Aktuelle Presseberichte

Gebhard Ullmann´s Basement Research | 20.04.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Musikalische Grundlagenforschung war mal wieder angesagt im Birdland Jazzclub. Der Saxophonist und Bassklarinettist Gebhard Ullmann ist gewissermaßen Stammgast im Neuburger Jazzkeller, wenn es darum geht, musikalische Freiheit in der Kunst der Improvisation bis in ihre Grenzbereiche auszuloten. Wenn man Musik mit Philosophie vergleichen wollte, würde man den sympathischen Berliner wohl am ehesten der Disziplin der Erkenntnistheorie zuordnen. Sein langjähriges Projekt „Basement Research“ wirkt wie eine große Nachfrage nach der Bedingung der Möglichkeit des Musizierens.

Da gibt es das Element der Komposition, des vorbedachten, geplanten Ineinandergreifens der Einzelstimmen in melodisch, harmonisch und rhythmisch aufeinander bezogener Weise, sauber ausgetüftelt bis ins kleinste Detail und punktgenau im Kollektiv präsentiert mit hohem Wiedererkennungswert und zupackender Ansprache. Auf der anderen Seite waltet der individuell getriebene Moment des lustvollen Musizierens an sich, das in der Improvisation seinen eigenen Ausdruck findet und den Mitmusizierenden auf der Suche nach gemeinsamen Lösungen spontane Ideen liefert.

Wie funktioniert Musik, die sich ihrer Gesetze entledigt, die Freiheit sucht und sich zu neuen Ufern aufmacht in „Shifting Tonnalities“, welche die Beschränkung auf zwölf chromatische Haltonschritte innerhalb einer Oktav in ungezählten mikrotonalen Zwischentönen überschreitet? Gar nicht philosophisch abstrakt, sondern glutvoll, lebendig, konkret.

Dazu hat sich Gebhard Ullmann, ein begnadeter Versucher an Saxophon und Bassklarinette, mit gleichgesinnten musikalioschen Abenteurern zusammengetan: Julian Argüelles lotet in hurtiger Geschwindigkeit aus, wozu ein Baritonsaxophon im Stande ist, Steve Swell erforscht mit Mundstück und Zug in überaus kreativer Gestaltungskraft die schier grenzenlose Tonalität der Posaune, ganz im Sinne des „Impromptu“, der Überraschung aus dem Stegreif, welche die Musik auch in ihrer klassischen Form auskostet. Nicht ohne ihre eigenen Impulse im satten Sound der Band zurückzuhalten verschaffen Pascal Niggenkemper am Bass und Gerald Cleaver am Schlagzeug dem kreativen Spiel der Solisten Bindung und grundsoliden Halt, so dass die Musik in jeder Sekunde geerdet bleibt, nicht zuletzt im Blues. So geht Musik. Ohne Wenn und Aber, sodass dazu auch die Philosophen nicht nur mit den Ohren schlackern, sondern sogar mit den Füßen wippen dürfen.


Esther Kaiser Quintett „Song of Courage” | 13.04.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Die Frau hat Mut. Stellt sich einfach auf die Bühne eines der angesehensten Jazzclubs Europas und singt Songs aus ihrem Leben. Es sind Lieder, die sie geprägt haben, denen sie irgendwann nicht mehr entfliehen konnte, ganz egal ob sie nun aus dem Pop- oder Folklore-Lager stammen. Dazu hat sie eine überaus kompetente Band mitgebracht, die die Fahne des reinen, akustischen Jazz hochhält, wenn auch in einer angenehm untraditionellen Form. Wie ein Kontrapunkt wirkt darin der Syrer Hasan Al Nour, der mit der Kanun, einer Art orientalischer Zither, das Geflecht der Klangfarben um eine reizvoll, gleichwohl ungewöhnliche Nuance erweitert.

Esther Kaiser ist eine der besten improvisierenden Vokalistinnen in Deutschland, Professorin für Gesang im Bereich Jazz, Rock, Pop (mit Schwerpunkt Lehramt) an der Hochschule für Musik in Dresden und überdies ab kommenden August auch die neue Dozentin für Jazzgesang an der Neuburger Sommerakademie. Addiert man diese Faktoren mit dem Umstand, dass die 42-Jährige bei ihrem Debüt im Neuburger Birdland-Jazzclub eine ebenso außergewöhnliche wie mitreißende Performance ablieferte, so erscheint es umso unverständlicher, dass der Keller unter der Hofapotheke gerade mal zur Hälfte gefüllt war. Eine gute Gelegenheit für die Verantwortlichen der Sommerakademie, das „neue Personal“ zu begutachten, blieb somit ungenutzt. Dies wirft mithin ein bezeichnendes Licht auf den Stellenwert des Jazz in der Ottheinrichstadt, der sich immer mehr als Magnet für Besucher aus allen Teilen Deutschlands erweist, dem die eigenen Bürger aber bis auf ganz wenige Ausnahmen nahezu gleichgültig gegenüberstehen.

Die charismatische Berlinerin mag dies bei ihrer ersten Neuburg-Visite zur Kenntnis genommen haben. Gleichwohl liegt Esther Kaiser viel daran, alles in die Waagschale zu werfen, zu zeigen, dass ihre etwas andere Lesart des Jazz durchaus die manchmal in Standards festgefahrene Form aufbrechen kann. Sie traut sich. „Songs Of Courage“ heißt folgerichtig ihr neues Programm, in dem sie die etwas aus der Mode geratene Form des Scat-Gesangs mit lautmalerischen, instrumentenähnlichen, gutturalen Intermezzi von Musikalität, Finesse und Einfühlungsvermögen wiederbelebt. Sie singt nicht im flauschig-harmlosen Kontext von Liebe, sondern legt ihre Finger mit zeitlosen Ohrwürmern in brennende Wunden der Gegenwart. Kaiser intoniert Michael Jacksons „Earth Song“, eine Anklage gegen die globale Zerstörung der Umwelt, verleiht Pete Seegers Anti-Kriegs-Hymnen „Where Have All The Flowers Gone“ und „We Shall Overcome“ ein ungewohntes Klangbild, schwermütig, schleppend, als Zeitlupen-Balladen in Moll mit dunkel-melancholischem Timbre.

Zu Hanns Eislers „An den kleinen Radioapparat“ lässt die Sängerin wegen der Nähe zu Augsburg die Stimme von Bertold Brecht aus ihrem Smartphone erklingen – eine spontane Idee. Es gibt in die Jahre gekommene Preziosen wie „Revolution“ von den Beatles, „This Is Not America“ von David Bowie, „Masters Of War“ von Bob Dylan oder „Fragile“ von Sting, die heute wegen ihrer erschreckenden Aktualität wieder offene Ohren finden. Esther Kaiser wagt diese Schritte gemeinsam mit dem fein strukturierenden Pianisten Tim Derado, dem unverzichtbar stabilisierenden Bassisten Marc Muellbauer, dem druckvollen Drummer Roland Schneider und eben Hasan Al Nour. Nicht plätschernd, rührselig oder gar pathetisch, sondern angenehm authentisch, präsent und unter die Haut gehend. Eine mutige Entscheidung.


Esther Kaiser Quintett „Song of Courage” | 13.04.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Als Esther Kaiser, die famose Jazzsängerin aus Berlin, an diesem Abend im Birdland ihre höchst originelle Coverversion des Bowie-Hits „This Is Not America“ anstimmt und später dann die noch originellere des Pete Seeger-Klassikers „We Shall Overcome“, kann niemand ahnen, dass im Laufe der gleichen Nacht noch Raketen auf Damaskus niedergehen würden. „This Is Not America“? – Leider doch. Und die Vision von „We Shall Overcome?“ – Ebenso brutal niedergewalzt wie seinerzeit Martin Luther King’s „I Had A Dream“. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sich erst Hasan Al Nour fühlt, der mit seinem Kanun, einer Kastenzither aus dem Nahen Osten, den Sound der Band so entscheidend bereichert. Damaskus ist schließlich seine Heimatstadt.

Es ist geradezu beängstigend. Da hat eine Gruppe von Musikern ein spezielles Programm zusammengestellt, das sich ausschließlich mit der Transformation von Protestsongs des Rock, Pop und Folk ins Jazzidiom beschäftigt, und fast zeitgleich tritt wieder einmal genau das ein, wogegen einst Seeger oder Bob Dylan mit „Masters Of War“ vergeblich angesungen haben: Gewalt regiert. Selten sind die alten Protestsongs aus den Sechzigern so aktuell wie in dieser Nacht.

Schon mit ihrer CD „Learning How To Listen“ von 2015 mit Stücken der Sängerin und Bürgerrechtlerin Abbey Lincoln demonstrierte Esther Kaiser ihre Vorliebe für Kompositionen mit eindeutiger Botschaft. Mit dem aktuellen Album „Songs Of Courage“ tut sie ebendies wieder, und zwar diesmal als Grenz-gängerin. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Fundament des Jazz, erlaubt sich aber immer wieder Berührungen und Verflechtungen mit dem Ethnobereich oder dem des Chansons. Zerbrechliche Stücke und kraftvoll swingende Nummern wechseln sich ab, das Kanun, eine Voicebox und eine O-Ton-Einspielung von Berthold Brecht zur Musik von Hans Eisler sorgen für Farbtupfer. Und vor allem: Esther Kaiser ist eine ganz vorzügliche Sängerin, die locker mithalten kann mit Kolleginnen wie Caecilie Norby oder Viktoria Tolstoy, wobei Kaisers Konzept, in dem so viele Einflüsse, Strömungen zusammentreffen, letztendlich vielleicht sogar das Interessantere ist.

Nachhören kann man die zwei höchst angenehmen Stunden mit Kaiser, Al Nour, dem Schlagzeuger Roland Schneider, dem Bassisten Marc Muellbauer und dem Pianisten Tino Derado in komprimierter Form auf der CD, die wie das Programm auch mit „Songs Of Courage“ betitelt ist, allerdings erst im August erscheint. Aber wie so oft gibt es im Birdland anscheinend Dinge, die es sonst nirgends gibt, zum Beispiel die Vorabpressung eines – übrigens hervorragenden – Albums, auf den Rest der Republik noch ein Vierteljahr warten muss.


Emiliano Sampaio’s Meretrio | 07.04.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Was für eine Überraschung! Da kommt ein junger, noch relativ unbekannter Brasilianer zum ersten Mal ins Neuburger „Birdland“ und verzaubert die Gäste auf Anhieb mit seinem ungekünstelten Charme, seinem witzigen portugiesisch-deutschen Dialekt, angereichert durch kleine österreichische Spitzen, sowie einer ganz bemerkenswerten musikalischen Vision, die sich wie er selbst auf erfrischende Weise zwischen allen Stühlen bewegt.

Das, was Emiliano Sampaio da an faszinierenden Klangcollagen im Keller unter der Hofapotheke ausbreitete, diese verblüffende Vielfalt der Ideen und diese unbändige Spielfreude, hätte weiß Gott mehr Zuhörer verdient. Den 33-Jährigen, der 2012 von São Paulo nach Graz ging, um am Jazzinstitut der Kunst-Universität zu studieren, und seine langjährigen Partner Gustavo Boni und Luis André Carneiro de Oliveira störten die etwas gelichteten Reihen jedoch mitnichten. Die drei, die schon seit 2003 in ihrer brasilianischen Heimat als „Meretrio“ für Furore sorgen, haben sich vorgenommen, nun auch sukzessive Europa zu erobern. Und sie wissen: Ein Raketenstart ist in der rauen Welt des Jazz schlechterdings unmöglich.

Also besser die Dinge nehmen, wie sie kommen. In Neuburg – immerhin eine der Top-Adressen Deutschlands – ist es ein kleines, aber absolut begeisterungsfähiges Publikum, das die drei jungen Brasilianer zu einem erstaunlichen Konzert treibt. Es darf über den Gitarristen Sampaio staunen, der den Jazz mit all seinen Ingredienzien absorbiert hat, aber zu keiner Sekunden die musikalische Prägung seiner Heimat leugnen will. Der Wahl-Österreicher kann herrlich schwelgende, pfeilschnelle Läufe auf seiner elektrischen Guild Capri aus dem Moment des Augenblicks heraus kreieren, aber durch seine zupackende Griffstruktur problemlos auch in die wilden Tiefebenen des Rock hinabsegeln.

Besonders raffiniert wird es immer dann, wenn der Tausendsassa die Läufe seiner Gitarre mit einer Loop-Maschine sampelt, diese zur Seite legt und seine Posaune zum Mund führt, um über die Endlosschleife eine neuen instrumentalen Faden zu knüpfen. Da verknoten sich schräge, süffige Gitarrenriffs mit dem platzenden Posaunensound. Dank dieser dualen Klangsprache generiert Sampaio eine faszinierende Erzählstruktur voller leuchtender Farben. Die daraus entstehende Musik wirkt wie ein Vexierspiel, bei dem sich freie Improvisation, Popstrukturen, Folk und kammermusikalische Stimmungsbilder zu einem starken Persönlichkeitsstil vereinen.

Die Songs tragen Namen wie „Valses“, „Long Way“ oder „Interpretation“ und verraten viel darüber, wie sich das „Meretrio“ eine eigene Nische in der umkämpften Jazzszene erobern will. E-Bassist Boni und Drummer Carneiro de Oliveira agieren im besten Sinn als Begleiter Sampaios. Das tun sie jedoch exzellent, mit der gebotenen dienenden Präsenz, die ihren Beitrag als starkes Fundament für die außergewöhnlichen Exkurse ihres Freundes erkennen lässt.

„Wir haben noch nie eine zweite Zugabe gespielt“, freut sich Emiliano Sampaio über den nicht enden wollenden Beifall der Leute, die die drei gar nicht mehr von der „Birdland“-Bühne lassen wollen. Ein nicht unbedingt zu erwartender musikalischer Hochgenuss, passend zum ersten richtigen Sonntag des Jahres.


Emiliano Sampaio’s Meretrio | 07.04.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Sie kommen aus der brasilianischen Metropole São Paolo, leben derzeit im steirischen Graz und spielen im Birdland Jazzclub in Neuburg. Stilistische Schubladen wie Modern Jazz oder Mainstream werden ignoriert, und wenn das, was Gitarrist/Posaunist und Bandchef Emiliano Sampaio, Bassist Gustavo Boni und Schlagzeuger Luis André Carneiro de Oliveira das auf der Bühne von sich geben, überhaupt kein Jazz wäre, wäre ihnen das auch egal. Rotzfrech, unbekümmert, mit Witz und sehr charmant ignorieren die drei die ansonsten gültigen Grenzen und bieten Kompositionen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnte.

„Wir arbeiten jetzt seit 14 Jahren zusammen und haben bereits alles Mögliche gespielt“, erklärt Sampaio, „sogar Heavy Metal. Heute bieten wir euch ein Best Of-Programm.“ In der Folge stehen traditionelle brasilianische Mandolinenstücke aus den 1920er Jahren einträchtig neben einer Nummer wie „Bandit“, bei der man meint, Ry Cooder vor sich zu haben, und dem Titel „Answer“, das Sampaio an Fred Frith adressiert hat. Und genau so hört es sich an. Perlende Singlenote-Läufe und gleich darauf im Intro gesampelte Posaunenfiguren, die als Groove-Basis dienen für eine funky Fusion-Nummer. Die Abteilung „Ballade“ wird bedient mit „Óbvio“, dem Titelstück der aktuellen CD des Trios, während der „New Years Blues“ förmlich nach New Orleans riecht. In der zweiten Hälfte des Programms fühlt man sich angesichts des Experimentaltitels „Interpretations“, als säße man in einem Konzert von King Crimson und „Valse“ schließlich ist ein durch den rhythmischen Wolf gedrehter Wiener Walzer mit dem Aufkleber „Made in Brazil“.

Die Kompositionen sind zwar komplex, machen aber auch jede Menge Spaß. Bassist und Schlagzeuger müssen höllisch auf der Hut sein, um Sampaio’s kompositorischen Drehungen und Wendungen zu folgen. Ständig ändert sich etwas, Rhythmen, Melodiebögen, Tonarten. Doch die Band arbeitet traumhaft sicher zusammen, ist hoch konzentriert und gleichzeitig auch noch ziemlich lässig. Nach dem Mann am Schlagzeug könnte man bedenkenlos die Uhr stellen und Gustavo Boni füllt nicht nur mit reichhaltigem Sound die Räume, sondern ist als Solist am E-Bass ebenso wichtig wie der Bandleader selbst.

Am Ende des Konzerts stehen zwei Zugaben. „Das hatten wir noch nie“, sagt Sampaio. „Sonst wollen die Leute immer nur eine.“ Nicht so das Publikum im Birdland, das anschließend Ohrenzeuge der Bühnenpremiere von „Red Eyes“ wird. Und ja, es wäre tatsächlich jammerschade gewesen, hätte diese so überaus originelle Band uns das brandneue Stück als Appetizer auf das nächste Album vorenthalten.


Weindorf – Plümer – Weiss | 06.04.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die aktuelle CD des Pianisten Tobias Weindorf heißt „Stories To Be Told“. Und tatsächlich wird das Konzert, das er zusammen mit Gunnar Plümer am Kontrabass und Peter Weiss am Schlagzeug im Birdland Jazzclub gibt, zu einem akustischen Erzählband voller Geschichten. „Luke“ etwa entstand, als sein zweijähriger Sohn spontan anfing zu tanzen, nachdem der den stolzen Papa am Klavier vernahm, „“A Little Song For You“ wurde geschrieben für seine Gattin, die Altsaxofonistin Kristina Brodersen, „Sweet Temptations“ wiederum ist von ihr für ihn, „For John“ erzählt von der ersten Begegnung mit seinem Mentor und Förderer John Taylor und in der Zugabe gibt’s sogar noch einen Song der kalifornischen Punkband Lagwagon. Wie es ausgerechnet dazu kam, ist wieder eine eigene Geschichte.

Weindorf sagt die Kompositionen zwar an, erklärt den Hintergrund, wie sich die Stories aber wirklich für ihn anfühlen, was sie im Nachhinein in ihm auslösen, drückt er durch sein Spiel aus. Tief über die Tasten gebeugt, fühlt er sich ein die jeweilige Situation, spürt der Erinnerung nach. Manchmal ist die Anspannung spürbar, manchmal gibt er sich befreit und locker. Und so stehen etwa das griffige, relaxte „Bopschka“ und die einfühlsame, ja, intime Ballade „The Old Bird“ gleichberechtigt nebeneinander, woraus sich fast automatisch die Art von Dynamik ergibt, die ein Konzert so abwechslungsreich und lebendig macht.

Mit Peter Weiss und Gunnar Plümer hat er sich für sein Projekt zwei Kollegen gesucht, die seit vielen Jahren bestens eingespielt sind. Sie steuern ihre eigenen Sichtweisen zu Weindorfs Geschichten bei, treten an zum Dialog, kommentieren und korrespondieren, erzählen weiter, fügen ihr eigenes Kapitel hinzu. Weiss ist zuständig für den pulsierenden Groove bei „Offday“ und die federleichten und doch so konsequenten Besenbeats bei „You Never Know“, während Plümer ein ums andere Mal dem Pianisten in solistischer Hinsicht die Stirn bietet. Ja, da haben sich wirklich drei gefunden, der junge Pianist und die beiden erfahrenen Säulen der deutschen Jazzszene. Am gegenseitigen Umgang miteinander erkennt man die Empathie und den Respekt, den sie füreinander empfinden. Auch darin liegt ein Grund für diesen überaus gelungenen Abend. Mit technischem Können alleine könnte man diese Geschichten nicht so schön erzählen.

Und auch hinter diesem speziellen Auftritt des Trios im Birdland an sich steht eine Geschichte. Er wurde nämlich nur ermöglicht durch den Spielstättenprogrammpreis „Applaus“ der Bundesregierung, den der Club 2017 bereits zum dritten Male erhielt. Er ist mit einem Preisgeld verbunden, womit Konzerte wie dieses – und im Laufe des April noch drei weitere – finanziert werden.


Cecil Taylor – Nachruf | 05.04.2018
Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Jeder wusste, dass dieser Abend etwas ganz Besonderes sein würde. Als der pianistische Godfather des Freejazz, der „Maximo Lider“ einer epochalen Klangrevolution, die in den 1960er Jahren die Grundfeste der Musik erschütterte, im November 2011 tatsächlich dem Birdland-Jazzclub in Neuburg seine Aufwartung machte, da hatte er schon vor dem ersten Ton Jazzgeschichte geschrieben. Zum einen ging da im restlos ausverkauften, intimen Hofapothekenkeller das vielleicht wichtigste Konzert in der inzwischen 60-jährigen Geschichte des rührigen Clubs über die Bühne. Zum anderen war es tatsächlich Cecil Taylors letztes Gastspiel in Europa, ein Umstand, den damals viele der aus der ganzen Republik angereisten Zuhörer schon zu ahnen schienen. Am vergangenen Dienstag ist der legendäre und bis zuletzt alterunmilde Pianist nun in New York gestorben, kurz nach seinem 89. Geburtstag.

Der Auftritt des Paradiesvogels, der das Piano nie als bloßes Harmonieinstrument, sondern als Schlagzeug mit 88 Fellen verstehen mochte, in Neuburg galt als Sensation. Viele können es bis heute nicht glauben, dass der launische, unberechenbare, kleine Mann ausgerechnet „at a small jazz club in Bavaria“ Hof hielt, wie am Freitag viele internationale Nachrufe erstaunt anmerkten. Doch es war Taylors ausdrücklicher Wunsch gewesen, hier und nirgends anders zu spielen, zusammen mit seinem letzten Schlagzeuger, dem Engländer Tony Oxley. Er hatte viel gehört von diesem Kellergewölbe, noch mehr von dessen Bösendorfer-Flügel. „Nur die bei der Probe umherwuselnden Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, die für das Birdland-Radio-Festival aufbauten, passten ihm nicht“, erinnerte sich Impresario Manfred Rehm.

Generell galt Cecil Percival Taylor als Querdenker und Unruhestifter. Bloßes Begleiten, wie es vielen Jazzpianisten 1955, dem Zeitpunkt seines Auftauchens in der New Yorker Szene, ins Stammbuch geschrieben war, hasste er abgrundtief. Schon in jenen Jahren fiel der Kauz ganz bewusst aus dem Rahmen des Normierten, gab sich radikal und ablehnend gegenüber allen Swing- und sonstigen populistischen Tendenzen. Einzig die Welt des Cecil Taylor besaß für ihn Gültigkeit, sein eigener Kosmos, den man sehen musste, wenigstens einmal im Leben, um zu begreifen, was da zu hören war.

Konzerte mit ihm: eine zweistündige permanente Überforderung. Freie, ekstatische Improvisationen, die in seinen letzten Jahren zunehmend mildere Züge annahmen, unverständlich gebrabbelte, wahlweise geschriene langatmige eigene Lyrik, manchmal auch seltsam unbeholfene Tanz-Intermezzi. Professionelle Entschlüsselungsversuche landeten meist bei Taylors klassischer Klavierausbildung, bei europäischen Namen wie Bartók, Chopin, Stockhausen oder Cage. Doch er selbst wischte solche Deutungen stets beiseite, sah sich lieber im Kontinuum der afroamerikanischen Kultur. Auch hier galt er als Einzelgänger. John Coltrane, neben dem wilden Pianisten sowie Ornette Coleman und Albert Ayler eine Art geistiger Vater der musikalischen Avantgarde, hatte 1958 mit ihm eine Platte aufgenommen („Coltrane Time“). Das Resultat und seinen Partner fand er später unzumutbar.

Cecil Taylor, bekennender Schwuler und Fan von Louis Armstrong, Bessie Smith und Judy Garland, besaß kaum Freunde unter seinen schwarzen Kollegen. Allerdings gab es durchaus Ausnahmen wie den lebenslangen Komplizen Jimmy Lyons am Saxofon, der sich mit Haut und Haaren auf die Visionen Taylors einließ. Seinen größten Erfolg feierte er jedoch ausgerechnet in der „Alten Welt“ mit der Elf-CD-Box „Cecil Taylor in Berlin ʼ88“ (FMP), für die er den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ erhielt und im amerikanischen Magazin „Down Beat“ sogar zum Pianisten des Jahres gewählt wurde.
Wie Tänzer versuchen, sich von ihren physischen Beschränkungen zu befreien, so hat sich auch Cecil Taylor von den Grenzen des Klaviers, ja von der Musik im klassischen Sinn gelöst. Schon als er noch lebte, spielte er in einer anderen Dimension.


Renaud Garcia Fons „Revoir Paris“ | 24.03.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

„Folklore imaginaire“ bezeichnet – in Anlehnung an Béla Bartók – eine Stilrichtung des Jazz v.a. aus Frankreich, dessen reiches musikalisches Erbe in den 80ern mehr und mehr der europäischen improvisierten Musik erschlossen wurde. Nicht allein die Tradition der Musette, die schon für den Jazz Manouche der 30er Jahre eine wesentliche Inspirationsquelle war, der ersten originär europäischen Spielart des Jazz, wird hier kreativ adaptiert und in einen lebendigen, frischen Kontext versetzt. Als einer der profiliertesten Protagonisten dieser zuweilen melancholischen, gelegentlich arabesken, stets meldodiösen, facetten- und variantenreichen Form der Weltmusik zeigte sich im Neuburger Birdland der französische Kontrabassist Renaud Garcis-Fons. Der frappierend virtuose Meister einer fünf(!)saitigen Spezialanfertigung seines Instruments feierte im hiesigen Jazzclub ein musikalisches Wiedersehen mit seiner Heimatstadt Paris. Im Trio mit David Venticci am Akkordeon ud Stephan Caracci an Vibraphon und Schlagzeug lieh er dem Flair, der Leichtigkeit, dem Charme und dem multikulturellen Bilderreichtum der französischen Metropole die Stimme seines Instruments und dessen faszinierender klanglicher Vielfalt. Vor dem dichten rhythmischen Geflecht, das Stepahn Caracci am sehr reduzierten Schlagzeug wob, und den melodiös perkussiven Impulsen, die er dezent vom Vibraphon tropfen ließ, lieferten sich David Venticcis Akkordeon und Renaud Garcia-Fons Kontrabass eine wahren Sangesstreit aus faszinierenden, betörend schönen Klängen. Unterwegs auf den „Rues Vagabondes“ entlockte zumal Garcia-Fons seinem um eine Quart nach oben erweiterten Tieftöner so viel Leben, wie es die reiche kulturelle Mannigfaltigkeit von Paris nur hergibt. In Pizzicato und mit dem Bogen gleichermaßen virtuos fegte der Meister nur so über die Saiten, entlockte ihnen sonores Volumen wie zartes Flageolett und ließ Herz und Seele nur so flanieren, schweifen und schwärmen „le long da la Seine“ oder über den „Montmartre en courant“. Zuweilen konnte das das Auge dem Ohr kaum folgen, so rasant folgten die Töne den schier über die Saiten tanzenden Händen des Ausnahmebassisten. Immer wieder musste man sich vergewissern, dass es tatsächlich ein Kontrabass war, der hier erklang, und nicht etwa ein Cello, eine Gambe oder gar eine Geige.
Neben aller pulsierenden Lebensbejahung, in die sich immer wieder auch mediterran, arabisch oder fernöstlich inspirierte Klänge mischten, kam auch die „Élégie de novembre“ nicht zukurz, jene leise Tristesse des Herbstes, die unweigerlich der Lust des Sommers folgt. Alles in allem jedoch pulsierten pure Vielfalt, Anmut, Heiterkeit und die Faszination, was alles möglich ist auf fünf Saiten eines Basses.


Ray Anderson’s Pocket Brass Band | 23.03.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Unter einer Brass Band ist im Allgemeinen ein ausgewachsenes Blasorchester zu verstehen, voll besetzt mit allem Tschingderassabum, zu dem mehrere Dutzend Blechbläser imstande sind. Ws erwartet dann das geneigte Publikum bei einer „Pocket Brass Band“? Blech im Westentaschenformat? Mitnichten: Was der Posaunist Ray Anderson mit seinen drei Mitstreitern im Birdland Jazz Club Neuburg bot, nicht zum ersten Mal übrigens, führte an alle nur denkbaren Quellen blechbläserner Musikalität, griff tief in die Schatztruhe der Historie und präsentierte die Fundstücke mit derart frisch glänzender Politur, aktualisierter Authentizität und unbändiger Spielfreude, dass der Zeitensprung gar nicht mehr spürbar wurde. Old Time Jazz, Ragtime, Bebop-Unisono, freie Kollektivimsprovisation, Funk, Noise, Nonsens, Dada und Avantgarde marschierten Hand in Hand in eine ungemein fröhliche Gegenwart purer Musikalität. Die Klangbilder reichten vom Ragtime des ausgehenden 19. Jahrhunderts über den klassischen Jazz bis in die Downtown-Szene unserer Tage. Das bei absolut klassischer Besetzung: Trompete, Posaune, Sousaphon und Schlagzeug, das ganze auch mal ergänzt durch Quietscheenten und Quäkschweinchen in kohärentem Groove. Der Ursprung der Musik in „Louisiana“ – nicht von ungefähr steckt da der Name Louis Armstrongs drin , wie Anderson feixend vermerkte – blieb unverkennbar. Fast physisch entstanden vor dem inneren Auge die Basin Street, St. James Infirmary und die dampfenden Sümpfe des Missisippi-Deltas. Bemerkenswert, wie die Band Disziplin und Freiheit vereinte in Unisono und Anarchie, musikantischer Ausgelassenheit und punktgenauem Miteinander. Profunde Kenntnis der Musikgeschichte, Spielwitz, Intelligenz und Leichtigkeit beherrschten den Abend, nicht zuletzt eine gehörige Portion Humor. Ray Anderson an der Posaune und Steven Bernstein an der – selten zu erlebenden – Zugtrompete und am Kornett glänzen um die Wette, José Devila sorgt am Sousaphon für eine leichtfüßig tänzelnde Basis, Tommy Campbell am Schlagzeug hielt mit sichtlichen Vergnügen den sprudelnden Groove auf dem Siedepunkt. Zum Finale schließlich schritten die Vier im Gänsemarsch wie eine echte Marching Band durch’s Gewölbe, verteilten sich im Raum und schmetterten dem begeisterten Publikum aus allen Ecken kreatives Blech um die Ohren. Und als sie dann wie eine übermütige Buben-Gang die Treppe hinauf in die Gardebobe verschwanden, war umso deutlicher zu spüren, wie viel Spaß der Pocket Brass Sound allen Beteiligten gemacht hatte.


Wallace Roney Quintet | 17.03.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Wallace Roney und die Veränderungen. Vor einigen Jahren, als der Weltklasse-Trompeter noch in einer tiefen Sinnkrise steckte, die auch der übergroßen Erwartungshaltung als Miles Davis-Erbe geschuldet war, frönte er noch relativ panisch dem Fusionjazz: rockig, bretternde Rhythmen, breiig und vor allem laut. Jetzt, mit 57, erleben seine immer noch zahlreichen Fans im restlos ausverkauften Neuburger „Birdland“ einen anderen, runderneuerten Roney. Zwar immer noch am oberen Toleranzlevel des Zumutbaren für die Ohren, aber wieder deutlich Richtung „echten“ Jazz gewandt. Und während er seine aktuelle CD mit alten Weggefährten wie Gary Bartz, Buster Williams und Lenny White einspielte, darf nun auf der Bühne des Hofapothekenkellers eine hochmotivierte, talentierte Schar von Jungspunden nach Herzenslust nach dem musikalischen Stein der Weisen suchen.

Sie fräsen akustische Schneisen durch das historische Gewölbe, manchmal etwas eindimensional strukturiert, aber allzeit heftig groovend. Und vor allem laut und bisweilen rasend schnell. Derweil steht der Meister selig lächelnd in der Ecke und betrachtet durch seine Sonnenbrille das Treiben der Burschen, stolz wie ein Vater seine Söhne. Weil Geschwindigkeit für das Quintett um den knabenhaften, aber durchaus interessanten Tenor- und Sopransaxofonisten Emilio Modeste, den etwas unentschlossen zwischen offenen Blockakkorden und swingenden Stride-Läufen hin und her wippenden Pianisten Oscar Williams, den lärmenden Drummer Eric Allen und „Senior“ Curtis Lundy am tief perlenden Kontrabass zwar nicht alles, aber eine ganze Menge ist, geraten einige Themen zu einem regelrechten „Catch-as-catch-can“.

Vor allem „Lʼs Bop“ unmittelbar nach der Pause mutiert zu einer Tempohatz ohnegleichen, bei der es offenbar um einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde geht, wie viele Noten man in einer Minute überhaupt spielen kann. Die Fünf doppeln den eh schon rasanten Affenzahn des Bebop sogar, das Resultat ließe sich auch als eine Art „Bebop-Punk“ umschreiben. Die Tonleiter rauf und wieder runter, keine Atempause wird gemacht: Das Publikum findetʼs Klasse. Auch Balladen wie „Air Dancing“ klingen nicht unbedingt leicht und schwerelos, sondern transportieren eher das wuselnde Feeling einer hektischen, nächtlichen Großstadt, die nicht zur Ruhe kommen will.

Dass Wallace Roney 2018 aber immer noch eine der wichtigsten Trompetenstimmen der Gegenwart sein kann, beweist er in Neuburg vor allem im zweiten, viel besseren Set. Mit süffigen Glissandi und eleganten Ritten im Obertonbereich, mit scharf schneidenden Phrasierungen, spannenden Lösungen für eigentlich überlange Soli und vor allem sprichwörtlich mit einem langen Atem überrascht der Star des Abends all jene, die ihn schon in die hinterste Ecke des Jazzmuseums abschieben wollten. Vielleicht würde Roney mit einer besonneneren, reiferen Band noch einen Tick heller strahlen. Aber die Frage bleibt offen, weil sein Konzept nun mal bewusst auf Power setzt. Ein echtes Roney-Konzert halt!