Maurizio Minardi, aus Bologna stammender Komponist, Organist, Pianist und Akkordeonist, kommt viel herum, lebte zeitweise in London, hat sich aktuell in Paris niedergelassen, hat einen besonderen Bezug zu Belgien und ist an diesem Abend zum ersten Mal im Birdland Jazzclub in Neuburg zu Gast. Man könnte ihn durchaus als Globetrotter bezeichnen, nicht nur wegen seiner intensiven Reisetätigkeit und diversen Standortwechsel, sondern auch, weil er seine Nase permanent in diverse musikalische Genres steckt, am liebsten gleichzeitig, und dabei mit Jazz, Klassik, Rumba, Habanera, Tango, World- und sogar elektronischer Musik arbeitet.
Bisher hat er es auf 15 Alben gebracht, und noch 2026 soll ein weiteres veröffentlicht werden, dessen Inhalt er zusammen mit dem Kontrabassisten Maurizio Congiu, dem Gitarristen Barthelemy Seyer und Jonathan Edo an Schlagzeug und Cajon vorstellt. Das Konzert beginnt mit „La Grande Famiglia“, das wie auch der Bandname eine starke Verbindung zu dem belgischen Maler René Magritte und dessen Surrealismus aufweist, geht weiter mit einer Verbeugung vor dem Schauspieler Marcello Mastroianni und führt über „Brixton Village“ direkt zu Johann Sebastian Bach und „Barokko Non Troppo“. Die Musik und die Musiker genügen höchsten Ansprüchen und die akustische Reise durch diverse Weltgegenden, die vor der Pause auch noch nach Mittelamerika und zu Consuelo Velázquez und deren Ohrwurm „Besame Mucho“ führt, ist wirklich spannend, aber der letzte Kick fehlt noch. Dem ersten Set haftet viel Behutsames, Bedächtiges an, das Feuer will nicht so recht lodern, der Funke nicht so recht auf das überaus zahlreich erschienene Publikum überspringen.
Das ändert sich schlagartig und grundlegend nach der Pause. Jetzt ist das Quartetto so richtig präsent, emotional näher am Publikum, jetzt wollen es die Musiker wirklich wissen. Mit Gato Barbieri’s „Last Tango in Paris“ legt die Band gleich mehrere Gänge zu, hat bei „Anastasia“ aus Minardi’s Feder inklusive des dazugehörigen Balkan-Groove das Auditorium längst geknackt und hat ab „Penguin“ und „Questa non é una rumba“, das sich wieder auf Magritte bezieht, im Grunde ein Heimspiel. Wurde der Jazz den geografisch-stilistischen, genreübergreifenden Stücken dieses vielfarbigen Konzerts über weite Strecken eher untergemischt, übernimmt er ausgerechnet dort die Führung, wo man es am wenigsten erwartet. Bei der Zugabe nämlich und ausgerechnet bei dem Chansonnier Jacques Brel – dem zweiten Belgier, der im Hintergrund mitmischt an diesem Abend – und dessen „Le Port d’Amsterdam“. Minardi’s Bearbeitung unterscheidet sich fundamental vom Original, und das ist gut so, denn pures Kopieren wäre für einen wie ihn, der auch ein Ass im Arrangieren ist, nun wirklich reine Zeitverschwendung. Und so rundet sich trotz anfänglicher Startprobleme der Abend schließlich zu einem in der Tat erfreulichen Ereignis, das die Seele anrührt und den Intellekt herausfordert, das den Horizont erweitert und ein erneuter Beleg dafür ist, wie vielfältig und bunt die Palette dessen ist, was da Woche für Woche im Birdland in Sachen Jazz und mitunter durchaus auch darüber hinaus angeboten wird.

