Sting machte es, Joni Mitchell machte es und Paul Simon auch. Und Musiker wie Jon Regen und Sade Adu können gar nicht anders. Sie schreiben Pop und holen sich Jazzmusiker, um sie mit ihnen aufzunehmen und aufzuführen. Weil Pop dann anders klingt. Reif, erwachsen, nachvollziehbar aber nicht platt oder vordergründig. Olivia Trummer schreibt Songs, die genau an der Schnittstelle angesiedelt sind. Sie kommt vom Jazz, aber sie flirtet auch mit dem Pop, holt ersteren dadurch aus dem Elfenbeinturm, in dem er mitunter durchaus wohnt, und letzteren aus der Schublade mit der Aufschrift „Dutzendware“ heraus und macht ihn zu etwas Besonderem.
Sie hat elf Alben veröffentlicht und ist derzeit mit dem Projekt „Songbook“ unterwegs, für das sie 14 ihrer Lieblingsstücke ausgewählt hat, um sie an diesem Abend beim Konzert im Neuburger Birdland Jazzclub vorzustellen. Neu arrangiert, neu konzipiert, in einem Sound, für den sie selber als exzellente Pianistin und als Sängerin mit unverwechselbarer, markanter Stimme ebenso zuständig ist wie Ariel Bart an der chromatischen Mundharmonika, Johannes Lauer (Posaune, Perkussion), Amir Bresler (Schlagzeug) und Makar Novikov am Kontrabass. Es sind betörende Stücke von zeitloser Schönheit, die sie da aus dem Archiv geholt hat, „Nobody Knows“ etwa als Beispiel dafür, wie ein Song abhebt, anfängt zu schweben, wenn erst einmal die Vokalparts vorüber sind und die Band sich entfalten kann. Oder „Falling Leaves“, in dem sie musikalisch mit feinem Gespür ausdrückt, wie das Herbstlaub tänzelnd und kreiselnd zu Boden fällt und eben nicht abstürzt oder plumpst.
Es ist ein Abend mit wunderbaren Melodien, mit Harmonien, bei denen man denkt, man läge in einer Hängematte, mit dezenten Grooves und unwiderstehlichem Flow, subtiler Feinabstimmung und wohl überlegter klanglicher Gewichtung, mit genau der richtigen Balance zwischen unaufdringlicher Eleganz und herausfordernder Dynamik. Jeder Akzent befindet sich am richtigen Punkt, wurde mit Bedacht gesetzt, um die beabsichtigte Wirkung zu erzeugen. In „Indifference“ etwa geht es um die Gleichgültigkeit in der Gesellschaft. „Wir haben verlernt, einander zuzuhören“, sagt Trummer, und die Band demonstriert im Mittelteil mit scheinbar freier Improvisation, wie dieser Zustand klingt. Bei den Instrumentalstücken, die etwa die Hälfte des Programms ausmachen, ist der Jazzanteil erwartungsgemäß am höchsten. Sie erzählen ebenso Geschichten – man höre nur das wie in einer Schleife permanent sich um sich selbst drehende Grundmotiv in „Carousel“ oder die weit entfernten Schiffssirenen zu Beginn von „Rostock“ – wie die, die mit Text versehen sind.
Die zum Niederknien schöne Ballade „For You“, ein kleiner Song, der wegen seiner eigentlichen Schlichtheit, seiner Substanz und der von ihm ausgehenden Kraft zum Kunstwerk wird, stammt hingegen eher von der gegenüberliegenden Seite der Trummer’schen Farbpalette. Restlos überzeugend sind sie in den für dieses Konzert vorgesehenen Versionen beide. Und so wird auch der dritte Abend des 16. Birdland Radio Festivals zu einem Beleg für dessen Vielfalt, die alle Varianten des Jazz zulässt, und zu einem nachhaltigen Erlebnis. Das man übrigens nachhören kann am Freitag, den 22. Januar ab 23 Uhr auf BR Klassik und anschließend 30 Tage lang jederzeit in ARD Sounds.

