Warum muss Jazz immer so anstrengend sein? Zwei Stunden konzentriert zuhören, keine Zwischendurch-Gespräche mit dem Tischnachbarn. Und dann noch diese fürchterliche Durcheinander-Musik, die das Unvorhergesehene zum Programm erhebt und grundsätzlich quer im Ohr liegt. Viele hadern mit den Facetten des Genres, wünschen sich insgeheim mehr Eingängigkeit wie beim Pop und suchen sich deshalb auch ganz bewusst im Birdland-Programm Konzerttermine wie den des Trompeters Bill Petry aus.
Der jugendliche, fast schüchtern wirkende Mittdreißiger aus Berlin, dessen Eltern ihm als Künstler und Hausbesetzer eigentlich revolutionäre Gene mitgegeben haben müssen, serviert mit seinem Quartett bei seinem Neuburg-Debüt im restlos ausverkauften Hofapothekenkeller ganz bewusst leichte Kost, die nie anecken würde. Sie besteht aus Standards und Popnummern mit hohem Wiedererkennungswert. Alles klingt höchst verbindlich und risikoarm, in weiten Teilen erinnert es an einen, der im Birdland seine ersten Schritte unternahm, bevor er zur nationalen Berühmtheit avancierte: Till Brönner. 2008 kam der smarte Sunnyboy an der Trompete zuletzt zum Sommerjazz in den Neuburger Schlosshof, seither hat sich eine Menge verändert. Brönner versteht sich nicht mehr explizit als Jazzmusiker, sondern mehr als Unterhaltungsmusiker. Und weil er irgendwann auch den jungen Bill Petry unter seine Fittiche nahm, wirkt der nun wie ein originalgetreuer Klon des großen Vorbildes.
Es gäbe zwei Möglichkeiten, Petrys Konzert in Worte zu fassen, das er mit seinen grundsoliden Begleitern Christian von der Goltz am Piano, Olaf Casimir am Kontrabass und Tobias Backhaus am Schlagzeug im Birdland absolviert. Die einen würden es ein Angebot zum Innehalten, zur Entschleunigung, zur Selbstvergewisserung in Zeiten von Unsicherheit, Krisen und hektischem Alltag nennen, bei dem man die Augen schließen und sich auf die Ruhe einlassen kann. Die gehässigere Variante dagegen würde lauten: Fahrstuhlmusik, Wartezimmer-Berieselung oder Betablocker-Jazz. Keine Aufregung, kein Stress. Kein Milligramm Adrenalin schießt da ins Blut, weil Bill Petry und Co. immer nur die entschleunigte, ungefährliche Gangart wählen. Bezeichnend dafür ist vor allem Tobias Backhaus, der weite Teile des Abends mit dem Besen die Felle der Snare streichelt.
In seinen etwas lebendigeren Nummern erinnert der junge Berliner wenigstens noch an Herb Alpert Tijuana Brass, etwa in Georgie Fames ikonischem „Yeh Yeh“ oder an den frühen Chet Baker. Ein kleiner Höhepunkt ist seine überaus persönliche, anrührende Version von Randy Newmans „Loosing You“, ein ehrliches, emotionales Eingeständnis, dass man über manche Verluste nie hinwegkommt. Und Petry beherrscht sein Instrument fürwahr grandios, ist technisch über jeden Zweifel erhaben, verfügt über einen blitzsauberen, akkuraten Ton und lehnt seine Linien immer wieder an die imaginäre Singstimme bekannter Gassenhauer an. Eigene Schleifen, spricht Impros über Themen, die alle mitsummen können, kommen hin und wieder auch vor, bleiben aber leider Mangelware.
Je länger der Gig dauert, umso mehr kommt einem das eherne Credo gestandener Jazzmusiker in den Sinn, die ihre Konzerte grundsätzlich nach dem altbewährten Schema „Ballad-Bossa-Burner“ aufbauen. Bei Bill Petry stehen die Signale dagegen fast ausschließlich auf „Ballad“. Das ermüdet zunehmend, und bei der Zugabe „You Are So Beautiful“ sinkt der Puls sogar auf gefühlte 40 Schläge. Weil das Publikum über einen feinen Sensor für das Machbare und Mögliche verfügt, applaudiert es höflich, aber nicht überschwänglich.

