Presse

Benjamin Schaefer „Stone Flower“ | 18.04.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Ein Nerd ist einer, der den Dingen auf den Grund geht. Einer, der dabei kein Detail auslässt und über enormes Fachwissen verfügt. Benjamin Schaefer, der mit seinem Quartett „Stone Flowers“ im Birdland Jazzclub auftritt, spricht im Laufe des Abends selber ein­mal davon, das ein oder andere Stück „nerdy music“ komponiert zu haben. Aber ist er deswegen gleich ein Nerd?

Ganz gewiss keiner im früher üblichen negativen Sinn, denn der Mann, der da am Clavia Nord E-Piano sitzt, neben sich auf der Ablage diverse Effektgeräte, der dem Sound der frühen Siebziger nach­spürt, Michael Heupel (Quer-, Bassquer- und Kontrabassquerflöte), Jan Schreiner (Baritonposaune), Thomas Sauerborn (Schlagzeug) – was für eine abenteuerli­che Kombination – mitgebracht hat, er­klärt ausführlich und auf charmante Wei­se, welche Gedanken und Ideen in die Kompositionen einflossen und warum sie so klingen, wie sie klingen. Schaefer ist offen für sein Publikum, mitteilsam. Und er ist offen dafür, aus allem, was ihm durch den Kopf geht und was ihm dafür geeignet erscheint, Musik zu ma­chen.

Da ist zuerst der Sound, der sich an Antônio Carlos Jobim’s „Stone Flower“ orientiert. Das Werk von 1970, das Schaefers Band den Namen gab und woraus er „ Andorinha“ und den Titel­song – einst auch von Santana für das Caravanserai-Album gecovert – als Klammer für das Konzert übernimmt, ist die eine Quelle. Eine zweite ist die Zah­lenreihe des Mathematikers Fibonacci, in der jede Zahl die Summe der beiden vor­hergehenden ist. Daraus entsteht die „Spirals“-Trilogie, in der Schaefer die Zahlenfolge in ein exakt durchorgani­siertes musikalisches Raster überträgt, das im Ergebnis zwar griffig ist, sich aber einer schnellen Aneignung dennoch entzieht. Akribische Analyse täte Not, um alles zu durchblicken, aber das Hö­rerlebnis ist viel zu faszinierend, um sich ablenken zu lassen. Wobei die Thematik so ganz neu aber auch wieder nicht ist. 1973 bereits beschäftigte sich die briti­sche Band „If“ damit. Das Resultat war „Fibonacci’s Number“.

Das zweite große Thema, das das ganze Konzert durchweht, sind die „Stone Flo­wers“ selbst, deren vielfältige Bedeu­tung. Jede einzelne nimmt Schaefer sich vor und setzt sie in Töne um. Man trifft Stone Flowers im Zusammenhang mit Prokofjews Ballettmusik, in den leben­den Steinen in „Lithops“, als Bezeich­nung für ein Mahnmal gegen Kriegsver­brechen im ehemaligen Jugoslawien, als Titel eines Romans über Diamantenhan­del in Südafrika. Er habe sich die Mole­külstruktur von Diamanten etwas genau­er angeschaut und daraus das Stück „Southern Cross“ entwickelt, erzählt Schaefer, eine Komposition, die klingt, als hätte man Egg, Henry Cow und Hat­field & The North aus der Canterbury-Ära seziert und neu zusammengesetzt, eine Prise aus der Frühphase von Chick Corea’s Return To Forever mit Joe Far­rell an der Flöte untergerührt und mit Schaefers ganz spezieller Gewürzmi­schung abgeschmeckt.

Manchmal denkt man, man habe derar­tig konstruierte Musik schon mal irgend­wo gehört, oder zumindest Fetzen dar­aus. Dann wieder öffnen sich durch sie Räume, die vorher nicht einmal existier­ten. Es ist, als sei man in einem Laby­rinth. Hinter jeder Weggabelung er­wartet einen Neuland. Man weiß, es gibt Struk­turen, hört sie, spürt sie. Und ist doch ständig auf der Suche nach ihnen. Wird man am Ende selber noch zum Nerd? – Und wenn es so wäre: In diesem Fall gerne.


Albie Donnelly’s Saxplosion | 17.04.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Liverpool und die Musik? Da fallen einem zuallererst natürlich die Beatles ein. Und die Searchers. Und bei längerem Nachdenken auch noch „Frankie Goes To Hollywood“ und OMD. Sie alle kamen aus der Stadt am Mersey River. Und dann sind da auch noch Albie Donnelly und seine „Supercharge“, die man gerne übersieht in derartigen Aufzählungen, obwohl Donnelly mit seinem Powerhouse-Rhythm’n’Blues alles andere als leise agiert und man ihn eigentlich nur schwerlich überhören kann.

Seit Mitte der 90-er Jahre lebt er in Deutschland und ist nicht nur mit seiner Stammband, sondern auch mit dem Projekt „Saxplosion“ unterwegs, das mit drei Saxofonen (Donnelly, Jürgen Wieching und Tinez van Too), Gitarre (André Tolba), Schlagzeug (Uwe Peterson) und Keyboards (Horst Bergmayer) besetzt ist und akustisch aus allen Rohren feuert. Genau so, wie man es von Donnelly gewohnt ist und wohl auch erwartet. Die Band führt ihr Publikum zurück in die Zeit, als Rhythm’n’Blues, Jump Blues und Rock’n’Roll noch die Hitlisten dominierten, als das Saxofon noch vor der Gitarre rangierte, als in den Juke Joints und Honky Tonks die Leute ausflippten und es absolut niemanden interessierte, ob das alles denn nun Blues, Jazz, Soul oder doch schon irgendwie Rock’n’Roll war.

Donnelly’s Konzert im Birdland Jazzclub beginnt mit „Everyday I Have The Blues“ von B.B. King, gefolgt von Jimmy Witherspooon’s „When The Light Goes Out“ und dem hundertfach gecoverten „Riot In Cell Block Number 9“. Damit ist die Richtung festgelegt. Donnelly’s Qualitäten als Honker in der Nachfolge von King Curtis und Big Jay McNeely, Tolba als einmal mehr sehr versierter Bluesgitarrist, Petersen als Schwerarbeiter an den Drums, dazu die Wucht des Saxofon-Armada – fertig ist das heiße Gebräu, das die Band über sein Publikum im restlos ausverkauften Club auskippt. Eigentlich ist es so wie immer bei Donnelly, wenn er irgendwo aufritt. Sein Live-Repertoire hat sich im Grunde in den letzten vier Jahrzehnten nicht wesentlich verändert und böse Zungen könnten behaupten, er spiele immer wieder das Gleiche. Aber zugegebenermaßen eben auch auf immer wieder gleich hohem Niveau. Die Präzision hinter all der Wucht, die Akribie hinter der enormen Schubkraft und ja, auch die auf humorvolle Art hingerotzte Lockerheit hinter all den erwartbaren weil auf fast jeder seiner Setlists anzutreffenden Stücken von „Harlem Nocturne“ und „Living In A Fool’s Paradiese“ bis hin zu „Caravan“ „Whiskey Drinking Woman“ und „The Boogie Woogie King“ sind schon beeindruckend. Und man muss auch unumwunden zugeben, dass man aus dem Klassiker „Caledonia“ schwerlich mehr herausholen kann als Donnelly mit Saxplosion an diesem Abend.

Kein subtiler Jazz, keine intime Atmosphäre, keine leisen Töne, auch trotz der ein oder anderen Ballade nicht. Statt dessen die pure Lust an und mit der eigenen Energie, die Freude an knackigen Rhythmen, scharfen Riffs und überdrehten Soli. Saxplosion treten an, um dem Publikum eine unbeschwerte Zeit zu bieten und die Leute nehmen das Angebot dankend an, weil die Band ihren Job mit einer Leidenschaft erledigt und mit einer Verve wie sonst kaum eine vergleichbare hierzulande. Und daran wird sich wohl – zum Glück – auch nichts ändern, so lange Albert Edward Donnelly, genannt Albie, die Fäden in der Hand hält.


Rodríguez & Mabiala „Del Congo a Cuba“ | 11.04.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Der kongolesische Pianist Patrick V. Mabiala und der kubanische Posaunist Denis Cuní Rodríguez haben sich über Facebook kennengelernt. Der eine war auf der Suche nach einem Duo-Partner, der andere meldete sich auf dessen Annonce. Nicht nur die Anfänge der daraus entstandenen transatlantischen Kooperation sind recht unorthodox, sondern auch deren hörbares Ergebnis, was all jene bestätigen können, die an diesem Abend den Weg in den ausverkauften Birdland Jazzclub gefunden haben.

Donnernde Ostinati bieten die harmonisch-rhythmische Basis für die Stücke Mabiala’s, Rodríguez legt seine Melodien darüber, manchmal kommt noch eine Gesangsspur dazu, dann wieder verliert sich einer der beiden Partner in improvisierten Girlanden, folgt der Spur einer akustischen Träumerei. Monotone Endlosschleifen erzeugen mit zunehmender Dauer eine seltsame Atmosphäre zwischen entspannter Konzentration und Trance, die man in der afrikanischen Musik mit ihren Wurzeln in der Tradition, der Emotionalität und der Spiritualität immer wieder findet. Die beiden Protagonisten präsentieren unter dem Titel „Del Congo a Cuba“ die Erkenntnis, dass es in musikalischer Hinsicht durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Zentralafrika und der Karibik gibt, was ja auch überhaupt nicht verwundert, wenn man bedenkt, woher einst schwarze Arbeitssklaven nach Übersee „exportiert“ wurden.

Die Form des „Call & Response“ aus dem historisch ähnlichen gelagerten Genre des Roots-Blues findet hier keine Anwendung. Hier geht es vielmehr um Fundament und Überbau, ganz gleich, ob die Rhythmen, Gesänge und Melodien und die daraus resultierenden Kompositionen nun auf rituelle Hintergründe anspielen, die Ernte, eine dörfliche Tanzveranstaltung oder die Freude am gemeinsamen Singen thematisieren. Zu letzterem animieren die Musiker auch das Birdland-Publikum, das sichtlich und hörbar Gefallen findet an diesem scheinbar spontan initiierten Gemeinschaftsgefühl und an dieser ganz speziellen Art von Musik. Und dass das Ganze schließlich auch noch ohne die eigentlich beim Thema „Afrika meets Cuba“ erwartbaren Trommeln funktioniert, ist eine weitere Besonderheit dieses Konzerts, dessen Klänge einerseits recht fremdartig wirken und offene Ohren voraussetzen, zu denen man andererseits aber auch schnell eine gewisse Vertrautheit verspürt, sofern man sich auf sie einlassen kann.

Rodríguez und Mabiala bieten Einblick nicht nur in eine ganz spezielle musikalische Tradition, sondern gewähren damit ihrem Publikum Zugang zu vielen weiteren Aspekten ihrer Kultur, zu deren Reichtum und Schönheit, arbeiten mit Emotionen, verbinden Unterhaltung mit Information. Ihre Moderationen sind Teil der Performance und wichtig, unterbrechen wegen ihrer Ausführlichkeit aber auch den Flow, der das gesamte Konzert durchweht und schwerpunktmäßig eindeutig afrikanischen Ursprungs ist und nicht aus der Karibik stammt, mit Salsa oder Merengue also gar nichts zu tun hat, dafür aber um so mehr auf seine Verwurzelung in den Tribes sowie deren Rhythms und Chants hinweist. – Rodríguez & Mabiala: Ein Konzert, das innerhalb des Birdland-Programms zwar eine Sonderstellung einnimmt, genau damit aber auch einmal mehr Ausdruck ist für die enorme stilistische Vielfalt im Angebot des Clubs.


Daniel Guggenheim Quartett | 10.04.2026
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Spätestens nach dem letzten regulären Stück des Abends, weiß es wirklich jeder: Dieser Saxofonist hat seinen Coltrane in- und auswendig gelernt, alle dessen Eigenheiten wie die typischen „Sheets of Sounds“, diese extrem dichte, schnelle Improvisationsweise mit vielen Tonfolgen hintereinander, die ungewöhnlich schnellen Akkordwechsel oder den expressiven, intensiven, lavagleichen Ton. Und er kann partout nicht mehr davon lassen. Der Schweizer Daniel Guggenheim entstammt einer Generation, in der „Tranes“ Spiel als das Maß aller Dinge galt. Wer es erlernen wollte, der musste es schon verinnerlichen, sodass es einen ein Leben lang nicht mehr losließ.

Heute ist Guggenheim 72 und die Jazz-Universitäten lehren längst andere, modernere, minimalistischere, groove-orientiertere Stile. Aber Coltranes Geist schwebt immer noch deutlich über allem – und über ihm. Der Birdland-Jazzclub, in dem der freundliche Tenor- und Sopransaxofonist nach 2014 zum zweiten Mal gastiert, hat zwar schon vielen glühenden Jüngern des Säulenheiligen aus North Carolina eine Bühne geboten, aber keiner hat sein Herz so sehr an ihn verloren, wie Guggenheim. Wobei es ihm immerhin gelang, seine Leidenschaft im Laufe der Jahre zu variieren. Inzwischen bezieht sich sein Spiel mehr auf die europäische Jazztraditionen, als im afroamerikanischen Wurzelwerk zu wildern. Und, ganz wichtig: Daniel Guggenheim agiert strukturierter, zugänglicher als sein Vorbild. Genau für solch feine Nuancen hat er ein erlesenes Trio mit dem Pianisten Sebastian Sternal, dem Bassisten Dietmar Fuhr und dem Schlagzeuger Silvio Morger an seiner Seite mitgebracht, das den vollbesetzten Hofapothekenkeller immer wieder zu spontanen Beifallsbekundungen bewegt.

Und dann ist da noch diese unverkennbar bluesige Note, die jedem Titel Guggenheims eine besondere musikalische Atmosphäre verleiht. Bei „Mystery In Casablanca“ zum Beispiel, das mit einem geheimnisvollen Bass-Intro von Fuhr eröffnet, dem Morger ein beschwörendes Trommel-Grollen untermischt, eine Grundlage, die den Boss – diesmal am Sopransaxofon – wie einen Schlangenbeschwörer klingen lässt. Erst Sternal bringt die orientalische Form mit federnden Läufen wieder auf Jazzkurs. Guggenheims durchaus vorhandene Eigenständigkeit kommt eher bei einer unscheinbaren Ballade wie „For Ute“ zum Vorschein, in der er lang gezogene Melodiebögen auffächert, die zwar nicht durch maximale technische Brillanz, aber dafür überbordende Emotionalität auffallen. Auch ein Stück, dass die Combo als Weltpremiere ankündigt und demzufolge noch keinen offiziellen Titel hat („Nennen wir es mal C-Dur“), weißt dem Schweizer eine gangbare, weil originelle Richtung.

Spätestens bei „Between Earth And Sky“ jedoch brechen alle Dämme. Ein fast sakraler Beginn mündet in ein lässig swingendes Thema, bevor plötzlich die Harmonien von „My Favorite Things“, einem Coltrane-Klassiker im walzerartigen Dreivierteltakt, auftauchen. Jetzt schwenkt auch die zuvor hochinnovative Band auf das altbekannte Muster über, Sebastian Sternal stanzt Power-Blockakkorde wie weiland McCoy Tyner in die Klaviatur, Silvio Morger lässt seine Sticks im Stile von Elvin Jones wie eine Armee über das Drumset marschieren und Dietmar Fuhr verlieht dem explosiven Retro-Mix am Kontrabass ein ebenso schweres wie stabiles Rhythmusgerüst. Dass Daniel Guggenheim nach etwa acht Minuten walzernder Trance eines der vielleicht besten Tenorsaxofonsoli der jüngeren Vergangenheit in die flirrende Luft des Hofapothekenkellers schickt, war zwar irgendwie vorhersehbar, ist aber auf eine gewisse Weise dann doch wieder faszinierend. Als wäre er tatsächlich die Schweizer Reinkarnation von Coltrane.


Daniel Guggenheim Quartett | 10.04.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Stücke, die man an diesem Abend im Neuburger Birdland Jazzclub zu hören bekommt, kann man nach Aussage ihres Schöpfers, des Sopran- und Tenorsaxofonisten Daniel Guggenheim, ihren Stimmungen gemäß, in Farben einteilen. Tut man dies, dann wäre „Passion“, die kraftvolle, intensive, fast ungezügelte Eröffnungsnummer, Teil der roten Gruppe, stünde „Love’s Lost Way“ gleich im Anschluss daran, eher zurückhaltend und nonchalant, für Orange, und wenn sich Ruhe und Gelassenheit einstellen wie etwa bei „For Ute“ und „Solitude“ in der Zugabe, könnte man jene der Farbe Blau zuordnen und hätte damit auch gleich eine Erklärung dafür, warum sich das aktuelle Album des Daniel Guggenheim Quartetts „Red Orange And Blue“ nennt.

Man kann natürlich auch ungeachtet solcher Überlegungen ganz einfach eintauchen in die Stimmungen, den wunderbaren Melodien lauschen oder sich tragen lassen von den fließenden Harmonien, von den schmerzhaften Empfindungen hinter dem tiefroten „Longing“ oder der Behaglichkeit von „From Minor To Major“, jenem Stück, in das Pianist Sebastian Sternal nach allen Regeln der Kunst solistisch einführt. Neben Guggenheim, dessen Spiel vom großen John Coltrane deutlich beeinflusst ist, ist er mit seinem immensen Einfallsreichtum an den schwarzen und weißen Tasten der zweite Garant für diesen so überaus gelungenen Abend. Man kennt ihn im Birdland. Sein legendäres Geisterkonzert während der Corona-Pandemie fand zwar ohne Publikum vor Ort statt, ging dafür aber via Rundfunk über den Äther und war eine absolute Glanztat. An jenes denkwürdige Highlight in den Tagen der Dunkelheit erinnert so einiges von dem, was Sternal nun, Jahre später, einbringt in dieses Quartett. Wobei er und sein Chef ja nicht die einzigen sind, die zu großer Form auflaufen. Das höchst unorthodoxe Solo des quirligen Drummers Silvio Morger in „Longing“ ist ebenso ein Genuss wie das Spiel des Stoikers Dietmar Fuhr am Kontrabass, der mit runden, vollem Ton die Basis bildet, auf der sich die Solisten austoben und brillieren können.

„Bitte anschnallen!“, sagt Guggenheim, als er „Abstraction“ ankündigt, und spielt ein Solo, mit dem er an einen wild gewordenen Hornissenschwarm denken lässt. Dann taucht er zusammen mit seiner Band bei „Mystery In Casablanca“ ein in eine Nummer, in der man sich vorkommt wie in ständig in Bewegung befindlichem Treibsand, lässt schließlich das zweite Set ausklingen mit dem mit gut geöltem Motor dahin schnurrenden „Between Earth And Sky“, einem Stück, dessen Sog man sich mit purem Wohlbefinden überlässt, ohne irgendeinen Gedanken an die Farbpalette Guggenheims, auf der an dieser Stelle vermutlich Orange besonders deutlich hervorstechen würde.

Und dann ist da noch jenes Stück gleich nach der Pause, das noch keinen Titel hat. Guggenheim bittet das Publikum, sich einen zu überlegen. „Birdland!“ ruft jemand, aber das geht nicht, denn der existiert schon. Aber vielleicht wäre ja „Almost Too Late“ oder „Just In Time“ eine Option, weil Bassist und Schlagzeuger – die Bahn lässt wieder mal grüßen – es gerade noch rechtzeitig zum Konzert geschafft haben. Und so kommt das Publikum sogar noch zu einer Weltpremiere, denn laut Guggenheim war nicht mal mehr Zeit, das Stück vorher wenigstens einmal gemeinsam zu proben. Dass es dennoch problemlos funktioniert, spricht für die Klasse dieser Band.


Kaisa Mäensivu – Sasha Berliner – Nicole McGabe – Mareike Wiening | 28.03.2026
Neuburger Rundschau | Ssirus W. Pakzad
 

Es ist noch gar nicht so furchtbar lange her, dass die Frauen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit einem Kaffee-Service als Sieg-Prämie abgespeist wurden. Immerhin: pro Spielerin. Diese Art von Demütigung und Respektlosigkeit geschah zu einer Zeit, als Frauen selbst im sich ach so fortschrittlich und liberal gebenden Jazz noch belächelt, manchmal sogar verspottet wurden und sich Machismo und Sexismus ausgesetzt sahen – vor allem, wenn sie nicht etwa sangen oder Klavier spielten, sondern an Instrumenten zu hören waren, die als „männlich“ galten. Es hat sich eine Menge getan in der Zwischenzeit. Wie selbstverständlich mischen Frauen in der obersten Jazz-Liga mit und gewinnen bei internationalen Kritikerumfragen zu Recht nicht selten ihre Kategorien. Vier solche starken Frauen – alle Bandleaderinnen von Format – gastierten jetzt zusammen im ausverkauften Neuburger Birdland.

Die finnische Bassistin Kaisa Mäensivu, die Vibrafonistin Sasha Berliner, die Saxofonistin Nicole McCabe (beide aus den USA) und die deutsche Schlagzeugerin Mareike Wiening hatte sich einst während des Studiums in New York kennen gelernt und sofort gemerkt: da stimmt die Chemie, da gibt es ähnliche musikalische Vorstellungen. Zum zweiten Mal schon touren sie jetzt gemeinsam durch Europa.

Das Quartett lebt unter anderem davon, dass vier höchst unterschiedliche Temperamente miteinander kommunizieren. Während Kaisa Mäensivu das Rückgrat bildet und mit Ruhe, Wachsamkeit, Übersicht und Gewissheit den Laden zusammenhält, explodiert vor ihr die mittlerweile in Kalifornien lebende Altistin Nicole McCabe. Mit durchdringendem Timbre und einer gewissen Grundschärfe schäumt sie durch die Tonlagen, reißt dabei pfiffige Zitate mit und zeigt viel Charakter. Die ebenfalls in Kalifornien ansässige Vibrafonistin Sasha Berliner – Ururur-Enkelin des Grammophon-Erfinders und deutschen Grammophon-Gründers Emil Berliner – klöppelt mit einem unwiderstehlichen eleganten Flow, setzt kluge Pointen, schlägt immer wieder mal Haken. Und Mareike Wiening, seit letztem Jahr Schlagzeug-Professorin an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, mischt das musikalische Geschehen auf, mit vielen unerwarteten Akzenten, Schlagkombinationen zwischen beachtlicher Wucht und frappierend lockerer Behändigkeit.

Das Konzert im Birdland zeigt: Kaisa Mäensivu, Sasha Berliner, Nicole McCabe und Mareike Wiening sind im klassischen Jazz verwurzelt, sind in der Historie firm, bleiben aber überhörbar Frauen von heute. Immer wieder gibt es einen Twist ins musikalische Hier und Jetzt, immer wieder verquicken sie unaufdringlich Tradition und Moderne, egal, ob sie sich nun an der Arthur Blythe-Version des „Jitterbug Waltz“ orientieren oder Billy Strayhorns „Upper Manhattan Medical Group“ in ein neues Gewand mit frischem aber zeitlosem Zuschnitt stecken (Arrangement: Sasha Berliner).

Während der erste Set im Birdland noch etwas verhalten und Luft nach oben zu spüren war, entwickelten Kaisa Mäensivu, Sasha Berliner, Nicole McCabe und Mareike Wiening im zweiten Teil des Konzerts einen durchweg mitreißenden Drive, eine Energie, die nachhallte. Das Publikum freute sich unbändig, dass ausschließlich Frauen auf der Bühne des Birdland standen und saßen. Diese vier Instrumentalistinnen aber könnten – wie etwa ihre Kolleginnen der Band Artemis – dafür stehen, dass das Genus im Jazz bald nur noch eine untergeordnete Rolle spielen sollte und der Genuss, der Musikgenuss nämlich, in den Vordergrund rückt.


Kaisa Mäensivu – Sasha Berliner – Nicole McGabe – Mareike Wiening | 28.03.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Sie lernten sich vor ein paar Jahren in New York kennen und schätzen, gründeten dort ein Quartett, das sich mit Modern Jazz beschäftigt, und blieben – auch wenn sie mittlerweile in verschiedenen Ecken der Welt leben – in Kontakt. Aktuell sind sie gemeinsam auf einer Tour unterwegs, was viel zu selten vorkommt, wie Schlagzeugerin Mareike Wiening betont, „weil das jedes Mal eine terminliche und logistische Herausforderung ist“. Im bis auf den letzten Platz besetzten Neuburger Bird­land Jazzclub wird das Publikum Ohren­zeuge bei ihrem „Mädelsabend“ der ganz anderen Art.

Kontrabassistin Kaisa Mäensivu ist aus Helsinki angereist, Wiening aus Wien, die Altsaxofonistin Nicole McGabe und die Vibrafonistin Sasha Berliner aus Los Angeles. Vier international renommierte und mit Preisen dekorierte Künstlerin­nen, vereint in einem Kollektiv, das streng nach demokratischen Regeln funktioniert. Jede steuert eigene Kompo­sitionen bei und sagt sie auch selber an, jede bringt sich solistisch ein, es gibt keinen Leader, niemand drängelt sich vor, niemand steht im Rampenlicht. Oder, besser gesagt, sie stehen alle ge­meinsam dort und entwerfen zusammen einen eigenständigen Sound für all die Stücke, die sie mit ihren eigenen Bands, nicht aber in dieser Besetzung veröffent­licht haben. Der wird bestimmt von einer vom Bass und dem Vibrafon erzeugten weichen, samtenen Eleganz, von einem harmonischen Bett, auf dem man es sich als Zuhörer bequem machen kann, vor­angetrieben durch elastisches Drum­ming, koloriert durch die Pirouetten des Saxofons.

Manchmal geht’s funky zur Sache, wenn die Band sich etwa Thelonious Monk’s „Wee See“ vorknöpft, oder auch bei Mäensivu’s „The Lemur“, während bei McGabe’s „A Song To Sing“ weit ausgreifende Harmonien die Szenerie bestimmen und das energetisch hochpro­zentige, spannungsgeladene „Miscon­ception“ aus Wiening’s Feder wiederum eine ganz andere Sprache sprechen. Und dann sind da ja auch noch die Balladen, in denen das Vibrafon flirrend das glit­zernde Sonnenlicht auf der glatten Ober­fläche eines Sees reflektiert. Die hand­verlesenen Adaptionen werden einge­passt in dieses große akustische Gemäl­de, in dieses schwebende und gleichzei­tig fließende Umfeld, was etwa zu der wunderschönen, von Berliner arrangier­ten Version von Billy Strayhorn’s „U.M.M.G.“ (Upper Manhattan Medical Group) führt oder in der Zugabe zu dem in diesem Kontext völlig unerwarteten „Jitterbug Blues“ aus dem Jahr 1947 und damit zu Muddy Waters, den die Band mit diesmal McGabe als treibender Kraft auf geradezu hinreißende Art neu belebt.

Eine Band, die keinen eigenen Namen trägt, nie einen eigenen Tonträger aufge­nommen hat, deren Repertoire aus Stü­cken besteht, die ihre Mitglieder eigent­lich gar nicht für diese Gruppe geschrie­ben haben, eine Band, die sich viel zu selten trifft. Und doch ist sie eine ver­schworene Einheit, wie man im Birdland hören und sehen kann, mit einem Kon­zept aus Komposition und Improvisati­on, das trotz der viel zu seltenen Mee­tings dennoch so trefflich funktioniert, mit künstlerischer Interaktion auf einer gemeinsamen Basis, mit einer ganz eige­nen Art Musik, die Spuren hinterlässt. An diesem Abend in Neuburg ganz si­cher und vermutlich auch auf den ande­ren Stationen ihrer Tour, auf der das Quartett derzeit zwischen Spanien und Finnland unterwegs ist.


Max Light Quartet | 27.03.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

2021 und 2023 war er noch als „Angestellter“ in den Bands von Noah Preminger und Christian Sands zu Gast im Neuburger Birdland Jazzclub, nun kommt er erstmals als Chef seiner eigenen Formation. Die Rede ist vom in Brooklyn, New York, beheimateten Gitarristen Max Light, der jungen, wegen ihrer ganz besonderen Ausdrucksweise nicht mehr zu überhö­renden Stimme des Jazz, die sich immer lauter zu Wort meldet. Ganz aktuell mit einer Europatournee, die ihn auch an die Donau führt.

Zusammen mit seinen Kollegen, dem Pianisten Julian Shore, dem Kontrabas­sisten Walter Stinson und dem Schlag­zeuger Steven Crammer, stellt der Gitar­rist auf unnachahmliche Weise eine Mi­schung aus bereits in vielen Konzerten erprobten und brandneuen, bislang noch unveröffentlichten Stücken vor, die erst im Herbst offiziell ercheinen sollen. Da ist das rhythmisch über Stock und Stein galoppierende „Authentication Two Step“, in dem es um ständig wechselnde Passwörter bei der Arbeit am Computer geht, da ist das zäh fließende „Pumpkin Pie“, das sich wie ein ein flauschiger Schal um die Gehörgänge legt, und da ist „Unlearning“, das mit einem einfachen, kammermusikalischen Intro anfängt, sich dann verselbständigt, zu wachsen und zu leben beginnt, seiner eigenen Wege geht, manchmal gleichmäßig da­hin strömt, dann aber immer wieder ur­plötzlich seine Fließgeschwindigkeit än­dert, anfängt zu strudeln, scheinbar außerhalb jeder Normierung, aber den­noch irgendwie einer Gesetzmäßigkeit folgend.

Ob es sich um das swingende „The Things You“ handelt, das daherkommt wie eine Reminiszenz an den klassischen Bebop, oder um das seinem Vater gewid­mete „Dad“, in dem Light quasi ein akustisches Gemälde an die Wand des Birdland hängt – immer beruft er sich auf komplexe aber fest umrissene Struk­turen, auf lange Spannungsbögen wie in „Chaotic Neutral“, das beginnt mit Tö­nen wie aus Glas. Dann wieder beißt sich einer der Musiker während der Im­provisation an einer Figur fest, bettet sie ein in das komplexe Gesamtkonstrukt, macht sie sozusagen zu einem Ohrwurm innerhalb eines Stückes, das doch eigent­lich so gar nichts von einem Ohrwurm an sich hat. Ja, es geht in der Tat aben­teuerlich zu, wenn wie etwa in „Caregi­ving“ jeder der Beteiligten, als sei er ein personifizierter Sampler, seinen Part ein­bringt, wiederholt, abwandelt, immer weiter modifiziert, während der Solist darüber improvisiert. Oder wenn in „Tal­king To You“ aus der Feder von Victor Lewis sich mehrere Rhythmen verkan­ten, ineinander verkeilen, obwohl Light das Stück „dearrangiert“, wie er es nennt, also dessen Kern offenlegt.

Bei Light und seiner Band weiß man nie genau, was als nächster Schritt kommt, was aber weniger daran liegt, dass endlose Improvisationen die Orien­tierung erschweren würden, sondern an der Komplexität, die schon in deren Pla­nungsphase so ungemein bedeutsam ist und sich recht schnell als Markenzeichen Light’s entpuppt. Als Komponist liebt er es, Umwege zu gehen, überraschend dort abzubiegen, wo es auch einen geraden Weg gäbe, und doch gleichzeitig, die Koordinaten akribisch gespeichert und das Ziel klar vor Augen, nachvollziehbar zu bleiben und die Zuhörer nicht orien­tierungslos zurückzulassen. Das Max Light Quartet im Birdland: Absolut span­nend, in gewisser Hinsicht fast so etwas wie eine Offenbarung.


Quartetto Magritte | 21.03.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Maurizio Minardi, aus Bologna stammender Komponist, Orga­nist, Pianist und Akkordeonist, kommt viel herum, lebte zeitweise in London, hat sich aktuell in Paris niedergelassen, hat einen besonderen Bezug zu Belgien und ist an diesem Abend zum ersten Mal im Birdland Jazzclub in Neuburg zu Gast. Man könnte ihn durchaus als Glo­betrotter bezeichnen, nicht nur wegen seiner intensiven Reisetätigkeit und di­versen Standortwechsel, sondern auch, weil er seine Nase permanent in diverse musikalische Genres steckt, am liebsten gleichzeitig, und dabei mit Jazz, Klassik, Rumba, Habanera, Tango, World- und sogar elektronischer Musik arbeitet.

Bisher hat er es auf 15 Alben gebracht, und noch 2026 soll ein weiteres veröf­fentlicht werden, dessen Inhalt er zusam­men mit dem Kontrabassisten Maurizio Congiu, dem Gitarristen Barthelemy Seyer und Jonathan Edo an Schlagzeug und Cajon vorstellt. Das Konzert beginnt mit „La Grande Famiglia“, das wie auch der Bandname eine starke Verbindung zu dem belgischen Maler René Magritte und dessen Surrealismus aufweist, geht weiter mit einer Verbeugung vor dem Schauspieler Marcello Mastroianni und führt über „Brixton Village“ direkt zu Jo­hann Sebastian Bach und „Barokko Non Troppo“. Die Musik und die Musiker ge­nügen höchsten Ansprüchen und die akustische Reise durch diverse Weltge­genden, die vor der Pause auch noch nach Mittelamerika und zu Consuelo Velázquez und deren Ohrwurm „Besame Mucho“ führt, ist wirklich spannend, aber der letzte Kick fehlt noch. Dem ers­ten Set haftet viel Behutsames, Bedächti­ges an, das Feuer will nicht so recht lo­dern, der Funke nicht so recht auf das überaus zahlreich erschienene Publikum überspringen.

Das ändert sich schlagartig und grund­legend nach der Pause. Jetzt ist das Quartetto so richtig präsent, emotional näher am Publikum, jetzt wollen es die Musiker wirklich wissen. Mit Gato Bar­bieri’s „Last Tango in Paris“ legt die Band gleich mehrere Gänge zu, hat bei „Anastasia“ aus Minardi’s Feder inklusi­ve des dazugehörigen Balkan-Groove das Auditorium längst geknackt und hat ab „Penguin“ und „Questa non é una rumba“, das sich wieder auf Magritte be­zieht, im Grunde ein Heimspiel. Wurde der Jazz den geografisch-stilistischen, genreübergreifenden Stücken dieses viel­farbigen Konzerts über weite Strecken eher untergemischt, übernimmt er ausge­rechnet dort die Führung, wo man es am wenigsten erwartet. Bei der Zugabe nämlich und ausgerechnet bei dem Chansonnier Jacques Brel – dem zweiten Belgier, der im Hintergrund mitmischt an diesem Abend – und dessen „Le Port d’Amsterdam“. Minardi’s Bearbeitung unterscheidet sich fundamental vom Ori­ginal, und das ist gut so, denn pures Ko­pieren wäre für einen wie ihn, der auch ein Ass im Arrangieren ist, nun wirklich reine Zeitverschwendung. Und so rundet sich trotz anfänglicher Startprobleme der Abend schließlich zu einem in der Tat erfreulichen Ereignis, das die Seele an­rührt und den Intellekt herausfordert, das den Horizont erweitert und ein erneuter Beleg dafür ist, wie vielfältig und bunt die Palette dessen ist, was da Woche für Woche im Birdland in Sachen Jazz und mitunter durchaus auch darüber hinaus angeboten wird.


Dave Douglas Quartet | 20.03.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es könne ein Naturer­eignis werden, dieses Konzert mit dem Dave Douglas Quartet, konnte man der Ankündigung im Programmheft entneh­men. Und es gab Phasen an diesem Abend im Birdland, in denen wurde es tatsächlich eines. Wie stets, wenn Dou­glas, der als einer der innovativsten Trompeter des zeitgenössischen Jazz ge­handelt wird, in Neuburg auftritt – was er in der Vergangenheit schon einige Male getan hat – ist sein Konzert mit seinem erst vor kurzem neu formierten Quartett auch diesmal ein akustisches Abenteuer, ein Vorstoß in selten besuchte Gegenden des Jazz und ein Moment, in­dem ein Rückblick in die Geschichte dieses Genres zugleich auch ein Aus­blick in dessen mögliche Zukunft ist.

Das Konzert beginnt mit einer Art Fan­fare. Messerscharfe Töne durchschnei­den die Luft. Das Eröffnungsthema fährt einem durch Mark und Bein. Es ist der Startschuss zu einem regelrechten Trip durch Douglas‘ neues Album „Four Free­doms“. Mit an Bord sind der wie Dou­glas ebenfalls in New York lebende Drum-Wizzard Roy Royston, der norwe­gische Kontrabassist Ingebrigt Håker-Flaten, der den ganzen Abend über an seinem Instrument echte Schwerstarbeit leistet, und die polnische, in Amsterdam lebende Pianistin Marta Warelis, die ins­besondere durch ihre Improvisations­kunst immer wieder international für Aufsehen sorgt. Alles, was man an die­sem Abend im Birdland zu hören be­kommt, ist raffiniert, extravagant, trick­reich. Alles hängt mit allem zusammen, baut aufeinander auf und ist dennoch durchdrungen von der Lust am Auspro­bieren, von Forscherdrang und Wage­mut. Verschachtelte Rhythmen und ein­fühlsame Harmonien schließen sich nicht aus, Grooves mit Sogwirkung tref­fen auf improvisatorische Freiheit. Manchmal scheint jeder sein eigenes Ding zu machen, dann wieder schlagen alle vier gemeinsam zu mit Verve und Wucht.

Als Warelis sich in einer Solosequenz fast bis zur Unhörbarkeit zurücknimmt und jeder Fingerkontakt mit einer Taste wie ein Wimpernschlag wirkt, ist die Stille zwischen den Tönen greifbar. Man wagt kaum zu atmen. Auf so intensive Weise absolut still war es ganz selten im Birdland. Und als am Ende des zweiten Sets die Band mit mächtigem Bass, wuchtigem Piano, wirbelnden Drum­sticks und immer weiter in Richtung Fir­mament vordringenden Trompetenspira­len in einer riesigen musikalischen Erup­tion sich quasi selbst entlädt, ist man als Ohrenzeuge endgültig mittendrin im ein­gangs erwähnten Naturereignis.

Douglas der natürlich ganz genau weiß, welcher Ruf ihm vorauseilt und einem Späßchen auch nicht abgeneigt ist, for­muliert es angesichts der einzigen Adap­tion des Abends so: „Wir spielen jetzt ,Take The A-Train‘ von Billy Strayhorn. Das kennt ihr bestimmt alle. Aber ganz gewiss nicht so.“ Und dann legt die Band los, wird Douglas‘ Vorliebe für Mi­les Davis und dessen Musik aus den spä­ten Sechziger und frühen Siebziger Jah­ren deutlich, seine Lust dessen Erbe mit­zuverwalten. Nicht als Leiter eines Mu­seums, nicht nur als Konservator, son­dern vor allem als Kreativkraft und Inno­vator. – Dave Douglas im Birdland. Das ist eines dieser Konzerte, die nachhallen und nachwirken, nach deren Ende man nicht einfach zur Tagesordnung über­geht, sondern innehält und sich einge­steht, an diesem Abend etwas ganz Be­sonderes gehört zu haben. Etwas, das ziemlich einzigartig ist. Und großartig. Und das Ganze auch noch quasi vor der eigenen Haustür.