Donaukurier | Karl Leitner
Diese Band hat im Grunde ein ganz einfaches Erfolgsgeheimnis. Man konzentriert sich möglichst auf tausendfach gehörte Gassenhauer und Evergreens, bereitet Ohrwürmer und alte Hits so auf, dass sie – sofern sie nicht eh schon Jazz sind – zumindest nach Jazz klingen und kredenzt sie einem Publikum, das gekommen ist, um genau diese Art von Musik zu hören. Das Konzept geht auf, das Birdland ist bis auf den letzten Platz gefüllt und am Ende des Konzerts stehen drei Zugaben. Ja, es gibt sie auch im Jazz, die berühmte leichte Muse, und ab und zu findet sie auch im Birdland statt, weil der Club ja schließlich allen Facetten dieses weit verzweigten Genres eine Heimstatt sein will.
Die Band, die nach dem Motto „Von Joplin bis Jobim“ die ganze Palette von Ragtime bis Latin, von Schlager bis Easy Listening, aus dem Effeff beherrscht, nennt sich „Swingin‘ Ladies + 2“ und besteht aus dem aus Burscheid angereisten Engelbert Wrobel am Tenor- und Sopransaxofon und an der Klarinette, der australischen Kontrabassistin Nicki Parrott und den beiden Pianisten Stephanie Trick aus St. Louis, Missouri, und Paolo Alderighi aus Mailand, aus vier kompetenten und versierten Musikern und Musikerinnen, die ihr Handwerk beherrschen, aus immer wieder mal gern in Neuburg gesehenen Garanten für Unterhaltung im besten Sinne.
Am auffälligsten sind natürlich die beiden Pianisten, ob vierhändig, jeder für sich oder in verschiedenen Duo-Konstellationen, die ihr Talent bei „Blueberry Hill“, „The Girl From Ipanema“, „Agua De Beber“ und „Tea For Two“ ebenso unter Beweis stellen wie bei Louis Armstrong’s „Swing That Music“ und George Gershwin’s „Lady Be Good“ und jeden einzelnen Titel gemeinsam auf den Punkt spielen. Ob Stride Piano, Ragtime oder Boogie – sie sind der Blickfang und geben den Ton an. Es gibt durchaus auch Schwachpunkte. Wer es stimmlich mit Ella Fitzgerald aufnimmt, muss notgedrungen scheitern, und ob Doris Day unbedingt Teil des Programms sein muss, sei dahingestellt. Manchmal läuft die Band durchaus Gefahr, in allzu seichtes Fahrwasser zu geraten, dann aber überrascht sie wieder mit ausgeklügelten, spritzigen Arrangements wie bei „Wochenend und Sonnenschein“, das man von den Comedian Harmonists kennt, bei Ellington’s „Pitter Panther Patter“ und dem erwähnten „Tea For Two“, den drei Highlights des Abends, an denen die Pianisten entscheidenden Anteil haben.
Ja, die Swingin‘ Ladies und ihre beiden Kollegen treffen genau den Nerv des Publikums, aus dessen Reihen bereits bei Nennung von Titeln wie „Dream A Little Dream Of Me“ oder „Bei dir ist es immer so schön“ ein erwartungsvolles „Aaah!“ ertönt, weil es ganz genau weiß, wie die nun folgende Melodie klingen wird. Zum Glück gibt es Momente, in denen die Band die oft und immer wieder gern gehörte Stücke auflädt mit einem originellen Solo hier, einem unerwarteten Break dort, einer witzigen Nuance an überraschender Stelle. Und so wird die musikalische Reise, die vom Broadway bis zur Copacabana und von New Orleans bis ins Berlin der Dreißiger Jahre führt, am Ende zum Erfolgs-Trip, zur Win Win-Situation für alle. Die Band bekommt heftigen Applaus, das Publikum seine Lieblingssongs und das Birdland Aufmerksamkeit auch von Leuten, die auch ohne einen vorher abgelegten Jazz-Master einfach nur gut unterhalten werden wollen.
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
Es geht um den keineswegs kleinen Unterschied. Wer die Darbietung besagter Combo im Hofapothekenkeller als eines von unzähligen Mainstream-Konzerten abtun will, der liegt oberflächlich betrachtet keineswegs verkehrt damit. Ein Sammelsurium an Standards und dann noch die klassische Quartettbesetzung. Dennoch läuft bei der Neuburg-Rückkehr des Tenorsaxofonisten Grant Stewart nach 17 Jahren vieles anders, als bei den meisten Bands dieses Schnittmusters. Der mittlerweile 54-jährige Kanadier will sich ganz bewusst von den Kollegen abheben, die unrettbar im Sumpf der Hard-Bop-Nostalgie feststecken. Gerade den alten Songs verleiht er mit seinem raren Kreativfunken und jeder Menge unerwarteter Wendungen eine windschnittige, moderne, frische Fasson. Hier erklingt endlich mal wieder ein Tenorsaxofon at its best! Voll, körperreich, eben genau so, wie ein Tenor normalerweise klingen soll, und nicht irgendwie zwischendrin. Stewart zeigt in seinen Soli eindrucksvoll auf, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, das Andenken an die Ära legendärer Brüder im Saxofon-Geiste wie Sonny Rollins („Kiss And Run“) oder Coleman Hawkins („Bean Soup“) im 21. Jahrhundert wach zu halten. Die meisten Takes entpuppen sich als hochvirtuose Hetzjagden durch Takte und Tonarten, das Geschwindigkeitslevel weckt Bilder zum Leben, auf denen Usain Bolt über die Saxofonklappen sprintet. Dass sich die gut zweistündige Darbietung im begeisterten, restlos ausverkauften Birdland markant vom handelsüblichen Bebop-Geklingel unterscheidet, liegt in erster Linie auch an der exzellenten Begleitcrew, die in jedem New Yorker Szeneclub mit Kusshand herzlich willkommen geheißen und gefeiert worden wäre. Der Kölner Pianist Martin Sasse, längst einer der beliebtesten Musiker in der jüngeren Club-Geschichte, kann sich längst jedem Affentempo anpassen und dabei perlende, spritzige Läufe wie Gewehrsalven absondern, ohne dass die Exaktheit des Anschlages darunter leidet. Am Drumset sitzt mit dem Österreicher Bernd Reiter noch so ein lebendes Birdland-Inventar, ein schlachtenerprobter Tausendsassa, der sein Spiel jeder groovenden Wetterlage anzupassen versteht. Wie wesentlich ein stabiles Rhythmus-Fundament für den späteren Erfolg sein kann, erfahren die Besucher am Beispiel des schwedischen Bassisten Kenji Rabson: Nur dank seiner geschwinden Walkinglinien und komplexen harmonischen Strukturen gelingen Grant Stewart tatsächlich auch waghalsige Skalenritte wie in „How High The Moon“, die sich wie Bungeesprünge anfühlen.
Nicht fehlen dürften beim Stichwort „Tempo“ natürlich Bezüge zu Johnny Griffin, dem Formel-Eins-Tenorsaxofonisten des Jazz. Sein Signature-Titel „All Through The Night“, den er einst bei jedem Konzert mit jeder Menge Rotwein intus wie eine Zirkusnummer zelebrierte, wäre normalerweise eine veritable Möglichkeit für Stewart, um grandios zu scheitern. Doch dem Wahl-New Yorker gelingt es tatsächlich, das Tempo hochzuhalten und trotzdem einige versteckte Facetten in der Nummer zum Vorschein zu bringen – und das alles ohne einen Schluck Alkohol.
Je länger das Konzert dauert, umso mehr gewinnt man den Eindruck, als würden Stewart und Co. erst richtig ins Laufen kommen. Manchmal tauchen im Adrenalin-Getümmel sogar Fragmente einer Ballade auf („Lush Life“), als Zugaben gibt es noch eine richtig dreckige Bluesnummer und ein gedimmtes Traum-Duett mit Martin Sasse, passend zur heranrückenden mitternächtlichen Stunde. Die einzige Frage, die am Schluss unbeantwortet bleibt, ist die, warum ausgerechnet Grant Stewart selbst angesichts dieser höllisch swingenden Musik ruhig stehen bleibt und nicht einmal mit dem Fuß wippt. Die Zuhörer könnten das nicht.
Donaukurier | Karl Leitner
Ein Saxofon, ein Klavier, ein Kontrabass und ein Schlagzeug – eine geradezu klassische Besetzung im Jazz. Nicht nur im Hardbop, um den es an diesem Abend im Birdland Jazzclub hauptsächlich geht, sondern generell. Es gibt viele Bands, die mit diesem Line Up Geschichte geschrieben haben, das Quartett um Charlie Parker, das von John Coltrane oder auch das von Dave Brubeck zum Beispiel. Solch legendären Ruf genießt das des aus Toronto, Kanada, stammenden und in New York beheimateten Tenoristen Grant Stewart zwar nicht, aber er gilt trotzdem als eine der derzeit wichtigsten Stimmen seines Genres. Warum das so ist, ist kann man bei seinem Gastspiel in Neuburg feststellen.
Dort nämlich findet das vorletzte Konzert seiner aktuellen Tournee durch Europa statt, für die er den Pianisten Martin Sasse, den Kontrabassisten Thomas Kenji Rabson und Bernd Reiter an den Drums rekrutiert und damit eine hervorragende Wahl getroffen hat, denn die Band ist innerhalb kürzester Zeit zu einer homogenen Einheit geworden, weil es, wie man schnell merkt, zwischen ihren Mitgliedern nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich optimal läuft. Das Publikum profitiert davon, fordert und bekommt am Ende zwei Zugaben, und wenn es noch bis Mitternacht so weiter gegangen wäre, hätte wohl keiner etwas dagegen gehabt.
Stewart hat ein Gespür für besonders schöne Melodien und scheint die Setlist danach ausgewählt zu haben. „Kiss And Run“ von Sonny Rollins und Clifford Brown, „Off Minor“ von Thelonious Monk, „Bean Soup“ von Coleman Hawkins, Billy Strayhorn’s „Lush Life“, Cole Porter’s „All Through The Night“ – sie und all die anderen sind die ideale Plattform für Stewart’s warmen, präzisen, klaren und kraftvollen Ton, der ideale Ausgangspunkt für seine wunderschönen Improvisationen zwischen den an den Beginn und ans Ende jedes Stückes platzierten Themen. An ihnen orientiert sich sein Spiel, an ihnen hangelt es sich quasi entlang. Stewart improvisiert nachvollziehbar, spielt griffige, aber deswegen nicht weniger originelle Linien, variiert, modifiziert, ohne sich wegzubeamen oder in seine eigene Welt davonzustehlen. Er vollzieht seine kunstvollen solistischen Höhenflüge bei gleichzeitiger Bodenhaftung, bleibt geerdet, ignoriert nicht den melodischen Rahmen und zeigt sich dennoch ungemein einfallsreich. Nichts passiert bei ihm losgelöst vom Fundament, nichts im luftleeren Raum, nichts ist elitär, vieles trotzdem virtuos und regelrecht süchtig machend. Ähnliches gilt für Martin Sasse, den zweiten Hauptsolisten des Abends. Er scheint die ideale Ergänzung zu Stewart zu sein. Was er an diesem Abend an Ideen produziert und auf höchstem Niveau umsetzt, ist selbst für ihn, einen der besten Jazz-Pianisten Europas, absolut außergewöhnlich.
Und auch das Timing stimmt. Nicht nur innerhalb der Band, woran Rabson und der diesmal besonders gut aufgelegte Birdland-Dauergast Bernd Reiter entscheidenden Anteil haben, sondern – als wäre es geplant und nicht glücklicher Zufall – auch tagesaktuell. Drinnen verabschiedet sich die Band mit „How High The Moon“, dem Klassiker von Morgan Lewis, und draußen steht der Vollmond fett am klaren Sternenhimmel und begleitet das Publikum nach Hause. Es gibt Abende, da passt einfach alles zusammen. Dieser mit dem Grant Stewart Quartet im Birdland in Neuburg war so einer.
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
Warum muss Jazz immer so anstrengend sein? Zwei Stunden konzentriert zuhören, keine Zwischendurch-Gespräche mit dem Tischnachbarn. Und dann noch diese fürchterliche Durcheinander-Musik, die das Unvorhergesehene zum Programm erhebt und grundsätzlich quer im Ohr liegt. Viele hadern mit den Facetten des Genres, wünschen sich insgeheim mehr Eingängigkeit wie beim Pop und suchen sich deshalb auch ganz bewusst im Birdland-Programm Konzerttermine wie den des Trompeters Bill Petry aus.
Der jugendliche, fast schüchtern wirkende Mittdreißiger aus Berlin, dessen Eltern ihm als Künstler und Hausbesetzer eigentlich revolutionäre Gene mitgegeben haben müssen, serviert mit seinem Quartett bei seinem Neuburg-Debüt im restlos ausverkauften Hofapothekenkeller ganz bewusst leichte Kost, die nie anecken würde. Sie besteht aus Standards und Popnummern mit hohem Wiedererkennungswert. Alles klingt höchst verbindlich und risikoarm, in weiten Teilen erinnert es an einen, der im Birdland seine ersten Schritte unternahm, bevor er zur nationalen Berühmtheit avancierte: Till Brönner. 2008 kam der smarte Sunnyboy an der Trompete zuletzt zum Sommerjazz in den Neuburger Schlosshof, seither hat sich eine Menge verändert. Brönner versteht sich nicht mehr explizit als Jazzmusiker, sondern mehr als Unterhaltungsmusiker. Und weil er irgendwann auch den jungen Bill Petry unter seine Fittiche nahm, wirkt der nun wie ein originalgetreuer Klon des großen Vorbildes.
Es gäbe zwei Möglichkeiten, Petrys Konzert in Worte zu fassen, das er mit seinen grundsoliden Begleitern Christian von der Goltz am Piano, Olaf Casimir am Kontrabass und Tobias Backhaus am Schlagzeug im Birdland absolviert. Die einen würden es ein Angebot zum Innehalten, zur Entschleunigung, zur Selbstvergewisserung in Zeiten von Unsicherheit, Krisen und hektischem Alltag nennen, bei dem man die Augen schließen und sich auf die Ruhe einlassen kann. Die gehässigere Variante dagegen würde lauten: Fahrstuhlmusik, Wartezimmer-Berieselung oder Betablocker-Jazz. Keine Aufregung, kein Stress. Kein Milligramm Adrenalin schießt da ins Blut, weil Bill Petry und Co. immer nur die entschleunigte, ungefährliche Gangart wählen. Bezeichnend dafür ist vor allem Tobias Backhaus, der weite Teile des Abends mit dem Besen die Felle der Snare streichelt.
In seinen etwas lebendigeren Nummern erinnert der junge Berliner wenigstens noch an Herb Alpert Tijuana Brass, etwa in Georgie Fames ikonischem „Yeh Yeh“ oder an den frühen Chet Baker. Ein kleiner Höhepunkt ist seine überaus persönliche, anrührende Version von Randy Newmans „Loosing You“, ein ehrliches, emotionales Eingeständnis, dass man über manche Verluste nie hinwegkommt. Und Petry beherrscht sein Instrument fürwahr grandios, ist technisch über jeden Zweifel erhaben, verfügt über einen blitzsauberen, akkuraten Ton und lehnt seine Linien immer wieder an die imaginäre Singstimme bekannter Gassenhauer an. Eigene Schleifen, spricht Impros über Themen, die alle mitsummen können, kommen hin und wieder auch vor, bleiben aber leider Mangelware.
Je länger der Gig dauert, umso mehr kommt einem das eherne Credo gestandener Jazzmusiker in den Sinn, die ihre Konzerte grundsätzlich nach dem altbewährten Schema „Ballad-Bossa-Burner“ aufbauen. Bei Bill Petry stehen die Signale dagegen fast ausschließlich auf „Ballad“. Das ermüdet zunehmend, und bei der Zugabe „You Are So Beautiful“ sinkt der Puls sogar auf gefühlte 40 Schläge. Weil das Publikum über einen feinen Sensor für das Machbare und Mögliche verfügt, applaudiert es höflich, aber nicht überschwänglich.
Donaukurier | Karl Leitner
Sie steht zwar im Rampenlicht, aber sie inszeniert sich nicht. Sie hat nichts von einer Diva, gibt sich natürlich statt glamourös. Ihre Musik schielt nicht auf Superlative, hat nichts Spektakuläres an sich, braucht keine großen Gesten. Charme und Ehrlichkeit strömen an diesem Abend ohne Umweg von der Birdland-Bühne direkt ins Auditorium. Keine Frage, Miriam Netti ist echt, spielt keine Rolle, singt sich in die Herzen der Zuhörer, ohne Blendwerk, ohne Entertainment-Tricks.
Sie stammt aus Apulien und lebt in Berlin, ist geprägt von den Canzoni ihrer Heimat, hat ein Faible für Bossa Nova und das Great American Songbook und fragte man sie nach ihrem Beruf, würde sie wohl „Jazzsängerin“ angeben. Ihr Konzert beginnt sie mit Louis Prima’s „Buona Sera Signorina“, einem echten Gassenhauer, der aber der einzige des Abends bleiben wird, denn was folgt, ist ein entspannter Trip in den italienischen Stiefel, nicht auf der Strada del Sole, sondern auf den viel reizvolleren Nebenstrecken, im Reisegepäck einen Schwung lateinamerikanische Songs, im Herzen die Harmonien und den Freiheitsdrang des Jazz. Ihre Reisebegleiter sind der Sizilianer Giacomi Tagliavia am Kontrabass, der Schlagzeuger Heinrich Köbberling, den regelmäßige Birdland-Besucher auch vom Julia Hülsmann Quartett her kennen dürften, und der mit allen Wassern gewaschene schwedische Gitarrist Johan Leijonhufvud, der mit seinen melodischen Linien und dem Sound von George Benson das Klangbild der Band dominiert.
Und Mirian Netti selbst? Sie verbindet die regionalen Einflüsse und musikalischen Traditionen, die sie geprägt haben, und eigene Vorlieben mit der internationalen Welt des Jazz, stattet dessen Standards mit italienischen Texten aus und den Pop ihrer Heimat, der für uns hier im Norden automatisch nach Urlaub riecht, mit lateinamerikanischen Rhythmen und jazzigen Akkorden. Ihre Stimme ist jung, frisch, unbekümmert, burschikos, vor allem in Stücken wie „Mille Lire Al Mese“, das weit vor der Einführung des Euro entstanden ist, oder bei „La Più Bella el Mondo“ von Marino Marini. Dann wieder klingt sie nach einer reifen Frau, die sich auskennt in der Welt, die genau weiß, worum es geht in Jazz-Klassikern wie „The Second Time Around“ und „Our Love Is Here To Stay“. Dazu dann noch verjazzter Pop á la „I Only Have Eyes For You“ und Bobby Russel’s „Little Green Apples“, das bei ihr zu „Piccole mele verde“ wird, und als Gruß aus Übersee Milton Nascimento’s „Ottebre“ und Joao Bosco’s „Incompatibilità“, das trotz des Titels sehr wohl passt zu dieser musikalischen Mixtur, in dem mal italienisch, mal englisch, mal portugiesisch gesungen wird, es mal jugendlich verspielt zugeht, dann wieder emotional und nachdenklich, dann wieder auf sehr souveräne Art sophisticated.
Netti macht aus alten Popsongs neue, aus Canzoni Jazz, trimmt den Broadway auf Bossa Nova, schnuppert mal hierhin, mal dorthin und beweist mit ihrer Stimme und ihrer Art der Präsentation, dass das alles auf ganz natürliche Weise zusammen gehört, auch wenn es auf dem Papier nicht so aussehen mag. Damit trifft sie nicht nur den Nerv des Publikums, sondern liegt – vermutlich unbeabsichtigt – sogar noch im Trend. Denn Italien ist absolut angesagt. Aber während etwa das „Italia“-Projekt des großen Till Brönner verdächtig nach seelenlosem Kalkül riecht, spürt man bei Netti, wie das Herzblut pulst. Grazie mille für diesen entspannten, überaus angenehmen Abend.
Donaukurier | Karl Leitner
„Er läuft und läuft und läuft“ hieß es einst in der Reklame für den legendären VW Käfer, weil er in dem Ruf stand, unverwüstlich zu sein. Zur Allotria Jazzband aus München würde aus ähnlichen Gründen der Slogan „Sie swingt und swingt und swingt“ passen. Seit ungefähr einem halben Jahrhundert besteht das kleine aber feine Dixieland- und Swing-Orchester, das als Hausband des legendären Allotria Jazzclubs in der Türkenstraße in Schwabing anfing, bis heute durchgehalten hat und nach wie vor die Fahne des traditionellen Jazz hochhält, die Musik von Sidney Bechet bis zu Benny Goodman und Duke Ellington und ihren Zeitgenossen.
Als Rainer Sander, Klarinettist und Altsaxofonist des Septetts, der bei diesem Konzert im Ingolstädter Audi Forum durch den Abend führt, wissen will, wer sich den noch an den Club und die Anfänge der Band im Jahr 1969 erinnert, gehen tatsächlich ein paar Hände hoch. Was nicht verwundert, denn wer einmal vom Bazillus des Swing angesteckt wurde, bringt ihn sein Leben nach nicht mehr los. Sander, den Trompetern Colin C. Dawson und Andrey Lobanow, dem Posaunisten Markus Krämer, dem Pianisten Thilo Wagner, dem Kontrabassisten Peter Cischeck und dem Schlagzeuger Gregor Beck, die das aktuelle Line Up der Band bilden, geht es da ganz ähnlich. Völlig unbeeindruckt von zwischenzeitlichen Entwicklungen feiern sie die Helden der Swing-Ära und deren Kompositionen, könnten sie vermutlich im Schlaf spielen. Der „Arcadia Shuffle“ von Roy Eldridge sei ihre modernste Nummer, sagt Sander. Die stammt aus dem Jahr 1939. Das sagt alles.
Wer also zu einem Konzert der Allotria Jazzband geht, weiß ganz genau, was ihn erwartet. Auf den Punkt gespielte akustische Reminiszenzen an eine Zeit, als der Jazz noch Pop war, per Radio, Kino und Schellackplatten verbreitet wurde, ausgestattet mit wunderschönen Melodien und diesem unerbittlichen Rhythmus, der so enorm in die Beine ging. Seit 50 Jahren also immer noch und immer wieder das Gleiche?
So einfach ist die Sache nicht, denn auch wenn die stilistische Ausrichtung und der Sound nahezu unverändert blieben, so hat sich neben der Besetzung auch das Repertoire geändert. Die Band verzichtet ganz bewusst auf die allergrößten Ohrwürmer aus jener Zeit, die wohl für noch mehr Applaus gesorgt hätten, denn Swing-Fans sind erfahrungsgemäß nicht nur ihrer Band treu, sondern auch all den von ihnen ganz besonders favorisierten Hits, die sie, wenn’s ginge, liebend gerne immer und immer wieder hören würden. Aber die sind gar nicht so zahlreich an diesem Abend. Viel lieber gräbt die Band weniger oft gespielte Nummern aus wie etwa „My Gal Sal“, Goodman’s „All The Cats Join In“ mit runderneuertem Arrangement, den „Down Home Rag“ von 1911, das von Carmen McRae populär gemachte „If I’m Lucky“ oder Jelly Roll Morton’s „Wolverine Blues“ in einer erstaunlich spritzigen Version.
Die Band ist gut aufgelegt, hat den nötigen „Schmiss“, wie man seinerzeit wohl gesagt hätte und kommt mit der originellen Songauswahl und der professionellen wie auch lustvollen Präsentation sehr gut an. Irgendwie haben Konzerte wie dieses etwas von Museumsbesuchen an sich. Man geht immer wieder hin, der alten Meister wegen, denkt, man hätte schon alles gesehen und ist doch immer wieder überrascht über die Umhängungen und die Schätze, die aus dem Depot ans Licht geholt werden.
Donaukurier | Karl Leitner
Ein Nerd ist einer, der den Dingen auf den Grund geht. Einer, der dabei kein Detail auslässt und über enormes Fachwissen verfügt. Benjamin Schaefer, der mit seinem Quartett „Stone Flowers“ im Birdland Jazzclub auftritt, spricht im Laufe des Abends selber einmal davon, das ein oder andere Stück „nerdy music“ komponiert zu haben. Aber ist er deswegen gleich ein Nerd?
Ganz gewiss keiner im früher üblichen negativen Sinn, denn der Mann, der da am Clavia Nord E-Piano sitzt, neben sich auf der Ablage diverse Effektgeräte, der dem Sound der frühen Siebziger nachspürt, Michael Heupel (Quer-, Bassquer- und Kontrabassquerflöte), Jan Schreiner (Baritonposaune), Thomas Sauerborn (Schlagzeug) – was für eine abenteuerliche Kombination – mitgebracht hat, erklärt ausführlich und auf charmante Weise, welche Gedanken und Ideen in die Kompositionen einflossen und warum sie so klingen, wie sie klingen. Schaefer ist offen für sein Publikum, mitteilsam. Und er ist offen dafür, aus allem, was ihm durch den Kopf geht und was ihm dafür geeignet erscheint, Musik zu machen.
Da ist zuerst der Sound, der sich an Antônio Carlos Jobim’s „Stone Flower“ orientiert. Das Werk von 1970, das Schaefers Band den Namen gab und woraus er „ Andorinha“ und den Titelsong – einst auch von Santana für das Caravanserai-Album gecovert – als Klammer für das Konzert übernimmt, ist die eine Quelle. Eine zweite ist die Zahlenreihe des Mathematikers Fibonacci, in der jede Zahl die Summe der beiden vorhergehenden ist. Daraus entsteht die „Spirals“-Trilogie, in der Schaefer die Zahlenfolge in ein exakt durchorganisiertes musikalisches Raster überträgt, das im Ergebnis zwar griffig ist, sich aber einer schnellen Aneignung dennoch entzieht. Akribische Analyse täte Not, um alles zu durchblicken, aber das Hörerlebnis ist viel zu faszinierend, um sich ablenken zu lassen. Wobei die Thematik so ganz neu aber auch wieder nicht ist. 1973 bereits beschäftigte sich die britische Band „If“ damit. Das Resultat war „Fibonacci’s Number“.
Das zweite große Thema, das das ganze Konzert durchweht, sind die „Stone Flowers“ selbst, deren vielfältige Bedeutung. Jede einzelne nimmt Schaefer sich vor und setzt sie in Töne um. Man trifft Stone Flowers im Zusammenhang mit Prokofjews Ballettmusik, in den lebenden Steinen in „Lithops“, als Bezeichnung für ein Mahnmal gegen Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, als Titel eines Romans über Diamantenhandel in Südafrika. Er habe sich die Molekülstruktur von Diamanten etwas genauer angeschaut und daraus das Stück „Southern Cross“ entwickelt, erzählt Schaefer, eine Komposition, die klingt, als hätte man Egg, Henry Cow und Hatfield & The North aus der Canterbury-Ära seziert und neu zusammengesetzt, eine Prise aus der Frühphase von Chick Corea’s Return To Forever mit Joe Farrell an der Flöte untergerührt und mit Schaefers ganz spezieller Gewürzmischung abgeschmeckt.
Manchmal denkt man, man habe derartig konstruierte Musik schon mal irgendwo gehört, oder zumindest Fetzen daraus. Dann wieder öffnen sich durch sie Räume, die vorher nicht einmal existierten. Es ist, als sei man in einem Labyrinth. Hinter jeder Weggabelung erwartet einen Neuland. Man weiß, es gibt Strukturen, hört sie, spürt sie. Und ist doch ständig auf der Suche nach ihnen. Wird man am Ende selber noch zum Nerd? – Und wenn es so wäre: In diesem Fall gerne.
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
Immer, wenn sich Musiker ehrlich machen, sind sie richtig gut. „Ich finde euren Mut toll, sich auf etwas einzulassen, das ihr so wahrscheinlich noch nie gehört habt. Vielen Dank für euer Kommen!“, sagt Benjamin Schaefer ganz am Ende eines Konzertes, das es in dieser Form im Neuburger Birdland bislang nicht gab. Dann applaudieren die vier Musiker spontan von der Bühne herunter den wenigen Leuten, die an diesem Samstagabend den Weg in die Katakomben des Hofapothekenkellers auf sich genommen haben.
Verkehrte Welt. Aber die Gegenreaktion lässt nicht lange auf sich warten. Bei einem Auftritt wie dem von Schaefers Band Stone Flower, der normalerweise weit geöffnete Ohren und jede Menge Einfühlungsvermögen verlangt, der gemeinhin als sperrig und wenig populistisch gelten würde, explodieren die Reaktionen der Besucher förmlich. Sie klatschten sich die Finger wund, johlen, pfeifen, fordern das Quartett lautstark zu einer Zugabe auf und hätten gerne noch mehr von diesem kruden, bunt schillernden, fantasieanregenden Mix gehört.
Was ist da bloß passiert? Wer nun schlussfolgern möchte, dass es womöglich die sambaähnlichen Nummern waren, die das Publikum letztendlich abholten, der denkt viel zu kurz. Es ist vielmehr diese verrückt-geheimnisvolle Melange aus allem, die im Kopf des vielseitigen 45-jährigen Pianisten und Dozenten an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln entsteht. Ein bisschen Kiffermusik vom Anfang der 1970er in den völlig freien Stücken, die Erinnerungen an psychodelische Bands wie Ash Ra Tempel oder Tangerine Dream wach werden lassen, ein paar Reminiszenzen an Chick Coreas „Return To Forever“-Phase – womit Schaefer damit auch wieder die Kurve zum Jazz bekommt – und seine große Leidenschaft für den brasilianischen Komponisten Antônio Carlos Jobim.
Und dann noch die Instrumentierung! Wo hat man schon einmal ein Quartett gehört, das aus einem Kontrabass-Flötisten (Michael Heupel), einem Bariton-Posaunisten und Tubisten (Jan Schreiner), einem ständig in Bewegung befindlichen, fast hippeligen Schlagzeuger (Thomas Sauerborn) und Benjamin Schaefer besteht? Dass Letzterer den fast schon heiligen Bösendorfer-Flügel von der Bühne verdrängt hat und durch ein elektrische Clavia-Nord-Piano ersetzt, ist nur schwer mit dem klassischen Birdland-Image vereinbar.
Und dennoch klappt es. Die unorthodoxe Kombination wirkt wie eine Zeitmaschine und der Bandname „Stone Flower“ wie ein roter Faden, der durch den Abend führt. Der Tastenkünstler ließ sich beim Komponieren der Stücke von einem Denkmal inspirieren, das an Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien erinnert. Es geht aber auch um einen gleichnamigen Roman von Allan Scholefield, der im Südafrika des 19. Jahrhundert spielt. Faszinierend, wie die Band dabei in dem Stück „Southern Cross“ der Molekularstruktur von Diamanten eine akustische Komponente verleiht.
Schaefers Idol Jobim hinterließ ebenfalls ein Stück von 1970, das den Titel „Stone Flower“ trägt und in seiner rauen, rumpeligen Lebensfreude die restlos begeisterten Besucher beinahe zum Tanzen bewegt hätte. Trotz der eigentlich avantgardistischen Grundausrichtung findet die Band im Hofapothekenkeller eine Versuchsanordnung, die erstaunlich warm wirkt und sogar eigene ältere Stücke und Ballettmusik von Sergej Prokofjew geschickt recycelt. Schlussendlich geht es auch darum, den Mut dieser Musiker zu honorieren, die den Mainstream verlassen, obwohl sie keinesfalls wissen, ob sie dabei je ihr Ziel erreichen werden. Zumindest für die mutigen Neuburger Zuhörer ist ihnen das diesmal schon gelungen.
Donaukurier | Karl Leitner
Liverpool und die Musik? Da fallen einem zuallererst natürlich die Beatles ein. Und die Searchers. Und bei längerem Nachdenken auch noch „Frankie Goes To Hollywood“ und OMD. Sie alle kamen aus der Stadt am Mersey River. Und dann sind da auch noch Albie Donnelly und seine „Supercharge“, die man gerne übersieht in derartigen Aufzählungen, obwohl Donnelly mit seinem Powerhouse-Rhythm’n’Blues alles andere als leise agiert und man ihn eigentlich nur schwerlich überhören kann.
Seit Mitte der 90-er Jahre lebt er in Deutschland und ist nicht nur mit seiner Stammband, sondern auch mit dem Projekt „Saxplosion“ unterwegs, das mit drei Saxofonen (Donnelly, Jürgen Wieching und Tinez van Too), Gitarre (André Tolba), Schlagzeug (Uwe Peterson) und Keyboards (Horst Bergmayer) besetzt ist und akustisch aus allen Rohren feuert. Genau so, wie man es von Donnelly gewohnt ist und wohl auch erwartet. Die Band führt ihr Publikum zurück in die Zeit, als Rhythm’n’Blues, Jump Blues und Rock’n’Roll noch die Hitlisten dominierten, als das Saxofon noch vor der Gitarre rangierte, als in den Juke Joints und Honky Tonks die Leute ausflippten und es absolut niemanden interessierte, ob das alles denn nun Blues, Jazz, Soul oder doch schon irgendwie Rock’n’Roll war.
Donnelly’s Konzert im Birdland Jazzclub beginnt mit „Everyday I Have The Blues“ von B.B. King, gefolgt von Jimmy Witherspooon’s „When The Light Goes Out“ und dem hundertfach gecoverten „Riot In Cell Block Number 9“. Damit ist die Richtung festgelegt. Donnelly’s Qualitäten als Honker in der Nachfolge von King Curtis und Big Jay McNeely, Tolba als einmal mehr sehr versierter Bluesgitarrist, Petersen als Schwerarbeiter an den Drums, dazu die Wucht des Saxofon-Armada – fertig ist das heiße Gebräu, das die Band über sein Publikum im restlos ausverkauften Club auskippt. Eigentlich ist es so wie immer bei Donnelly, wenn er irgendwo aufritt. Sein Live-Repertoire hat sich im Grunde in den letzten vier Jahrzehnten nicht wesentlich verändert und böse Zungen könnten behaupten, er spiele immer wieder das Gleiche. Aber zugegebenermaßen eben auch auf immer wieder gleich hohem Niveau. Die Präzision hinter all der Wucht, die Akribie hinter der enormen Schubkraft und ja, auch die auf humorvolle Art hingerotzte Lockerheit hinter all den erwartbaren weil auf fast jeder seiner Setlists anzutreffenden Stücken von „Harlem Nocturne“ und „Living In A Fool’s Paradiese“ bis hin zu „Caravan“ „Whiskey Drinking Woman“ und „The Boogie Woogie King“ sind schon beeindruckend. Und man muss auch unumwunden zugeben, dass man aus dem Klassiker „Caledonia“ schwerlich mehr herausholen kann als Donnelly mit Saxplosion an diesem Abend.
Kein subtiler Jazz, keine intime Atmosphäre, keine leisen Töne, auch trotz der ein oder anderen Ballade nicht. Statt dessen die pure Lust an und mit der eigenen Energie, die Freude an knackigen Rhythmen, scharfen Riffs und überdrehten Soli. Saxplosion treten an, um dem Publikum eine unbeschwerte Zeit zu bieten und die Leute nehmen das Angebot dankend an, weil die Band ihren Job mit einer Leidenschaft erledigt und mit einer Verve wie sonst kaum eine vergleichbare hierzulande. Und daran wird sich wohl – zum Glück – auch nichts ändern, so lange Albert Edward Donnelly, genannt Albie, die Fäden in der Hand hält.
Donaukurier | Karl Leitner
Der kongolesische Pianist Patrick V. Mabiala und der kubanische Posaunist Denis Cuní Rodríguez haben sich über Facebook kennengelernt. Der eine war auf der Suche nach einem Duo-Partner, der andere meldete sich auf dessen Annonce. Nicht nur die Anfänge der daraus entstandenen transatlantischen Kooperation sind recht unorthodox, sondern auch deren hörbares Ergebnis, was all jene bestätigen können, die an diesem Abend den Weg in den ausverkauften Birdland Jazzclub gefunden haben.
Donnernde Ostinati bieten die harmonisch-rhythmische Basis für die Stücke Mabiala’s, Rodríguez legt seine Melodien darüber, manchmal kommt noch eine Gesangsspur dazu, dann wieder verliert sich einer der beiden Partner in improvisierten Girlanden, folgt der Spur einer akustischen Träumerei. Monotone Endlosschleifen erzeugen mit zunehmender Dauer eine seltsame Atmosphäre zwischen entspannter Konzentration und Trance, die man in der afrikanischen Musik mit ihren Wurzeln in der Tradition, der Emotionalität und der Spiritualität immer wieder findet. Die beiden Protagonisten präsentieren unter dem Titel „Del Congo a Cuba“ die Erkenntnis, dass es in musikalischer Hinsicht durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Zentralafrika und der Karibik gibt, was ja auch überhaupt nicht verwundert, wenn man bedenkt, woher einst schwarze Arbeitssklaven nach Übersee „exportiert“ wurden.
Die Form des „Call & Response“ aus dem historisch ähnlichen gelagerten Genre des Roots-Blues findet hier keine Anwendung. Hier geht es vielmehr um Fundament und Überbau, ganz gleich, ob die Rhythmen, Gesänge und Melodien und die daraus resultierenden Kompositionen nun auf rituelle Hintergründe anspielen, die Ernte, eine dörfliche Tanzveranstaltung oder die Freude am gemeinsamen Singen thematisieren. Zu letzterem animieren die Musiker auch das Birdland-Publikum, das sichtlich und hörbar Gefallen findet an diesem scheinbar spontan initiierten Gemeinschaftsgefühl und an dieser ganz speziellen Art von Musik. Und dass das Ganze schließlich auch noch ohne die eigentlich beim Thema „Afrika meets Cuba“ erwartbaren Trommeln funktioniert, ist eine weitere Besonderheit dieses Konzerts, dessen Klänge einerseits recht fremdartig wirken und offene Ohren voraussetzen, zu denen man andererseits aber auch schnell eine gewisse Vertrautheit verspürt, sofern man sich auf sie einlassen kann.
Rodríguez und Mabiala bieten Einblick nicht nur in eine ganz spezielle musikalische Tradition, sondern gewähren damit ihrem Publikum Zugang zu vielen weiteren Aspekten ihrer Kultur, zu deren Reichtum und Schönheit, arbeiten mit Emotionen, verbinden Unterhaltung mit Information. Ihre Moderationen sind Teil der Performance und wichtig, unterbrechen wegen ihrer Ausführlichkeit aber auch den Flow, der das gesamte Konzert durchweht und schwerpunktmäßig eindeutig afrikanischen Ursprungs ist und nicht aus der Karibik stammt, mit Salsa oder Merengue also gar nichts zu tun hat, dafür aber um so mehr auf seine Verwurzelung in den Tribes sowie deren Rhythms und Chants hinweist. – Rodríguez & Mabiala: Ein Konzert, das innerhalb des Birdland-Programms zwar eine Sonderstellung einnimmt, genau damit aber auch einmal mehr Ausdruck ist für die enorme stilistische Vielfalt im Angebot des Clubs.

