Es könne ein Naturereignis werden, dieses Konzert mit dem Dave Douglas Quartet, konnte man der Ankündigung im Programmheft entnehmen. Und es gab Phasen an diesem Abend im Birdland, in denen wurde es tatsächlich eines. Wie stets, wenn Douglas, der als einer der innovativsten Trompeter des zeitgenössischen Jazz gehandelt wird, in Neuburg auftritt – was er in der Vergangenheit schon einige Male getan hat – ist sein Konzert mit seinem erst vor kurzem neu formierten Quartett auch diesmal ein akustisches Abenteuer, ein Vorstoß in selten besuchte Gegenden des Jazz und ein Moment, indem ein Rückblick in die Geschichte dieses Genres zugleich auch ein Ausblick in dessen mögliche Zukunft ist.
Das Konzert beginnt mit einer Art Fanfare. Messerscharfe Töne durchschneiden die Luft. Das Eröffnungsthema fährt einem durch Mark und Bein. Es ist der Startschuss zu einem regelrechten Trip durch Douglas‘ neues Album „Four Freedoms“. Mit an Bord sind der wie Douglas ebenfalls in New York lebende Drum-Wizzard Roy Royston, der norwegische Kontrabassist Ingebrigt Håker-Flaten, der den ganzen Abend über an seinem Instrument echte Schwerstarbeit leistet, und die polnische, in Amsterdam lebende Pianistin Marta Warelis, die insbesondere durch ihre Improvisationskunst immer wieder international für Aufsehen sorgt. Alles, was man an diesem Abend im Birdland zu hören bekommt, ist raffiniert, extravagant, trickreich. Alles hängt mit allem zusammen, baut aufeinander auf und ist dennoch durchdrungen von der Lust am Ausprobieren, von Forscherdrang und Wagemut. Verschachtelte Rhythmen und einfühlsame Harmonien schließen sich nicht aus, Grooves mit Sogwirkung treffen auf improvisatorische Freiheit. Manchmal scheint jeder sein eigenes Ding zu machen, dann wieder schlagen alle vier gemeinsam zu mit Verve und Wucht.
Als Warelis sich in einer Solosequenz fast bis zur Unhörbarkeit zurücknimmt und jeder Fingerkontakt mit einer Taste wie ein Wimpernschlag wirkt, ist die Stille zwischen den Tönen greifbar. Man wagt kaum zu atmen. Auf so intensive Weise absolut still war es ganz selten im Birdland. Und als am Ende des zweiten Sets die Band mit mächtigem Bass, wuchtigem Piano, wirbelnden Drumsticks und immer weiter in Richtung Firmament vordringenden Trompetenspiralen in einer riesigen musikalischen Eruption sich quasi selbst entlädt, ist man als Ohrenzeuge endgültig mittendrin im eingangs erwähnten Naturereignis.
Douglas der natürlich ganz genau weiß, welcher Ruf ihm vorauseilt und einem Späßchen auch nicht abgeneigt ist, formuliert es angesichts der einzigen Adaption des Abends so: „Wir spielen jetzt ,Take The A-Train‘ von Billy Strayhorn. Das kennt ihr bestimmt alle. Aber ganz gewiss nicht so.“ Und dann legt die Band los, wird Douglas‘ Vorliebe für Miles Davis und dessen Musik aus den späten Sechziger und frühen Siebziger Jahren deutlich, seine Lust dessen Erbe mitzuverwalten. Nicht als Leiter eines Museums, nicht nur als Konservator, sondern vor allem als Kreativkraft und Innovator. – Dave Douglas im Birdland. Das ist eines dieser Konzerte, die nachhallen und nachwirken, nach deren Ende man nicht einfach zur Tagesordnung übergeht, sondern innehält und sich eingesteht, an diesem Abend etwas ganz Besonderes gehört zu haben. Etwas, das ziemlich einzigartig ist. Und großartig. Und das Ganze auch noch quasi vor der eigenen Haustür.

