Seamus Blake Quartet | 23.02.2001

Jazzpodium | Dr. Tobias Böcker
 

Er gilt als einer der größten Hoffnungsträger am Tenorsaxophon. Mit seiner Mischung aus Tradition und Moderne, Intellekt und Temperament, Intensität und Konzentration, Jazz und einem Schuss Pop kann der vielbeschäftigte und hochgeschätzte Seamus Blake die bisher bereits geernteten Lorbeeren durchaus rechtfertigen. Was ihn auszeichnet ist seine Integrationskraft, die verschiedenste Stile und Einflüsse verarbeitet und zu einer individuell gültigen Aussage vereint. Der in Vancouver aufgewachsene 31jährige Wahl-New-Yorker studierte in Berklee und verdiente sich seine Sporen u.a. bei der Mingus Big Band und bei John Scofield. Mit den Bloomdaddies entdeckte er Mitte der 90er Jahre die FX (Effekte) als neue Dimension: Delay, Hall, Flanger und Wahwah boten eine bereichernde Erweiterung der Klangfarben des akustischen Jazz der Band, der dabei nicht immer als solcher kenntlich blieb und die Puristenwelt verstörte. Seine neue CD Echonomics steht dagegen deutlicher im Zeichen akustischer Klänge. Am Rande eines Konzerts im Neuburger Birdland ergab sich zum Ende seiner 14tägigen Deutschland-Tour die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch.

Seamus (gesprochen Schejmes) Blake bekennt sich ohne Zweifel zur Tradition, nennt als Referenz und Vorbild in erster Linie Coleman Hawkins, Dexter Gordon und John Coltrane. „Tradition ist wichtig, sie ist das, wovon wir leben, der Dreh- und Angelpunkt für alles Neue, das Herz der Musik. Aber es ist natürlich unverzichtbar, dass du deinen eigenen Ausdruck findest, deinen eigenen Weg gehst, vom Ausgangspunkt weg kommst hin in eine eigene und zeitgemäße Perspektive.“ Dabei spielen für Seamus Blake auch entsprechende Kompositionen eine tragende Rolle, kommen Stevie Wonder und Brian Wilson ebenso zu Wort wie auf der anderen Seite Robert Schumann. „Jazz war früher Popmusik, heute ist er in Gefahr, zu museal zu werden. Dabei geht es ja eigentlich um lebendige atmende Musik, Reflektion der Zeit, in der wir heute leben. Wir können auch über modernere Beats und im Rahmen einer poporientierten Sensibilität reine improvisierte Musik machen.“ So ganz frei von Allüren ist er dabei nicht, wirkt in seinem XXL-T-Shirt, den Raverhosen und der Zipfelmütze eher wie ein zu groß geratenes Kind auf der Bühne, zelebriert gleichzeitig das ganz auf seine eigene Mission konzentrierte ansonsten etwas zerstreute Genie, introvertiert und intelligent. Sein Saxophon allerdings lohnt jede Sekunde des Zuhörens. Besonders beeindruckend werden Blakes Soli dann, wenn er seine verloren-versunkenen und zuweilen hymnischen Linien mit – inzwischen eher behutsam eingesetzten – Klängen aus dem Off des Elektronengehirns mischt wie in einem Amalgam verlorener Träume: „Trust in You“ oder „Children and Art“. Da klingt er wie ein musikalischer Peter Pan, vereint Traum und Wirklichkeit in einem Nimmerland unserer Tage. Aber er kann auch anders, funky, mit schwererem Groove und ganz lebensnah: „Circle K.“ widmet Blake eher ironisch einer Tankstelle mit Convenience-Store, in der er einmal zwei Wochen gearbeitet hat.

Im Konzert brauchte es zunächst ein wenig, bis das Quartett so recht zu sich kam. Das erste Set war intensiv von dem geprägt, was Blake anlässlich des ersten Stücks „Last Minute Club“ (!) den „real soundcheck“ nannte. Blake bastelte relativ lang an Soundproblemen herum, wirkte dabei recht unzugänglich und wenig zufrieden. Spätestens mit dem „Vanguard Blues“ jedoch schwamm die Band sich frei. Der atmet den Blues ebenso wie den freien Geist des Big Apple an dessen markantesten Punkten und fegt wie ein kochender Feuersturm über das Publikum hinweg. Am Erfolg hatte die handverlesene Band ihren maßgeblichen Anteil: „Ich habe hier die Band mit meinen Lieblingsmusikern zusammen. Es ist einfach super mit ihnen zu spielen, a thrill“ bekennt Blake, der die Besetzung seiner neuen CD für die Tour nur am Piano geändert hat. Statt David Kikoski ist Kevin Hayes mit von der Partie: „Mit Kevin verbindet mich eine enge Freundschaft.“ Ed Howard sieht er als Idealbesetzung gerade im Zusammenspiel mit Drummer Victor Lewis: „Zwischen Ed und Victor gibt es eine ganz spezielle Chemie, der ich mich seelenverwandt fühle.“ Blake über seinen langjährigen musikalischen Mentor Lewis. „Victor ist einer der ersten, die mir in New York eine Chance gaben. Mit ihm habe ich dort die ersten wichtigen Gigs gespielt und meine ersten Aufnahmen gemacht. Wir kennen uns seit 1992, uns verbindet also eine recht lange gemeinsame Geschichte. Er ist außerdem ein exzellenter und bedeutender Drummer.“ Lewis verifiziert ein solches Statement mit kraftvollen Akzenten und einem ausgetüftelten Geflecht aus Sounds und Rhythmen, gleichberechtigt Mitspielender, der oft genug von sich aus die Richtung angibt. Kevin Hayes zeigt sich als nahezu kompletter Pianist, traditionsbewusst und von phantasievoller Innovationskraft. Immer wieder operiert er in den Eingeweiden des Bösendorfers herum, entlockt dem Flügel prägnante und präzise rhythmische Akzente, denen er dann intelligente lyrische Momente entgegenzusetzen weiß. Ed Howard überzeugt am Bass mit kraftvollem Ton, konsequenter Geradlinigkeit, stillem Charme und schillernder Intensität.

Mit dem Seamus Blake Quartet präsentierte sich im Neuburger Birdland eine charakterstarke Band, deren weitsichtige Intelligenz sicher noch nicht am Ende ihres Potentials angelangt ist. Als Zuckerl gab’s für das begeisterte Publikum noch eine Zugabe auf der Gitarre mit näselnd-klagendem Gesang, irgendwo zwischen John Lennon, Neil Young und Kurt Cobain, Brückenschlag des jungen Jazzers ins Nirvana dessen, was kommen mag in einer Wiedervereinigung von Pop und Jazz. „Die Gitarre macht mir zur Zeit wirklich Spaß. Den Song hab ich selbst geschrieben, ich wollte ihn auch selber spielen. Außerdem kommt es nicht so sehr darauf an, welches Instrument du spielst, sondern darauf, dass du den Song auf den Punkt bringst. “ Denn davon ist Seamus Blake überzeugt: „Die Stile ändern sich ständig. Aber Jazz ist eher ein Feeling als ein Stil: der Geist der Improvisation. Ich bemühe mich immer um die Balance zwischen Intellekt und Spirit, Hirn und Herz, Soul und Body. Jazz ist Musik, die Hirn, Herz und Körper gleichermaßen anspricht. Es sollte uns gelingen, die Menschen wieder zur Musik zu bringen.“