Aktuelle Presseberichte

Italian Organ Trio | 08.12.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Organist Alberto Marsico, Schlagzeuger Tommy Bradascio und Gitarrist Lorenzo Petrocca ergeben zusammen das „Italian Organ Trio“. Die Kombination dieser drei Instrumente ist im Jazz gar nicht mal so selten und es gab und gibt sie in den verschiedensten Epochen und Sub-Genres. Jimmy Smith, Joey DeFrancesco, Raphael Wressnig oder gar „Niacin“ gehen von den gleichen Voraussetzungen aus, klingen aber völlig unterschiedlich.

Das Besondere bei dem Trio, das an diesem Abend im Birdland auf der Bühne steht, ist die italienische Komponente. Ein neapolitanisches Liebeslied? „O Sole Mio?“, „Volare“? – Sobald sich das Trio selbst so jazzferner Stücke annimmt, werden sie zu wunderschönen Beispielen herausragender Adaptions- und Bearbeitungskunst. Entscheidend ist einmal mehr nicht das Original, sondern das, was die Band aus ihm macht. Und das ist großartig. Wenn sich die Orgel – clusterartig und mit gehörig Hall unterlegt – in eine Ballade quasi hineinschleicht, hält das Publikum kollektiv den Atem an. Wenn anlässlich des Klassikers „All Of Me“ der Organist um wahrsten Sinne des Wortes alle Register zieht, wenn Bradasco bei der wunderschönen Bearbeitung von „Estate“ auf Besenatmung umstellt und man beim nächsten Stück meint, mal eben Gene Krupa und eine komplette Big Band vor sich zu haben, wenn Petrocca’s Gitarre kling wie einst die von Wes Montgome-ry, dann sind alle in ihrem Element. Die Band, die einen teils angriffslustigen teils eher dezenten aber immer unwiderstehlichen Killergroove an den Tag legt, und auch das Publikum, das sich der ungeheuren Dynamik, mit der das Trio zu Werke geht, nicht entziehen kann.

Es ist erstaunlich, welche Intimität man entstehen lassen, welche Emotionen man wachrufen kann mit einem Kasten, in dessen Eingeweide sich ein Generator befindet, in dem stählerne Tonräder mit einem gewellten Rand vor elektromagnetischen Tonabnehmern rotieren. Alberto Marsico kann das. Er spielt mit feinem Gespür für das, was das jeweilige Stück braucht und was nicht. Sein kraftvoller Zugriff bei den heftigen Stücken ist zweifelsfrei spektakulär, seine sachte, feingliedrige Vorgehensweise bei den Balladen aber kriecht beim Zuhörer unter die Haut, erzeugt Gänsehaut und Wohlbefinden.

Die Aussage, der Abend mit dem Italian Organ Trio sei einfach nur „schön“ gewesen, mag schlicht sein. Dennoch ist sie wahr. Es lag an der Musik, an der Klasse der Musiker, an der Dynamik, an der Spannung, am Feeling und an diesem ganz speziellen Sound der Orgel aus dem Hause Viscount. Und es lag an der ungemein sympathischen und humorvollen Art, wie Lorenzo Petrocca das Publikum durch den Abend führte. Aber „einfach nur schön? – Doch, genau das trifft es ziemlich gut.


Italian Organ Trio | 08.12.2018
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Der Jazzkeller des Birdland Neuburg ist nicht nur wegen seines exquisiten Programms

für internationale Stars ein begehrter Spielort. Das Gewölbe bietet auch ein ganz besonderes Ambiente, zwischen Künstlern und Publikum liegen maximal zehn Meter. Man hört jede Kleinigkeit und kann sie genießen. Allerdings hat diese feine Akustik auch ihre Tücken. Zu viel Volumen verträgt dieser Raum nicht gut.

Damit hatte das musikalisch grandiose Italian Organ Trio (Alberto Marsico an der Hammond-Orgel, Lorenzo Petroccfa an der Gitarre und Tommy Bradascio am Schlagzeug) über einige Songs hinweg zu kämpfen. Die Bässe waren anfangs entschieden zu laut, auch der Gitarrenklang überraschte gelegentlich mit Schärfen über das Maß hinaus. Hinweise aus dem Publikum kamen schnell, aber die vollständige Korrektur dauerte länger, als es hätte sein müssen. Das war schade. Denn die Nachjustierung brachte die wahren Qualitäten dieses Trios sofort zur Entfaltung. Die drei Italiener beherrschen das kammermusikalische Miteinander ebenso wie die musikantischen Exkurse in ihren brillanten Soli.

Die Hammond-Orgel, manchmal als etwas unscharfes, ja breiiges Instrument verschrieen, entpuppte sich unter den Händen von Alberto Marsico als wahrer Verwandlungskünstler. Mal glaubte man eine Klarinette oder eine Querflöte zu hören, dann (fast) den klaren Sound eines Flügels, Anklänge an das Saxofon erfüllten den Birdland-Keller und wenn es sein musste, gab die Orgel auch einen „Ersatz“ für eine ganze Bigband. Im Song „O soul mio“ etwa lieferte Marsico dieses Kunststückchen ab. Die Komposition von Count Basie war ein Glanzlicht des Abends, eine Art Hommage und zugleich eine Kontrafaktur des alten Schlagers „O sole mio“, witzig verfremdet und mit allen Wassern des Swing gewaschen. Die drei Jazzer warfen sich mit ihren Solo-Passagen die Bälle zu und nahmen den Drive sofort auf.

Offenbar hatten sich die Jazzer aus Bella Italia vorgenommen: Je später der Abend, umso mehr drehen wir auf. Nicht in der Lautstärke, sondern rein musikalisch. Ein Titel namens „Der Pate“ geriet zum faszinierenden Song, ständig zwischen feinen Harmonien und einem bedrohlichen Unterton wechselnd. Sozusagen nach der Devise, wenn es sehr leise wird, dann wird es ernst. Eine originelle Idee von Alberto Marsico, diesen Song Manfred Rehm zu widmen, dem Paten – pardon, dem Impresario des Birdland Neuburg – zu widmen.

Und mit so grundverschiedenen Nummern wie „Estate“ und „Volare“ zeigten die drei Gäste aus Italien, welch komplette Jazz-Musiker sie sind. „Estate“ erzählt eine wunderbare Geschichte aus Sizilien: Ein Mann erlebt im Sommer seine große, aber unglückliche Liebe – natürlich unglücklich, glücklich wäre ja langweilig, sagt Marsico. Dummerweise herrscht in Palermo fast immer Sommer, also wird es schwierig mit dem Vergessen. Diese emotionalen Kosmos setzten Orgel, Gitarre und Schlagzeug perfekt in die Sprache der Musik um, leicht, schwebend, tief melancholisch und von einer gebrochenen Schönheit geprägt.

 

Zu einem Leckerbissen der musikalischen Ironie gerät „Volare“. Nur allzu bekannt und eigentlich ziemlich ausgelutscht, aber in der rhythmisch und harmonisch raffinierten Version des Italian Organ Trio ein reiner Spaß. Die Musiker ermunterten das Publikum, ruhig mal mitzusingen, aber das taten die Zuhörer nur ein paar Takte lang. Aus gutem Grund: die Musik war so toll, dass man sie eigentlich nicht stören wollte.


Mallets & Friends „The Lady Sings The Swing“ | 07.12.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Sie heißt Angelina Siegert und stammt aus Ingolstadt. Wer sie einmal singen gehört hat, wird sie so schnell nicht vergessen. Bislang ist sie „nur“ in der regionalen Jazzszene in Erscheinung getreten. Im Rahmen der dortigen Reihe „Jazz regional“ ist sie an diesem Abend im Birdland zu Gast, nutzt die Gunst der Stunde, entfaltet ihr erstaunliches Potential und räumt gnadenlos ab.

Eigentlich handelt es sich bei diesem Konzertabend ja um das zehnjährige Jubiläum von „Mallets & Friends“. Das ist die Band des Neuburger Vibrafonisten Bernhard Reitberger und zugleich der Name eines Konzepts, das immer wieder neue Mitspieler und Gastmusiker vorsieht. Aktuell sind dies neben Reitberger selbst Ted Matschi am fünfsaitigen Kon-trabass, Tom Diewock am Schlagzeug, Christof Zoelch am Saxofon und eben Angelina Siegert, die ab und zu auch mal zur Gitarre greift, in der Hauptsache aber singt, weswegen das Konzert auch unter dem Motto „Lady Sings The Swing“ steht.

Wobei dieser Titel eindeutig zu kurz greift, denn das Quintett beschäftigt sich auch mit dem Rhythm’n’Blues eines Mose Allison, mit dem Great American Songbook im Allgemeinen und George Gershwin, Nat King Cole und Frank Sinatra‘s „Polka Dots & Moon Beams“ im Besonderen. Instrumentalnummern von Pat Metheny und Kenny Garrett sind zusätzliche Farbtupfer, im Zentrum des Geschehens aber steht Angelina Siegert, die jede Hürde meistert und bei jeder Nummer stimmlich einen hervorragenden Eindruck hinterlässt. Absolut intonationssicher, auch in hohen Lagen präsent und kraftvoll, ausdrucksstark und emotional präsent. – Mit diesen Voraussetzun-gen fasst sie Klassiker wie „Slow Boat To China“ und „Moanin‘“ neu, wirkt das sogar das fast schon zu Tode gecoverte „Fever“ unter ihren Fittichen erstaunlich frisch.

Bei den Balladen merkt man bekanntlich am deutlichsten, wie gut eine Sängerin wirklich ist. Zieht man „At Last“ von Etta James als Maßstab heran, wird erst so richtig deutlich, wie viel Gefühl, ja, Herzblut in der Version Angelina Siegerts steckt. Mit diesem Song punktet sie ganz besonders. Aber auch die Passagen, in denen sie mit dem Text spielt, in denen sie die dem Song zugrunde liegende Melodie abwandelt, Girlanden anlegt, farblich koloriert, sind in der Tat beeindruckend.

Bernhard Reitberger und seinen Kollegen kommt das Verdienst zu, ihrer Sängerin an diesem Abend ideale Bedingungen geboten zu haben. Ohne die Unterstützung einer versierten Band wie dieser ginge gar nichts. Bleibt zu hoffen, dass das Projekt „Mallets & Friends“ in der aktuellen Besetzung erhalten bleibt. Und wer speziell Angelina Siegert noch nicht gehört hat, sollte das bei nächster Gelegenheit unbedingt nachholen.


Django Reinhardt Night (Audi Forum Ingolstadt) | 06.12.2018
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Der Gypsy Swing, mit dem Django Reinhardt vor bald hundert Jahren die Musik-Welt bereichert hat, ist bis heute die einzige in Europa geborene Stilrichtung des Jazz, die sich weltweit durchgesetzt hat. Und die bis heute große Musiker dazu motiviert, eine ehrwürdige Tradition nicht nur als Anbetung der Asche zu verstehen, sondern als Weitergabe des Feuers. Dafür war die Django Reinhardt Night im Audi-Forum ein herzerwärmendes Beispiel.

Das Gismo Graf Trio und das Tcha Limberger Trio gehören zu den markantesten Vertretern des Gypsy Jazz. Sie überzeugen durch expressive Jazz-Klänge, mit einem leichten, elegischen Grundton und in technischer Perfektion: Gismo Graf (Sologitarre), sein Vater Joschi Graf (Rhythmus-Gitarre) und Joel Locher (Bass) vor der Pause und Tcha Limberger (Violine und Gesang), Dave Kelbie (Gitarre) sowie Sebastian Girardot (Bass) im zweiten Teil des Programms.

Mit dem nötigen Drive waren die Ryhthmus-Gitarristen unterwegs, sozusagen die Handwerker im Jazz-Maschinenraum. Hinreißend die musikantische Verve und das musikalische Gefühl der beiden Bassisten Locher und Girardot. Sie legen souverän das Fundament eines betörenden Jazz-Sounds. Aber sie entlocken ihren Instrumenten auch Klangfarben nahe an der menschlichen Stimme, weich und klar. Und faszinierend in halsbrecherischen Improvisationen, etwa im Song „An Englishman in New York“. Mit den Sologitarren liefern sich die Bässe manchmal eine Art Wettstreit, wer in ein paar Takten die meisten Noten blitzsauber unterbringen kann – und einen Augenblick später fangen sie die wilde Jagd wieder im ruhig fließenden Espressivo auf. Das hat Rasse und Klasse.

Der Clou dieses Django-Night waren zwei guest stars. Ludovic Beier, der französische Zauberer auf dem Akkordeon und der belgische Gitarren-Virtuose Moses Rosenberg. Ein Akkordeon hört man im Jazz nicht alle Tage, ein derart faszinierend ausgereiztes Instrument ganz selten. Dieser Ludovic Beier ist vom Auftreten her gewiss kein Star, aber musikalisch ist er ein funkelnder Stern, mit virtuosem Können, das wie das einfachste von der Welt daherkommt. Und Moses Rosenberg streichelt die Sologitarre geradezu bei den melodischen Passagen, lässt die Akkorde aufblühen und stürzt sich begeistert in halbsbrecherische Kühnheiten. Am schönsten in der Eigenkomposition „Mosologie“, die auch etwas Selbstironie mit durchscheinen lässt.

Ein Glanzlicht dieser musikalischen Nacht hört auf den Namen Tcha Limberger. Der blinde Geiger und Sänger ist mit seiner Violine schier verwachsen, im scharfen Zugriff bei schrägen Doppelgriffen genauso wie im samtweichen Piano, im ätherischen Sound mit Dämpfer, wenn die Töne manchmal kaum noch zu hören, aber doch präsent sind. Und in einer einzigartigen Kombination seiner Stimme mit dem Geigenton. Sehr expressiv im Forte, was gewöhnungsbedürftig ist, und hinreißend im leisesten, zarten Klang der Kopfstimme. Es war eine Django-Night zum Staunen und Genießen.


Django Reinhardt Night (Audi Forum Ingolstadt) | 06.12.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt wohl keinen Gitarristen des Gypsy Swing, der Django Reinhardt, den Stammvater eines kompletten Genres und des wichtigsten eigenständigen Beitrags Europas zum Jazz, nicht als entscheidenden Einfluss auf seine eigene Spielweise nennen würde. Und weil er, der zusammen mit Stephane Grapelli und dem Quintette Du Hot Club de France Musikgeschichte geschrieben hat, eine so entscheidende Bedeutung hat, gibt es im Audi Forum seit ein paar Jahren die „Django Reinhardt Night“.

In der aktuellen Ausgabe des Jahres 2018 sind an diesem Abend, an dem das Audi Forum erwartungsgemäß bis auf den letzten Platz besetzt ist, zwei Ensembles zu hören. Das eine ist das Gismo Graf Trio mit Gismo Graf an der Solo- und Joschi Graf an der Rhythmusgitarre, Joel Locher am Kontrabass und als Gast mit dem Akkordeonvirtuosen Ludovic Beier aus Paris, das andere wird geleitet von Tcha Limberger (Geige, Gesang) und besteht aus dem Rhythmus-gitarristen Dave Kelbie und dem Bassisten Sebastien Giradot sowie speziell beim Ingolstadt-Termin aus Mozes Rosenberg an der Sologitarre.

Über die beiden Leadgitarristen viele Worte zu verlieren, erübrigt sich fast. Beide beeindrucken durch ihre enorme Fingerfertigkeit, ihre scheinbar mal eben so aus dem Ärmel geschüttelte Rasanz. Ihre Technik ist atemberaubend, ihre Vielseitigkeit ebenso. Wenn man sie sieht und auch an all ihre Kollegen des Gypsy Swing denkt, verwundert es nicht, dass immer wieder die Gitarristen dieses Genre für sich beanspruchen.

An diesem Abend freilich haben sie immense Konkurrenz. In Person von Lu-dovic Beier beispielsweise. Der ist auf dem Akkordeon ein echtes Ass. Seine üppig verzierten Melodien, seine improvisierten Girlanden, seine opulent ausgestatteten Pirouetten erregen immer wieder höchste Aufmerksamkeit. Das tun auch die Stücke, die die Band für diesen Abend ausgewählt hat. Nicht nur Reinhardt’s „Song D’Automne“ oder sein „Place De Broucere“ sind zu hören, sondern auch Sting’s „Englishman In New York“ oder Edvard Grieg’s „Norwegischer Tanz No. 2“. Nummern wie diese im Programm machen eben den kleinen Unterschied aus.

Tcha Limberger, der sich zwischen Balkanmusik, ungarischer Tradition und Gypsy Swing bewegt, ist nicht nur ein vorzüglicher Geiger und Sänger. Seine Versionen von „Ombre Et Lumiere“ und „Viper’s Dream“ verraten Seele und Leidenschaft und werden so zu Höhepunkten des Abends. Und außerdem ist er ein äußerst geschickter, humorvoller Entertainer, was natürlich bestens ankommt. Ob Django Reinhardt’s Geist anlässlich des Konzerts zu seinen Ehren durch das Audi Forum schwebt, ist zwar nicht erwiesen, darf aber durchaus angenommen werden. Der „Hot Club de France“ also quasi zu Gast im „Musee d’Automobiles“? Ja, irgendwie schon. – Was für ein schönes, stimmiges Ereignis. Dieser jährlich wiederkehrende Termin im Ingolstädter Konzertjahr ist längst unverzichtbar geworden. Und das völlig zu Recht.


Stephan Mattner’s String Project | 01.12.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Eine Jazzband und ein Streichquartett gemeinsam auf einer Bühne? Diese Kombination ist zwar kein Novum im Jazz, aber alltäglich ist sie auch nicht. Im Birdland wird man an diesem Samstagabend Zeuge, wie Stephan Mattner (Tenor- und Sopransaxofon), der früher auch schon mal mit einem Piano-Saxofon-Duo und einem am Heavy Metal orientierten Trio für Aufsehen sorgte, den Versuch unternimmt, zwei Ensembles zu einer wirklichen Band zu vereinen.

Im ersten Set geben Gitarrist Philipp van Endert, Bassist Sebastian Räther und Schlagzeuger Jo Beyer den Ton an und die Richtung vor. Zusammen mit ihrem Chef drücken sie die zwar anwesenden, aber nur selten aktiv eingebundenen Damen an den Streichinstrumenten akustisch an die Wand. Julia Brüssel und Zuzana Leharovà (Violine), Pauline Buss (Viola) und Beate Wolf (Violoncello) werden nur zur harmonischen Unterstützung gebraucht. Zudem gehen ihre Beiträge gerade in der Anfangsphase des Konzerts wegen der akustischen Übermacht von Schlagzeug und E-Gitarre allzusehr unter.

Nach der Pause ändert sich das Bild. Jetzt werden die beiden Gruppierungen zu einer echten Gruppe, aus zwei bis dato fast unabhängig voneinander agierender Ensembles wird eine richtige Band. Die langen, teils in Form von Suiten angelegten, farbenreichen und von Ästhetik geprägten Kompositionen gewinnen durch die nun auch tatsächlich praktizierte Gleichberechtigung oder sogar Stabübergabe an die Streicherfraktion durchaus an Leben, jetzt wird das gesamte Potential des Oktetts erst richtig sichtbar. Verfolgt man nun nämlich die fließenden Linien von „The Witch Hunt“, spürt man der Emotionalität von „Purity“ nach, weiß man erst, was man das erste Set über vermisst hat. Ja, diese vier Streicherinnen bringen Leben in die Bude, nun auch in solistischer Hinsicht. Beiseitegeschoben ist der anfängliche Eindruck, man lausche hier konzeptioneller, am Reißbrett entworfener Musik, die zwar in kompositorischer Hinsicht höchsten Ansprüchen genügt, der aber doch das letzte Quäntchen Lebendigkeit abgeht.

Was nimmt man mit nach diesem Abend? Die Erkenntnis, dass die angestrebte Zusammenführung und Vereinigung von Jazzband und Streichquartett bestens klappt, sofern nicht eine Seite über die andere bestimmen will. Vor allem das zweite Set des Abends ist der Beweis dafür. Das erfahrene Birdland-Publikum, das ja nun weiß Gott schon waghalsige und nicht alltägliche Kombinationen zuhauf erlebt hat, weiß diese Erfahrung durchaus zu schätzen. Und am Ende passt dann alles. Es gibt heftigen Schlussapplaus und auch der Ruf nach Zugabe bleibt nicht vergebens.


Stephan Mattner’s String Project | 01.12.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es ist ein durchaus interessantes Bild: Vier Streicher (weiblich) vor einer vierköpfigen Jazzband (männlich). Die Herren der Schöpfung (stehend) lenken die gesamte Dramaturgie im Neuburger Birdland-Jazzclub, setzen die rhythmischen und dynamischen Schwerpunkte, steuern den Lautstärkepegel, während die Damen (sitzend) für die Farbtupfer sorgen. Es gäbe sicherlich auch einige versierte Kerle, die virtuos mit Geige, Cello oder Bratsche umgehen könnten. Aber so ist es nun mal: die Klassik der Musikbereich mit der höchsten weiblichen Quote, während im Jazz nach wie vor das Testosteron den Ton angibt.

Für eine Gender-Diskussion wäre das String Project des deutschen Saxofonisten Stephan Mattner jedoch eher ungeeignet, weil es viel zu lebendig, viel zu unkonventionell und auch viel zu gleichberechtigt angelegt ist. Was die achtköpfige Formation im wegen der Adventszeit diesmal nicht ganz vollen Keller unter der Hofapotheke da an neuen Klangfarben, ungewohnten Strukturen und geglückten Schnittmengen zwischen U- und E-Musik aus dem imaginären Hut zauberte, das verzückte die wenigen, aber begeisterten Besucher über alle Maßen. Mattner, dieser ebenso kluge wie wagemutige Saxofonist mit tiefen Wurzeln in der Klassik, liebt es, mit Klängen zu spielen, sie ineinander zu verschachteln, mit ehernen Gesetzen zu brechen. Er und der enorm präsente, alles verbindende, heftig groovende Bassist Sebastian Räther, der polyrhythmisch versierte Drummer Jo Beyer und der famose Gitarrist Philipp van Endert präsentieren keinen Jazz nach Schema F. Jedes ihrer Stücke überrascht mit verschobenen, nicht auf den ersten Blick hörbaren Soli, die sich erst allmählich als solche zu erkennen geben.

Wenn van Endert gedankenverloren in die Weite schlendert, so wirkt dies zunächst wie die beiläufige Begleitung des Schlagzeug-Intermezzos, das aber wiederrum nur auf verästelten Wegen dem Bass folgt. So kann Jazz auch funktionieren, ohne gleich mit sämtlichen Strukturen zu brechen. Stephan Mattners Einsätze sind dagegen eher spärlich. Der 44-Jährige konzentriert sich lieber darauf, die Eruptionen seiner instrumentalen Vulkane zu steuern. Die acht Musikerinnen und Musiker spielen häufig vom Blatt, können aber auch loslassen und sich in einen tiefen Strudel stürzen. Vor allem Julia Brüssel und Zuzana Leharová (beide Violine), Pauline Buss (Viola) und Beate Wolf (Cello), die dem „String Project“ letztendlich seinen Namen geben, treiben das Vexierspiel der Stile schließlich auf den Siedepunkt.

Beate Wolf zupft ihr Cello mit einer solchen Inbrunst und Leidenschaft, dass man fast schon geneigt wäre, es als Zentrum des improvisatorischen Hurrikans zu bezeichnen. Dann kratzen sich Zuzana Leharovà und Julia Brüssel derart dreckig-virtuos durch ihre Einsätze, dass man keine Trompete, keine Orgel mehr vermisst. Pauline Buss garniert das Ganze noch mit einigen teuflischen Kräutlein, während die Männer einen brodelnden Wurzelsud aus lauter faszinierend-überraschenden Tönen brauen, die mal rocken, mal schweben oder mäandern. Am Schluss zischt, brodelt, dampft und kocht es heftig. Stephan Mattners vermeintlich elitäres „String Project“ weder Klassik noch Jazz, sondern nur noch urwüchsige, lebensbejahende Kraft.


Rita Marcotulli & Luciano Biondini | 30.11.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Das Akkordeon kommt im Jazz eher selten vor. In der alpenländischen Volksmusik, beim Zydeco, bei Tango und Valse Musette, ja, da schon, aber im Jazz? Der Italiener Luciano Biondini ist an diesem Instrument ein wahrer Könner. Er studierte dessen Handhabung an der Hochschule, spielte mit Enrico Rava und Tony Scott und beherrscht es perfekt. Im Neuburger Birdland tritt er an diesem außergewöhnlichen Abend zusammen mit der Pianistin Rita Marcotulli auf. Die gehörte eine Zeit lang zur Billy Cobham Band und arbeitete mit Chet Baker, Joe Lovano und Kenny Wheeler, ist also wahrlich ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt.

Zusammen haben sie die Stücke für das Album „La Strada Invisibile“ entwickelt, das sie im Gewölbe unter der Hofapotheke vorstellen. Eines ist sofort klar: Hier haben sich zwei gesucht und gefunden. Ihr Zusammenspiel ist traumhaft, von beiden Seiten aus funktioniert das Verständnis für den jeweiligen Partner wie von selbst. Beide haben anscheinend auch die gleichen Vorlieben, fühlen sich wohl bei der Verarbeitung traditionellen italienischen Liedguts wie auch klassischer Einflüsse und treffen sich beim Jazz, um sich auszutoben. Sie tun das in musikalischer Hinsicht wie auch in emotionaler.
Wenn Rita Marcotulli mit der linken Hand die tiefen Töne geradezu in den Saal hämmert und mit der rechten darüber Pirouetten dreht, dann hat das Wucht und Grandezza zugleich. Wenn Luciano Biondini auf höchst komplexen rhythmischen Fundamenten mit seinem chromatischen Knopfakkordeon Purzelbäume schlägt, dass die Funken sprühen, dann kann man nur noch staunen.

Das ist das eine. Das andere sind die Stimmungen. Melancholische Wehmut und fröhliche Ausgelassenheit liegen oft nur ein paar Takte voneinander entfernt. Witz und Ernsthaftigkeit, kompositorische Komplexität und melodische Eingängigkeit, rasante Dynamik und epische Breite, Temperament und Zurückhaltung, Anspannung und Entspannung wechseln sich ab, ständig ändern sich die Strukturen und der Blickwinkel. Dass die Stücke Namen tragen wie „Yin & Yang“, „In Between“ und „Stagione“ hat also durchaus einen tieferen Sinn.

Man kann beim Hören der wunderbaren Stücke dieses virtuosen Duos einfach nur den Augenblick genießen, man kann sich aber auch entführen und forttragen lassen, man kann dazu Bilder entstehen lassen und Assoziationen entwickeln. „Diese Musik ist etwas für Gefühlsbetonte, vor allem aber für Menschen, die mit den Ohren sehen“, hieß es anlässlich der Veröffentlichung von „La Strada Invisibile“. Im Birdland konnte man nachprüfen, ob dies auch wirklich zutrifft. Und ja, wer sich öffnete und es zuließ, für den stimmte es tatsächlich.


Rita Marcotulli & Luciano Biondini | 30.11.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Der Ton macht die Musik! Da trafen zwei ausgesproche Klangästheten aufeinander im Birdland Jazzclub Neuburg. Rita Marcotulli am Bösendorfer und Luciano Biondini am Akkordeon fanden sich von Genregrenzen befreit in lebendigem Miteinander zu purer Schönheit und wahrhaftem Zauber.

Alles fließt, sagte Heraklit von Ephesos von gut zweienhalb Jahrtausenden. Nun kommen Marcotulli und Biondini zwar aus Italien, aber die Erkenntnis des vorsokratischen Griechen haben sie sich offenkundig zu Herzen genommen, so natürlich, organisch und scheinbar mühelos schwangen sich ihre Melodien durch das Gewölbe des Jazzkellers. Wunderbar aufeinander abgestimmt entstand überaus achtsame, sensibel ausbalancierte Musik, welche auch ein Herz aus Stein noch zum Schmelzen bringen könnte. Irgendwo im offenen Raum zwischen Romantik, Impressionismus, italienischer Tradition und Jazz schwebten die Ideen und Impulse mit prickelndem Groove hin und her zwischen Tasten und Knöpfen, Flügel und Akkordeon. Da mischten sich in lebhaft eloquenten und liedhaft sanglichen Episoden mediterrane Duftigkeit, lichtklare Luft, unbefangene Freude am Wohlklang, tänzerischer Esprit und lyrisches Schwelgen zu aparter Verzauberung. Musik wie ein Aquarell der schönsten Seiten Italiens! Und mit jenem gewissen Etwas, das wie ein vorwitziger Sonnenstrahl oder der leichte Schwung eines Schmetterlingsflügels die Herzen berührte, ein Stückchen später Sommer im grauen Herbst!


Susan Weinert Rainbow Trio | 24.11.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wann immer die Gitarristin Susan und der Kontrabassist Martin Weinert auf einer Bühne stehen, entwickelt sich recht schnell eine positive, harmonische Grundstimmung. Wenn es sich dann dabei noch um einen intimen Veranstaltungsort wie das Neuburger Birdland handelt, hat man schnell das Gefühl, unter lauter guten Freunden und Gleichgesinnten zu sitzen, um diese zwei Stunden mit emotional anrührender Musik einfach nur zu genießen, Bilder zuzulassen und im Kopf seinen ganz eigenen Film abzuspulen.

„Die Kraniche“, „Mohnblume“ oder „Kerzenschein“ heißen die Stücke des Abends. Manchmal beginnen sie nur mit einem einzigen Ton, es folgt ein Akkord, dann ein zweiter, ganz langsam schält sich ein Thema heraus, man fühlt sich umgarnt und schließlich umarmt von diesen wohltuenden Harmonien, den warmen Basslinien Martin Weinerts, die von dem Pianisten Sebastian Voltz dezent und akzentuiert unterstützt werden. Voltz ist die dritte Komponente des „Rainbow Trios“, ein exzellenter Lyriker mit sicherem Gespür für den richtigen Ton – und sei es auch mal nur eine einziger – am richtigen Platz.

Vieles ist auskomponiert, viele Abläufe sind vorab genau geplant. Die Soli sind nicht ausufernd, sondern eingepasst. Das gehört zum Konzept, nicht nur bei den Stücken, die fast schon an kammermusikalischen Jazz erinnern, sondern auch auch bei den flotteren, rhythmusorientierten wie „Chinatown“, „A Week In June“ oder „A Day Like That“ mit seinem unvergleichlichen Bassriff im Intro. Die Herkunft Susan Weinerts aus der am Rock und dessen Klangbild orientierten Fusion-Ecke ist unüberhörbar. Ja, man könnte sich diese Nummern auch recht gut mit E-Gitarre, E-Bass und Rockdrums vorstellen, aber diese Szene hat Susan Weinert schon seit längerer Zeit verlassen. Nur ganz behutsam setzt sie etwa bei „Provence“ Effektgeräte ein. Die Spuren ihrer Vorbilder Allan Holdsworth, Pat Metheny und John Abercrombie sind zwar noch im Hintergrund erahnbar, aber Susan Weinert hat natürlich längst zu einer eigenen Ausdrucksweise gefunden. Wie sie dabei Finger- und Flatpicking kombiniert, ist nicht nur hörens-, sondern auch sehenswert. Und an ihren stets fließenden Kompositionen – aber auch an denen aus den Federn von Martin Weinert und Sebastian Voltz – kann man sich ja sowieso kaum satthören.

Nach dem Auftritt kann man die CD kaufen. Nachdem „Beyond The Rainbow“ offiziell aber erst Mitte Februar erscheint, dürften die Besucher über einen längeren Zeitraum die weithin einzigen sein, die auch in den eigenen vier Wänden in den Genuss dieser ungemein schönen Musik kommen.