Presse

Ellington now! | 19.09.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

„Bei Ellington weiß man nie, was passiert“, sagt der Altsaxo­fonist Michael Hornstein, der zusammen mit seinem Partner Oliver Hahn am Kla­vier sich anschickt, auf der Bühne des Birdland Jazzclubs, mit musikalischen Mitteln einzudringen in das Erbe Duke Ellington’s und vorzudringen zum Kern des vermutlich größten Giganten des Jazz überhaupt.

Man weiß vor allem auch deswegen nicht, was bei Stücken wie „Caravan“, „Isfahan“, „In A Sentimental Mood“ und „It Ain’t Mean A Thing“ passieren wird, weil die beiden als Medium für ihre Be­schäftigung mit diesem genialen Musi­ker, Komponisten, Arrangeur und Säu­lenheiligen des Jazz die Form des Duos gewählt haben. Dieses Format, bei dem – sofern die Improvisation im Zentrum des Interesses steht wie in diesem Fall – es kein Verstecken gibt, jeder eigene Ideen entwickeln und einer auf den anderen eingehen muss, musikalische Korrespondenz unabdingbare Vorausset­zungen für den Erfolg ist, ist an sich be­reits spannend wie kein zweites. Wenn dann noch zwei Musiker dieses Kalibers zusammentreffen, sprühen die Funken.

Natürlich ist es von Vorteil, wenn man das Original der Stücke kennt und somit einen Vergleichspunkt hat zu dem, was an diesem Abend passiert. Manche Num­mer ist, nachdem Hornstein und Hahn sich auf sie gestürzt haben, fast nicht mehr wiederzuerkennen, bei manchen mach der Grad der Variation den Unter­schied aus. Beider Vorhaben mit dem Programmtitel „Ellington Now!“ ist ein Wagnis, als Ergebnis gibt es keine end­gültige Wahrheit darüber, was zu passie­ren hat, aber immense Möglichkeiten, was passieren könnte.

Zwischen Hornstein und Hahn herrscht eine ganz besondere Chemie. Eine vorab festgelegte Rollenverteilung scheint nicht zu existieren, wohl aber auf beiden Seiten ein untrügliches Gespür dafür, was an einem ganz bestimmten Moment zu tun oder zu lassen ist. Hier werden in einem Fort Ideen weitergereicht, weiter­entwickelt, hier herrscht fortwährender Gedankenaustausch, hier kommentiert einer den Einfall des anderen, kann einer die Reaktion des Partners scheinbar mü­helos voraussehen. Hier verstehen sich zwei Persönlichkeiten anscheinend blind.

Als Zuhörer in dieses energetisch auf­geladene Spannungsfeld, in diesen per­manenten Kreativprozess mit eingebun­den zu sein, ist absolut fesselnd. Manch­mal fällt einem die Teilnahme leicht, manchmal ist man irritiert, manchmal ahnt man, was im nächsten Moment pas­sieren wird, manchmal wird man regel­recht überrumpelt. Aber wie es auch sei, überaus spannend ist die Sache immer. Die gut zwei Stunden im Birdland verge­hen wie im Flug und am Ende verab­schieden sich zwei Musiker mit einem breiten Lächeln im Gesicht und der Ge­wissheit: Was heute hier im Birdland passiert ist, war erstklassig. Nicht um­sonst müssen sie dann noch zwei Zuga­ben geben. Es hätten sogar noch ein paar mehr sein dürfen.


Marialy Pacheco | 18.09.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es mag an der jahrelan­gen postrevolutionären Isolation liegen, dass der kubanische Jazz eine so eigen­ständige Sprache entwickeln konnte. Wobei insbesondere die Pianisten einen entscheidenden Anteil daran hatten. Chu­cho Valdés, Gonzalo Rubalcaba und auch Roberto Fonseca kommen einem da in den Sinn, in jüngerer Zeit aber auch Marialy Pacheco, die im Neuburger Birdland Jazzclub an diesem Abend ein Solokonzert gibt.

Und zwar eines der ganz besonderen Art. Es mag sein, dass die Musik von der größten der karibischen Inseln deswegen eine derartige Faszination ausübt, weil in ihr afrikanischen Rhythmik und europäi­sche Harmonik eine so betörende Allianz eingehen. Aber da ist auch noch der Jazz, der in ihrer Heimat schon allein deswe­gen auf besonders intensives Interesse stieß, weil er als westliche, imperialisti­sche Musik geächtet war.

Bei Marialy Pacheco kommt nicht nur die Liebe zum Jazz im Allgemeinen, sondern vor allem die zu Keith Jarrett im Besonderen hinzu. Ihre Versionen von dessen „Be My Love“ und „My Song“ sind betörende Preziosen, verströmen eine Leidenschaft, die einen sofort in ihren Bann zieht, die man als Zuhörer persönlich spüren kann. Ihre Musik ist ein Spiegelbild ihrer eigenen und der Seele ihres Heimatlandes, in ihr liegen überbordende Lebensfreude, Sinnentau­mel und mit Händen zu greifende Me­lancholie ganz nah beieinander. Immer wieder erzählt sie zwischen den einzel­nen Stücken Geschichten und Anekdoten aus ihrer Vita. Manchmal tut sie das für manch einen zugegebenermaßen viel­leicht etwas zu theatralisch oder zu aus­ufernd, aber authentisch ist die quirlige Musikerin mit den flinken Fingern dabei immer. Nichts ist aufgesetzt. So ist sie eben und kann nicht anders.

Unter ihren Händen wird jedes einzelne Stück des Abends zu einem überaus schmackhaften improvisierten Bonbon. Ob es sich dabei um Mercer Ellington’s „Things Ain’t What They Used To Be“ handelt, um einen der höchst diffizilen Titel von Ernesto Lecuona, um übermü­tigen Flamenco, um die schwer zu grei­fende Komposition mit dem Fantasiena­men „Burundanga“ oder eine dieser un­vergleichlichen Balladen Jarretts – im­mer ist die Persönlichkeit Marialy Pa­checos von entscheidender Bedeutung. Die von ihr ausgewählten Stücke werden zu ihren eigenen, manche klingen schrill und bunt, wie man sie vorher vermutlich noch nie gehört hat, manche auf einzig­artige Weise intim. „Das Schöne an im­provisierter Musik“, sagt Marialy Pache­co, „ist ihre Einzigartigkeit. Was ich heu­te spiele, werde ich so nie mehr reprodu­zieren können.“ Damit bringt sie das We­sen des Jazz auf den Punkt und liefert gleichzeitig das Motiv dafür, warum für viele Jazzfans auch hundertmal interpre­tierte Standards nie uninteressant wer­den. Weil eben jeder sie anders interpre­tiert und in ganz besonderen Fällen viel­leicht sogar neu erfindet. Es gab Passa­gen an diesem Abend, da gelang Marialy Pacheco sogar das.


Albie Donnelly’s Supercharge (Audi Forum Ingolstadt) | 17.09.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wer sich nach längerer Konzertabstinenz wegen dieses lästigen Virus namens Covid 19 mal wieder akustisch die Ohren durchblasen lassen möchte, der ist an diesem Abend im Audi Forum genau richtig. Nun gut, man muss sich erst mal dran gewöhnen, dass trotz vieler leerer Sitzplätze im weiten Rund das Forum tatsächlich als „aus­verkauft“ gilt, aber was soll’s: Albie Donnelly und seine Band Supercharge haben damit kein Problem. „Wir haben auch schon mal vor zwei Zuhörern ge­spielt. Einer davon war ein Hund.“, sagt er. Der Mann stammt aus Liverpool und weiß, wie britischer Humor geht.

Und er hat die aufgezwungene Konzert­pause anscheinend genutzt, um sein Pro­gramm zu überarbeiten. Manch kriti­scher Fan hatte ja in der Vergangenheit durchaus bemängelt, die Band stehe – trotz all ihrer technischen Makellosig­keit, trotz höchster Präzision und enor­mem Unterhaltungswert – ja doch eher still und spiele im Grunde seit mehreren Jahrzehnten immer wieder die gleichen Songs. Diese Kritik greift nun nicht mehr. Natürlich verzichten Donnelly (Tenorsaxofon), Thorsten Heizmann (Po­saune), Jürgen Wieching (Baritonsaxo­fon), Andre Tolba (Gitarre). Sascha Kühn (Keyboards), Bolle Diekmann (Bass) und Uwe Petersen (Schlagzeug) nicht gänzlich auf sturmerprobte Kracher wie Johnny Guitar Watson’s „Gangster Of Love“, Roy Montrell’s „Mellow Sa­xophone“ oder B.B.King’s „Happy Birthday Blues“, etliche Nummern aber hat man von Supercharge noch nicht ge­hört. Zumindest in Ingolstadt nicht.

Selten setzte Donnelly seine Mannen dermaßen konsequent auf den reinrassi­gen Blues an. Er selbst war ja schon im­mer mehr ein Honker in der Nachfolge Big Jay McNeely’s als ein Jazz-Saxofo­nist, deswegen kommen ihm Howlin‘ Wolf und John Lee Hooker und deren ungestüme Vorgehensweise anscheinend gerade recht. Und mit Andre Tolba hat er zudem einen Gitarristen mit an Bord, der ab und zu sogar die Bläser in den Schat­ten stellt. Bei „The Loving Cup“, dem Klassiker der Paul Butterfield Blues­band, gewährt ihm Donnelly völlig freie Hand und der Bläser-Section eine Ver­schnaufpause. Tolba nutzt die Chance und macht die Nummer zum eigentli­chen Highlight des Abends.

Supercharge sind ein Phänomen. Über all die Jahre sind Donnelly und seine Jungs sie immer irgendwie präsent und man meint, sie in- und auswendig zu kennen. Jedes mal freilich ist man wie­der überrascht von der Spielfreude, der guten Laune, die sie regelmäßig entfa­chen, von der Coolness, mit der sie ei­nem mit ihrem, von messerscharfen Bläsersätzen vorwärts gepeitschten, Rhythm ’n’Blues ein gehöriges Pfund auf die Ohren geben. Diesmal, im Audi Fo­rum, beeindrucken sie besonders. Zum einen, weil man nach der Zwangspause im Konzertbetrieb nach etwas deftigerer Kost geradezu giert, zweitens weil der Anteil an neuem Material doch recht hoch ist. In der Tat: Die Live-Musik-Szene lebt. Und Supercharge auch.


Scott Hamilton Quartet | 11.09.2020
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Endlich, nach einer langen Zwangspause wegen dieses elenden Virus, gibt es wieder Live-Jazz im Birdland Neuburg. Das Team um Impresario Manfred Rehm hatte zwar auch in Coronazeiten über Youtube komplette Sets früherer, starker Konzerte ins Internet gestellt, mit bester Tonqualität – und dieses Angebot wurde auch tausendfach angenommen. Aber jede gute Musik lebt halt vom direkten Erleben, für den Jazz gilt das ganz besonders.

Das Scott Hamilton Quartet war für diesen Neustart in eine Saison unter ungewöhnlichen Vorzeichen die denkbar beste Lösung. Diese Formation besticht durch ein feines Feeling für eleganten Swing, für intensiven Soul und für ein musikalisch dichtes, zugleich diszipliniertes und freies Zusammenspiel.

Der weltbekannte Tenorsaxofonist Hamilton setzt vom ersten Ton an die entscheidenden Akzente.
Der mittlerweile 65-jährige Amerikaer steht diesmal ganz hinten auf der Bühne, weil er als Bläser einen besonders großen Abstand zum Publikum einzuhalten hat. Aber die Präsenz dieses mit allen Wassern gewaschenen Saxofon-Großmeisters ist umwerfend. Seine große Leidenschaft für die Jazz-Ballade ist für jeden Zuhörer körperlich spürbar, vielleicht noch stärker als unter normalen Bedingungen. Von etlichen Plätzen aus kann man den Bandleader Hamilton nämlich kaum sehen, umso genauer hören die Jazzfans ihm bei diesem Konzert zu. Und erleben damit, wie viel man auch aus ganz wenigen Tönen machen kann.

Von der veränderten Aufstellung des Quartetts profitiert, wenn man so will, der Mann am Kontrabass, der normalerweise aus dem Rückraum seinen Beitrag zum unverwechselbaren Sound dieser Band leistet. Rudi Engel steht nun ganz vorne, die nötigen 1,50 Meter von den ersten Zuschauerplätzen entfernt. Man kann ihm bei seinen wilden Ritten über das gesamte Griffbrett genau auf die Finger sehen. Schon das ist ein Genuss, von der musikalischen Qualität seiner Soli ganz zu schweigen.

Mit dem „Chef“ am Saxofon wirft der Bassist die musikalischen Gedanken und Motive locker hin und her, gleiches gilt für die kammermusikalisch geprägte Nähe zum Pianisten Bernhard und Michael Keul am Schlagzeug. An diesem Abend dürfen die Zuhörer Mainstream-Jazz der gepflegtesten Art genießen, perfekt in der Abstimmung der vier Instrumente, mit untrüglichem Gespür für Tempi, für die Dynamik und für die Feinheiten von Rhythmus und Klangfarbe. Niemand
spielt sich in diesem Quartett in den Vordergrund, keiner produziert sich beifallheischend bei seinen Solopassagen, alle vier arbeiten mit sichtbarer Freude an einem überzeugenden Gesamtkunstwerk.

Bernhard Pichl am Klavier und der Schlagzeuger Michael Keul sind Meister im dezenten Stil, sie streicheln oft geradezu die 88 Tasten des Bösendorfer-Flügels oder die Trommeln und Becken. Ihre Präsenz ist bei den lyrischen Songs wie etwa „deep line“ geprägt von einer selbstverständlichen Leichtigkeit, auch in den rasanteren Stücken, die technisch herausfordern. Sie packen zu, wenn es sein soll, aber sie lassen sich auch bei emotionalen Aufschwüngen nicht dazu verführen, einmal richtig reinzuhauen.

Im Scott Hamilton Quartet sind vier Musiker am Werk, die sich einer besonderen Klangkultur verschrieben haben. Keiner will da für ein paar Takte oder für ein längeres Solo der Star sein, die Band insgesamt ist der Star.


Scott Hamilton Quartet | 11.09.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Scott Hamilton steht an zwei Abenden hintereinander, beide selbstredend ausverkauft, auf der Bühne des Neuburger Birdland-Jazzclubs. Hätte er als Amerikaner nicht seinen Wohnort in Italien, könnte er das nicht. Normaler­weise ist sein Platz ganz vorne an der Bühnenrampe, diesmal nicht. Man hat ihn im Hintergrund platziert, damit er möglichst große Distanz zum Publikum hat. Für Bläser wie ihn sind die Vor­schriften besonders streng.

Wenn er nicht gerade seinen unver­gleichlichen Ton erklingen lässt, grinst er ins Publikum. Nicht nur für die Leute im Saal beginnt nach langer, pandemiebe­dingter Durststrecke die Konzertsaison, nicht nur für das Team des Birdland, auch für ihn und seine Mitmusiker. Es ist wohl keiner anwesend an diesen beiden Abenden, die sich diesen Augenblick nicht sehnsüchtig herbei gewünscht hät­ten. Der Jazz-Bazillus hat das Birdland fest in der Hand, da kann man die Exis­tenz des Corona-Virus getrost mal für ein paar Stunden ausblenden.

Hamilton ist nicht zum ersten Mal zu Gast im Birdland. Aber war er jemals so gut? Traf er je mit seiner ganz persönli­chen Variante des Mainstream Jazz so punktgenau den Nerv des Publikums? Er spielt zwei lange Sets, und das Auditori­um ist einfach nur hingerissen. Vom ers­ten Augenblick an. Duke Ellington’s „Three Little Words“, Dizzy Gillespie’s „Tin Tin Deo“, Lucky Thompson’s „The Plain But The Somple Truth“ sind ein­fach nur purer Genuss. Und dann erst die Balladen, allen voran Leslie Bricusse’s „Pure Imagination“. Hamilton spielt sie – trefflich assistiert von Bernhard Pehl am Klavier, Rudi Engel am Kontrabass und Michael Keul am Schlagzeug – mit wahrer Hingabe. In ihnen liegt echte Emotionalität, sie sind eine Liebeserklä­rung an den Jazz und zugleich ein Beleg dafür, was man aus seit vielen Jahren existierender Jazzliteratur noch alles herausholen kann.

Hamilton, beeinflusst von Ben Webster und dessen warmem Ton, steht in einer Linie mit Giganten wie Coleman Haw-kins, Lester Young und Zoot Sims. Folgt man einem seiner Soli, kommt man sich vor, als würde man jemandem lauschen, der sich gerade mitten in einer Konver­sation befindet. Erst hört man die Stim­me, den intimen aber bestimmten Ton des Saxofons, dann kommt der informel­le Teil, dann der fließende, beredte Kom­mentar, die Übersetzung in die Sprache des Jazz.

An diesen Abenden im Birdland ist er bei aller Leichtigkeit besonders wortge­waltig, seine Leidenschaft steckt die Band an und auch das Auditorium, seine Spielfreude wird zu dessen Hörfreude. Billy Reid’s „I’ll Close My Eyes“ ist eine der letzten Nummern im Programm. Längst haben viele im Publikum eben dies längst getan. Mit geschlossenen Au­gen kann man ja bekanntlich mitunter in­tensiver hören und das Gehörte besser genießen. Hamilton’s akustische Erzäh­lungen sind genau der richtige Anlass dafür.


Nachruf auf Lee Konitz | 17.04.2020
Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Es scheint, als würde Corona eine tiefe Schneise in den alten, den klassischen Jazz reißen, die Generation derjenigen, die dieser Musik erst zu Anerkennung und Popularität verhalfen, nach und nach ausradieren. Nun ist auch der legendäre amerikanische Altsaxofonist Lee Konitz in einem New Yorker Krankenhaus am Mittwoch nach einer Lungenentzündung an den Folgen von Covid-19 gestorben. Dies teilte sein Sohn Josh mit.

Der Tod von Konitz, der 92 Jahre alt wurde, fällt natürlich in das allseits bekannte Erklärungsschema „Risikogruppe“. Dennoch wirft er nicht zum ersten Mal Fragen auf, warum ältere Menschen in den USA und speziell Frauen und Männer, die sich unschätzbare Verdienste für ein kulturelles Alleinstellungsmerkmal ihres Landes erworben haben, nicht besser geschützt werden. Vieles kann im Nachgang nur mit Bitterkeit rekapituliert werden, auch die mangelnde Wertschätzung für den knorrigen, weißhaarigen Musiker in seinen letzten Jahren, in denen er rastlos zwischen Amerika, Polen und Deutschland hin- und herpendelte. Hierzulande kam es noch vor, dass sie ihn feierten, sein Lebenswerk würdigten, wie zum Beispiel im Birdland-Jazzclub in Neuburg, wo Konitz seit der Wiedergründung 1985 zu den Dauergästen zählte. „Wir verlieren einen echten Freund, und ich mein persönliches Idol“ zeigte sich Birdland-Chef Manfred Rehm gestern bestürzt.

Die Konzerte im Neuburger Hofapothekenkeller – es mögen im Laufe der Jahre gut und gerne an die 20 gewesen sein, das letzte fand im November 2017 statt – waren stets Feste der Improvisationskultur. Immer wenn der Meister am Altsaxofon dem Birdland einen Besuch abstattete, zelebrierte er würdevoll eine fast in Vergessenheit geratenen Kunstform, die er im Laufe der vergangenen sieben Jahrzehnte ganz entscheidend mit prägte. Bei Lee Konitz trugen zwar die Titel fast immer dieselben Namen, sie klangen aber jedes Mal anders; in punkto Tempo, Harmonien, Variationen und vor allem aufgrund seines immensen solistischen Einfallsreichtums. Als kleines Zuckerl gab es für Rehm als Zugabe bei jedem Gastspiel stets dessen Lieblings-Standard „Invitation“ – in der jeweiligen Tagesform.

Keiner verstand sich so meisterhaft in der Kunst der Improvisation, wie Lee Konitz. Er nannte es „Instant Composing“, das Komponieren im Augenblick des Spielens. Der 1927 in Chicago geborene Musiker erlangte schon in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre Berühmtheit, als er einen Kontrapunkt zu Charlie Parkers lavaartigen Bebop-Läufen setzen wollte. Mit noch mehr Energie oder Spielfreude war das nicht zu machen. Das wollte Konitz auch nicht, er sah sich nicht als Antipode von Parker. Man kannte und schätzte sich, gerade, weil jeder musikalisch seinen eigenen Weg ging. Ein erstes Ausrufezeichen gelang ihm mit der Mitwirkung bei den Sessions zu Miles Davis epochalem Werk „Birth Of The Cool“ 1949. In dieser doch ziemlich konträren Ästhetik kamen Konitzʼ Sound sowie sein Konzept der motivischen Improvisation bestens zur Geltung. „Cool“ oder gar unterkühlt war die Spielweise von Lee Konitz jedoch weiß Gott nicht. Sein nie versiegendes Füllhorn an Ideen rührte vielmehr von den komplexen Übungen her, die der Pianist Lennie Tristano seinen Mitmusikern auferlegt hatte und sich auf dem schmalen Grat zwischen Barock und Freejazz bewegte.

In Tristanos Umkreis bewegte sich Konitz von Anfang an. Dort wurden immer wieder Inventionen von Johann Sebastian Bach als Material herangezogen. Wenn man dann auf dieser Grundlage wieder über Standards wie „All The Things You Are“ improvisierte, dann klang das in der Tat nicht mehr nach Parker und Bebop, sondern neu und anders. Bis zum Ende seines Lebens vermochte er den Harmoniefolgen dieses Standards immer wieder neue Aspekte abzugewinnen, und nannte seine unzähligen Versionen irgendwann mal augenzwinkernd nur noch „Thingin’“ – was für Konitz zwei elementare Werte vereinte: Thinking (Denken) und Singing (Singen). Seine fließenden Linien besaßen stets sangliche Qualität.

Ohne ihn, diesen Elder Stateman des Jazz, wäre die Improvisation heute nur mehr ein Mythos. Bis zuletzt blieb Lee Konitz zugänglich, offen, interessiert und am Puls der Zeit. Er spielte mit Musikern, die seine Enkel oder gar Urenkel hätten sein könnten. Nicht nur sie werden ihn schmerzlich vermissen.


Michael Musillami Trio + 2 | 13.03.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Was vor ein paar Tagen noch niemand ahnen konnte: Dieses Konzert mit dem amerikanischen Gitarristen Michael Musillami und seiner Band wird für längere Zeit das letzte im Jazzclub unter der ehemaligen Hofapo­theke gewesen sein. Denn wie viele Ver­anstalter bundesweit hat sich nun auch Birdland-Chef Manfred Rehm entschlos­sen, alle Konzerte bis Ostern abzusagen.

Jazz in Zeiten des Ausnahmezustands? – Eindeutig ja. Die Zahl der Besucher hält sich in Grenzen an diesem Abend und die Musiker, die allesamt aus New York kommen, erzählen, wie ihnen die Behörden bereits bei der Abreise vor einigen Tagen erklärt hätten, dass sie bei der Rückkehr in die Heimat damit rechnen müssten, auf jeden Fall medizinisch getestet und isoliert voneinander über­prüft zu werden, vermutlich aber sogar für unbestimmte Zeit in Quarantäne zu kommen. Hut ab vor dem Mut, dass sie sich unter diesen Bedingungen über­haupt in den Flieger nach Europa gesetzt haben.

Und die Musik? – Ja, die gibt es auch. Musillami, der von Kennern der Jazzgitarrenszene durchaus in einem Atemzug genannt wird mit John Scofield und Pat Metheny, aber eben nicht über deren Lobby und somit nicht über deren Be­kanntheitsgrad verfügt, hat seine Band „Trio+1“ mit Joe Fonda am Kontrabass, George Schuller am Schlagzeug ins Birdland mitgebracht und zusätzlich als Gast Thomas Heberer an der Trompete. In den Kompositionen Mussilami’s treffen gemächliche Passagen auf hektische Betriebsamkeit. Die verschworene Ge­meinschaft des seit 17 Jahren existieren­den Trios und der sich ständig auf über­aus kreative Weise einmischende „Gast“ an der Trompete, ziehen, zerren und rüt­teln an den in schöner Eintracht vorge­stellten Themen, lassen sie in sich zu­sammenfallen, bringen sie mit Feuereifer zum Einsturz, ordnen die Einzelteile und fügen sie auf teils fast wundersame Wei­se neu zusammen. Wie sich am Ende eins ins andere fügt, ist in der Tat in höchstem Maße erstaunlich.

Und hinter jedem einzelnen Stück steckt eine Geschichte. Der Tod eines Schülers Musillami’s bei „For Robert Paris“, die akustische Hommage an seinen Mentor in „D’Iorio“, das verschmitzte „Uncle Pheno’s Garden“ in Erinnerung an seinen Onkel, der dem Beruf des Tre­sorknackers nachging, und schließlich „June Recovery“, eine von mehreren Kompositionen, die während Mussila­mi’s Rekonvaleszenz nach seiner erfolg­reichen Operation aufgrund eines Ge­hirntumors entstanden.

Auch die Zugabe am Ende ist mit Be-dacht gewählt. Eine wunderschöne Bearbeitung von „In A Sentimental Mood“, der weltberühmten Komposition Duke Ellington’s, fängt genau die wehmütige Stimmung ein, die nach den Konzert im Birdland herrscht. Es ist erst einmal vor­bei. Manfred Rehm plant zwar, pünktlich am 17. April mit dem Gastspiel der schwedischen Posaunistin Karin Ham­mar, ihrer Band Fab 4 und dem Projekt „Circles” den Konzertbetrieb wieder auf­zunehmen, aber ob das auch tatsächlich möglich sein wird, kann heute wohl nie­mand wirklich einschätzen.


Swingin‘ Ladies + 2 | 07.03.2020
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Swingmusiker der oberen internationalen Liga sind gut miteinander vernetzt. Man kennt sich aus verschiedenen Projekten wie dem Hotel Ascona Swing Festival oder den legendären River Boat Shuffles und anderen Flusskreuzfahrten, wo mehrere Tage lang in immer neuen Konstellationen zur Unterhaltung der Passagiere musiziert wird. Aus diesem Swing-Syndikat waren letzten Samstag vier Virtuosen aus vier Ländern im Birdland zu Gast: Nicki Parrott (Kontrabass und Gesang, Australien), Stephanie Trick (Piano, USA), deren Ehemann Paolo Alderighi (Piano, Italien) und Engelbert Wrobel (Klarinette und Saxophon, Deutschland), der die Zuschauer mit zahlreichen Anekdoten und Wortwitz in herzhafter Manier durch den Abend führte.

Natürlich standen keine zwei Pianos auf der Bühne, denn das Klavierpärchen teilte sich die 88 Tasten des Bösendorfers so wie es sich in einer guten Ehe gehört. Und los ging es mit dem Temptation Rag von Henry Lodge, bei dem sich Stephanie und Paolo als vierhändiges Ausnahmegespann präsentierten. Immer schön locker und ständig abwechselnd, mal die eine auf den hohen Tönen, mal in der tiefen Etage, dann andersrum, immer im Wechsel und dann wieder ohne den Partner. Die Pianofraktion war in ständiger Bewegung und tauschte ununterbrochen die Plätze, wenn nicht gerade ein Solostück im Stride-Piano-Stil oder ein Duett von Hoagy Carmichael auf dem Programm standen. Eine sehr sportliche Art zu musizieren.

Die andere Lady der Band war die bezaubernde Bassistin Nicki Parrott, die treue Zuschauer schon öfter auf Deutschlands bedeutendster Jazzbühne erleben durften. Ihre unprätentiöse Art zu begleiten macht sie zu einer Ausnahmeerscheinung im Genre, was nicht heißt, dass sie mit originellen Einwürfen sparte. Ganz im Gegenteil waren ihre solistischen Blüten ein kaum wegzudenkender Teil ihrer großartigen Performance. Und wenn das Bassspiel durch ihre glasklare weiche Stimme dezent in den Hintergrund trat und sie als Sängerin glänzte, spätestens dann war es um das Publikum geschehen. Bei „Honeysuckle Rose“, ein im Antonio-Carlos-Jobim-Medley verpacktes „Girl of Ipanema“ oder „On the Sunny Side Of The Street“ waren alle Anwesenden selig.

Und dann war da noch Dauerbrenner Engelbert. Wer ihn kennt, freut sich auf ihn. Nicht nur wegen seinen unterhaltsamen Ansagen, sondern weil der Mann weiß, an welcher Stelle er dem ganzen noch unbemerkt den letzten Anstrich verleihen muss. Und das wissen genaue Beobachter zu schätzen. Sein großes Vorbild ist Benny Goodman. Aber wie er seine spektakulären Soli in einer unbeeindruckten Leichtigkeit vorträgt, steht er seinem Idol in nichts nach. Am Samstag Abend reüssierte der Westfale noch als „Aushilfssänger“ und Bongospieler, was für uns Zuschauer das Tüpfelchen aufs i war.

Ein hervorragendes Konzert mit vielen Höhenpunkten unter denen man die grandiose Interpretation von Fats Waller‘s „Martinique“ besonders hervorheben sollte.

Danke liebe Swingin‘ Ladies and Gentlemen für diesen vergnüglichen Abend, bei dem man ganz entspannt seine Seele baumeln lassen konnte. Die Köpfe und Beine der Zuschauer werden sicher noch einige Tage begeistert nachwippen.


Emile Parisien Quartet | 06.03.2020
Donaukurier | Karl Leitner
 

Was ist das denn? Melodien und Rhythmen rasen durch das Birdland, baumeln und taumeln, wanken und schwanken, mal scheint die Musik auf der Stelle zu treten und die Zeit still zu stehen, dann wieder rütteln heftige akustische Böen an den Grundfesten des Gewölbes. Minimalistische Figuren und orgiastische Ausbrüche folgen unmittelbar aufeinander. Manchmal scheint es, ein Orkan tobe und fege über Neuburg hinweg und die vier Musiker, die hier auf der Bühne stehen, wollten alles in Grund und Boden spielen.

Dabei ist alles perfekt geplant, nichts dem Zufall überlassen. Bei all der Dynamik, der gewaltigen Kraft, die hinter all dem steckt, dem sicht-, hör- und spürbaren Feuer in dieser Musik, ist doch alles durchdacht und dient einem übergeordneten Konzept, in dem freie Passagen ihren fest definierten Platz haben und sich scheinbar mühelos einfügen in die Regelhaftigkeit, die dem Ganzen durchaus zugrunde liegt. Dennoch ist diese Musik ständig in Bewegung. Kaum denkt man, man habe die Struktur einer Komposition begriffen, reißt einem die Band auch schon wieder den Boden unter den Füßen weg.

Verantwortlich für diese in jederlei Hinsicht außergewöhnliche und in wahrstem Sinn spektakuläre Musik sind Sopransaxofonist und Bandleader Emile Parisien, Pianist Julien Touéry, Kontrabassist Ivan Gélugne und Julien Loutelier am Schlagzeug, die derzeitige Speerspitze des französischen Jazz, und deren aktuelles Album mit dem Titel „Double Screening“. Dafür hat Die Formation den Jahrespreis 2019 der Deutschen Schallplattenkritik erhalten, und das wahrlich nicht umsonst. Parisien und seine Band, die bereits seit 15 Jahren in dieser Besetzung existiert, was auch das traumwandlerische Zusammenspiel erklärt, drückt mit Stücken wie „Double Screening“, „Spam I-III“, „Hashtag I-IV“, „Algo“ und „Mal-ware Invasion“ die grassierende Zerrissenheit und zunehmende Überforderung durch das digitale Zeitalter mit den Mitteln der Musik aus. „Diese Musik fährt in die Beine, ohne das Hirn zu vernachlässigen“, heißt es in der Laudatio zum erwähnten Kritikerpreis. Und, was auch beim Konzert im Birdland überdeutlich wird: Sie hat Witz und verfügt über Humor. Wie Oldtime Swing und enthemmter Bebop in Portionen von der Länge lediglich eines Taktes einender gegenübergestellt werden, wie synthetisch anmutende Geräusche ausschließlich mit manuellen Mitteln erzeugt werden und somit nicht durch den Spamfilter fallen, wie das Piano dem Saxofon – nur um einen Wimpernschlag verzögert – in halsbrecherischem Tempo und völlig unisono eine regelrechte Verfolgungsjagd liefert, muss man erst einmal gehört haben.

Ja, in der Tat. Diese Musik hat etwas Visionäres an sich und macht zugleich ungeheuer Spaß. Das gilt für die CD-Fassungen der insgesamt 14 Stücke des Projekts, mehr aber noch für deren ausgedehnte Live-Versionen. Wenn man Parisien dabei zusehen kann, wie er mit vollem Körpereinsatz zu Werke geht oder dem personifizierten Chronometer Julien Loutelier beim Umgang mit Becken und Trommeln, dann bekommt die Sache noch einmal eine ganz andere Dimension. Was für ein Konzert!


Emile Parisien Quartet | 06.03.2020
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

„Double Screening“ heißt die aktuelle CD des französischen Saxofon-Shootingstars Emile Parisien. Genauso nennt man eine bestimmte Aufspaltung der Wahrnehmung, eine besondere Form des Multitaskings. Wenn jemand beispielsweise einen Film auf einem iPad schaut und zur selben Zeit Facebook auf dem Smartphone nutzt, dann ist das „Double Screening“. Vielleicht auch digitale Verzettelei. Über deren Folgen klärte Parisien jetzt bei seinem zweiten Neuburg-Gastspiel auf – aber so analog, musikalisch entschlossen und grandios, wie dies nur einer Zukunftshoffnung des Jazz möglich ist.

Auf den 37-jährigen Franzosen hagelte es Auszeichnungen und hymnische Kritiken, seit sein letzter Ton im April 2017 im Birdland verklang. Was damals vor vollem Haus über die Bühne ging, hätte sich angesichts der gewachsenen Popularität des Protagonisten diesmal unbedingt wiederholen müssen. Doch selbst im beschaulichen Neuburg gibt es offenbar inzwischen erste Auswirkungen der Corona-Angst und eine gewisse Reserviertheit im Ausgehverhalten der Menschen zu spüren. Anders lassen sich die ungewöhnlich locker besetzten Stuhlreihen im Hofapothekenkeller kaum erklären. Parisien wäre jedoch nicht der gefeierte Jungstar, wenn ihn dies in seiner Spielfreude gebremst hätte. Mit ansteckender Leidenschaft, überbordender Fantasie und frappierender Virtuosität öffnen er und seine organisch aufeinander abgestimmte Freundescombo unerschöpfliche Weiten, die kein www. brauchen.

Parisien macht Musik nicht nur des schönen Klanges wegen. Er verpackt die Fragen zum Zustand unserer Gesellschaft in aufrührerische, emotionale, packende Klänge. Was tun wir, wenn wir mal nicht mit unserem Smartphone verbunden sind? Wenn wir mal nicht aufs Tablet schauen und nicht vor dem Bildschirm sitzen? Kann man noch improvisieren in einer Welt, die zunehmend von Algorhythmen bestimmt wird? Gibt es Raum für Poesie in einer Gesellschaft, die immer mehr mit künstlicher Intelligenz verschmilzt? Die Antworten stecken in Titeln, die Namen wie „Algo“, „Hashtag“, „Malware Invasion“ oder „Daddy Long Legs“ tragen.

Der Primus inter pares und seine enorm flexible, fordernde Band mit dem Pianisten Julien Touéry, dem Bassisten Ivan Gélugne und dem Schlagzeuger Julien Loutelier kreieren dabei einen Klangraum, der die Digitalwelt nachstellt. Aber nicht so, wie man zunächst denken würde. Die Musik von Emil Parisien und Co. kommt ganz ohne Laptop, Sequenzer und Sampler aus. Das Quartett musikalisiert Haker und Aussetzer von CDs, das Ruckeln von digitalen Files, das Flackern von Bildschirmen mit traditionellen Instrumenten. Dabei entsteht ein schwindelerregendes Switchen zwischen sich widersprechenden Stilen und Rhythmusebenen.

Einerseits besticht Emil Parisiens Tongebung und Klangkultur auf dem eigentlich in hoher Tonlage angesiedelten Sopransaxofon, das er wie ein orientalisches Blasinstrument in mystisch dunkle Tiefen führt. Zum anderen überrascht die Struktur der Stücke, ihr feiner, spannender, erzählerischer Duktus, bei dem die Band bewusst Malware hineinschmuggelt, also Schadsoftware, Trojaner, die den musikalischen Fluss urplötzlich ins Taumeln, Schliddern und Kippen bringen. Turbogeschwindigkeit bestimmt das Tempo. Dann gibt es aber immer wieder kurze, ruhige Zwischenspiele, lyrische Intermezzi voller Feeling, und Power-Swing in aberwitzig synkopengespickten Neobop-Höllenritten, die einem schier den Atem rauben.

Alle vier Musiker sorgen für improvisatorische Geistesblitze. Touéry präpariert den Flügel so originell, dass ein John Cage glücklich gewesen und vielleicht sogar noch zum Jazz konvertiert wäre, wenn er zudem Gélugne bei seinen wilden Eskapaden am Basskorpus erlebt hätte. Julien Loutelier, der Jüngste (und einzige Nicht-Brillenträger) der Band, entpuppt sich am Drumset als ständiger kreativer Unruheherd. Der Reiz der Datenströme, die Lust, sich in der Welt der Bits und Torrents zu verlieren, steckt ebenso in dieser faszinierenden Musik, wie jede Menge trockener Humor und bittere Ironie. Ein vielbeklatschtes Bravourstück mit Tiefenwirkung.