■ ■ Lotus Flower Trio | 16.10.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Lotusblumen wachsen in sumpfigem Wasser. Sobald sie blühen, reinigen sie das Gewässer um sie herum. Diese Allegorie übertrug der 2023 ver­storbene Saxofonist Wayne Shorter auf Menschen, die die Welt reinigen von Un­menschlichkeit, sich einsetzen für das Gemeinwohl und damit zu den stillen aber echten Helden werden, von denen es viel zu wenige gibt. Das höchst unge­wöhnlich besetzte und beim Konzert an diesem Abend im Birdland Jazzclub so unkonventionell zu Werke gehende Trio mit dem Pianisten Bruno Angelini aus Marseille, der Tenorsaxofonistin Camille Maussion aus Calais und der in Stettin geborenen und in Köln lebenden Angeli­ka Niescier am Altsaxofon übernimmt dieses Bild und setzt unter der Bezeich­nung „Lotus Flower Trio“ Wohltätern wie Jane Addams, Berta Cacerès aus Ni­caragua sowie Nelson Mandela und Rosa Parks – beider Stimmen werden in O-Tönen in die ihnen gewidmeten Stücke integriert – ein Denkmal.

Es geht also um Lebenslinien mit star­ken Verwerfungen, stürmischen Ab­schnitten, langen Durststrecken, nie en­dender Kleinarbeit in karger Abgeschie­denheit und öffentlicher Wahrnehmun­gen immer dann, wenn sich die Medien für Protestaktionen etwa der Madres de Plaza de Mayo gegen das einstige argen­tinische Regime interessierten. Das alles drückt das Programm des Abends, in de­nen der Freigeist Angelini seine eigenen Kompositionen, in denen Debussy, Bar­tok und Messiaen ebenso präsent sind wie Thelonious Monk, Bill Evans oder eben Wayne Shorter mit „Elevation“, musikalisch aus. Ruhiger Fluss und akustische Zerrissenheit, surreale Akkor­de und lyrische Passagen, plötzliche Eruptionen neben mäandernden Skalen, Powerplay neben Intimität. Die drei Ak­teure gehen an ihre Grenzen, loten die Möglichkeiten ihrer Instrumente aus bis zum Exzess. Alles scheint erlaubt. Quiet­schen, Quieksen, Überblasen. Überbor­dende Energie, dann wieder scheinbares Taumeln, völliges Loslassen. Es gibt So­lo-, Duo-Passagen in allen Kombinatio­nen, Trio-Squenzen. Es gibt abgedrehte Stücke wie „Les Sens“ oder „Rosa And The Thorns“ oder fast schon konventio­nell angelegte wie „“Hull House“ oder „L’Art De La Paix“, es gibt Passagen, denen man ohne große Kraftanstrengung folgen kann und es gibt solche, die eine echte Herausforderung darstellen.

Es sind an diesem Abend drei echte Meister zu Gast im Birdland. Angelini, der ständig versucht, die klanglichen Di­mensionen seines Instruments zu erwei­tern, die Ausnahmemusikerin Angelika Niescier mit nicht zu bremsender Ener­gie und virtuoser Technik und schließ­lich Camille Maussion, die – was man schier nicht glauben kann – im Birdland erstmals in dieser Besetzung auftritt, weil sie kurzfristig für die verhinderte Kollegin Sakina Abdou einspringen musste. Zusammen spielen sie sich in ei­nen Rausch, ziehen ihr Publikum mit hinein in ihre akustischen Verfolgungs­jagden, integrieren es in ihre Zwiege­spräche, ihre Duelle. Musik mit einer derartigen Intensität hat man selten, so­gar im Jazz, sogar im Birdland. Und weil dem Trio ja ein gewisser Ruf vorausgeht, nämlich der, ein unorthodoxes Konzept zu verfolgen und auch die dementspre­chende Musik zu machen, ist auch der BR vor Ort und schneidet das Konzert für das derzeit laufende 16. Birdland Ra­dio Jazz Festival mit. Nachhören kann man das Konzert am Freitag, 15. Januar ab 23 Uhr auf BR Klassik. – Das Lotus Flower Trio: Was für ein Orkan! Jetzt erst einmal tief durchatmen.