Scott Hamilton & Friends | 11.09.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Seit Jahren eröffnet der amerikanische, nahe Florenz lebende Tenorsaxofonist Scott Hamilton die Konzertsaison im Birdland Jazzclub in Neuburg mit zwei Konzerten an einem Wochenende, die auch heuer beide restlos ausverkauft sind. Das ist üblich, wenn Hamilton in der Stadt ist. Bernhard Pichl ist am Bösendorfer Flügel zu Gange, Rudi Engel bedient den Kontrabass und Michael Keul sitzt hinter dem Schlagzeug.

Damit ist auch Hamilton’s Stammband wieder mal vor Ort, nur wird sie diesmal ergänzt von Harry Allen, dem zweiten Mann am Tenorsaxofon, was besondere Erwähnung verdient, weil der – zusammen mit Hamilton – das Geschehen an diesem Abend bestimmt, das Konzert zu einem macht, das trotz aller Vorhersehbarkeit eben doch nicht abläuft wie all die anderen vorher, weil die beiden Bläser sich zwar durchaus unterscheiden, aber eben doch so herrlich harmonieren, gemeisam im Schulterschluss, im Dialog, am Ende beim bei „Blues Up And Down“ sogar in einem fulminanten Sax-Battle. Hamilton hat einen Sound, der die Welt für einen Augenblick still stehen lassen könnte. Die für das Konzert ausgewählten Balladen verdeutlichen das in ganz besonderem Maße. Leslie Bricusse’s „Pure Imagination“, Duke Ellington’s „Warm Valley“ und Hoagy Carmichael’s „The Nearness Of You“ scheinen eigens für ihn geschrieben worden zu sein. Hier kommt sein weicher, warmer Ton am besten zur Entfaltung. Allen hingegen klingt schärfer, klarer, direkter. Nachdem im Satz die Themen vorgestellt sind, wird das in den Soli deutlich, wenn bei Eddie Lockjaw Davis’s „Hey Lock“, Jack King’s „How Am I To Know“ oder Jesse Greer’s „Just You Just Me“ die beiden Frontmänner sich über ihr Instrument austauschen.

Zuerst hat man den Eindruck, das Konzert durchwehe ein Hauch von Nostalgie, der Charme des Altmodischen. Vielleicht deswegen, weil die bekannten wie auch die selten gehörten Stücke, die Hamilton so liebend gerne ausgräbt, alle aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen. Schnell aber wird deutlich, wie entstaubt er und seine Band sie präsentieren, wie aktuell und wie spannend sie in seinen Versionen wirken, wie sehr er sie aber auch schätzt, um ihnen den Nimbus der Zeitlosigkeit nicht wegzunehmen. Wie zum Beispiel bei der abenteuerlichen Version von „Sweet Georgia Brown“, des fast bis zum Überdruss gecoverten Klassikers und Evergreens, den man erst nach einer kurzen Zeit der Unsicherheit als guten alten Bekannten erkennt und dann sofort auch in neuem Gewand ins Herz schließt.

Mit „In The Still Of The Night“ hat Hamilton im Mai diesen Jahres ein neues Album veröffentlicht. Und was präsentiert er an diesem Abend im Birdland daraus? Nichts. Weil er schon wieder einen Schritt weiter ist, ständig auf der Suche nach alten Schätzen, die er zusammen mit seiner Band und seinen Gästen heben, die er mit seinem Gespür für Intimität, mit seiner musikalischen Klasse und auf seine ganz eigene Weise auf die Bühne bringen kann. Hamilton ist längst darüber hinaus, irgendwem irgendetwas beweisen zu wollen. Vermutlich ist er, der Mann ohne große Gesten, dessen Kraft aus innerer Ruhe kommt, gerade deshalb so überzeugend. Im ersten der zwei Birdland-Konzerte jedenfalls war er zwei Stunden lang genau dies.