Dave Douglas Quartet | 20.03.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Es könne ein Naturer­eignis werden, dieses Konzert mit dem Dave Douglas Quartet, konnte man der Ankündigung im Programmheft entneh­men. Und es gab Phasen an diesem Abend im Birdland, in denen wurde es tatsächlich eines. Wie stets, wenn Dou­glas, der als einer der innovativsten Trompeter des zeitgenössischen Jazz ge­handelt wird, in Neuburg auftritt – was er in der Vergangenheit schon einige Male getan hat – ist sein Konzert mit seinem erst vor kurzem neu formierten Quartett auch diesmal ein akustisches Abenteuer, ein Vorstoß in selten besuchte Gegenden des Jazz und ein Moment, in­dem ein Rückblick in die Geschichte dieses Genres zugleich auch ein Aus­blick in dessen mögliche Zukunft ist.

Das Konzert beginnt mit einer Art Fan­fare. Messerscharfe Töne durchschnei­den die Luft. Das Eröffnungsthema fährt einem durch Mark und Bein. Es ist der Startschuss zu einem regelrechten Trip durch Douglas‘ neues Album „Four Free­doms“. Mit an Bord sind der wie Dou­glas ebenfalls in New York lebende Drum-Wizzard Roy Royston, der norwe­gische Kontrabassist Ingebrigt Håker-Flaten, der den ganzen Abend über an seinem Instrument echte Schwerstarbeit leistet, und die polnische, in Amsterdam lebende Pianistin Marta Warelis, die ins­besondere durch ihre Improvisations­kunst immer wieder international für Aufsehen sorgt. Alles, was man an die­sem Abend im Birdland zu hören be­kommt, ist raffiniert, extravagant, trick­reich. Alles hängt mit allem zusammen, baut aufeinander auf und ist dennoch durchdrungen von der Lust am Auspro­bieren, von Forscherdrang und Wage­mut. Verschachtelte Rhythmen und ein­fühlsame Harmonien schließen sich nicht aus, Grooves mit Sogwirkung tref­fen auf improvisatorische Freiheit. Manchmal scheint jeder sein eigenes Ding zu machen, dann wieder schlagen alle vier gemeinsam zu mit Verve und Wucht.

Als Warelis sich in einer Solosequenz fast bis zur Unhörbarkeit zurücknimmt und jeder Fingerkontakt mit einer Taste wie ein Wimpernschlag wirkt, ist die Stille zwischen den Tönen greifbar. Man wagt kaum zu atmen. Auf so intensive Weise absolut still war es ganz selten im Birdland. Und als am Ende des zweiten Sets die Band mit mächtigem Bass, wuchtigem Piano, wirbelnden Drum­sticks und immer weiter in Richtung Fir­mament vordringenden Trompetenspira­len in einer riesigen musikalischen Erup­tion sich quasi selbst entlädt, ist man als Ohrenzeuge endgültig mittendrin im ein­gangs erwähnten Naturereignis.

Douglas der natürlich ganz genau weiß, welcher Ruf ihm vorauseilt und einem Späßchen auch nicht abgeneigt ist, for­muliert es angesichts der einzigen Adap­tion des Abends so: „Wir spielen jetzt ,Take The A-Train‘ von Billy Strayhorn. Das kennt ihr bestimmt alle. Aber ganz gewiss nicht so.“ Und dann legt die Band los, wird Douglas‘ Vorliebe für Mi­les Davis und dessen Musik aus den spä­ten Sechziger und frühen Siebziger Jah­ren deutlich, seine Lust dessen Erbe mit­zuverwalten. Nicht als Leiter eines Mu­seums, nicht nur als Konservator, son­dern vor allem als Kreativkraft und Inno­vator. – Dave Douglas im Birdland. Das ist eines dieser Konzerte, die nachhallen und nachwirken, nach deren Ende man nicht einfach zur Tagesordnung über­geht, sondern innehält und sich einge­steht, an diesem Abend etwas ganz Be­sonderes gehört zu haben. Etwas, das ziemlich einzigartig ist. Und großartig. Und das Ganze auch noch quasi vor der eigenen Haustür.