Sarah McKenzie Quartet | 29.05.2026

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Das Finale beginnt mit einem Feuerwerk. Das mag ungewöhnlich anmuten, aber wenn Ulf Wakenius, der letzte Gitarrist des großen Oscar Peterson, in die Saiten seiner Benedetto-Bambino-Gitarre greift, dann besitzt das dieselbe Wirkung, als ob jemand die Tür eines Raubtierkäfigs offengelassen hätte. Ein irres Solo auf Gerry Mulligans „Bernieʼs Tune“, dann noch eines, im rasenden Tempo die Tonleiter rauf und runter – um solch ein Intensitätslevel vorzuglühen, brauchen andere mitunter zwei Stunden.

Doch der 68-jährige Schwede ist beileibe nicht die einzige Attraktion an einem fürwahr denkwürdigen Abend im restlos ausverkauften Hofapothekenkeller, mit dem der Birdland-Jazzclub eine abermals höchst erfolgreiche Saison abschließt. Ab Song Nummer zwei erscheint Sarah McKenzie, authentisch, charmant und nahbar. Ein Zuschauermagnet in Montreux, New York ebenso wie in Neuburg, eine unspektakulär strahlende Frau, die geschickt in die Lücke stößt, die Diana Krall seit Jahren offenlässt. Mrs. McKenzie ist zwar ebenfalls blond – wonach man niemanden beurteilen sollte – aber völlig anders. Besonders auffallend: Die 38-jährige Australierin bewegt ihre Finger auf derart faszinierende Weise über die Tasten des Flügels, dass sie auch ohne Gesang wahrscheinlich mühelos die Karriereleiter nach oben hätte stürmen können. Ihr Spiel ist bluesig, perlend, süffig und geradezu sensationell swingend. Zumindest in dieser Hinsicht hat sie die Krall längst überflügelt.

Auch mit ihrer intonationssicheren Stimme, die sich auf der Emotionsskala zwischen kleinem Mädchen und Vamp bewegt, strahlt sie jede Menge wohlige Wärme aus. Jeder spürt, dass es Sarah McKenzie liebt, gesungene Geschichten zu erzählen. Über ihren Höhen („I Fell In Love With You“) oder die tiefsten Tiefen („Thatʼs It, I Quiet, Iʼm Movinʼ On“ von Sam Cooke), vom Abschiednehmen („I Wish You Love“ von Charles Trenent) oder der Liebe zu Paris oder Brasilien. Das Hinreißende dabei: Antônio Carlos Jobims „Corcovado“ („Quiet Nights“) und natürlich das unvermeidliche „Girl From Ipanema“ klingen bei ihr nicht wie aus dem Samba-Gemischtwarenladen. Sie serviert entweder entschleunigte Zeitlupenfassungen, oder überraschende Wechselspiele, bei denen vor allem Wakenius völlig unvermittelt die Gangart wechselt und den Blues wie Phoenix aus dem Sand der Copacabana auferstehen lässt.

Sarah und Ulf bilden sowieso ein musikalisches Dreamteam, versetzen den Keller in atemlose Stille mit ihrem leisen, gehauchten, sensationellen Duett in „Once I Loved“. Sie flüstert, er berührt die Stahlsaiten wie ein Schmetterling, die Luft in den Katakomben wirkt fast statisch aufgeladen von so viel Magie, in der jeder Ton zählt, jede Pause, jeder Schnaufer. Ein Traum in Jazz! Ein anderer Knaller ist „Road Chops“ – keine Atempause, Birdland-Geschichte wird gemacht! Sie duellieren sie sich in dieser höllisch groovenden Hardbop-Nummer, bei der es beim genauen Hinhören nicht um einen Kampf, sondern um ein kongeniales Miteinander geht. Wakenius darf noch zwei halsbrecherische Alleingänge mit Nummern seines Mentors Oscar Peterson („Too Late Now“ und „Blues For O. P.“) platzieren, McKenzie kontert mit einem zauberhaften, melancholischen Solo auf „Dindi“.

Es gibt noch ein völlig verrücktes, weil immer wieder die Tempi wechselndes „Blue Rondo À La Turk“ und die Gewissheit, dass der Abend auch durch den feinen, geschmackvollen Bassisten Pierre Boussaguet mit seinem warmen Ton sowie dem variantenreichen, aber in seinen Soli stets schmerzlich lauten Drummer Sebastian De Krom (selbst seine Mitmusiker hielten sich die Ohren zu) lebt. Die Melange für ein fast perfektes, strahlendes Finale voller spektakulärer Kracher!