Presse

Christian Sands Quartet | 02.03.2024
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Als im Mai 2015 das Trio des amerikanischen Bassisten Christian McBride das Publikum im Birdland Jazzclub beeindruckte, schwärmte ein Gast beim Hinausgehen, dass schon alleine der Klavierspieler den Eintritt wert war. Der junge Mann am Piano war Christian Sands der letztes Wochenende mit seinem Bruder Ryan Sands am Schlagzeug, dem Bassisten Jonathan Muir-Cotton und dem Gitarristen Max Light erstmals als Bandleader erneut einen nachhaltigen Eindruck in Neuburg hinterließ.

Als regelmäßiger Jazzkonzertbesucher könnte man meinen, schon jede Art von Pianospiel zu kennen. Es gibt die sanften Tastentupfer, die Akkordhämmerer, die klassisch Angehauchten, die Über-die-Tasten-Perler, Stride-Pianisten oder avantgardistische Tonfinder. Und es gibt Christian Sands, der mit seinem klaren, kraftvollen und herausfordernden Spiel eine unverwechselbare Note hinterließ und selbst kundige Besucher eines Besseren belehrte. Als die Band mit „I mean you“ von Thelonious Monk einstieg wurde sofort klar, dass hier eine Piano-Koryphäe der nächsten Generation auf der Bühne sitzt. Das Stück verwandelte sich alsbald in einen dicht gewobenen Soundteppich, in den man hineingezogen und durchgewirbelt wurde ohne zu wissen wohin die Reise führt. Für dieses Gefühl war vor allem der Rest der Combo verantwortlich. Eine Gitarre die sich einfach unbemerkt einmischte, dann aber unisono mit dem Bandleader in einem Höllentempo die komplizierte Rhythmik Monks punktgenau verdoppelte. Es war tatsächlich live und nicht einprogrammiert. Wahnsinn. Max Light fiel den ganzen Abend hindurch mit mitreißenden Soli auf und selbst seine klammheimliche Untermalung blieb keinesfalls unbemerkt. Und dann waren da noch ein äußerst kreativer Schlagzeuger – dieser Ideenreichtum muss in der Familie liegen – und ein körperlich tiefenentspannter Bassist, der aber musikalisch mit allen Wassern gewaschen war.

Leider hatte der Abend auch einen kleinen Haken. Der Funke wollte anfangs nicht so recht zünden. Trotz einmaliger Performance blieben die Zwischenapplause streckenweise aus, was wohl der etwas übertriebenen Lautstärke der Rhythmusformation geschuldet war. Diese Musik verlangt sicher Power und die vier jungen Männer erzeugten einen atemberaubenden Drive. So kam anfangs Christian Sands nicht richtig zur Geltung, wegen dessen Pianospiel der Großteil des Publikums gefühlt doch da war. Als aber dann in der Eigenkomposition „Crash“ der Mann am Piano alleine zu hören war, spürte man erstmals eine Welle des Glücks durch die Menge schwappen. Es war im zweiten Set bei Dave Brubecks „Strange Meadow Lark“ als die Mauer brach und die Band die letzten Zweifler auf ihre Seite zog und spätestens bei Sands hymnenhaften „Embracing Dawn“ am Höhepunkt ankam, bevor der Abend mit einem „Ragtime“ Monkschen Charakters endete. Zwei Zugaben später war dann wirklich Schluss.


Andreas Feith Quartett | 01.03.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

„Basst scho!“, so sagt man, sei für einen echten Franken das höchstmögliche Lob überhaupt. Andreas Feith, der die meiste Zeit über in Nürn­berg lebt, weiß das. Nach dem Auftritt mit seinem Quartett im Birdland Jazz­club in Neuburg fällt das Urteil freilich um einiges euphorischer aus. „Exzellent“ oder „ausgezeichnet“ trifft es wohl eher.

Der Pianist und Komponist hat zusam­men mit seinen Kollegen, dem ebenfalls aus Nürnberg stammenden Echo-Preis­träger, Tenor- und Sopransaxofonisten Lutz Häfner, dem Kontrabassisten Mar­tin Gjakonovski und dem Schlagzeuger Solvio Morger ein Album mit dem son­derbaren Titel „Dance Of The Scarabs“ (Tanz der Mistkäfer) auf den Markt ge­bracht, das er nun im Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke vorstellt. Es geht dabei um zeitgenössischen Modern Jazz auf höchstem Niveau, interpretiert von einer Band, bei der anscheinend tat­sächlich alles passt. Bis auf Fred Lacy’s „Theme For Earnie“ besteht das Reper­toire nur aus Bandkompositionen, wobei Lutz Häfner für das knackige „Three And Four“ verantwortlich ist und Feith für den gesamten Rest.

„Funkensprühende Erzählkraft und be­herzt zupackende Spielenergie“ wurde ihm bereits anlässlich der Veröffentli­chung des Albums attestiert, und nun kann man in der Live-Situation nachvoll­ziehen, was damit gemeint ist. Obwohl jeder der Musiker, allen voran die beiden Hauptsolisten an Saxofon und Piano, sei­ne eigene Spielweise hat, dienen sie doch zusammen mit der absolut überra­genden Backline mit Gjakonovski und Morger einem großen gemeinsamen Ganzen. Feith bewegt sich innerhalb sei­nes von ihm selbst als Komponist abge­steckten Rahmens als durchaus wagemu­tiger, aber eben doch immer der melodi­schen Komponente verpflichteter Virtuo­se. Sein Partner am Saxofon rüttelt nach Art des Übervaters Coltrane immer wie­der mal ungestüm am Gerüst der Stü­cke und wird so zum reizvollen Gegen­part zu Feith’s eher erzählendem Modus.

„Fred’s Tune“, Fred Hersch gewidmet, leitet den Abend ein, es folgen das am Anfang der Pandemie entstandene „Me­lancholia“ und „Encounter“, das Feith seinem Vorbild – dem zweiten neben Bill Evans – Brad Mehldau gewidmet hat, und schließlich „Surviving Flower“, das vom ersten Album gleichen Namens stammt. Ob schnelle Nummern oder ein­fühlsame Balladen wie „Redemption“ – in solistischer Hinsicht steigern sich bei­de durchaus mitunter in rasante Tempi hinein und demonstrieren, was sie auch in technischer Hinsicht auf dem Kasten haben. Und doch hat man nie das Ge­fühl, es käme auch nur eine Minute lang Hek­tik oder vordergründige Betriebsam­keit auf. Nein, keiner bricht aus, alle zie­hen an einem Strang. Der Gesamtsound, das Gesamtfeeling, der Gesamthabitus dieser Combo, dieser „Band“ in wörtli­chem Sinne, steht im Vordergrund. Und so werden die knapp zwei Stunden zu ei­nem absolut runden Gesamtkunstwerk. Was das Ganze mit Mistkäfern zu tun hat, ist schnell erklärt. „Die Kompositio­nen war halt fertig und ich hatte noch keinen Titel für das Album,“ so Feith mit breiten Grinsen. – „Basst scho!“ Oder vielmehr: Was für ein herausragen­der Abend im Birdland.


Alfredo Rodriguez Trio | 24.02.2024
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Dieser Abend im war sehr ungewöhnlich. Das Publikum geriet manchmal außer Rand und Band, es herrschte eine Stimmung wie bei einem Rockkonzert im altehrwürdigen
Hofapothekenkeller. Etliche Songs wurde aus voller Kehle mitgesungen – und es wurde sogar rhythmisch mitgeklatscht, was für ein Jazzkonzert gewiss nicht typisch ist, sondern eher als Begleiterscheinung einer ganz anderen, leichtgewichtigen Art von Musik zu beobachten ist.

Es war also etwas los im Neuburger Birdland. Nicht nur, was die Reaktion des Publikums im bis auf den allerletzten Stehplatz gefüllten Kellergewölbe angeht. Auch musikalisch fällt das Alfredo Rodriguez Trio weit aus dem Rahmen, der normalerweise mit Mainstream oder Latin etikettiert werden kann.

Wann ist im Jazzclub schon ein Trio zu hören, dessen Songs von einem echten, nicht selbsternannten Pop-Titan wie Quincy Jones produziert werden, inklusive des
für diese Band genial arrangierten Michael-Jackson-Welthits „Thriller“? Und ziemlich selten treten auf der feinen Neuburger Bühne Gruppen auf, die mit ihrer Musik oft auch große Hallen mit Tausenden Zuhörern zum Kochen bringen können.

Wie die drei Exilkubaner das alles anstellen, ist ebenfalls mehr als ungewöhnlich. Die Spiellust der drei Jazzer/Rocker/Sänger ist schier nicht zu bändigen, sie bewältigen ihr Programm mit einem permanenten, ansteckenden, gelegentlich grell auflodernden inneren Feuer. Und Alfredo Rodriguez (Piano), Michael Olivera (Schlagzeug) und Yarel Hernandez (E-Bass) bilden ein Trio von derart starken musikalischen Kontrasten, dass einem manchmal die Luft wegbleibt.

Aus Songs wie „Ay Mama Ines“, „El manicero“, „Quizas, quizas, quizas“ und aus dem Latin-Schlager Guantanamera machen die drei musikalische und mentale Knaller. Der Teufelskerl am Bösendorfer-Flügel und der vorzügliche Schlagzeuger spielen dabei jedoch quasi in einer anderen Liga als der Dritte im Bunde, der Mann mit dem E-Bass.

Alfredo Rodriguez spannt auf dem Klavier eine unglaubliche Klangwelt auf. Manchmal meint man die wildesten Passagen einer großen Chopin-Etüde in beneidenswerter Leichtigkeit zu hören, manchmal eine tolle Kadenz aus einem romantischen Klavierkonzert: Dann wieder donnert er verwegene, herrlich schräge Akkordfolgen rauf und runter, oder er hebt in zuckersüße, aber nicht zu gefühlige melodische Regionen ab. Der Schlagzeuger Michael Olivera ist bei dieser kubanisch inspirierten, aber in alle möglichen anderen Welten ausgreifenden Musik auf dem gleichen Championsleague-Niveau dabei – feinfühlig, kraftvoll, mit blindem Verständnis für den Augenblick.

Yarel Hernandez am E-Bass sprüht von den dreien vielleicht am meisten vor Musik- und Lebenslust, er ist der Extrovertierteste. An musikalischer Sensibilität darf er aber noch zulegen. Nicht selten sind seine schrillen Tonfolgen auf dem E-Bass unangenehm übersteuert, auch mit der Lautstärke und dem exzessiven Vibrato könnte er vorsichtiger umgehen.

An einigen Stellen hätte man sich in diesem Trio statt einem E-Bass einen starken, vitalen Kontrabass gewünscht. Das Konzept der extremen Kontraste ist sicher effektvoll. Aber man darf es nicht übertreiben.


Alfredo Rodriguez Trio | 24.02.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Samba, Timba und Bachata, Guajira und Latin-Pop. Karibische Musik geht hierzulande eigentlich immer. Das Flair und der Charme Kubas und seiner Nachbarstaaten, die Rhythmen, zu denen man sich so gut bewegen kann, die mit ihnen einher gehende Lebensfreude, die damit verbundene, anscheinend nie enden wollende Party – das wirkt belebend und ansteckend. Noch dazu im deutschen Winter. Nicht umsonst ist das Birdland bis auf den letzten erlaubten Stehplatz gefüllt, nicht umsonst gibt es am Ende Standing Ovations und fast nur glückliche Gesichter bei denen, die nach zwei Stunden Karibik-Feeling dem Ausgang zuströmen.

Alfredo Rodriguez heißt der Künstler, der am Bösendorfer-Flügel das Birdland-Publikum so in Entzücken versetzt hat. Er stammt wie seine musikalischen Begleiter ursprünglich von dem Inselstaat, lebt aber mittlerweile in Miami, Florida, was notgedrungen dazu führt, dass seine Musik sich allmählich zu einer Mischform entwickelt aus Tradition und Pop, aus der rhythmischen Vielfalt seiner Heimat und dem Beat des Westens. Kurz nach seiner Emigration nahm sich der berühmte Quincy Jones seiner an, weswegen Rodriguez auch Michael Jackson’s „Thriller“ im Programm hat. Schließlich hat sein Mentor das Album gleichen Namens 1982 ja auch produziert.

Rodriguez ist ein sensationeller Pianist, ein Virtuose. Wenn er spielt, hat das etwas mit Zauberei zu tun. Seine Läufe sind dermaßen quirlig, dermaßen rasant, dass man sie mit Augen und Ohren kaum mitverfolgen kann. Und wenn’s mal ruhiger wird und in Richtung Midtempo geht, dermaßen emotional, dass man geradezu dahinschmelzen möchte. Michael Olivera am Schlagzeug ist ebenso Ästhet wie sein Chef. Jeder Schlag ist genau überlegt, sein Spiel ist wohl dosiert, der perkussive Aspekt dominiert über die sonst im Jazz üblichen Spielformen. Die Rhythmen, die Grooves, die Beats stehen bei all der scheinbaren Mühelosigkeit felsenfest und darüber hinweg plätschern und strömen diese unwiderstehlichen, sich unaufhörlich drehenden und überschlagenden Pianofiguren. Hinter Stücken wie „Coral Way“ oder „Senno De Luz“, das Rodriguez ganz bewusst allen Emigranten widmet, ist deutlich eine wunderbare Leichtigkeit spürbar, die die Sache so unwiderstehlich macht. Nur Yarel Hernandez und sein mit Wucht und klanglicher Schwere gespielter 5-saitiger E-Bass fallen aus dem Rahmen, und verhindert an manchen Stellen, dass die Musik auch hier wirklich abheben kann.

Mit ihrer Setlist versucht die Band den Spagat zwischen höchsten künstlerischen Ansprüchen, für die vor allem natürlich deren Leader steht, und dem, was man „Stimmung“ nennt. Die Grenzen liegen oft ganz dicht beieinander. Bei „Bésame Mucho“ etwa, dem Klassiker, sind natürlich alle im Saal allein schon wegen dessen Wiedererkennungswert komplett aus dem Häuschen und bleiben auch euphorisch bei dem Weltklasse-Solo, mit dem Rodriguez ihn veredelt. Freilich leistet der sich auch einige Ausrutscher hinein in den puren Kitsch, etwa, als zum Ende hin bei „Guantanamera“ – ja, selbst davor schreckt er nicht zurück – alle mitklatschen und mitsingen sollen und dies auch – längst hat das Karibik-Virus seine Wirkung entfaltet – bereitwillig tun. Sei’s drum, allein wegen dieses tollen Pianisten hat sich der Weg ins Birdland gelohnt. Und dass das Konzert als die 252. Folge der Reihe „Art Of Piano“ ausgewiesen war, geschah völlig zurecht.


Walt Weiskopf Quartet | 23.02.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Walt Weiskopf fackelt nicht lange. Alle, die ihn schon mal live erlebt haben, wissen das. Ab dem ersten Ton gibt er Vollgas. Und die Musiker seines European Quartet unterstützen ihn dabei. Das sind in diesem Fall so ziemlich die Besten, die die dänische Jazzszene aktuell zu bieten hat. Carl Winter am Piano, Andreas Lang am Kontrabass und Anders Mogensen am Schlagzeug.

In der internationalen Jazzszene agiert der Tenorsaxofonist zwar in der ersten Reihe, spielte mit Buddy Rich und Frank Sinatra und ist aktuelles Bandmitglied von Steely Dan und der Donald Fagen Band, ist aber weitaus weniger bekannt als viele seiner Kollegen. Was eigentlich völlig unverständlich ist, denn Weiskopf ist nicht nur der „Postbop-Spielweise in der Tradition eines John Coltrane und Sonny Rollins, mit Anklängen an das Jan Garbarek/Bobo Stenson Quartett der 70er Jahre“ verpflichtet, wie „The Penguin Guide To Jazz Recordings“ anmerkt, sondern auch ein hervorragender Komponist. Das Programm besteht denn auch fast ausschließlich aus Eigenkompositionen, aus Stücken wie „Spartacus“ und dem exzellenten „Introspection“ mit ihren typischen Bebop-Themen, aus dem tänzerisch-optimistischen „Heads In The Clouds“ und aus den vor Energie nur so strotzenden Openern „The Blues You Played Last Summer“ und „Blues Combination“, die sich zusammen mit der Zugabe „Night Vision“ wie eine Blues-Klammer um das ganze Konzert legen.

Weiskopf nutzt den ihm vorgegeben Rahmen für seine Improvisationen weidlich aus und seine Kollegen tun es ihm nach. Piano, Kontrabass, Schlagzeug, Saxofon – da ist gehörig Betrieb auf der Bühne, da geht es mit Verve zur Sache und es kommen immer wieder gute gezielte Schüsse aus der vermeintlichen zweiten Reihe. Da spielt eine Band mit Wucht und Feuer und in den Soli offenbaren alle immer wieder ganz erstaunliche Qualitäten. Wobei es Anders Mogen-sen, ein toller Drummer an sich mit einer mörderischen rechten Hand, aber fast ein wenig zu gut meint, auf seine Becken und Trommeln losgeht, als gäbe es kein Morgen und damit einige Nuancen einfach lautstärkemäßig zudeckt. Weiskopf weiß sich problemlos durchzusetzen, Piano und Kontrabass aber tun sich da schon schwerer. Beim letzten Konzert Weiskopfs und seiner Band an gleicher Stelle im Januar 2020 war das ganz ähnlich. Erst bei den Balladen stimmte damals die akustische Balance. Wie auch diesmal, weswegen „Blame It On My Youth“ mit Beseneinsatz denn auch zu einem Highlight des Abends wird.

Ansonsten brennt, wie im Programmheft angekündigt, über weite Strecken tatsächlich quasi die Luft, agiert die Band wie ein Kraftwerk und Weiskopf im Kontrollzentrum schiebt die Regler auf „Volle Kraft voraus!“ Und wenn Mogensen über das Ziel hinausschießt, wird das von ihm abgesegnet, ist das so gewollt, wird das akzeptiert, gehört das anscheinend einfach mit dazu. – Obwohl es zwischendurch immer wieder Szenenapplaus für besonders gut gelungene Passagen gibt, steht am Ende nur eine Zugabe. Das kommt überraschend. Aber vielleicht war die ganze Angelegenheit für den ein oder anderen im Birdland-Ge-wölbe dann doch ein Spur zu heftig.


Walt Weiskopf Quartet | 23.02.2024
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Nicht zum ersten Mal dreht es sich nach dem Konzert wieder mal um den Schlagzeuger. Ist er, wie häufig im Neuburger Hofapothekenkeller kolportiert wird, „viel zu laut“ gewesen, oder gehört das schlicht zu dieser energetischen, druckvollen Performance, die das Quartett um den amerikanischen Tenorsaxofonisten Walt Weiskopf abgeliefert hat? Die Diskussionen darüber wirken wie ein konditionierter Reflex. Natürlich hatte Anders Morgensen, so der Name des „bösen Buben“, wie schon im Januar 2020 seine Drumsticks und vor allem die sensible Akustik des Gewölbes während des zweistündigen Konzertes nie unter Kontrolle, er ignorierte selbst in den ruhigeren Stücken wie Alex Northʼ „Spartacus“ die mehr auf unverstärkte kammermusikalische Innerlichkeit ausgerichteten Rahmenbedingungen und prügelte stattdessen lieber mit einer Brachialgewalt auf die Snare ein, die ihn auch in einer Rockband locker gegen drei E-Gitarren nicht hätte untergehen lassen.

Aber vielleicht könnte es ja auch sein, dass Walt Weiskopf, der mittlerweile 64-jährige Birdland-Dauergast („Ich bin seit 1989 regelmäßig hier und liebe es, in Neuburg zu spielen!“), genau diese Art von Powerdrummer haben wollte, um seinem auf Volldampf und Adrenalin ausgerichtetem Spiel mit einem PS-starken Turbomotor erst richtig die Sporen zu geben? Nach mehreren Besetzungsänderungen im Laufe der Jahrzehnte hat sich der Tenorsaxofonist inzwischen auf eine rein dänische Begleitcrew eingelassen, die offenkundig seinem kreativen Entfaltungsspielraum bislang verschlossene Türen öffnet. Selten nämlich klang Weiskopf „straighter“, entschlossener, direkter auf den berühmten Punkt kommend, sich weniger in schrillen Synkopen-Gimmicks oder schrullig-verschachtelten Überblastricks verlierend und vor allem die Bedürfnisse des Publikums befriedigend, als diesmal bei seinem Gastspiel im Keller. Der übrigens abermals bis auf den allerletzten Platz besetzt war. Erstaunlich angesichts derselben Besetzung wie vor gut vier Jahren und der zu erwartenden „Lärmexzesse“.

Eines wird dabei schnell klar: John Coltrane, sein lebenslanges Vorbild am Tenorsaxofon, kopiert er längst nicht mehr. Das hat der mit allen Wassern des Business gewaschene Glatzkopf aus Augusta/Georgia nach vier Jahrzehnten und Engagements bei Frank Sinatra, Steely Dan, dessen Mastermind Donald Fagan und Buddy Rich auch nicht mehr nötig. Von den teilweise nervigen Endlosimprovisationen früherer Tage hat sich Walt Weiskopf hörbar weiterentwickelt; zu einem interessanten Komponisten mit feinem Gespür für Nuancen, was Titel wie „The Blues You Played Last Summer“, „Night Vision“ oder „Heads In The Clouds“ eindrucksvoll belegen. Und er schafft es, ein Solo logisch zu strukturieren, es behutsam aufzubauen und die Musiker in seiner Umgebung als willkommenen Farbtupfer zu begreifen. Der unwiderstehlich bluesig perlende Pianist Carl Winter zum Beispiel oder der eine mächtige Groovelinie durch das Birdland ziehende Bassist Andreas Lang.

Für Walt Weiskopf ist es, Lautstärke hin oder her, eine Art Nach-Hause-Kommen, vielleicht auch die Vollendung und Perfektionierung eines langen Weges, der bei Coltrane begann und nun in einer eigenen Klangsprache ein Happyend gefunden hat. Dass er dabei in „See The Pyramid“, dem irrwitzigen Höhepunkt des Abends, immer noch wie ein Ski-Abfahrtsläufer im rasenden Tempo die Skalen-Piste hinunterbrettert und einen glühenden Strom instrumentaler Lava hinter sich herzieht, erinnert natürlich wieder an das große Vorbild. Aber wer mag es dem Amerikaner und seinen drei dänischen Sidekicks auch verdenken, dass plötzlich riesige Akkord-Pranken auf dem Piano landen, die Basssaiten treibend peitschen und das gesamte Drumset wie ein donnerndes Gewitter grollt? Das alles ist einfach bewährt, gut, heiß und schlicht der Wahnsinn! Da lohnt es sich auch, einen etwas über das Ziel hinausschießenden Schlagzeuger in Kauf zu nehmen. Er gehört nun mal dazu!


Quadro Nuevo | 22.02.2024
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Musiker verkaufen Träume, von einer besseren, einer gerechteren, einer friedlicheren Welt. Jeder Tonträger, jedes Konzert ist ein gezielter Entführungsversuch aus der unfreundlichen Realität. Alle Sorgen vergessen, abschalten, Kraft und Zuversicht tanken: Gemessen an diesen Kriterien sind Quadro Nuevo derzeit die mit Abstand Besten eines Genres, das zwar oberflächlich noch dem Jazz zugeordnet werden kann, aber längst dessen Grenzen in Richtung Weltmusik, Klassik, Volkslieder und Schlager erweitert hat.

Wenn Mulo Francel, Andreas Hinterseher, D. D. Lowka und Chris Gall nun zum ersten Mal ins Ingolstädter Audi-Form bitten, dann verspricht dies mehr als nur ein „normales“ Konzert zu werden. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis, ein Muss für alle Ü 40-Fans, die nach leichter, aber durchaus anspruchsvoller Unterhaltung Ausschau halten. Immer wieder musste Birdland-Chef Manfred Rehm, der das Gastspiel der vier Münchner organisiert hat, in den vergangenen Tagen achselzuckend die schier endlose Nachfrage nach Karten quittieren, denn der Abend mit den „Quadros“ am Geburtsort des Audi Quattro war schon lange zuvor restlos ausverkauft.

Woher kommt die schier unfassbare Popularität der Combo, die mittlerweile zu den fleißigsten und längst auch erfolgreichsten im gesamten Bundesgebiet zählt? Quadro Nuevo überlassen nichts mehr dem Zufall, sind längst eine Marke geworden, ein knallbunter Mix aus Gute-Laune-Harmonien, tanzbaren Rhythmen und Urlaubsgefühlen in Noten, in jeder Phase den richtigen Ton treffend, durchaus mit dem gebotenen Tiefgang, aber niemals übermannt von quälendem intellektuellen Bildungsballast. Und ja, auch das muss gesagt werden: Mittlerweile wirken sie wie ein sympathisches, supernettes Wirtschaftsunternehmen, das sich geschickt zu verkaufen weiß, orangefarbene Vinylscheiben, zig CDs, elegante Liköre oder maskulinen Gin und sogar ein Kinderprogramm im Audi Forum in der Pause und am Schluss feilbietet. Seit Januar sind sie vier überdies sogar Besitzer ihrer eigenen Plattenfirma GLM, eines etablierten Labels, das sie einst als junge, unbekannte Künstler entdeckte.

Wer Haare in der Suppe finden möchte, dem böte sich in Ingolstadt wahrlich eine reiche Auswahl. Aber vielleicht liegt das Geheimnis des geschmeidigen Tenorsaxofonisten und Bass-Klarinettisten Francel, des melodische Schleifen bindenden Akkordeonisten Hinterseher, des mit allen Rhythmen vertrauten Bassisten Lowka und des fein perlenden Pianisten Gall in ihrer tiefen Liebe zur Musik. Oberflächlich mögen sie ihre Zuhörer pausenlos in den Urlaub locken, auf den Spuren uralter Mythen durch die Äolen, hüftkreisend zu pulsierendem Samba, quirligem Chorinho und feurigem Bossa Nova. Sie lassen sie teilhaben an einer Segeltörn auf den Spuren von Odysseus („And Pull“), überraschen dabei mit spannenden Bläserintermezzi, bei denen Andreas Hinterseher zur gedämpfen Trompete greift. Sie kredenzen eine Hymne auf das Warten für dessen Gattin „Penelope“, vergnügen sich lustvoll an Mozarts „Bona Nox, bist a rechta Ox“ und verkaufen summa summarum virtuos Illusionen, die in unfreundlichen Zeiten wie diesen mehr denn je reißenden Absatz finden.

Aber je länger das Konzert dauert, je mehr man sich von hochtrabenden Erwartungshaltungen verabschiedet, umso mehr gewinnt die enorme Professionalität und Leidenschaft von Quadro Nuevo die Oberhand. Auch in Ingolstadt reißen sie nicht bloß irgendeinen Job herunter. Hier stehen tatsächlich vier Erzmusikanten auf der Bühne, die ihren Beruf und die Musik, die sich aus vielen persönlichen Erfahrungen und Reisen, aber auch einem guten Instinkt für die Bedürfnisse der Menschen nährt, lieben. Jeder im Audi Forum spürt das und kennt in diesem Moment auch den wahren Grund für ihren außergewöhnlichen Erfolg.


Quadro Nuevo | 22.02.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Griechenland? Brasili­en? Ägypten? – Wer im Sommer verrei­sen will, sollte allmählich mit den Reise­vorbereitungen beginnen. Damit dieses trotz aller Vorfreude ab und zu doch recht mühsame Unterfangen leichter fällt, kann man sich ja zur Überbrückung der Wartezeit Quadro Nuevo anhören. Die Band spielt zwar immer wieder mal in der Region, im Audi Forum, das aus diesem Anlass restlos ausverkauft ist, gastiert sie allerdings zum ersten Mal.

Die Herren Mulo Francel (Tenorsaxo­fon, B- und Bassklarinette, Mandoline), Andreas Hinterseher (Akkordeon, Ban­doneon, Vibrandoneon, Trompete), Didi Lowka (Kontrabass, Perkussion) und Chris Gall (Piano) sind Spezialisten, wenn’s um den musikalischen Aspekt des Reisens geht. Überall auf dem Globus sind sie unterwegs, von überall her brin­gen sie Einflüsse und Musikformen mit. Wenn es Musiker gibt, die Regio­nen ver­binden, die ansonsten mitunter recht we­nig miteinander zu tun haben, dann ge­hört dieses Quartett sicherlich mit zu die­ser Gruppe. Ob das, was man von argen­tinischem Tango über brasilianischen Samba bis hin zu „Kalichi Steps“, das sie zu­sammen mit den Cairo Steps einge­spielt haben, oder zu „Torna a surriento“ vom „Mare“-Album hört, nun Jazz ist oder World Music oder Ethno Music oder ein­fach nur eine weitere Form von Crosso­ver, ist im Grunde egal. Was zählt, ist der Wohlfühlmodus, der sich augen­blicklich beim Hörer einstellt, wenn die Band loslegt, mal rhythmisch verzwickt, mal schwelge­risch schwebend, mal durchaus rasant, dann wieder sich dem Charme der Lang­samkeit hingebend.

Die Musiker, die nicht nur spielen, son­dern auch Anekdoten von ihren Reisen erzählen oder ausführlich die Angebote ihres Merchandising-Standes anpreisen – schließlich müssen die Trips um die Welt ja auch finanziert werden – sind allesamt auch selbst kompositorisch tätig. Die griechische Mythologie hat es ihnen an diesem Abend besonders angetan. „Ika­rus‘ Dream“, in dem es ausdrücklich we­der um dessen Start noch um dessen Bruchlandung geht sondern um das Schweben dazwischen, und „And, Pull!“ mit einem Segeltörn durch die äolischen Inseln im Hintergrund, kommen beim Publikum, das vermutlich längst das Fernweh gepackt hat, besonders gut an.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz. „Bona Nox, bist a rechter Ochs“ geht auf Mozart zurück, und „7 To 1“, eine Latin-Komposition von Paulo Morello, höre man in Rio gar nicht gerne, wie Chris Gall erzählt. Kein Wunder, erinnert es doch an den legendären Sieg der 2014 noch ernst zu nehmenden Bundeskicker gegen Brasilien.

Natürlich hat nicht jeder die Gelegen­heit, überall dorthin zu reisen, wo die Band schon war. Aber von fernen Gesta­den zu träumen, das ist ja immer mög­lich. Quadro Nuevo liefern den Sound­track dazu. Die umtriebigen Musiker, die jeder für sich und noch viel mehr als Gruppe ganz in der Rolle der Brücken­bauer aufgehen, nutzen die weltweit gül­tige Sprache, in der so ziemlich alles ausgedrückt werden kann, was Sprach­barrieren verhindern. Das ist nicht neu. Als das Musikkollektiv Embryo in den 1970-ern im klapprigen Bandbus nach Afghanistan und Indien aufbrach, war das mitgebrachte Ergebnis noch sensatio­nell. Das ist es heute, nach etli­chen Weltmusik-Wellen, zwar nicht mehr in dem Maße, hochinteressant ist die musikalisch-emotionale Verbin­dung von Nah und Fern jedoch immer geblie­ben. Nicht zuletzt dank Quadro Nuevo.


Kirk Lightsey Quartet feat. Alex Hitchcock | 17.02.2024
Donaukurier | Karl Leitner
 

Kirk Lightsey ist eine musikalische Legende in zweifacher Hinsicht. Zwei Tage vor seinem Konzert im Birdland in Neuburg, dem einzigen in Deutschland im Rahmen seiner Tournee, ist er 87 geworden. Zum einen war er als Jazzmusiker aus Detroit, Mi­chigan, Part­ner von Dexter Gordon, Chet Baker und und Betty Carter, zum ande­ren Pianist in der Hausband des dort an­sässigen Mo­town-Labels, weswegen er auf unzähli­gen Hits von Marvin Gaye bis zu den Temp­tations zu hören ist.

Lightsey, den man durchaus in einem Atemug mit Tommy Flanagan und Earl Hin­es nennen darf, verbinde, wie er sel­ber sagt, das Bewusstsein eines Bud Po­well, das Styling eines Art Tatum und das Fee­ling des Bebop. Auf dieser Basis kompo­niert er eigenes Material wie „Brother Rudolph“ oder „Heaven Dance“ oder be­arbeitet Stücke von Kol­legen wie Tony Williams („Pee Wee“), Dave Brubeck (In Your Own Sweet Way“) oder McCoy Ty­ner („Blues On The Corner“). Aus diesen vielfältigen Aktivitäten bietet er im Bird­land, sicht­lich gut gelaunt, einen höchst abwechs­lungsreichen und spritzigen Querschnitt. Zusammen mit Steve Watts am Kontra­bass, Sangoma Everett am Schlagzeug und als Gast dem Londoner Tenorsaxo­fonisten Alex Hitchcock kommt er direkt aus Lausanne mal eben schnell nach Neuburg, bevor es tags dar­auf weitergeht nach Paris. Über zwei Stunden hält er die Fäden in der Hand, dirigiert seine Mann­schaft, hält vor allem mit Everett engen Blickkontakt. In der Tat, der Mann ist nach wie vor topfit, sein Anschlag ist im­mer noch kräftig und prägnant. Lightsey ist kein Vielspieler, der bei jeder Gele­genheit zu rasanten Soli ansetzen müsste, obwohl seine blen­dende Technik durch­aus immer wieder aufblitzt, nein, er ist vor allem der Im­pulsgeber, der Bandlea­der, der seinen Kollegen auf elegante, souveräne, aber niemals vordergrün­dig-spektakuläre Weise die Richtung vorgibt. Seine Ver­zierungen sind immer originell, seine Akzente bewusst gesetzt. Hier spielt kein Pianist, der sich selbst noch irgendetwas beweisen muss, sondern ein Musiker, dessen Stilistik längst einzig ist inner­halb der Branche. Nicht er orientiert sich an irgendwelchen Kollegen, sondern sie sich an ihm.

Wenn es bei seinen Eigenkompositio­nen in Richtung Soul-Jazz geht, fühlt er sich ebenso wohl wie bei den Adaptio­nen. Seine Version von Ellington’s „Take The A-Train“ ist ebenso bemerkenswert wie „Goodbye Mr. Evens“, das Phil Woods 1981 zum Andenken an den gro­ßen Pianisten Bill Evans geschrieben hat. Während Steve Watts seinem Bandleader auf Schritt und Tritt folgt, ist Everett der Mann der ständigen Rhythmuswechsel, was vor allem bei John Coltrane’s „Spring Is Here“ deutlich wird und der Band gleich mit dem ersten Stück höchs­te Konzentration abverlangt. Hitchcock hat sich nach nur wenigen Auftritten mit Lightsey’s Stammtrio bereits bestens ak­klimatisiert, steuert immer wieder straighte Soli mit langen Linien bei und wird nicht umsonst als eines der großen Talente im britischen Jazz gehandelt.

Am Ende ist die Begeisterung im Publi­kum groß. Diese 120 Minuten waren eine echte Demonstration und eine Be­stätigung der These, dass Jazz jung hält. Und weil Lightsey im Verlauf seiner Tournee „Happy birthday to you!“ und „Joyeux anniversaire!“ bereits zur Genü­ge gehört hat, singt das Publikum ge­schlossen eben auf deutsch „Zum Ge­burtstag viel Glück!“, was den Jubilar sichtlich sehr freut.


Kirk Lightsey Quartet feat. Alex Hitchcock | 17.02.2024
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Alter ist nur eine Zahl, die angibt, wie viele Atemzüge man gebraucht hat, um dorthin zu gelangen. Eine Binsenweisheit? Keiner, der am Samstag miterlebt hat, wie sich ein gerade mal 87 Jahre jung gewordener Pianist im abermals proppenvollen Birdland-Jazzclub zweieinhalb Stunden lang bewegt, wie er lustvoll in jedes Thema eintaucht, die Musik und auch sich selbst feiert und sichtbar jedes einzelne Glückshormon aufsaugt, wird dies ernsthaft behaupten wollen! Erst zwei Tage vor Neuburg durfte sich Kirk Lightsey zu seinem durchaus stattlichen Wiegenfest gratulieren lassen. Im Hofapothekenkeller geht die Sause weiter. Schlagzeuger (und Conférencier) Sangoma Everett erzählt, dass sie während ihrer Tournee bei jedem Konzert das Publikum um ein Geburtstagsständchen in der jeweiligen Landessprache gebeten hätten. Also diesmal die deutsche Version: „Zum Geburtstag viel Glück!“ Und die amerikanische Piano-Legende grinst wie ein Honigkuchenpferd und liefert am Klavier gleich die passenden Akkorde dazu.

Dass Lightsey, der Mann, der in seinem bewegten Leben bereits an der Seite von Jazz-Säulenheiligen wie Cannonball Adderley, Melba Liston, Yusef Lateef, Dexter Gordon, Chet Baker, Betty Carter, Pharoah Sanders, Sonny Stitt oder Kenny Burrell in die Tasten griff, nicht mehr ganz so gut zu Fuß ist und von den Kollegen auf dem Weg zur Bühne gestützt werden muss – geschenkt! Wenn Kirk am Bösendorfer sitzt, dann wirkt er absolut alterslos, öffnet seinen reichen Klangfarbenkasten und erweist sich in einem Quartett, bei dem jeder Mitmusiker locker sein Sohn oder gar Enkel sein könnten, als der mit Abstand Quirligste, Flotteste, Agilste. Deshalb gerät der Abend zu einem einzigen Bekenntnis für die Einzigartigkeit des Jazz und die Schönheit des Lebens mit einem Hauptdarsteller, der es als einer der letzten seiner Zunft meisterlich versteht, einen Flügel wirklich zum Klingen zu bringen.

Das Song-Material? Eher zweitrangig. Es kommt nicht darauf an, was man spielt, sondern wie es rüberkommt: Ein glänzendes „Joy Spring“ von Clifford Brown, das melancholische „In Your Own Sweet Way“ von Dave Brubeck, das ungewohnt gedrosselt-bluesige „Pee Wee“ von Tony Williams und ein etwas langweiliges „Take The A-Train“, das wie eine alte Dampflok dahinzuckelt, ab und zu ein paar Rauchwolken ausstößt und das Herz der Nostalgiker schneller schlagen lässt, als es der eigene Rhythmus hergibt. Von der Begleitcrew sticht vor allem Alex Hitchcock am Tenorsaxofon heraus, ein Rohdiamant aus Großbritannien, der mit seinen 33 Jahren am Anfang einer großen Karriere stehen dürfte. Eigentlich hat er alles drauf; seinen Lester Young, seinen Dexter Gordon, seinen Wayne Shorter. Was bis dato fehlt, ist ein eigener, unverwechselbarer Stil – wie der seines Chefs. Einen wie Steve Watts am Kontrabass würden alle Bebop- und Hardbop-Combos wegen seiner eleganten Walking-Linien mit Kusshand nehmen, während Drummer Sangoma Everett hin und wieder das Händchen für eine stimmige Dosierung zwischen laut und leise, zwischen hart und zart vermissen lässt.

Details wie diese spielen an einem Abend wie diesem freilich eher eine untergeordnete Rolle. Es ist vor allem der Showcase für Kirk Lightsey, der auch eigene Stücke wie „Bebop“ (nomen est omen) oder „Heaven Dance“, eine Nummer zwischen verschobenen Metren, Shuffle, Blues, Tonartwechseln und beseelt tanzbaren Rhythmen, beinhaltet. Die wahre Meisterschaft des Evergreens an den Elfenbeintasten offenbart sich jedoch in der wunderbaren Ballade „Goodbye Mr. Evans“, einer Ehrerbietung an den Piano-Kollegen Bill Evans, und dem kraftvollen „Blues On The Corner“ von McCoy Tyner. Zwei Songs, die einen durch die gesamte Emotionsskala geleiten, die der Jazz zu bieten hat.

Am Schluss gibt es begeisterte Ovationen und eine Zugabe, die sich aus der puren Freude am Momentum heraus entwickelt. Und Kirk Lightsey hat seine Heimat wieder um einen tollen Jazzkeller, ein grandioses Publikum und einen edlen Flügel erweitert. Ja, im Neuburger Birdland ist er richtig glücklich!