Welcher Titel könnte besser geeignet sein, die Jazzsaison zu eröffnen als »The Opener«? Und welcher Musiker besser als Scott Hamilton mit seinem klassisch swingenden Tenorsaxophon? Der Amerikaner mit dem eleganten Sound steht seit über 50 Jahren wie kaum ein zweiter für den Jazz der klassischen Moderne. Mit Harry Allen stand ihm ein gleichgesinnter Partner zur Seite.
Als er in den 70ern in der Jazzszene auftauchte, waren ganz andere Klänge en vogue: Die Freejazzwelle war schon abgeklungen, angesagt waren Fusion und Jazzrock, der klassische Jazz war zwar nicht tot, aber, wie Frank Zappa vielzitiert bemerkte, er roch schon komisch. Und da kam einer, den der altvordere Kollege Bud Freeman bestaunte: »Scott Hamilton bringt es fertig, dass du wieder an die swingende Jazzmusik glauben kannst.« Die »Tenorsaxophon-Sensation aus New York«, wie damals ein Fachmagazin titelte, interpretierte Freiheit in der Orientierung an Größen wie Coleman Hawkins oder Ben Webster, mit warmem, sattem Ton und swingender, fließender Spielweise. Wahrscheinlich hat Scott Hamilton einen guten Anteil daran, dass es mit den 80ern zu einer Rückbesinnung auf die Wurzeln kam, zuweilen ein bisschen übertrieben, aber auch dagegen hat Scott Hamilton einfach gelassen anmusiziert. Bis heute ist er am typischen Sound erkennbar, in Neuburg gern gesehener Stammgast, immer wieder auch als »Opener« der Saison.
Im weiten Reich zwischen Swing und Bop bewegte sich also im Birdland ein Quintett der Sonderklasse quicklebendig auf den Spuren der Jazztradition, im JazzJazz, wie es zuweilen heißt.
Scott Hamilton war noch nie der Ritter heißer Skalen, sein Markenzeichen war und ist das Gefühl für swingende Beweglichkeit, sonore Tonalität und geschmeidige Linienführung, heute freilich ein bisschen ruhiger als in früheren Jahren, im Flow gleichwohl unverwechselbar elegant und souverän, offenkundig mit großem Spaß und aus vollem Herzen bei der Sache. Auch sein Balladenspiel ist outstandig, samtig wie eh und je, bluesgetränkt und sensitiv, rund, wohlig und gefühlvoll.
Im Duo mit Harry Allen geht andererseits immer wieder die Post ab in rasantem Unisono und hurtig wechselnden Soli in »Sweet Georgia Brown« z.B. oder in »Hey Lock« auf den Spuren von Eddie Lockjaw Davis und Johnny Griffin.
Hohes Lob gebührt dem Trio, das den beiden den Boden bereitet, den Teppich zum Fliegen bringt, im Birdland fast schon inventarisiert: Bernhard Pichl am Bösendorfer, Rudi Engel am Bass und Matthias Keul am Schlagzeug sind eine ungeheuer versierte, dicht interagierende Truppe, deren Uneigennützigkeit in aufmerksamem Zusammenspiel und straightem Groove ungemein viel dazu beiträgt, dass die Solisten glänzen können, alle drei absolut auch dann hellwach auf dem Posten, wenn’s ans eigene Solo geht.
Das Spiel von Harry Allen ist von gleichem Geist wie Hamiltons, auch er kein aggressiver Bläser, auch er findet den eher runden Ton, setzt auf Volumen und Wärme wie in »The Nearness of You«, ein wenig bissiger indes, griffiger, zupackender und seinerseits mit Tempo, Witz und Esprit.
Die beiden ergänzen sich prima, zeigen zugleich auf, wie gerade Nuancen die Persönlichkeit prägen. Da braucht keiner auf den Putz zu hauen um sich zu behaupten, nicht zuletzt zu bewundern in Duke Ellingtons »Warm Valley« oder Allens eigenem »Chuck’s Lament«. Keine Tenor Madness, erst zum Schluss eine kleine Battle auf den Spuren von Gene Ammons und Sonny Stitt: »Blues Up And Down« in aller Freundschaft. Ein vielversprechender Saisonauftakt!

