Aktuelle Presseberichte

Yellowjackets feat. Luciana Souza | 11.10.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die achte Ausgabe des Birdland Radio Jazz Festivals ist eröffnet. Schauplatz des ersten Kapitels dieser wieder einmal glänzend besetzten Konzertreihe ist das bis auf den letzten Platz gefüllte Audi Forum, wobei der rege Publikumszuspruch nicht verwundert, denn wer sich in den letzten 40 Jahren auch nur am Rande mit Jazz beschäftigt hat, der musste irgendwann über den Namen dieser Formation stolpern.

The Yellowjackets also, einst eine Institution des Fusion Jazz, heute längst ein musikalisches Chamäleon, eine Band, die nahezu alle derzeitig gängigen Spielformen  vom Bebop bis hin zum Rockjazz im Repertoire hat, nebenbei die World Music streift, Electronics einsetzt und gleich danach wieder lyrisch klingt und verträumt, so dass man meint,  die Zeit stünde kurzfristig still. Derzeit haben Bob Mintzer (Tenorsaxofon, EWI), Russell Ferrante (Klavier, Synthesizer), Will Kennedy (Schlagzeug) und Dane Alderson (Six String Bass) die brasilianische Sängerin Luciana Souza als Gast mit an Bord. Sie singt keine Texte, sondern setzt ihre Stimme fast durchgehend als Soloinstrument ein, weswegen sich innerhalb des Quintetts immer wieder Unisono-Duos oder Call And Response-Kombinationen ergeben. Gesang plus Bass, Gesang plus Saxofon, Klavier plus Schlagzeug. Im Grunde ist alles vorstellbar, wobei die Partner ständig wechseln, sich für kurze Zeit finden, sich wieder trennen, gemeinsam ein Stück Weges gehen, bevor sie sich neu orientieren.

Das führt dazu, dass sich nicht nur in den funky Groove-Stücken wie „Man Facing North“, „The Red Sea“ oder „Strange Time“ gehörig was rührt, sondern eben auch in den ruhigeren, die nicht umsonst Namen tragen wie „Solitude“ oder „Quiet“.

Hört man sich die Platten der Yellowjackets in der Folge ihrer Veröffentlichung an, werden all die Mutationen deutlich, die diese Band im Laufe der Jahrzehnte vollzogen hat. Dabei hat sie niemals vergessen, woher sie kam. Der gemeinsame Fundus und der musikalische Sprachschatz wuchsen also immer mehr an, so dass man sich aktuell nie ganz sicher sein kann, was man bei einem ihrer Konzerte erwarten darf. Wer die Band oder eine ihrer CDs zum letzten Mal vor 20 Jahren gehört hat, der dürfte sich also im Audi Forum stellenweise ziemlich gewundert, gleichzeitig aber auch wie zuhause gefühlt haben, denn mit allen Wassern gewaschene Musiker wie Ferrante oder Mintzer haben nun mal hohen Wiedererkennungswert, ja, ihre ganz und gar eigene, unverkennbare Spielweise.

Nach diesem herausragenden Auftakt darf man gespannt sein auf den Fortgang des Birdland Radio Jazz Festivals, bei dem noch Steve Kuhn und das Rosenberg Trio im Programmheft stehen und natürlich John Scofield’s Combo 66, für dessen Konzert nach der Umbuchung aus dem bereits ausverkauften Birdland Jazzclub in den Neuburger Kongregationssaal nun doch wieder Tickets zur Verfügung stehen.


Wolfgang Lackerschmid Connection | 06.10.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wolfgang Lackerschmid, einer der führenden europäischen Vibraphonisten, war schon öfter zu Gast im Birdland Jazzclub. Gut waren seine Konzerte dort immer, keine Frage, dieses mit seiner „Wolfgang Lackerschmid Connection“ freilich übertrifft sie alle.

Wie der Titel seiner aktuellen CD „Magic Brewery“ bereits andeutete, durfte man einen höchst bekömmlichen Sud aus der Lackerschmid’schen Kompositionswerkstatt erwarten, dass die „Brewery“ auf der Bühne freilich vielmehr zu einer „Destillery“ werden würde, die gut zwei Stunden lang absolut Hochprozentiges ausstoßen würde, überraschte selbst Lackerschmid-Kenner. Die zwischen funky Grooves und fließendem Mainstream angesiedelten Stücke sind nämlich nicht nur – um im Bild zu bleiben – angenehm süffig und herrlich würzig, sondern machen regelrecht trunken.

Manchmal gibt es Abende, da passt es einfach. Alle fühlen sich pudelwohl, die Band sprüht vor Energie und Spiellaune, die Musiker treiben sich gegenseitig an und die Leute im Saal, die ab der ersten Nummer genau spüren, dass hier großartige Musik auf sie zukommen wird, gehen begeistert mit. Natürlich liegt’s vor allem an der Band. Stefan Rademacher (Akustische Bassgitarre) genießt auf seinem Gebiet ein ähnlich hohes Ansehen wie Lackerschmid auf seinem. Er hat in der Billy Cobham Band jahrelang hervorragende Tiefton-Arbeit geleistet und leistet sie auch hier. Schlagzeuger Guido May webt einen unglaublich dicht geknüpften Rhythmusteppich. Im Grunde spielt er selbst dann Solo, wenn er „nur“ begleitet. Ryan Carniaux (Trompete, Flügelhorn) steigert sich regelrecht hinein in seine Soli, bietet Lackerschmid auf ungemein spannende Weise Paroli und ist immer dann besonders präsent, wenn ein Stück so richtig „heiß“ wird.

Die enorme Schubkraft, die vor allem von Bass und Schlagzeug ausgeht, verfehlt ihre Wirkung nicht, weder die auf die Solisten noch die aufs Publikum. Bereits bei der Adaption der Bill Withers-Nummer „Ain’t No Sunshine“ ganz zu Beginn kommt sie voll zum Tragen, dann bei „Alone Together“ mit Reggae-Flair, der funky Nummer „Lullaby Of A Bird – Not“ und natürlich auch dann, wenn ein Samba-Groove haargenau so ins Bluesschema eingepasst wird, dass man als Zuhörer gleich aus mehreren Richtungen emotional gepackt wird.

Das erste Stück gleich nach der Pause mit dem Titel „We Ain’t No Magicians“ bringt die Quintessenz des Konzerts ans Licht und die Sache indirekt auf den Punkt. – No Magicians? Doch, genau, das ist das Stichwort. Gerade diese Magie, die sich ein ums andere Mal im Verlauf des Gastspiels der Wolfgang Lackerschmid Connection breit macht und immer wieder dieses lustvolle Kribbeln erzeugt, ist das Besondere. Was für ein toller Abend im Birdland!


Wolfgang Lackerschmid Connection | 06.10.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Locker swingende Musik, fein gewiegt und lässig vorgetragen, durchaus mit Anspruch und moderner Individualität. Der Augsburger Vibraphonist Wolfgang Lackerschmid ist längst Stammgast auf der Bühne des Neuburger Jazzclubs. Und immer wieder wartet er auf mit neuen Ideen, frischen Konzepten, und einem wahren Fundus musikalischer Substanz. In den gut vierzig Jahren seiner Karriere hat er eine große Anzahl eigener Kompositionen zu verzeichnen. Die bringt er mit Esprit, Ambition, leisem Humor und immer in höchster musikalischer Qualität auf die Bühne. Diesmal dabei: der famose Trompeter Ryan Carniaux, der lebhafte, positiv spielfreudige Trommelphilipp Guido May und – Überraschung des Abends! – Stefan Rademacher, der am „Kompromissbass“, einer hybriden akustischen Bassgitarre mit dem Griffbrett eines Kontrabasses, eine überaus starke Vorstellung zeigte. Die Bandbreite des Lackerschmid‘schen Œuvres zeigte sich vielleicht am besten im Kontrast der zarten Ballade „Why Shouldn‘t You Cry“ mit ihrer, von Ryan Carniaux großartig vorgetragenen, zarten, samtigen, an Chet Baker erinnernden Trompetenlinie, und dem wahrhaft schmetternden Opus „Schmetterlinge“, beides Stücke, die Lackerschmid schon in den 1970ern schrieb. „Get Her Alone“ zeigte wiederum die Traditionsverbundenheit des Komponisten, der hier die Basis des Jazzstandards „Alone Together“ zu lässig dahin federndem Optimismus wendet, an dessen positiver Wirkung das stets agile, leichthändige Schlagzeugspiel Guidos Mays wesentlich teilhatte. Feine Ironie ab‘s nicht nur einmal, so in einer rasanten Adaption des Balladenklassikers „Lullaby of Birdland“, dem ein heftiges, trotziges „Not“ beigesellt wurde. Auch die lebhaften „Four Notes“ enthielten viel mehr als der Titel untertrieb. Und wenn es gegen Ende hieß „We Are No Magicians“, so waren sie doch nahe dran, die Vier in der aktuellen Wolfgang Lackerschmid Connection.


Roberto Di Gioia’s „Web Web“ | 05.10.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Man konnte und kann Roberto Di Gioia auf Tonträgern hören und auf der Bühne sehen mit Klaus Doldinger’s Passport, mit Udo Lindenberg, The Notwist und Till Brönner. Fürwahr, der Mann ist viel beschäftigt. Deswegen blieb immer wenig Zeit für eigene Projekte.

Mit „Web Web“ hat er nun endlich wieder eines und kann all das musikalisch umsetzen, was ihm in kompositorischer und klanglicher Hinsicht so durch den Kopf geht. Im Birdland Jazzclub in Neuburgs Altstadt zeigt er, wie es sich anhört, wenn er genau das tut. Zusammen mit Tony Lakatos (Flöte, Sopran- und Tenorsaxofon), Christian von Kaphengst am Kontrabass und Peter Gall am Schlagzeug geht er dabei durchaus eigene Wege und setzt sich so ab von den „üblichen“ Abläufen herkömmlicher Jazzkonzerte. In seinen Stücken, die teils von den beiden Alben der Band stammen, teils aber auch so neu sind, dass sie noch nie vorher live gespielt wurden, reiht sich nicht Solo an Solo, nein, vielmehr gehen hier auskomponierte und individuell gestaltete Partien ineinander über, verzahnen sich auf einem pulsierenden Groove, auf dem man sich als Zuhörer bedenkenlos forttragen lassen kann wie auf einem fliegenden Teppich.

Nicht selten beginnen die Stücke mit einer Figur, einem Basis-Riff, das man als Zuhörer am besten erst einmal sacken lässt. Daraus entwickeln sich Themen und Umschreibungen, die Dynamik nimmt zu, die Sache wird intensiver und impulsiver, steigert sich, nimmt Fahrt auf. Stücke wie „The Oracle“, „Journey To No End“ oder das wahnwitzig schnelle „Meh Te“ entfalten einen Sog, der ungemein anziehend wirkt. An anderer Stelle geht die Band auf geradezu lyrische Weise an einen an sich ganz einfach gestrickten Slow Blues heran oder wagt sich an eine überaus intime Ballade und punktet auch damit beim Publikum.

Di Gioia war schon immer nicht nur Pianist, sondern auch Keyboarder. Auch bei „Web Web“ kommen E-Piano und Synthesizer zum Einsatz, was ganz vorzüglich zum Gesamtbild passt, weil die Band Formationen wie „Vital Information“ oder den akustisch orientierten Projekten Chick Corea’s ja sowieso viel näher steht als etwa einem BeBop-Ensemb-le.

Spezielle Erwähnung verdient Schlagzeuger Peter Gall. Nicht nur, weil er an diesem Abend überaus versiert mit Trommeln und Becken umzugehen weiß und als Solist ganz groß auftrumpft, sondern weil er mit eigenem Quintett die Radio-Jazznacht und somit das Abschlusskonzert des diesjährigen „Birdland Radio Jazz Festivals“ übernehmen wird. Wer ihn mit „Web Web“ gehört und gesehen hat, für den dürfte der dafür festgesetzte Termin am 11. November nunmehr Vorrang vor allen anderen haben.


Roberto Di Gioia’s „Web Web“ | 05.10.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Zum Einstieg gleich die Welturaufführung eines nagelneuen Stücks, drei davon gab‘s insgesamt: Das Mindesthaltbarkeitsdatum dieser Band scheint auch in der Vorbereitung ihres dritten Albums noch lange nicht erreicht. Mit Roberto DiGioia, Tony Lakatos, Christian von Kaphengst und Peter Gall haben sich vier ausgezeichnete Protagonisten der deutschen Jazzszene zusammengetan um ihr ganz eigenes musikalisches Netz zu knüpfen: „Web Web“ heißt die Formation, viel mehr als nur eine Zusammenfügung von vier Musikern. Als echte Band zeigten sie sich im Neuburger Birdland, mit gemeinsamer Linie in starker Interaktion und kompaktem Miteinander. Darauf waren schon die Kompositionen aus, die sich nicht allein mit der Vorgabe von Themen begnügen, sondern durchdachte Durchgängigkeit zeigten.

Dazu dann noch eine Überraschung: Tony Lakatos, der sich in der jüngeren Vergangenheit reichlichst Meriten als Saxophonist erspielt hat, wartete mit der Querflöte auf und reicherte seine mal elegischen, mal feuerspeienden Linien auf dem Sopran- und Tenorsaxophon mit jenen weichen, silbrigen Klängen an, die für die im Jazz eher selten zu hörende Flöte so typisch sind. Flexible, entspannte, zugleich spannende, groovebetonte Musik gab‘s also zu erleben, vom zarten Hirtengesang Illyriens bis zur packenden Bewegung urbaner Aktualität, mit Energie und Feeling. Lakatos Finger tanzten da nur so über die Klappen, in schier endlos erscheinendem Atem loderte die pure Leidenschaft. Der von Roberto DiGioia an Flügel und Fender Rhodes zumeist eher dunkel gehaltene Hintergrund bildete dazu die ideale Folie. Der Initiator und Spiritus Rector von „Web Web“ zeigte sich als wahren Klangmaler mit wohl gefüllter Palette. Der ausdrucksreichen Schattierung und dem charakterstarken Sound, stets erkennbar in eigenem Anschlag und nuancierter Klangmischung, blieb dabei auch das eine oder andere elektronische Elementarteilchen nicht fremd. Bassist Christian von Kaphengst, erst jüngst im Birdland zu Gast mit dem Wolfgang Haffner Trio, bewährte sich einmal mehr als wuchtiger, voluminöser, stabiler und starker Rückhalt und entscheidender Anker des Geschehens, das durch Peter Galls variables, elastisches Schlagzeugspiel je und je auf den fliegenden Teppich entführt werden wollte. „Web Web“ zeichnete sich aus durch die Gleichzeitigkeit von Zusammenhalt, Zusammenhang und Verbindung wie von Lockerheit, Offenheit und Flexibilität. Masche für Masche will das Netz geknüpft sein, die Knoten weit genug voneinander entfernt und doch in fester Nähe. Nicht das statische Nebeneinander, sondern die fließende, dynamische Verbindung über die Knotenpunkte hinweg erzeugt die eigentliche Substanz. Darin zeigte diese Band wahre Meisterschaft.


Rick Margitza & Peter Protschka Quintet | 29.09.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es ist ein erhabener Sound, der einem da im Keller unter der Hofapotheke entgegenschlägt. Keine populistische „Hardbop-Mucke“, wie sie die Museumswächter des Jazz leider viel zu häufig und nahezu ohne eigenes Profil aufwärmen. Knisternd, flirrend, würdevoll, robust, (im besten Wortsinn) maskulin, elegant, cool, was keineswegs mit kühl verwechselt werden sollte: So präsentiert sich die erlesene und vor allem bestens eingespielte Crew um den Kölner Trompeter Peter Protschka und den amerikanischen Tenorsaxofonisten Rick Margitza im erfreulich dicht besetzten, fast ausverkauften „Birdland“.

Eine Wertschätzung, die das fachkundige Neuburger Publikum einer der versiertesten Bands des zeitgenössischen traditionellen Jazz entgegenbringt. Im Gegenzug ebnet das unbestechliche Kriterium „Qualität“ sofort jeden Weg ins Ohr. Wenn Protschka sein Flügelhorn für einen dezent forschen Ritt durch das Dickicht der Sechsachtel-Takte zum Mund führt, dann wirkt dies wie ein spannendes Kapitel aus einem Krimi von John le Carré. Rick Margitza passt zu ihm wie ein zweieiiger Zwilling. Der 56-Jährige aus Dearborn/Michigan, der an der Seite von Miles Davis erste Bekanntheit erlangte und sich auf Augenhöhe mit Legenden wie McCoy Tyner, Chick Corea, Tony Williams oder Bobby Hutcherson zu einem der Größten seines Faches emporschwang, will in dieser Formation nie Star sein, sondern Primus inter pares, Gleicher unter Gleichen. Wellenförmig schiebt er seine Saxofonlinien unter den Erzählstrom, bindet die Dramaturgie und wirkt wie ein Beleuchter, der im richtigen Moment die passende Stimmung evoziert.

In dieser Geschichte in mehreren Kapiteln besetzt Martin Sasse eine elementare Rolle. Der sich vor allem in den vergangenen zehn Jahren ganz erstaunlich entwickelnde und mittlerweile in der absoluten Weltklasse des Mainstream-Jazz angelangte Pianist, liefert wahlweise funkige, swingende oder lyrische Sprenkel und launige Episode wie den torkelnden Jazz-Walzer „A Groovy Affair“. Für Tempo und frivole Kurzweil sorgen Drummer Tobias Backhaus und „Mr. Bass“ Martin Gjakonovski, der sich allmählich anschickt, der Tieftöner mit den meisten Auftritten im „Birdland“ zu werden.

Eines erkennt man bereits nach dem ersten Song: Protschka, Margitza und Co. haben Bock darauf zu spielen; jeden Abend aufs Neue. Hier reißt niemand seinen Job herunter. Die fünf Männer in den besten Jahren leben ihren ganz persönlichen Jazz-Traum, tauchen in ihre eigenen Klangwelten ein, verschmelzen zu einer organischen Einheit, in der es keine Egos mehr gibt, sondern nur noch ein tiefes inneres Einverständnis, knackige Grooves, wunderbare Melodien und geniale Läufe. Die innige Ballade „Cry Me A River“ zum Beispiel erlangt durch Margitzas Horn eine Strahlkraft, die den ganzen Keller in ein imaginäres Dunkelblau mit einem feuerroten Kern tauscht. Seine Soli sind faszinierende Wechselspiele aus Schatten und Flimmern, aus rhapsodischen Linien und girlandenartig gebundenen Skalen, aus heiseren Überblastricks und klaren, festen Tonkaskapden.

„E. Jones“, die Ode auf Superdrummer Elvin Jones, beginnt wie ein Gewitter: rollend, mächtig, imposant, voller Elektrizität. Für die daraus resultierenden Entladungen ist diesmal Protschka mit seinen temperamentvollen, aber allzeit kontrollierten Glissandi und MP ähnlichen Salven zuständig. Es ist eine eigenwillige, selten erlebte Klasse, die dieses Quintett transportiert. Ein erfrischendes Anderssein, das man am ehesten im Vergleich zu anderen, künstlich „hochgejazzten“ Bands erkennt. Was dort mitunter krachend scheitert und im besten Fall mit Routine überspielt werden kann, klappt in dieser perfekt funktionierenden Combo wie von selbst.


Rick Margitza & Peter Protschka Quintet | 29.09.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Diese Formation sei seine Traumband, sagt Peter Protschka gleich zu Beginn. Seit sechs Jahren treffe man sich regelmäßig und unternehme kleine Tourneen. Und dies hier im Birdland sei nun also das dritte Konzert der 2018-Tour.

Dann kommt „August In Paris“ zum Warmspielen, danach „Black Forrest“, die erste Komposition mit einer dieser wunderschönen Melodien, von denen im Laufe des Konzerts noch so einige folgen sollen, im weiteren das soul-jazzige Thema von „Tom’s Groove“, einem Blues, der dem hoch geschätzten Tom Harrell gewidmet ist, dessen Foto vom letztjährigem Gastspiel an gleicher Stätte gleich links neben der Band an der Wand hängt. Diese Nummer hinterlässt bislang den nachhaltigsten Eindruck, und lässt man in der Pause die erste Hälfte des Konzerts Revue passieren, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass Peter Protschka (Trompete, Flügelhorn), Rick Margitza (Tenorsaxofon), Martin Sasse (Flügel), Martin Gjakonovski (Kontrabass) und Tobias Backhaus (Schlagzeug) bislang vor allem eines getan haben. Sie haben permanent die Intensität gesteigert, fast unmerklich eigentlich, aber doch stetig.

In der zweiten Hälfte kommen dann die echten Kracher. Margitza’s „Warm“, Sasse’s „Groovy Waltz“, am Ende das fulminante „E. Jones“, eine Hommage an den legendären Drummer Elvin Jones. Die beiden Bläser haben ausgiebig Gelegenheit, sich solistisch zu entfalten, was selbst für die verwöhnten Ohren des Birdland-Publikums wohl immer wieder zu einer echten Offenbarung wird. Martin Sasse steht den beiden in nichts nach. Wie er perlende Läufe und hinreißende Akkordarbeit zu einer komplett eigenen Spielweise verschmilzt, kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wobei man – und sind die Soli auch noch so originell und innovativ – dennoch vor allem immer wieder auf diese Themen wartet, an denen man sich gar nicht satt hören kann und die natürlich nur noch umso besser klingen, wenn sie wie hier im Satz gespielt werden.

Mit Protschka aus Köln und Margitza aus Detroit/Michigan, den beiden Bläsern, die das Quintett gemeinsam leiten, scheinen sich zwei Musiker gefunden zu haben, die sich optimal ergänzen. Mag ihre persönliche Ausdrucksweise auch unterschiedlich sein, was man an den Soli durchaus ablesen kann, so ziehen sie jedoch immer sie dann an einem Strang, wenn es gilt, einer Komposition ein bandtypisches Gesicht zu geben, bei den Arrangements also. Dabei ist es im Grunde fast egal, wer der eigentliche Komponist ist, denn immer wird ein Stück, sobald es in die Setlist aufgenommen ist, zu einem echten Bandereignis. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise ist dann ein herausragendes Konzert wie dieses.


Wolfgang Haffner Trio | 21.09.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Was haben Lionel Richie, Paul Simon, Friedrich Hollaender, Hildegard Knef und Herbert Grönemeyer gemeinsam? Allesamt sind sie alles andere als Künstler des Jazz. Trotzdem erklingen ausgerechnet deren Stücke beim ersten von zwei Konzerten des Wolfgang Haffner Trios im Neuburger Birdland Jazzclub. Das liegt an Frank Chastenier, dem exzellenten Pianisten, der sich als Arrangeur jeder Herausforderung stellt, sei sie auf den ersten Blick auch noch so abenteuerlich.

Im Grunde könnte dieses Trio, dem auch noch Christian von Kaphengst am Kontrabass angehört, auch nach ihm benannt sein, denn Chastenier investiert eindeutig am meisten in den Abend, drückt den gut zwei Stunden seinen Stempel auf. Wolfgang Haffner jedoch ist der Chef, trommelt seine beiden langjährigen Freunde immer wieder mal zusammen, wenn es sein Terminkalender zulässt und lädt zum „Familientreffen“, wie er es ausdrückt. Es gibt dann stets ein spezielles, nicht auf CD erhältliches Programm mit Jazznummern wie an diesem Abend mit Duke Ellington’s „In My Solitude“ oder Irving Berlin’s „Cheek To Cheek“, aber eben auch mit Simon’s „50 Ways To leave Your Lover“ mit prächtigem Rock-Drum-Solo Haffners oder Grönemeyers „Mensch“.

Die Spannweite ist enorm. Al Jarreau’s „Moanin‘“ist quasi eine musikalische Umarmung des Publikum durch eine Jazzband. Wem da nicht das Herz aufgeht, dem ist nicht zu helfen. Richie’s „Hello“ klopft ganz schüchtern und zögerlich an, während die feurige Version von Michel Legrand’s „Les Parapluies de Cherbourg“ mit der Tür ins Haus fällt. In seinen Arrangements legt Chastenier größten Wert auf die exakte Platzierung jeder einzelnen Note, jedes einzelnen Strichs mit den Besen, andererseits bietet er sich selbst wie auch Haffner immer wieder Platz für Ausschmückungen, Umspielungen und Soli, die beide überaus geschmackvoll in dieses teils recht diffizile Geflecht an Vorgaben und Freiheiten einbetten. Selten kommen sich kammermusikalische Pas-sagen und elastisch groovender, kraftvoller Power-Swing als Eckpunkte innerhalb eines Konzerts so nahe.

Wolfgang Haffner, der auch in der internationalen Jazzszene höchstes Ansehen genießt und pausenlos rund um den Globus im Einsatz ist, bricht in einigen Tagen als Bandleader zu einer großen Asientournee auf. Dass er sich vorher von seiner Familie verabschiedet, gehört für ihn zum guten Ton. Und es zeigt seine enge Verbundenheit mit dem Birdland und dem dortigen Publikum, dass er aus diesem Anlass noch einmal in Neuburg vorbeischaut, bevor er in den Flieger steigt.


Wolfgang Haffner Trio | 21.09.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Genauso gut hätte man das Frank Chastenier Trio ankündigen können. Der Kölner Tastendrücker ist einfach ein sensationeller Pianist, trotz der geschlagenen 26 Jahre, die er in der WDR Bigband spielte, fast so etwas wie ein hidden champion und dem breiteren Publikum trotz seiner Klasse immer noch viel zu wenig bekannt. Schon mit 13 Lenzen gewann er seinerzeit den ersten Platz bei Jugend jazzt, mit der WDR Bigband nahm er im Lauf der Jahre rund 50 Platten auf, Till Brönner, Manfred, Krug, Hildegard Knef, Dee Dee Bridgewater, Caterina Valente, Rolf Kühn und Pe Weerner vertrauten seinen Künsten. Ein vielfältiger, höchst geschmackssicherer Tausendsassa präsentierte sich da just ein Jahr nach seinem letzten Auftritt in Neuburg, auf der Bühne des Birdland.
Wobei natürlich auch gegen die Benennung dieses Zauber-Trios als Wolfgang Haffner Trio nicht das Geringste einzuwenden ist. So heißt es ja schließlich auch. Beweglich, kultiviert und fast unheimlich kontrolliert agierte Deutschlands zweifellos bester Drummer. Klug dosierte er inspiriertes Temperament und sublim differenzierte Zurückhaltung, blieb dabei stets agil und konstruktiv, immer mit substanziellem Beitrag als belebender Impulsgeber und beflügelter Unterstützer. Der Dritte im Bunde schließlich, Christian von Kaphengst am Bass, bildete Rückgrat und Ruhepol, ließ alle Bewegung gelassen zu und wies ihr gemessen Weg und Ziel.
Standards aus Jazz und Pop fügten sich in den exquisiten Arrangements von Frank Chastenier zu einem Reigen feinsinniger Variationen. So sprudelte zu Beginn Lionel Richies „Hello“ in den Jazzkeller, schlenderte heiter David Fosters „Morning“ in den Abend hinein. Ideal trug die Balance aus Sound, Atmosphäre und Feeling die Substanz jedes Songs, sei es verführerisch, sanft und fast entsagend wie bei Friedrich Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, melancholisch bei Herbert Grönemeyers „Mensch“ oder seelenheiter wie beim alten Swinger „Cheek to Cheek.“ Duke Ellngtons „In My Solitude“ tupfte nachtblau elegant eine Portion Nachdenklichkeit hinzu, bevor es „On the sunny side of the Street“ nonchalant und lässig weiterging ins Glück des federleichten, transparenten, lichterfüllten Grooves dieses Jazztrios dreier seelenverwandter exzellenter Musiker.


Dusko Goykovich Quintet | 14.09.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Ehre, im Birdland Jazzclub die Konzertsaison zu eröffnen, gebührt seit Jahren dem Trompeter Dusko Goykovich. Im letzten Jahr wurden aus diesem Anlass die Stücke für das vor gerade mal drei Wochen erschienene Live-Album „Re:Bop“ dort mitgeschnitten, das Goykovich selbstverständlich im Gepäck hat und von dem er auch einige Auszüge beim diesjährigen Konzert in der Neuburger Altstadt vorstellt. „My Secret Love“ etwa, oder die beiden Eigenkompositionen „Not So Long Ago“ und „Rebop“.

Aber längst hat Goykovich schon wieder Neues für sich entdeckt, hat seine Band umgebaut, ist mit seinen 87 Jahren stets offen, ja, richtiggehend hungrig nach Stücken, die es sich zu covern lohnt. Und so hört man an diesem Abend auch eine geradezu entfesselte Version von Kenny Dorham‘s „Lotus Blossom“, den schwelgerischen „Bass Blues“ aus der Feder von Paul Desmond und Theloneous Monk‘s „Bemsha Swing“, Nummern, die anscheinend nur darauf gewartet haben, dass ein Arrangeur wie Goykovich sich ihrer annimmt, einer mit dem sicheren Gespür des Kenners und Könners. Auch wenn er sich verständlicherweise ab und zu ein klein wenig zurücknimmt und nicht mehr so ausgiebig soliert wie einst, ist sein Ton immer noch brillant, vereinen sich bei ihm immer noch Drive und Eleganz.

Seine aktuelle Band gehört zur Kategorie „Von Null auf Hundert in 10 Sekunden“. Bereits mit dem ersten Ton geht sie volles Risiko, läuft aus dem Stand wie geschmiert und schnurrt anschließend auf höchstem Level. Martin Gjakonovski am Kontrabass, Renato Chocco am Flügel, das Kraftpaket Alvin Queen hinter dem Schlagzeug und schließlich der exzellente, bisweilen an Cannonball Adderly erinnernde Tenorsaxofonist Paul Heller – sie allesamt sind als Solisten absolut erste Wahl. Und als Band und Sprachrohr ihrer selbst wie auch der Ideen ihres Leaders sind sie eine Wucht. Fast meint man, das Quintett möchte an diesem Abend die Qualität des Konzertmitschnitts von 2017 noch toppen. Was das Energielevel anbetrifft, gelingt ihm das tatsächlich, denn die Band steht dermaßen unter Dampf, dass Goykovich sogar auf eine echte Ballade und damit auf den Einsatz des Flügelhorns weitgehend verzichtet. Der lässige Groove bei „You Are My Everything“ und das Understatement bei „Autums Leaves“ in der Zugabe deuten zwar in diese Richtung, aber auch hier hört man quasi das Feuer knistern, das in dieser Band lodert.

Dusko Goykovich als Saisoneröffner im Birdland also. Wie immer, wie in jedem Jahr. Wird das nicht irgendwann langweilig? – Nicht mit jemandem, der bei jedem Gastspiel garantiert anders klingt als im Jahr zuvor, nicht bei jemandem, der ständig neue Musiker, neue Songs und neue Klangfarben vorstellt. Im Gegenteil: Goykovich beeindruckt stets aufs Neue, ja, man ist geradezu hingerissen von ihm. So wie diesmal auch. Hoffentlich bleibt er uns noch lange in dieser Form erhalten.