Presse

Johnny O’Neal Trio | 26.11.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Johnny O’Neal, Jazzpia­nist aus New York, ist sichtlich beein­druckt. Er habe schon viel von diesem „famous German Birdland Jazzclub“ ge­hört und sich immer gewünscht, dort aufzutreten. Nun hat er es endlich ge­schafft und gibt zusammen mit dem Kontrabassisten Mark Lewandowski und dem Schlagzeuger Piero Alessi sein Neu­burg-Debut.

Sofort legt er los, lässt seine Finger fe­derleicht über die Tasten gleiten, häm­mert dann wieder schwere Akkorde ins Elfenbein, lässt sich hinreißen zu über­mütigen Sprüngen und unerwarteten Es­kapaden, verschärft das Tempo, verzö­gert, bremst ab. Seine Dynamik ist in der Tat beeindruckend. „This is a very good piano“, sagt er anerkennend. Ja, das stimmt, aber er ist auch ein sehr guter Pia­nist, der das Instrument mit großer Raffinesse spielt, sich als Musiker outet, der alle Tricks kennt und zudem jede Menge Sinn für Humor hat.

O’Neal ist ein Mann der vielen Gesich­ter. Entertainer, versierter Jazzpianist, In­terpret und Sänger von einschlägigen Balladen. Er ist im Blues ebenso zuhause wie im Bereich des Gospel, jenes Gen­res, mit dem er erste Erfahrungen in sei­ner Geburtsstadt Detroit machte. Er schreibt selber Stücke, etwa die Kompo­sition „Sweet Monk“, die er seinem Mentor Thelonious Monk widmet. Er gibt als Solopianist einen ebenso gute Fi­gur ab wie als Chef seines Trios und weiß, wie man Stücke von Kollegen reizvoll covert –  bekannte wie „Neal Hefti’s „Lil‘ Darlin“ und nicht so bekann­te wie „Henri Mancini’s „Lujon (Slow Hot Wind)“ oder Mel Thormé ’s „Born To Be Blue“ –  und wie man Passagen aufpeppt, in dem man die komplette Band zum Schweigen verdonnert und die Nummer nur mit Scatting, Fingerschnip­sen und gehörig Augenzwinkern voran­treibt.

O’Neal hat genügend Bühnenerfahrung, um seine vielfältigen Talente in geballter Form über fast zwei Stunden so einzu­setzen, dass es dem Zuhörer nicht vor­kommt, als geschähe dies wahl- oder ziellos. Wer mit Gospel und Blues auf­wuchs, dann mit Johnny Stitt, den Jazz Messengers von Art Blakey, Nancy Wil­son, Lionel Hampton und Benny Golson arbeitete, der weiß, dass es mehr als eine Form schwarzer Musik gibt, und ist not­gedrungen geprägt von unterschiedlichs­ten Einflüssen. Und er kann seinem Pu­blikum gegenüber Herzlichkeit zeigen, die nicht gespielt ist, und trotzdem gleichzeitig professionell bleiben. Das Auditorium im Birdland zumindest hat er bereits mit den ersten Akkorden und den ersten gesungenen Zeilen am Haken. Und er lässt es den restlichen Abend über auch nicht mehr los.

Ja, der Abend macht ganz einfach Spaß,  O’Neal und seiner Band auf und dem Pu­blikum vor der Bühne. Vielleicht auch gerade deswegen in ganz besonderem Maße, weil alle Beteiligten das Damo­klesschwert eines möglichen erneuten Lockdowns deutlich im Nacken spüren. Man weiß nicht, wie es im Einzelnen weitergehen wird. Diese Situation muss man hinnehmen. Aber man kann sich ja zumindest schon mal auf die 2G plus-Regel einstel­len, die auch im Birdland gilt, und sich über die ständig aktuali­sierte Homepage www.birdland.de über etwaige Pro­grammänderungen informie­ren.


Johnny O’Neal Trio | 26.11.2021
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Tatsächlich wieder ein Konzert! Wirklich? Vorsichtiger Blick: Ja, im Inneren brennt Licht. Und Leute gehen hinunter in den Hofapothekenkeller, zeigen ihre Impf- oder Genesenenbescheinigungen sowie zusätzlich das negative Testergebnis vor. 2G-Plus heißt der neue Zugangscode, der vielen Veranstaltern aus Kultur, aber auch Sport eine scheinbar kilometerhohe Hürde auftürmt. Nur 25 Prozent Auslastung sind erlaubt. Für die Münchner Allianz Arena bedeutet das 18 750 Zuschauer, für den Neuburger Birdland-Jazzclub ganze 20. Gekommen sind 17. Eine handverlesene, exklusive Zahl. Besser als nichts? „Wir machen es vor allem, damit es irgendwie weitergeht und die Musiker nicht im Regen stehengelassen werden“, sagt Birdland-Chef Manfred Rehm, der sich nicht kampflos ergeben will. Aber rechnen werden sich die kommenden zwei Stunden kaum.

Des Autoren Gedanken beginnen zu schweifen, an die ersten Jahre, als bei manchen Avantgarde-Konzerten noch weniger Leute in das Gewölbe kamen – ohne behördliche Beschränkung. Lang, lang istʼs her. Seither brummt es hier in schöner Regelmäßigkeit, die „Geisterkonzerte“ im vergangenen Jahr während des zweiten Lockdowns im November einmal ausgenommen. Und dann dieses seltsame, unwirkliche Szenario, das auf den ersten Blick wie Desinteresse oder Boykott aussieht, und das noch dazu bei einem Gast aus den USA, dem Pianisten und Sänger Johnny OʼNeal. Aber weit gefehlt! Das Publikümchen ist vom ersten Ton voll da, genussbereit und applausfreudig, goutiert jedes perlende Stride-, Blues- oder Gospelsolo des 65-Jährigen wie ein klangtechnisches Naturwunder, obwohl Johnnys Kunst über gutes, solides Handwerk nur selten hinausgeht. Aber wen interessieren schon hehre Ansprüche oder Vergleiche mit anderen Helden, die ihre Finger in der Vergangenheit in den Bösendorfer-Flügel legten? Es gilt, den Moment zu feiern, sowohl von Seiten der Musiker wie auch bei den unbeugsamen 17. Wer weiß, ob es nicht vielleicht diesmal tatsächlich das letzte. . .

Nicht an morgen denken! OʼNeal, der auf eine Mitgliedschaft bei Art Blakeys Jazz Messengers und eine Rolle als Art Tatum im Kino-Blockbuster „Ray“ über das Leben von Ray Charles verweisen kann, dieser singende Pianist oder Piano spielende Sänger, wird nicht müde, sich zu bedanken. Der Club sei ein Traum, ebenso wie das Publikum. Er und sein europäisches Trio mit dem italienischen Schlagzeuger Alessi Piero und dem polnischen Bassisten Mark Lewandowski ziehen dafür alle Register. Es swingt pausenlos, entweder bei „Born To Be Blue“ oder der Hommage auf Johnnys großes Vorbild „Sweet Monk“. In „Liʼl Darling“ entschleunigt der freundliche Gentleman mit seinem Samtpfötchen das Thema bis zur maximalen Entspannung. Hin und wieder lässt er sich leider – ganz im Geiste von besagtem Art Tatum – allzu widerstandslos in die weichen Daunenkissen der träufelnden Balladen fallen. Vorsicht Rutschgefahr!

Nat King Cole nicht zu vergessen, vor allem wegen Johnny OʼNeals fast epischer Scat-Exkurse, an dessen Ende er die tapferen 17 sogar noch zum Mitsingen bewegt. Ja, es ist Stimmung, eine verdammt gute sogar. Ganz zum Ende – die Birdland-Crew blickt immer wieder zur Uhr, weil Punkt zehn wegen der verordneten Corona-Sperrstunde Schluss sein muss – haben die drei tatsächlich ihr inneres Pendel justiert. Da fließen die bluesigen Gospelfiguren nur so aus dem Handgelenk, Bass und Schlagzeug erweisen sich als engagierte, motivierte, findige Begleiter. „Please Donʼt Talk About Me When Iʼm Gone“ bittet der Pianist, aber die, die gekommen sind, werden ihm diesen Gefallen kaum tun. 17 begeisterte Jazz- und Livemusik-Liebhaber, die klatschen, als wären 100 Leute gekommen – natürlich wegen Johnny OʼNeal, Alessi Piero und Mark Lewandowski. Aber irgendwie beschleicht einen trotzdem der Eindruck, als hätte heute jeder hier spielen können. Hauptsache es spielt überhaupt noch jemand im Neuburger Birdland, in Zeiten wie diesen!


11. Birdland Radio Jazz Festival 2021 | 23.11.2021
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es sind schwere Zeiten. Genauso wie andere Kulturschaffende bangt der Neuburger Birdland Jazzclub an diesem Wochenende, vor allem zum Finale der elften Auflage des vom Bayerischen Rundfunk im Radio übertragenen Birdland Radio Jazz Festivals. Möglicherweise steht der Kultur genauso wie anderen Lebensbereichen wieder eine Vollbremsung von Hundert auf null bevor, nachdem der Jazz-Zug gerade erst wieder richtig Fahrt aufgenommen hatte. Die Musikerinnen und Musiker scheinen noch einen Tick besser spielen zu wollen, ein Quäntchen mehr Herzblut zu investieren als sonst, das Publikum begegnet den letzten drei Konzerten mit einer seltsamen Mischung aus Trotz, Gleichgültigkeit, Sorge und dem flauen Gefühl, möglicherweise wieder länger auf diese Liveklänge verzichten zu müssen, die so sehr die Seele erbauen. Es ist wie ein Aufbäumen vor dem Unabwendbaren.

Nachdem der Schlussspurt des Birdland Radio Festivals im vergangenen Jahr komplett in die Zeit des Lockdowns fiel und vor leeren Stühlen ablief, sind nun wieder Menschen dabei. Aber wie lange noch? Diese Frage schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Hofapothekenkeller und beschäftigt auch die Moderatoren Roland Spiegel und Uli Habersetzer sowie Birdland-Chef Manfred Rehm in der vierstündigen Livesendung in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf BR-Klassik und Bayern 2. Man dürfe den Kopf nicht in den Sand stecken, sagt Rehm, und nach Lösungen für die Zukunft suchen. Schon am nächsten Wochenende könne wieder alles dicht sein. „Das ist nicht gut“, findet der Impresario, zumal im Gewölbe eine vorbildliche Luftumwälzungsanlage installiert sei und alle Konzerte unter 2G-Regeln stattfänden. Aber wer nimmt das zur Kenntnis?

Einige Impfverweigerer unter den Stammgästen kommen nicht mehr, und auch am Donnerstag beim Gastspiel der deutschen Pianistin Anke Helfrich gibt es kurzfristige Absagen. Dennoch entwickelt sich vor den dünn besetzten Reihen ein fast berauschender Abend, nach dem man sich nicht zum ersten Mal fragt, warum Helfrich selbst nach einem Vierteljahrhundert immer noch als Geheimtipp durch die Jazzkeller der Republik geistert. Ihre Performance und die ihrer kongenialen Begleitband um den Posaunisten Adrian Mears (der mit seinem Zweitinstrument Didgeridoo markante Klänge aus seiner australischen Heimat einfließen lässt), den Bassisten Dietmar Fuhr und den Schlagzeuger Jens Düppe agiert kraftvoll, funkensprühend, modern und dennoch allzeit nahbar. Faszinierend die Hommagen auf Olympiasiegerin Cathy Freeman, einer 400-Meter-Läuferin, die den Aborigines angehört („Cos Iʼm Free“), sowie auf Martin Luther King („The Price“), bei der die Pianistin auf faszinierende Weise seine legendäre „I have a dream“-Rede wie bei einem Rapper unisono am Flügel begleitet. Ein Konzert, so vital und variabel wie das Leben.

Volle Reihen dann am Freitag, obwohl den Namen Louise Jallu eigentlich niemand kennen kann. Doch die 26-jährige Französin, hierzulande ein völlig unbeschriebenes Blatt, entpuppt sich als das wahre Highlight des Festivals. Es ist ein intensives Oeuvre, ein Frontalangriff auf die Seele, durchgeführt von vier Musikern, die wie ein lebendiger Organismus ineinander agieren und motiviert sind bis in die Haarspitzen. Die meisten hatten Tango erwartet, aber sie bekamen weit mehr: eine Prise Melancholie, aber auch schroffe Postrock-Metren an Gitarre und Cello (!) von Carsten Holzapfel, eine herbe Prise Jazz und jede Menge Individualität. Louise Jallu, deren defektes Instrument in letzter Sekunde von einem eilig aus dem sächsischen Klingenthal herbeigerufenen Bandoneon-Bauer repariert werden konnte, ist anders. Klar, eine Frau – im Gegensatz zu den Säulenheiligen Astor Piazzolla und Dino Saluzzi. Und sie steht, anstatt zu sitzen, lässt sich von jedem Ton mitreißen, wogt hin und her, bewegt den Kopf mit geschlossenen Augen im Takt. Ihre gesamte Struktur zerreißt das klassisches Bandoneon-Bild sanft, aber unmissverständlich. Sie und ihre musikalischen Kumpane lassen ihre Kompositionen wie Holzplanken auf dem offenen Meer treiben, während im Untergrund Bass (Alexandre Perrot), Piano (Grégoire Letouvet) und Cello/Gitarre (Holzapfel) wie Raubfische auf den richtigen Moment zum Angriff lauern. Zum Schluss dann „Libertango“, Piazzollas „Hit“. Natürlich Tango Nuevo, aber anders. Noch neuer, noch frischer, noch überwältigender.

Der Schlusstag. Die Inzidenz im Landkreis liegt bei über 830 – bei 1000 erklingt kein Ton mehr, die Lichter bleiben aus. Noch einmal das süße Gefühl von Livemusik auskosten, von flirrenden Gitarren, kratzenden Drums, wabernden Saxofonen. War der Auftritt von Timo Vollbrechts „Magic Fly“ tatsächlich wieder das letzte Konzert? Die zweite Hälfte sendet BR Klassik direkt aus dem Keller, die Musiker legen sich auf der Schnittstelle zwischen komponierter und improvisierter Musik ins Zeug, Vollbrechts mit seinem warmen Timbre, Gitarrist Keisuke Matsuno mit seinen gläsernen Linien, Pianist und Keyboader Elias Stemeseder mit seinen weiten Klangflächen und Drummerin Dayeon Seok mit ihren raffiniert verschachtelten Metren. Das Publikum klatscht enthusiastisch, was wahrscheinlich an der Livesendung liegt. Bewegte und bewegende Momente, impressionistische Passagen zwischen Indie, Neuer Musik und Jazz. Vollbrechts Stücken, die Namen tragen wie „Malaʼs World“ oder „Happy Happy“, haftet etwas Sphärisches an, sie wirken mitunter wie Soundtracks zu Träumen, glückselige, wie Alpträume. Eine nicht ganz einfach aufzunehmende Schlusskadenz. „Zum Glück noch alles geschafft“, lächelt Manfred Rehm. Er plant schon für das 12. Birdland Radio Festival.

Sendetermine für das 11. Birdland Radio Jazz Festival

Donnerstag, 20. Januar 2022, BR-Klassik: Dave Holland und John Scofield.
Freitag, 21. Januar 2022, BR-Klassik: Dameronia’s Legacy Allstar Octet.
Freitag, 18. Februar 2022, BR-Klassik: Noah Preminger Quartet.
Freitag, 25. Februar 2022, BR-Klassik: Rosario Giuliani und Pietro Lussu.
Freitag, 18. März 2022, BR-Klassik: Jasper van’t Hof Quartet.
Freitag, 25. März 2022, BR-Klassik: Louise Jallu 4tet.
Freitag, 22. April 2022, BR-Klassik: Anke Helfrich Trio/AdrianMears.


Timo Vollbrecht „Fly Magic“ | 20.11.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Achtung, live auf Sendung! Als pünktlich nach den Nachrichten um 22 Uhr 05 die rote Kontrolllampe aufleuchtet, beginnen „Fly Magic“ zum Abschluss des 21. Birdland Radio Jazz Festivals ihr zweites Set. Ab sofort steht Neuburg für vier Stunden im Zentrum der Jazzwelt. Draußen vor der Tür auf dem um diese Uhrzeit menschenleeren Karlsplatz stehen zwei Ü-Wagen des Bayerischen Rundfunks und einer mit einer riesigen Schüssel auf dem Dach.

Über BR-Klassik, Bayern 2 und das ARD-Nachtprogramm geht die Musik, die unten im Gewölbe live gespielt wird, rund um den Globus. Internetradio und Satellitentechnik machen’s möglich. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber man geht von ungefähr 100.000 Hörern aus. Die Stücke des Abends stammen von dem Tenorsaxofonisten Timo Vollbrecht, der an seinem Wohnort Brooklyn die Band „Fly Magic“ unterhält, mit der er Modern Jazz spielt, allerdings nicht auf die herkömmliche Art, sondern unter Verwendung von E-Gitarren, Zusatzgeräten zur Erzeugung von Modulationseffekten, einem ganzen Arsenal an Keyboards und Synthesizern. Keisuke Matsuno an der Gitarre ist vornehmlich für Sounds und Klangfarben zuständig, Elias Sterneseder ist in ähnlicher Mission unterwegs, hinterlässt aber auch am unverstärkten Flügel seinen Fußabdruck, Dayeon Seok an den Drums ist die einfühlsame, rhythmisch jedoch unerbittliche Pulsgeberin. Und über allem erheben sich Vollbrechts samtene Linien, die seltsam über dem von seinen Kollegen gewobenen Teppich zu schweben scheinen.

Es entstehen immer wieder sphärisch anmutende Klänge, durchaus markante oder auch flächige Wolkengebilde, die sich auf ihrem Weg durch den Äther – den sie in diesem Fall ja tatsächlich antreten – konkretisieren, verwandeln, auflösen, bis bisweilen nur eine kleine Melodie übrig bleibt. Vom federleichten Cirrus- bis zu gewaltigen, schweren Stratocumulus-Gebilden ist alles vorhanden, eine zarte, fast unhörbare Gitarre und gleich darauf mächtige Saxofonstöße. Die Band ist wichtiger als der Einzelne, ohne den Einzelnen aber funktionierte die Band nicht. Gemeinsam werden akustische Szenarien entworfen, werden Stimmungen und Bilder erzeugt, wird Spannung aufgebaut, die sich manchmal mit Urgewalt entlädt, manchmal sich aber auch ganz einfach verflüchtigt. Das vielgesichtige „Mala’s World“, das intime „Glitter In The Sky“, das vergnüglich-rockige „Happy Happy“ sind Stücke, in denen die Fähigkeiten Vollbrechts als Komponist deutlich werden. Wer dessen Musik, die sich so wunderbar einfügt in die Nische zwischen den stilistischen Blöcken des Jazz, einmal gehört hat, wird sie so schnell nicht mehr los. Man nennt das wohl Nachhaltigkeit.

Um 23 Uhr erlischt die Kontrolllampe rechts an der Bühne. Die elfte Ausgabe des „Birdland Radio Jazz Festivals“ Geschichte. – Nein, nicht ganz. Aus einem eigens zwei Stockwerke über dem Birdland-Gewölbe eingerichteten Studio wird noch bis zwei Uhr morgens live weitergesendet. Genügend Musik ist angesichts sieben in den letzten Wochen mitgeschnittener Festivalkonzerte ja vorhanden.


Louise Jallu 4tet | 19.11.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Zuerst hätte das Konzert um ein Haar nicht stattgefunden. Und dann wohnt man quasi der Geburt eines neuen musikalischen Genres bei. Ja, es finden in der Tat höchst bemerkenswerte Dinge statt an diesem Abend in Neuburg, dem vorletzten des 11. Birdland Radio Jazz Festivals.

Was tun, wenn wenige Stunden vor dem Auftritt das Gehäuse eines Bandoneons zu Bruch geht, dem Instrument, um das sich das ganze Konzert dreht? Absagen? Nein. Ein Spezialist muss her. Im sächsischen Klingenthal gibt es einen, der wird geholt, bringt die Sache rechtzeitig in Ordnung und hat für alle Fälle sogar ein Ersatzinstrument dabei. Gute Kontakte sind in der Konzertbranche das A und O. Der Retter in der Not sitzt dann auch in der ersten Reihe, als Louise Jallu vermittels dieser argentinischen Variante des Knopf-Akkordeons den Tango Nuevo des großen Astor Piazolla weiterentwickelt zu einer Art „Tango Nuevo Plus“, einer bislang so vermutlich nirgends zu hörenden Form von Musik, die sich teilweise dermaßen weit entfernt von dem, was man angesichts Piazollas derzeit weltweit gefeierten 100. Geburtstag allenthalben hört, dass man – ja, es mag vermessen klingen – von der Geburt eines neues Genres sprechen könnte.

Louise Jallu, Alexandre Perrot am Kontrabass, Grégoire Letouvet am Flügel und am Fender Rhodes sowie Karsten Hochapfel an der Gitarre und am Cello konzentrieren sich auf die konzertante Variante des Tango. Das tat Piazolla auch, bei Jallu aber kommt etwas Visionäres dazu, der Drang, das Genre zu öffnen für Experimente jeglicher Couleur. „In Argentinien kann sich alles verändern, nur der Tango nicht“, sagte Piazolla einst. „Ich verändere ihn trotzdem“, setzt Jallu dagegen. Die Musik, die dabei entsteht, kommt auf Samtpfoten daher und in Springerstiefeln, ist lieblich und brüsk, feinfühlig und aggressiv, verspielt und kompromisslos, intim und drängend, minimalistisch und opulent. „Ich mag Musik, die zum Nachdenken anregt“, sagte Piazolla. Da kann Jallu uneingeschränkt zustimmen. Ihr geht es in erster Linie nicht um solistische Höchstleistungen, sondern um die wagemutige und zugleich spielerische Veränderung so geschichtsträchtiger Stücke wie „Adios Nonino“ und „Libertango“ und somit einer kompletten musikalischen Richtung. Ob das Ergebnis überhaupt noch Tango genannt werden kann, ist egal.

Überraschend ist, dass auf den ersten Blick unvereinbare Elemente perfekt zueinander passen. Die elektrische verzerrte Grunge-Gitarre zu den weichen Basslinien, eine Slide Guitar zum Bandoneon, der Sound des Fender Rhodes zum Klang der Handdrehorgel mit Lochstreifen, Jazz-Einsprengsel zu ausufernden, scheinbar zu Selbstläufern werdenden Mittelteilen, wie man sie aus dem experimentellen Rock der Siebziger kennt. Solche Musik gelingt nur, wenn man auf Innovation und Wagemut setzt und auf Verkaufszahlen pfeift. Und sie wirkt am besten, wenn man live bei deren Entstehung an einem denkwürdigen Abend wie diesem dabei ist. Was für ein Konzert! – Ach ja: Das Gehäuse des Bandoneons hat übrigens bis zum Ende keinerlei Probleme mehr bereitet.


Anke Helfrich Trio feat. Adrian Mears | 18.11.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gab Zeiten, in denen wurden politische Überzeugungen auch mit den Mitteln des Jazz ausgedrückt, und zwar mitunter ziemlich radikal. Das heißt nun nicht, dass die Pianistin Anke Helfrich, die zusammen mit Dietmar Fuhr am Kontrabass, Jens Düppe am Schlagzeug und Adrian Mears als Gast an der Posaune und dem im Jazz höchst selten zu hörenden Didgeridoo bei ihrem Birdland-Konzert aktivistische Parolen verbreiteten, aber sie beweist doch Hal­tung weit über die Musik hinaus.
Es geht um „Dedications“ an diesem Abend, um Widmungen. Und die fallen, sobald sie von der temperamentvollen, quirligen, experimentierfreudigen aber doch immer verlässlichen Pianistin aus­gehen, hingebungsvoll und ehrlich aus. „La Oscura“ beschäftigt sich mit dem Schicksal der Malerin Frida Kahlo, das rhythmisch verwegene „Invictus“ mit Nelson Mandela, dem Helfrich sich, die lange Zeit in Windhuk gelebt hat, beson­ders verbunden fühlt. Die gerappten Zei­len „I’m the master of my fate, I’m the captain of my soul“ stehen dabei wie ein Monument im Raum, während die Band dem Sound von Namibia nachspürt.
Ein Meisterwerk ist „Cause I’m Free“, das sie zu Ehren der australischen Mit­telstrecklerin Kathy Freeman und deren Bekenntnis zu den Aboriginees geschrie­ben hat, und „The Prize“ macht einen schlicht sprachlos. Die Idee, die berühm­te Rede Martin Luther King’s „I Have A Dream“ per Sampler einzuspielen und dessen Sprechrhythmus zum Metrum für eine eigene Komposition zu machen, ist grandios. Diese Finte macht erst so rich­tig deutlich, dass King nicht nur ein be­geisternder Rhetoriker war, sondern eben auch ein Prediger, der ganz genau wuss­te, wie man eine Menschenmasse emotio­nal packt. Und dass sie schließ­lich den „Waltz For Birdland“ dem Jazz­club in Neuburgs Altstadt widmet, ist, wie man deutlich spürt, mehr als nur eine nette Geste.
Die Musik korreliert mit dem gedankli­chen Inhalt. So ist das vom Tarot inspi­rierte Stück „Der Turm“ immer wieder – dem Spiel entsprechend – vom Einsturz bedroht, und das während des Lock­downs entstandene „Time Will Tell“ be­ginnt kammermusikalisch, eingesperrt sozusagen, kämpft sich allmählich frei und lernt schließlich, ohne Einschrän­kungen selbst zu laufen, verwegene Sprünge und avantgardistische Kapriolen mit eingeschlossen. Deutlicher kann man die derzeitige Befindlichkeit mit rein musikalischen Mitteln vermutlich kaum ausdrücken.
Ja, in der Tat, es ist ein absolut außerge­wöhnliches Konzert, dass da zum Auf­takt des langen Wochenendes zum Ab­schluss des „11. Birdland Radio Jazz Festivals“ über die Bühne geht. Ein Kon­zert mit Stücken, die allesamt von der ersten bis zu letzten Minute spannend, innovativ, stilistisch offen sind, nie­ je­doch elitär. Wer nicht da war, hat in der Tat etwas versäumt. Nachhören kann man den Auftritt von Anke Helfrich und ihrer Band heute Abend im Rahmen der vierstündigen Jazznacht, die vom BR live aus dem Birdland übertra­gen wird. Sendetermin: 22:05 Uhr bis 24 Uhr auf BR Klassik, anschließend 0.05 Uhr bis 2.00 Uhr auf Bay­ern 2.


John Scofield – Dave Holland Duo (Stadttheater Neuburg) | 13.11.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Rom, Neuburg, London. Das sind die Abschlusstermine der gemeinsamen Europa-Tour zweier Jazzlegenden. Der Gitarrist John Scofield und der Bassist Dave Holland gehören zu den wichtigsten Vertretern ihres Instruments. Beide haben sie Jazzgeschichte geschrieben, zuerst mit Miles Davis, dann ohne ihn. Beide haben jede Menge Erfahrung mit dem Duo-Format, bislang aber keine gemeinsame.

Wenn man die Chance hat, beide verpflichten zu können, greift man natürlich zu, bucht schnell das Neuburger Stadttheater, weil das Birdland viel zu klein wäre, lädt den Bayerischen Rundfunk ein, das Konzert fürs derzeit laufende 11. Birdland Radio Jazz Radio Festival mitzuschneiden. Nun bedeuten zwei Namen aus der ersten Reihe des Jazz nicht zwingend ein hochklassiges Konzert, in diesem Fall freilich wohnen die Besucher einem Abend bei, den man getrost als sensationell bezeichnen darf. Die beiden Herren auf der Bühne sind bestens gelaunt, sprühen nur so vor Einfallsreichtum, Leidenschaft und Witz und outen sich als echte Größen, denen an einem guten Abend niemand das Wasser reichen kann. Und dieser hier ist in der Tat ein extrem guter Abend.

Beide entführen ihr Publikum durch ihr riesiges stilistisches Spektrum. Scofield tänzelt mit seinem unverwechselbaren Sound, der hunderte Gitarristen nach ihm nachhaltig geprägt hat, durch seine Kompositionen, geht spielerisch und mit ungeheurer Leichtigkeit mit ihnen um, webt Bebop, Blues und Modern Jazz in sie hinein, besinnt sich dann darauf, dass es auch Zeiten gab – etwa die von „Loud Jazz“ – in denen er auch mal ziemlich rocknah unterwegs war oder dem Funk zugetan wie bei „Überjam“. Doch Scofield ist an diesem Abend einer, der lieber andeutet als sich festzulegen.

Das erste, was man von Dave Holland wahrnimmt, ist dieser überaus warme Ton, der einen sofort in Bann zieht. Und sein absolut makelloses Spiel. Wie Scofield ist er Ästhet, der Virtuosität verbindet mit perfektem Klangbild. Technische Perfektion und fühlbare Tiefe verschmelzen bei ihm auf einzigartige Weise. Man bewundert die Fingerfertigkeit des Stars, der einen jedoch emotional ganz nah an sich heranlässt. Stets umspielt ein leises Lächeln seinen Mund, vor allem dann, wenn er wie in Scofield’s „Meant To Be“ oder in seinem eigenen „Not For No-thing“ listig Zitate einstreut oder auf jene seines Partners reagiert. Die Form des Duos im Jazz ist besonders anspruchsvoll. Hier gibt es gibt kein Verschnaufen, ständig muss man agieren und reagieren. Wenn die Chemie zwischen den Partnern nicht stimmt, scheitert man zwangsläufig. Scofield und Holland hingegen sind wie füreinander geschaffen, lassen sich bedingungslos aufeinander ein, nehmen sich auch gegenseitig mal auf den Arm und lachen darüber.

Es gibt Situationen, in denen spürt man die Besonderheit des Augenblicks. In diesem Fall sind gerade mal die Eröffnungsstücke, Scofield’s „Memorette“ und Holland’s „Memories Of Home“, verklungen und man weiß, dass dieser Abend ein magischer werden wird. Und nach gut 90 Minuten und einer tiefen Verbeugung vor dem großen Ray Brown in der Zugabe und vor dem Birdland „for keeping the music alive“ (Scofield) weiß man, dass man damit genau richtig lag.


John Scofield – Dave Holland Duo (Stadttheater Neuburg) | 13.11.2021
Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Es gibt keine Superhelden mehr, auch nicht im Jazz. Keine himmlischen Wesen, keine Coltranes, keine Ellingtons, keine Armstrongs. Die Ära der Gottgleichen, derjenigen, die Stile prägten und einem ganzen Genre den Nimbus der Unbesiegbarkeit und grenzenlosen Freiheit verliehen, ist vorüber. Auch die nachfolgende Generation, diejenigen, die zumindest in jungen Jahren im Dunstkreis der sagenumwobenen Figuren agieren durften, ist inzwischen in die Jahre gekommen. Aber immerhin: Sie spielen noch. Und verstehen es zumindest ansatzweise, einen Hauch jener Magie zu verbreiten, die den Jazz einst zur coolsten, zur aufregendsten Musik dieses Planeten werden ließ. So fühlt es sich an, wenn sich zwei Thronfolger wie John Scofield und Dave Holland zusammenschließen, wie beim Highlightkonzert des 11. Birdland Radio Festivals. Dann weht nicht nur ein Hauch, sondern ein ganzer Sturm von Jazzgeschichte durch das – unter 2G-Regeln – ausverkaufte Neuburger Stadttheater.

Captain America und Iron Man kämpfen gemeinsam gegen die ästhetischen Verwerfungen und geschmacklichen Verirrungen, sie verschmelzen ihre einzigartigen Kräfte, um ein Bollwerk gegen den Zeitgeist bilden zu können, neue Energiequellen zu erzeugen, die tiefer wirken. Zwei potenzielle Superhelden, Ausnahmekünstler per se, die eine gemeinsame Vergangenheit bei Miles Davis eint und um deren Nachhaltigkeitseffekt sich keiner mehr Sorgen machen muss. Der Amerikaner (Scofield) und der Engländer (Holland) bilden das, was man gemeinhin ein Traum-Duo nennt, kleine Starallürchen inklusive. So verweigerte das sagenumwobene Tandem während seiner 90-minütigen Performance beharrlich die übliche und vertraglich festgelegte Pause, legte aber stattdessen allergrößten Wert auf die Farbe der Handtücher (grau). Ein bisschen darf man ja auch den Superhelden in einer Weltmetropole des Jazz wie Neuburg rauslassen, vor allem wenn das Konzert zum Ende der großen Europatour genau zwischen Rom und London eingebettet ist.

Die überwiegend akustisch angelegte Musik bietet dagegen einen fast herzerfrischenden Kontrast. Entspannt, lässig, hochvirtuos, emotional und mitunter gar verletzlich verknoten sich die insgesamt zehn Stahlsaiten (vier am speziell für Dave Holland angefertigten Kontrabass, sechs an der Ibanez-Scofield-Signature-Gitarre) ineinander. Es sind einfachste Mittel, ein bisschen swingende Bebop-Melodik wie im Opener „Memorette“, mit dem das prominente Gespann operiert, keine Neuerfindung des Rades, kein Spektakel. Wer die Ruhe besitzt, zuhören zu können, der stellt rasch fest, dass sie dazu neigen, eher Noten wegzulassen, bewusst Pausen zuzulassen und den Rhythmus des Atems aktiv in ihren Vortrag einzubauen. „Icons On The Fair“ passt nahezu perfekt zur draußen um sich greifenden November- und Corona-Tristesse, gerade weil Dave Holland seine Basslinien ineinanderschiebt und dadurch eine melancholische Stimmung von besonderer Güte erzeugt, die innwendig wie von außen wärmt.

Natürlich sind viele, vor allem jüngere Fans wegen „Sco“ ins Stadttheater gekommen, um diesem funkig züngelnden, fein zwischen Blues und Balladen ziselierenden Griff-Zauberer mit dem kecken Druidenbart, der jeden Ton sorgsam wägt und ihn auf keinen Fall schlampig spielen will, der nichts unter den Tisch fallen lässt und auch an diesem Abend gefühlt die größeren Anteile besitzt, auf die Finger zu schauen. Die eigentlichen Impulse aber kommen von Dave Holland. Der 75-Jährige ist wendig, flexibel, ideenreich, konzentriert, sprungbereit und in seiner Linienführung auf unprätentiöse Art zeitlos modern. Er schlägt für seinen heldenhaften Mitstreiter jede Schneise durch das Dickicht, um ihm danach sogar noch einen roten Teppich auszurollen. Einer wie Holland hat längst die Grenze zwischen walkender Begleitung und Solo hinter sich gelassen. Sein Spiel besitzt spätestens jetzt das, was einen echten Superhelden ausmachen könnte: ein Alleinstellungsmerkmal.

Je länger der Abend dauert, um so selbstverständlicher agieren Holland und Scofield, gehen ineinander auf. Das gleißende „Memories Of Home“ entpuppt sich als Paradebeispiel musikalischer Achtsamkeit, die pulsierende Holland-Nummer „Not For Nothing“ als Fundgrube für überraschende Wendungen, während Scofields „Meant To Be“ wie eine extreme Bergtour wirkt, bei der die Schwerkraft aufgehoben zu sein scheint. Spätestens beim „See Mine Are Blues“ und der Zugabe „Mr. B.“ (mit der Dave Holland einem „echten“ Superhelden, nämlich seinem erklärten Vorbild Ray Brown, huldigt) wird klar, dass sich die Fantastischen Zwei ausschließlich auf alte Hausmittel des Jazz beschränken: zuhören, ineinander aufgehen und jedes Stück angehen, als würde die Tinte noch vom Notenblatt tropfen. Die hohe Kunst der musikalischen Solidarität. Was bei der aktuellen Impfdebatte nicht klappt, exerzieren diese beiden Ausnahemusiker vor: Gemeinsam lassen sich tatsächlich Berge versetzen. Auch ohne Superkräfte.


Jasper van’t Hof Quartet | 12.11.2021
Donaukurier | Karl Leitner
 

Seit Jasper van’t Hof Musik macht – und das tut er seit einem halben Jahrhundert – wird es spannend, bekommt man es mit Dingen zu tun, die man so nicht erwartet. Er war zeitlebens mehr Tastenspezialist denn Pianist, trat mit umfangreichem Equipment inklusive Synthesizer, Soundmaschinen und Computern auf, spielte Jazzrock und Fusion ebenso wie Free Jazz und wurde früh bekannt als Drahtzieher hinter Bands wie Association P.C., Pork Pie und Pili Pili. Irgendwie machte er so etwas ähnliches in Europa wie Joe Zawinul in den USA, nur war er damit nicht so erfolgreich wie jener.

Nun ist er zum akustischen Piano zurückgekehrt, zu seinen Wurzeln, zur Wurzel jeglichen Keyboards. Das heißt jedoch nicht, dass der Paradiesvogel aus dem niederländischen Enschede nun mit 74 Jahren nun plötzlich bodenständig geworden wäre. Bei seinem Auftritt im Birdland und mit seinem Spiel auf dem Bösendorfer-Flügel sucht er nach wie vor das Risiko, probiert sich aus, spielt neue und testet alte Stücke auf ihre Klangtauglichkeit abseits elektronischer Hilfsmittel. Routine ist ihm fremd, eingeschliffene Rituale mag er gar nicht, freut sich hingegen diebisch, wenn ihm ein unerwartetes Kabinettstückchen gelingt. Freilich, auch über einem wie ihm, der ständig neue Herausforderungen sucht, kreist die eigene musikalische Vita, auch einer wie er wechselt nicht mit dem Genre automatisch die Handschrift gleich mit.

Und so merkt man seinen Kompositionen ihre ursprüngliche Heimat im Fusion-Bereich deutlich an. Wenn man die Art der Melodieführung und die rhythmische Ausgestaltung genauer verfolgt, kann man Van’t Hofs einstige Vergangenheit und die Spuren des Jazzrock erkennen, auch wenn heute keine E-Gitarren, Moogs und Slap-Bässe mehr zum Einsatz kommen. Dennoch: Von Anfang an herrscht mächtig Betrieb im Birdland-Gewölbe, die Band spielt sehr extrovertiert, Zurückhaltung ist nicht ihr Ding. Van’t Hof und Stefan Lievestro am Kontrabass haben eine Ader dafür, welcher Sound in diesem Ambiente angemessen ist, Paul Heller am Tenorsaxofon und Bodek Janke am Schlagzeug haben dies weniger. Ersterer, den man eigentlich anders in Erinnerung hatte, gibt sich seltsam überdreht, und der Drummer meint, immer dann, wenn ein Solo eines Kollegen an Intensität zunimmt, müsse auch er das Geschehen mit besonders kräftigen Schlägen auf Trommeln und Becken untermalen. Wobei statt „untermalen“ die Vokabel „zuknüppeln“ eigentlich passender wäre. Der Mann spielt technisch auf sehr hohem Niveau, das ist offensichtlich, aber er scheint wenig Gespür für den Raum und seine Akustik zu haben, was schade ist und die Freude beim Zuhören trübt.

Blendet man dies aus, was zugegeben schwer fällt, bleiben freilich Stücke wie „As Well“, das zu Ehren des Schriftstellers Graham Greene verfasste „Quiet American“ oder „Lazy Day“, das Van’t Hof seinem langjährigen Weggefährten Charlie Mariano gewidmet hat, Kompositionen, die es mehr als verdient haben, an diesem Abend für das Birdland Radio Jazz Festival mitgeschnitten zu werden.


Jasper van’t Hof Quartet | 12.11.2021
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Mit dem Rücken zum Publikum wie weiland Miles Davis präsentierte sich Jasper van‘t Hof im Neuburger Birdland. Nicht allerdings, weil ihm die Menschen im Jazzkeller nichts bedeuten würden, sondern zugunsten der Konzentration und Interaktion innerhalb der Band, wohl auch um nicht als Star mit Begleitung, sondern als Teil einer Band zu musizieren. Jasper van‘t Hof könnte sich mit seinen 74 Jahren auf wohlverdienten Lorbeeren ausruhen, die er sich als Fusion- und Weltmusik-Pionier, auch als lupenreiner Jazzer in Jahrzehnten erworben hat.

Der Trendsetter des europäischen Jazz geht hingegen beim 11. Birdland Radio Jazz Festival volles Risiko, ohne Netz und doppelten Boden. Gemeinsam mit drei jüngeren, hochmotivierten Kollegen taucht er strudelnd, sprudelnd, quirlig ins Abenteuer. Seine phantasievoll kreative Souveränität am Flügel – die Keyboards hat er wohlweislich daheim gelassen – erlaubt ihm schier waghalsige Läufe über die 88 Tasten des clubeigenen Bösendorfers. Die Band lässt sich von Beginn an mitreißen. Paul Heller mit bissig volltönigem Tenorsaxophon, Stefan Lievestro mit agil wendigem Bass und Bodek Janke mit kantig kraftvollem Schlagzeug halten das Energielevel ihrerseits stets auf schwindelnden Höhen.
Markant, temperamentvoll und immer auf schmalem Grat bewegt sich diese Band, zu Beginn erst mal im Uptempo. Jasper van‘t Hof brillert mit dem ihm eigenen, jederzeit erkennbaren, glasklaren Anschlag, dessen Entschlossenheit so viel darüber aussagt, welch hohen Stellenwert Konsequenz im Leben dieses Ausnahmemusikers hat.

»However« z.B. lässt seine Wurzeln in den jazzrockigen Siebzigern fast vergessen, so lebendig atmet es den Geist der Freiheit. Nicht zuletzt auch in Charlie Marianos »Lazy Day« vermengen sich jazzige und rockige Elemente, flinke Beweglichkeit und starke rhythmische Impulse zu einem starken Statement der Gegenwart. Auch in den ruhigen Momenten von z.B. »Dry Four« bleibt van‘t Hof der Klarheit treu und lässt den Flügel förmlich vibrieren vor Energie. Das ist Musik, die nicht von ihrer eigenen Legende lebt, sondern im Spirit von starken Themen, kernigen Improvisationen, Groove und Power die Herzen auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert höher schlagen lässt.

Das 11. Birdland Radio Jazz Festival bietet noch einige Gelegenheiten, aktuellen Jazz hautnah mitzuerleben, bevor die Konzerte dann im Bayerischen Rundfunk zu hören sind: am 18.11. hat das Trio der Pianistin Anke Helfrich den Posaunisten Adrian Mears zu Gast, am 19.11. erfreut das Quartett der französischen Bandeonistin Louise Jallu mit ihrer aktuellen Version des Tango und am 20.11. wird in der das Festival abschließenden „radioJazznacht extra“ die junge deutsche Nachwuchsformation des Saxofonisten Timo Vollbrecht die Schnittstelle von komponierter und improvisierter Musik ausloten.