Presse

Tim Allhoff Piano Solo | 26.11.2022
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Es war eine eigentümliche Stimmung an diesem Abend im Birdland-Jazzkeller, intensive Stille herrschte im voll besetzten Gewölbe, viele Zuhörer schlossen immer wieder die Augen, um die sanfte Kraft der Töne des Klaviersolisten Tim Allhoff rundum ungetrübt genießen zu können. Der Pianist aus Augsburg hatte sich diese Art des Zuhörens gewünscht und er machte es seinem Publikum leicht, mit ihm auf eine wunderbare musikalische Reise zu gehen.

Man kann wohl sagen, dass die besten Klangwelten, die im edlen Bösendorfer-Flügel des Birdland Neuburg stecken, selten so zur Entfaltung gekommen sind wie beim Auftritt von Tim Allhoff. Der Mann ist schon optisch eine Erscheinung – auf seinen linken Arm ist ein sauber konturierter Bass-Schlüssel tätowiert, auf den rechten ein Violinschlüssel, garniert mit diversen Hämmerchen. Diese Hämmerchen, die in der feinen Mechanik des Flügels die Saiten anschlagen, brachte Allhoff derart ausdrucksstark zum Schwingen, ja zum Singen, dass es ein besonderer Abend werden konnte.

Anschlagen ist vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck. Allhoff streichelt die 88 Tasten des Flügels, er gibt ihnen liebevolle, kleine oder größere, aber immer ganz klare Impulse. Seine Faszination liegt in den leisen Tönen, in den sanften Melodien. Und wenn er mal in Fortissimo geht, dann donnert er nicht die Tastatur rauf und runter, sondern macht die reine Lautstärke zum Diener des musikalischen Sinns seiner Titel.

Den ganzen Abend hindurch ist zu spüren, dass dieser Mann eine umfassende Ausbildung auch als klassischer Pianist genießen durfte. Im Titelsong seiner aktuellen CD „Moria“ und in anderen Nummern wie „All of you“ sind immer wieder feine Anklänge an Bach, Schubert oder auch an einen allzu berühmten langsamen Satz Ludwig van Beethovens herauszuhören, auf raffinierte Weise mit den harmonischen und rhythmischen Freiheiten des Jazz verschmolzen.

Dieser Tim Allhoff versteht es, einfache Melodien wie aus Robert Schumanns „Album für die Jugend“ mit seinem Tastenanschlag und seinen klug eingesetzten Stilmitteln zu musikalischen Preziosen zu formen. Hier eine kaum hörbare Verzögerung im Fluss der Töne, dort ein überraschender Einwurf aus dem improvisatorischen Gefühl des Augenblicks – und schon ist man vom einem betörenden Wohlklang umfangen, der aber nirgends die Grenze zum Sentimentalen überschreitet. Ein überzeugendes Kunststück aus Allhoffs Fundus liefert etwa seine Version der klassischen Jazz-Ballade „Day dream“ von Billy Strayhorne.

Und dann „Leas Song“, ein Lied ohne Worte, von schwebender Leichtigkeit, aber auch mit einem elegischen Grundton durchzogen und zwischen Dur und Moll chargierend. Am Ende löst sich diese geheimnisvolle Musik der Unentschiedenheit in einen warmen, klaren Dur-Akkord auf. Nicht nur die reale Lea, die bei diesem ihr gewidmeten Song besonders genau zugehört hatte, war am Ende angerührt. Schöner und reicher an Farben und Emotionen kann ein Jazzstück schwerlich klingen.


Tim Allhoff Piano Solo | 26.11.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Der Pianist und Echo-Preisträger Tim Allhoff ist nach langjähriger Bandtätigkeit nun auch als Solist unterwegs und schlägt derzeit weithin sicht- und hörbare Pfosten in die deutsche Jazzlandschaft. In dieser Mission und mit seinem neuen Soloalbum „Morla“ im Gepäck, ist er zu Gast im Birdland Jazzclub in Neuburg und outet sich dabei als Geschichtenerzähler am Flügel mit Charme, Herzenswärme und in musikalischer Hinsicht mit einem enormen stilistischen Background.

Seinem Rat ans zahlreich erschienene Publikum „Schließt doch einfach die Augen und malt euch eine eigene Geschichte aus!“ kann man getrost folgen, ist doch diese Methode am besten geeignet, um sich in die Spielweise und auch in den inhaltlichen Hintergrund der einzelnen Stücke zu versenken. Allhoff lehnt sich entspannt zurück, kriecht dann wieder förmlich hinein in die Tastatur, bedient sich eines feinen, ja, zärtlichen Anschlags, zeigt Emotionen und Gefühle, während seine Zuhörerschaft die Seele baumeln lässt. „Lea’s Song“, geschrieben für eine im Auditorium anwesende junge Dame, „Namiko“ für eine imaginäre Tochter des Meeres und „Morla“ für die Schildkröte in Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, die Bearbeitungen von Jazz-Standards wie „All The Things You Are“ und „All Of Me“ bis hin zu Billy Strayhorn’s „Daydream“ als absolutem Highlight des Abends, schließlich eine brandneue Kompositionen mit dem vorläufigen Arbeitstitel „Prisma“ – jedes Stück lässt Raum für gedankliche Spaziergänge, hat Platz für träumerische Momente, für emotionale Tastenfantasien.

Bei einer so feinen Spielweise wie der Allhoffs ergeben der superbe Klang des Bösendorfer-Flügels und die hervorragende Raumakustik des Birdland-Kellers ein optimales Hörerlebnis. Es verwundert nicht, dass man trotz voller Besetzung keinen Mucks hört. Man genießt einfach. Auch die Tatsache, dass Allhoff sich nicht mit Jazz begnügt. Er kommt eigentlich von der Klassik, was sich mit „Gigne“, einem heiteren Barock-Tanz, ebenso äußert wie mit Robert Schumann und Felix Mendelsohn-Bartholdy, ist dem Blues nicht abgeneigt – Allhoffs Version von Bobby Timmons‘ „This Here“ ist ein weiterer Höhepunkt des Abends – und auch dem Pop nicht, lässt er doch in der ersten von zwei Zugaben auch noch „Hello Goodbye“ von den Beatles in stark veränderter Form erklingen.

Tim Allhoff ist an diesem Abend, der wieder einmal unter dem Motto „Art Of Piano“ steht und die gleichnamige Birdland-Reihe mit dem Konzert Nummer 236 für das Kalenderjahr 2022 abschließt, ein erneuter Beleg für die enorme Qualität dieser Extra-Abteilung innerhalb des Jahresprogramms. Craig Taborn, Jacky Terrasson, Emmett Cohen, Marc Copland, Richie Beirach, Tamir Hendelman waren innerhalb eines Jahres zu hören und zu sehen. Sie alle gehören zur Weltspitze. Und nun auch noch Tim Allhoff, der auf einem guten Weg dorthin ist. Wie all die anderen gibt auch er auf seine ureigenste Weise seine musikalische Visitenkarte ab und wie in all den anderen Fällen ist das Publikum hingerissen. – Kein Wunder bei einem Musiker, der einen zwei Stunden lang dermaßen in seinen Bann zieht.


Allotria Jazz Band – Audi Forum Ingolstadt | 24.11.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wie in jedem Bereich gibt es auch innerhalb der Jazzgemeinde Leute, die das Risiko eher meiden und lieber auf Nummer sicher gehen. Und natürlich ist es völlig legitim, statt auf herausfor­dernde Musik lieber auf Altbe­währtes zu setzen, wenn man einen an­genehmen und entspannten Abend ver­bringen möchte. Wer sich dieser Fraktion zugehörig fühlt, liegt bei der sturmer­probten und seit ihrem Gründungsjahr 1969 perma­nent präsenten Allotria Jazz­band absolut richtig.

Die Herren Rainer Sander (Klarinette, Altsaxofon), Colin T. Dawson (Trompe­te, Gitarre, Gesang), Andrey Lobanov (Trompete), Mathias Götz (Posaune), Thilo Wagner (Klavier), Peter Cischeck (Kontrabass) und Gregor Beck (Schlag­zeug) erfüllen die Erwartungen ihres Pu­blikums auf überaus angenehme und souveräne Weise. Jeder im gut besuch­ten Audi Forum ist sich selbstverständlich im Klaren darüber, dass es sich beim Reper­toire der Band weniger um eine tiefe Verbeugung vor einem ein­zelnen Musi­ker handelt, sondern vielmehr vor ei­ner ganzen Ära, der des Oldtime Jazz näm­lich, es um eine Sammlung von bekannt­en und gott­lob auch ein paar weni­ger be­kannten Stücken aus einer längst vergan­genen Epoche geht, um Oldies, Ever­greens, Klassiker oder Standards. Oder wie auch immer man Benny Goodman’s „All The Cats Join In“ , den „Down Home Rag“ von 1911 oder Louis Prima’s „Ain’t Got Nobody“ bezeichnen möchte. Und wenn das Audi­torium immer wieder heftig Beifall spen­det, geht es wohl auch nicht nur aus­schließlich um die Würdi­gung der sei­nerzeitigen Kreativität bei der Erschaf­fung so zeitlo­ser Melodien wie Neal Hefti’s „Them There Eyes“ oder Jelly Roll Morton’s „Wolverine Blues“, son­dern es wird auch irgendwie das rei­bungslose Funktionie­ren des eige­nen Gedächtnis mit be­klatscht. Nun ja, was man besonders gut kennt und über die Jahre liebgewonnen hat, kommt beim erneuten Hören bekanntlich besonders gut an.

Diese Reaktion ist nachvollziehbar und der Musikbetrieb lebt von ihr. Der Jubel beim Stones-Konzert ist bei „Satisfacti­on“ erfahrungsgemäß am größten und Mozart und Beethoven locken in der Re­gel mehr Leute an als Stockhausen oder John Cage. Natürlich ist die Ausführung entscheidend. Man hat als Hörer oftmals gespielter Stücke wie Ellington’s „East St. Louis Doodle-Oo“ und Good­man’s „Sing Sing Sing“ vermehrt Vergleichs- m­öglichkeiten, hat schon mal gute und we­niger gute Versionen ein und dessel­ben Stücks gehört. In dieser Hinsicht ste­chen die Bearbeitungen der Allotria Jazz­band na­türlich heraus. Nahezu kein vergleichbares Ensemb­le verfügt über derart viel Erfah­rung im Zusammenspiel und auch im Umgang mit dem Publikum – denn die Band ist nicht nur ein gut ge­schmiertes Kollektiv, sondern immer auch eine Art Showband – , über derma­ßen viel Souve­ränität im Vortrag und über so viel Routi­ne.

Wobei man letztere dem Septett aber gar nicht anmerkt. Die Musiker spielen das, was sie tagtäglich in unzähligen an­deren Konzertsälen auch spielen und die Menschen im Audi Forum haben – wider besseres Wissen natürlich – trotzdem den Eindruck, hier finde speziell für sie ein einmaliges Ereignis statt. Musikalische Qualität und passendes Enter­tainment reichen sich die Hand. Mehr braucht’s nicht für einen rundum gelun­genen Abend.


12. Birdland Radio Jazz Festival 2022 | 19.11.2022
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Jazz zu präsentieren war noch nie leicht, vor allem in Zeiten wie diesen. Und dann noch in einer Kleinstadt wie Neuburg. Dennoch versucht es Manfred Rehm immer und immer wieder. Die Arbeit des langjährigen Vorsitzenden des Birdland Jazzclubs gleicht der eines Missionars, der sich weder durch Corona, Krieg, Rezession, Klimawandel oder andere Krisen vom Kurs abbringen lässt. Längst erfährt er überregional die ihm gebührende Anerkennung, bekam von der früheren Kulturstaatsministerin Monika Grütters den bundesdeutschen Ehrenamtspreis und schafft es tatsächlich, alljährlich den Bayerischen Rundfunk (BR) für eine vierstündige Livesendung samt Ü-Wagen-Fuhrpark anlässlich des mittlerweile zum zwölften Mal stattfindenden „Birdland Radio Jazz Festivals“ in die Altstadt zu locken. Nur in der „Kulturstadt“ Neuburg hält sich die Resonanz eher im überschaubaren Rahmen.

Dass Stadträtinnen und Stadträte von dem Festival, das in diesem Jahr von Mitte Oktober an gut fünf Wochen lang erlesene Konzerte bot, so gut wie keine Notiz nehmen, daran haben sich Rehm und sein Team mittlerweile gewöhnt. Natürlich war dies auch 2022 nicht anders. Dass der Kulturausschuss jedoch seinen Zuschuss für das ambitionierte Festival kurz zuvor um 20 Prozent kürzte, während andere Events unangetastet blieben, mag angesichts der enormen Sogwirkung der aufgezeichneten Konzerte inklusive der Übertragung, die von Samstag 22 Uhr bis Sonntagmorgen zwei Uhr wieder eine sechsstellige Hörerschaft an die Radiogeräte zog, gelinde gesagt unverständlich erscheinen. „Die Anziehungskraft des Festivals und der Livesendung sind immens“, bestätigt Roland Spiegel, der zusammen mit Ulrich Habersetzer für den BR von Beginn an für das „Birdland Radio Jazz Festival“ verantwortlich zeichnet. Rehm selbst wirft die Übernachtungen, Restaurantbesuche und Einkäufe auswärtiger Besucher als Mehrwert in die Waagschale, die Neuburg durchaus nennenswerte Umsätze bescheren würden. 80 Prozent des Publikums reisen aus dem gesamten Bundesgebiet an, wie der Impresario in der Livesendung des BR zu verstehen gab. Dass die Konzerte fast immer ausverkauft waren, versteht sich dabei von selbst.

Auch weil die zwölfte Auflage abermals einen kühnen Mix aus sämtlichen Stilen des Jazz, von der Tradition bis zur avantgardistischen Moderne bot – und die „besonderen „Birdland-Momente“, die Spiegel und Habersetzer betonten. Diese beinhalten zutiefst authentische Live-Momente, bei denen im akustischen Optimalfall alle beteiligten Musiker ihren Teil beitragen dürfen. Dass in diesem Jahr ein eher im Hintergrund wirkendes Instrument unversehens zum Hauptdarsteller avancierte, liegt selbstredend an dessen Bedienern, ist aber in dieser Akzentuierung nur im Neuburger Hofapothekenkeller möglich. Die Bassisten setzen 2022 eindeutig die Akzente. Der geschmackvolle Amerikaner Daryll Hall (Gypsy Today), der grandiose Norweger Arild Andersen (Samo Šalamon), der farbenreiche Spanier Pablo Martín Caminero, der wunderbar konstruierende Münchner Thomas Stabenow (Das Quartett), der jeden Vortrag aufwertende künstlerische Leiter der Neuburger Sommerakademie Sven Faller (Philip Catherine) und der blutjunge, quirlige Christian Müller (Michel Schroeder Quintett): Sie alle halfen bei der längst überfälligen Imagekorrektur des Kontrabasses mit.

Der Schlussspurt im Birdland-Gewölbe förderte zum überwiegenden Teil erlesene Genussmomente zutage. Mit einer Ausnahme: Das Quartett um den Trompeter und Flügelhornisten Johannes Faber am Donnerstag hinterließ einen eher fragwürdigen Eindruck – vor allem wegen eines gelinde gesagt sich selbst überschätzenden Bandleaders. Fabers Trompetenkünste mögen durchaus vorzeigbar sein und überzeugten vor allem bei Miles Davisʼ dampfendem „All Blues“. Aber wenn der Opernsänger, Glöckner, Olivenbauer und Schauspieler (leider viel zu oft) Jazzstandards wie „Alfie“ oder das selbst komponierte „Amore Mio“ intonierte, dann strapazierte der 70-Jährige die Geduld der Zuhörer über Gebühr. Dass am Ende des Abends doch noch ein kleines Plus stand, liegt an den exzellenten Sidemen Thomas Stabenow, Jan Eschke am Piano und Matthias Gmelin am Schlagzeug.

Gleich eine Reihe dicker Pluszeichen gab es für den freitäglichen Auftritt von Philip Catherine, Paulo Morello und Sven Faller. Zwei deutsche Virtuosen auf ihren Gitarren- und Basssaiten umkränzen ihr großes Idol aus Belgien, das vor wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag feiern konnte. „Pourquoi“ heißt eine der Kompositionen Catherines – ein „Pourquoi“ ohne Fragezeichen. Ein Wortwitz, mit dem sich der Altmeister der Jazzgitarre als geistreicher Schalk outete. Ganz ohne Fragezeichen, selbstbewusst, mit einem quasi natürlichen Flow, sich stilsicher durch alle Genres bewegend, mal ausgelassen beschwingt, dann kontemplativ und verdichtet wie gute Filmmusik, kam die wunderbare Performance der Ausnahmemusiker daher. Catherine, Morello und Faller erlangten in ihrem Zusammenspiel eine feine kammermusikalische Qualität, die vom Zuhören und Reagieren lebt. Wie Balletttänzer, die sich barfuß auf einer zentimeterdünnen Eisdecke fortbewegen, zelebrieren sie feinsinnig walzernde Themen wie „Louisella“, „Letter From My Mother“ oder Django Reinhardts hinreißendes „Manoir De Me Rêves“ (Das Haus meiner Träume). Traumhaft schön, zum Niederknien!

Frisch, jung, fröhlich und frei: So gestaltete sich auch in diesem Jahr das Finale des 12. Birdland Radio Jazz Festivals mit dem wuseligen, höllisch swingenden, aber stets modern klingenden Quintett des Trompeter Michel Schroeder. Der 27-Jährige und seine quirligen Kompagnons lieferten eines der besten Schlusskonzerte ab, dessen zweite Hälfte erneut live aus dem Birdland über den Äther ging. Die Fünf überzeugten in jeder Hinsicht mit brodelnden Hardbop-Nummern („Short Cut“) oder intelligent-melancholischen Reflexionen über den schwierigen Spagat zwischen dem Dasein des Berufsmusikers und den Pflichten eines Vaters („All About Us“). Michel Schroeder und Co. stehen für die vitale, kraft- und ideenstrotzende Zukunft des Jazz, gerade in Zeiten wie diesen. Und die längst auch bundesweit erwiesene Relevanz dieses Jazz-Festivals in und aus Neuburg.


Michel Schroeder Quintett | 19.11.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt Chancen, die hat man nicht allzu häufig. Wer klug ist, der nutzt sie. Der Trompeter, Flügelhornist und Komponist Michel Schroeder und sein in Hamburg beheimatetes Quintett packen sie an diesem Abend beim Schopf, ziehen alle Register und legen ein exzellentes zweites Set hin. Immer­hin wird die knappe Stunde zwischen 22.05 und 23 Uhr vom Bayerischen Rundfunk ins Netz der gesamten ARD eingespeist und ist über diverse Internet-Dienste weltweit live mitzuhören. Da ist höchste Konzen­tration ist gefragt.

Der erste Teil des Abends liegt bereits hinter den Musikern und dem Publikum, die darin enthaltenen Stücke sind gut, aber eigentlich zu aller erst Stoff zum Warmspielen, was sich einem aber erst nach der Pause wirklich erschließt, als die rote Lampe rechts an der Bühne auf­leuchtet. „Wir sind live auf Sendung, also benehmt euch!“ ruft Schroeder den Leuten im Saal zu, was für Gelächter sorgt und eine entspannte Atmosphäre. Und dann legt die Band erst wirklich richtig los, mit gehörig Druck im Kessel bei den rasanten Stücken wie „Hotel Auf der Schlossallee“ und mit Empathie und Einfühlungsvermögen bei den filigranen wie „All About Us“. Mit den mächtigen Fanfarenstößen von „Short Cuts“ starten er und seine Kollegen Marc Dof­fey (Te­nor- und Sopransaxofon), Leon Saleh (Schlagzeug), Christian Müller (Kontra­bass) und Béla Meinberg (Kla­vier), dann geht es Schlag auf Schlag, und ehe man sich’s versieht, sind die 55 Minuten auch schon vorbei.

Es gehört zur Tradition, zum Abschluss des Birdland Radio Jazz Festivals, junge deutsche Bands einzuladen und ihnen eine vor Ort zwar eher kleine, via Radio aber riesige Bühne zu bieten. Hier löst Birdland-Chef Manfred sein Versprechen ein, einen großen Teil der Preisgelder aus dem von der Bundesregierung vergebe­nen Spielstättenpreis „Applaus“ in die junge Szene zu investieren. Das ist eine Situation, die geradezu wie gemacht scheint für Schroeder mit seinen gerade mal 27 Jahren. Der Mann ist – wie seine Mitstreiter übrigens auch – ein enorm ta­lentierter Solist und ein bereits mit allen Wassern gewaschener Komponist. Man merkt den schneidigen, teils mächtigen, von beiden Bläsern vorgetragenen The­men deutlich an, dass ihr Schöpfer auch Big Band-Erfahrung hat. Immerhin un­terhält er daheim auch noch sein 17-köp­figes Michel Schroeder Ensemble inklu­sive acht Bläsern und vier Streichern. Der Mann weiß, wie man Arrangements schreibt, die zünden.

Am Ende ist der Applaus überaus hef­tig, nicht, weil man ihn überall zeitgleich im Radio hören kann, sondern wegen der Klasse der Band. Man könnte darauf wetten, dass man dieses Quintett nicht zum letzten Mal im Birdland gehört und gesehen hat. Schließlich ist auch Man­fred Rehm einer, der Gelegenheiten er­greift, wenn sie sich ihm bieten.

Ab 23 Uhr lichten sich die Reihen im Saal, zwei Stockwerke darüber aber, im in den Birdland-Büros eingerichteten Studio, sitzen bis 2 Uhr morgens noch Roland Spiegel und Ulrich Habersetzer an den Mikrofonen und schicken Auf­nahmen aller Festival-Konzerte, Inter­views mit Musikern, Leuten aus dem Pu­blikum, Medienvertretern und Manfred Rehm selbst hinaus in die Welt. Wie im­mer werden recht bald erste Mails bei ihm eintrudeln mit Hörerreaktionen. Manchmal kommen sie sogar bis aus Austra­lien. Oder, wie vor einigen Jahren, von einer Ölplattform mitten im Nordat­lantik.


Philip Catherine – Paulo Morello Trio | 18.11.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Kann Musik Balsam für die Seele sein, heilende Wirkung entfal­ten, einem ein Lächeln ins Gesicht zau­bern, das Herz öffnen? In seltenen Mo­menten kann sie das. Glücklich zu schät­zen ist der, der Ohrenzeuge eines solchen wird und ihn auch zu würdigen weiß. Wie zum Beispiel die Menschen, die sich aufgemacht hatten, dem Philip Catheri­ne-Paulo Morello Trio im Birdland zu lauschen.

Der Belgier Catherine, seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Gitarristen des eu­ropäischen Jazz überhaupt, Paulo Morel­lo, einer der versiertesten Vertreter an den sechs Saiten hierzulande, dazu das Bass-Ass Sven Faller – das ergibt an die­sem vorletzten Abend des Birdland Ra­dio Jazz Festivals ein Dreamteam, das ganz einfach großartig ist, aber nicht im Sinne von spektakulär. Die drei bevorzu­gen die leisen Töne, spielen wunderschö­ne Melodien in edlem Klangbild und fili­grane, raffinierte Linien. Musik von Äs­theten für Ästheten, vorgetragen mit be­törender Eleganz, serviert mit leisem Hu­mor. Diese Musik geht unter die Haut. Wenn man länger zuhört, was man bei einem Livekonzert gottlob ja darf, kann es sein, dass man ihr verfällt.

Catherine und Morello haben Stücke Menschen gewidmet, die ihnen beson­ders wichtig sind. Sie heißen „Louisel­la“, „To Martine“ und „Clau­dia’s De­light“. Wer so beschenkt wird, darf sich wahrlich glücklich schätzen. Der Klassi­ker „I’ll See You In My Dreams“ gehört in der Version dieses Trios in jedes Lehr­buch, all die übrigen Eigenkompositio­nen der beiden Gitarris­ten auch. Nur leicht verstärkte Instru­mente, absolute Präzision im Zusam­menspiel, hinreißen­de Arrangements, in denen für jeden Ton der einzig richtige Platz vorgesehen ist, die aber auch Luft lassen für spontane Ideen, das blinde Verständnis der drei Musiker untereinan­der. – Vermutlich kommt das, was man an diesem Abend im Birdland zu hören bekommt, der Bezeichnung „perfekt“ ziemlich nahe. Wenn der eine soliert, nehmen ihn die beiden anderen augen­blicklich unter ihre Fittiche, betten ihn liebevoll. Hier gibt es keine Konkur­renz, im Gegenteil, das Trio ist eine ab­solute Einheit, in der die Nähe der Betei­ligten untereinander entscheidend ist, in der der eine schon lange im Voraus zu wis­sen scheint, was der andere vorhat.

In der Schönheit, der Lieblichkeit, der Anmut der Musik liegt auch ihre Kraft. Wobei erstere ebenso weit entfernt ist von hirnlosem esoterischem Fließ­band-Gedudel wie letztere von Power rein um des Effektes willen. Nein, Schönheit, Liebreiz und Kraft sind in diesem Fall nicht aufgesetzt, sondern kommen von innen, was das Publikum im ausverkauf­ten Saal natürlich spürt und ein ums an­dere Mal mit Szenenapplaus quittiert. Und als man dann schließlich nach die­sen beiden denkwürdigen Stunden den Club verlässt und hinaustritt in die un­wirtliche, regnerische Nacht, kann es so­gar sein, dass einem das Wetter plötzlich völlig egal ist und einem die Welt ein kleines Stück freundlicher vorkommt. Was für eine tolle Form der Therapie!

Ausgestrahlt wird der Mitschnitt am Freitag, 17. März, in der Sendung „Jazz auf Reisen“ ab 23.05 Uhr auf BR Klas­sik.


Johannes Faber „Das Quartett“ | 17.11.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Der gebürtige Münchener Johannes Faber, von Beruf Trompeter und Komponist, ist ein Mann mit Vergangenheit. Erwin Lehn’s Südfunk Tanzorchester, das United Jazz & Rock Ensemble, Peter Herbolzheimers Rhythm Combination And Brass, Verantwortlicher für „Jazz im Gärtnerplatz“. Vor anderthalb Wochen wurde er Siebzig.

Das aus diesem Anlass fällige Geschenk machte er sich gleich selber, nämlich die CD „Blue Micol“, gewidmet seiner Familie und Menschen aus seinem persönlichen Umfeld. Beim Konzert im Neuburger Birdland Jazzclub stellt er zusammen mit seiner Band „Das Quartett“, bestehend aus dem Pianisten Jan Eschke, dem Kontrabassisten Thomas Stabenow und dem Schlagzeuger Matthias Gmelin, in der Hauptsache Stücke aus diesem pünktlich zum runden Geburtstag erschienenen Album vor, angereichert mit ein paar Adaptionen. Faber ist ein Trompeter, dem so schnell niemand etwas vormacht. Das merkt man recht schnell an diesem Abend, den der Bayerische Rundfunk für das 12. Birdland Radio Jazz Festival mitschneidet. Die Stücke, die sich inhaltlich auch – wie Faber ausführlich erläutert – mit seiner italienischen Wahlheimat beschäftigen und getragen werden von den beiden grundsoliden Allzweckwaffen am Bass und an den Drums und dem herausragenden Jan Eschke und seinen rasanten Linien, sind zwar straff arrangiert, bieten aber auch Raum für solistische Ausflüge per Trompete und Flügelhorn, in denen immer wieder Fabers Klasse aufscheint.

Toots Thielemans‘ „Bluesette“, Miles Davis‘ „All Blues“ Victor Feldman’s „Seven Steps To Heaven“ und Charlie Mariano’s „Bangalore“ sind in der Tat echte Highlights. Ihnen gegenüber stehen freilich Stücke, in denen Faber als Sänger fungiert. Am „Heart Of Stone Blues“ und an seiner Rolle als Cantautore in „Amore Mio“ gibt es nicht viel auszusetzen, an den Balladen von Burt Bacharach und Leonard Bernstein aber schon. Vermutlich überfordert er durch all die Wechsel von Trompete und Flügelhorn hin zum Gesang und wieder zurück ganz einfach seine Atmung und seine Stimmbänder. Anders sind die vor allem zu Beginn des Konzerts zu beobachtende stimmliche Kraftlosigkeit und die daraus resultierenden Probleme bei der Intonation nicht zu erklären. Überraschend kommt auch die Aussage, sein „21% Blues“, den er in der Zugabe spielt, sei der einzige nicht traurige Blues der Welt. Dass Faber ein derart überholtes wie grundfalsches Klischee wie das von „Blues ist grundsätzlich traurig“ tatsächlich für wahr hält, kann man fast nicht glauben. Aber vielleicht war diese Äußerung ja als Scherz gedacht und wir haben ihn nur nicht kapiert.

Sei’s drum. Das Publikum gratuliert Johannes Faber mit herzlichem Applaus zu seinem Siebzigsten und wir schließen und diesen Glückwünschen gerne an. Und übersenden ebensolche natürlich auch an Thomas Stabenow, der den gleichen Runden vor gerade mal zwei Monaten feiern konnte. Gesendet wird der Mitschnitt des Konzerts von „Das Quartett“ unter dem Titel „All That Jazz“ am Donnerstag, 9. Februar, ab 23:05 auf BR Klassik.


Pablo Martín Caminero Trio „Al Toque“ | 12.11.2022
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Dieser Abend im Birdland war außergewöhnlich, Und das Publikum zeigte sich mehr als angetan, bekamen die Zuhörer im vollbesetzten Clubkeller doch eine hinreißende, kunstvolle Kombination aus Flamenco und Mainstream-Jazz geboten. Mit einem instrumentalen Wunder: Der Kontrabass verwandelte sich in eine Flamenco-Gitarre, mit schwebend leichtem und zugleich vollem, sonoren Klang.

Man sollte meinen, dass so etwas rein physikalisch gar nicht geht. Aber es funktionierte, auf spektakuläre Weise. Der Tausendsassa Pablo Martín Caminero auf dem geliehenen Bass des Birdland Clubs (sein eigenes Instrument war zu spät aus Spanien eingetroffen) entlockte dem hervorragenden Ersatzgerät so viele einzelne Töne, wie es wohl selten bis nie ein Bassist im Hofapotheken-Keller getan hat.

Das ist der rein technische Aspekt, der einen schon ein ums andere Mal in Erstaunen versetzte, wie die rasanten Flamenco-Motive auf einem Kontrabass überhaupt zu bewältigen sind. Entscheidend aber ist die musikalische Qualität dieses fabelhaft aufeinander hörenden und miteinander konzertierenden Trios. Statt des üblichen Wechsels von Solopartien der einzelnen Musiker spielt sich dieser Abend auf einer anderen Ebene ab: Moises P. Sanchez am Bösendorfer-Flügel, Bagito Gonzales am Schlagzeug und eben Pablo Martin Caminero auf dem Bass musizieren fast durchgehend gleichzeitig, in einer einzigartigen Mischung aus kammermusikalischer Disziplin und der unendlichen Freiheit aller Emotionen, die der Flamenco zu bieten hat.

Klassiker der Flamenco-Größen wie Gerardo Nunez oder Jorge Pardo nehmen die drei Musiker mit überzeugendem Zugriff in die Hand und transformieren sie in ihre eigene Welt. Der Pianist und der Bassist brillieren in halsbrecherischen, verrückt schnellen Unisono-Passagen – exakt bis auf die letzte Feinheit und mit einer umwerfenden musikalischen Wirkung.

Moises P. Sanchez misst die gesamte Klangvielfalt des Flügels aus, von fast romantisch wirkenden Akkordfolgen über impressionistische Phantasien bis hin zu schrägen, aufregenden Reibungen aus, mit einem selbstverständlichen virtuosen Habitus des echten Könners. Camineros irre Kunststückchen auf dem Bass, mit extrem flinkem Pizzicato und auch mit vielen elegischen Arco-Passagen bis hin zu sphärisch abhebenden Flagiolett-Tönen. Bagito Gonzales gibt diesem Gesamt-Bild eine ganz eigene Färbung hinzu, er verzichtet oft auf die Sticks oder den Besen und fabriziert seine rhythmischen Blitzlichter auf eine sanfte, klar konturierte Weise mit den bloßen Händen.

Titel wie Arabia, Alcazar de Sevilla und La Habana Sin Luz werden so zu einem durchaus komplexen, aber zugleich in die Beine und ins Blut gehenden Angebot, das man als Zuhörer einfach nicht ablehnen kann. Das Zuhören fordert auch den Kopf, Mitdenken ist gefragt, wie Caminero in seinen witzigen, gelegentlich selbstironischen Anmerkungen zum Programm mit eingängigen Gesten klarmacht. Die kleine Mühe lohnt sich selten so wie an diesem Konzertabend. Das Mitfühlen und das innere Mitgehen kommen ja von selbst.


Pablo Martín Caminero Trio „Al Toque“ | 12.11.2022
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Musiker sind plan­mäßig mit dem Flugzeug aus Madrid ge­landet, nur Pablo Martín Caminero’s Kontrabass nicht. Gut, dass der Birdland Jazzclub über ein eigenes Instrument verfügt, auf dem sich der Maestro austo­ben kann. Eigentlich geht es an diesem Abend im Birdland-Gewölbe ja um die großen iberischen Flamenco-Gitarristen von Paco de Lucia bis zu Manolo Sanlú­car und von Sabicas bis zu Gerardo Núñez, andererseits verfügt das Trio zwar über Moisés P. Sánchez am Klavier und den Perkussionisten Paquito Gonza­lez, über einen Gitarristen aber nicht.

Diese Konstellation mutet zwar sonder­bar an, ist aber durchaus beabsichtigt, denn Caminero hat all die waghalsigen Melodien jener Gitarrenvirtuosen auf sich um sein Trio umgeschrieben, einige davon auf dem Album „Al Toque“ veröf­fentlicht und für die Bühne bearbeitet. Aus diesem Vorhaben wird beim Konzert im Birdland ein wahrer Parforce-Ritt durch das Werk wegweisender Kompo­nisten des Flamenco, der rein gar nichts zu tun hat mit feurigen Tänzerinnen, Kastagnetten, festgelegten Schrittfolgen und klappernden Absätzen auf Laminat, dafür aber um so mehr mit Virtuosität, Dynamik, Kreativität, Spontaneität und Gaudi. Ja, auch Gaudi, denn selten hat ein Bandleader im Bird­land mit derma­ßen viel Witz durch sein Programm ge­führt wie Caminero.

Bei ihm und seiner Band darf Flamenco swingen, funky oder rockend daherkom­men, darf wunderbar fließen, sich mit Tango, Rumba und Bossa Nova heiße Duelle liefern. Wenn er von dem exzel­lenten Moisés P. Sánchez, der an den Tasten ein Kunststück nach dem anderen aufführt, mit Chucho Valdés, Gonzalo Rubalcaba oder Chick Corea in Verbin­dung gebracht wird, gibt er eine ebenso gute Figur ab, wie wenn sich Paquito Gonzalez seiner annimmt. Der ist ein be­gnadeter Cajon-Experte und bearbeitet auch das Drumset lieber mit den Händen als mit Stöcken oder Besen.

In der Musik des Trios gehen das ei­gentlich regional begrenzte Genre des Flamenco und das weltweite Phänomen des Jazz eine Verbindung ein, die – nach dem was man beim Birdland-Konzert zu hören bekommt – absolut außergewöhn­liche Früchte trägt. Stücke wie das dem Gitarristen Pat Metheny gewidmete „Querido Metheny“ oder „La Habana Sin Luz“ etwa, in denen ständige Ak­zentverschiebungen und Lautstärke­wechsel bei absoluter Präzision ebenso selbstverständlich sind wie vorher der Witz in Caminero’s Ansagen. „Diese Fla­mencogitarristen sind allesamt Verrück­te“, erklärt er. „Jeder versucht, immer noch schwierigere Gitarrenpassagen zu erfinden“. Freilich nur, um anschließend zu demonstrieren, dass er selber auch so einiges auf dem Kasten hat. Nur eben auf vier dicken statt auf sechs dünnen Saiten.

Nachdem die CDs zu den Auftritten der Band in Deutschland nicht pünktlich ein­trafen – „Auf diese Spanier kann man sich einfach nicht verlassen“, sagt der aus dem Baskenland stammende Cami­nero mit breitem Grinsen – und man des­wegen die Musik also nicht als Konserve mit nach Hause nehmen kann, ist es von Vorteil, dass auch dieses Konzert vom BR mitgeschnitten wurde und nachge­hört werden kann. Es lohnt sich fürwahr.
Karl Leitner (lei)


Samuel Blaser Trio | 11.11.2022
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Zumindest ab und zu braucht man das als eingefleischter Jazzfan. Dann muss die Säge sägen! Ein abenteuerliches Konzert im freien Spiel der Kräfte boten Samuel Blaser, Marc Ducret und Peter Brunn den Freunden avantgardistischer Klänge im Birdland Jazzclub. Das ist zwar nicht jedermanns Sache, setzt jedoch Im-pulse weit über den Tag hinaus.

Überraschung war Programm an diesem denkwürdigen Abend, an dem es keine Sekunde Stillstand gab. Posaune, Schlagzeug, Stromgi-tarre: Das grumpft und gurgelt, faucht und schmaucht, zischt und grummelt, grollt und rollt, säuselt und singt, sägt und grellt.

Die Musik zieht mal versonnene Linien über dichtem, auch klang-lich ungemein variablem Rhythmusteppich, entschleunigt fast ins nur mehr schwebende Nirvana, wartet dann wieder auf mit berau-schendem Tempo und vollkommen unberechenbarer Bewegung. Dabei sorgt die Inspiration im triangulären Austausch für jede Menge interaktive Blitze, die in den Spannungsbögen hin und her ge-schleudert werden.

Im Tanz der Elementarteilchen verschwimmt immer wieder mal auch die Grenze zwischen Klang und Geräusch, löst sich auf in kaum mehr fassbare, fantasievolle Hörbilder.

Bei aller Loslösung von vordergründig erkennbaren Konzepten, bei allen Haken und Ösen, bei aller Erwartungsverweigerung in-des spielt das Trio ungemein dicht zusammen, mit höchster Prä-zision, Konzentration und Bindung. Avantgarde bildet zwar nicht den Mainstream von morgen ab, aber sie setzt die Impulse, die das Salz in der Suppe bilden und den Stoff geben für die Hörge-wohnheit der Zukunft.