Tango Gabla | 09.05.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Wenn das Wort „Tango“ fällt, denkt man hierzulande automatisch zuerst ans Tanzen, daran, wie anstren­gend es mitunter sein kann, bis vier zu zählen, und natürlich an „Eins – zwei – drei – Wiegeschritt“. Damit hat das, was an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg unter der Überschrift „Tango Gabla“ abläuft, recht wenig zu tun. Denn der Bandoneon-Spezialist Norbert Gabla und der Pianist Michael Flügel beschäfti­gen sich weniger mit der europäischen Sichtweise, sondern mit der Musik, die einst in Argentinien und Uruguay erfun­den, populär gemacht und immer weiter verfeinert wurde, mit Musik, die man in all ihrer Vielfalt zwischen Tango, Milon­ga und Vals in unseren Breiten oft gar nicht so richtig kennt und live eher selten hört. Es sein denn, man geht in Clubs wie das Birdland, das auch diesem Genre immer wieder eine Bühne bietet.

Die beiden Musiker fangen an mit ei­nem Gassenhauer, mit „El Choclo“, was „Maiskolben“ bedeutet, gefolgt von weit weniger bekannten Stücken wie „Milon­ga Nocturna“. Mit ihnen spielen sie sich warm, erreichen die gewünschte Be­triebstemperatur, so richtig beginnt das Konzert freilich erst mit dem großen Pia­zolla-Block, mit dessen „La Misma Pena“ und dem unvermeidlichen „Liber­tango“ nach gut 20 Minuten, als das Duo beginnt, sich immer mehr darauf zu kon­zentrieren, die Melodien, die das Stück definieren, nach deren Einführung zu va­riieren, zu modifizieren, über sie zu im­provisieren. Es geht um die ganze Palet­te zwischen traditionellen und modernen Kompositionen sowie um all das, was sie ausdrücken, um Schwermut und Feuer, Melancholie und Sinnenfreude, Ver­zweiflung und Stolz.

Das zweite Set ist fast ausschließlich den eigenen Nummern Gablas vorbehal­ten. Sie tragen Titel wie „Juttl’s Dreier“, „Alter Ukrainer“ und „Heilig heilig“ und offenbaren das enorme Talent ihres Schöpfers, wenn es darum geht, Musik zu entwerfen, von der man meint, sie käme direkt vom Rio de la Plata und nicht von einem im oberpfälzischen Pyr­baum lebenden gebürtigen Nürnberger. Mit ihnen beeindruckt das Duo, in dem aufgrund Michael Flügels musikalischer Herkunft auch immer ein wenig Jazz durchschimmert, fast noch mehr als mit den Adaptionen. Und nachdem der an­fangs doch eher wortkarge Norbert Gabla nach der Pause so richtig auftaut und seine Stücke nun mit Witz und Schalk ansagt, packt er sein Publikum vor allem im zweiten Set von zwei Sei­ten – der musikalisch-kompetenten und der unterhaltsamen – und steuert mit sei­nem Partner am Ende auf drei Zugaben zu, die sich beide – die Musiker wie die Zuhörer – auch redlich verdient haben.

Und zum krönenden Abschluss gibt’s dann sogar noch ein Schmankerl der be­sonderen Art. „Wolln’s noch was Floddes oder den greißlichsten Dango der Welt?“ fragt Gabla in breitestem Fränkisch kurz vor dem endgültigen Finale. Natürlich bietet er beides, also auch „Adiós Pampa Mia“, den Schlager von Julia Iglesias, und nennt auch den Grund dafür. „War­um ich des spiel? – Ganz einfach. Weil’s de Leut g’fällt“, gibt er offen zu und ern­tet dafür ganz besonders herzlichen Ap­plaus. Ganz sicher nicht für das Stück selbst, denn das ist wirklich ein übles Machwerk und meilenweit entfernt von ernstzunehmender Musik, wohl eher für den Mut, es überhaupt zu spielen.