Aktuelle Presseberichte

Eva Klesse Quartett | 18.11.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wenn man nur das richtige Empfangsgerät hat, kann man das zweite Set von Eva Klesse und ihrem Quartett sogar in Alaska hören. Oder auf den Fidschi Inseln. Es ist der letzte Abend des 7. Birdland Radio Festivals, der direkt aus dem kleinen Club in der Neuburger Altstadt vom Bayerischen Rundfunk live übertragen wird, und als das rote Lämpchen „Achtung! Wir sind auf Sendung!“ signalisiert, ist das der Startschuss für eine vierstündige Live-Jazznacht, die alles beinhaltet: Aufnahmen von kürzlich mitgeschnittenen Birdland-Konzerten, Interviews mit Musikern, Fachsimpeleien mit Beobachtern der Szene und natürlich jeder Menge Musik unterschiedlichster Art.

Der Schwerpunkt freilich liegt bei Eva Klesse (Schlagzeug), Evgeny Ring (Altsaxofon), Philip Frischkorn (Klavier) und Robert Lucaciu (Kontrabass), die die höchst facettenreichen Kompositionen ihrer beiden letzten Tonträger „Obenland“ und „Xenon“ vorstellen. Damit bewegt sich die Band zwischen zwei Polen. Zum einen ist da die verträumte, fragile, ja geradezu lyrische „Ballade auf zwei Beinen“ zu hören, zum anderen gibt es die heftigen Ausbrüche in „Decent And Resurface“, das scheinbar ungeordnete akustische Gewusel beim „Irischen Reisefluch“, die Traumwelten bei „Klabautermann“, die auch im Modern Jazz durchaus relevanten beinharten Beats bei „Gravity“. Stän-dig ist die Band unterwegs zwischen diesen Eckdaten, die Musiker lassen den Stücken Zeit zur Entwicklung, wobei vorab selbstverständlich das Ziel dieser abenteuerlichen akustischen Reise festgelegt, nicht jedoch, wie man es erreicht. Und genau dieser Weg, der nicht selten ein spannender Umweg und manchmal ein noch spannenderer Irrweg sein kann, ist das Faszinosum dieses Abends.

Das in Leipzig beheimatete „Eva Klesse Quartett“ mag ein an Jahren noch junges Ensemble sein, aber es hat für sich bereits eine eigene Sprache entdeckt. Basierend auf der überaus perkussiven Spielweise der Bandleaderin haben sie und ihre drei Kollegen sich einen weiten aber doch fest definierten Rahmen gesteckt, innerhalb dessen sie ihre ungewöhnliche Musik präsentieren.

Tags zuvor noch habe die Band in Argentinien gespielt, erzählt Eva Klesse, man sei nun also seit fast 48 Stunden auf den Beinen. Von Ermüdungserscheinungen allerdings keine Spur. Im Gegenteil, auch wegen der frischen und spritzigen Art, in der die Nummern vorgetragen werden, wird dieser Abend zu einem würdigen Abschluss des 7. Birdland Radio Jazz Festivals und ein Erlebnis für alle, die live dabei waren. Und auch für die, die auf Bayern 4 Klassik, auf Bayern 2, im Nachtprogramm der ARD oder weltweit übers Internetradio mitgehört haben.


7. Birdland Radio Jazz Festival 2017 | 17.11.2017
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Eigentlich ist es ein Geschenk. Zum mittlerweile siebten Mal kam der Bayerische Rundfunk trotz Sparzwangs (dem unter anderem auch die Berichterstattung über die renommierte Burghausener Jazzwoche zum Opfer fiel) mit Mann, Maus und nahezu seinem gesamten Ü-Wagen-Fuhrpark in die Neuburger Altstadt, um das gesamte Birdland Radio Jazz Festival entweder aufzuzeichnen oder live zu übertragen. Neun Konzerte von erlesener Qualität, unterschiedlichster Ausrichtung, Farbe und Aktualität, die allesamt ein grandioses Spiegelbild dieser wandelbaren, vielfältigen Musikrichtung abgeben, richteten den kulturellen Fokus im Freistaat einmal mehr auf die Ottheinrichstadt. Rund 1000 Menschen verfolgten die Darbietungen im Birdland Jazzclub, im Stadttheater oder im Audi Forum Ingolstadt, ein Vielfaches davon ließ sich vor dem Radio von der „Musik des Abenteuers“ (Klarinettist Louis Sclavis) verzaubern.

Sage und schreibe vier Stunden lang übertrug der BR zum großen Finale von Samstag auf Sonntag zwischen 22 und zwei Uhr. Im improvisierten Studio im zweiten Stock der ehemaligen Hofapotheke begrüßten die Moderatoren Roland Spiegel und Uli Habersetzer Studiogäste wie Birdland-Impresario Manfred Rehm und erinnerten mit Konzertmitschnitten sowie Interviews an all jene Stargäste, die sich seit Mitte Oktober hier die Klinke in die Hand gaben. Außerdem hatten sie in der reichhaltigen Historie Neuburgs gestöbert und mit vielen kurzweiligen Beiträgen auf das überaus reizvolle Spannungsfeld von modernem Jazz und alter Renaissance hingewiesen. Vier Stunden live aus und um Neuburg: Welch ein unschätzbarer, touristischer Effekt zum Nulltarif, selbst zur Nachtzeit, der als Dauerwerbesendung wahrscheinlich eine hohe fünfstellige Summe gekostet hätte!

„Auch die siebte Auflage des Birdland Radio Jazz Festivals war ein voller Erfolg“, resümierten deshalb Rehm und BR-Jazzredakteur Spiegel zufrieden. Das vom Birdland-Jazzclub zusammengestellte Programm traf nahezu jeden Geschmacksnerv. „Wir erleben, dass zu allen Konzerten Menschen aus allen Generationen kommen“, sagt Rehm. Die oft gehörte Mahnung, „doch etwas mehr für das jüngere Publikum zu tun“, sei nicht nur für das Festival, sondern für das gesamte Birdland-Programm wenig hilfreich.

Denn wer will und über die nötige Zeit verfügt, der findet wirklich alles. Klassische wie lateinamerikanische oder swingende Elemente in der Darbietung von Bolero Berlin (12. Oktober) oder impressionistische gleichwohl packend groovende Trioexkurse beim Gastspiel des amerikanischen Pianisten Aaron Goldberg (20. Oktober). Dass Miles-Davis-Drummer Al Foster mit erlesener Besetzung dem großen Bebop-Innovator Charly Parker huldigte (21. Oktober), darf ebenso als Glücksfall bezeichnet werden, wie die wagemutigen, teilweise rockigen, manchmal aber auch ein bisschen zu populistischen Parforceritte des kubanischen Pianisten Alfred Rodriguez (10. November).

Das normalerweise behutsam zu verwendende Attribut „sensationell“ trifft auf jeden Fall für das intime Clubkonzert von Georgie Fame (11. November) zu. Das Alter Ego von Van Morrison hinterließ an einem begeisternden Abend voller Spiellaune und all seiner Hits einen unauslöschlichen Eindruck im restlos ausverkauften Hofapothekenkeller. Auch für Georgie Fame schien der Besuch in Neuburg kein „Business as usual“-Programm zu sein, zumindest wenn man seinen Eintrag im Gästebuch des „Birdland“ richtig zu deuten vermag: „To the best Jazz Club in the World“.

Zum konzertanten Endspurt gab es nicht zum ersten Mal „drei am Stück“. So erlebte das Stadttheater am Donnerstag mit der auf Zehenspitzen vorgetragenen, höchst sensiblen Doppel-Performance der Saitenkünstler Ferenc Snétberger (Gitarre) und Ron Carter (Kontrabass) einen der sinnlichsten Jazzmomente überhaupt in dessen langer Geschichte (wir berichteten). Am Freitag gab es dann das Kontrastprogramm durch die „Asian Field Variations“, einer avantgardistisch anmutenden, kammermusikalischen Darbietung von Louis Schlavis, Dominique Pifarély (Violine) und Vincent Courtois (Cello). Mit größtmöglicher lyrischer Sensibilität formten die drei Franzosen mysteriöse, fantastische Miniaturen, in denen vor allem die Streichinstrumente als Turbobeschleuniger dienten.

Den Schlussakkord setzen durfte dann am Samstag das muntere, vor Kreativität geradezu berstende Quartett der Leipziger Schlagzeugerin Eva Klesse, wobei der zweite Teil des Konzertes sogar live über den Äther ging. Klangsinnlich, leidenschaftlich, voller Energie und verblüffender Auswege aus allen Sackgassen: So untermauerten Klesse und ihre Freunde ihren Ruf als eine der hoffnungsvollsten deutschen Formationen der Gegenwart. Allein für das kleine Hörspiel in „Klabautermann“, in der die Bandleaderin wie ein Furie mit einem Blatt Papier wedelte und der Rest der Combo der Besatzung auf einem Seelenverkäufer auf hoher, sturmgepeitschter See eine instrumentale Stimme gab, hätte sich der Besuch schon gelohnt.

Wie gesagt, ein Geschenk, für welches das Publikum oft weite Wege auf sich nahm. Warum jedoch nicht zum ersten Mal kein einziger Mandatsträger der Kulturstadt Neuburg dem 7. Birdland Radio Jazz Festival die Ehre erwies, bleibt nach wie vor ein ungelöstes Rätsel.


Sclavis / Pifarély / Courtois | 17.11.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Wenn man sich mit Jazz beschäftigt, sollte man nie vergessen, den Blick auf unser westliches Nachbar-land Frankreich zu richten. Man stößt dann unweigerlich und auf Louis Sclavis, Dominique Pifarélli und Vincent Courtois. Diese drei laufen sich immer mal wieder über den Weg, bei Konzerten, auf Festivals, bei Plattenaufnahmen von Kollegen. Eine eigene, gemeinsame Band freilich unterhielten sie bislang nicht.

Das hat sich nun mit den Aufnahmen zum Album „Asian Field Variations“ geändert und das ist gut so, denn so wird man im Neuburger Birdland an diesem Abend, der vom Bayerischen Rundfunk anlässlich des „Birdland Radio Jazz Festivals“ mitgeschnitten wird, Zeuge zwar ungewöhnlicher, jedoch ganz hervorragender Musik, die einen fast von den Stühlen reißt. Schon die Kombination der Instrumente ist speziell. Die verschiedenen Klarinetten Sclavis‘, die Geige Pifarellis, Courtois‘ Violoncello – diese Zutaten ergeben ein Klangbild, das für manchen im Raum ebenso gewöhnungsbedürftig sein mag wie die Kompositionen, wie der von dem Trio kreierte kammermusikalische Modern Jazz, der herkömmliche Soli ebenso zulässt wie etwa herrlich abgedrehte Klangspuren, der immer wieder mal mit gänzlich freien Passagen liebäugelt oder sich über ständig kreisende melodische Grundmuster definiert.

In diesem Trio treffen drei ebenso virtuose wie wagemutige Kollegen aufeinander, drei Einzelkönner, die aber nur gemeinsam in der Lage sind, die Tür zu öffnen zu dieser ganz besonderen, ihnen vorbehaltene Kammer des Jazz, in der es so viel zu entdecken gibt. Es lohnt sich zum Beispiel durchaus, bei Stücken wie „15 Weeks“, „Wisdom“ oder „Paris D’Or“ die Wege der drei für einen Moment isoliert voneinander zu beobachten, wie sie sich umschleichen, annähern, wie sie auf Abstand gehen, sich erneut anflirten, wie sie sich die Hand reichen und sich schließlich umarmen, gemeinsam die komplex angelegten Arrangements meistern, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt.
Natürlich ist das, was Sclavis, Pifarléy und Courtois an diesem Abend bieten, alles andere als leichte Kost, aber es lohnt sich, ganz genau hinzuhören. Die Musiker sind höchst konzentriert, das Publikum aber ist dies mindestens ebenso, wenn es scheinbar atemlos mitverfolgt, wie dort auf der Bühne in einem Fort ungemein kunstvoll Fäden verknüpft und wieder entwirrt werden. Bereits nach dem ersten Stück ist man restlos begeistert, und dies ganz zu Recht. –

Man sollte für die Künstler, die bisher beim diesjährigen „Birdland Radio Jazz Festival“ auftraten, tunlichst keine Rankingliste erstellen. Zu unterschiedlich und deswegen im Grunde unvergleichbar ist ihre stilistische Ausrichtung. Eines aber darf man sagen: Dieses Trio steht für sich und ist eine Klasse für sich.


Night Of Strings I: Ference Snétberger solo
Night Of Strings II: Golden Striker Trio | 16.11.2017

Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt sie tatsächlich, die Magie der leisen Töne. Wer’s nicht glaubte, der konnte sich bei diesem Doppelkonzert anlässlich des Birdland Radio Jazz Festivals im Stadttheater Neuburg selbst davon überzeugen. Um sie zu erzeugen bedarf es freilich des richtigen Zugriffs, des richtigen Umgangs mit dem ausgewählten Material, des richtigen Ambientes und nicht zuletzt eines Publikums, das sich einlässt auf fein gesponnene melodische Netzwerke, auf Eleganz und Ästhetik, die einhergeht mit absoluter Präzision und höchster Spielkultur.

Da ist zunächst Ferenc Snétberger, einer der wenigen Gitarristen des Jazz, dessen Instrument mit Nylonsaiten bespannt ist. Er verbindet europäischen Jazz mit Elementen der Klassik, spanischer und lateinamerikanischer Musik sowie Gypsy Swing. Wäre er Literat, würde man seine Werke vermutlich am ehesten der Rubrik „Lyrik“ zuordnen. Snétberger geht behutsam vor, lotet aus, verziert seine Melodien geschmackvoll, originell und reichhaltig, erhöht zwischendurch aber auch gelegentlich Tempo und Schlagzahl. Obwohl sein Auftritt zeitlich begrenzt ist, wird doch seine enorme Vielfalt sichtbar. Zudem gestaltet er den Setablauf recht dynamisch, so dass die Angelegenheit durchwegs ungemein spannend bleibt. Nicht nur für Freunde akustischer Gitarrenjazz ist Snétberger sicherlich ein echter Leckerbissen.

Das ist auch das „Golden Striker Trio“. Nicht nur wegen der beiden hervorragenden Solisten Russell Malone an der Gitarre und Donald Vega am Flügel, die beim Neuburg-Konzert zu ganz großer Form auflaufen, sondern natürlich und vor allem wegen Ron Carter, der Legende am Kontrabass. Deutlich über 2000 Tonträger hat der mittlerweile Achtzigjährige im Laufe seiner Karriere eingespielt, mit allen, die im Jazz Rang und Namen haben. Er ist die graue Eminenz, der Elder Statesman des Kontrabass schlechthin. Carter legt Wert auf Reinheit im Ton, auf absolute Perfektion, auf Wohlklang. Er ist Feingeist, Ästhet und wahrer Könner gleichermaßen. Ob er mit „Opus 5“ seinem Weggefährten Cedar Walton, mit „Candle Light“ seinem Kumpel Jim Hall oder mit einer wunderschönen Bearbeitung von „A Funny Valentine“ seinem ehemaligen Boss Miles Davis huldigt – alles bei ihm und seiner Band hat Stil, verrät Haltung und Charakter, seine unaufgeregte Virtuosität veredelt jede Komposition. Ein Höchstmaß an Konzentration trifft bei ihm und seiner Band auf scheinbare Leichtigkeit, Understatement und Nonchalance.

Und wenn er dann zum Ende hin seine Eigenkomposition „A Nice Song“ ganz lapidar mit „Ich denke, das nächste Stück ist auch ganz hübsch“ ankündigt, dann ist das die Untertreibung schlecht hin. Ganz hübsch? – Diese Nummer ist ebenso atemberaubend wie all die anderen des Golden Striker Trios.


Night Of Strings I: Ference Snétberger solo
Night Of Strings II: Golden Striker Trio | 16.11.2017

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Ausnahmsweise nicht im Jazzkeller unter der Hofapothke, sondern im Stadttheater fand ein Top-Konzert des Birdland Radio Jazz Festivals statt. Der Jazzclub wäre auch völlig überfüllt gewesen. Mit Ferenc Snétberger und dem Golden Striker Trio um den Kontrabassisten Ron Carter waren wahre Meister zur Night of Strings geladen.

Eine Traumstunde der akustischen Gitarre bot Ferenc Snétberger an der Gitarre. Der 60jährige Ungar vereinte Temperament und Melancholie, Klassik und Jazz, die Tradition des Flamenco und der Musik der Roma zu einer virtuosen Melange purer Musikalität. Mit ungemein sensitiver Innigkeit nahm Snétberger das mucksmäuschenstill lauschende Publikum mit in ein gitarristisches Reich der Träume und der Phantasie.

Von sechs zu zehn Saiten, von der Solo-Gitarre zum Trio aus Bass, Gitarre und Klavier, zum Golden Sriker Trio von Ron Carter. Der inzwischen 80jährige Grande des Kontrabasses ist eine wahre Institution des modernen Jazz. Nicht allein sein Wirken im berühmten, wegweisenden zweiten Quintett von Miles Davis sorgt für einen unauslöschbaren Eintrag in den Annalen des Jazz, auch seine schier unglaubliche Technik, souveräne Perfektion und musikalische Weisheit geben ihm zu Recht einen der vordersten Plätze in der ewigen Bestenliste der Protagonisten seines Instruments. Auf über 2200 Tonträgern ist sein Bass zu hören, stets verlässlich, klar, nie statisch oder nur dem Fundament verpflichtet, immer Stütze der Band und aktiver, kreativer Mitgestalter der Musik.

Von ganz besonderer Bedeutung ist sein Alterswerk, an dem er das Publikum in Neuburg an diesem denkwürdigen Abend einmal mehr teilhaben ließ: Gemeinsam mit Russell Malone an der Gitarre und Donald Vega am Piano, beide ihrerseits Künstlerpersönlichkeiten von globalem Rang, erfreute er mit „Candle Light“ gleich schimmerndem, überaus elegant vorgetragenem Jazz, „almost wise“. Unnachahmliche Artikulation, in der kein Ton zufällig erschien, keine noch so geringe Kleinigkeit unüberlegt, jede Wendung in sich logisch, im Zusammenspiel detailliert abgestimmt und fein ausbalanciert, sorgten für ein besonders genussvolles Konzert von dezenter Noblesse und beeindruckendem Understatement. Große Kunst bei der Night of Strings des 7. Birdland Radio Jazz Festivals.


The Georgie Fame Family Trio | 11.11.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es ist in gewisser Hinsicht ein Triumvirat: Sie kommen aus England, spielen die Hammond B3, sind seit den Sechzigern aktiv, genießen einen legendären Ruf und haben jeder für sich schon immer Musik gemacht an der Nahtstelle von Jazz, Soul, Pop und Rhythm’n’ Blues. Steve Winwood ist der eine, Brian Auger der andere und Georgie Fame der dritte. Dass letzterer, der neben seiner höchst erfolgreichen Tätigkeit als Solokünstler immerhin neun Jahre lang musikalischer Leiter der Van Morrison Band war, nun ausgerechnet im für seine Verhältnisse geradezu winzigen Birdland-Jazzclub spielt, darf man ruhig sensationell nennen.

Ja, dieser Clive Powell, besser bekannt als Georgie Fame, ist wahrlich ein Kali-ber. Als Komponist, Interpret, als Hammond-Spezialist und vor allem als Sänger, als Vertreter des Blue Eyed-Soul, auf den sich ganze Generationen von Nachfolgern berufen. Im Birdland-Konzert, das er im Rahmen des dort derzeit laufenden Radio Jazz Festivals gibt, hält er Rückschau, gewährt seinem Publikum eine ganz persönliche Führung durch 50 Jahre hautnah erlebte Musikgeschichte. Zusammen mit seinen Söhnen James (Schlagzeug) und Tristan (Gitarre) startet er bei Booker T. Jones und dessen „Green Onions“, streift Ray Charles, Mose Allison und Floyd Dixon, bearbeitet Carole King‘s „Point Of No Return“ für die Orgel und biegt schließlich mit seinen eigenen Hits „Yeh Yeh“ und „The Ballad Of Bonnie And Clyde“ auf die Zielgerade ein. Das ergibt in der Summe knapp zwei Dutzend Songs, die seine Karriere begleiteten, und wenn man noch all die Zitate berücksichtigt, die Fame immer wieder einbaut, sind es noch weitaus mehr.

Überraschend ist, dass er keine einzige Nummer aus seiner langjährigen Partnerschaft mit Van Morrison spielt, ja, dass jener nicht einmal erwähnt wird, und das, obwohl Fame freimütig im Plauderton etliche Anekdoten aus seinem bewegten Leben erzählt. Dafür entschädigt dann das – zumindest für mich – beste Stück des Abends, nämlich „Funny How Time Slips Away“, in dem er doch tatsächlich Willie Nelson und George Benson aufeinander loslässt.

Der Abend mit Georgie Fame im Birdland ist sicherlich nicht dazu da, um neue Aspekte des Jazz zu entdecken, virtuose Soli zu bewundern oder den Schritt auf avantgardistisches Neuland zu wagen. Nein, bei Fame geht es um ganz einfach um zeitlose Songs, die allesamt zu Klassikern geworden sind, wobei das Genre, aus dem sie stammen, unwichtig ist. Es geht um ein klein wenig Nostalgie, um die erste persönliche Begegnung mit dem ein oder anderen Hit von einst, um die Zeit, als man abends am Mittelwellenradio herumschraubte oder AFN hörte, ständig auf der Suche nach der richtigen Musik. Und wenn man Glück hatte, stieß man dann im Äther irgendwo auf Georgie Fame.


The Georgie Fame Family Trio | 11.11.2017
Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Ursprünglich hätte ja sein Kumpel Van Morrison nach Neuburg kommen sollen. Doch ein Konzert mit dem irischen Kauz ist im Gegensatz zu dessen Alben wie Vögel fangen oder Geister fotografieren: Eine ziemlich unsichere Unternehmung.

Dann schon lieber Georgie Fame. Kein Ersatz, obwohl er als jahrzehntelanger Sideman auch eine Prise Morrisonscher Authentizität mit ins restlos ausverkaufte „Birdland“ bringt. Denn Fame ist längst selbst ein Star mit Legendenstatus; freundlich, den Besuchern zugewandt und in Sachen Spielfreude gerade wegen seiner 74 Jahre ein absoluter Garant für einen beseelten, höchst anregenden Abend. Wobei sich trefflich darüber streiten ließe, ob nun der musikalische Genuss überwiegt, oder die vielen kleinen Anekdoten den Reiz des Abends ausmachen, bei der jede für sich ein Stück gelebte Musikgeschichte darstellt. Etwa, als ihm Jimi Hendrix 1967 seinen Drummer Mitch Mitchell „stahl“. Oder dass sein allererster Hit „Get Away“ eigentlich als Werbejingle für Tankstellen gedacht war, dann aber die Spitze der britischen Charts stürmte.

Die Menschen im Neuburger Jazzclub lauschen fasziniert. Denn der Mann, der im bürgerlichen Leben Clive Powell heißt, verbindet die Schwänke aus der Vergangenheit mit höchst aktuellen, frischen Klängen. Der Sound, den er zusammen mit seinen Söhnen Tristan Powell (Gitarre) und James Powell (Drums) in die Katakomben des Hofapothekenkellers schickt, zeichnet sich durch virtuose Kantigkeit und die Beschränkung auf das wirklich Wesentliche aus. Keine Schnörksel, nur Musik.

Bei Georgie Fame läuft vieles über die bewährte Rezeptur des Blues, seien es die Countryballaden seiner Freunde Willie Nelson und Ry Cooder oder alte Jazz-Schlachtrösser wie „Georgia On My Mind“ von Hoagy Carmichael. Was vor allem am wirklich sensationellen Klang seiner Hammond B3-Orgel liegt, der so heutzutage eigentlich nirgendwo mehr zu hören ist. Sämig, fett, voller Druck und vieler kleiner, feiner Details entwickelt der britische Gentleman ein geradezu seismografisches Gefühl für den wahren Groove. Mit seinen pianistischen Fähigkeiten durchmisst Fame jeden Song, lotet ihn aus, lässt die Harmonien lässig pendeln und schwerelos schweben.

Beinahe wäre man auch versucht, den Mann als wandelnde Jukebox zu verunglimpfen, weil nahezu alle Songs einen hohen Wiedererkennungswert besitzen. Aber dies würde ihm an einem solchen Abend, den der Bayerische Rundfunk im Rahmen des 7. Birdland Radio Festivals aufzeichnet, kaum gerecht. Selbst scheinbar totgenudelte Kamellen wie „Yeh Yeh“, „Somebody Stole My Thunder“ oder „The Ballad of Bonnie And Clyde“ variiert die Familiencombo pausenlos und überführt sie lustvoll in einen kernig-eckigen Shuffle-Rhythmus.

Es sind Erinnerungen an eine bessere, eine gradlinigere, eine freiere Zeit, die Georgie Fame weckt. Nicht im nostalgisch-verklärten Sinn, sondern als Mahnung, nicht jeder aktuellen Entwicklung tatenlos zuzusehen. Als Zugabe intonieren er und seine Söhne Bob Dylans „Everything Is Broken“, um gegen die Orientierungslosigkeit von Gesellschaft und Politik zu protestieren. Dazu lässt er das Publikum, das ihm längst aus der Hand frisst, einen deftigen Refrain mitsingen, der in den USA mit einem langen Pfeifton unterlegt würde. Doch, er darf das! Weil es außer ihm kaum jemand mehr auf diese elegante, coole und nachhaltige Weise macht.


Alfredo Rodriguez Trio | 10.11.2017
Donaukurier | Karl Leitner
 

Das Dumme ist, dass der letzte Eindruck immer der nachhaltigste ist. Deshalb wird man sich nach diesem Konzert des kubanischen Alfredo Rodriguez Trios vermutlich immer als erstes an die völlig missglückte Version des Gassenhausers „Guantanamera“ als letzter Nummer im Programm erinnern. Was hat Rodriguez da nur geritten! Der Song ist ja eh schon nicht sonderlich originell, aber in einer derart tumben Happy-Mitklatsch-Version ist er völlig unmöglich.

Dabei sind die knapp 90 Minuten davor durchaus interessant. Rodriguez und seine Begleiter (Munir Hossn an E-Bass und Gitarre sowie Michael Olivera am Schlagzeug) toben sich völlig ungeniert aus auf der riesigen Spielwiese des Jazz, setzten das Klangbild des Rock in Verbindung mit den Improvisationen des Jazz, spielen elektronisch verstärkten Fusion-Jazz inklusive Vocoder, Sampler und Phaser, gönnen sich jedoch auch lyrische Momente mit fragilen Pianoläufen, bringen bei „Ay Mama Ines“ die Folklore Kubas ins Spiel, driften bisweilen ab in die Gefilde der Avantgarde.

Ab und zu ergeben sich Längen, das stimmt schon, fehlt den ausufernden Kompositionen etwas die Stringenz, der Blick aufs Wesentliche, zudem lässt der Mann am Bass seinem Faible für Gimmicks recht viel Raum, was nicht jedermanns Geschmack sein dürfte. Der Umgang der Band mit der Vielfalt an Möglichkeiten aber hat durchaus auch seinen Reiz. Die fließenden Linien des Pianisten, seine loopartigen Kreisel, die Energie, die er in die weißen und schwarzen Tasten fließen lässt, sein quirliges Spiel auf ziemlich robuster Funk- und Rockbasis – ja, das hat schon was, wenn man nicht zur Fraktion derer gehört, die Miles Davis heute noch vorwerfen, vor über 50 Jahren den Jazz für alle weithin hör- und sichtbar elektrifiziert zu haben.

Wobei – diese Einschränkung sei erlaubt – ein auf den Punkt gespielter kubanischer Rhythmus, der so gut in die Beine geht, schon mal von vorne herein vieles verzeiht, auch die ein oder andere Sequenz mit Leerlauf. Nur eben „Guantanamera“ nicht. Schade, dass die Musiker mit diesen schier ewig langen zehn Minuten zum Ende hin das vorher mühsam Aufgebaute selbst wieder zum Einsturz bringen. Da hilft dann auch die im Grunde schon wieder originelle Zugabe nicht mehr. „Thriller“, den Titelsong aus Michael Jackson’s Jahrhundertalbum hat Rodriguez dafür ausgewählt, was wohl nicht zufällig geschah. Schließlich hat der große Quincy Jones Rodriguez seinerzeit entdeckt und auf die Karriereleiter gesetzt. Und wer hat Jackson’s Meisterwerk des Pop produziert? – Eben.


Lee Konitz Quartet | 04.11.2017
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Ein grandioses Lebenswerk auf der Bühne des Neuburger Birdland: Schon in den Fünfzigern war Lee Konitz das große Idol der damals jungen deutschen Jazzszene, die in Frankfurt ihren Kristallisationspunkt hatte. Albert Mangelsdorff eiferte ihm nach, Attilla Zoller ebenso, auch Heinz Sauer und viele andere sahen in seiner Musik ihr eigenes Ideal.

Bevor er jedoch jedoch mit den deutschen Kollegen Alben wie ZoKoMa (Zoller Konitz Mangelsdorff) aufnahm, hatte der 1927 in Chicago geborene Altsaxophonist in New York schon Jazzgeschichte geschrieben, als er Ende der vierziger Jahre gemeinsam mit Miles Davis, Gil Evans, Lennie Tristano, Wayne Marsh und anderen den „Cool Jazz“ entwickelte, einen Stil, der bis heute einen wesentlichen Traditionsstrang der improvisierten Musik prägt. „Cool“ bezeichnet dabei eine eher innerliche, überlegte, ruhige, konzertante Haltung des Musizierens. Lee Konitz brachte eine besondere Art der Improvisation ein, die in ihren linearen Tonfolgen und intuitiv erfundenen Melodien als spontane Komposition bezeichnet werden kann.

Neunzig Lenze hat der Großmeister inzwischen gesehen, ungebrochen ist seine Improvisationslust und -kunst. Zu Recht gilt er nach wie vor als einer der sinnigsten, innigsten, kreativsten Improvisationskünstler, auch wenn er seine Ideen über Strecken nicht mehr dem Instrument, sondern seiner noch erstaunlich sattelfesten Stimme anvertraut und auf der Bühne im Neuburger Jazzkeller länger sitzt als steht. Auf dem Altsaxophon, das er ob seiner Widerspenstigkeit zuweilen „am liebsten an die Wand schleudern würde“, ist sein Ton heute deutlich brüchiger als in jüngeren Jahren, in denen er mehrfach in Neuburg aufgetreten ist und im Dezember 1999 gemeinsam mit Kenny Wheeler eine wunderbare Live at Birdland CD aufgenommen hat. Der puren, geradezu essentiellen Schönheit seines bis in die letzte Schwingung hinein nuancierten Tons, der frappanten ästhetischen Logik seiner Linien und dem Fluss der musikalischen Momente nehmen die Unbilden des Alters gleichwohl nichts.

Seit vielen Jahren tauscht Lee Konitz sich nun schon mit jüngeren Kollegen aus und lebt aktiv die Weitergabe der Tradition. Jazz bleibt eben weniger durch die Akademien als durch unmittelbare Weitergabe der Erfahrung lebendig. Zugleich zieht der Ältere aus dem Austausch seinerseits Inspiration und Anregung, wie konkret gleich zu Beginn der Konzerts zu spüren, als ihn Pianist Dan Tepper kurz ans Thema heranführt. Das Trio aus Tepper am Flügel, Jeremy Stratton am Bass und George Schuller am Schlagzeug beherrscht meisterhaft die Kunst der maximalen Reduktion, der sensitiven Zurückhaltung, der Pausen, der Räume, der nicht gespielten Noten. Sehr behutsam zelebrieren sie ein geradezu oerfektes Zusammenspiel untereinander wie mit dem Altmeister Lee Konitz, dem an diesem denkwürdigen Abend die mit Händen zu greifende Ehrfurcht eines atemlos lauschenden Publikums gilt.


Philippe Loli – Leo Giannola „Mediterranean Guitar Duo“ | 28.10.2017
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Klassische Gitarren führen im Jazz ein Nischendasein. Gäbe es da nicht Charlie Byrd als wohl bekanntesten Vertreter auf diesem Instrument, dann müsste man schon genau darüber nachdenken von wem die Nylonsaitengitarre überhaupt im westlich geprägten Jazz gespielt wird. Der Anschlag mit den Fingern und ein relativ breites Griffbrett gehört ohne Zweifel zu den anspruchsvollsten Arten auf einer Gitarre zu musizieren. Vergangenen Samstag konnte man im Birdland Jazzclub in den Genuss von gleichzeitig zwei dieser vollendeten Klangkörper kommen.

Philippe Loli und Leo Giannola, der mit klassischer Gitarrenmusik bekannt gewordene Monegasse und der jazziger orientierte Italiener, verkörperten als Mediterranean Guitar Duo mit ihrer unaufdringlichen Spielweise und einer folkloristischen Note die Unbeschwertheit der Mittelmeerländer. Lolis kraftvoller Gitarrenklang und Giannolas filigrane Plektrumspielweise verschmolzen zur perfekten Einheit.

Das Repertoire war breit gefächert vom französischen Musettewalzer über Gypsy Swing und spanischen Canciones, hin zu freilich nicht mehr mediterranen Tänzen wie Tango, Rumba und Bossa Nova. Als Opener streichelten die beiden Seelenschmeichler die Gemüter mit dem Bossa de Janeiro, der so locker und entspannt daherkam als würde man am Morgen barfuß über den Sand der Copacabana traumwandeln und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen in sich aufsaugen.

Zu diesem Stil passt das Instrument perfekt. Es waren vor allem brasilianische Virtuosen wie Baden Powell oder Gilberto Gil die der klassischen Gitarre in den 60er Jahren den Weg in die moderne und populäre Musik ebneten und der in jenem Hochgenuss gipfelte den auch Loli und Giannola mit den Gästen in Neuburg im ausverkauften Haus teilen wollten. Das ist ihnen auch vortrefflich gelungen.