Ein Nerd ist einer, der den Dingen auf den Grund geht. Einer, der dabei kein Detail auslässt und über enormes Fachwissen verfügt. Benjamin Schaefer, der mit seinem Quartett „Stone Flowers“ im Birdland Jazzclub auftritt, spricht im Laufe des Abends selber einmal davon, das ein oder andere Stück „nerdy music“ komponiert zu haben. Aber ist er deswegen gleich ein Nerd?
Ganz gewiss keiner im früher üblichen negativen Sinn, denn der Mann, der da am Clavia Nord E-Piano sitzt, neben sich auf der Ablage diverse Effektgeräte, der dem Sound der frühen Siebziger nachspürt, Michael Heupel (Quer-, Bassquer- und Kontrabassquerflöte), Jan Schreiner (Baritonposaune), Thomas Sauerborn (Schlagzeug) – was für eine abenteuerliche Kombination – mitgebracht hat, erklärt ausführlich und auf charmante Weise, welche Gedanken und Ideen in die Kompositionen einflossen und warum sie so klingen, wie sie klingen. Schaefer ist offen für sein Publikum, mitteilsam. Und er ist offen dafür, aus allem, was ihm durch den Kopf geht und was ihm dafür geeignet erscheint, Musik zu machen.
Da ist zuerst der Sound, der sich an Antônio Carlos Jobim’s „Stone Flower“ orientiert. Das Werk von 1970, das Schaefers Band den Namen gab und woraus er „ Andorinha“ und den Titelsong – einst auch von Santana für das Caravanserai-Album gecovert – als Klammer für das Konzert übernimmt, ist die eine Quelle. Eine zweite ist die Zahlenreihe des Mathematikers Fibonacci, in der jede Zahl die Summe der beiden vorhergehenden ist. Daraus entsteht die „Spirals“-Trilogie, in der Schaefer die Zahlenfolge in ein exakt durchorganisiertes musikalisches Raster überträgt, das im Ergebnis zwar griffig ist, sich aber einer schnellen Aneignung dennoch entzieht. Akribische Analyse täte Not, um alles zu durchblicken, aber das Hörerlebnis ist viel zu faszinierend, um sich ablenken zu lassen. Wobei die Thematik so ganz neu aber auch wieder nicht ist. 1973 bereits beschäftigte sich die britische Band „If“ damit. Das Resultat war „Fibonacci’s Number“.
Das zweite große Thema, das das ganze Konzert durchweht, sind die „Stone Flowers“ selbst, deren vielfältige Bedeutung. Jede einzelne nimmt Schaefer sich vor und setzt sie in Töne um. Man trifft Stone Flowers im Zusammenhang mit Prokofjews Ballettmusik, in den lebenden Steinen in „Lithops“, als Bezeichnung für ein Mahnmal gegen Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, als Titel eines Romans über Diamantenhandel in Südafrika. Er habe sich die Molekülstruktur von Diamanten etwas genauer angeschaut und daraus das Stück „Southern Cross“ entwickelt, erzählt Schaefer, eine Komposition, die klingt, als hätte man Egg, Henry Cow und Hatfield & The North aus der Canterbury-Ära seziert und neu zusammengesetzt, eine Prise aus der Frühphase von Chick Corea’s Return To Forever mit Joe Farrell an der Flöte untergerührt und mit Schaefers ganz spezieller Gewürzmischung abgeschmeckt.
Manchmal denkt man, man habe derartig konstruierte Musik schon mal irgendwo gehört, oder zumindest Fetzen daraus. Dann wieder öffnen sich durch sie Räume, die vorher nicht einmal existierten. Es ist, als sei man in einem Labyrinth. Hinter jeder Weggabelung erwartet einen Neuland. Man weiß, es gibt Strukturen, hört sie, spürt sie. Und ist doch ständig auf der Suche nach ihnen. Wird man am Ende selber noch zum Nerd? – Und wenn es so wäre: In diesem Fall gerne.

