Thomas Dobler – Emil Spanyi | 10.10.2014

Neuburger Rundschau | Barbara Sagel
 

Zum 67. Mal finden in diesem Jahr die Neuburger Barockkonzerte statt. Und zum 15. Mal gab es am vergangenen Freitag darunter ein Konzert im Jazzclub Birdland. Die beiden Musiker Thomas Dobler und Emil Spanyi bestritten diesen inzwischen also als Tradition zu bezeichnenden „Crossover“ zwischen Jazz und Barock. Doch das, was Vibraphonist Dobler und Pianist Spanyi zum Thema zu bieten hatten, ging keineswegs „überkreuz“, war keine Kreuzung beider Genres, wie der Begriff Crossover vermuten lassen könnte. Nein, es handelte sich – gemäß der Ankündigung im Programmheft – tatsächlich um eine Verschmelzung beider Stile. Mit einer Chaconne des französischen Komponisten Jean-Philippe Rameau begann eine musikalische Reise durch das barocke Europa und gleichzeitig ein ebenso anspruchsvoller wie begeisternder Diskurs zum Thema Jazz und Barockmusik. Sowohl der Schweizer Dobler als auch der Ungar Spanyi orientierten sich eng an den Originalpartituren, spielten ganze Passagen eins zu eins nach, womit sie sich umgehend als überaus versierte Musiker und Virtuosen auswiesen. Besonders interessant wurde es jedoch, wenn kleine rhythmische Verschiebungen und harmonische Versetzungen plötzlich aufhorchen ließen, wenn das jeweilige Thema allmählich aus den Fugen geriet, eine drängende, entfesselte Intensität annahm. Wenn aus Bachs Violinkonzert in a-Moll plötzlich harfenartig klingende Klavierläufe hervorperlten, wenn die Vibes tremolierten, wenn Thomas Dobler ungeahnte Schnelligkeit in der linken Hand erlangte, wenn es am Flügel romantisch, expressiv zur Sache ging, war das möglicherweise Jazz, möglicherweise aber auch eine neue Kategorie, möglicherweise einfach Dobler und Spanyi, bestimmt sehr gute Musik. Bei Benny Golsons „Whisper Not“oder der Musik des Modern Jazz Quartetts stellten sich solche Fragen erst gar nicht. Hier präsentierten sich Dobler und Spanyi klar als gut eingespieltes Jazz-Duo. Im berühmten „Blue Rondo A La Turk“ hatte Dave Brubeck bereits selbst eine gelungene Verschmelzung verschiedener Stile vorgenommen. Die barocke Reise ging von Deutschland aus nach England zu Henry Purcell und Friedrich Händel. Mit ihrer Interpretation von „Lascia ch’io pianga“ lösten Dobler und Spanyi spontane Rufe der Begeisterung im Publikum aus. Und die Boogieanklänge des Pianos standen in keinerlei Widerspruch zum original sehr gemessenen Voranschreiten der tragischen Arie im dreier Takt. Schließlich durfte Italien nicht fehlen. Vivaldis Sommer aus den Vier Jahreszeiten ließ zwar ein wenig an Wucht der kaskadierenden Läufe vermissen -zwei Instrumente machen eben noch kein Orchester – dies wurde aber durch die vehementen Soli von bezwingender Überzeugungskraft mehr als wettgemacht. Das Publikum im vollbesetzten Birdland forderte ebenso vehement nach mehr; bekam dies dann auch, mit „Soon“ von George Gershwin und „The Song Is You“ von Jerome Kern ganz klar mehr Jazz. Oder mehr Dobler und Spanyi. Auf jeden Fall mehr hervorragende Musik.