Aktuelle Presseberichte

Magris – Uhlíř – Helešic | 18.01.2020
Neuburger Rundschau | Julia Abspacher
 

Jazz und Tschechien, da kommt zusammen, was zusammengehört. Das bewies zumindest am Samstagabend das Trio um František Uhlíř am Bass, Jaromír Helešic am Schlagzeug und Roberto Magris am Flügel. Seit den 1980er-Jahren musizieren die drei mit Unterbrechungen miteinander, damals noch erschwert durch den Eisernen Vorhang, der den Italiener Magris von seinen tschechischen Kollegen trennte. Vor drei Jahren aber hat das Trio fest zueinander gefunden und trug seitdem bei weit über hundert Auftritten und mit einigen CD-Veröffentlichungen die Botschaft des tschechischen Jazz in die Welt hinaus. Ein würdiger Act also für die mittlerweile 215. Auflage von Art of Piano im Birdland.

Ganz klassisch stehen beim Klaviertrio die drei Akteure völlig gleichberechtigt nebeneinander, da gibt es keine Leadinstrumente, die der Rhythmusgruppe die Show stehlen. Vor allem der Bass wird mehr als gewöhnlich gefordert, kann er sich doch nicht in den Hintergrund zurückziehen, sondern muss an vorderster Front sein Tagewerk bestreiten. Wie gut also, dass die Musiker am Samstag mit Uhlíř einen wahren Virtuosen auf seinem Instrument und Fixstern der tschechischen Jazzszene dabeihatten.

Rasant und energiegeladen entlockt er seinem warmklingenden Kontrabass markante Töne. Weit über den Klangkörper gebeut steht er da, so dass sich die greifende und die zupfende Hand schon fast am Ende des Griffbretts treffen. Die Saiten lässt er derart kräftig schwingen, dass es förmlich durchs Gewölbe schnalzt. Und auch die ein oder zwei Mal, wenn Uhlíř zum Bogen greift, entlockt er seinem Bass einem ansprechenden, vollmundigen Klang oder nervenaufreibendes Flageolett. Ein ums andere Mal muss er sich nach einer arg halsbrecherischen Partie gar auf die beanspruchten Finger pusten.
Doch natürlich gehören zum Trio immer drei, und auch Magris und Helešic treten die Flucht nach vorne an, auch bei ihnen gibt es wenig Zeit für Atempausen. Magris lässt seine Finger bis an die äußersten Ränder der Klaviatur perlen, Helešic wischt, trommelt, klopft und schlägt auf seinen Becken herum und sorgt ganz unaufgeregt stets für die richtige Perkussion.

Auch wenn die Stücke der Combo – größtenteils Eigenkompositionen, ab und zu auch Werke anderer Jazzer – zum Teil melancholische Namen tragen, wie etwa „Search for peace“ oder „Song for an African Child“, so ist die Grundstimmung ihrer Musik doch positiv und unbeschwert. Besondere Leichtigkeit und ein wenig Dolce Vita verströmt etwa „Italy“, welches Magris als Ode an die Vorbilder aus seinem Heimatland interpretiert. „From Heart to Heart“ wiederum nimmt mit in die Prager Jazzszene und stellt erneut Uhlířs Können ins Zentrum. Alle Stücke aber verbindet ihr warmer und emotionaler Klang, der es nicht schwer macht, der Musik des Trios zu lauschen.


The Toughest Tenors | 17.01.2020
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Auf den ersten Blick könnten die fünf Herren, mit ihren schwarzen Anzügen, weißen Hemden, korrekter Krawatte und der akkuraten Frisur ein wenig steif wirken. Wie brave Bürger, zum Beispiel Bankbeamte, Amtsräte oder auch Oberstudienräte Mitte des letzten Jahrhunderts – aus jener Zeit, aus der auch die Musik stammt, der sich die Band „The Toughest Tenors“ verschrieben hat.

Alles ein wenig Verkleidung, wenn man so will nostalgische Anspielung. In Wahrheit ist da gar nichts gediegen, steif oder gar langweilig. Nach ein paar Tönen ist im Birdland Jazzclub klar, wohin der musikalische Hase läuft: Die fünf Vollblut-Musiker stürzen sich mit Lust hinein in die Welt der großen Jazz-Standards aus den 50er und 60er Jahren, sie machen daraus frisch und frei ihren eigenen, umwerfenden Sound. Der ist für die 20er Jahre eines neuen Jahrhundert gekonnt aufpoliert und ein wenig angeschärft, aber nicht mit seichten Gags und anderem Brimborium zwangsweise modernisiert.

Diesem Quintett könnte man ewig zuhören, ohne als Publikum irgendwann abzuschlaffen. Und es lohnt sich besonders, die fünf Jazzer auf der kleinen Birdland-Bühne genau zu beobachten. Da werkelt hinten ein Bassist (Lars Gühlcke), der in vollem Körpereinsatz regelrecht mit seinem Bass tanzt, meist mit geschlossenen Augen, einem sehr unterhaltsamen Minenspiel und mit Lippenbewegungen, als wolle er seine eigene Partie auch noch mitsingen. Neben Gühlcke ein witzig-verschmitzter und technisch brillanter Schlagzeuger (Ralf Ruh), der sich immerzu daran zu erfreuen scheint, was um ihn herum so alles musikalisch geboten ist. Und der umgekehrt bei seinen Solo-Einlagen die anderen mit seinen Geistesblitzen verblüfft.

Dazu ein Pianist (Dan-Robin Matthies) der feinen Sorte, der mit wenigen, klug eingestreuten Tonfolgen und Akkorden seine Tupfer setzt – um dann plötzlich den Jazz-Turbo anzuwerfen und
den Laden für eine Weile musikalisch aufzumischen. Aus diesem Trio von Klavier, Bass und Schlagzeug, das allein schon ein starkes Programm bestreiten könnte, wird mit den beiden Tenor-Saxofonisten (Patrick Braun und Bernd Suchland) ein verteufelt gutes Quintett. Berühmte Standards (Light and lovely, Grooving light oder Land of dreams) entwickeln in dieser Formation Feuer und Drive, der Funke springt auf dem kürzesten Weg über.

Suchland und Braun erwecken die alte Tradition der „Saxophon-Battles“ zu einem neuen, wilden Leben, sie fordern sich gegenseitig heraus, alles zu geben – im halsbrecherischen Unisono, in der melodischen Kraft der Balladen, in rhythmisch vertrackten Ecken und Kanten. Die beiden Saxofone werfen sich selbst und den anderen drei Musikern die Bälle zu, die nehmen die freundliche Herausforderung jederzeit an. Das Ergebnis, zu Recht von den Zuhörern bejubelt, ist ein spannungsgeladener, dabei stets leicht daherkommender Sound, von den ehrwürdigen Standards her vertraut und zugleich erfrischend neu.


The Toughest Tenors | 17.01.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Da sieht man mal wieder, über welch exzellente Akustik das Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke in Neuburg verfügt. Zwei Tenorsaxofonisten, angetrieben von einer unter Volldampf stehenden Rhythmusgruppe, blasen sich quasi die Seele aus dem Leib und die Musik der „Toughest Tenors“, die eigens aus Berlin ins Birdland angereist sind, klingt doch so wunderbar transparent, dass man sie ohne Bedenken sofort von der Bühne aus auf CD pressen könnte. Niemand benötigt ein Mikrofon an diesem Abend, der Raum gibt das Klangbild vor, die Musiker nehmen das Angebot an und das Ergebnis ist exzellent.

Es geht um die legendären Saxofon- Duelle zwischen Coleman Hawkins und Lester Young, zwischen Dexter Gordon und Wardell Gray oder zwischen Johnny Griffin und Eddie „Lockjaw“ Davis, die Bernd Suchland und Patrick Braun unter der Bezeichnung „The Toughest Tenors“ im Birdland wieder aufleben lassen. Wie damals ist auch hier nicht wichtig, wer der bessere ist. Was zählt ist der Spaß, den es macht, Ohrenzeuge zu sein bei den Verfolgungsjagden zwischen dem Champion und dem Herausforderer, wobei die Rollen natürlich ständig wechseln und ungezügelte Spielfreude, humorvolle gegenseitige Attacken und die gemeinsame Lust an der geballten akustischen Durchschlagskraft im Mittelpunkt stehen. Und wenn zwischendrin Dan-Robin Matties am Flügel, Lars Gühlke am Kontrabass und Ralf Ruh am Schlagzeug mal ihrerseits zu solistischen Höhenflügen ansetzten, nehmen Druck und Intensität keineswegs ab, denn hier ist ein Kollektiv zugange, in dem alle an einem Strang ziehen. Einen Schwachpunkt gibt es nicht.

Das Quintett könnte man im Grunde nicht nur als The Toughest Tenors, sondern auch als The Tightest Tenors, The Coolest Tenors und gleichzeitig als The Hottest Tenors bezeichnen. Angesichts ihrer Musik ist es schier unmöglich, einfach nur ruhig dazusitzen und zuzuhören. Sie packt einen körperlich, bei den Eingeweiden, funktioniert aber dennoch auch über den Kopf. Allein die Auswahl der Stücke, die allesamt aus den 50ern und 60ern stammen und sich auf die Arrangements von Größen wie Dizzy Gillespie, Sonny Stitt oder Stanley Turrentine stützen, ist eine Offenbarung. Manch einer mag das ein oder andere kennen, aber keine dieser hinreißenden Melodien gehört in die Kategorie „tausendmal gehört und totgespielt“, viele begrüßt man zwar wie einen Bekannten, aber eben einen, den man viel zu selten trifft.

Wenn man es recht bedenkt, spielen und interpretieren The Toughest Tenors eigentlich nur die Musik anderer Leute. Das tun im Jazz in der Tat viele. Hier aber kommt es mehr denn je auf das „Wie“ an, auf die Herangehensweise, auf den Sound, auf die Lebendigkeit und das Feuer. Natürlich gibt es am Ende des Saxofon-Duells keinen Sieger. Das Publikum allerdings ist nach diesem stürmischen Abend restlos bedient und schwer gezeichnet. – Aber auch restlos glücklich.


Cécile Verny Quartet | 10.01.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Vor ziemlich genau einem Jahr hat Cécile Verny einen Großteil dieser Songs ihrem Publikum im Birdland in Neuburg bereits vorgestellt. Damals waren sie brandneu, mittlerweile wurden sie auf dem Album „Of Moons And Dreams“ veröffentlicht und nun hat sie sie erneut im Programm. Das informierte Publikum müsste also eigentlich ganz genau wissen, was es vom Auftritt der Band aus Freiburg zu erwarten hat. Trotzdem kommt es in Scharen und füllt das Gewölbe unter der ehemaligen Hof-apotheke an zwei Abenden bis auf den letzten Platz.

Die Frage ist: Warum hört man sich et-was an, was man bereits kennt? Es gibt zwei Antworten: Weil es erstens so gut ist, dass man davon schier nicht genug bekommt. Und weil man es zweitens in dieser Form eben doch nicht bis ins letz-te Detail kennt. Weil die Formation, die zwar in diesem Fall zum Großteil Pop spielt, im Grunde eben doch eine Jazz-band ist. Das bedeutet, dass sich Studi-otracks auf der Bühne verändern, dass ständig neue Versionen entstehen, dass sofort nach der Einspielung der Stücke deren Bearbeitung, deren Interpretation einsetzt, dass in manchen Fällen die Band sich selbst covert.

Es entsteht eine mit Händen greifbare Spannung zwischen den auskomponier-ten Teilen, in denen jeder kleine Farbtup-fer akribisch genau gesetzt ist, in denen jedes Teilchen ganz genau an seinen Platz passt, und den sich plötzlich öff-nenden Räumen, in die die Solisten vor-stoßen. Von einer Sekunde zur anderen wird aus Pop Jazz und aus Jazz Pop, öff-nen und schließen sich Türen zwischen Genres, deren Fans sich ansonsten oft genug mit Naserümpfen begegnen, die aber in diesem Fall so herrlich harmonie-ren.

Die Songs in ihrer Studioversion sind toll und das dazugehörige Album ist in der Tat vorzüglich, ja, in der Livesituati-on aber wird den Stücken wahres Leben eingehaucht, sie beginnen zu atmen. Was an der erstklassigen Band (Bernd Heizler am Bass, Andreas Erchinger am Klavier und den Keyboards sowie Lars Binder am Schlagzeug) liegt, vor allem aber na-türlich an dieser Wahnsinns-Sängerin namens Cécile Verny. Bei jedem Gast-spiel meint man, sie würde immer noch besser. Sie wispert und fleht, sie spürt Empfindungen nach, sie bricht aus wie ein Vulkan, scattet, röhrt, spielt mit dem Text. Dabei greift sie auf einen enormen Tonumfang zurück. Was für eine Stim-me, was für eine Bühnenpräsenz!

Musikkonsum via Konserve ist unab-dingbar, das ist klar, eigentlich aber ge-hört Musik auf die Bühne. Dort beginnt sie zu atmen, zu wachsen, lebendig zu werden, sich zu entwickeln. Damit dies geschieht, braucht es freilich Musiker, die sich nicht damit zufrieden geben, sie lediglich zu reproduzieren, sondern sie hegen, pflegen, zum Blühen bringen. Musiker wie die des Cécile Verny Quar-tets. Deren vor Jahresfrist ausgebrachte Saat ist in der Tat prächtig aufgegangen und steht in voller Blüte. Konzerte wie dieses wären eigentlich ein Livealbum wert.


Cécile Verny Quartet | 10.01.2020
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Wir können nicht so gut zählen, meinte die Sängerin Cécile Verny im Birdland Jazzclub, wir haben erst dem Programmheft entnommen, dass wir schon zum 14. Mal das neue Jahr in diesem wunderschönen Kellergewölbe eröffnen dürfen. Die Jazz-Legende mit der unglaublich facettenreichen, dunklen und strahlenden, starken und sanften, expressiven und geheimnisvollen Stimme kokettiert da ein wenig: Natürlich weiß sie genau, was ihr Cécile Verny Quartet für die Kulturszene in Neuburg bedeutet und wie viele Jazz-Liebhaber sich gerade auf diesen Auftritt jedes Mal wieder freuen.

Aus zwei Gründen: Verny selbst und ihre Mitstreiter Andreas Erchinger (Piano), Lars Binder (Schlagzeug) und Bernd Heitzler (Bass) garantieren für einen unverwechselbaren, bestens bekannten und doch immer frischen, auf den Punkt präsenten Sound. Und diese Combo überrascht die Zuhörer gerne mit aufregend neuen, auch herausfordernden Stücken in einer singulären Kombination aus Rock, Funk, Folk und anderen Regionen des ganz großen Jazz-Kosmos.

Der schillernde Begriff des Gesamtkunstwerks trifft es vielleicht am besten. Die Texte haben Tiefgang, sie sind in der bei aller Emotion klaren Artikulation von Cécile Verny auch wirklich zu verstehen. Die drei Instrumentalisten haben nicht oft Gelegenheit, mit virtuosen Soli zu glänzen, ihre Stärke liegt in der feinen Musikalität, in der Art, wie sie die Sängerin Cécile Verny nicht nur begleiten, sondern förmlich tragen zu einer beschwingten Leichtigkeit – oder sich mitreißen lassen bei dramatischen Ausbrüchen. Und wie sie bei den Geist dieser Musik erfassen.

Das ermöglicht funkelnde Preziosen: Etwa die Komposition „Talkin`, talkin`, talkin` …“, ein Stück über das Phänomen, dass manche Leute immerzu reden, aber so gut wie nichts sagen. Köstlich, wie der Mann am Piano im Ostinato-Stil trocken und leicht entnervend das Wortgeklingel in Töne umsetzt, wie der Schlagzeuger und der Mann am E-Bass die eitle Selbstverliebtheit karikieren – und wie die Sängerin darüber ihre Melodiebögen zaubert, die genau das Gegenteil eines immerwährenden Palavers sind. Die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie besser sein könnte.

Oder die Cécile-Verny-Adaption der Variation Nr. 15 aus Johann-Sebastian Bachs gigantischem Goldberg-Zyklus, eine Komposition von Andreas Erchinger. Respekt vor dem nicht zu übertreffenden Original und der Mut, ja eine gewisse Frechheit des heutigen Jazz-Könners
gehen ineinander. Die Sängerin und das Instrumental-Trio machen sich herzerfrischend an ein musikalisches Heiligtum heran, ohne sich daran zu vergreifen.

Warum Cécile Verny seit langem als eine der besten Jazz-Sängerinnen gelten darf, wird im Birdland in allen Dimensionen erlebbar. Diese Stimme kann im Pianissimo einen einzigen Ton über schier unendliche Zeit zelebrieren, sie kann warme Melodiebögen in den Raum stellen, sie kann fauchen und zischen, tiefe Traurigkeit und Verzweiflung in der Stimme binnen weniger Takte in eine ganz andere, freie und friedliche Klangwelt verwandeln.

Die Balladen aus dem Fundus afrikanischer Folk-Musik und vor allem die musikalische Erinnerung an Vernys westafrikanische Heimat („Je ferme les yeux“) zählen zu den schönsten Momenten des Abends. Mit sehr einfachen, wenigen Motiven erschaffen die Sängerin und der Pianist eine fremde und emotional doch sofort zugängliche musikalische Welt. Abschiedsschmerz, Sehnsucht, Dankbarkeit und eine Anmutung von Glück – all dies ist zu spüren und zu hören. Aber eben in einer Weise, die von Kitsch und billiger Gefühligkeit weit entfernt ist. Da vergisst man gerne, dass zuvor gelegentlich E-Bass und Schlagzeug ein wenig laut über die Rampe gekommen waren.


Birdland Jazz Band | 21.12.2019
Neuburger Rundschau | Julia Abspacher
 

er Schnee lässt noch auf sich warten, die Temperaturen erreichten in der vergangenen Woche ebenfalls eher frühlingshafte Höhen und auch von Geschenken ist weit und breit noch keine Spur zu sehen. Ein untrügliches Zeichen, dass Weihnachten aber tatsächlich vor der Tür steht, gab es am vergangenen Wochenende dann doch: Die Birdland Jazz Band beschloss ganz traditionell das musikalische Jahr im Neuburger Jazzclub. Zahlreiche Stammgäste lauschten ihrer Hausband mit deren Programm aus Swing und Dixieland im vollbesetzten Hofapothekenkeller. Und auch die Musiker selbst, Charlie Gutsche (Klarinette, Flöte, Altsaxophon), Mirelle Hanke (Gesang), Werner Riedel (Posaune), Georg Kremietz (Trompete), Eduard Israelov (Piano), Wigg Eder (Drums und einziges noch verbliebenes Gründungsmitglied) sowie Manfred Hartlieb (Bass), hatten sichtlich Spaß an ihrem großen Moment.

In unbekannte Gefilde stürzen sich die sieben Musiker nicht an diesem Abend, sie bleiben bei dem, was sie mögen und sehr gut können: Klare Strukturen, strukturierte Soli, kurzum eine stimmige Gesamtinterpretation, bei der jeder für sich seine eigene musikalische oder gesangliche Geschichte erzählen darf. Sehr demokratisch geht es dabei zu, jeder hat reihum die Gelegenheit zu zeigen, wie er sich das vorstellt, mit dem Jazz. Weit auseinander gehen die Interpretationen dabei nicht, aber so kurz vor Weihnachten muss es ja auch nicht allzu dissonant zugehen. Eine kleine Spitze in der Trompete, ein kleiner Querschuss der Posaune reichen da vollkommen aus für die richtige Würze im weihnachtlichen Festschmaus.

Zu wahren Adventsklassiker wie „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“ gesellen sich an diesem Abend Songs, die zwar an sich nichts mit dem Christfest zu tun haben aber ebenso gut in die Stimmung passen. „Take the A Train“ von Billy Strayhorn ist melodisch genauso interessant wie „Puttin‘ on the Ritz“, in dem sich Parallelen zwischen Gesang und Piano erschließen. Ein Trio bilden Riedel, Israelov und Hartlieb für ein drei Stücke langes, begeistert beklatschtes Set im Konzert. Treibende Kraft ist hier die Posaune, sie verleiht Benny Golsons „I remember Clifford“ Melancholie und „A Night in Tunisia“ Klangkraft. Besonders laut klatschen die Jazzfreunde auch für „Georgia on my Mind“, in dem Wigg Ebert den Gesangspart spartanisch, aber
eindrucksvoll übernimmt.

Dixieland und Swing sind sicher zwei der harmonischsten, melodisch eingängigsten und rhythmisch anschmiegsamsten Stilrichtungen am bunt geschmückten Baum des Jazz. Sicher aber auch zwei, die zum Schwelgen und Entspannen einladen, die mitnehmen in eine verklärte Welt der 20er und 30er Jahre, in der vieles wohl nicht besser, aber doch wenigstens beschwingter war. Ein Jazzstandard reiht sich an den nächsten, charmant entspannt zeigen die sieben Musiker, die zusammen über 450 Jahre Lebenserfahrung mitbringen, warum für viele das Konzert der Birdland Jazz Band – zurecht – zu einem wahren Pflichttermin kurz vor Weihnachten geworden ist.


Nieberle – Morello Duo | 20.12.2019
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Jedes Jahr das gleiche Ritual. Und jedes Jahr die gleiche Vorfreude auf das Gitarrenkonzert am Freitag vor den Weihnachtsfeiertagen, wenn der unverwechselbare Klang der tiefen siebten Saite von Helmut Nieberle‘s Gitarre das Jahresende einläutet. Und jedesmal ist man gespannt, was die beiden Helmuts diesmal als Besonderheit im Gepäck haben. Dieses Mal war die Überraschung Paulo Morello. Der ehemalige Schüler von Helmut Nieberle ist heute Jazzgitarrendozent an der Nürnberger Musikhochschule, hochkarätiger Praktiker brasilianischer Gitarrenmusik und war keineswegs lediglich ein Ersatzmann für den erkrankten Helmut Kagerer.

Frei, frech und erfrischend war sein Spiel, federleicht flirrten seine Bossa Nova Akkorde durch den Raum, bei den beiden Choro bewies er seine Hingabe an die brasilianische Musik, sein Solostück erinnerte an ein Ein-Mann-Orchester im Stil des großartigen Gitarristen Martin Taylor und bei Wes Montgomery’s „Unit 7“ kam seine Bebop-Seite zum Erstrahlen. Ein vielseitiger gitarristischer Haudegen, genauso wie sein Bühnenpartner Helmut Nieberle, auf dessen Inspiration Morello‘s Vielseitigkeit wurzelt.

Nieberle konnte sich also entspannt seinem zu jeder Zeit formvollendeten Gitarrenspiel widmen. In jedem Stil zu Hause und für jede Kapriole zu haben, strotzte er wieder mal vor Reichhaltigkeit und neuen Ideen, was selbst vor den Titeln seiner Kompositionen nicht Halt macht. Seine Hommage an Count Basie nennt er „Basie Instinct“. Wie immer hatte er einen neuen Musette-Walzer in der Tradition Django Reinhardt‘s vorbereitet und einen weiteren, den er der Familie von Philipp widmete – ein Ritual, das er sich seit vielen Jahren nicht nehmen lässt.
Gut die Hälfte der rührigen Kompositionen haben die beiden Gitarristen sich selbst ausgedacht und das Programm mit Liedern von Sidney Bechet, Harry Warren oder Turner Layton gewürzt. Ein herrlicher Abend mit vor Kraft strotzender Frische, der mit der Zugabe „After you’ve gone“ enden sollte. Doch bevor die beiden Großmeister die Bühne verlassen durften, musste noch der Schnee leise durch Helmut’s Ukulele rieseln und Django Reinhardt’s „Nuages“ den Abend vollenden.


Nieberle – Morello Duo | 20.12.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Seit vielen Jahren gehört es zur Birdland-Tradition, dass das letzte Konzert vor Weihnachten im Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke in der Neuburger Altstadt von den beiden Gitarristen Helmut Nieberle und Helmut Kagerer gestaltet wird. Auch heuer ist der Raum wieder gut gefüllt, denn mittlerweile weiß wirklich jeder, dass die beiden aus diesem ganz besonderen Anlass regelmäßig für exzellenten Gitarrenjazz sorgen.

Überraschenderweise kann man selbst dann von dieser Tatsache ausgehen, wenn – wie diesmal geschehen – einer der beiden krankheitsbedingt ausfällt. Diesmal nämlich muss Paulo Morello für Kagerer einspringen, aber der ist ein absolut gleichwertiger Ersatzmann, wobei es ja eigentlich völlig unangebracht ist, bei der Nennung seines Namens an das Wort „Ersatz“ überhaupt nur zu denken. Morello und Nieberle kennen sich gut, beide haben erst vor kurzem mit „Swing Is Here To Stay“ ein gemeinsames Album veröffentlicht, und jeder weiß ganz genau, wie sein Gegenüber tickt. Es bedarf also nur weniger Minuten, bis die Sache absolut rund läuft. „Wes Montgomery’s „Unit Seven“, Chet Baker’s „There Will Never Be Another You”, Sidney Bechet’s “Si Tu Vois Ma Mère” – bei den Klassikern herrscht sowieso sofort stilles Einverständnis, das Salz in der Suppe aber sind die eigenen Stücke.

Jeder hat seine Vorlieben. Nieberle lässt in „Basie Instinct“ das Erbe des großen Count Basie durchschimmern und setzt später mit einer sehr persönlichen Bearbeitung von „Someday You’ll be Sorry“ Louis Armstrong ein Denkmal, Morello frönt als Komponist und als Gitarrist seinen großen Leidenschaften, dem Bossa Nova und dem Valse Musette. Als Duo sind die beiden kaum schlagbar. Man geht unisono ein Stück gemeinsam des Weges, fängt dann an, sich gegenseitig zu umkreisen, zu umtänzeln und anzustacheln. Die Wege trennen und vereinen sich wieder, einer entwendet dem anderen eine melodische Figur, macht sie zu seiner eigenen. Man lässt sich sogar auf eine Verfolgungsjagd ein, bis beide schließlich, treulich vereint, einschwenken auf die gemeinsame Zielgeraden. Nur wenn zwei Musiker aufeinandertreffen, die eine gemeinsame Sprache sprechen, funktionieren solche Prozesse. Sie zu verfolgen, ist in höchstem Maße interessant und eine Sache für musikalische Feinschmecker.

Am Ende müssen die beiden drei Zugaben geben und das Fazit ist offenkundig: Das traditionelle Weihnachtskonzert in Form eines Gitarrenkonzerts war wieder einmal ein überaus gelungener Abschluss des Kalenderjahres im Birdland. Die Frage, ob Kagerer oder Morello besser zu Nieberle passt, stellt sich gar nicht. Vielleicht treten ja alle zusammen im nächsten Jahr als Trio auf? Was spräche dagegen? Bis dahin erstmal: Danke für den schönen Abend, Helmut Nieberle und Paulo Morello! Und gute Besserung, Helmut Kagerer.


Echoes of Swing & Rebecca Kilgore | 19.12.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Ein Konzert mit Winterliedern und Christmas-Songs im Gewand des Swing? Klingt nicht eben sonderlich spannend. Ist es aber. Weil sich nämlich Echoes Of Swing der Thematik annehmen, als Gäste die amerikanische Sängerin Rebecca Kilgore und den Gitarristen Rolf Marx mit auf die Bühne des Neuburger Birdland Jazzclubs bitten und mit Originalität, Witz und Können gehörig Schwung in die Bude bringen.

Die üblichen Christmas-Heuler, mit denen man ansonsten pünktlich zum Fest überschüttet wird, und der typische Vintage-Swing, den man so gern aus der Versenkung holt, wenn’s partout besinnlich werden muss oder unbedingt die alten Zeiten wiederbelebt werden sollen, haben an diesem Abend keine Chance. Nein, denn auch bekannte Komponisten wie Hoagy Carmichael und Irving Berlin haben doch nicht nur Standards geschrieben sondern auch bis heute relativ unbekannt gebliebene Stücke, Johann Sebastian Bach klingt doch auch gut, wenn er swingt, und Weihnachten wird’s ja schließlich auch in der Karibik, wenn auch unter Palmen statt unter Nordmanntannen. Also müssen auch Motive aus einer seiner Englischen Suiten und eine waschechte Calypso-Nummer mit ins Programm. Oder Vertonungen von Wintersonetten von Shakespeare und Emily Brontë. Warum auch nicht? Funktioniert doch hervorragend.

Spielformen, die erst weit nach dem Goldenen Zeitalter des Swing entstanden sind, werden munter in die Originale eingewebt und „weil man um diese Nummer einfach nicht herumkommt“, wie Bandchef und Pianist Bernd Lhotzky in seiner unvergleichlich trockenen Art sagt, spielt die Band schließlich dann mit „Winter Wonderland“ doch noch einen echten Gassenhauer. „Es sollte klingen, wie wenn ein Skifahrer nach dem Sturz ein Gipsbein hat und mit Krücken geht“, sagt er und flugs wird aus dem Vierviertel- ein Fünfvierteltakt.

Colin Dawson (Trompete), Chris Hopkins (Altsaxofon), Henning Gailing (Kontrabass), Oliver Mewes (Schlagzeug), Lhotzky und Rolf Marx spielen ungemein tight, sind sehr eng verwoben und klingen doch herrlich transparent. Rebecca Kilgore hat als Sängerin mit Nonchalance, lässiger Grandezza und souveräner Eleganz natürlich eine Ausnahmestellung, pocht aber nicht darauf, sondern fügt sich wunderbar ein in den Klangkörper, dessen Musik in diesem glasklaren aber doch so warmen Sound eine wahre Wohltat ist. Einerseits sagt man ihr ja nach, eine der besten Interpretinnen des American Songbook überhaupt zu sein, andererseits brilliert sie aber auch als Komponistin so hinreißender Stücke wie „It’s Getting To Be That Time Of The Year“, das sie, wie sie erzählt, während eines Schneesturms in Oregon geschrieben hat.

Wer hätte gedacht, dass es unter der Überschrift „Swing“ noch so viel zu entdecken gibt. Noch dazu unter dem Motto „Santa Claus & Co.“ Da muss jeder Weihnachtsmuffel doch unweigerlich zum Fan werden.


Echoes of Swing & Rebecca Kilgore | 19.12.2019
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Wenn die Basstrommel geheimnisvoll-erhaben rollt, wenn die Trompete ein paar mit dem Dämpfer katalysierte Growls hervorpresst, das Altsaxofon sich wie ein Mauersegler in den dabei entstehenden Aufwind legt und das Piano wie spritziger Champagner perlt, dann klingt das unzweifelhaft wie die Echoes Of Swing, Europas erfolgreichstes Retro-Jazzensemble. Aber diesmal ist einiges anders. Da drechselt plötzlich ein Bassist kunstvoll seine filigranen Linien in das fesche Soundgefüge hinein, ein Gitarrist zickt sich ganz behutsam in Rage. Und vor allem: Eine Sängerin steht mit auf der Bühne. Das, was bislang ohne jedwede vokale Garnierung auskam, nur getragen von dem schaufelnden Swing-Raddampfer des ungemein populären Quartetts, das funktioniert mit einem mal auch in starker Septett-Besetzung.

Da herrscht drangvolle Enge, nicht nur auf, sondern traditionell auch vor der Bühne. Der Hofapothekenkeller ist brechend voll – und das an einem Donnerstagabend kurz vor Weihnachten, nicht zuletzt weil die Fans der „Echoes“ den Swing in dieser besonderen Form lieben und hoffen, dass sie zu diesem besonderen Datum mit einigen klingenden Geschenken zum Fest verwöhnt werden. Und, was Wunder: Die Echoes-Of-Swing-XL-Version tut den Leuten natürlich den Gefallen.

Die musikalische Bescherung erfolgt schon fünf Tage früher, vor allem weil die Stammmitglieder Colin T. Dawson (Altsaxofon) und Chris Hopkins (Trompete) an den vereinigten Blaswerken immer mehr ihre Kräfte zu verdichten verstehen, während Bernd Lhotzkys Hände über die 88 Tasten des Bösendorfer-Flügels federleicht tanzen, dass einem warm ums Herz wird. Über die Qualitäten von Oliver Mewes am Drumset noch Worte zu verlieren, hieße sowieso, eine Dixieland-Combo nach New Orleans zu tragen. Dieser Schlagzeuger bedient sich zwar alter, längst in Vergessenheit geratener Techniken, klingt aber zu keiner Sekunde altbacken, sondern gibt der grandiosen Performance mit seinem vertrackten Backbeat erst den richtigen Swing-Kick.

Dass sich die „Echoes“ in diesem Jahr vergrößert haben, ist ihrer ungebrochenen Experimentierlust geschuldet, die sich nie auf das bloße Rekapitulieren muffiger Evergreens beschränken würde. Ein Bassist wie Henning Gailing war mit seinem Walking-Bass eigentlich sowieso die logische Konsequenz, ebenso wie der feine Gitarrist Rolf Marx, der mit zwei fast unhörbar leisen katalanischen Weihnachtsliedern auf der Akustischen angenehm gedämpften Akzente setzt. Und dann ist da vor allem die famose englische Sängerin Rebecca Kilgore, die sich als traumhaft intonationssichere Stimme elegant wie eine Balletteuse zwischen den Instrumenten zu bewegen weiß. Ein frische, perspektivisch interessante Ergänzung, die vor allem in Songs wie „Snow“ von Irvin Berlin ihre stärksten Momente besitzt.

Dabei entsteht eine rasante Schlittenfahrt von der Brexit-Insel, wo Kilgore, Dawson und Hopkins herstammen, in die deutsche Tiefebene und weiter galoppierend in Richtung Voralpenland, mit einem ausgedehnten Zwischenstopp im Birdland-Keller. Dort grooven sich Künstler wie Publikum gleichermaßen selig-launig auf die anstehenden Feiertage ein: „Santa Claus Is Coming To Town“, „3 Wise Men“ (Die drei Heiligen Könige), viel Klingeling, gute Laune und jede Menge feinster Swing. Die heftig erklatschte Zugabe handelt schließlich von einer Glocke, die ihren Klöppel verloren hat („The Bell That Couldnʼt Jingle“). Das Finale eines Ohrenschmauses, wie auch die kabarettreifen Ansagen von Bernd Lhotzky. Und die Gewissheit, dass Weihnachten ohne Swing eigentlich nur halb so schön ist.