Aktuelle Presseberichte

Lisbeth Quartett | 10.02.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

In der Ruhe liegt die Kraft. Klang und Tiefe, Farbe und Versenkung, Leichtigkeit und Bewegung: Das Lisbeth Quartett zelebrierte im Neuburger Birdland die Macht der leisen Töne. In bezwingender, sirenartiger Dichte beschwor das junge Quartett um Charlotte „Lisbeth“ Greve alle guten Geister jazziger Kammermusik. In zarter, filigraner Eindrücklichkeit spielte die Band Musik von betörender Intensität und inniger Vitalität. Facettenreichtum, Lebendigkeit und natürliche Gelassenheit kennzeichneten das makellos ineinander greifende Zusammenspiel der Vier, allesamt und je für sich überragende Instrumentalisten, in geradezu blindem Verständnis für das Ganze, völlig ohne auch nur den geringsten Hauch irgendwelcher Egotrips oder Selbstdarstellung.

Nachwuchs? Das ist schon deutlich mehr. Die gerade 30 Jahre alt gewordene Altsaxophonistin, Flötistin und Komponistin Charlotte Greve kann, obwohl inzwischen nach New York übersiedelt, als eine der tragenden Hoffnungen des deutschen Jazz gesehen werden. Sie verfügt über einen so eigenständig charakeristischen, individuellen Sound, dass Vergleiche kaum möglich sind, sensitiv, warm, luftig und zart, gleichwohl bestimmt, gültig und von unwiderstehlicher Stärke. Die Kompositionen sind nachvollziehbar, komplex und leicht zugleich, die Melodielinien von beeindruckender Durchdachtheit, Reife, innerer Logik und Konsequenz, mit einem kräftigen Touch klassischer europäischer Musiktadition, immer offn für Impulse spontaner Fantasie und Kreativität. Romantische Lyrizismen wechseln im unentwegt beweglichen Schlagzeug-Groove von Moritz Baumgärtner unmittelbar zu quirlig urbanem Tempo. Impressionen voller Ruhe, Raum, Klarheit und Tranzparenz führen immer wieder zu kleinen feinen Wirbeln geradezu hypnotischer Energie, denen Manuel Schmiedel am Flügel und Marc Muellbauer am Bass pastellfarbene Tupfer und kräftige Grundierung beifügen. Das alles ohne Hektik und Kraftmeierei, in aller Ruhe, mit umso stärkerer Sogkraft.


Uli Beckerhoff Quartett | 09.02.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Ungestüm ist das Vorrecht der Jugend. Der Trompeter und Flügelhornist Uli Beckerhoff, jahrelang Professor an der Folkwang Hochschule in Essen und grad mal siebzig Jahre alt, hat ein paar seiner Ex-Studenten um sich versammelt um den „Heroes“ zu huldigen. Dabei vermeldete der Wetterbericht, italienisch „Meteo“ – in Anspielung auf „Weather Report“, die Fusion Supergroup der 70er – erst mal reichlich frischen Wind. Der wehte denn auch recht kräftig in den Neuburger Jazzclub. Die Generationen übergreifende Inspiration war von Beginn an mit Händen zu greifen und zog sich durch den ganzen Abend. Im „Unseen Movie“, der mühsam erarbeiteten Filmmusik zu einem Streifen, der schließlich doch nicht erschien, reduzierte sich das Tempo ein Stück und gab der Melodiosität Raum, für die Beckerhoffs warmer, glänzend schimmernder Ton wie geschaffen ist. Das sizilianische „Capo d’Orlando“ schließlich scheint der ideale Ort, die Seele baumeln zu lassen an leicht und wie im Hauch bewegtem Meer.
Beckerhoff zeigte sich bei seinem zweiten Auftritt im Birdland als Meister der Ausdruckskraft, der Vielseitigkeit, der klaren musikalischen Sprache. Die Liste der Heroes war umfangreich und variabel, zusammengehalten von der suggestiven Klangkraft von Beckerhoffs Flügelhorn: Antonio Carlos Jobim kam darin vor, John Coltrane, Jimi Hendrix, die Helden des Bebop und des Jazzrock.
Immer wieder überließ der Meister den Jüngeren das Feld, verließ dazu ab und an sogar die Bühne, gewährte Eigenständigkeit und Freiheit, welche die Youngster auch weidlich nutzten. Richard Brenner, der den Flügel behände Läufe entlockte, Moritz Götzen mit präsentem Bass, Niklas Walter mit markantem Schlagzeug und Tim Bücher mit abwechslungsreichem, vielseitigem Gitarrenspiel bereicherten in eigenständiger Souveränität den Abend mit unverblümter, unbefangener, unverstellter Spiellust. Auf hohem Niveau freilich, in abgeklärt punktgenauer Bindung zum Zentrum ihrer überaus konzentrierten Interaktion. Absolut spürbar waren immer auch die musikalischen Bande, die sie mit dem vierzig Jahre älteren Beckerhoff verknüpften in beflügeltem Dialog. Wohl dem Lehrer, dessen Schüler dem Altvorderen nicht nur auf Augenhöhe zu begegnen vermögen, sondern seine Impulse in respektvoll autarker Weiterentwicklung in die Zukunft tragen.


Vincent Herring „Soul Chemistry“ | 03.02.2018
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Wer sein Vorurteil über Jazz wie eine Monstranz vor sich herträgt, wer ihn permanent als Kopfmusik mit Ungenießbarkeitsfaktor verunglimpft und ihm permanent bescheinigen will, er sei nicht mehr relevant, der fehlt an diesem Samstagabend im Neuburger „Birdland“. Stattdessen säumen wieder alle jene Unbelehrbaren den Keller unter der Hofapotheke, die noch an die Kraft der Saxofone, die Urwüchsigkeit des Groove und den Zauber einer echten Hookline glauben. Und das sind erstaunlicherweise immer noch eine ganze Menge.

Keineswegs nur solche, die sich wehmütig an die Zeit erinnern, als Jazzclubs noch subversive Orte im Underground waren, das Bier in der linken und die Kippe in der rechten Hand, die Augen geschlossen. Das Durchschnittsalter im einmal mehr ausverkauften Neuburger Jazzclub liegt beim Gastspiel des amerikanischen Altsaxofonisten Vincent Herring erstaunlich niedrig. Denn das Geheimrezept „Hardbop“ funktioniert auch 2018 noch prima. Innerhalb von maximal vier Takten verscheucht es im Nu Ermüdungstendenzen und die Furcht vor Klang-Experimenten. Stattdessen: Hüftkreisen und kopfwippende, rundum zufriedene Menschen, bei denen die einst von Art Blakey und Cannonball Adderley erprobten Ingredienzien Swing (bitte scharf und roh!), Funk, Soul, Blues, Polyrhythmen und Gospel in der stimmigen Mischung ihre volle Wirkung entfalten.

Doch zum Gelingen eines solch höllischen Hardbop-Gebräus, die der Protagonist selbst „Soul Chemistry“ nennt, braucht es zwingend einen erfahrenen Magier, der selbst als Kind mindestens einmal in diesen Zaubertrank gefallen sein muss. Vincent Herring, inzwischen mannhafte 53 Jahre jung, gastierte schon in den Anfangsjahren im Keller unter der Hofapotheke und hat sich hier längst eine Art Stammpublikum erspielt. Mit seinem singenden, voluminösen Ton, der sich wie eine Schleife um die jeweiligen Themen legt, mausert sich der Mann aus Hopkinsville/Kentucky immer mehr zum Bewahrer einer Lehre, die den Jazz auch für ein größeres Publikum als hoch attraktive, durchaus auch zeitgemäße Musikform am Leben erhält.

Hardbop in der Machart Herrings scheint zu jeder Zeit leicht und unkompliziert, bedarf aber einer enormen Komplexität und handwerklichen Brillanz. Etwa von dem wunderbar hippeligen Pianisten David Kikoski, der mit seiner unvergleichlich funkigen Farbigkeit dem Quartett seinen ganz eigenen Stempel aufdrückt. Einen enorm wichtigen Job absolvieren derweil Bassist Essiet Okon Essiet und der Schweizer Drummer Joris Dudli, ohne die es kaum dieses wohlige Gefühl in der Magengrube gäbe, das der Altsaxofonist und der Mann am Klavier lustvoll als Vehikel für ihre berauschenden Soli benutzen.

Vieles was einen Jazzclub früher auszeichnete muss heute keineswegs schlecht sein (bis auf das Rauchen!). Das Publikum klatscht und antwortet unmittelbar auf Vincent Herring, dessen sonore, knochentrockene Ansagen schon allein das Kommen lohnen. Es genießt einen auf offener Flamme gegrillten dreckigen Blues in C, feiert das Beatles-Cover „Norwegian Wood“, Freddie Hubbards rumpelndes „D Minor Mint“ oder den fluffigen Standard „Sweet And Lovely“. Als dritte Zugabe und zum Abschied widmet die Band David Newmans „Hard Times“ der Gegenwart in den USA. Charmanter und feinsinniger kann man eine politische Botschaft kaum in ein Jazzkonzert verpacken. Und gleichzeitig damit die Hoffnung nähren, dass es für beides eine Zukunft gibt.


Vincent Herring „Soul Chemistry“ | 03.02.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Vorgängerband hieß “Earth Jazz”, die aktuelle nennt sich “Soul Chemistry”. Wer allein angesichts der Namensgebung an diesem Abend beim Konzert des Altsaxofonisten Vincent Herring und seines Quartetts im Neuburger Birdland Jazzclub statt entrückter oder gar verkopfter Musik eher Jazz mit Bodenhaftung erwartet, liegt genau richtig. Nicht umsonst wird Herring nachgesagt, er sei der legitime Nachfolger von Cannonball Adderly, und hätte wie jener damals unverkennbar eine Ader für Soul, Funk und Rhythm ’n’Blues.

Sein Ton ist mächtig, voluminös und trifft den Zuhörer direkt in der Magengegend, seine Improvisationen sind messerscharf und scheinen wie in Stein gemeißelt und als Bandchef legt er Wert darauf, dass bei den für diesen Abend ausgewählten Stücken erst einmal diese unvergleichlichen Hardbop-Themen ausgiebig vorgestellt werden, bevor er oder einer seiner Kollegen in die Improvisation einsteigt. Das erleichtert den Zugang, macht die Sache griffig. Von „Jazz aus dem Elfenbeinturm“ weit und breit keine Spur.

An dieser Stelle kommt die Band ins Spiel, die sich aus dem Schlagzeuger Joris Dudli und dem nigerianischen Kontrabassisten Essiet Essiet zusammensetzt und – was an diesem Abend entscheidend ist – aus dem Pianisten David Kikoski. Schon bei Hank Mobley’s „Pat’n’ Chat“ und Dudli’s „Art“ ganz zu Beginn des zweistündigen Konzerts wird deutlich, dass Kikoski gar nicht daran denkt, hier den Begleitmusiker abzugeben. Mit ganzer Kraft und schier unglaublichen Ideenreichtum schnappt er sich die Freiräume, die ihm Herring zugesteht, und legt los wie der Leibhaftige. Auch er akzeptiert die per definitionem festgelegte Bandbasis, tobt sich auf dieser Grundlage aber dermaßen aus, dass man mit dem Staunen kaum nachkommt. Wer diesem David Kikoski freie Hand lässt, erlebt sein blaues Wunder. Was immer ihm im Laufe des Abends durch den Kopf gehen mag, donnert er in die Tasten, macht er vermittels des Flügels hörbar. Verwegen, abenteuerlustig, ausgefuchst, technisch virtuos sowieso – ja, Kikoski ist eine Klasse für sich. Er quillt schier über vor Lust an der Improvisation. Es ist unglaublich, und wer’s nicht mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hat, hat wahrlich etwas versäumt. Herring weiß natürlich, wie sein Kollege drauf ist und ist klug genug, ihn immer wieder in den Vordergrund zu rücken.

Und so spielt sich die Band – obwohl das Birdland-Konzert das erste der aktuellen Europa-Tournee ist und somit ein klein wenig Sand im Getriebe durchaus hinnehmbar wäre, vor allem in der zweiten Hälfte in einen wahren Rausch. Dass das Publikum das alles nicht kalt lässt, ist klar. Statt zweier Zugaben hätten es auch drei oder vier sein dürfen!


Claus Koch – Kuno Kürner Quartet
„Tribute To Coleman Hawkins“ | 02.02.2018

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Tribute To Coleman Hawkins war der Abend übertitelt, und in der Tat: Der Begründer des Saxophons als Soloinstrument im Jazz kam in facettenreicher Präsenz zur Geltung im Birdland Jazzclub. Das Claus Koch – Kuno Kürner Quartet wartete auf mit lebendigem swing von hoher Authentizität, auf den Tag genau 27 Jahre nach dem ersten Konzert im Keller unter der Hofapotheke .
Da brannte die Luft, wurde im Uptempo auf heißer Flamme gekocht, zeigte sich klassischer Jazz von seiner energetischen Seite mit jeder Menge PS. Heftig, hurtig, bissig mit jenen typischen Riffs, aus denen Coleman Hawkins seinerzeit seine mitreißenden Soli entflocht. Wobei, es kühlte auch mal ab zwischendurch in der zärtlichen Betrachtung des „Angel Face“. Claus Koch beherrscht beides, die forsche Attacke „Out of Nowhere“ und die kuschlige Ballade. Sein Tenorsaxophon füllte den Neuburger Jazzkeller bis in den letzten Winkel mit Volumen und Glanz. Bei aller Orientierug an den historschen Vorbildern, vor allem Colman Hawkins, aber auch Lester Young, Ben Webster oder Hank Mobley, ist der Sound des Saxphonisten von erkennbarer Eigenständigkeit, geprägt von sanglicher Klarheit und süffigem Fluss, durchdrungen von swing und Brillanz. Mit Giorgos Antoniou am Bass und Michael Keul am Schlagzeug, die beide immer weider auch solistisch präsent waren, stand ihm eine Rhythmuscrew zur Seite, die den Klassikern der Swing-Ära nur so die Sporen gab, drängte und anschob, dass es eine Freude war. Eine echte Überraschung: Der Schwarzwälder Pianist Kuno Kürner, den selbst Kenner der Szene nicht unmittelbar auf dem Schirm haben dürften. Was der aus den Tasten des Bösendorfers zauberte, setzte in den Abend eins ums andere Mal Glanzpunkte pianistischer Magie. Beide, Koch und Kürner haben bei Barry Harris studiert, dem langjährigen Begleiter Colmen Hawkins‘. Beide stehen demgemäß in unmittelbarer Überlieferungslinie zu dem, der an diesem Abend erinnert wurde, einem der wahren Giganten der Jazzgeschichte. Dies sorgte für ein Höchstmaß an Echtheit, ohne indes die Musik in traditionalstische Fesseln zu legen. Auf’s Ganze gesehen zeigte sich denn auch weniger Historismus als pure Gegenwart, nicht zuletzt mit Annette Neuffer, deren wunderbare Singstimme mit „Body and Soul“ ins Geschehen eingriff und den Zauber des Abends noch einmal veredelte.


Thilo Wagner Trio | 27.01.2018
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Der hinreißende Klavierstil von Thilo Wagner ist oft als „höllisch swingend“ beschrieben worden. Da ist was dran. Dieser Spitzen-Pianist aus Stuttgart kann einen schon auf den Gedanken bringen, das gehe doch mit dem Teufel zu – wie er aus einfachen Melodien und bekannten Arrangements vertrackte, verzaubernde,verblüffende Glanzlichter des Swing aufblitzen lässt.

Man könnte freilich auch von „himmlisch swingend“ sprechen. Der massige Mann am Klavier gibt seinen musikalischen Geniestreichen auch in den wildesten Tonkaskaden eine wunderbar schwebende Leichtigkeit, einen sphärischen Charakter, abgehoben von aller Erdenschwere. Thilo Wagner ist groß im Kleinen, und er ist ein Magier der leisen Töne.

Der Mann verbindet Präzision im Rhythmus, tiefes Gefühl in seinen Balladen und selbstverständliche Virtuosität mit musikalischen Witz. Aus dem Nichts heraus streut er (manchmal raffiniert verfremdete, manchmal sofort erkennbare) Zitate aus der großen Blues-Tradition ein. Dann registriert er den „Ah, das kenn ich doch-Effekt“ im Publikum mit einem spitzbübischen Lächeln – und ist musikalisch schon wieder ganz woanders. Der Mann erfreut seine Zuhörer nicht nur, er fordert sie auch.

Diese Leichtigkeit des musikalischen Seins überträgt Thilo Wagner auch auf seine vorzüglichen Triopartner Gregor Beck (Schlagzeug) und Jean-Philippe Wadle am Bass. Die drei feinen, bei allem virtuosem Glanz eher zurückhaltenden Vollblutmusiker liefern nicht nur eine Folge von tollen Soli ab, sie gefallen sich nicht selbst oder wollen dem Publikum allzu sehr gefallen. Das Thilo Wagner Trio macht swingende Kammermusik, hoch konzentriert.

Das Bassist Jean-Philippe Wadle entlockt seinem Instrument samtene Töne voller Emotion. Und er weiß, wie spannend gerade die Piano-Passagen sein können. Das ist die hohe Kunst, aus wenig viel zu machen. Die Welt des Piano hat es auch dem Schlagzeuger Gregor Beck angetan. Dieser Mann an den drums, der viele Jahre mit einem Weltstar wie Chris Barber um den Globus getourt ist, hat natürlich alles drauf – auch die fetzigen, ekstatischen Knalleffekte. Aber Gregor Beck setzt diese Blitzlichter klug dosiert ein, er lässt sich nicht fortreißen zu einem lautstarken Blendwerk.

Kammermusikalische Qualität eben. Wie das klingt – betörend und spannend – zeigt sich am schönsten an zwei Jazz-Balladen aus den 60-er Jahren: „Shadow of your smile“, der Titelsong aus einem Film mit Liz Taylor und Richard Burton, und die Nummer „Edelweiß“ von Richard Rogers aus einem berühmten US-Songbook. Beide Nummern sind nicht mehr oft zu hören, Thilo Wagner drückt sich mit der Bemerkung „das spielt heute keine Sau mehr“ deutlich genug aus. Vielleicht deshalb, weil man zum Beispiel „Edelweiß“ schon zu oft auf eine zu abgenutzte Art und Weise gehört hat.

Das mag ein Argument sein, das ja auch für klassische Schlager wie Mozarts Divertimento in G-Dur („Kleine Nachtmusik“) oder Schumanns „Träumerei“ zutrifft. Oder zutreffen kann. Aber all das gilt nicht, wenn man aus „Shadow of your smile“ und „Edelweiß“ so tolle Balladen macht wie es dem Thilo Wagner Trio gelingt. Die drei nehmen diese Musik ernst, sie bringen mit dem richtigen Swing Pep und Drive hinein. Und sie widerstehen allen Versuchungen, den schnulzen-affinen Elementen nachzugeben, die in diesen Nummern auch angelegt sind. Diese Musik ist mit Hirn, Herz und Hand gestaltet. Wobei das Hirn den anderen beiden im Zweifel sagt, wo es langgeht. Darauf kommt es an.


Martin Auer Quintett | 26.01.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

In seltenen, wertvollen Momenten tropften die Töne nur mehr in den Raum, versammelten sich zu meditativ versunkener Stille. Die meiste Zeit indes prasselte das Feuer, sprudelten die Ideen, gleißten Energie und Temperament. Was das Martin Auer Quintett im Neuburger Birdland Jazzclub unter dem Motto „So Far“ – dies der Titel der aktuellen CD – darbot, war deutlich mehr als die Bestandsaufnahme einer Jazzband, die seit nunmehr dreiundzwanzig Jahren zusammen spielt. Das Konzert fühlte sich eher an wie ein Statement aus der Mitte des Jazz, bot es doch alles, was diese Musik so attraktiv macht: Griffige Themen, rassige Soli, beeindruckende Virtuosität, punktgenaues Zusammenspiel, hellhörige Kommunikation, knackige Rhythmen, harmonische Finesse, kreative Wendungen, Energie und Sammlung. Jazz lebt von der Überraschung, von der Freiheit der Alternativen, der jeweils anderen Möglichkeit, der frappanten Logik jener Optionen, die immer wieder auch gegen den Strom schwimmen. Wenn eine Band es schafft, das in einem homogenen Ganzen zusammen zu fügen und auf den Punkt zu bringen, dabei zugleich ganz nah beim Pubklikum zu bleiben, ohne sich zu verzwingen, ist schon viel gelungen. Spaß gemacht hat’s eben auch, vor und auf der Bühne. Immer wieder grinste Martin Auer, ein exzellenter Trompeter, der die Starkstrom-Attacke ebenso souverän beherrscht wie die samtige Ballade, als primus inter pares, wenn einem der Kompagnons wieder eines der wirklich tollen Soli gelungen war, mit denen der Abend sich im Überfluss schmückte. Allen voran Florian Trübsbach, der am Alt- wie am Sopransaxophon – eine seltene Kombination – rasante Kaskaden aus dem Trichter hervorsprudeln ließ. Nicht minder Jan Eschke, der den Flügel förmlich tanzen ließ mit hurtigen Läufen und weitem Schwingenschlag. Nicht zuletzt dem inspirierenden Groove von Andreas Kurz am Bass und Bastian Jütte am Schlagzeug folgte der geneigte Hörer gern auf dem Weg in die Mitte des zeitgenössischen Jazz. Bis hinein in die ganz stillen Momente.
hj


Till Martin Trio | 20.01.2018
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Der Blues kann auch leise sein, sanft und duftig. Jedenfalls dann, wenn ihn Till Martin spielt. Der Müchener Saxophonist setzte mit seinem schlagzeuglosen Trio im Neuburger Birdland ein deutliches Zeichen dezenter Spielkultur. Der Einstieg ins Konzert präsentierte das Saxophon solo, erst nach etlichen Takten kam mit alertem Groove der Bass hinzu, wiederum später mit lichten Akkorden das Klavier. Till Martin am Tenorsaxophon, Henning Sieverts am Bass und Christian Elsässer am Bösendorfer Flügel machten von Beginn an deutlich, worum es ging an diesem Abend: Transparenz, Licht und Luft zum Atmen, Musik mit Understatement und coolenm Touch, die sich nicht aufdrängte, sondern leise und mit Bedacht um die Aufmerksamkeit warb. Keine Hektik, kein Stress, dagegen Vertiefung, Ruhe, Sorgfalt und Behutsamkeit. Mit großem Respekt war das Programm jenen Musikern gewidmet, die für Till Martin wegweisende Bedeutung haben: Jimmy Giuffre z.B., der an Klarinette und Saxophon die Tradition Lester Youngs weiterführte, in „JG Blues“, Duke Ellington, dessen Klavierspiel Till Martin nach wie vor für besonders beeindruckt, in „Yellow Ans Blue“ oder Bill Evans in „Bill’s“. Die sehr persönliche Annäherung an die Idole bezog diese sehr intensiv auf die eigene musikalische Entwicklung und Persönlichkeit. Martins Sound zeigte sich von einer leichten Sprödigkeit getragen, dennoch atembetont klangschön mit kontrolliertem Volumen, mehr die Wärme des Holzes als die Kühle des Blechs betonend. Klang ging vor Tempo, Ruhe vor Sturm, wenngleich Virtuosität ab und an aufblitzte bei allen Dreien, eher jedoch, um die Gelassenheit zu unterstreichen als sie zu unterbrechen. „Tiny Swing“: Kammermusik im besten Sinne des Wortes, ein ausgezeichnet ausbalancieres Trio, das aufeinander hörte, Räume erschließen, Gestalten entwicklen und Geschichten erzählen konnte, aufs Wesentliche reduziert, jedoch mitnichten minimalistisch. Denn zugleich nahm das Trio mit in die Faszination des Farbenspiels, das diese herzenswarme, organische, erdverhaftete, nicht zuletzt auch mit leisem Humor und implizitem Groove durchsetzte Musik auszeichnete.


Jesse Davis Quartet | 19.01.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Ist es möglich, Geschichten zu erzählen, ohne ein Wort zu sagen? Es ist eine hohe Kunst, aber Jesse Davis, Altsaxofonist aus New Orleans, beherrscht sie. Wehmütige, fröhliche, sinnliche, ausgelassene und natürlich Geschichten voller Liebe bietet er seinem Publikum an diesem Winterabend im Birdland-Jazzclub, den er gerade noch rechtzeitig erreicht hat, nachdem er wegen Orkantief Friederike geschlagene 24 Stunden in Fulda festgesessen hatte.

Davis leistet sich den Luxus, mit einer seiner intimen, wunderschönen Balladen ins Konzert einzusteigen. Besser gesagt, er schleicht sich mit „Pray Thee Be Free“ hinein in den Abend, bescheiden, ohne große Geste. Er sondiert erst einmal die Lage, dann kommt – passend zur Witterung – „Beyond The Storm“ und dann, ja, dann reiht sich ein Kleinod ans nächste. Das packende „Juicy Lucy“ von Horace Silver, das eigene „Innuendo“, „Blue Autumn“ und „It’s Just Farewell“.

Ziemlich schnell wird klar: Davis hat einen ziemlich starken Bezug zu den musikalischen Traditionen seiner Heimatstadt und sieht seine Aufgabe darin, sie in den Modern Jazz zu „übersetzen“. Und er liebt des Blues. Das ist für einen Geschichtenerzähler natürlich von Vorteil. Als ginge ihm das Herz über, quellen und sprudeln die Töne nur so aus seinem Instrument heraus. Mit ihm jubelt er, jauchzt er und ist voller Lebenslust, mit ihm drückt er Trauer aus und Wehmut, mit ihm schwelgt er in Erinnerungen.

Seine Band spürt ganz genau, um welche Story es bei den einzelnen Stücken geht. Es ist überaus interessant zu beobachten, wie Claus Raible am Klavier, Martin Zenker am Kontrabass und Minchan Kim am Schlagzeug das harmonische Fundament als Basis betrachten, um von dort aus Davis‘ Geschichten zu kommentieren, dann und wann sogar ein neues Kapitel hinzuzufügen und sie somit weiter zu erzählen. Martin Zenker erweist sich in dieser Hinsicht als besonders mutig, Claus Raible geht die Sache eher „verspielt“ an, und Minchan Kim sorgt mit je nach Bedarf federleichtem bis durchaus bodenständigem Puls für die optimale Erdung. Es gib Momente während dieser zwei Stunden, da stellt sich Gänsehaut ein. Auch Davis selbst scheint von der Atmosphäre im Club sichtlich beeindruckt. Als er sich für die freundliche Aufnahme im Birdland bedankt, für die Begeisterung beim Publikum, da ist das mehr als Höflichkeit. Man sitzt nahe genug dran an ihm, um das zu bemerken.

Am Ende verlässt er mit strahlendem Lächeln die Bühne, umarmt seine Fans und schüttelt allen die Hand, die ihm begegnen auf dem Weg zur Garderobe. – Manchmal ist ein Konzert auch für den Künstler eben doch mehr als lediglich ein aus ökonomischen Gründen zu absolvierender beruflicher Termin. Schön, wieder mal daran erinnert worden zu sein.


Cécile Verny Quartet | 12.01.2018
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wenn sie sich auf einer Bühne besonders wohl fühle, singe sie am liebsten barfuß, sagt Cécile Verny. Und schon fliegen ihre Slingpumps in die Ecke. Für zwei Konzerte ist sie mit ihrer Band im Birdland zu Gast, und zumindest beim ersten – denn von ihm ist hier die Rede – zieht sie, sobald sie sich der Schuhe entledigt hat, alle Register. Vermutlich könnte man ihr an diesem Abend auch das Telefonbuch ihrer Geburtsstadt Abidjan vorlegen, und das Ergebnis wäre immer noch großartig.

Es gibt Momente, in denen einfach alles passt. Dies ist so einer. Cécile Verny ist – je nachdem, was die jeweilige Komposition verlangt – sinnliche Jazzdiva, stimmgewaltige Gospelsängerin, von Emotionen gebeutelte Soullady oder – wie bei dem wuchtigen „To Thomas Butts“ im Bo Diddley-Groove kurz vor der Pause – alles in Grund und Boden singende Bluesmama. Welche Rolle sie für sich auch beansprucht, jede füllt sie mit Bravour aus, in jeder ist sie überragend.

Um derart Großes zu vollbringen wie Verny an diesem Abend, ist es nicht nur entscheidend, wie man singt, sondern auch was man singt. Immer wieder nimmt sie sich Gedichte des englischen Lyrikers William Blake vor, deren Vertonung freilich liegt in den Händen ihrer Bandmitglieder. Andreas Erchinger (Klavier, Keyboards), Bernd Heitzler (Kontrabass, E-Bass) und Lars Binder (Schlagzeug, Perkussion) sind nämlich nicht nur überaus versierte Musiker, sondern auch exzellente Komponisten und Arrangeure. Die pure Energie hinter der Blake-Adaption „Holy Thursday“, der fragile Habitus bei „Poison Tree“, schließlich der relaxte Funk-Groove bei „The Wild Heart Of The Dark“ – jede dieser Nummern sind kleine kompositorische Meisterwerke. Wobei Andreas Erchinger ein besonderes Händchen für Balladen zu haben scheint. Er geht mit ihnen nicht nur in harmonischer Hinsicht absolut unübliche Wege, sondern legt sie auch so an, dass sie sich in ihrem Verlauf unaufhörlich steigern bis zum fulminanten Schlussakkord, so dass man als Zuhörer nur begeistert sein kann. Und dann dazu noch Cécile Verny, die mit ihrer Energie und ihrer Bühnenpräsenz den Songs eine ganz persönliche Aura, ja, geradezu eine Art Magie, verleiht – das ergibt dann eine musikalische Sternstunde wie diese.

Pop, Soul, Gospel, Blues: Cécile Verny hat das alles drauf, unterlegt es aber immer mit einem Hauch von Jazz. Was ja nicht die schlechteste Methode ist, Stücke zu veredeln, die auf den ersten Blick gar nicht Jazz sind. Nicht umsonst holten sich Mainstream-Stars wie Sting, Paul Simon oder Donald Fagen immer wieder komplette Jazzbands ins Studio oder auf die Bühne und produzierten mit ihnen herrlich relaxten AOR-Pop. Cécile Verny steht mit ihnen in einer Reihe, und lebte sie statt in Freiburg in New York, wäre sie wohl längst ein Weltstar.