Aktuelle Presseberichte

Mike LeDonne Organ Quartet | 17.09.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Mike LeDonne aus Bridgeport/Connecticut ist Jazz-Organist. Nicht irgendeiner, sondern einer der ganz Großen seiner Profession, ein Virtuose, einer, der auch schon mit Benny Goodman, Sonny Rollins und Dizzy Gillespie arbeitete. Seine Liebe gilt der Hammond B3, ihrem legendären Sound, ihren vielfältigen klanglichen Möglichkeiten. Mit ihr geht er trotz ihres stattlichen Gewichts auf Tournee. Und gleichzeitig auf Spurensuche. Dass er dabei notgedrungen auf den legendären Jimmy Smith stoßen würde, den Übervater aller Organisten, dessen Anwesenheit in jedem Konzert mit Orgelbeteiligung spürbar ist, ist vorauszusehen. Dass er ihm mit „James Meets Wes“ und „The Boss“ zwei der besten Stücke dieses Abends im Birdland Jazzclub widmet, spricht Bände.

LeDonne verbeugt sich tief vor seinem großen Vorbild, gibt sich damit aber nicht zufrieden. Ein ums andere Mal setzt er Smith in Beziehung zum Soul Jazz der Sechziger Jahre, bringt Blues und Rhythm’N‘Blues ins Spiel, stellt gar eine Verbindung her zu von Funk- und Acid Jazz angehauchten Neuerern wie  dem James Taylor Quartet aus London, präsentiert sich also als Meister so ziemlich aller Klassen und erstaunlich vieler Stile. Ohne freilich dabei sich selbst und das eigene Markenzeichen aus den Augen zu verlieren. Indem er etwa während eines Solos einen Akkord ganz einfach mal liegen und somit in sich ruhen lässt oder eine Figur unbearbeitet einfach auf den Stufen des Bluesschemas hin- und herschiebt, erzeugt er eindringliche, unerbittliche Grooves und damit mächtige Schubwellen, die das rhythmische Empfinden des Publikums direkt ansprechen. Das funktioniert bei flotten Stücken wie bei „Matador“ aus der Feder des Gitarristen Grant Green ebenso verzüglich wie bei dem samtenen, fast kuscheligen Percy Sledge-Klassiker „When A Man Loves A Woman“.

Hans Braber am Schlagzeug, Wim Wollner am Tenorsaxofon und Martien Oster assistieren ihrem Chef auf solide, aber doch eher unspektakuläre Weise. Vor allem die beiden Letztgenannten geben sich eher zögerlich, überlassen LeDonne weitgehend das Feld, obwohl ihnen der durchaus Platz für Soli zugesteht. Sie fügen sich in ihre Rolle als Begleiter, folgen ihm zuverlässig, fordern ihn aber nicht heraus. Was dazu führt, dass das Konzert mit dem Mike LeDonne Organ Quartet im Birdland zwar ein wirklich gutes, aber eben kein herausragendes war. An einem Abend, an dem die Sounds einer von einem Virtuosen bedienten Hammond B3 im Mittelpunkt stehen, kann – wenn auch noch das Repertoire entsprechend ist – richtiggehend die Luft brennen. So weit kam es an diesem Abend jedoch nicht.


Dusko Goykovich Quintet | 15.09.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die runden schwarzen Tische, der Bösendorfer Flügel, die Fotogalerie mit all den Weltstars des Jazz, die in diesen Räumlichkeiten zu Gast waren – all das gehört zum Inventar des Birdland Jazzclubs in der Neuburger Altstadt. Dusko Goykovich gehört quasi auch mit dazu, denn seit Jahren eröffnet er im Herbst die dortige Konzertsaison. Diesmal gleich mit zwei Konzerten hintereinander.

Nachdem ihn also fast jeder kennt oder zumindest zu kennen glaubt, müsste man die Tatsache, dass er mal wieder in der Stadt ist, eigentlich nicht groß erwähnen, fiele dem mittlerweile 85-Jährigen nicht bei jedem Besuch Neues ein. Heuer lässt er sein Konzert auf Band mitschneiden, woraus eine CD entstehen wird, bietet seinem Publikum die Welturaufführung einiger brandneuer Stücke und stellt eine Band vor, die ganz hervorragend harmoniert und voller Esprit zu Werke geht. Der Gedanke, Goykovich könnte sich je aufs Altenteil zurückziehen, kommt einem gar nicht in den Sinn. Der Mann ist nach wie vor voller Elan, sprüht geradezu vor Spielfreude, treibt seine Band an und wird von ihr angetrieben. Vermutlich ist er nach diesen zwei Stunden auf der Bühne ziemlich erschöpft, nur, man sieht es ihm überhaupt nicht an. Irgendwie ist er ein Phänomen.

Der von Cannonball Adderly und Phil Woods beeinflusste Altsaxofonist Jesse Davis aus New Orleans, der wieselflinke Dado Moroni aus Genua am Flügel, der auch ein versierter Stride-Pianist ist, wie er beim „Back Beat Blues“ beweist, Mads Vinding aus Kopenhagen und sein schlanker, weicher Kontrabass, schließlich die federnden Grooves des Drummers Alvin Queens aus Chicago – diese Truppe ist nicht nur international, sondern auch handverlesen, quasi die Idealbesetzung.

Manchmal stellen Goykovich und seine Kollegen ein Thema unisono vor, arrangiert wie für ein großes Orchester, was aber nicht verwundert, hat er doch noch erst vor kurzem ein Projekt mit der Belgrad Radio Big Band vollendet. Dann schnappt er sich Theo Mackebens „Bei dir war es immer so schön“ und macht daraus eine herrlich swingende Angelegenheit, streift Benny Golson und Dizzy Gillespie und landet – schließlich wird’s allmählich Herbst – bei seinem Flügelhorn und einer wunderschönen Version von „Autumn Leaves“. Dabei hat er es nie nötig auf irgendwelche Fusion- oder Crossover-Geschichten zu schielen. Nein, Duskovichs Metier ist und bleiben Bebop und Hardbop, hierin freilich ist er, der mit Größen wie Miles Davis, Sonny Rollins und Chet Baker spielte, ein Experte, eine Koryphäe. Und – was ihn nach wie vor so außergewöhnlich macht – er ist immer noch hungrig und begierig auf Neues, keiner, der lediglich vom Glanz früherer Tage zehren würde. Im Gegenteil. Er strahlt selber.


Vladimir Kostadinovic Group feat. Seamus Blake | 22.04.2017
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Das Programm des Neuburger Birdland Jazzclubs kann mit Fug und Recht als Gradmesser für Entwicklungen des unverfälschten Jazz angesehen werden. Eine Tendenz fällt heuer auf: Es sind immer öfter Schlagzeuger, die Bands initiieren, zusammenstellen und leiten.

Sicher gab es das schon immer. Einer der bekanntesten und prägenden Bandleader war über vier Jahrzehnte Art Blakey. Er ermöglichte im Rahmen seiner 1955 gegründeten „Jazz Messengers“ ganzen Generationen von späteren Stars den Einstieg in die Szene und trommelte sie so in ihre Karriere. Dabei verstand er sich immer als Botschafter seiner Musik und glaubte an die Lehre der eigenen Bühnenerfahrung mehr als an die Jazzuniversitäten.

In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres traten im Neuburger Birdland allein vier Schlagzeuger als Bandleader auf. Das allein dokumentiert schon die aktuelle Entwicklung des erstarkenden Selbstbewusstseins der Drummer.

Vladimir Kostadinovic, in Serbien geboren, wohnhaft in Wien, ist einer davon. Mit Bedacht hat er sich eine international besetzte Band zusammengestellt, die seine Kompositionen, Visionen und musikalischen Ideen umsetzt.

Bebop, Blues, Balladen und eine gehörige Portion Energie. Seamus Blake, einer der versiertesten Tenorsaxophonisten unserer Zeit, stammt aus New York. Aus Oslo kommt der aufgekratzte Gitarrist Bjorn Solli, aus Serbien Bassist Milan Nikolic. Gemeinsam zeigen sie eine traditionelle, geradezu elementare Gegebenheit des Jazz. Unmittelbare Kommunikation und Verständigung. In hoher Achtung einzelner Persönlichkeiten legt Jazz wesentlichen Wert auf konstruktive Interaktion, Spontaneität und authentischen Respekt. Das gilt insbesondere, wenn zwei ausgeprägt eigenwillige Virtuosen wie Blake und Solli am vorderen Rand der Bühne stehen. Gitarre und Saxophon überbieten sich da förmlich.

Da heißt es für Bass und Schlagzeug, den Laden zusammenzuhalten, ohne selbst allzu unauffällig zu bleiben. In starker Bindung zueinander gelingt das dem feinen Bassisten Nikolic und dem prägnant aufspielenden Vladimir Kostadinovic. Und auch das zeigt das gewachsene Selbstbewusstsein der Schlagzeuger: Das stets reich beklatschte Schlagzeugsolo ist längst nicht mehr so wichtig wie die prägende Präsenz in der Band.


Davide Petrocca Trio feat. Deborah Carter | 21.04.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Nüchtern betrachtet besteht im Grunde keine Notwendigkeit, sich immer wieder Musikstücke anzuhören, die man bereits in- und auswendig zu kennen glaubt. Man schaut sich ja auch nicht ständig alte Fotoalben an. Niemand aber wird bestreiten, dass es ungemein gut tut, genau dieses zu tun. Man fühlt sich wohl dabei, man hat Spaß, hängt vielleicht Erinnerungen nach, manchmal schwelgt man regelrecht. Genauso ergeht es einem mit dem Birdland-Konzert der amerikanischen Sängerin Deborah Carter und des sie begleitenden Davide Petrocca Trios.

Sie wolle ihre Lieblingssongs von ihren Lieblingsinterpreten zu Gehör bringen, sagt sie gleich zu Beginn und blättert anschließend in den Songbooks von Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Oscar Peterson und Count Basie, interpretiert Klassiker wie „Satin Doll“ und „Take The A-Train“ und erzählt dazu Geschichten wie die vom Liebespaar Ava Gardener/Frank Sinatra und der aus dieser Liaison resultierenden herzzerreißenden Ballade „In The Wee Small Hours Of The Morning“, über die von Barbra Streisand populär gemachte Peterson-Komposition „People“ und über ihre persönlichen Erfahrungen mit „A Night In Tunisia“.

Unter Carters Fittichen und mit tatkräftiger Unterstützung des Bassisten, Bandleaders und Arrangeurs Davide Petrocca, des Schlagzeugers Julian Fau und des Pianisten Olaf Polziehn fasst sie diese zeitlosen Preziosen aus dem Goldenen Zeitalter des Jazz neu, verhilft ihnen, ihren Charme voll und ganz zu entfalten. Natürlich wurden sie bereits tausendmal gespielt und gesungen, Miss Carter und die Band aber verpassen ihnen eine Frischzellenkur, versehen sie mit modernen Arrangements, machen aus der ursprünglichen Ballade „Cry Me A River“ eine rasante Bossa Nova-Nummer, titeln kurzerhand „Mood Indigo“ durch das Hinzufügen neuer Strophen um in „The First Time I Saw Ellington/The First Time I Heard Ella“ und verbeugen sich schließlich mit „Better Than Anything“ ganz tief vor all den großen Helden des Jazz von Dizzy Gillespie bis hin zu Jaco Pastorius.

Olaf Polziehn ist ein exzellenter Pianist – Deborah Carter bezeichnete ihn einst als „Piano Beast“ – Davide Petrocca ist ein raffinierter Arrangeur und Julian Fau ein ungemein beweglicher Drummer. Zusammen ergeben die drei eine bestens eingespielte Truppe, im Mittelpunkt aber stehen an diesem Abend Deborah Carter und ihre volle, kräftige Stimme, die sie vermittels Scatting auch zum Soloinstru-ment macht, und die souveräne Art, mit den von ihr ausgewählten Klassikern des Jazz umzugehen. Und ganz am Ende, nach zwei Zugaben, muss man sich eingestehen, dass man diese Stücke doch nicht wie ursprünglich angenommen in- und aus wendig kannte. In diesen individuell auf Miss Carter zugeschnittenen Versionen schon gleich gar nicht.


Tarkovski Quartet | 08.04.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Seltsame Schwebeklänken schwirren durch den Raum, Klangfarben verändern sich allmählich, Schattierungen greifen ineinander, zwei akustische Motive begleiten sich kurz auf einem Stück ihres Weges, entfernen sich wieder voneinander. Wie zufällig schält sich ein rhythmisches Fundament aus der Klangsuppe, eine Melodie vollführt Luftsprünge. Kälte und Wärme, große Gesten und filigrane Minimalismen gehen wie selbstverständlich auseinander hervor. Filmleute würden eventuell von „langen Einstellungen“ und „Überblendtechnik“ sprechen. – Und damit ziemlich genau den Kern der Sache treffen.

Das Tarkovsky Quartet mit der Cellistin Anja Lechner, dem Sopransaxofonis- ten Jean-Marc Larché, Jean-Louis Matinier am Akkordeon und dem Komponisten, Bandchef und Pianisten François Couturier bezieht sich ja ausdrücklich und nicht nur dem Namen nach auf den russischen Filmemacher Andrei Tarkovsky, der bei Cineasten hohes Ansehen genießt eben wegen der Länge seiner Einstellungen, seiner metaphysischen Themen, aber auch wegen der außergewöhnlichen Schönheit seiner Bildersprache und seiner Motive, die sich mit Träumen, Erinnerungen, innerer Reflexion und schwebenden emotionalen Zuständen beschäftigen.

Die vier Musiker, die an diesem Abend auf der Bühne des Birdland stehen, übersetzen Tarkovskys Bilderwelt in die der Musik. Couturier, aus dessen Feder bis auf eines alle Stücke stammen, hat die Abläufe genau festgelegt, auch die Phasen, in denen er und seine Kollegen ihren Improvisationsgelüsten freien Lauf lassen können. Die Genregrenzen zwischen Jazz und Klassik werden aufgehoben, nicht nur, weil einmal sogar Antonio Vivaldi „gecovert“ wird, nein, weil das deutsch-französische Quartet grundsätzlich inhaltlich meilenweit entfernt ist von irgendwelchen Jazzern aus Harlem oder der Bronx. Gerade deswegen freilich öffnen sich immer wieder Türen nicht nur zwischen den Sparten Musik und Film, sondern auch zwischen den musikalischen Genres. Es ist offensichtlich, dass hier ein ganz besonderes Konzert stattfindet. Das Publikum spürt dies von Anfang an, indem es nicht wie sonst üblich nach besonders gelungenen Soli applaudiert sondern damit bis zum Ende des Stücks wartet. Der Club wird somit zum kleinen Konzertsaal.

Annäherungen zwischen Jazz und Klas-sik gab und gibt es immer wieder. Wobei sich dabei oft die eine Fraktion bei der anderen bedient und es dabei bewenden lässt. Das Tarkovsky Quartet freilich geht seit nunmehr zwölf Jahren seinen eigenen Weg und schafft Neues an der von ihm selbst definierten Schnittstelle. Nachzuhören ist dies auch auf der CD „Nuit Blanche“, die exakt einen Tag vor dem Birdland Konzert erschienen ist. Timing ist alles, im Jazz, in der Klassik und auch bei der Verpflichtung eines Künstlers.


Sami Salamon – Tony Malaby – Roberto Dani | 07.04.2017
Neuburger Rundschau | Elke Böcker
 

Bin ich versehentlich in Charlie Chaplins „Modern Times“ geraten oder lockt mich der unwiderstehliche Klang eines geheimnisvollen Wesens von fernen Gestaden jenseits der Meeresuntiefen? Auf jeden Fall lohnte es sich den ungewöhnlichen Tönen zu lauschen, die da im Birdland von der Bühne ertönten.

Die wenigen ZuhörerInnen konnten sich treiben lassen im Klang der Zeit. Das phantasievolle „Samo Salamon – Tony Malaby – Roberto Dani Trio“ ergötzte mit Arrangements völlig jenseits allen Mainstreams und doch konnte man sich den lockenden, schrägen und oftmals auch sehr berührenden Kompositionen kaum entziehen. Was Samo Salamon an der Gitarre, Tony Malaby am samtigen Tenorsaxophon und Roberto Dani am Schlagzeug entwickelten passte in keine Hörschublade.

In der Tradition des freien Jazz stehen die drei, spielen mit einem hohen Maß an Spontaneität. Das hört sich an wie ein Gespräch, bei dem jeder redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dennoch ist es echter Dialog, die drei beziehen sich immer wieder aufeinander. Sie gehören hörbar zusammen und bilden ein echtes Trio. Ein bisschen muss man sich als Konzertbesucher darauf einlassen. Aber dann kommt man aus dem Staunen nicht heraus und erliegt der wundersamen Musik.


Milt Jackson Project | 01.04.2017
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Das Vibraphon, eine metallene Weiterentwicklung des Xylophons, wurde im Grunde dreimal erfunden: 1916 erhielt Hermann Winterhoff in den USA ein Patent auf seine „Steel Marimba“. In den frühen 30ern brachte Lionel Hampton es zum Fliegen. Und es war Milt Jackson, der es im modernen Jazz zu ganz eigenem Leben erweckte. „Bags“, wie er wegen seiner ein wenig herabhängenden Wangen genannt wurde, blieb über lange Zeit der führende Musiker auf dem Instrument. Seine profunde Musikalität trug ihn vom Bebop Dizzy Gillespies über den Cool Jazz des Modern Jazz Quartet bis zu Duoeinspielungen mit Oscar Petersen und zu eigenen Gruppen u.a. mit Monty Alexander und Ray Brown. Die beiden letzteren spielten übrigens immer wieder mal im Neuburger Birdland, auch Milt Jackson selbst war hier in den 90ern zu hören. Oscar Petersen schließlich traf die Vorauswahl für den Bösendorfer, der im Keller unter der Hofapotheke immer wieder seinen Wohlklang entfaltet.

Die spätere Phase von Milt Jacksons Lebenswerk, der 1999 in New York starb, machte sich im Neuburger Birdland der Kölner Vibraphonist Matthias Strucken zu eigen. Mit mal entschlossenem Anschlag, mal butterweichem Streicheln der Metallplatten entfaltete er den Klang des Vibraphons in seiner ganzen Bandbreite. So wurde er seinem Vorbild in jeder Hinsicht gerecht. Sei es in der Ballade „I Loves You Porgy“, sei es mit Nat Adderleys „Worksong“ oder mit dem hurtigen „Bag’s Groove“: Strucken beherrscht sein Instrument in allen Facetten.

Seine Band zeigte handverlesene Mitspieler. Martin Sasse, auch er ein regelmäßig gern gesehener Gast in Neuburg, brachte den Bösendorfer zu allen Ehren. Mit leicht swingender linker und flinker rechter Hand sorgte er immer wieder für feine Zwischentöne und fantasievolle Soli. Matthias Nowak am Bass und Matthias Kornmeier am Schlagzeug trugen erquicklich erfrischende Rhythmen bei zum „Milt Jackson Project“. „Bags“ hat auf seiner Wolke sicher ein bisschen mit dem Fuß gewippt und ein leises, heiseres „Yeah, man!“ geflüstert.


Freddie Bryant Quartet | 31.03.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Thelonious Monk und Charles Mingus, zwei der wichtigsten Figuren des gesamten Jazz, zwei Künstler, von denen, auch wenn sie bereits vor Jahren die irdische Bühne verlassen haben, jeder Musiker der nachfolgenden Generation beeinflusst ist, feiern in diesem Jahr runde Geburtstage. Monk den 100, Mingus den 95. Da trifft es sich gut, dass der Gitarrist Freddie Bryant aus New York und sein Quartett mit einem speziell mit Kompositionen der beiden Jubilare bestückten Programm unterwegs ist. Noch besser trifft es sich, dass er an damit an diesem Abend in den Birdland-Jazzclub nach Neuburg kommt.

Wer Bryant vorab nicht kannte, dem wird spätestens ab seinem Solo in Mingus‘ „Good Bye Pork Pie Hat“ Mitte des erstens Sets gar nichts anderes übrig bleiben als festzustellen, dass dieser Gitarrist schlichtweg brillant ist. Auf welch atemberaubende Weise er sich auf der Basis dieses Klassikers entfaltet, Mingus‘ harmonische Vorgabe als Sprungbrett für seine eigene großartige Version nutzt, ist absolut beeindruckend. Im Anschluss daran kommen noch etliche solcher Highlights, die Atmosphäre bei „Think Of One“, das schier abzuheben scheint, die reizvolle Metrik und der Witz bei Monk’s „Ugly Beauty“, die pure Lebensfreude bei „Jelly Roll“ und das sich wie eine Wendeltreppe emporwindende Thema bei Bryant‘s Eigenkomposition „Ning-A-MaRhyth“, einem Stück, das genau so verrückt-verspielt angelegt ist wie der Titel dies suggeriert. Und ganz am Ende – nach etlichen halsbrecherischen Passagen und einigen wunderschönen Balladen – steht als Mutter aller Dinge ein Slow Blues, der einem ans Herz greift.

Diese tiefe Verbeugung vor Monk und Mingus funktioniert deshalb so gut, weil die Musiker in Bryant’s Band nicht nur ihren Chef begleiten und unterstützen, sondern jeder für sich dem Konzert auch seinen eigenen Stempel aufdrückt. Klemens Marktl am Schlagzeug und Joris Teepe am Kontrabass geben nicht nur eine äußerst bewegliche Backline ab, sondern verblüffen das Publikum mehr als einmal mit unerwarteten Einfällen. Und die Soli des Tenorsaxofonisten Wayne Escoffery schließlich sind wie akustische Statuen, festgemauert und unumstößlich, auch wenn sie noch so rasant sind. An dem, was er spielt, ist nicht zu rütteln.

Monk und Mingus hätten sicherlich ihre Freude gehabt, wären sie Ohrenzeugen dieses posthumen Geburtstagsgeschenks des Freddie Bryan Quartets geworden. Nicht nur angesichts der Tatsache, dass viele ihrer Kompositionen mittlerweile zu den Meilensteinen des Jazz zählen, sondern auch und gerade, weil ihre Nachfahren nicht müde werden, für sich selbst Spannendes und Eigenständiges aus diesen Vorgaben zu entwickeln. Nur kein Stillstand! – Monk und Mingus haben schließlich genau das vorgelebt.


Karolina Strassmeyer & Drori Mondlak – Klaro | 25.03.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Schönheit liege im Auge des Betrachters, sagt man. Ab und zu liegt sie aber auch im Ohr des Hörers. Wie an diesem Abend im Birdland Jazz-club in Neuburg, als die aus der Steiermark stammende Altsaxofonistin und Komponistin Karolina Strassmayer und der New Yorker Schlagzeuger Droro Mondlak zusammen mit Thomas Stabenow am Kontrabass und Stefan Bauer am Vibrafon ihr gemeinsames Projekt „Klaro!“ vorstellen. Hierbei geht es ganz ausdrücklich um „schöne“ Musik, wie auch der Titel des aktuellen und nunmehr siebten Albums des Quartets andeutet. „Of Mystery And Beauty“ nennt es sich, und aus ihm stammen bis auf eines sämtliche Stücke der beiden Sets beim Birdland-Konzert.

„Postcard From A Quiet Place“, „Cas-cades“ oder auch „Fanfare From Another World“ heißen sie. Sie sind romantisch, gefühlsbetont, lyrisch, manchmal sphä-risch, oft weich im Sound, fast immer fließend, bisweilen flirrend, nur selten knackig. Nicht selten setzen sie Bilder im Kopf des Zuhörers frei, lassen einen Film ablaufen, erzeugen Stimmungen, denen man sich gerne hingibt, erzählen Geschichten. Karolina Strassmayer, die durch Cannonball Adderly zum Saxofon kam, legt viel Emotionalität in ihr Spiel, ihr Markenzeichen ist ihr runder, weicher Ton, der ganz wunderbar zum von Kontrabass und Vibrafon vorgegebenen Sound passt, ohne dass das Ergebnis auch nur einen Moment kuschelig wirken würde. Drummer und Co-Leader Drori Mondlak schließlich, der Trommeln und Becken nur in Ausnahmefällen schlägt und schon gar nicht traktiert, sein Arbeitsgerät vielmehr streichelt und auf behutsame Weise zum Klingen bringt, findet immer die passenden Patterns und vor allem die richtige Dosis, um rhythmisch anzuschieben, zu untermalen, zu kommentieren oder selbst zu solieren.

Auf den ersten Blick wirken die Stücke Strassmayers melodisch, harmonisch und rhythmisch eher unkompliziert. Aber eben nur auf den ersten, denn eigentlich sind sie ziemlich raffiniert angelegt. Nur kommen sie eben nicht verkopft daher, sondern holen den Hörer genau dort ab, wo er am leichtesten zu packen ist, im emotionalen Bereich. Folgt man Strassmayers Saxofonbögen mit geschlossenen Augen, lässt man sich von Stefan Bauers Vibrafonwolken forttragen, stellt sich ein Gefühl ein, das man bei Musik, die in erster Linie und ausschließlich virtuos, wagemutig oder gar experimentell sein will, nur ganz selten hat. Man fühlt sich wohl und angekommen mit „Klaro!“ und angesichts dieser Kompositionen, die mit Wohlklang im herkömmlichen Sinne wenig, mit Intensität aber umso mehr zu tun haben. Und stünde am Ende als Resumée des Abends auch nur die schlichte Erkenntnis „Schön war’s. Ganz einfach nur schön!“, dann träfe diese den Nagel haargenau auf den Kopf.


Daniel Humair Trio | 24.03.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Er liebe alles, was swingend, relaxing, geistvoll und interessant ist, hat Daniel Humair einmal in einem Interview betont, wobei diese Aussage  zwar schon einige Zeit zurückliegt, jedoch auch heute noch uneingeschränkte Gültigkeit hat. Der Schlagzeuger, Komponist und Bandleader, der wegen seiner Schlüsselposition bei der Emanzipation des europäischen Jazz in den Sechziger Jahren zu den Säulenheiligen nicht nur der damaligen Avantgarde, sondern des gesamten Jazz aus der alten Welt zählt, hat die Suche nach immer wieder neuen Ausdrucksmöglichkeiten zu seinem Lebensmotto als Künstler gemacht.

Das wird auch deutlich, als er mit seinen beiden Kollegen Stéphane Kerecki (Sopran- und Tenorsaxofon) und Vincent le Quang (Kontrabass), die quasi die Enkel des heute 78-jährigen sein könnten, im Birdland in Neuburg zu Gast ist. Die Einbettung von Elementen aus dem Bereich der Folklore und der Klassik in den Kontext des Jazz war immer typisch für Humair, weswegen es auch nicht verwundert, dass Stücke wie „Couscous Purée“ und „Maghreb De Canard“ ihre Basis in der nordafrikanischen Musik haben und dass er andererseits in manchen Phasen Bartok oder Boulez eindeutig näher steht als der amerikanischen Jazzhistorie.

Dabei ist Humairs rhythmische Dichte enorm, der von ihm gewebte Teppich ist ungemein kunstvoll entworfen, voller Ornamente und Verzierungen. Ob er Malern wie Jackson Pollock oder Musikerkollegen wie Michel Portal  seine Reverenz erweist, Humair liebt es einerseits kraftvoll zuzupacken – nicht umsonst zählt er Elvin Jones und Philly Joe Jones zu seinen Haupteinflüssen – und gleichzeitig mit Trommeln und Becken die rhythmische Vielfalt zusätzlich noch zu kolorieren. Nie hat sein Drumset lediglich Begleitfunktion, stets ist es auch Melodieinstrument, Impuls- wie auch Farbgeber. Meist mit geschlossen Augen spürt Humair den Wellen, Strömungen und Strudeln seiner Musik nach, Rhythmen schälen sich heraus, lösen sich ab, federleichte Passagen und hart akzentuiertes Powerplay gehen wie selbstverständlich auseinander hervor, manches ist vorab festgelegt, manches entwickelt sich erst während des Konzerts, das Saxofon jubiliert, der Bass folgt seinem Bandleader wie ein Schatten.

In jeder Phase des Konzerts wird deutlich, dass hier ein Künstler am Werk ist, der seinem ganz persönlichen Stil nachgeht, nicht abgeschottet vom Rest der Jazzwelt, vielmehr mit offenen Antennen für alles, was um ihn herum passiert. Die Art und Weise, wie er daraus seine ganz eigene Sichtweise entwickelt und umsetzt hat dafür gesorgt, dass Humair einen speziell für ihn reservierten Platz unter den ganz Großen des europäischen Jazz einnimmt. Und der gebührt ihm. Was für ein spannender Abend im Birdland!