South West Oldtime All Stars (Audi Forum Ingolstadt) | 15.10.2020

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Jazzmusiker darben augenblicklich. In Zeiten wie diesen herrscht immer noch Mangel an ihrem täglichen Brot, nämlich den Konzerten. Nur wenige Veranstalter können die geforderten Hygienestandards erfüllen oder verfügen über den notwendigen langen Atem, um mental und finanziell halbwegs gesund durch die Krise zu kommen. Deshalb muss es sich für Musiker wie Publikum seit September regelmäßig wie ein kleiner Feiertag anfühlen, wenn das Neuburger Birdland zu Liveerlebnissen einlädt. Diesmal in Kooperation mit der Audi AG und dem Bayerischen Rundfunk anlässlich des Auftakts zum 10. Birdland Radio Festivals, der zum runden Jubiläum im Audi Forum Ingolstadt über die Bühne ging.

Es sei „unglaublich, ja fast einzigartig“, dass Birdland-Impresario Manfred Rehm derart konsequent und unbeirrt weiter seinen Weg gehe, bricht es aus Martin Auer, dem Kopf der South West Oldtime Allstars, gegen Ende des Abends heraus. Für Musiker seien derartige Möglichkeiten schlicht überlebensnotwendig, jeder solle derartige Aktivitäten unterstützen, fordert der Trompeter, und das auf Abstand sitzende, ziemlich gelichtete Auditorium quittiert dieses Bekenntnis mit frenetischem Applaus. Einen Teil der Ovationen hatten sich die Musiker freilich zuvor schon mit ihrem Vortrag verdient, in dem sie eine keineswegs einfache Aufgabe mit immenser Spielfreude und Virtuosität meisterten. Denn Oldtime-Musik, die gerne auch unter dem oberflächlichen Beinamen „Bier-Dixie“ firmiert, besitzt in der Regel keinen allzu hohen künstlerischen Stellenwert, gilt als beliebig und populistisch. Dabei stehen die Stück, die Louis Armstrong mit seiner „Hot Five“ und „Hot Seven“ zwischen 1925 und 1928 in Chicago einstudierte, auch als absolute Revolution im Jazz und waren zu ihrer Zeit ungefähr so hip wie Punk in den 70ern, Hiphop in den 80ern, Grunge in den 90ern, Techno in den Nuller- und Electro-Pop in den Zehner Jahren.

Jeder tanzte seinerzeit zu den Melodien und Rhythmen der legendären Combo. Dabei rückte das eigentliche Ziel des Projektes, nämlich die Emanzipation der solistischen Fähigkeiten, in den Hintergrund. Doch die Botschaft war klar: Das Können der Solisten zur Schau stellen und gleichzeitig der Musik dienen. Genauso wie Armstrong sieht sich auch Martin Auer als Primus inter Pares, dirigiert im Audi Forum das Oktett, indem er akkurat auf die einzelnen Musiker deutet und ihnen ihr jeweiliges Solo zuweist. So entwickelt sich nach einigen durchaus verzeihlichen Startproblemen ein vitales und vor allem hochvirtuoses Wechselspiel zwischen traditionellen Instrumenten wie dem Banjo (Jörg Teichert), der Klarinette (Gary Fuhrmann), dem Sousaphon (Matthew Bookert) oder der Posaune (Felix Fromm; grandios in „Oryʼs Creole Trombone“). So klingt diese normalerweise eher gering geschätzte Musik, wenn sie endlich einmal von jungen, hochkarätigen Musikern gespielt wird, die in ihrem realen Künstlerleben auch vor neutönenden Projekten nicht zurückschrecken. Dabei verwenden die Allstars hin und wieder die Originalsoli, gehen aber in punkto Arrangements oft eigene, durchaus interessante Wege. Dies mag wohl auch der Grund sein, warum von Gassenhauern wie dem „Muscrat Rumble“, „The King Of The Zulus“, dem „Keyhole Blues“ oder dem „West End Blues“ in Sekundenschnelle jede Patina abfällt.

Für die nötige Erdung sorgen dabei bewährte Kräfte wie der längst zum lebenden Birdland-Inventar gehörende Bassist Thomas Stabenow, der perlend swingende Pianist Thilo Wagner und mit dem Engländer Trevor Richards eine leibhaftige Klammer zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Richards, inzwischen putzmuntere 74, war Schüler des Schlagzeugers Zutty Singleton, einem Originalmitglied der „Hot Seven“. Dieser vererbte ihm sein Original-Drumset, das er nun in Ingolstadt nach allen Regeln der Polyrhythmik bearbeitete. Was die wenigsten wussten: Trevor Richards bestritt während der „Ruhephase“ des Birdlands in den späten 1970er Jahren im Neuburger Stadttheater ein gefeiertes Konzert. Möglicherweise war dies der inoffizielle Startschuss für den bis heute anhaltenden Jazz-Boom in der Ottheinrichstadt. Damals (noch in Privatinitiative zusammen mit dem Kulturreferenten und Ehrenbürger Anton Sprenzel) wie heute dafür verantwortlich: Manfred Rehm.