Aktuelle Presseberichte

Mike LeDonne – Vincent Herring Quartet | 13.04.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Obwohl vier Herren auf der Bühne zugange sind, ist der eigentliche Star des Abends weiblich. Die Lady ist ein echtes Original, wiegt – schraubt man ihr vorher die Basspedale ab – stolze vier Zentner, wurde hergestellt im Jahre 1959, hört auf den Namen „Hammond B3“ und erzeugt einen Sound, der mit keinem anderen der Welt vergleichbar wäre, nicht mal mit dem eines ihrer Nachfolgemodelle. Die erste Frage, die sich stellt: Wer hat dieses edle Teil, das – wie an etlichen Schrammen im Furnier und an den Signaturen namhafter Musiker auf dem Deckel abzulesen ist – bereits einiges erlebt hat, die steile Treppe ins Gewölbe des Birdland Jazzclubs hinuntergeschleppt? Und die zweite folgt sogleich: Wie bekommt man sie nach dem Konzert wieder nach oben?

Natürlich braucht ein Instrument wie dieses jemand, der es singen und jubilieren, fauchen und zwitschern lässt, der weiß, wie man bei ihm im wahrsten Sinne des Wortes alle Register zieht. Mit Mike LeDonne sitzt ein wahrer Könner an den Pedalen, Tasten und Manualen, ein Virtuose, der es streichelt und pflegt, es herausfordert und ihm Töne und mit Hilfe des Leslie-Rotationslausprechers Klangfarben entlockt, die man nur noch ganz selten auf einer Livebühne hört. Und die Orgel dankt es ihm, ist überhaupt nicht zickig, zeigt sich treu ergeben und folgt ihm über Stock und Stein. Ein Hoch auf analoge Wertarbeit!

Wenn LeDonne zusammen mit dem Altsaxofonisten Vincent Herring in eines dieser wahnwitzigen Hard Bop-Themen einsteigt, riecht es förmlich nach Soul, Soul Jazz und Rhythm’n’Blues. Deswegen verwundert es auch nicht, dass die Stücke des Abends nicht nur aus diversen Alben LeDonne’s stammen, sondern eben auch von Leuten wie Sammy Davis Jr., Nathalie Cole oder Billy Preston.

Was für eine Lust, sich diesem Treiben auszuliefern und sich selbst eine kräftige Kelle dieses heißen Soundgebräus einzuschenken. Der mächtige Ton Herrings, der stete Beat des Drummers Hans Braber, dazu die Akkorde des Gitarristen Martien Oster, die er nach Art von Wes Montgomery in seine Soli einbaut und dadurch immer wieder für gehörigen Schub sorgt, das alles zusammen goovt und pulst weit über zwei Stunden lang, das spricht einen als Hörer und unweigerlichen Mit-Groover auch körperlich an. Wer angesichts dieses virtuosen Mike LeDonne, dieser hervorragend agierenden Band und natürlich dieses tollen Sounds emotional unberührt bleibt, dem ist vermutlich nicht zu helfen.

Das letzte Stück des regulären Programms vor der Zugabe trägt den Titel „I Love Music“. Als Fazit dieses einzigartigen Abends im Birdland ist er perfekt platziert. Aber man könnte ihn sogar noch konkretisieren: „Nicht irgendeine, sondern genau diese Art von Musik ist es, die wir lieben.“


Mike LeDonne – Vincent Herring Quartet | 13.04.2019
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Manchmal klingt eine Hammond B3 wie eine fauchende Großkatze kurz vor dem Sprung durch den Feuerreifen. Da braucht‘s dann einen kundigen Dompteur. Mike LeDonne weiß die elektromechanische Orgel zu zähmen, ihre Energie zu bündeln, zu kanalisieren und wohldosiert freizugeben.

Der 63jährige New Yorker zeigte sich im Neuburger Jazzclub einmal mehr als Meister der Manuale, Zugriegel und Fußlagen. Dabei hatten die Götter hier wie selten den sprichwörtlichen Schweiß vor den Erfolg gesetzt. Das „Biest“, wie viele Organisten die B3 wegen ihres Gewichts liebevoll nennen, musste schließlich erst mal samt Leslie-Lautsprecher und Box die ganze Treppe in den Keller hinuntergeschleppt und auf die Bühne gewuchtet werden. Ob solcher Last werden aus den gut vier Zentnern des 1958 gebauten Instruments leicht gefühlte zehn. Doch: „Es war‘s wert!“, wie Mike LeDonne auf der Bühne letzten Endes zufrieden konstatierte.

In der Tat: Was da an Energie über die Rampe fegte, dürfte seinesgleichen suchen. In klassischer Orgeltrio-Kombi mit Gitarre und Schlagzeug, wie weiland zu Zeiten Jimmy Smiths, und verstärkt durch einen schneidigen, lupenreinen Hardbop Powerbläser am Altsaxophon entfaltete sich am „Fun Day“ im Birdland ein federnder, fesselnder, mitreißender Groove. Zugleich hatte die Musik humanen Tiefgang, reflektierte persönliche Erlebnisse und die Gegebenheiten des Lebens. „You‘ll Never Know What You Mean to Me“ etwa fand Bedeutung für LeDonne, als seine heute 15jährige Tochter nach der Geburt erst mal in den Brutkasten verfrachtet werden musste.

Das Quartett mit Hans Braber am Schlagzeug, Martien Oster an der Gitarre und dem Birdland Urgestein Vincent Herring am Saxophon – für den Bass sorgte mit Hand und Fuß der Organist – spielte wie aus einem Guss. Der „From the Heart“ sprudelnde Tatendrang verband in passgenauer Mischung Emphase und Raffinesse, sodass sich Hirn und Herz gleichermaßen freuen durften im „Good Life“ dieses Konzertabends.

Im Puls der Band ließen die fliegenden Hände LeDonnes die Orgel mit ihren schier unerschöpflichen, stets charakteristischen Klangvarianten flirren, funkeln und fauchen, schweben und schwelgen, zupacken und entspannen. Und ehe man sich‘s versah, war die Katze gesprungen, mit majestätischem Schwung, mitten durch den Feuerreifen!


Masha Bijlsma Band feat. Bart van Liehr | 12.04.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Sängerin Masha Bijelsma aus Utrecht in den Niederlanden gehört zur ersten Garde europäischer Jazzsängerinnen. Angefangen hat sie zwar irgendwann einmal als Vokalistin in einer Hardrock-Band, aber das ist lange her. Derzeit beschäftigt sie sich mit ihrem Programm „For Love Of Abbey“ intensiv mit Abbey Lincoln (1930 – 2010), die sie als Sängerin, Komponistin und Texterin ebenso verehrt wie auch wegen ihres politischen Bewusstseins, ihres sozialen Engagements und ihrer Aktivitäten innerhalb des Black Power Movements in den USA während der 60er und 70er Jahre.

Während Abbey Lincoln seinerzeit durchaus als legitime Nachlassverwalterin Billie Holidays gesehen wurde, folgt nun wiederum Masha Bijelsma jener, legt ihre Songs in eigenen Versionen neu auf, interpretiert ihre Texte und sorgt so dafür, dass sie auch nach ihrem Tod im kollektiven Gedächtnis verankert bleibt. Zusammen mit dem Pianisten Martin Sasse, dem Bassisten Ruud Ouwehand, Dries Bijelsma am Schlagzeug und Bart van Liehr an der Posaune und an der Basstrompete bietet sie dem Publikum im Neuburger Birdland Jazzclub ein überaus stimmiges Konzept aus Mid- und Uptempo-Nummern sowie einiger Balladen, die die ganze Facette des Repertoires Abbey Lincolns beleuchten.

Das erste Set leidet zwar an manchen Stellen daran, dass die Altstimme der Sängerin von der frequenzmäßig deckungsgleichen Posaune fast verschluckt wird, aber dieses akustische Problem ist bald behoben und die Band schaltet nach der Pause gleich mehrere Gänge höher. „Africa Blue“ mit Zitaten aus Coltrane’s „A Love Supreme“ bereits ist großartig, dann kommen „Moanin‘“ und „Brother Where Are You“ und man merkt regelrecht, wie ein Ruck durch die Band geht. Martin Sasse und Bart van Liehr sind die Hauptsolisten und auch Masha Bijlsma spielt manchmal mit Silben, scattet oder lautiert, niemand aber verliert sich in ausufernden Improvisationen, denn im Zentrum des Konzepts stehen die Songs, deren Struktur und deren textliche Aussage. Insofern ist auch absolut folgerichtig, wenn die klassische Rollenverteilung in Solisten und Rhythmusgruppe weitgehend erhalten bleibt.

Das Konzert endet, wie es begann, nämlich mit einer A capella-Nummer. „Mendacity” eröffnet und “Throw It Away” mit der ewig aktuellen Botschaft. „Keep your hand wide open and let the sun shine through” beschließt den Abend. Gerade bei diesen besonders intensiven Stücken wird nicht nur deutlich, über welch großartige Stimme Masha Bijlsma, sondern auch, über welch enorme Bühnenpräsenz sie doch verfügt. Ist der letzte Ton verklungen, ist im Grunde alles gesagt und man ist als Zuhörer schwer beeindruckt. Songs wie diese mit all ihrer emotionalen Eindringlichkeit und ihrer Intimität im Vortrag wirken unweigerlich lange nach. Deswegen hätte es die zweite Zugabe danach eigentlich gar nicht mehr gebraucht.


Masha Bijlsma Band feat. Bart van Liehr | 12.04.2019
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Nichts, woran die Stimme sich festhalten könnte, keine harmonische Stütze, kein Melodieinstrument. Das erfordert Mut, Konzentration und Kontrolle. Masha Bijlsma kann das. Ihr unbegleiteter Einstieg in den zarten Song „Tender as a Rose“, begleitet nur vom weich streichelnden Schlagzeug ihres Vaters Dries Bijlsma, sorgt unmittelbar für Gänsehaut. Die niederländische Sängerin verfügt über eine variable Stimme von beachtlichem Umfang, natürlichem Timbre und unaufgeregter Souveränität sowie reichlich Luft und Spielraum nach oben. Ihr warm klingender Alt zeichnet sich aus durch hochgradige Intonationssicherheit, sicheres Timing und gekonnte Phrasierung, auch dann, wenn jede instrumentale Stütze fehlt. Das Repertoire widmet sich dem Erbe ihres großen Vorbilds Abbey Lincoln, der sie sich in ganz besonderer Weise verbunden fühlt: „Song for Abbey“. Die 2010 im Alter von 80 Jahren verstorbene US-Amerikanerin gilt als politisch bewusste, sehr wache und engagierte Sängerin von großer Bedeutung für den modernen Jazz. Bijlsma übernimmt von Lincoln unmittelbar deren nur vordergründig unspektakülären Ansatz, die Quintessenz der Songs und ihrer Texte für sich selbst sprechen zu lassen, konsequent, intensiv und eindrücklich: „Bird Alone“. Unterstützt wird sie dabei nicht nur von Dries Bijlsmas sachtem Fingerspitzengefühl am Schlagzeug. Auch der wieselflinke pianistische Tausendsassa und gefühlvolle Tastenstreichler Martin Sasse am Bösendorfer und der mit markantem Pizzicato und kraftvollem Sound agierende Bassist Ruud Ouwehand tragen zum dezenten, flüssigen Groove der Band reichlich Substanz bei. Masha Bijlsma zur Seite steht mit Bart van Lier ein Solist der Sonderklasse. Die beiden spielen sich die Bälle nur so zu, Stimme und Instrument in lebendigem Wechsel der Präsenz: „Talking to the Sun“. Bart van Lier überrascht immer wieder mit erstaunlich wendiger Virtuosität an der Zug- wie an der eher seltenen Ventilposaune. Sein Sound ist seidenweich und gelöst, eine eigenständige Singstimme auf dem Instrument. Masha Bijlsma dagegen setzt ihre Stimme immer wieder auch instrumental ein, beherrscht die seltene Kunst des Scatgesangs, der aus Fantasiesilben Melodien ohne Worte formt. Das ist Gesangskunst auf höchstem Niveau und spätestens bei Abbey Lincolns a capella dargebotenem „Throw It Away“ ist der Schauer perfekt.


Ken Peplowski & Christof Sänger Trio | 06.04.2019
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Klassischer, lebhaft tänzelnder Swing, virtuos, schwungvoll und rasant. So muss es sein, und jeder im Gewölbe des Neuburger Jazzkellers mochte aus vollem Herzen zustimmen: „I want to be happy“ – „Ich möchte glücklich sein.“ Ein erster Schritt dazu war das Konzert der amerikanischen Klarinettenkoryphäe Ken Peplowski. Der Leib- und Magenmusiker Woody Allens, für den er etliche Filme vertonte, machte auch am Saxophon bella figura, erfreute mit sattem Sound, flinken Läufen, Esprit und Humor. So hurtig stürmte „Cherokee“ wohl selten über die Bühne des Birdland.

Ray Nobles Ballade „Love locked out“ – Peplowski: „Die traurige Geschichte von Donald und Melanie“ – erklang dagegen mit genau jener melancholischen Resignation, welche eine verlorene Liebe im Herzen hinterlässt. Auch eine träumerisch entschleunigte Version von „All the Things You Are“ ließ wie eine berührende Interpretation von „Body and Soul“ in wahrer Balladenseligkeit schwelgen, diesmal an der Klarinette.

Peplowski zeigte sich an seinem Hauptinstrument mit kultiviertem Ton als echter Meister auf den Spuren Benny Goodmans, pfiffig, spritzig, sensibel, elegant und großherzig. Seine Kunst benötigte kein Schaulaufen und keine großen Gesten, sie vermittelte sich ganz aus sich selbst heraus, nonchalant, melodietrunken und mit sensitiver Innigkeit auch in den flotten Stücken.

Christof Sängers feiner Anschlag am Klavier, Rudi Engels wohliger Bass und Tobias Schirmers unaufdringlich stilgenaues Schlagzeugspiel ordneten sich in dezenter Präsenz zu und sorgten für ein lichtdurchlässiges, zugleich überaus geschlossenes Klangbild. Das verschmähte keine Dialoge, setzte bisweilen auf die Kraft klug gesetzter Pausen und verströmte auch in leisen Momenten wie in Antonio Carlos Jobims „Portrait in Black an White“ mildes Licht und bezwingenden Charme.

In „Carioca“ dann wieder überschwänglich sprudelnde Lebensfeude, putzmunter, quirlig und mitreißend. Der Schwung von Peplowskis Klarinette wirkte leicht und hell wie die tanzenden Lichtreflexe der Sonne auf den Wellen am Strand. Piano, Bass und Schlagzeug vervollständigten das faszinierende Wimmelbild lebensfroher Momente und wiegten sich mit Ken Peplowskis berückender Klarinette im geschmeidigen Tanz der Melodie an der „Lagoa azul“.


Ken Peplowski & Christof Sänger Trio | 06.04.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Man kennt sie fast alle, diese Stücke von Ray Noble, Jerome Kern, Richard Rodgers und George Gershwin, die im Goldenen Zeitalter des Jazz, als jener noch Pop war, die Spatzen von den Dächern pfiffen. Aber natürlich ist es wie immer: Man hört sie und man kommt partout nicht auf den Namen. Ist das nicht „Comes Love“? „Body And Soul“? „Cherokee“? – Ach ja, natürlich, warum ist einem das nicht gleich eingefallen.

Wenn der Klarinettist/Tenorsaxofonist Ken Peplowski, der Pianist Christof Sänger, der Kontrabassist Rudi Engel und der Schlagzeuger Tobias Schimmer sich aus dem Real Book ein gutes Dutzend passender Standards aussuchen und daraus ein Programm machen – in diesem Fall eines für das Konzert im Neuburger Birdland Jazzclub – dann tun sie eigentlich nichts anderes als unzählige andere Kollegen vor ihnen auch. Wobei jedoch die Betonung auf „eigentlich“ liegt.

Wie nämlich vor allem Peplowski immer den richtigen Ton findet für die Stimmung des jeweiligen Songs, wie er mit dem Sound des Saxofons dessen Seele freilegt, sich einfühlt in die darin beschriebene Situation, das ist schon etwas ganz Besonderes. Man vergleicht ihn zwar oft mit Benny Goodman, aber er interessiere sich im Grunde für jede Art von Musik, sagt er, für „alles zwischen Ornette Coleman und den Beatles“. Vielleicht ist damit seine Offenheit, die auch beim Konzert im Birdland sofort auffällt, erklärbar. Als Saxofonist versucht der Mann aus Cleveland/Ohio, den Frank Sinatra einst als „eine meiner größten Inspirationen“ bezeichnete, einen dunklen, holzorientierten Ton zu erreichen, seine Erfahrungen als Klarinettist also quasi auf das Saxofon zu übertragen. Ja, er klingt schon ziemlich speziell, dieser Ken Peplowski.

Sein Partner Christof Sänger ist ein begnadeter Techniker. Dessen Spezialität sind diese kreiselnden, rasend schnellen Figuren der rechten Hand, die er gelegentlich mit der Stride Technik der 20er Jahre in Verbindung bringt. Das Ergebnis ist frappierend. Sänger mag im Grunde ein konventioneller Jazzpianist sein, „aber eben einer, wie ihn Deutschland noch nicht besessen hat“, wie ein namhafter Kritiker bereits vor Jahren schrieb.

Das richtige Gespür für den optimalen Umgang mit den Originalen, die Gabe, das Wesentliche aus den – zwar oftmals, aber selten auf so souveräne Art – dargebotenen Klassikern herauszuarbeiten, ein herzlicher Umgang mit dem Auditorium: All das kommt natürlich bestens an beim Publikum. Dessen Reaktion wiederum freut den Künstler. „Am liebsten würde ich euch alle mitnehmen, wenn ich in zwei Wochen wieder im Birdland spiele“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Im Birdland in New York.“ – Einfacher dürfte da ein Wiedersehen mit Christof Sänger zu bewerkstelligen sein. Der gastiert bereits am kommenden Donnerstag mit der Barrelhouse Jazzband im Audi Forum.


Don Menza Two Tenors Quintet | 05.04.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Der Tenorsaxofonist Don Menza feiert in drei Wochen seinen 83. Geburtstag. Als echter Spaßvogel, der er nun mal ist, lässt er sich die Gelegenheit, auf der Bühne des Neuburger Birdland Jazzclubs mit seinem Alter zu kokettieren, natürlich nicht nehmen. Bevor das Konzert beginne, müsse er sich nach der mühsamen Bewältigung des steilen Weges in die obere Stadt erst einmal erholen, sagt er.

Um dann postwendend mit mächtigem Ton, der dem Klang eines Nebelhorn nicht unähnlich ist, gleich einmal Sonny Rollins‘ „No Moe“ in den Saal zu donnern, gefolgt von Johnny Mercer’s „I Remember You“ und etlichen weiteren Standards und Originals, die alle eines eindeutig belegen: Dass dieser Don Menza nämlich immer noch bestens in Form ist und mit seinem schnörkellosen, ja, fast dreckigen Sound, der direkt von der Straße zu kommen scheint, für enormen Druck sorgt. Und in „Voyage“, der Übernummer aus der Feder Kenny Barron’s, gelingt ihm kurz vor der Pause schließlich sogar ein Solo, das man durchaus als sensationell bezeichnen darf.

Mit seinem jungen Partner Gabor Bolla – und mit Fred Nardin am Flügel, Aldo Zunino am Kontrabass und Bernd Reiter am Schlagzeug – unterhält er das „Two Tenors Quintet“. Wenn die beiden Bläser sich gemeinsam eine Nummer vornehmen, gibt es schier kein Halten mehr. Die Band sprüht nur so vor Energie und Lebensfreude, Menza macht seine Scher-ze und Bolla spielt Figuren, bei denen einem als Zuhörer schwindelig wird. Was für ein quirliger, schier überbordender Wirbelwind. Wenn er mit Verve solistisch dazwischenfährt, ist Feuer unterm Dach, und Don Menza grinst verschmitzt, wohl wissend, was er da für ein Riesentalent mit an Bord hat.

Vieles an diesem Abend dreht sich um Sonny Rollins, den Menza verehrt. Nicht umsonst sind Stücke wie „Sonny Dayz“ und „Sunday With Sonny“ Teil des Programms. Eines Programms, zu dem es keine festgelegte Setlist gibt, weswegen zum Ende hin auch der vorher durchaus straffe Zug nachlässt, die Sache etwas ausufert und in Richtung Session geht. „Was machen wir als nächstes, Jungs?“ fragt Menza. „Irgendwelche Vorschläge?“

Es ist ein Abend der puren Lust, der Lust aufs Spielen, aufs Zuhören, der Lust auf gute Laune und lockere Atmosphäre und auf Menza’s Geschichten und Anekdoten, die er immer wieder zwischen die Kompositionen streut. Hier vereinen sich Virtuosität, Temperament, Spaß und Wohlfühl-Atmosphäre, hier gibt es nicht nur großartige Musik zu hören, sondern auch Stoff zum Schmunzeln und zum Lachen. – Der Mann, der mit Leonard Cohen ebenso gearbeitet hat wie mit Natalie Cole, mit Buddy Rich ebenso wie mit Elvin Jones und auch viele Jahre für Henri Mancini, wird also tatsächlich am 22. April 83? Würde es nicht in seinem Pass stehen, würde man es nicht glauben. Schon gar nicht nach diesem Konzert im Birdland.


Don Menza Two Tenors Quintet | 05.04.2019
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Don steht in diesem Fall nicht für den spanischsprachigen respektvollen Titel einer angesehenen männlichen Person. Für den amerikanischen Tenorsaxophonisten Donald Joseph Menza wäre diese geadelte Form der Anrede dennoch treffend. Der bald 83jährige Bandleader ist als jahrelanges Mitglied in den Orchestern von Max Greger oder des Hessischen Rundfunks Teil der erfolgreichen deutschen Bigband-Geschichte. Mit seiner gelassenen, witzigen Art und seinem fulminantem Spiel war er vergangenen Freitag der charmante Star im Kellergewölbe des Birdland Jazzclubs in Neuburg.

Als Partner in Crime trat der junge ungarische Hochgeschwindigkeits-Tenorist Gabor Bolla in den Ring. Mit zwei Hochkarätern dieses Formats konnte das Gefecht beginnen, das freilich keiner gewann und keiner verlor, weil auch keiner es wollte. Dieses ständige gegenseitige Anstacheln führte stets wohlüberlegt und konsequent zu erneutem Aufflackern des Kampfgeistes und brachte die Luft zum flirren. Könnten Töne Funken sprühen, dann hätte der Keller in Flammen gestanden.

Birdland‘s Haus- und Hofschlagzeuger Bernd Reiter bereitete mit seinen zwei Mitstreitern Fred Nardin am Flügel und Aldo Zunino am Kontrabass den perfekten Boden für die beiden Saxophonisten. Der junge Nardin ist ein rising star der Pariser Jazzszene und der Genueser Zunino Reiter’s erste Wahl am Bass. Die drei tummeln sich musikalisch in Bands der Jazz-Oberliga, fungierten als vollendete Antreiber und brachten mit solistischen Einlagen kontinuierlich zusätzlich Farbe ins Spiel.

Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch das Konzert zog, dann war es Sonny Rollins. Für Menza und Bolla ist er das unerreichbare Vorbild und Schöpfer eines gottgleichen Saxophonhimmels. Und so begann der Abend auch mit Rollins Komposition „No Moe“, endete mit Don Menza‘s Widmung „Sunday with Sonny“ und wurde mit „Sonny Days“ im Calypso-Stil vollendet. Was für ein Spektakel.


Tamir Hendelman Trio | 30.03.2019
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Diese tollen Arrangements, bis ins kleinste Detail präzise, dazu eine mitreißend freie Improvisation in den Soli von Klavier, Bass und Schlagzeug, das ist unverkennbar die große, „alte“ Jeff-Hamilton-Schule. Tamir Hendelman, Leader und Pianist des gleichnamigen Trios verwandelte am Samstag den vollbesetzten Birdland Jazzclub mit seiner Combo zeitweise in einen Hexenkessel. Swing der allerfeinsten Sorte animierte das Publikum gar zum rhythmischen Mitklatschen, was für einen Jazz-Abend – im Gegensatz zu Musik ganz anderer Art – doch sehr ungewöhnlich ist und wegen der nur scheinbar einfachen rhythmischen Struktur auch nicht lange lang wirklich funktioniert. Aber sei’s drum: Diese Emphase der Zuhörer war nachvollziehbar.

Das Trio gibt es in dieser Zusammensetzung (neben Tamir Hendelman am Piano der Bassist Nicola Sabato und Germain Cornet an den drums) noch nicht lange. Der aus Israel stammende Tastenvirtuose, dessen Swing- und Soul-Feeling an den großen Oscar Peterson erinnert, hat sich mit zwei Weltklasse-Musikern ihres Fachs zusammengetan.

Nicola Sabato macht aus seinem Kontrabass ein Universum des Zupfens, Streichens und – ja- des Singens. Manchmal glaubt man fast einen warmen Bariton zu hören, weich und intensiv klingen die Bass-Saiten, dann wieder arbeitet Sabato mit wenigen Doppelgriffen den Swing-Charakter heraus. Eine derart lockere, perfekte Präsenz erlebt man nicht so oft. Der junge Schlagzeuger Germain Cornet steht seinem Kompagnon am Bass nicht nach, was Präzision und Schwerelosigkeit angeht.

Und der Zauberer auf dem Bösendorfer-Flügel gibt mit seinen lyrischen wie donnernd-dramatischen Qualitäten den Grundton des Trios vor. Hendelman liebt den kraftvollen Zugriff, gelegentlich schrickt man sogar etwas auf. Diese Entschlossenheit im Forte-Modus aber entpuppt sich als musikalisch überzeugend. Genauso wie die Kantilenen im Piano und Pianissimo, alles in einer funkelnden, impressionistisch geprägten Tonsprache. Das ist beste Tradition eines Jeff Hamilton, verwandelt in einen eigenen, betörenden Stil der Marke Hendelman/Sabato/Cornet.

Besonders plastisch wirkt diese Art von Edel-Jazz in Songs wie „little bird“, „it’s only a paper moon“ oder in verblüffenden Phantasien über ein Thema aus „My fair lady“ und Variationen über Songs von Legenden wie Duke Ellington. Was Bandleader Hendelman kompositorisch drauf hat, davon zeugt ein Stück, das sich mit den Empfindungen von Maurice Ravel am Grab seines verehrten Komponisten-Kollegen Couperin befasst. Eine Herausforderung, die der Pianist auf brillante Weise in beide Hände nimmt.

Das Hendelman-Trio ist derzeit auf großer Europa-Tour, mit Stationen in London, Paris, Brüssel. Bern, Kopenhagen und anderen Metropolen. Eine Jazz-Metropole darf dabei natürlich nicht fehlen: Neuburg und sein Birdland-Club. An Einwohnerzahl bringt die Ottheinrichstadt meist nicht einmal ein Hundertstel der „Konkurrenz“ auf die Waage. Aber in der Welt des Jazz spielt sie auf Augenhöhe.


Pure Desmond | 29.03.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Da liebt ein Jazzmusiker eine Filmdiva und schreibt sogar einen wunderschönen Jazztitel eigens nur für sie, wagt aber nie, sie anzusprechen. Umgekehrt möchte jene unbedingt den Komponisten kennenlernen, was diesem wiederum verborgen bleibt. Manche Love Story endet, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Die Geschichte spielt Mitte der Fünfziger Jahre, die Schauspielerin ist Audrey Hepburn und der Mann, der „Audrey“ für sie geschrieben hat, ist Paul Desmond, Altsaxofonist in Diensten von Dave Brubeck, für den er ein paar Jahre vorher den Klassiker „Take Five“ komponiert hat. Wie sich die Sache entwickelt hätte, wären die Sterne damals für die beiden Protagonisten günstiger gestanden, weiß keiner. Man kann nur spekulieren. – Und genau das tun „Pure Desmond“ im Birdland Jazzclub in Neuburg. Lorenz Hargassner am Altsaxofon, Johann Weiß an der Gitarre, Christian Flohr am Kontrabass und Sebastian Deufel am Schlagzeug spielen Desmond-Kompositionen und erzählen mit deren Hilfe und ein paar zusätzlichen flankierenden Stücken die Geschichte weiter, fantasieren sich die Story zurecht, verzaubern ihr Publikum, entführen es an den Broadway, wo gar nicht weit voneinander Desmond auf einer Konzert- und die Hepburn auf einer Musicalbühne stehen und doch nicht zusammenkommen.

Die Musiker des Quartetts sind absolute Desmond-Fans, das ist offensichtlich. Sie haben den Sound dieses großen Cool Jazz-Saxofonisten, dessen Komposition- und Spielweise absolut verinnerlicht, wollen aber nicht imitieren, sondern interpretieren, die Frage aufwerfen: Wie würde Desmond heute klingen? Und die Antwort: Er würde nach wie vor unverkennbar sein und cool, aber warum nicht auch ein klein wenig funky, ein klein wenig poppig. Bei „Pure Desmond“ darf er das. Manchmal schnuppert die Band sogar am Rock und am Acid-Jazz. Wenn‘s der Werbung um die Angebetete nützt, sind der Phantasie schließlich keine Grenzen gesetzt. Und weil die Drei Minuten-Single schon immer ein viel erfolgversprechenderes Mittel war, jemanden herumzukriegen, als ellenlange Soli, fassen sich „Pure Desmond“ auch zweitlich ziemlich kurz und packen immerhin 19 Stücke in ein 90-minütges Konzert.

Das Konzept, mit Jazznummern eine Liebesgeschichte zu erzählen, ist bestimmt nicht alltäglich, kommt aber bestens an. Zwei Zugaben legen davon Zeugnis ab. Das liegt an diesen wunderschönen Kompositionen, ganz klar, aber auch an der Hingabe, mit der die Band sie präsentiert. „Take Five“, der Klassiker überhaupt aus der Feder Desmonds, ist nicht Teil des Programms. Für das Publikum wäre diese Nummer in der Zugabe natürlich das absolute Happy End gewesen. Aber ein solches war ja auch Audrey Hepburn und Paul Desmond nicht vergönnt. Bei aller Liebe: Manchmal muss man anscheinend sogar in Herzensangelegenheiten einfach konsequent bleiben.