Aktuelle Presseberichte

Scott Hamilton & Berhard Pichl Trio | 18.10.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es ist ein schönes Gefühl, nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause zu kommen. Man kennt sich aus und muss sich nicht ständig neu orientieren, alles ist an seinem Platz. Man kann sich entspannt zurücklehnen und die vertraute Umgebung genießen. Das mag nicht sonderlich aufregend oder gar spannend sein, dafür aber ist es ungemein wohltuend.

Ähnlich ergeht es einem, wenn man Scott Hamilton an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg sieht und hört. Zusammen mit dem Pianisten Bernhard Pichl, dem Kontrabassisten Rudi Engel und dem Schlagzeuger Michael keul spielt er bekannte oder auch weniger bekannte Stücke aus dem real book, der Bibel des Jazz, Kompositionen von Dizzy Gillespie, Duke Ellington und Billy Strayhorn, beruft sich dabei als Tenorsaxofonist auf Coleman Hawkins, Lester Young und ganz besonders auf Ben Webster und dessen berühmten „warmen“ Ton und lotet die Möglichkeiten aus, die die ausgewählten Klassiker der Jazzliteratur für ihn als altmodischen Tenorsaxofonisten bereithalten. Wobei das Adjektiv „altmodisch“ durchaus als Kompliment gedacht ist, noch dazu, weil Hamilton sich ausdrücklich dazu bekennt. Dese Bezeichnung störe ihn keineswegs, sagte er einst im Interview mit einem Fachmagazin. „Ich war schließlich schon mit 20 altmodisch, jetzt bin ich doch längst jenseits davon.“

Mit dem, was man bei einem seiner Konzerte – auch bei dem im Birdland – von Hamilton hört, wird er also keineswegs die Welt des Jazz revolutionieren. Er spielt bewährten Mainstream der guten, alten Schule und damit im Grunde zeitlose Musik. Darin allerdings ist er einer der allerbesten. Mit untrüglichem Instinkt dringt er zum Kern der von ihm ausgewählten Komposition vor, umspielt ihn auf seine unverkennbare Art, interpretiert, kommentiert. Er legt die Essenz frei, verleugnet dabei aber nie seinen Stil, seine eigene Sicht der Dinge. Hamilton spielt aus dem Bauch, geht selbstbewusst, aber nie selbstherrlich mit den Vorlagen um.

Wie so oft ist das Birdland wieder einmal restlos ausverkauft. Obwohl – oder vielleicht auch weil – die Jazzfans aus nah und fern genau wissen, dass ihnen an diesem Abend kein Neutöner begegnen wird, sondern jemand, der die alten Tugenden schätzt. Es swingt, des groovt, man begrüßt freudig die herrlichen Melodien legendärer Kompositionen und ist ganz verzückt, wenn Hamilton aus ihnen kleine Kunstwerke entwickelt. Es ist, als käme man quasi nach Hause und zur Ruhe. Und es fühlt sich ausnehmend gut an.


Scott Hamilton & Bernhard Pichl Trio | 18.10.2019
Neuburger Rundschau | Thomas Eder
 

Gut gelaunt betrat der amerikanische Tenorsaxophonist Scott Hamilton letzten Freitag pünktlich kurz nach halb neun die Bühne des Birdland Jazzclub und mit ihm Pianist Bernhard Pichl, Kontrabassist Rudi Engel und Schlagzeuger Michael Keul. Und ohne lang zu fackeln legte der Maestro los mit Cy Coleman‘s „Witchcraft“. In gewohnt geschmeidiger Manier blies er sein Horn, säuselte mit luftig leichtem Ansatz seine Melodien ins Kellergewölbe, erzählte mit vibratoreichem Ton Geschichten voller Melancholie und Zuversicht. Diese Art zu spielen ist das Markenzeichen dieses alten Hasen, der eigentlich gerade erst im Rentenalter angekommen ist, den man aber ohne Zweifel schon heute als einen der großen Veteranen klassifiziert. Ab dem ersten Ton hielt er das Publikum bei der Stange. So was hat nicht jeder drauf. Es ist diese unglaublich schmeichelnde Präsenz seines Tones, mit der er die Leute fesselt und begeistert. Hamilton ist in Neuburg kein Unbekannter. Jeder regelmäßige Clubbesucher kennt ihn und deswegen ist es immer das gleiche: bei jedem seiner Gastspiele füllt er die Reihen bis auf den letzten Klappstuhl.

Und wie er in den Spielpausen so lässig dasteht, eine Hand im Hosensack, die andere am Saxophon, und dabei die Besenarbeit zum Solo des Pianisten genießt – das hat was. Der Schlagzeuger leistete ganze Arbeit, indem er immer nur so laut spielte, dass Pianist oder Bassist bei ihren Soli gut zur Geltung kamen. Er hantierte federleicht mit dem Besen und diesen wattierten Schlegeln und bereitete so das Fundament für diese coole Musik. Außer Besen nichts gewesen? Mitnichten. Denn wenn die Literatur es verlangte, wechselte er sein Werkzeug und dann war Feuer im Stick. Dann ging die Post ab mit flirrenden Höchstleistungen des Pianisten und feurigen Griffbretteskapaden des Tieftöners. Bassist Rudi Engel – immer ein Hinhörer. Grandios, wie sich die Vier anstachelten und ergänzten. Hamilton hat mit diesem bärenstarken Trio schon mehrere CDs eingespielt – mal als Quartett oder zusätzlich mit anderen Musikern. Da wurde gegenseitiges Vertrauen entwickelt, das spürte man.

Das Publikum jubilierte am lautesten bei den schnellen Nummern, aber wie so oft war eines der Glanzstücke eine Ballade, nämlich „Lotus Blossom“ von Billy Strayhorn, ein stiller Höhepunkt, bei dem Bernhard Pichl’s feinsinnige Tastenkunst unsere Herzen dahinschmelzen ließ.

Ein Abend fürs Jazzherz, der gelungener nicht sein konnte. Bravo Scott, Bernhard, Rudi und Michael. Beim nächsten mal sind wir alle wieder dabei. Ganz sicher.


Dieter Ilg Trio „B-A-C-H“ | 11.10.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Die „72. Neuburger Barockkonzerte“ machen einen Ausflug ins Birdland, Johann Sebastian Bach goes Jazz , die Welt steht Kopf und die Verantwortung dafür tragen einer der führenden Jazzbassisten Europas, nämlich Dieter Ilg, und sein Trio. Nach Verdi, Wagner und Beethoven nimmt Ilg sich mit dem Projekt „B-A-C-H“ nun also der Werke des Thomaskantors zu Leipzig an.

Die Verbindung Bach-Jazz ist nicht neu, aber doch immer wieder spannend. Immerhin hat Bach mit der „Kunst der Fuge“ ein mathematisch exakt berechnetes und bis in sämtliche Details genauestens festgelegtes Werk geschaffen, andererseits ist es der Jazz, der sich in seiner freiesten Form die komplette Auflösung melodischer, harmonischer und metrischer Strukturen leistet. Diese beiden Extreme zueinander in Verbindung zu setzen, übt eine ungeheure Faszination aus. Besonders dann, wenn wie in diesem Fall Ilg, Rainer Böhm am Piano und Patrice Héral am Schlagzeug sich nicht isoliert mit ihnen beschäftigen oder sie lediglich nebeneinander setzen, sondern erlauben, dass sie sich aufeinander zubewegen.

Natürlich hat auch Ilg ein paar von Bachs „Hits“ mit im Programm, besonders spannend freilich wird die Sache bei den Goldberg-Variationen, deren Kennzeichnung mit Großbuchstaben bei richtiger Anordnung – wie könnte es anders sein – „B-A-C-H“ ergibt. Was, wenn nicht wie ursprünglich vorgesehen das Bassthema das verbindende Element wäre, sondern stattdessen der Rest, wenn also hier sozusagen die Variation über die Variation stattfände? „Dann steht quasi die Welt Kopf“, sagt Ilg, geht das Wagnis ein und riskiert damit eine in höchstem Maße originelle Auseinandersetzung mit der klassischen Vorlage.

Und wo bleibt der Swing, dessen Vorhandensein einst Duke Ellington als für den Jazz unabdingbar eingefordert hatte? Ilgs Trio findet immer wieder die passenden Freiräume und Schlupflöcher in Bachs Werk, in denen es sich relaxt groovend improvisatorisch austoben kann. Im Grunde müsste man bei all dem, was man an diesem Abend im Birdland mit enormem Genuss hört, zwei Komponisten nennen. Selbstverständlich zuerst Bach, aber eben auch Ilg, der die Vorlagen nicht nur „verjazzt“, sondern sie durch seine Interpretation in ein individuell geschneidertes Gewand steckt, das ihnen ausgezeichnet steht.

Klassik meets Jazz? Eine Wiederbelebung des Third Stream? – Viel mehr als das. Bei Ilg und seiner Band treffen beiden Genres sich nicht nur, sie gehen auch ein Stück miteinander, tauschen sich aus, flirten und umarmen sich, verstehen sich blendend. Schön, den drei Herren bei ihrem Tun zuzusehen und dieser herrlichen Musik zu lauschen. Hier bekommt das Schlagwort „Crossover“ eine ganz neue Bedeutung.


Dieter Ilg Trio „B-A-C-H“ | 11.10.2019
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

An wirklich großer Musik sollte man nichts ändern, nichts hinzufügen noch weglassen. So könnte mancher denken, dem die vielen Cross-Over-Versuche über musikalische Epochen und Stilrichtungen hinweg irgendwie suspekt erscheinen. Und dass Johann Sebastian Bach ein ganz Großer war, auf dessen Schultern bis heute alle wirklich ernstzunehmenden Musiker stehen, daran kann ja kein Zweifel sein. Also Finger weg vom heiligen J. S. B.?

Ja, wenn es darauf hinausläuft, Bach oder andere Klassiker ein bisschen zu „verjazzen“, ein Schlagzeug hinzuzunehmen und Tempo oder Lautstärke etwas aufzumotzen. Ein klares Nein, wenn drei Vollblutmusiker am Werk sind, die eine umfassende klassische Ausbildung mit dem gewaltigen Kosmos des Jazz wirklich verbinden können, die ihren Johann Sebastian genau studiert haben und die wissen, wieviel intellektuelle Disziplin und handwerkliches Können nötig sind, um aus beiden Welten eine eigene, überzeugende musikalische Sprache zu finden.

Dieter Ilg, ein teuflisch fingerfertiger Zauberer auf dem Kontrabass mit einem stupenden musikalischen Feingefühl, ist der Kopf des Projekts „B-A-C-H“. Dazu hat er sich mit dem hoch konzentriert aufspielenden Pianisten Rainer Böhm und dem Schlagzeuger Patrice Heral zusammengetan, dem immer bewusst ist, dass bei diesem Meeting von Barock und Jazz nicht die donnernde Hauptrolle zu geben hat, sondern den kluger Diener in einem bezaubernden Trio-Sound. Diese Welt vereint schwebende Leichtigkeit und kompositorische Verdichtung. Es bereitet Vergnügen und ist emotional berührend, wie Bachs Welt der Motive, des Kontrapunkts und der genialen Variationen in dem Jazz-Barock-Kunstwerk immer wieder durchscheinen – und in eine andere, durchaus exaltierte und wilde Ebene gehoben werden.

Die Aria und drei Stücke aus den großen Goldberg-Variationen, das Präludium aus dem wohltemperierten Klavier BWV 857, die berühmte „Air“ oder das „Notenbüchlein“ für Friedemann Bach – das sind mit fast mathematischer Disziplin komponierte Werke, die auf den ersten Eindruck kühl, klar und kontrolliert, irgendwie ehrfurchtgebietend wirken. In dieser Tonkunst steckt aber auch der Ansatz zu starken Emotionen, zu Wallungen und Ausbrüchen, sozusagen gebändigt in den formal strengen Regeln des Kontrapunktes. Dem Trio um Dieter Ilg gelingt es, dieses Potenzial in einer freien und mutigen, jedoch nicht zügellosen Musizier-Lust auszuschöpfen.

Die virtuosen Spaziergänge von Rainer Böhm über die gesamte Tastatur der Bösendorfer-Flügels, mit kraftvollem Zugriff, muten gelegentlich romantisch und impressionistisch an, sie sind bei genauem Hinhören aber mit Verstand konstruiert, die Motivik des Bach-Originals bleibt erkennbar auch in der großen Verwandlung. Und was Rainer Ilg auf dem Kontrabass anstellt, ist einfach eine Erlebnis. Jeder Ton sauber und konturiert, auch in rasant-verrückten Läufen und Akkordbrechungen. Ein hinreißender Wechsel zwischen innig empfundenen Motiven, fast wie ein warmer Bariton-Gesang, und den überraschendsten Umwandlungen und Verfremdungen nach allen Regeln der Jazz-Kunst. Der Mann am Schlagzeug hat da eine schwierige Aufgabe, er setzt mit kurz aufblitzenden Motiven und rhythmischen Akzenten seine Duftmarken, klug und stimmig.

Die berühmte Air oder die Eingangs-Aria der Goldberg-Variationen, auf diese Art interpretiert, werden zu einer kleinen musikalischen Offenbarung. Ebenso wie die Anleihen aus dem wohltemperierten Klavier. Man hört und staunt und wartet mit dem Applaus ein wenig, weil einen dieser Welt noch in ihrem Bann hält.


Enrico Rava’s 80th Anniversary (Audi Forum Ingolstadt) | 10.10.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Was macht ein älterer, grauhaariger Herr, wenn er 80 wird? Er wählt eine passende Lokalität aus, lädt Gäste ein und lässt sich feiern. Der italienische Trompeter Enrico Rava, der im August dieses Jahres seinen runden Geburtstag gefeiert hat und beileibe nicht den Eindruck macht, als würde er je in Ruhestand gehen, tut genau das.

Er hat Musikerkollegen um sich geschart, die allesamt seine Enkel sein könnten und blickt musikalisch zurück auf all die Jahre, all die Spielarten des Jazz und all die biografischen Stationen seiner langen Karriere. Dafür hat er sich ein paar besonders geeignete Spielstätten ausgesucht, unter anderem das Audi Forum, in dem auch ein Team des Bayerischen Rundfunks anwesend ist, um das Konzert, das gleichzeitig das „9. Birdland Radio Jazz Festival“ eröffnet, aufzuzeichnen.

Rava, der an diesem Abend ausschließlich das Flügelhorn spielt, präsentiert seinem Publikum zusammen mit Gianluca Petrella (Posaune), Francesco Diodati (Gitarre), Giovanni Guidi (Klavier), Gabriele Evangelista (Kontrabass) und Enrico Morello (Schlagzeug) Skizzen aus dem Logbuch einer zeitlichen, geografischen und musikalischen Abenteuerreise, stellt liebgewonnene Stücke aus seinem umfangreichen Repertoire vor, schwelgt in Erinnerungen, schöpft aus seinem reichen Erfahrungsschatz. Doch das ist nur ein Aspekt dieses Konzerts, und zwar der kleinere.

Denn Rava ist trotz seines Alters immer noch hungrig, neugierig, nach wie vor aus auf neue Abenteuer. Deswegen hat er mit seinen Kollegen auch nur die erste Nummer verabredet, alles was nachher kommt, entsteht aus dem Augenblick heraus. Und es entsteht wahrlich eine ganze Menge. Mal benutzt er einen Standard als Basis, mal lässt er einfach seine und die Ideen seiner Kollegen fließen. Man kann miterleben, wie aus einer melodischen Skizze, einem Kürzel, einer hingeworfenen Figur sich eine komplette Komposition entwickelt. Aus den wabernden Flächen und den wogenden Klanglandschaften des Gitarristen wachsen überaus kunstvoll modellierte Skulpturen heraus, die von den Bläsern lustvoll aufgegriffen und entführt werden in luftige Höhen, und während Schlagzeug und Bass den Kontakt zum Boden halten, steuert der Pianist auf höchst unkonventionelle Weise entweder kleine Einsprengsel bei oder schüttet voller Übermut Tonhaufen ins eh schon unruhige Gelände.

Was Rava und seine Band an diesem Abend im Audi Forum bieten, ist in der Tat spannend, unorthodox und aufregend. Der Bandchef selbst gibt sich zwar abgeklärt, aber man spürt die unbändige Lust, die hinter seinem Tun steckt. Dieser Mann liebt das Abenteuer. Immer noch. Auch mit 80. Nachträglich herzliche Glückwünsche, Signor Rava. Und beim Neunzigsten wollen wir unbedingt wieder eingeladen werden.


Tom Harrell „Infinity“ | 05.10.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Am Anfang steht eine düstere, auf Mollakkorden basierende Rhythmusspur, darüber legt sich eine flächige, verhallte Gitarre. Nachdem der Groove sich des ganzen Körpers des Zuhörers bemächtigt hat, wird das griffige Thema vorgestellt, das schließlich den leuchtend strahlenden, glasklaren Trompetenlinien des Bandleaders Platz macht. Unermüdlich und exakt wie ein Uhrwerk gibt der Drummer mit unerbittlichen Triolen auf dem Becken den Puls vor, treibt das Stück voran, ist zusammen mit dem Kontrabass quasi der Humus, auf dem die Soli prächtig gedeihen. Nach ungefähr zehn Minuten löst sich die Spannung und es brandet tosender Applaus los.

Der Trompeter Tom Harrell ist wieder mal zu Gast im Neuburger Birdland Jazzclub. Er tritt dort seit Jahren relemäßig auf, immer wieder mit neuem Konzept, aber war er je vorher dermaßen mitreißend, ja, atemberaubend wie diesmal? Zur Zeit scheint er seine heimtückische Krankheit – Harrell leidet an einer speziellen Form von Schizophrenie – wirklich gut im Griff zu haben, glänzt mit unvergleichlichen Soli sowie auch als Komponist, der eigentliche Star aber ist speziell an diesem Abend ist diese Wahnsinnband, die er da aus den USA mitgebracht hat. Manchmal zieht sich Harrell sogar an den Bühnenrand zurück, um sie ganz bewusst ins Zentrum zu stellen.

Mark Turner am Tenorsaxofon, Ugonna Okegowo am Kontrabass, Jonathan Blake an den Drums und Charles Altura an der Gitarre: Jeder für sich ist ein echter Könner, zusammen sind sie eine Großmacht. Dass es Stellen im Konzert gibt, die, betrachtet man die klanglichen Grunddaten, sogar bisweilen dem Sound von U2 näher kommen als dem von Be Bop und Post Bop, liegt am Gitarristen, Bass und Schlagzeug sorgen für den rhythmischen Sog und Turner am Saxofon ist Harrells kongenialer Sparringspartner. Und das Ergebnis? Einfach nur großartig!

Die Band spielt vor der Pause lediglich vier Stücke, nach der Pause inklusive Zugabe fünf. Das sagt einiges über deren Länge aus. Alle stammen von Harrell selbst, sind auf seinen drei jüngsten Alben zu finden und man weiß schier nicht, wovon man mehr beeindruckt sein soll. Von den hinreißenden Themen, die man sich immer und immer wieder anhören möchte? Von dem ihnen innewohnenden Energiepotential, auf das sich die Band mit voller Wonne stürzt, woraus sie ihre unvergleichliche Schubkraft entwickelt? Oder von den darin vorgesehenen Freiräumen, die die Solisten inklusive Harrell selbst so überzeugend nutzen? Hier passt ganz einfach alles und die beiden Sets sind der pure Genuss.

„Tom Harrell im Birdland? War der nicht erst vor einem Jahr dort? Dann kann ich ihn mir ja diesmal schenken. Den kenne ich ja schon.“ – Völlig falsch! Harrell ist ein Paradebeispiel dafür, dass Jazz ein Genre ist, das sich in stetem Wandel befindet. Es gibt immer wieder neue Facetten zu entdecken. Unter anderem macht genau das seine Anziehungskraft aus.


Alan Broadbent Trio | 04.10.2019
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Ein wenig Selbstironie darf schon sein, auch an einem Jazzabend mit scheinbar einfachen, in Wahrheit aber perfekt konstruierten und sehr diszipliniert, man könnte sagen „sophisticated“ interpretierten Eigenkompositionen. Alan Broadbent, mit höchsten Preisen dekorierter Arangeuer, Komponist und Pianist, sagte also: „Heute werdet ihr gut einschlafen können“, nach dieser Art von Musik. Ohne freundliche Unterstützung durch einen Schlummertrunk oder gar durch kleine Helferlein, die uns die Pharmabranche anbietet.

Es stimmt schon, das Alan Broadbent Trio mit der wunderbar präzisen Sängerin Georgia Mancio, dem feinsinnigen Bassisten Phil Steen und dem souveränen Bandleader am Piano lässt die Zuhörer innerlich zur Ruhe kommen, mit einer intensiven, fast intimen Musik. Sie ist nicht mitreißend, etwa durch donnernde Akkordfolgen, exaltierte Ausbrüche der Gesangsstimme oder wilde Kapriolen auf dem Kontrabass. Der Sound dieses Trios ist aber hinreißend : hier zeigen uns drei perfekt aufeinander eingestimmte Künstler die Macht der sanften, der leisen Töne.

Über ein kontrolliertes Mezzoforte gehen die drei dynamisch nicht hinaus. Statt dessen entfaltet dieses Trio eine verblüffende Vielfalt von Klangfarben und weichem Melos in der Welt des Piano oder des Pianissimo. Das ist eine Art Alleinstellungsmerkmal im Kosmos des Jazz und auf seine Art (Welt-)Klasse.

Im ersten Moment könnte man den Eindruck gewinnen, hier bekomme man eine angenehme Barmusik geboten, schon gut, aber irgendwie auch dahinplätschernd. Das wäre eine oberflächliche Betrachtung. Tatsächlich sind große Könner am Werk – gerade bei Passagen, die rein von den Noten her betrachtet eher einfach wirken. Die Sängerin Georgia Mancio führt ihre samtene, zugleich aber kraftvolle Stimme durch eine Folge schönster Balladen,. Die junge Frau aus London artikuliert blitzsauber, sie bringt die tiefen Lagen zum Strahlen und lässt sich in der Höhe nicht ein einziges Mal zu unpassender Schärfe fortreißen. Songs wie „All my life“ oder „I can see you passing bye“ werden zum Erlebnis, das ist tiefes Gefühl ohne Gefühligkeit.

Weniger ist mehr, dieses Motto ist leicht dahingesagt, aber schwer zu realisieren. Für das Alan Broadbent Trio aber könnte man es vollständig gelten lassen. Niemand drängt sich nach vorne, keiner stürzt sich zu sehr ins Virtuose, das auch einmal in Richtung Blendwerk geht. Der Bassist schöpft die sonore Schönheit seines Instruments mit Leichtigkeit aus. Die Kompositionskunst des Bandleaders liefert Phil Steen dazu die ideale Vorlage, Musikalität und Mitdenken sind hier wichtiger als Fingerfertigkeit. Und was der Alan Broadbent selbst am Bösendorfer-Flügel zu bieten hat, ist einfach großartig. Kompositorisch, weil er mit wenigen Tönen die Struktur einer klassischen Bigband in den Birdland-Keller stellt. Musikalisch, weil Broadbent Gesang, Bass und Piano kammermusikalisch verdichtet. Und durch ein Feeling, das verrückte Modulationen genauso zum Schweben bringt wie den lockeren Swing und den Witz rhythmischer Einfälle.

Mancher hat vielleicht darauf gewartet, dass der Mann am Klavier einmal richtig hinlangt und sich fetzige Ausbrüche gönnt, die Tastatur rauf und runter. Alan Broadbent weiß, warum er darauf verzichtet. Und wer seine Interpretation des Miles-Davies-Klassikers „Solar“, im Duo mit dem Kontrabass, gehört hat, der konnte spüren, wie viel Kraft in der Beschränkung aufs Wesentliche liegt.


Alan Broadbent Trio | 04.10.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt Musiker, die kennt jeder, aber die wenigsten wissen es. Wer je einem Song von Diana Krall, Natalie Cole oder Paul McCartney begegnet ist, der müsste eigentlich auch schon mal den Pianisten, Komponisten, Dirigenten und Arrangeur Alan Broadbent gehört haben. Er ist einer von denen, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Dafür hat er immerhin zwei Grammys erhalten. Als er an diesem Abend im Birdland seine eigene Musik präsentiert, sitzt also ein echtes musikalisches Schwergewicht am Bösendorfer-Flügel, einer, den die Los Angeles Times schlichtweg als „einen der besten lebenden Jazz-Pianisten“ bezeichnet.

Er demonstriert jedoch deswegen nicht pausenlos seine Virtuosität, sondern lenkt die ganze Aufmerksamkeit des Publikums auf seine Kompositionen. Broadbent verfügt über einen herrlich differenzierten Anschlag, bei ihm ist alles leicht und klar, seine Verzierungen sind geradezu hinreißend. Aber darum geht es nur am Rande. Im Mittelpunkt stehen diese kleinen Pretiosen, die subtil gesetzten, hingehauchten Balladen, diese fragilen Midtempo-Stücke, von denen man meint, sie stammten aus den dreißiger oder vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, obwohl sie doch gerade eben erst geschrieben wurden für Broadbent’s persönliches „Songbook“, dessen zweiter Teil demnächst auf CD veröffentlicht werden wird. Drei dieser Stücke werden, wie Georgia Mancio erklärt, an diesem Abend im Birdland sogar welturaufgeführt.

Während Phil Steen im Hintergrund mit warmem, rundem, und perfekt zum Piano passenden Ton am Kontrabass seine Kreise zieht, ist die Sängerin aus London neben dem Pianisten der zweite Fixpunkt der Band. Ihre Farbgebung, der jeweilige Ausdruck ihrer Stimme, der Inhalt der Texte und Broadbents Tonarrangements machen jede Komposition zu einer absolut runden Sache. Mit ihrer klaren, kraftvollen Stimme, die problemlos an die der großen Diven des Jazz heranreicht, ist sie geradezu prädestiniert, die durch die Texte sprachlich und die Noten musikalisch ausgedrückten Stimmungen umzusetzen. Wenn Georgia Mancio einen melancholischen Song singt, dann hört und spürt man die innere Anteilnahme.

Die Songs dieses Abends im Birdland sind den großen Evergreens der Jazzhistorie nachempfunden und haben mit Sicherheit das Potential, selbst zu solchen zu werden. Broadbent drückt das seinem hingerissen lauschenden Publikum gegenüber eher bescheiden aus. „Es würde uns glücklich machen, wenn Sie die ein oder andere Melodie im Gedächtnis behalten würden. Wenigstens bis morgen früh“, sagt er. All denen, die wegen der Fülle der gebotenen akustischen Leckerbissen Gefahr laufen, dabei ein klein wenig die Orientierung zu verlieren, seien die erwähnten „Songbooks“ ans Herz gelegt. Zur Überbrückung der Wartezeit, bis diese tollen Songs eines Tages zu Standards und damit Allgemeingut werden. Denn damit ist auf jeden Fall zu rechnen.


Randy Ingram Trio | 28.09.2019
Donaukurier | Karl Leitner
 

Am 18. Oktober wird das neue Album des Randy Ingram Trios veröffentlicht. Bereits drei Wochen vorher stellt er es zusammen mit dem Schlagzeuger Jochen Rückert und dem Kontrabassisten Drew Gress zu großen Teilen im Birdland Jazzclub in Neuburg vor. Das Bemerkenswerte daran ist, dass es sich dabei, wie Ingram selbst sagt, um eine Art „Protest“-CD handelt, aber eine, die ohne Text auskommt und nur mit den Mitteln der Musik arbeitet.

Der Hintergrund liegt darin, dass im Leben des Pianisten und Komponisten aus Brooklyn zwei Faktoren zusammentreffen, die es gilt, in Einklang zu bringen. Zum einen die chaotischen Zustände in den USA nach der Wahl Trumps, zum anderen die Geburt seines Sohnes. Ingram setzt Wut und Sorge gegeneinander. Den lauten, polternden, aggressiven Tönen aus dem Weißen Haus begegnet er ganz bewusst mit feingliedrigen, behutsam ausbalancierten Stücken, setzt Ästhetik gegen plumpe Rhetorik und verleiht den Gedanken Flügel, wo andere Mauern bauen.

Zudem ist Ingram ein Geschichtenerzähler. „Like Flight“ ist dafür ein schönes Beispiel. Mit blumiger Tonsprache beschreibt er die ersten Laufversuche seines Sohnes und spannt den Bogen zwischen dem bewusst tapsigen und fast stolpernd gehaltenen Intro und dem leichtfüßigen und beschwingten Schluss. Es gilt, genau hinzuhören auf all die Nuancen in Ingrams Stücken. Das sensible Publikum im Birdland merkt ganz genau, dass mit dem Randy Ingram Trio keine Formation auf der Bühne steht, bei der Beat, Groove und Drive an erster Stelle stehen. Deswegen verzichtet es auch auf den nach besonders gelungenen Soli gerne gewährten Applaus auf offener Szene. Der würde an dieser Stelle nicht passen, und die Leute spüren das, denn hier geht es nicht um Extrovertiertheit, sondern vielmehr auch um eine Art Innenschau. Was lösen die Zustände in meiner Heimat in mir aus und wie wirkt sich das auf meine Musik aus? Das ist die eigentliche Frage, auf die Ingram versucht mögliche Antworten zu finden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Musik an diesem Abend im Birdland ist keinesfalls depressiv. Dazu ist Ingrams Tonsprache viel zu opulent, seine Klangfarben viel zu leuchtend und seine Vorgehensweise viel zu agil. Und im zweiten Teil flirtet er sogar ungeniert mit dem Mainstream in Form des von Cole Porters für das Musical „Jubilee“ geschriebenen „Just One Of Those Things“, öffnet also zum Ende hin immer mehr den Blickwinkel. Schließlich geht es ihm ja nicht nur um eine, sondern um verschiedene Möglichkeiten, mit der dem Album zugrundeliegenden Situation umzugehen. Sich bei aller gedanklichen Ernsthaftigkeit angesichts der Realität in sich selbst zu vergraben, wäre zwar auch eine Option, aber auf Dauer sicherlich nicht die beste. – Und da sage noch einer, Musik könnte bei all dem nichtssagenden und bedeutungsfreien Gedudel um uns herum nicht auch ein Spiegelbild unserer Zeit sein. Randy Ingram beweist, dass dies durchaus möglich ist.


Randy Ingram Trio | 28.09.2019
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Lyrisch dezente, introvertierte und intelligente Klänge von sublim glühender Intensität bot der US-amerikanische Pianist Randy Ingram beim 211. Konzert der Reihe Art of Piano im Neuburger Birdland Jazzclub.

Die von Bill Evans in den 50ern erstmals gespurte Fährte des gleichberechtigten Trios aus Piano, Bass und Schlagzeug ist mit den Jahren und Jahrzehnten zum breiten Mainstream angewachsen. Evans selbst, Keith Jarrett, Enrico Pieranunzi, Paul Bley, Steve Kuhn, Michel Pertruciani, Brad Mehldau und viele andere haben ihre Spuren hinterlasen. Randy Ingram ist beileibe nicht irgendeiner im Heer der Epigonen. Als Komponist wie als Pianist ragt er heraus, Stücke wie „The Means of Response“ oder „Shokunin“ setzen eigenwillige Akzente und Überraschungsmomente, Standards wie Thelonious Monks „Round Midnight“ oder Cole Porters „Just One of Those Things“ interpretiert er in einer leisen Nachdrücklichkeit, die unter die Haut geht. Ingrams Musik ist geprägt von Raffinesse, Nuancierung und einer zuweilen fast verspielt interaktiven Intelligenz. Die nutzen seine Triopartner Drew Gress am Bass und Jochen Rückert am Schlagzeug weidlich. Gress erweist sich einmal mehr in Birdland als Meister unaufgeregter Abstraktion und rhythmischer Flexibilität. Jochen Rückert, auch Stammgast auf der Bühne des Birdland, besticht durch Fingerspitzengefühl, Sensibilität und Detailgenauigkeit.

Ganz bewusst versteht Randy Ingram seine introspektive Musik als Antwort auf die lauten Töne, die derzeit die demokratische Kultur zu ersticken drohen. Seine Antwort besteht offenkundig darin, auf den groben Klotz einen feinen Keil zu setzen. Ingram bekennt sich zur Feststellung des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa, die Aufgabe des Künstlers sei es, nicht wegzusehen. Natürlich kann instrumentale Musik keine inhaltlichen politischen Argumente übermitteln, aber sie kann Haltung verdeutlichen, zum Nachdenken anregen und das Rückgrat stärken. Insofern setzt Randy Ingrams behutsame, ernste, sensitive und überaus klare Tonsprache ein wichtiges und hoffnungsvolles Zeichen der Sorgfalt, der Solidarität und der Differenzierung gegen die allzu plumpen Vereinfacher.