Aktuelle Presseberichte

Lynne Arriale Trio | 25.05.2019
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Geschmack, Understatement und feinsinnige Musikalität: Das 210. Konzert der Reihe Art of Piano im Neuburger Birdland Jazzclub bot modernen Trio-Jazz der Extraklasse. Lynne Arriale, ihres Zeichens Professorin für Jazz Piano an der University of North Florida in Jacksonville, steht für Spielkultur, Finesse und Energie. Da steht nichts still, immer ist Bewegung angesagt, Intensität und Intelligenz. Mit glasklarem Anschlag sprudeln die Töne aus vollen Händen in den Raum, unablässig, schöpferisch, je konkret verortet im Reich zwischen klassischen Impulsen – „Appassionata“ , Pop-Perlen und klassischen Jazzstandards. Da erinnert Joni Mitchells Woodstock an den Urknall von Love and Peace, schwelgt George Harrisons „Here Comes the Sun“, gibt Blondies „Call Me“ dem Hardbop einen Stups, springt Thelonious Monks „Bemsha Swing“ fröhlich durch die Reihen. Auch Emotionen kommen nicht zu kurz, Paul McCartneys „Let It Be“ dürfte selten so karg und zugleich berührend erklungen sein, und Arriales eigene 9/11 inspirierte Ballade „Arise“ geht zu Herzen.

Jasper Somsen am Bass steht ihr als verlässlicher und profunder Begleiter zur Seite. Empathisch, vorausschauend und sorgsam bringt er das Geschehen ebenso mit voran wie der überaus agile Schlagzeuger E.J. Strickland. In dessen Spiel zeigt sich indes ab und an, dass Präsenz, Druck, Saft und Kraft nicht zwingend mit Lautstärke verbunden sein müssen, sondern auch der Kunst der Dosierung bedürfen.

Hellwach ist das Trio, nicht nur musikalisch. In einer ihrer – zuweilen recht ausufernden – Ansagen macht Lynne Arriale dem Trump-Frust so vieler US-Amerikaner Luft und setzt ihre Hoffnung auf eine Zeit, in denen nicht mehr täglich Lügen durch den Äther getwittert werden.

So setzt sie in „Slightly Off-Center“ wie in „Give Us These Days“, in dezentem Trotz und bei allem Respekt vor der Unberechenbarkeit des Lebens ein deutliches Zeichen für die Kraft der Wahrhaftigkeit.


Lynne Arriale Trio | 25.05.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Dies ist das letzte Konzert im Birdland Jazzclub vor der Sommerpause. Bis Mitte September wird nun die Tür, durch die man hinunter gelangt in den Club in Neuburgs oberer Altstadt, geschlossen bleiben. Da trifft es sich überaus gut, dass am letzten Abend mit der Pianistin Lynne Arriale eine Künstlerin zu Gast ist, deren Musik über einen lang anhaltenden Nachhall verfügt.

Bereits mit den ersten Takten meint man, man kenne sie schon ewig. Selten gastiert jemand im Birdland, der so schnell Kontakt und emotionale Verbundenheit zum Publikum herstellen kann wie diese Pianistin. In den Titeln aus ihrem neuen Album „Give us These Days“, in dem es darum geht, trotz oder gerade wegen der Unberechenbarkeit und der Unbeständigkeit des Lebens jeden Moment bewusst zu genießen, findet man sich wieder. Wenn Lynne Arriale sich im Spiel emotional öffnet, ist man ganz nah bei ihr, wird auf eine ganz ungewöhnliche Art zum Komplizen, vielleicht sogar zum Seelenverwandten. Natürlich muss man sich auf diese Musik, die nicht nur wunderbar fließt, sondern auch spürbar eine spirituelle Kraft in sich trägt, erst einmal einlassen. Gelingt einem das, tut sich bei manchem Stück eine ganz neue Welt auf.

Lynne Arriale, Jasper Somsen am Kontrabass und E.J. Strickland am Schlagzeug erzählen Geschichten, und zwar auf eine unaufgeregte, unaufdringliche, poetische Art. Sie können auch mal kraftvoll zupacken, besonders meisterlich aber sind sie immer dann, wenn sie mit Liebe fürs Detail die sparsame Variante bevorzugen. Weder Arriale noch Somsen sind Musiker, die in Höllentempo über Tasten oder über Bünde jagen würden. Nein, es geht vielmehr um den subtilen Zugriff und um Passagen, in denen jede Note perfekt an ihren Platz passt. Ästhetik, Geschmack und ein untrügliches Gespür für das optimale Arrangement sind die Eckpfeiler dieser reifen, eleganten, wunderschönen Musik. Unter diesen Voraussetzungen werden letztendlich sogar einst für die Popwelt konzipierte Songs wie Joni Mitchell’s „Woodstock“, George Harrison‘s „Here Comes The Sun“, Paul McCartney’s „Let It Be“ und Debbie Harry’s „Call Me“ noch einmal erwachsen. So hinreißend arrangiert und gehaltvoll wie in Miss Arriale’s Version hat man sie wahrlich selten gehört.

Ganz am Ende des Abends steht dann noch „Arise“, eine an Intensität nicht mehr zu übertreffende Ballade, ungemein ergreifend und fürwahr zum Niederknien, gespielt von einer Künstlerin, vor der man spätestens jetzt nur noch den Hut ziehen kann. Danach kann und darf nichts mehr kommen, nur noch euphorischer Applaus. Und ab dann beginnt der Nachhall.


Rita Payés – Lucia Fumero Quartet | 24.05.2019
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Sehr apart, was zwei junge Frauen aus Barcelona da im Neuburger Jazzclub boten: Rita Payés und Lucia Fumero zeigten als überaus bemerkenswerte Botschafterinnen der Jazzszene Katalaniens, aus welch lebendigen Quellen hier die improvisierte Musik zusammenfließt: Jazz, Samba, Bossa Nova, Bolero und die musikalische Tradition der iberischen Halbinsel vermengten sich zu einer unterhaltsamen, abwechslungsreichen und farbigen Mixtur, die auch für das weniger Hardcore-Jazz geneigte Ohr gut zugänglich war.

Mit entspannten Charme fand sich ein Quartett von eigener Qualität zu warmen, sonnendurchfluteten Weisen von wohliger Klangschönheit. Zwei junge, naturschöne Stimmen, Piano und Posaune, begleitet von E-Bass und Schlagzeug, entfalteten dezente Grazie und zarten Reiz.

Alle Achtung, dass sich zwei junge Frauen in der – immer noch – Männerwelt des Jazz auf den Weg machen um ohne Netz und doppelten Boden ihr eigenes Klangideal zu erarbeiten, frisch und entwaffnend unbefangen. In Punkto schöpferischer Freiheit freilich blieb noch Luft nach oben. So erfreulich jugendlich das alles wirkte, so einstudiert konzertant und brav gepflegt blieb es. Juveniles Ungestüm und freche Kreativität blieben ausbaufähig.

Dennoch: Friday for Future im Birdland, nicht zum Thema Klima, wohl zum Thema Klang: Harmonie, Balance und Behutsamkeit, wie sie nötig sind in unseren Tagen. Rita Payés und Lucía Fumero sangen, streckenweise zweistimmig, in unverstellter Unmittelbarkeit; Rita Payés spielte zudem eine sehr geläufige, sonore Posaune, fein, vibratolos und weich. Lusía Fumero erfreute am Bösendorfer Flügel mit kultiviertem, klarem Anschlag, technischer Makellosigkeit und rhythmischer Soubveränität in der linken sowie eloquenter Beweglichkeit in der rechten Hand. Martin Laportilla am E-Bas grundierte das Geschehen mit angenehmer Wärme und harmonischer verlässlichkeit, Juan Rodriguez Berbin gab am Schlagzeug Pep und Würze hinzu, ohne dabei je die Grenzen der Hörgewohnheiten zu strapazieren.

Der Abend trug den unbefangenen Atem der Jugend in sich und sandte, gegen Ende auch mit zunehmend freigeschwommener Spielfreude, ein optimistisch stimmendes Zukunftssignal aus einer aktuell ja reichlich unruhigen Region im Süden Europas.


Rita Payés – Lucia Fumero Quartet | 24.05.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Den wenigsten im fast ausverkauften Birdland-Jazzclub dürften wohl vor diesem Konzert die Namen der Posaunistin Rita Payés und der Pianistin Lucia Fumero geläufig gewesen sein. Die beiden sind gerade mal Mitte zwanzig, kommen – wie ihre Begleiter Juan Rodriguez Berbin am Schlagzeug und Martin Laportilla am E-Bass auch – aus Barcelona und spielen und singen eine hierzulande überaus selten zu hörende Mischung aus Jazz, lateinamerikanischer und karibischer Musik, aus traditionellen iberischen Canciones und chansonartigen Stücken.

Ein wenig Samba, Rumba, Merengue, Bossa Nova, ein bisschen Jazz-Pop – ja, all das kommt vor, aber dennoch haben die Eigenkompositionen und Adaptionen recht wenig zu tun mit dem Latin-Jazz eines Chick Corea oder Milton Nascimento und schon gar nichts mit dem Happy Go Lucky-Klischee musikalisch-karnevalistischer Exportartikel aus Lateinamerika. Diese kleine Band zeigt ihrem Publikum vielmehr die fragile, poetische Seite iberischer Musik auf und präsentiert sie in einem höchst originellen Crossover-Gewand. Dazu passt der lyrische, warme, feinsinnige Ton der Posaune ebenso wie die verspielte Leichtigkeit, die Rita Fumero am Flügel anschlägt.

Es dauert eine gewisse Zeit, bis die beiden Musikerinnen sich frei spielen. Vor allem im ersten Set geben sie sich ziemlich zurückhaltend. Doch auch hier bereits gibt es Stücke, bei denen man unwillkürlich die Ohren spitzt, wenn etwa sich die Gesangsspuren der beiden Sängerinnen kreuzen, in die Quere kommen und vernetzen oder wenn Rita Payés‘ Posaune sich an die Stimme Lucia Fumero’s anschmiegt. Die Arrangements passen sehr gut zu den Voraussetzungen der kleinen Band und es finden sich auch ein paar exotische Farbtupfer – etwa eine traditionelle Nummer aus Venezuela oder eine Art Fado-Walzer – im Programm. Im weiteren Verlauf des Konzerts entspannen sich die Musiker, denen der herzliche Applaus sichtlich gut tut, und je weiter der Abend voranschreitet, desto weniger vermisst man die zu Beginn doch vorhandene eingeschränkte Dynamik und Lebendigkeit.

Mit Sicherheit werden die beiden katalanischen Musikerinnen mit zunehmender Bühnenerfahrung den einen oder anderen Trick im Umgang mit dem Publikum optimieren, überaus charmant wirken sie schon jetzt. Ja, man muss sie einfach mögen, wie sie mit entwaffnender Ehrlichkeit auf fast schon unbekümmerte Art ihre ganz spezielle Musik dem Publikum nahebringen. Freilich möchte man ihnen zurufen: „Man diskutiert nicht vor aller Augen über die passende Zugabe. Man verabredet das vor dem Konzert!“ – Aber was soll’s, entscheidend gestört hat auch das nicht und eine musikalische Entdeckung, die sich in der Tat gelohnt hat, waren die beiden am Ende trotzdem.


Ed Kröger Quintett | 18.05.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt Konzerte, die sind Selbstläufer. Das des Ed-Kröger-Quintetts in Neuburg ist ein solches nicht, denn es haben für Birdland-Verhältnisse relativ wenige Zuhörer den Weg in den Jazzclub in der oberen Altstadt gefunden, und die Band muss wirklich kämpfen um die Gunst des Publikums. Aber auch Abende wie dieser gehören zum Alltag eines Jazzmusikers und der Bandleader, der mittlerweile 75-jährige Posaunist Ed Kröger aus Flensburg, dürfte im Laufe seiner Karriere wohl schon mehrere dieser Art erlebt haben.

Am Ende freilich sind die Musiker auf und die Besucher vor der Bühne eine eingeschworene Gemeinschaft, denn Kröger und seine Mannschaft haben recht bald dafür gesorgt, dass die Schwingungen stimmen und von Distanz keine Rede mehr sein kann. Dabei bedient er sich nicht spektakulärer, sondern rein musikalischer Mittel. Der Mainstream-Jazz, den er zusammen mit dem Berliner Altsaxofonisten Ignaz Dinné, dem Pianisten Vincent Bourgeyx aus Paris, dem Kontrabassisten Matthew Adomeit aus Hartford/Connecticut und dem Schlagzeuger Rick Hollander aus Detroit/Michigan spielt, tut ganz einfach der Seele gut, auch wenn sich nach herkömmlicher Art Solo an Solo reiht und die Stücke nach dem üblichen Muster ablaufen, Extravaganzen also nicht vorgesehen sind. Manchmal kann das Altbekannte in der Tat dennoch ein Fall für Genießer werden.

Überraschenderweise spielt das Quintett nur einen ganz kleinen Auszug aus den letzten beiden Alben und widmet sich lieber der Adaption von Kompositionen aus der Feder von Kollegen. Dabei freilich erweist es sich als absolut originell, indem es als Quelle vornehmlich nicht das Real Book heranzieht, also die „Hitliste“ des Jazz, sondern Stücke von Leuten wie Ornette Coleman, Cedar Walton, Kenny Wheeler oder Victor Lewis, Titel also, die man ansonsten eher selten hört.

Solide und absolut zuverlässig schnurrt die Band dahin wie ein gut geöltes Räderwerk. Man merkt, wie gut eingespielt die Combo ist, dass jeder Einzelne weiß, wie der Rest tickt. Was aber auch kein Wunder ist, nachdem das Konzert im Birdland das letzte der aktuellen Tour ist.
Nachdem die 100 Minuten mit einem Blues begonnen haben, enden sie auch mit einem. Hier geht es bekanntermaßen nicht nur um Technik, Improvisationskunst und Phrasierung, hier geht es vor allem auch um Herzblut. Und weil Kröger und seine Band gerade davon eine ganze Menge besitzen, werden auch die beiden Balladen – „We’ll Be Together Again“ vor und „You’ve Changed“ nach der Pause – zu den Glanzlichtern eines in positivem Sinne unaufgeregten und vielleicht gerade aus diesem Grund besonders intensiven Konzerts.


Marian Petrescu & Wawau Adler
„From Django To Oscar“ | 17.05.2019

Neuburger Rundschau | Elke Böcker
 

Eintauchen, abtauchen, auftauchen, durchstarten, wegfliegen – mit Marian Petrescu und Wawau Adler wäre das am Freitag Abend im Neuburger Birdland durchaus möglich gewesen – ganz ohne technische Fluggeräte. Unter dem vielversprechenden Titel „From Django to Oscar“ setzten die beiden Vollblutmusiker eine bemerkenswerte Markierung in der Interpretation einiger berühmter Vorgänger.

Unterstützt von einem empathischen Guido May am Schlagzeug und dem unverzichtbaren, phantasievollen Joel Locher am Bass – Adler spielt schon rund zwei Jahrzehnte mit ihm zusammen – brachten der Pianist Petrescu und der Gitarrist Adler den Club beinah zum Kochen. Sie ließen die Töne durch den Raum fliegen und katapultierten sich und ihre begeisterten Gäste von einer Idee in die nächste. Dabei adaptierten, interpretierten und zitierten sie Titel von Django Reinhardt, Herbie Hancock, Benny Golson oder Oscar Petersen. Marian Petrescu kokettierte und verzauberte gekonnt mit seiner klassischen Ausbildung und wurde dabei dem Andenken an den kanadischen Klaviergiganten Oscar Petersen vollauf gerecht.

Wawau Adler bereicherte den Gig auf den Spuren Django Reinhardts durch gleichermaßen tiefsinnigen wie vitalen Gipsy-Sound. Die beiden Ausnahmemusiker tauschten unmnittelbar nachvollziehbar ihre musikalischen Geschichten und Ideen aus, ließen dabei sich und auch Guido May und Joel Locher genügend Raum für ganz persönliche Interpretationen und solistische Ausflüge. So entstand eine dichte Atmosphäre voller pulsierender Intensität – irgendwo zwischen federleicht und experimentell. Bekannte Jazz-Standards wie der filigrane Django-Klassiker „Nuages“, Art Blakeys Hardbop-Zünder “Moanin“, der durch Sarah Vaughn bekannt gewordene Jazz-Standard “Tenderly“ oder Edvard Griegs schon von Django Reinhardt atemberaubend adaptierter „Dance Norvegian“ erhielten in der Neu-Interpretation der starken Formation eine ganz neue, moderne, zugleich stets traditionsverbundene Aussagekraft. Die vier Musiker, die gerade erst eine zweiwöchige Tour begonnen haben und sich dabei schon nach einer langjährigen Zusammenarbeit anhörten, hatten dabei mindestens soviel Spaß wie ihre restlos begeisterten Gäste.


Marian Petrescu & Wawau Adler
„From Django To Oscar“ | 17.05.2019

Donaukurier | Karl Leitner
 

Normalerweise bringt man den Namen Josef „Wawau“ Adler mit Gypsy Swing in Verbindung. Normalerweise wohlgemerkt. Nicht so aber bei dessen Konzert im Neuburger Birdland, denn vom ersten Ton an ist eines ganz klar: Hier nabelt sich einer ganz bewusst ab vom übermächtigen Erbe des großen Django Reinhardt, der das Genre ja nach wie vor immer noch beherrscht. Wie kaum einer seiner Gitarristen-Kollegen verbindet Adler sein Ursprungsgenre mit dem Mainstream, weshalb sein Programm an diesem Abend auch den Untertitel „From Django To Oscar“ trägt.

Adlers Trio mit Joel Locher am Kontrabass und Guido May am Schlagzeug ist eine trefflich eingespielte Combo, die für enormen Schub sorgt, ja, bei Bedarf regelrecht den Turbolader zuschaltet – und zwar allein durch Intensität, nicht durch übermäßige Lautstärke. Der Star des Abends aber ist der in Bukarest geborene und in Stockholm und Helsinki lebende Pianist Marian Petrescu. Ihn als Virtuosen zu bezeichnen ist sicherlich nicht vermessen. Was er spielt, ist schlichtweg sensationell. Petrescu tänzelt leichtfüßig, dreht Pirouetten, seine Figuren schlagen kunstvoll Kapriolen, als Filigrantechniker ist er eine Weltmacht. Und dann bricht wie scheinbar aus dem Nichts plötzlich die akustische Stampede los, überschlagen sich die Ereignisse, forciert er das Tempo und feuert aus allen Rohren. Und er ist ein Meister des Intros. Petrescu eröffnet ein Stück mit Rachmaninoff, Chopin, Liszt oder führt sein Publikum mit Scott Joplin aufs Glatteis, um dann schließlich bei einer höchst abenteuerlichen Version eines Klassikers wie „Tenderly“ oder „Moanin'“ zu landen, mit der man nie und nimmer gerechnet hätte. Adler weiß um die Klasse seines Partners: „Man kann ihm vorsetzen was man will“, sagt er, „Marian spielt alles in höchster Perfektion.“

Der Bandchef selbst schafft auf absolut überzeugende und höchst originelle Weise den Spagat zwischen Reinhardt, Wes Montgomery und George Benson, macht aus Reinhardts „Nuages“ ein ungemein entspannt-grooviges Funkstück und aus Edvard Griegs „Danse norvégienne“ die mit Lust und Witz vorgetragene Paradenummer dieses denkwürdigen Abends, der schließlich mit einer großartigen, emotional anrührenden Version des „Minor Blues“ und zwei umjubelten Zugaben seinen Abschluss findet.

Marian Petrescu und das Wawau-Adler-Trio – da haben sich wahrlich vier Musiker gefunden, die auf einer Wellenlinie liegen, während des gesamten Konzerts bestens harmonieren und überdies die gleiche Leidenschaft entwickeln für diese Grenzgänger-Musik zwischen dem Spartenjazz des Gypsy Swing und dem weiten Betätigungsfeld des Mainstream. Es gibt Momente, in denen aus verschiedenen Individuen eine Einheit wird, in denen alles passt. Dieses Konzert im Birdland war so einer.


Alvin Queen Quartet | 11.05.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Zugegeben, die Entscheidung, das erwartete und kürzlich auch auf CD veröffentlichte Programm „O.P. – A Tribute To Oscar Peterson“ mit Stücken aus der Feder des berühmten Jazz-Giganten nicht zu spielen, muss Alvin Queen, Petersons Partner bis kurz vor dessen Tod, bereits im Vorfeld getroffen haben. Nachdem das klargestellt ist, gestaltet sich der Abend, den der Schlagzeuger mit seinem Quartett im Neuburger Birdland-Jazzclub bestreitet, hingegen eher spontan. In der Pause darauf angesprochen, ob sich denn nicht wenigstens eine Peterson-Nummer im Repertoire befinde, beantwortet Pianist Danny Grissett denn auch mit einem Achselzucken. „Wir wissen selbst noch nicht so ganz genau, was Alvin noch alles vorhat.“

Der Ablauf der beiden Sets, die Vergabe der Soli an die Mitglieder dieser Ausnahmeband, zu der neben Queen und Grissett auch noch Dezron Douglas am Kontrabass und Jesse Davis am Altsaxofon gehören, die zeitliche Ausdehnung der Stücke und deren Struktur, die eingeflochtenen Zwiegespräche, die Reaktionen auf die Vorgaben des jeweiligen Partners – all das basiert auf spontanen Entscheidungen und sorgt für einen äußerst lebendigen, überaus dynamischen, ja, feurigen Auftritt mit einem stets verschmitzt grinsenden und bestens aufgelegten Bandleader, der seine Jungs mit seinen kraftvollen Beats vor sich hertreibt. Was die sich natürlich gerne gefallen lassen und mit manch solistischem Kabinettstückchen quittieren.

Eine sehr gute Entscheidung ist auch, nicht so weiterzumachen wie bei Duke Ellington’s „Caravan“ gleich zu Beginn. Man weiß zwar, dass Alvin Queen ein Kraftpaket mit gehöriger Schlagkraft ist, aber am Anfang scheint es fast so, als wolle er den Rest der Band akustisch in den Boden rammen. Bereits mit den Folgenummern, „East Harlem Moon“ von Dezron Douglas und „Blues For Sluggo“ von Jesse Davis, bremst er sich jedoch selbst ein und demonstriert, dass Power und Drive nicht automatisch mit übermäßiger Wucht einhergehen müssen.

Polyrhythmische Basisarbeit, hochkarätige Solisten, wunderschöne Kompositionen der einzelnen Bandmitglieder, Leidenschaft, Lebendigkeit und Energie. Diese Band läuft im weiteren Verlauf des Abends wahrlich zu grandioser Form auf. Nach der Pause gibt es Momente, in denen man sich einfach nur noch aufschwingen möchte auf die von Bass und Piano immer wieder wunderschön vergegenwärtigten Harmonien, um sich dann forttragen zu lassen vom swingenden Groove und sich zu ergötzen an den ungemein innovativen Soli, die den wahren Könner verraten, der gleichermaßen über blendende Technik und gestalterische Kreativität verfügt und über die Empfindsamkeit, diese Stücke zu einem hochemotionalen Ereignis zu machen. Dass es sich dabei nicht um die Oscar Peterson‘s handelt, ist zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr wichtig. Entscheidend ist vielmehr, dass das Konzert des Alvin Queen Quartets zweifellos als eines der denkwürdigsten der Birdland-Saison 2018/19 in Erinnerung bleiben wird.


Alvin Queen Quartet | 11.05.2019
Neuburger Rundschau | Julia Abspacher
 

Schon als Alvin Queen mit seinem Quartett die Bühne des an diesem Abend voll bestückten Jazzclubs betritt fühlt es sich an wie ein Homecoming für den US-Amerikaner aus New York, der mittlerweile in der Schweiz sesshaft geworden ist. Aus dem Publikum dringen ihnen Begeisterungsrufe entgegen, Queen scherzt mit einzelnen vertrauten Gesichtern unter den Zuschauern. Schon mehrere Male war er im Birdland zu Gast gewesen, wenn auch in unterschiedlichen Besetzungen. Diesmal hat er Jesse Davis (Altsaxophon), Danny Grissett (Piano) und Dezron Douglas (Bass) dabei, die den großen Schlagzeuger bei seinem jüngsten Konzert in Neuburg am vergangenen Samstagabend begleiteten.

Und kaum haben die vier ihre Plätze eingenommen, geht es auch schon fortissimo los; und es kommt gar kein Zweifel auf, wer die Hauptperson an diesem Abend ist. Das ist nicht negativ gemeint, Queen spielt sich nicht unangenehm aufdringlich in den Vordergrund, sondern verleiht seinem Instrument spielerisch so eine Präsenz, dass man gar nicht anders kann, als die Aufmerksamkeit vor allem auf ihn zu richten. Mit seinen 69 Jahren sitzt er mit einem Grinsen im Gesicht auf der Bühne wie ein kleiner Junge im Süßwarenladen. Nur, dass sich in diesem Fall in dessen Regalen kein Zuckerwerk, sondern klingende Soli, treibende Beats, eine durchdringende Snare sowie schellende High Hats und viele strukturierte, hintersinnige musikalische Perlen finden. Manchmal wartet man nur darauf, ihn vor Begeisterung förmlich ein wenig in die Luft hüpfen zu sehen, vor lauter Freude über einen vorangegangenen musikalischen Geniestreich.

Auch wenn die Musik des Quartetts durch die zentrale Bedeutung des Schlagzeugs von Haus aus härter wirkt ist sie doch nicht unharmonisch, sondern swingend lebenslustig und sorgt für eine gehörige Portion Adrenalin. Sie finden die richtige Mischung zwischen Struktur und individuellen Interpretationen, Gefühl und Rhythmik, wildem Getöse der Kombination und feinen Akzenten der einzelnen Instrumente. Die drei anderen lassen sich von ihrem Bandleader keinesfalls an die Wand spielen, sie wagen es, auch eigene Stimmungen zum Ausdruck zu bringen und spielen sich untereinander und mit der Percussion die Bälle zu. Im Zusammenspiel zwischen den Routiniers Queen und Davis mit den verhältnismäßigen Jungspunden Grissett und Douglas liegt Abwechslung und eine gewisse, unterschwellige Spannung.

Die vier interpretieren an diesem Abend Jazz-Standards und Eigenkompositionen. Manchmal wirkt der Jazz des Quartetts dabei träumerisch nostalgisch und schwelgt in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten – kurzum: Mainstream-Jazz wie man ihn kaum besser machen kann. Das passt einfach in die traditionelle Stimmung eines Jazzclubs, wie man sie im Neuburger Hofapothekenkeller so schön Wochenende für Wochenende finden kann.


John Marshall International Quintet | 10.05.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Was Nationalisten, Revanchisten und die Politik ganz allgemein wohl nie und nimmer schaffen werden, nämlich einer guten Sache wegen gemeinsam an einem Strang zu ziehen, ist für Musiker, speziell für die im Jazz tätigen, kein Problem. Der amerikanische Trompeter John Marshall beispielsweise unterhält mit seinem am Hardbop ausgerichteten „International Quintett“ eine bestens funktionierende Band, in der es nur um eines geht, nämlich um innovative, originelle und spannende Musik und die gemeinsame Liebe zu ihr, wobei Grenzen überhaupt keine Rolle spielen, geografische und politische schon gar nicht.

Beim Konzert im Neuburger Birdland Jazzclub nimmt er sich zusammen mit seinem Landsmann, dem Tenorsaxofonisten Chris Byars, dem Bassisten Stephan Kurmann aus Basel, dem Pianisten Vahagn Hayrapetyan aus dem armenischen Eriwan und dem Schlagzeuger Egor Kryukovskikh aus Sankt Petersburg vor allem jene Stücke aus der Jazzliteratur vor, die nicht mal so sehr wegen ihrer kompositorischen Bedeutung auffallen, sondern vor allem wegen ihrer Arrangements. Da Marshall wie auch sein Kollege Chris Byars selbst als Arrangeure – ersterer jahrelang für die WDR-Big Band“ – tätig sind, legen sie die Stücke des Abends quasi für die Bläserabteilung einer Big Band an, die in vorliegendem Fall jedoch nur aus zwei Musikern besteht. Das Ergebnis ist hochinteressant, denn eine Gewichtung wie diese zwischen festgelegten und improvisierten Teilen, zwischen Struktur und Freiheit ist für eine Hardbop-Band ja nicht unbedingt typisch.

Tadd Dameron, der einst für John Coltrane, Kenny Dorham und Dizzy Gillespie arbeitete, ist Marshalls erklärtes Vorbild als Arrangeur, während er als Trompeter durchaus Nähe zu Gillespie verrät. Nach einem überaus schwungvollen aber letztendlich doch noch nicht komplett mitreißenden Beginn ist Marshalls Eigenkomposition „The Saint Petersburg Junction“ kurz vor der Pause die Initialzündung. Jetzt laufen die Bläser zu großer Form auf, der Mann am Flügel legt sich mächtig ins Zeug und Egor Kryukovskikh präsentiert sich als sensationell guter Drummer, der die schwierigsten Figuren wie nebenbei und scheinbar ohne jede körperliche Anstrengung aus dem Handgelenk schüttelt. Die brüchige Ballade „Blame It On My Youth“, bei der Marshall auch zum Gesangsmikrofon greift, die halsbrecherische Version von Miles Davis‘ „Move“, Kenny Dorham’s unwiderstehlicher Klassiker „Una Mas“: – Jetzt läuft die Band auf Hochtouren, jetzt gibt es immer wieder Applaus auf offener Szene.

Und wo die Musiker einst geboren wurden, welchen Pass sie mit sich führen und welcher Nationalität sie angehören, ist dabei völlig einerlei. Die gleiche Sprache sprechen sie ohnehin, nämlich die der gemeinsamen Musik. In dieser Hinsicht sind sie den Mächtigen dieser Welt weit voraus.