Donaukurier | Karl Leitner
Traditionsgemäß sind die „Neuburger Barockkonzerte“ alljährlich einmal zu Gast im Birdland Jazzclub. Aus diesem speziellen Anlass treten dort Künstler auf, die die Welten der Klassik und des Jazz einander näher bringen, die dafür sorgen, dass die Vorbehalte der Puristen beider Lager, die es mitunter leider immer noch gibt, an Gewicht verlieren und ein Austausch stattfindet. Versuche, die beiden Fraktionen – die Klassik, die oftmals strengen Regeln gehorcht, und der Jazz mit seinem Drang nach Freiheit – einander näher zubringen oder sich gegenseitig befruchten zu lassen, sind gar nicht so selten. Von Jacques Loussier bis zu Nigel Kennedy, von Ekseption bis zum Modern Jazz Quartet und dem Third Stream gab es viele Ini-tiativen in diese Richtung, gelungene und weniger gelungene.
Und nun ist an diesem Abend also das Helmut Lörscher Trio aus Freiburg im Birdland zu Gast und zeigt allen Zweiflern, wie man das beispielhaft hinbekommt, weil der Professor am Flügel, Matthias Daneck am Schlagzeug und Bernd Heitzler – der auch im Neuburg bestens bekannten Cecile Verny Quartett für die tiefen Töne zuständig ist – zweier Sprachen mächtig sind und sie absichtlich nicht akzentfrei sprechen, so dass die Farbe der jeweils anderen immer durchschimmert. Genau das verleiht der Sache nicht nur einen unwiderstehlichen Charme und versöhnt nicht nur zwei Positionen miteinander, sondern verzahnt sie so, dass die eine ohne die andere an diesem Abend gar nicht denkbar ist.
Lörschers Trio spielt nicht nach, fügt nicht den Werken Johann Sebastian Bachs einfach nur eine Rhythmusgruppe hinzu, sondern schreibt ihn mit den Mitteln des Jazz weiter und infiziert anders herum jenen mit der Kompositionsweise und den Strukturen Bachs. Lörschers Stücke, in denen sich die beiden Genres treffen, sich miteinander verbinden, ergreifen nicht Partei, sondern vermitteln. Sein „Bolero Italian“ fußt auf dem 2. Satz des Italienischen Konzerts, die „Sonata à Tre“, das zentrale Stück des Abends, hält am Sonatenaufbau fest und bietet doch viel Raum für Improvisation, Jerome Kern’s Klassiker „All The Things You Are“ entwickelt sich bei ihm aus einer Fuge heraus und seiner „Passacaglia“ liegt eine Zwölftonreihe zugrunde. Und dass das auffälligste Stück des Abends „Fahrstuhl zur Gavotte“ heißt, ist ja auch kein Zufall angesichts Miles Davis‘ legendärem Soundtrack zum Kultfilm „Fahrstuhl zum Schafott“.
„Strenge Form trifft auf improvisatorische Freiheit, architektonische Klarheit auf spontane Bewegung“, heißt es im Programmheft. Und die Band beweist, dass das kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern setzt diesen Satz auch in hörbare Realität um, was nur möglich ist, wenn man bereit ist, auf Scheuklappen, überholte Hörgewohnheiten, Vorurteile und geistige Enge zu verzichten. Die Band tut das und das Publikum auch. Beide Fraktionen werden zu einer, die die Musik gemeinsam heftig beklatscht und schließlich zwei Zugaben einfordert. Am Ende ist das Ganze der Schulterschluss zweier Genres, die mit Konzepten wie diesem auf Augenhöhe miteinander umgehen und sich gegenseitig bereichern, ohne dass dies lediglich als vordergründiges Alibi für gegenseitige Offenheit und Toleranz herhalten müsste. Mit dem Programm „From Bach To Now“ gelingt dem Helmut Lörscher Trio dieser Schulterschluss auf absolut überzeugende Weise.
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
Seit einem Vierteljahrhundert gibt es die Kooperation der altehrwürdigen Neuburger Barock-Konzerte mit dem Birldland-Jazzclub bereits. Diese spannungsreiche Verbindung hat der zwischendurch ein wenig in die Jahre gekommenen Konzertreihe ein Stück neues, pralles und inspirierendes Leben eingehaucht. Der Auftritt des Helmut Lörscher Trios im Birdland-Keller zu Beginn der Barock-Konzerte 2026 setzte in diesem Sinn einen phänomenalen Akzent.
Für Fans der klassischen Barockmusik von Telemann bis Bach, der Jazzmusik für sich genommen und auch für alle Musikliebhaber, die sich eine inspirierende Verbindung dieser beiden Welten wünschen – mithin für alle drei Fraktionen war dieser Abend ein herrliches Vergnügen. Helmut Lörscher am Bösendorfer-Flügel, Bernd Heitzler am Bass und der Schlagzeuger Matthias Daneck stellten ein hinreißendes Barock/Jazz-Kunstwerk nach dem anderen in den ausverkauften Gewölbekeller.
Wild, mutig, präzise in allen Details und mit tiefem Respekt vor der unvergleichlichen Qualität der neu gedachten und frech verfremdeten Bach-Werke – so erklangen wurden die Nummern dieses Abends. „From Bach to Now“, das ist ein höchst anspruchsvolles Motto. Es wurde zu exakt einhundert Prozent eingelöst.
Dazu braucht es einen herausragenden Pianisten, der seinen Bach in allen Facetten verinnerlicht hat und manche Originalzitate fast mit einer gewissen Ehrfurcht anspielt. Und der dann auf dieser Basis mit Melodien, Harmonien und gelegentlich auch mit den Rhythmen auf eine sehr freie, berechtigterweise freche Art spielt, die immer wieder für die tollsten Überraschungen gut ist. Und dazu braucht es einen Mann am Bass, der auch im Pizziccato seine Tonlinien fast so melodiös wie auf einer Bratsche oder einem Cello zu empfinden versteht.
Und einen Schlagzeuger, der Becken und Trommeln einen warmen, geheimnisvollen Klang geben kann und der allein durch die Dämpfer auf den Sticks den Gesamtklang wie bei einem klassischen Klaviertrio veredelt. Ein paar knallige Ausbrüche sind inklusive. Mit der Gefahr, dass da auch einmal etwas wie ein erratischer Block in der musikalischen Landschaft wirkt.
Was diese drei Jazzer/Klassiker aus dem langsamen Satz der italienischen Konzerts machen, aus der ebenso berühmten Badinerie in h-moll, aus dem Choral „Wie schön leucht‘ uns der Morgenstern…“ oder aus einer Musette des „Notenbüchleins für Anna Magdalena Bach“, ist oft genug atemberaubend. Der Choral mutiert zu einer Jazz-Ballade erster Güte, Helmut Lörscher führt die Choralmelodie zum Einstieg nicht nach oben, sondern in raffinierter Verwandlung nach unten und am Ende in einem kühnen Einfall und fast unkenntlich gemacht in eine sphärische Stimmung.
Seine Finger wandern nicht nur in diesem Stück mit größter Lust am intelligenten Improvisieren über die Tasten, der ganze Körper geht mit auf die Reise in neue Gefilde. Am Ende einiger Nummern wirft Lörscher die Arme hoch, quasi als (voll berechtigte) optische Botschaft etwa der Art „Das haben wir ja toll hingekriegt“. Die Badinerie perlt in einem irren Tempo dahin, kommt aber nicht gehetzt daher, mutig aufgenordet vom hier besonders geforderten Schlagzeuger und vom Teufelskerl am Kontrabass. Das hat in einzelnen Passagen – zum Beispiel auch in der Bourree aus der E-Dur-Suite – die Qualität eines Gesamt-Klangkunstwerkes mit den besten Seiten des Barock, der Jazzwelt, des Rock und einmal sogar der Zwölftonmusik.
Die Zugabe ist eine witzig-verrückte Phantasie des Piano-Zauberers Helmut Lörscher über die wunderbare Goldberg-Aria in der Manier eines Alexander Scriabin und eines W. A. Mozart. Im Birdland-Jazzclub hat Lörscher noch nie gespielt, ein wenig erstaunlich bei seiner Qualität. Und er würde gerne wieder nach Neuburg kommen, wegen des tollen Publikums und des wunderbaren Ambiente. Es sollte nicht zu lange dauern, bis es soweit ist.
Donaukurier | Karl Leitner
„Achtung: Aufnahme!“ Ein Schild, das darauf hinweist, dass das Konzert fürs Radio mitgeschnitten wird, wurde im Audi Forum zwar nirgends aufgehängt, aber natürlich weiß es trotzdem jeder im Saal. Spätestens dann, als Ulrich Habersetzer vom Bayerischen Rundfunk das Publikum und die Band des Abends begrüßt, das IRIS International Quintet, und damit das 16. Birdland Radio Jazz Festival eröffnet.
Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, nach dem Konzert aus 90 Minuten Livemusik die besten Momente für die Sendung auszuwählen, die am 20. November in der „Jazztime“ auf BR Klassik ab 23 Uhr ausgestrahlt wird und danach 30 Tage lang auf „ARD Sounds“ kostenlos abrufbar ist. Damit tue er sich angesichts der Klasse der Band besonders schwer, sagt er nach dem Konzert, weil er am liebsten alles, jeden einzelnen Ton, senden würde. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein, denn was Bandchef und Schlagzeuger Vladimir Kostadinović (Österreicher mit serbischen Wurzeln), Trompeter Alex Sipiagin (in Italien lebender Russe), Altsaxofonist Jaka Kopač aus Slowenien, Josh Ginsburg (in Berlin lebender Kontrabassist aus Baltimore) und Vibrafonist Joe Locke aus Kalifornien – was für eine erlesene Besetzung – ins Audi Forum zaubern, ist Jazz auf höchstem Level. Die Band ist über jeden Zweifel erhaben und gibt an diesem Abend in Ingolstadt ein Konzert, das zum besten gehört, was man in 16 Jahren Festival je gehört hat, wobei sich Locke und Sipiagin als zwei absolute Top-Virtuosen besonders hervortun.
Ja, es ist ein ganz besonderes Ereignis, in dessen Mittelpunkt das Album „Iris“ steht, dessen Stücke Kostadinović für seine Tochter geschrieben und nach ihr benannt hat, um so wunderschöne Nummern wie „The World Keeps Ending“ und „Unborn Child“, in denen Momente aus dem Modern-, dem Mainstream- und dem Fusion-Jazz wie selbstverständlich zusammenfließen in Melodien, in die man sich augenblicklich verlieben könnte, in denen sich die hohe Kunst des Komponierens mit meisterlicher Interpretation treffen. Dass das Kontingent an Tonträgern, die jede Band mit dabei hat, wenn sie unterwegs ist, bereits beim sechsten von insgesamt 15 Konzerten ihrer Tournee quer durch Europa ausverkauft ist, dann spricht das Bände. Der stete Fluss, der auch für die langsameren Titel so charakteristisch ist, ist stets spürbar, schleicht sich nicht nur emotional beim Publikum ein, sondern auch körperlich. Man kann das beobachten. Kaum einen oder eine sieht man im Saal, der oder die nicht irgendwie mitwippen würde, und nach jeder Nummer fällt der Applaus denn auch dementsprechend aus. Sein Kollege Joe Locke hat es laut JPC einmal so ausgedrückt: Vladimir „ist tief in der Tradition verwurzelt und swingt richtig hart, ist aber gleichzeitig ein überzeugter Modernist. Er hat wunderschöne Musik geschrieben, manche sehr ekstatisch und tief berührend, andere wiederum recht knifflig und von großer intellektueller Strenge“.
Was für ein Paukenschlag also gleich zu Beginn des 16. Birdland Radio Jazz Festivals, was für eine Eröffnung. Und nachdem die so gut gelungen ist, darf man zurecht gespannt sein, was im Laufe des Festivals noch so alles auf einen zu kommt. Zuerst gleich am nächsten Wochenende das Lotos Flower Trio und das Olivia Trummer Quintett, beide im Birdland Jazzclub in Neuburg.
Donaukurier | Karl Leitner
Am 18. November 2011 gab der legendäre Jazzpianist Cecil Taylor ein umjubeltes Konzert im brechend vollen Neuburger Birdland Jazzclub, das anschließend auch im Radio ausgestrahlt und auf CD veröffentlicht wurde. Das war die Geburtsstunde des seither jährlich im Oktober und November in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfund stattfindenden „Birdland Radio Jazz Festivals“. Seither unverändert begrenzt auf acht Termine, wollen Birdland Chef Manfred Rehm und die Verantwortlichen des BR gemeinsam möglichst viele Facetten, Spielformen und Epochen des Jazz dem Publikum vor Ort und dem an den Empfangsgeräten vorstellen.
Heuer geht die 16. Folge des Festivals über die Bühnen des Audi Forums, des Stadttheaters Neuburg sowie des Birdland Jazzclubs, wie immer aufgezeichnet vom BR und zeitversetzt in den Folgemonaten ab 23 Uhr in den Formaten von BR2 und BR-Klassik gesendet. Eine Ausnahme bietet das letzte Konzert des Festivals, das stets jungen, viel versprechenden Musikern und Bands vorbehalten ist, dessen zweites Set im Rahmen einer vierstündigen Jazznight zwischen 22 Uhr und 2 Uhr morgens live übertragen wird. Im Anschluss daran sendet der BR dann weiter aus dem im Birdland-Büro eigens zu diesem Zweck eingerichteten Studio Ausschnitte vom gesamten Festival, angereichert mit Gästen am Mikrofon, Interviews und einer Gesprächsrunde. Das führt zu der paradoxen aber natürlich höchst erfreulichen Situation, dass im Club selber zwar nur etwa gut 100 Leute Platz finden, über Radio aber viele Tausend hinzugeschaltet sind, denn der BR überträgt diese Jazznight nicht nur im eigenen Sendegebiet, sondern speist sie auch ins ARD-Nachtprogramm ein und verbreitet sie übers Internet-Radio weltweit.
Sieht man sich die Namen der Künstler und Bands an, die heuer eingeladen wurden, wird schnell klar: Es geht den Machern hinter den Kulissen nicht darum, möglichst bekannte Namen zu präsentieren – obwohl die schon auch dabei sind – , sondern wie in all den Jahren zuvor um stilistische Vielfalt bei gleichzeitig hoher Qualität. Und so kann man mit Olivia Trummer in jazzigem Soul und Blues schwelgen, sich mit dem Lotus Flower Trio Assoziationen hingeben, mit dem Pablo Ziegler Trio eintauchen in die Welt des Tango Nuevo, mit dem „Cannonsoul“-Projekt der European All-Stars sich an den großartigen Cannonball Adderly und seine unvergessliche Musik erinnern, mit Larry Fuller ein sensationell gutes Piano-Trio erleben oder dem Gitarristen Etienne Wittich dabei zuhören, wie er in der internationalen Jazzszene gerade durchstartet.
Dass die wenigsten das komplette Festival persönlich im Konzertsaal werden miterleben können, ist klar. Darum geht es auch nicht, denn schließlich kann man im Radio alles nachhören, auch wenn das zeitlich verzögerte Live-Erlebnis per Rundfunk nicht das gleiche ist wie das vor Ort. Aber man kann für sich nach Belieben auswählen, mit bereits Bewährtem auf Nummer sicher gehen, oder aber Neues entdecken. Die Programmhefte des Birdland Jazzclubs und die Website www.birdland.de geben Auskunft darüber, was man im Einzelnen erwarten darf, Platzreservierungen sind möglich über birdland.de/Programm/Vorschau.
Donaukurier | Karl Leitner
Da ist zunächst der gebürtige Kalabrese und unweit von Stuttgart lebende Lorenzo Petrocca an der Gitarre, da ist sein „schwäbischer Landsmann“ Jürgen Bothner am Tenorsaxofon und da sind Yaron Stavi, in Israel geboren und in London lebend, und sein Kontrabass. Zusammen ergeben die drei ein Jazztrio, das ohne Schlagzeug und Klavier auskommt, was immer wieder mal vorkommt, aber allzu oft nun auch wieder nicht.
Das Entscheidende aber ist gar nicht die Besetzung, sondern die Musik, die das Publikum an diesem Abend im Birdland Jazzclub zu hören bekommt. „Have You Met Miss Jones“ von Richard Rodgers, „Just Friends“ von John Klenner und „Peace“ von Horace Silver, das leider auch dieser Tage besonders aktuell ist, wie Petrocca bedauernd feststellt: – Das sind die Standards, die man zwar kennt, aber nicht in diesem wunderschönen Sound, vorgetragen mit der unaufdringlichen Eleganz dreier Könner, die genau wissen, was man tun kann, damit diese Pretiosen in dem Glanz erstrahlen, der ihnen gebührt. Dizzy Gillespie’s „Ow“, das gerne Miles Davis zugeschriebene, in Wahrheit aber von Bill Evans stammende „Nardis“ und „Esta-te“, einer der wenigen Jazz-Standards italienischen Ursprungs: – Das sind die Extras, die die Spezialisten im Publikum vermutlich kennen dürften, aber trotzdem nur relativ selten live zu hören bekommen. Und da ist noch der „Dejection Blues“ aus der Feder Ray Brown’s, in dem Petrocca den Freiraum, den ihm die Absenz von Schlagzeug und Klavier gewährt, mit herrlich rasanten Single-Läufen und dazwischen geschobenen Akkorden so richtig zu genießen scheint. Oder das von ihm selbst geschriebene „Song For Pat“ zu Ehren des großen Straight-Ahead Gitarristen, Pat Martino, in dessen Fußstapfen wie so viele auch er selber immer wieder gerne unterwegs ist. Und dann ist da schließlich noch „Equinox“, womit neben Miles Davis auch noch John Coltrane geehrt ist, das andere berühmte Jazz-Denkmal, das in diesem Jahr hundertsten Geburtstag hätte.
Wenn Jürgen Bothner mit seinem klaren, warmen Ton ins Geschehen einsteigt, wenn er seine runden, in sich geschlossenen Bögen aufbaut, ist es, als würde der klanglich umrissene Raum des kammermusikalischen Jazz, der für bestimmte Abschnitte des Konzerts cha-rakteristisch ist, sich ausdehnen, oder gar eine Tür sich öffnen, die hinausführt ins Freie. Und Bothner tastet sich quasi hinein in eine neue Umgebung, ohne freilich dabei gleich vor lauter Begeisterung völlig abzuheben. Seine Rolle in diesem Trio gleichberechtigter Partner ist ebenso entscheidend wie die Stavi’s. Dessen Solo in „Nardis“ ist großartig. Wie er über mehrere Minuten die absolut richtigen Töne, die optimalen Wendungen findet und mit perfektem Timing auf den Punkt bzw. den idealen Groove kommt, ist geradezu sensationell.
Die Musik fließt, ist nachvollziehbar, niemand im Birdland-Keller braucht ein vorher abgeschlossenes Jazz-Studium, um den Swing zu spüren, sich an den Melodien zu ergötzen und es sich auf den Harmonien bequem zu machen. Hier verbindet sich musikalische Schönheit außerhalb des Elfenbeinturms mit der Lust der Musiker, sie zu erzeugen und der Lust des Publikums, sie zu erspüren, sich auf sie einzulassen und sie zu genießen. Ein wunderbarer Abend mit wunderbarer Musik, die völlig ohne großes Getue auskommt, bei der vordergründiges Gehabe nur stören würde.
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
Lee Konitz, eine Jazzlegende und ein kaum erreichter Meister am Altsaxofon, war über die Jahrzehnte immer wieder Gast im Birdland Neuburg. Auch noch im hohen Alter, wenige Jahre vor seinem Tod 2020. Sein Saxofonspiel kam ohne jedes vordergründige Gehabe oder Spektakel aus und war von einem absoluten Respekt vor dem Wert jeder einzelnen Note geprägt. Seine Schülerin Kristina Brodersen, Altsaxofonistin aus Köln, hat inzwischen selbst einen klangvollen Namen in der weiten Welt des Jazz.
Die feine, klare und von einer unbändigen Intensität getragene Art ihres Vorbilds Lee Konitz hat sich Brodersen zu eigen gemacht. Aber nicht im Sinne einer perfekten Kopie, sondern in einer Art musikalischen Weiterdenkens, mit viel Mut zu großen improvisatorischen Exkursionen, mit einer stupenden Fähigkeit, dem großen Lee immer die Ehre zu geben und dabei doch in neue, eigene Dimensionen vorzustoßen.
Das Konzert hat das Motto „In Remembering Lee“. Und Kristina Brodersen am Altsaxofon bietet mit dem Pianisten Tobias Weindorf, Christian Ramond am Bass und dem Schlagzeuger Peter Weiss nicht nur eine schöne Erinnerung am den unsterblichen Großmeister Lee Konitz. Dieses Quartett gestaltet mit einer kammermusikalischen Dichte und absoluter Klarheit der Linienführung – auch in den reichlich komplexen Eigenkompositionen – eine anrührende Hommage. Moderner, auch schwieriger als viele Konitz-Standards, mit großer Ambition und einer guten Portion Demut.
Ein Markenzeichen dieses Quartetts ist das Improvisieren, der Geistesblitz aus dem Augenblick heraus – genauer gesagt aus der perfekt aufeinander abgestimmten musikalischen Denkungsart aller vier Jazzer. Anspruchsvolle Eigenkompositionen wie „The Old Bird“ oder „Tara“ und „Kary’s Trance“ fordern die Band an vielen Stellen, bei den Solopartien wie im der Gruppe. Aber die Anstrengung wirkt luftig und locker, diese Songs zerfallen nicht in Solo, Zwischenapplaus, nächstes Solo, kurzes Tutti und dann wieder eine Soloeinlage, die sich ihren Beifall abholt.
Das Publikum entwickelt im Lauf des Abends eine Zurückhaltung, was das sonst im Jazz übliche Klatschen zwischendurch angeht. Zu sehr ist spürbar, dass da bei aller Bedeutung der Soli, vor allem des Pianisten und der Saxofonistin, oft auch des Mannes am Kontrabass, ein feines musikalisches Gesamtkunstwerk zu hören ist. Da laufen lange Achtel-Ketten durch alle Instrumente, in rasantem Tempo und doch so präzise und respektvoll gestaltet, dass man wirklich jeden Ton genießen möchte.
Eigentlich scheint das unmöglich, weil es schon längst in scharfem Ritt weitergeht. Aber irgendwie gelingt es diesem Quartett, ganz besonders der weich und nobel intonierenden Kristina Brodersen und dem herausragenden Tobias Weindorf am Bösendorfer-Flügel, den Zuhörer in die Feinheiten dieser Kompositionen und in die mutigsten improvisatorischen Eskapaden voll mit hineinzunehmen. Wer sich Mühe gibt, kann bei diesen nicht selten eher langen Stücken hinter die bloßen Noten blicken und erfassen, wie sich die musikalischen Gedanken entfalten, wie sich die
Motive ineinander verschränken und dann wieder in eine lichte Klarheit verwandeln.
Ein wenig ist diese Hommage an Lee Konitz in der Gefahr, dass manches sich wiederholt und auf eine zu große Ähnlichkeit der musikalischen Mittel hinausläuft. Der mehrfache Hinweis der Moderatoren Brodersen und Weindorf, auf die vielen Achtel-Ketten in allen Instrumenten genau zu achten, beugt dieser Gefahr sozusagen vor. Genau achten, das richtet sich an die Aktiven auf der Bühne wie an die Zuhörer im Hofapothekenkeller. Wer das tut, der erlebt, dass scheinbar sehr ähnliche Tonfolgen so vielfältig und mit soviel Charme und Überraschungseffekt gespielt werden können, dass ein Déjà -vu-Gefühl gar nicht aufkommt.
Donaukurier | Karl Leitner
Im Eingangsbereich des Neuburger Birdland Jazzclubs hängt rechts an der Wand ein Foto des legendären Altsaxofonisten Lee Konitz. Jeder Besucher muss an ihm vorbei. Andererseits jedoch kommt kaum einer aus der langen Reihe all der Saxofonisten, die hier zu Gast waren, an ihm vorbei, denn beeinflusst hat er sie mehr oder weniger alle. Ganz besonders die Altsaxofonistin Kristina Brodersen, die zusammen mit ihrer Köln-Düsseldorfer Band mit Tobias Weindorf am Klavier, Peter Weiss am Schlagzeug und Christian Ramond am Kontrabass ihm an diesem Abend ein ganzes Programm widmet.
Konitz war Brodersens Mentor und Lehrer, sein Spiel und seine Philosophie haben sie nachhaltig beeinflusst. Sie teilt in ihrer Hommage an ihn seine Liebe zu rasanten Achtelläufen, spielt, wenn sie improvisiert, wie er lieber ein paar Noten weniger als ein paar zu viel, lotet wie er in dem ihm gewidmeten Projekt Grenzen aus, genießt wie er all die Freiheiten, die ihr damit geboten werden. Ohne je darauf aus zu sein oder zu riskieren, ihn zu kopieren. Man habe die Setlist während der Anreise aus Köln mehrmals umgeworfen, sagt sie, und sogar auf der Bühne ergeben sich ganz spontan noch diverse Änderungen. Das fordert alle Beteiligten heraus. Selten hat man die spontane Interaktion zwischen vier Musikern nicht nur hör- sondern auch so deutlich sichtbar miterlebt. Augen- und Ohrenkontakt und volle Konzentration waren immer entscheidend, wenn Konitz selber im Birdland zu Gast war, und sie sind es auch hier.
Das Konzert ist eine Mischung aus Konitz-Titeln, eigenen Stücken aus der Feder Brodersens und Weindorfs und Standards, die auch Konitz liebte und gerne spielte. Und es ist ein Abend der Widmungen. Das Konzert entstand im Andenken an Konitz, dessen „Kary’s Trance“ ist seiner Tochter gewidmet, sein „317 East 32nd und „L.T.“ wiederum seinem eigenem Lehrer Lennie Tristano, Tobias Weindorf widmet zwischendurch seinen „Waltz For K.W.“ dem Trompeter Kenny Wheeler, während Brodersen mit „Lee“ und erneut Weindorf mit „The Old Bird“ nachträglich den im Auge haben, dessen Geist an diesem Abend den Keller unter der ehemaligen Hofapotheke durchweht, der quasi mit auf der Bühne steht wie er es 2016 und 2017 zum letzten Mal im Birdland tat. Konitz ist präsent, mit kleinen Anekdoten und mit Stücken aus seinem Vermächtnis wie „Subconscious-Lee“ gleich zu Beginn und „It’s You“ mit diesem wahnwitzigen Thema, das die Band wie alles an diesem Abend souverän meistert ohne Gefahr zu laufen, aus der Kurve getragen zu werden.
Lee Konitz wurde im Oktober 1927 geboren und verstarb im April 2020. Es gibt also – noch – keinen runden Geburtstag, keinen aktuell zwingenden Grund, seinen Todestag zu begehen. Und dennoch widmen ihm Brodersen und ihrer Mitstreiter einen ganzen Abend. Vermutlich ganz einfach deswegen, weil er eine zentrale Stelle in ihrem Künstlerleben eingenommen hat, sie dankbar sind für die doch recht lange Wegstrecke mit ihm in New York und später in seiner Wahlheimat Köln. Es kommt einem so vor, als wäre dieser Erinnerungsabend der Band ein echtes Bedürfnis. Ein herausragender Musiker wird gewürdigt von seinen herausragenden Erben. Was will man mehr.
Donaukurier | Karl Leitner
Es gibt Momente, in denen Unbekanntes vertraut wirkt. In der Musik des amerikanischen Gitarristen Peter Bernstein, der mit seinem Quartett, an dem Sullivan Fortner am Klavier, Doug Weiss am Kontrabass und Schlagzeuger Kush Abadey beteiligt sind, im Neuburger Birldnad Jazzclub zu Gast ist, ist das der Fall. „Das kenn ich doch!“ mag sich manch einer im ausverkauften Club an diesem Abend fragen, um dann, als Bernstein den Titel verrät, verblüfft festzustellen, dass einem Stücke wie „Tears Autumn“, „Harbor No Illusion“ und der „Hadish’s Blues“ doch völlig fremd sind, weil seine Eigenkompositionen nun mal keine Klassiker im üblichen Sinne sind. Woran aber liegt es dann? Vielleicht daran, dass die Band, die genau an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne operiert, auf einen lässigen, straight-ahead gespielten Swing setzt, bei dem die Themen der Stücke zum Fundament einer eloquent phrasierten, einfallsreichen Improvisationskunst werden. Und zusätzlich auch daran, dass das Zusammenspiel der Rhythmusgruppe auch deshalb so harmonisch und tight sei, um, wie man nachlesen kann „den kristallinen Sound des Leaders an der Jazzgitarre zum Strahlen zu bringen und seine Single-Note-Linien adäquat zu grundieren.“
Dass Standards wie „Stablemates“ nach Art von Benny Golson, das völlig umgekrempelte „Love For Sale“ oder Fred Coot’s „You Go To My Head“ durch Bernstein’s Bearbeitungen, den Umgang seiner über jeden Zweifel erhabenen Band mit den Möglichkeiten der Dynamik, der Interaktion, der Lautstärke und der Tempi erneut zu Meisterwerken des Jazz – nur eben in runderneuerter Form – werden würden, war vorherzusehen, denn Bernstein hat im Birdland – ob als Partner des Organisten Larry Goldings oder wie diesmal als Chef seiner eigenen Band – eigentlich immer nicht nur überzeugt, sondern regelrecht begeistert. Und so ist es auch diesmal. Der umtriebige Doug Weiss, der neue Piano-Star Sullivan Fortner, der vor noch gar nicht allzu langer Zeit eines der besten Piano-Solokonzerte hingelegt hat, das das Birdland je erlebt hat, und dann natürlich Kush Abadey, auf dessen Dienste auch Ravi Coltrane, Chris Potter, Jeremy Pelt, and Tomasz Stanko gerne zurückgreifen und dessen Liebe zu höchst verzwickten Rhythmen offensichtlich ist, machen den Abend schließlich vollständig zu einem spannenden Erlebnis. Und das trotz all der bekannten Elemente, die von Bernsteins Traditionsbewusstsein her rühren, von der gewachsenen Basis, auf der er seine Musik entwickelt.
Der Auftritt im Birdland ist der siebzehnte von insgesamt achtzehn einer Tour durch die wichtigsten Jazzclubs Europas. Nach Gigs in Amsterdam, Mailand, London und Berlin geht’s von Neuburg aus noch nach Wien und dann nach Hause nach New York. Die Aussicht auf ein paar Tage Erholung daheim mag ein Grund sein für die gelöste Stimmung in der Band, die zahlreichen gemeinsamen Abende auf der Bühne innerhalb kurzer Zeit sind ganz sicher einer für das blinde Verständnis der Musiker untereinander, das zu diesen entspannten, wie selbstverständlich laufenden Grooves führt, aus vier Top-Musikern eine Band im wahrsten Sinne macht, bei der alle Räder perfekt ineinander greifen und die läuft wie ein gut geschmierter Hochleistungsmotor. Das Peter Bernstein Quartet: Höchstes Niveau wegen absoluter Präsenz bei gleichzeitig enormem Schwierigkeitsgrad.
Donaukurier | Karl Leitner
Der Gourmet hat seinen Lieblingsitaliener, der Cineast seinen Lieblingsfilm und der Weinliebhaber seinen Lieblingstropfen. Der Tenorsaxofonist Ignaz Dinné definiert seine Lieblingsstücke, die er an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg seinem Publikum akustisch ans Herz legt, folgendermaßen: „Man kennt sie besonders gut und spielt sie schon seit sehr langer Zeit. Man macht beim Spielen die Augen zu, ist entspannt genug, um sich zurückzulehnen und genießt sie jedes Mal neu.“
Acht solche Lieblingsstücke hat Dinné im Gepäck, und es handelt sich dabei nicht notgedrungen um Standards oder gar Evergreens, sondern um eine ganz persönliche Auswahl, um Joe Henderson’s „Serenity“, Wayne Shorter’s „Al Gaucho“, Thelonious Monk’s „Reflections“ und Dave Brubeck’s „In Your Own Sweet Way“ und ein paar andere, die man als Zuhörer auch selber kennen kann aber nicht zwingend kennen muss. Für Dinné und seine Band mit dem ukrainischen Trompeter Dima Bondarev, dem argentinischen Gitarristen Ramiro Olaciregui, dem Kontrabassisten Max Leiss und dem Schlagzeuger Julian Fau dienen sie als Basis, als Orientierungsrahmen und bieten gleichzeitig genügend Freiraum, in dem sie sich solistisch entfalten können. Jeder in der Band ist mit eigenen Ensembles unterwegs, bringt eigene Alben auf den Markt, gibt Konzerte unter eigenem Namen, hier, unter Dinnés Leitung, sind sie gleichberechtigte Partner, teilen den Platz für die Soli, unterstützen einander, wenn sie sich anschicken, mit besonders hervorgehobenen Beiträgen ihre eigene Sicht der Dinge zu offenbaren.
Der vermutlich auffälligste von allen ist Dima Bondarev (Deutscher Jazzpreis 2025), der bei Joe Henderson’s „Inner Urge“, ganz dem Titel des Stücks entsprechend, seinem inneren Drang nachgibt und alle Register zieht. Dinné moderiert mit seinen Ansagen den Ablauf des Abends und mit seinem Saxofon die Aktivitäten seiner Kollegen. Jeder wird an besonderen Stellen des Programms besonders gefeatured, jeder hat immer wieder seine ganz besonderen Momente und in der Summe ergibt sich daraus ein Abend mit lockerem, abgeklärtem, souverän vorgetragenem Mainstream, ein rundes Gesamtpaket jenseits abgehobener Angeberei, mit dem jeder im Saal etwas anfangen kann, das ganz einfach gut tut. Und vielleicht wurde einer von Dinnés Lieblingssongs ja am Ende sogar auch zu einem für irgendjemand im Publikum. Überraschenderweise fügen sich die beiden Eigenkompositionen – Olaciregui’s „CM’s Blues“ und Dinnés „Patience“ – nahtlos ein in die Setlist, auf der neben den bereits erwähnten auch Namen wie Kurt Weill und Cole Porter stehen, von Säulenheiligen der Musikgeschichte also, neben denen man erst einmal bestehen muss.
Mit Ignaz Dinné ist an diesem Abend wieder einmal ein Musiker in Neuburg zu Gast, der in der deutschen Jazz-Szene in den vergangenen Jahren immer präsent war, sich bei einem breiten Publikum aber nie in den Vordergrund gedrängt hat. Vielleicht lag es daran, dass er vor seinem Umzug nach Berlin viele Jahre in Boston und New York gelebt hat, dort mit seiner eigenen amerikanischen Band und mit Kollegen wie Wynton Marsalis und Slide Hampton unterwegs war. An der Qualität seiner eigenen Musik lag es sicher nicht, denn die ist – wie im Birdland zu hören – nicht nur unbestritten, sondern ganz außerordentlich.
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
Der Bösendorfer-Flügel, der im Birdland Jazzclub schon so oft seine unerschöpflichen Klangfarben entfaltet hat, stand an diesem Abend fein abgedeckt hinten auf der Bühne. Ein Instrument, das für die Melodien, die Harmonien und auch für den Rhythmus eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt, blieb also stumm. Die spannende Frage war nun, wie die fünf Jazzer des Ignaz Dinne Quintetts mit Trompete (Dima Bondarev), Saxofon (Ignaz Dinne), Gitarre (Ramiro Olaciregui), Bass (Max Leiss) und Schlagzeug (Julian Fau) auf ihre Weise zeigen konnten, was in einer solchen Formation an Kreativität und Klangfülle möglich ist.
Sie zeigten es auf eine manchmal hinreißende und oft genug mit herrlichen Überraschungen gewürzte Art. Im gut besuchten Hofapothekenkeller waren fünf Jazzer am Werk, die alle eine ausgeprägte musikalische Persönlichkeit mit dem nötigen Selbstbewusstsein auf die Waage bringen – aber nicht alle das gleiche Gewicht. Bildlich gesprochen eroberten drei Meister an Gitarre, Bass und Schlagzeug und zwei Großmeister mit der Trompete und dem Saxofon ihr Publikum.
Was Bandleader Ignaz Dinne mit dem Tenorsaxofon und der ukrainische Teufels-Trompeter Dima Bondarev jeder für sich und vor allem im Zusammenspiel zu bieten hatten, kann man nur grandios nennen. Im Titel „Serenity“ oder in der Henderson-Ballade „Just wonderfol things“ leuchten diese Qualitäten besonders hell. Dinne und Bondarev stellen blitzsaubere, rasante Unisono-Passagen ins Gewölbe, in Phrasierung und Dynamik so gut aufeinander eingestellt, dass es oft wirkt, als spiele nur einer. Das wird möglich, weil beide Jazzer die starken Emotionen, die in diesen Stücken leben, in gleicher Weise empfinden und dann auch gestalten..
Dabei sind diese zwei Großmeister ihres Instruments durchaus verschiedene Charaktere. Dinne spielt seine Kantilenen in den Balladen mit innerer Ruhe und einer souveränen Gelassenheit aus, oft in sich versunken. Wenn es wilder und virtuoser zugeht, geht er aus sich heraus, behält aber die Leichtigkeit des musikalischen Seins und freut sich sichtlich über die Volten, die ihm seine Kreativität gerade schenkt. Rein technisch hat Dinne sowieso alles drauf, musikalisch ist er mit seinem Respekt vor jedem einzelnen Ton und mit seiner gedanklichen Tiefe ein Geschenk.
Der Mann an der Trompete hat diese elegante Art des Musizierens auch drauf, er entlockt in Stücken wie „This is new“ von Kurt Weill oder in der Ballade „Reflexions“weiche, warme Farben. Da denkt man als Zuhörer nicht unbedingt an ein Blechblasinstrument, das auch richtig Dampf, um nicht zu sagen Krach machen kann. Die Gefahr, die für den intimen Birdland-Keller noch zuträglich Lautstärke zu überschreiten, ist in Titeln wie „Inner urge“ oder „El Goucho“ durchaus gegeben. Und bei einem manchmal geradezu exaltierten Musiker wie Bondarev ganz besonders.
Der Ukrainer überrascht oft mit schier verrückten Eskapaden bis hinauf in die höchsten Lagen und mit manch heißen Ritt über ein paar Oktaven hinauf und hinunter. Er hat die Dynamik aber auch bei den wildesten Ausbrüchen unter Kontrolle. Mit heißem Herzen und doch auch mit kühlem Verstand, das ist die Kunst dieses verwegenen Großmeister an der Trompete.
Das Gesamtkunstwerk Quintett funktioniert bei zwei solchen Kalibern nicht automatisch. Gitarre, Bass und Schlagzeug sind ja nicht nur eine Art Begleit-Trio, das im Hintergrund mitspielt. Auch das könnte noch ein mehr als passables Ergebnis abliefern. Aber Leiss, Fau und Olaciregui sind eben hochmusikalische Persönlichkeiten. In vielen Titeln entwickelt das Quintett deshalb eine fast kammermusikalische Qualität, die jedem Instrument seinen vollen Wert gibt. Und mit ihren Soli dürfen Gitarre, Bass und Schlagzeug zwischendurch genug glänzen. Drei Meister auch sie, aber in der Struktur dieses Quintetts nicht die Großmeister.

