Lotusblumen wachsen in sumpfigem Wasser. Sobald sie blühen, reinigen sie das Gewässer um sie herum. Diese Allegorie übertrug der 2023 verstorbene Saxofonist Wayne Shorter auf Menschen, die die Welt reinigen von Unmenschlichkeit, sich einsetzen für das Gemeinwohl und damit zu den stillen aber echten Helden werden, von denen es viel zu wenige gibt. Das höchst ungewöhnlich besetzte und beim Konzert an diesem Abend im Birdland Jazzclub so unkonventionell zu Werke gehende Trio mit dem Pianisten Bruno Angelini aus Marseille, der Tenorsaxofonistin Camille Maussion aus Calais und der in Stettin geborenen und in Köln lebenden Angelika Niescier am Altsaxofon übernimmt dieses Bild und setzt unter der Bezeichnung „Lotus Flower Trio“ Wohltätern wie Jane Addams, Berta Cacerès aus Nicaragua sowie Nelson Mandela und Rosa Parks – beider Stimmen werden in O-Tönen in die ihnen gewidmeten Stücke integriert – ein Denkmal.
Es geht also um Lebenslinien mit starken Verwerfungen, stürmischen Abschnitten, langen Durststrecken, nie endender Kleinarbeit in karger Abgeschiedenheit und öffentlicher Wahrnehmungen immer dann, wenn sich die Medien für Protestaktionen etwa der Madres de Plaza de Mayo gegen das einstige argentinische Regime interessierten. Das alles drückt das Programm des Abends, in denen der Freigeist Angelini seine eigenen Kompositionen, in denen Debussy, Bartok und Messiaen ebenso präsent sind wie Thelonious Monk, Bill Evans oder eben Wayne Shorter mit „Elevation“, musikalisch aus. Ruhiger Fluss und akustische Zerrissenheit, surreale Akkorde und lyrische Passagen, plötzliche Eruptionen neben mäandernden Skalen, Powerplay neben Intimität. Die drei Akteure gehen an ihre Grenzen, loten die Möglichkeiten ihrer Instrumente aus bis zum Exzess. Alles scheint erlaubt. Quietschen, Quieksen, Überblasen. Überbordende Energie, dann wieder scheinbares Taumeln, völliges Loslassen. Es gibt Solo-, Duo-Passagen in allen Kombinationen, Trio-Squenzen. Es gibt abgedrehte Stücke wie „Les Sens“ oder „Rosa And The Thorns“ oder fast schon konventionell angelegte wie „“Hull House“ oder „L’Art De La Paix“, es gibt Passagen, denen man ohne große Kraftanstrengung folgen kann und es gibt solche, die eine echte Herausforderung darstellen.
Es sind an diesem Abend drei echte Meister zu Gast im Birdland. Angelini, der ständig versucht, die klanglichen Dimensionen seines Instruments zu erweitern, die Ausnahmemusikerin Angelika Niescier mit nicht zu bremsender Energie und virtuoser Technik und schließlich Camille Maussion, die – was man schier nicht glauben kann – im Birdland erstmals in dieser Besetzung auftritt, weil sie kurzfristig für die verhinderte Kollegin Sakina Abdou einspringen musste. Zusammen spielen sie sich in einen Rausch, ziehen ihr Publikum mit hinein in ihre akustischen Verfolgungsjagden, integrieren es in ihre Zwiegespräche, ihre Duelle. Musik mit einer derartigen Intensität hat man selten, sogar im Jazz, sogar im Birdland. Und weil dem Trio ja ein gewisser Ruf vorausgeht, nämlich der, ein unorthodoxes Konzept zu verfolgen und auch die dementsprechende Musik zu machen, ist auch der BR vor Ort und schneidet das Konzert für das derzeit laufende 16. Birdland Radio Jazz Festival mit. Nachhören kann man das Konzert am Freitag, 15. Januar ab 23 Uhr auf BR Klassik. – Das Lotus Flower Trio: Was für ein Orkan! Jetzt erst einmal tief durchatmen.

