Jenny Evans Quartet | 16.10.2020

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Geschlagene 15 Jahre ist es her, dass Jenny Evans zuletzt im Neuburger Birdland-Jazzclub zu sehen und zu hören war. Damals befand sich die seit Jahrzehnten in München lebende englische Vokalistin auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, wurde unter anderem mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik dekoriert, erfuhr europaweite Anerkennung für ihren mutigen Nonkonformismus und stieß auf immense Resonanz bei ihren zahlreichen Konzerten. Eine Sängerin mit dem Prädikat „Weltklasse“, die alles besaß, was den meisten jungen Mikrofonhalterinnen fehlte: Bühnenpräsenz, Ausstrahlung, Anmut, Mutterwitz, Klugheit, Stehvermögen und vor allem eine richtig gute Stimme. Charakter hatte Jenny Evans schon immer. Selbst nach ihrem Durchbruch kehrte die Frau gerne dorthin zurück, wo sie schon früher eine richtig große Nummer war: nach Neuburg.

2005 geschah dies zum bislang letzten Mal. Danach geriet ihr mühsam zusammengebautes Haus langsam ins Wanken. Irgendwann hatte sie sich entschieden, ihre Karriere zugunsten ihres erkrankten Ehemanns, Schlagzeugers und Managers Rudi Martini auf Eis zu legen und ihn bis zu seinem Tod 2015 zu pflegen. In der Zwischenzeit veränderte sich die Branche, auslaufende Plattenverträge wurden nicht verlängert. Hin und wieder gab es ein Lebenszeichen, etwa durch ein Portrait im Bayerischen Fernsehen („Lebenslinien“ 2011) oder Auftritte in der Castingshow „Voice Senior“ (2019).

Und nun steht sie wieder auf der Bühne des Hofapothekenkellers. Eine starke Frau, eine Kämpferin, die es wieder wissen will: Bin ich noch gut genug, schaffe ich es, die Leute genauso wie damals in meinen Bann zu ziehen? Dass ihr Comeback ausgerechnet in Corona-Zeiten vor gelichteten Zuschauerreihen stattfinden muss, wirft noch einige Steine zusätzlich auf den holprigen Weg. Doch Jenny Evans – ein Profi von der Sohle bis zum silbergrauen Scheitel – lässt sich von derartigen Äußerlichkeiten nicht beirren. Mit akkurater Phrasierung, immer noch spielerisch chargierend zwischen mehreren Oktaven und unvergleichlicher Ausdruckskraft, drückt sie Evergreens und Standards ihren ureigenen Stempel auf. Denn es ist schon ein Unterschied, ob eine „Native Speakerin“ diese mitunter hinterkünftigen Texte singt, eine, die den Slang quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat, oder jemand, der sich jede englische Vokabel mühevoll in der Schule draufschaffen musste.

Die Titel fließen aus ihrem Mund wie goldener Honig: „Secret Love“, „Twisted“, „SʼWonderful“, „Autumn Leaves“ oder das wunderbar wehmütige „Everytime We Say Goodbye“ von Cole Porter. Begleitet von dem schillernde Melodien aus seinen zehn Fingern zaubernden Pianisten Walter Lang, ebenso wie Schlagzeuger Stephan Eppinger, ein langjähriger, treuer Freund, sowie dem Bassisten Masako Kai, entstehen dabei Gefühle, die jeder problemlos aus der Luft abgreifen kann – Sehnsucht, Abschiedsschmerz, Tristesse, Nachdenklichkeit und auch unerschütterlicher Lebensmut. Jenny Evans formt jeden Song mit den Händen nach, modelliert ihn förmlich, bis ein Unikat entsteht, das am nächsten Abend wieder eine völlig andere Gestalt annehmen könnte. Dazu schenkt sie ihren treuen Fans, die nach einem runden, stimmigen, emotionalen Abend pfeifen, johlen und sich die Finger wund klatschen, auch noch mehrere Kostproben der guten alten Scat-Kunst, jener vokalen Lautmalereien, die einst Ella Fitzgerald in den Olymp des Sangeskunst erhoben.

Dort möchte Jenny Evans gar nicht hin. Ihr ist es nur wichtig, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, endlich wieder mitten im Geschehen, dort zurück zu sein, wo sie schon immer hingehört hatte. Und nach ihrer furiosen Rückkehr ins Birdland darf man davon ausgehen, dass ein abermaliges Wiedersehen im Birdland nicht noch einmal 15 Jahren auf sich warten lässt.