Stevens – Siegel – Ferguson Trio | 28.05.1999

Donaukurier | Reinhard Köchl
 

Freunde sollt ihr sein, und keine Gegner. Dann klappts auch mit dem Pianotrio. Ein Credo, das Michael Jefry Stevens, Jeff Siegel und Tim Ferguson von jeher beherzigen. Aber um als relativ unbekannte Newcomer auf ihrer ersten Europatournee gleich offene Türen einzurennen, braucht es schon noch ein wenig mehr: nämlich ein ausgewogenes, paritätisches Spannungsverhältnis sowie einen kollektiven Geist für Konstruktion und vor allem Reduktion.

Stevens, Siegel & Ferguson – soviel steht nach ihrem Gastspiel im Neuburger „Birdland“-Jazzclub fest – gehören ganz sicher zu den hörenswerten Triumviraten der jungen New Yorker Szene. Trotz stark gelichteter Stuhlreihen offerierten die drei mit spürbarer Lust am Augenblick viele erfrischende Möglichkeiten, das starre und teilweise überalterte Triokonzept im Jazz zu knacken. In sperrigen Balladen wie „The Peacocks“ oder Siegels Eigenkomposition „Magical Spaces“ legen sie reichlich Fangnetze aus, in denen sich das auf Wohlklang geeichte Ohr leicht verfangen kann.

Scheinbar aus dem Nichts setzt jeder von ihnen seine Klangpinsel an, um mit getriebener Verve perspektivische Grenzen zwischen freier Improvisation, expressionistischer Pointiertheit, klassischen Standards, urbanem Blues und argentischem Tango abzustecken. Auf den ständig wechselnden, individuellen Blickwinkel kommt es an. Der Bassist Tim Ferguson, ein gefragter Begleiter für Stars wie John Abercrombie, Mel Lewis oder George Cables, durchlöchert die Oberfläche der Kompositionen mit fragmentarischen, geheimnisvollen Gesten. Der Drummer Jeff „Siege“ Siegel kreiert auf jedem Quadratmillimeter seines Sets eigenwillige rhythmische Harmonien und begeistert trotzdem als zirkulierender Metamorphosen-Motor.

Am Pianisten Michael Jefry Stevens aber müssen sich einfach die Geister scheiden. Ein feiner, phantasievoller Techniker mit stilistischen Duftmarken von Conlon Nancarrow bis Keith Jarrett, dessen erdrückende Überlegenheit freilich die Unberechbarkeit der Triostruktur von Solo zu Solo mehr auflöst. Stevens spielt schlicht zu viele Noten, schlägt viel zu hart an und verwendet zu viele tonnenschwere Blockakkorde, dort wo andere die gestellten Aufgaben mit leichtfüßigen Läufen lösen.

Wenigstens bei zwei Stücken kann der Mann am Klavier vermitteln, daß es ihm um den großen, bilderreichen Ausdruck geht. Das Negro-Spiritual „I Want Jesus To Walk With Me“ paßt mit seiner ganzen Inbrunst, den dickflüssigen Soulmomenten genauso perfekt zu Stevens Spiel, wie die Ballade „Bloodcount“ von Billy Strayhorn, die der legendäre Komponist kurz vor seinem qualvollen Leukämietod 1967 schrieb. Hier klirrt jede einzelne Note der rechten Hand unerbittlich, fordernd, qualvoll; als würde tatsächlich dunkles Blut auf die Tastatur herniedertropfen. Allein durch die schonungslose Interpretation dieser schwierigen Nummer bleibt das US-Trio dem „Birdland“-Publikum für geraume Zeit im Gedächtnis.