Da sitzen mit Michael Flügel am Piano und Norbert Gabla am Bandoneon zwei feinfühlige, über weite Strecken fast in sich versunken wirkende Musiker auf der Birdland-Bühne im alten Hofapothekenkeller. Sie spielen Tango in allen Varianten, im klassischen Vierer-Takt, im Walzer-Rhythmus und im Metrum von zwei Halben. Mit der Dreiviertel-Seligkeit nach Wiener Art, mit der Tango-Musik im europäischen Verständnis, die manchem noch von den mehr oder weniger flotten Hüftschwungversuchen aus der Tanzstunde bekannt vorkommen mag, hat das wenig, eigentlich gar nichts zu tun.
Es geht um den echten Tango, der aus Argentinien und Uruguay kommt und eine sehr eigene Kunstform ist. Was die beiden Interpreten Michael Flügel und Norbert Gabla daraus machen, in den Standards von Astor Piazzolla und anderer, weniger berühmten lateinamerikanischer Komponisten, ebenso wie in den Eigen-Kompositionen Gablas, geht nicht sofort in die Beine, es versetzt die Zuhörer nicht nach den ersten Tönen in beschwingte Stimmung. Diese Musik kommt mit sanftem Drive daher, sie ist komplex, von einem elegischen Grundton getragen und hat so gar nichts Auftrumpfendes an sich.
Sie wirkt oft tastend, die Akkorde und Melodie-Ausbrüche in allen denkbaren Moll-Varianten laden das Publikum ein , sich in eine Welt mit hinein zu begeben, die von sehr viel Armut, sehr wenig Reichtum oder Wohlstand, von einer großen Kluft zwischen oben und unten geprägt ist. Auch von der Erfahrung der Militärdiktaturen und anderer, brutaler Autokraten-Regime. Die Tango-Musik, die daraus von unten entstanden ist, mit ihren klagenden, melancholischen und trotz allem lebensfrohen und auch subversiven Komponenten, können wir Mitteleuropäer vielleicht nie ganz verstehen. Wir können uns bemühen. Und wir können sie auch genießen, wenn sie so fein interpretiert wird wie von Flügel und Gabla.
Der aus einer ukrainischen Familie stammende Bandoneon-Virtuose Norbert Gabla, heute ein Oberpfälzer mit starkem fränkischen Einschlag, empfindet die musikalische Welt des Tango auf eine besondere Weise. Vor ein paar Wochen war ein Akkordeon-Spieler im Birdland, der auf der Bühne eine spezielle Show abzog, mit vollem Körpereinsatz, unglaublichem Minenspiel und anderem Brimborium. Gabla mit der Akkordeon-Variante Bandoneon ist das Gegenteil davon: Er verzieht kaum eine Mine, ist äußerlich die Ruhe selbst, spielt die wildesten Passagen sehr diszipliniert – aber gerade daraus kommt die musikalische Kraft. Der Libertango Piazzollas, das Stück „Die Betrunkenen“, auch die Nummer „Dalida“ entfalten bei genauem Hinhören ihren herben, oft mit Tristesse und trotzigem Lebens- wie Liebeshunger gewürzten Charme.
Mit Namen sollte man nicht spielen, aber bei Michael Flügel kann eine Ausnahme erlaubt sein. Dieser Pianist ist für die leisen, geheimnisvollen, wehmütigen und dann auch wieder betörend schönen Teile dieser Latino-Musik wie geschaffen. Der Bösendorfer-Flügel des Birdland wartet ja geradezu auf Pianisten, die nicht donnernde Akkord-Kaskaden und Fortissimo-Ausbrüche lieben, sondern die leiser, intime philosophisch Variante des Spiels mit den 88 Tasten. Seine Improvisationen sind zart, elegant und inspiriert. Auch Flügel wirkt sehr ruhig, versunken, Brimborium jedweder Art braucht er nicht. Da passen zwei Tango-Jazzer wirklich zusammen, keiner will den anderen übertrumpfen und sich nach vorne spielen. Der Spruch wird zu oft zitiert, aber hier stimmt er: In der Ruhe liegt die Kraft.

