Stefon Harris Quartet | 10.03.2000

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Selten war ein Konzert so zweigeteilt zu erleben wie das des Rising Star Stefon Harris mit seinem Quartett im Birdland Jazzclub. Was im ersten Set noch als Sternstunde modernen Vibraphonspiels vermerkt werden konnte, verflachte zusehends im zweiten Set.

Stefon Harris steht an seinem Instrument wie der Tiger vor der Beute, lauert, späht und greift blitzschnell zu. Mit „Feline Blues“ legt er schwungvoll los mit feurigen beweglichen Läufen quer über sein Instrument – ein Auftakt aus gewaltigen musikalischen Sprunggelenken. Harris jongliert souverän mit allen Tugenden des Vibraphonspielers, perkussive knappe rhythmisch betonte Linien wechseln mit fließenden fast schon elegisch wirkenden Klangflächen ab. Seine relativ trockene Klangästhetik erweitert sich in „Collage“ zu schwebend lauschendem Balladenspiel, verinnerlichten und verhalten schattierenden Melodiebögen. Mal arbeitet er aus freier Improvisation das Thema erst allmählich heraus, wie in „There is no greater love“, tastet sich in eine Melodie hinein, stößt immer wieder nach in die Lücken, die offengeblieben sein könnten, dann erzeugt er großflächige lautmalerische Bilder voll schwebenden Lichts und kristallener Klarheit („Collage“), entwirft Architekturen, die so kühn wie komplex sind oder erzählt Geschichten vom wahren Leben im Big Apple. „Party in the basement“ ist so eine Short Story, die funky grooved, sich in Gesprächsfetzen, Gelächter, einem Hallo hier, einem Drink dort verhakt. Der Hörer geht förmlich mit, tanzt ein paar Takte, sieht tolle Frauen und coole Burschen, geht irgendwann heim und sinniert verloren über die Bilanz eines Tages.

Stefon Harris hat in dem jungen Orrin Evans einen herausragenden Pianisten an seiner Seite. Sperrig und blockig, vertückt und vertrackt fasziniert er mit kompromisslosem Anschlag, verhängten Rhythmen und halsbrecherischen Sturzfahrten über die Tasten. Tarus Mateen am Baß und Terreon Gully am Schlagzeug unterfüttern die Dialoge von Harris und Evans mit einer federnden Basis.

So weit, so gut im ersten Set. Nach der Pause zerbrach das, was vorher wunderbar harmoniert hatte, im Laufe von fast autistisch wirkenden Solo-Orgien zusehends in Vereinzelung. Die zuvor kompakt agierende Band zerfiel Stück für Stück in ihre Bestandteile, deren jedes zwar für sich glänzen konnte, aber nur mehr den Charme eines funkelnden Scherbenhaufens verbreitete. Nachdem ein schier endloses und auch in der Lautstärke grenzwertiges „Bye bye Blackbird“ die Nerven des Publikums eine unermeßlich lange Weile zerdehnt hatte, versöhnte nur mehr Harris´ Solozugabe „Flying home“.