Peter Weiss „The Good View“ | 12.06.2021

Donaukurier | Karl Leitner
 

„The Good View“. Der Titel des aktuellen Projekts des Schlagzeugers Peter Weiss passt absolut zu dem, was man in diesen knapp zwei Stunden im Neuburger Birdland Jazzclub zu hören und zu sehen bekommt, nämlich einen schönen Überblick auf und etliche tiefe Einblicke in die aktuelle Szene des jungen deutschen Modern Jazz anhand explizit ausgewählter Beispiele.

Peter Weiss gibt als Bandleader die Richtung vor, dies aber eher aus dem Hintergrund heraus. Zusammen mit dem Kontrabassisten Christian Ramond ist er verantwortlich für den Puls in der Band. Bezeichnend für sein Rollenverständnis ist, dass er die wenigsten Soli hat von allen. Das Rampenlicht überlässt er seinen jüngeren Kollegen. Das sind Kristina Brodersen am Altsaxofon, der Kanadier Ryan Carnieaux an Trompete und Flügelhorn und Sebastian Sternal am Flügel. Wie glänzend diese Band aufgestellt ist, wird zum einen an den Kompositionen der Beteiligten deutlich, die – betrachtet man deren griffige Themen und strukturellen Abläufe – zwar naturgemäß diverse individuelle Handschriften verraten, zusammen jedoch eine für die Band fast schon charakteristische eigene Stilistik ergeben. In selbige passen sich die Adaptionen von Gunnar Plümer, Wolfgang Engstfeld und Randy Brecker, mit denen Weiss einst ein gemeinsames Quartett unterhielt, dermaßen perfekt ein, als wären sie gerade eben für „The Good View“ geschrieben worden.

Die zweite Einsicht des Abends ist die, dass diese Band über außergewöhnlich kompetente Solisten verfügt. Kristina Brodersen ist die ruhigere, eher in sich gekehrte Persönlichkeit im Bläsersatz. Zusammen mit ihrem Kollegen an der Trompete stellt sie unisono die Themen vor, und – hier ist sie besonders stark – kommentiert im Anschluss daran all das, was dem so alles einfällt, wenn er erst mal loslegt. Carnieux nämlich ist der extrovertierte Typ, der quirlige Tausendsassa. Bei ihm geht es über Stock und Stein. Bisweilen überschlägt er sich und dreht eine Pirouette nach der anderen. Und Brodersen erdet ihn dann wieder. Zusammen sind sie schwer zu schlagen.

Seit Sebastian Sternal im November – bereits im dritten Lockdown und ohne Publikum – ein Solokonzert speziell für das Birdland Radio Jazz Festival gab, weiß man um dessen Klasse. Er ist bereits in jungen Jahren einer der ganz Großen am Jazzpiano hierzulande. Was er als subtiler, einfühlsamer Begleiter und als Solist, der das Abenteuer sucht und sich liebend gerne auch mal quer legt, auch in dieser Band wieder abliefert, ist absolut beeindruckend.

Schöne Aussichten und tiefe Einblicke. Ja, und auch wieder mal die Erkenntnis, dass trotz so hervorragender Einzelpersönlichkeiten es nur dann so richtig rund läuft, wenn keiner auf dem Egotrip ist und alle an einem Strang ziehen. Die Band ist im Eigentlichen der Maßstab aller Dinge, die Basis, von der aus sich der Einzelne entfaltet. Insofern haben die Jungen großes Glück mit Peter Weiss als Koordinator, der unaufgeregt zwar die Fäden in der Hand hält, jene aber eben auch gleichzeitig als „lange Leine“ interpretiert.