Miriam Netti Quartet | 24.04.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Sie steht zwar im Ram­penlicht, aber sie inszeniert sich nicht. Sie hat nichts von einer Diva, gibt sich natürlich statt glamourös. Ihre Musik schielt nicht auf Superlative, hat nichts Spektakuläres an sich, braucht keine gro­ßen Gesten. Charme und Ehrlichkeit strömen an diesem Abend ohne Umweg von der Birdland-Bühne direkt ins Audi­torium. Keine Frage, Miriam Netti ist echt, spielt keine Rolle, singt sich in die Herzen der Zuhörer, ohne Blendwerk, ohne Entertainment-Tricks.

Sie stammt aus Apulien und lebt in Ber­lin, ist geprägt von den Canzoni ihrer Heimat, hat ein Faible für Bossa Nova und das Great American Songbook und fragte man sie nach ihrem Beruf, würde sie wohl „Jazzsängerin“ angeben. Ihr Konzert beginnt sie mit Louis Prima’s „Buona Sera Signorina“, einem echten Gassenhauer, der aber der einzige des Abends bleiben wird, denn was folgt, ist ein entspannter Trip in den italienischen Stiefel, nicht auf der Strada del Sole, sondern auf den viel reizvolleren Neben­strecken, im Reisegepäck einen Schwung lateinamerikanische Songs, im Herzen die Harmonien und den Frei­heitsdrang des Jazz. Ihre Reisebegleiter sind der Sizilianer Giacomi Tagliavia am Kontrabass, der Schlagzeuger Heinrich Köbberling, den regelmäßige Birdland-Besucher auch vom Julia Hülsmann Quartett her kennen dürften, und der mit allen Wassern gewaschene schwedische Gitarrist Johan Leijonhufvud, der mit seinen melodischen Linien und dem Sound von George Benson das Klang­bild der Band dominiert.

Und Mirian Netti selbst? Sie verbindet die regionalen Einflüsse und musikali­schen Traditionen, die sie geprägt haben, und eigene Vorlieben mit der internatio­nalen Welt des Jazz, stattet dessen Stan­dards mit italienischen Texten aus und den Pop ihrer Heimat, der für uns hier im Norden automatisch nach Urlaub riecht, mit lateinamerikanischen Rhythmen und jazzigen Akkorden. Ihre Stimme ist jung, frisch, unbekümmert, burschikos, vor al­lem in Stücken wie „Mille Lire Al Mese“, das weit vor der Einführung des Euro entstanden ist, oder bei „La Più Bella el Mondo“ von Marino Marini. Dann wieder klingt sie nach einer reifen Frau, die sich auskennt in der Welt, die genau weiß, worum es geht in Jazz-Klas­sikern wie „The Second Time Around“ und „Our Love Is Here To Stay“. Dazu dann noch verjazzter Pop á la „I Only Have Eyes For You“ und Bobby Russel’s „Little Green Apples“, das bei ihr zu „Piccole mele verde“ wird, und als Gruß aus Übersee Milton Nascimento’s „Ottebre“ und Joao Bosco’s „Incompati­bilità“, das trotz des Titels sehr wohl passt zu dieser musikalischen Mixtur, in dem mal italienisch, mal englisch, mal portugiesisch gesungen wird, es mal ju­gendlich verspielt zugeht, dann wieder emotional und nachdenklich, dann wie­der auf sehr souveräne Art sophisticated.

Netti macht aus alten Popsongs neue, aus Canzoni Jazz, trimmt den Broadway auf Bossa Nova, schnuppert mal hierhin, mal dorthin und beweist mit ihrer Stim­me und ihrer Art der Präsentation, dass das alles auf ganz natürliche Weise zu­sammen gehört, auch wenn es auf dem Papier nicht so aussehen mag. Damit trifft sie nicht nur den Nerv des Publi­kums, sondern liegt – vermutlich unbe­absichtigt – sogar noch im Trend. Denn Italien ist absolut angesagt. Aber wäh­rend etwa das „Italia“-Projekt des großen Till Brönner verdächtig nach seelenlos­em Kalkül riecht, spürt man bei Netti, wie das Herzblut pulst. Grazie mille für diesen entspannten, überaus angenehmen Abend.