■ ■ Kaufmann – Kalima Duo | 23.10.2026

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Avantgarde, das heißt, dahin zu gehen, wo sonst noch niemand war. Ein Musterbeispiel dafür gab‘s im Birdland Jazzclub beim Konzert von Achim Kaufmann und Kalle Kalima. Die beiden betraten tatsächlich Neuland, irgendwo im Nirgendwo. Nicht immer fiel es leicht zu folgen, spannend war es allemal.

Zwar mit Strom, aber doch in nüchtern klarem Jazzsound entlockte der sonst auch mal rockiger auftrumpfende Gitarrist Kalle Kalima seinem Instrument überaus differenzierte Klangfarben, die sich mit den komplexen Akkordsetzungen von Pianist Achim Kaufmann zu einer ganz eigenen harmonischen Ästhetik ergänzten. Das zeigte sich schon in der konzentrierten Interaktion des Openers »Planet V«. Ein neues Stück mit dem Arbeitstitel »Joni Mitchell« erinnerte dann in heller Tonalität melodiebetont und sanglich tatsächlich an die Titelgeberin.

Achim Kaufmann zeigte sich einmal im Birdland mehr als ungemein kreativer Pianist, der die Grenzen zwischen Komposition und Improvisation immer wieder öffnet und zu neuen Ufern aufbricht. Eher vom Kopf als vom Bauch kommend entwickelte sein Spiel den versponnenen Atlas einer entrückten Welt. Kalima dagegen erwies sich als der Impulsivere, immer wieder mal warf er den Treibriemen an, brachte Temperament ins Geschehen, entspann aber auch seinerseits ein Universum nachdenklicher Musik, die sich im Dialog mit dem kaufmannschen Kosmos in schöpferischer Reibung zusammenfügte.

»Rubini 2« folgte dem Stolperschritt der Spuren Thelonious Monks, eckig, kantig, Arm in Arm, »Shining« dagegen erschien wie aus dem Nichts, schwebte ein, erahnte mehr als es zu wissen schien von eher düsterer Zukunft, fasste Tritt, eroberte sich nach und nach Terrain und verlor sich dann wieder, irgendwo in der weiten Leere des finnischen Nordens, der Heimat von Kalimas Großvater. Lebhaft und laut-malerisch ging es wiederum zu in beweglichem Groove an der Kreuzung »Allen & Stanton«.
Bei allem immer wieder erkennbaren Bezug zu Einflüssen aus Blues, Jazz und neuer Musik entzieht sich das Duo Kaufmann – Kalima jedweder Zuordnung. Die Musik ereignet sich und ist dann einfach da, lässt aufhorchen, fordert, hält die Ohren wach und beschäftigt Hirn und Herz.

Zuweilen allerdings wirkte der Eigensinn wie Eigenbrötlerei, wurde der Dialog zur l‘art pour l‘art, der nur sparsam Zutritt gewährt wird. Der »2. sardonische Arzt« indes offenbarte dann auch ein Stück ironische Distanz, »Eissler« schließlich wie der zugegebene Standard »Night And Day« den Respekt vor den Altvorderen. Anregend!