„Ella, Shirley, My Father And I“. – Die Sängerin Nina Plotzki hat ihr neues Programm nicht umsonst ausgerechnet so benannt, denn schließlich wurde sie geprägt von Ella Fitzgerald, Shirley Horn und all den anderen Favoriten ihres jazzbegeisterten Vaters. Ohne diesen Hintergrund wäre sie vermutlich nicht selber zu der Jazzsängerin geworden, die an diesem Abend zusammen mit ihrer All Star Band auf der Bühne des Birdland Jazzclubs in Neuburg steht, um ihr Publikum einzuladen zu einer musikalischen Zeitreise zurück zu den Anfängen ihrer persönlichen Vita.
Die Basis dafür ist das Album „Girl Talk“, das der berühmte Oscar Peterson 1968 für das legendäre, in Villingen im Schwarzwald ansässige, MPS-Label eingespielt hat. „Robbin’s Nest“, „On A Clear Day“ und der Titelsong daraus sind denn auch die Eckpunkte des Programms, das angereichert wird durch Standards wie „Social Call“ und John Lewis‘ „Little Unhappy Boy“, Balladen wie „Abbey“ über die berühmte Sängerin und Aktivistin Abbey Lincoln, deren Foto auch im Birdland an der Wand hängt, und „Wild Is The Wind“, das einst Johnny Mathis, aber auch Nina Simone sangen. Und dann ist da noch „Sweet Lorraine“, das Nat King Cole seinerzeit zum Hit machte, und Nina Plotzki im intimen Duo mit dem Kontrabassisten Darryl Hall zum Höhepunkt des Abends werden lässt.
Plotzki ist eine erfahrene Sängerin, die ganz genau weiß, wie man Show und Authentizität verknüpft, Entertainment und Natürlichkeit verbindet, echt wirkt und mit Herz singt, aber auch auf Wirkung bedacht ist. Nicht umsonst hat sie für das neue Programm mit Hall, dem Pianisten Vincent Bourgeyx, dem Drummer Jason Brown und dem Tenorsaxofonisten Dave O’Higgins eine hochkarätige englisch-französisch-amerikanische Band engagiert, die die Erwartungen denn auch erfüllt. O’Higgins setzt mit seinem kraftvollem, intensivem Ton Akzente, Bourgeyx tut selbiges verspielt, eher subtil, ideen- und variantenreich, und die Backline schafft das tragfähige Fundament dafür. Diese Band mit all ihrer Erfahrung arbeitet solide, das steht außer Zweifel, aber es gibt auch Momente, in denen nicht alles völlig rund läuft, die Feinheiten nicht komplett abgestimmt sind, was besonders auffällt, als kurz vor dem Intro zu „Ella, Shirley, My Father And I“, dem Stück, das der Show den Namen gibt, erst noch ein paar Einzelheiten zum Ablauf untereinander abgeklärt werden müssen. In solchen Situa-tionen ist es vorteilhaft, eine Band im Rücken zu haben, die nicht nur brillieren, sondern im Notfall auch kaschieren kann, eine gute Band, die auch ohne eine zentrale Figur wie Plotzki funktionieren würde, ohne die aber – was für jede Frontfrau und jeden Frontmann gilt – die Person im Rampenlicht sich schwer täte.
In der Regel ist eine Stimme weit besser als ein Instrument geeignet, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Das weiß auch Nina Plotzki, die mit den Leuten im Saal redet, aus ihrer Vita erzählt und ihre Bühnenpräsenz ausnutzt. Dies führt schließlich zu einer Zugabe, die rein gar nichts zu tun hat mit Ella, Shirley und all den anderen, sondern mit ihrer Rolle als Chansonette und „De Tout Mon Coeur“ und einer ganz anderen Sparte, in der es aber ebenso auf Herz, Ausstrahlung, Authentizität, Bühnenpräsenz und Show ankommt und auf die richtige Dosierung all dieser Ingredienzen.

