Benjamin Schaefer „Stone Flower“ | 18.04.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Ein Nerd ist einer, der den Dingen auf den Grund geht. Einer, der dabei kein Detail auslässt und über enormes Fachwissen verfügt. Benjamin Schaefer, der mit seinem Quartett „Stone Flowers“ im Birdland Jazzclub auftritt, spricht im Laufe des Abends selber ein­mal davon, das ein oder andere Stück „nerdy music“ komponiert zu haben. Aber ist er deswegen gleich ein Nerd?

Ganz gewiss keiner im früher üblichen negativen Sinn, denn der Mann, der da am Clavia Nord E-Piano sitzt, neben sich auf der Ablage diverse Effektgeräte, der dem Sound der frühen Siebziger nach­spürt, Michael Heupel (Quer-, Bassquer- und Kontrabassquerflöte), Jan Schreiner (Baritonposaune), Thomas Sauerborn (Schlagzeug) – was für eine abenteuerli­che Kombination – mitgebracht hat, er­klärt ausführlich und auf charmante Wei­se, welche Gedanken und Ideen in die Kompositionen einflossen und warum sie so klingen, wie sie klingen. Schaefer ist offen für sein Publikum, mitteilsam. Und er ist offen dafür, aus allem, was ihm durch den Kopf geht und was ihm dafür geeignet erscheint, Musik zu ma­chen.

Da ist zuerst der Sound, der sich an Antônio Carlos Jobim’s „Stone Flower“ orientiert. Das Werk von 1970, das Schaefers Band den Namen gab und woraus er „ Andorinha“ und den Titel­song – einst auch von Santana für das Caravanserai-Album gecovert – als Klammer für das Konzert übernimmt, ist die eine Quelle. Eine zweite ist die Zah­lenreihe des Mathematikers Fibonacci, in der jede Zahl die Summe der beiden vor­hergehenden ist. Daraus entsteht die „Spirals“-Trilogie, in der Schaefer die Zahlenfolge in ein exakt durchorgani­siertes musikalisches Raster überträgt, das im Ergebnis zwar griffig ist, sich aber einer schnellen Aneignung dennoch entzieht. Akribische Analyse täte Not, um alles zu durchblicken, aber das Hö­rerlebnis ist viel zu faszinierend, um sich ablenken zu lassen. Wobei die Thematik so ganz neu aber auch wieder nicht ist. 1973 bereits beschäftigte sich die briti­sche Band „If“ damit. Das Resultat war „Fibonacci’s Number“.

Das zweite große Thema, das das ganze Konzert durchweht, sind die „Stone Flo­wers“ selbst, deren vielfältige Bedeu­tung. Jede einzelne nimmt Schaefer sich vor und setzt sie in Töne um. Man trifft Stone Flowers im Zusammenhang mit Prokofjews Ballettmusik, in den leben­den Steinen in „Lithops“, als Bezeich­nung für ein Mahnmal gegen Kriegsver­brechen im ehemaligen Jugoslawien, als Titel eines Romans über Diamantenhan­del in Südafrika. Er habe sich die Mole­külstruktur von Diamanten etwas genau­er angeschaut und daraus das Stück „Southern Cross“ entwickelt, erzählt Schaefer, eine Komposition, die klingt, als hätte man Egg, Henry Cow und Hat­field & The North aus der Canterbury-Ära seziert und neu zusammengesetzt, eine Prise aus der Frühphase von Chick Corea’s Return To Forever mit Joe Far­rell an der Flöte untergerührt und mit Schaefers ganz spezieller Gewürzmi­schung abgeschmeckt.

Manchmal denkt man, man habe derar­tig konstruierte Musik schon mal irgend­wo gehört, oder zumindest Fetzen dar­aus. Dann wieder öffnen sich durch sie Räume, die vorher nicht einmal existier­ten. Es ist, als sei man in einem Laby­rinth. Hinter jeder Weggabelung er­wartet einen Neuland. Man weiß, es gibt Struk­turen, hört sie, spürt sie. Und ist doch ständig auf der Suche nach ihnen. Wird man am Ende selber noch zum Nerd? – Und wenn es so wäre: In diesem Fall gerne.