die Hardbopper der Ostküste dem Jazz die Sporen als Antwort auf den weicheren Westcoast-Stil: hart akzentuierte Rhythmen, Funkenflug, Tempo, Kontraste, Energie! Was John Marshall mit seinem Quartett im Neuburger Birdland bot, war das Beste aus beiden Welten, ein klingender Jungbrunnen, ein Weckruf aus dem Winterschlaf des Corona-Jahres.

Knallig, knackig, kantig, klar: Die Trompete schmetterte die Klassiker des Bop ins Gewölbe, dass es eine wahre Freude war: Monks »Epistrophy«, Dizzys »Woody‘n You«, Tadd Damerons »Hot House« erklangen so frisch wie je, ungemein mitreißend und vital. John Marshall, der sich mit sonorem Bariton u.a. in »You‘re My Thrill« auch als stilvoller Sänger präsentierte, steht wie kaum ein anderer für Authentizität. Virtuosität, Kreativität und Souveränität kamen ungemein präsent auf den Punkt.

Und kaum bessere Mitstreiter hätte er finden können für seine Mission: Claus Raible im Feuerflug über die Tastatur des Bösendorfer Flügels – immer wieder eine Freude! -, Martin Zenker im hurtigen Dauerlauf über die vier Saiten des Kontrabasses – nicht selten beschleunigt durch mitreißende Sprints – und Xaver Hellmeier mit unbeirrtem Drive am Schlagzeug, alle vier in ungemein kompaktem Groove!

Die Spielfreude war mit Händen zu greifen nicht nur bei den Gillespie-Hits »Night in Tunesia«, »Tin Tin Deo« oder »Con Alma« oder Lee Morgans Ohrwurm »The Sidewinder«. Ein toller Schubs in eine hoffentlich offenere Perspektive!


John Marshall Quartet | 29.05.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Kein Wunder, dass der amerikanische Trompeter John Marshall sich mit Hardbop beschäftigt. Wer Teil solch legendärer Big Bands wie der von Buddy Rich, Lionel Hampton, Mel Lewis und Dizzy Gillespie war, kann nun mal nicht anders. Mit seinem aktuellen Quartett um den Pianisten Claus Raible, den Kontrabassisten Martin Zenker und dem Schlagzeuger Xaver Hellmeier bläst er beim Konzert im Neuburger Birdland zum bedingungslosen Angriff.

Bereits die erste Nummer, der Klassiker „Lover“ von Richard Rogers, kommt in atemberaubendem Tempo daher, wie ein Orkan quasi. Und der ebbt den ganzen Abend über nur bei den wenigen langsameren Stücken etwas ab, wenn Marshall sich sogar in der Rolle des Sängers übt, der dem Publikum mit warmer und leicht „belegter“ Stimme bei dieser Gelegenheit wieder mal ins Gedächtnis ruft, dass Jazzballaden ja nicht nur oft wunderbare Melodien, sondern im Original meist auch Texte haben. Von Thelonious Monk, John Lewis und immer wieder von Dizzy Gillespie stammen die zeitlosen Kompositionen, derer sich die Band bedient und damit für einen eindrücklichen Nachhall sorgt. Mit Philip Braham’s „Limehouse Blues“ und Lee Morgan’s „Sidewinder“ legt sie sogar noch eine Schippe drauf. Was sie hier bietet, übertrifft sogar noch den Rest.

Das Quartett steht für Authentizität, aber eben auch für Innovation. Die zeigt sich immer dann, wenn sich Freiräume auftun. Den weidlich zu nutzen, ist vor allem die Aufgabe Raibles und Marshalls. Ersterer entpuppt sich ja derzeit als sozusagen als Lockdown-Spezialist. Nicht selten war und ist er zufälligerweise einer der letzten Konzertanten vor der Schließung und einer der ersten nach der Öffnung einschlägiger Jazzclubs. Hier, zusammen mit Marshall, ist er absolut in seinem Element. In der für ihn typischen lässigen Art schleudert er seine Läufe geradezu in die Tastatur, rührt genüsslich in ihr herum oder lässt seine rechte Hand erst mal über ihr kreisen, ehe er dann aus der Luft wie ein Adler zuschlägt. Was er spielt, ist sensationell, und ihm dabei zuzusehen, ist die pure Lust.

Marshall, dessen Phrasierung durchaus etwas mit der eines Clifford Brown zu tun hat, spielt äußerst reizvolle Hardbop-Girlanden und Tonketten, die wegen ihrer absoluten Klarheit überzeugen, bei deren gedanklicher Nachverfolgung man als Zuhörer aber durchaus immer wieder ins Schleudern kommt, was bei dem Höllentempo, das die Band immer wieder vorlegt, aber auch nicht verwundert. Dass diese zeitweilige Tour de Force nur funktionieren kann, wenn man wie in diesem Falle zwei exzellente Kollegen in der Rhythmusgruppe hinter sich weiß, ist offensichtlich.

Ja, im Grunde spielt diese Band tatsächlich nur ein gutes Dutzend Stücke, die seit den Sechziger Jahren fester Bestandteil der Jazzliteratur sind, Stücke wie „Night In Tunisia“ oder „Straight No Chaser“ etwa. Das tun viele andere auch. Der Unterschied liegt darin, dass Marshall die Räume, die sich ihm dadurch bieten, ganz und gar mit seiner eigenen Ausdrucksweise füllt. Das macht ihn bei aller Authentizität im Grunde unvergleichlich.