Immer, wenn sich Musiker ehrlich machen, sind sie richtig gut. „Ich finde euren Mut toll, sich auf etwas einzulassen, das ihr so wahrscheinlich noch nie gehört habt. Vielen Dank für euer Kommen!“, sagt Benjamin Schaefer ganz am Ende eines Konzertes, das es in dieser Form im Neuburger Birdland bislang nicht gab. Dann applaudieren die vier Musiker spontan von der Bühne herunter den wenigen Leuten, die an diesem Samstagabend den Weg in die Katakomben des Hofapothekenkellers auf sich genommen haben.
Verkehrte Welt. Aber die Gegenreaktion lässt nicht lange auf sich warten. Bei einem Auftritt wie dem von Schaefers Band Stone Flower, der normalerweise weit geöffnete Ohren und jede Menge Einfühlungsvermögen verlangt, der gemeinhin als sperrig und wenig populistisch gelten würde, explodieren die Reaktionen der Besucher förmlich. Sie klatschten sich die Finger wund, johlen, pfeifen, fordern das Quartett lautstark zu einer Zugabe auf und hätten gerne noch mehr von diesem kruden, bunt schillernden, fantasieanregenden Mix gehört.
Was ist da bloß passiert? Wer nun schlussfolgern möchte, dass es womöglich die sambaähnlichen Nummern waren, die das Publikum letztendlich abholten, der denkt viel zu kurz. Es ist vielmehr diese verrückt-geheimnisvolle Melange aus allem, die im Kopf des vielseitigen 45-jährigen Pianisten und Dozenten an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln entsteht. Ein bisschen Kiffermusik vom Anfang der 1970er in den völlig freien Stücken, die Erinnerungen an psychodelische Bands wie Ash Ra Tempel oder Tangerine Dream wach werden lassen, ein paar Reminiszenzen an Chick Coreas „Return To Forever“-Phase – womit Schaefer damit auch wieder die Kurve zum Jazz bekommt – und seine große Leidenschaft für den brasilianischen Komponisten Antônio Carlos Jobim.
Und dann noch die Instrumentierung! Wo hat man schon einmal ein Quartett gehört, das aus einem Kontrabass-Flötisten (Michael Heupel), einem Bariton-Posaunisten und Tubisten (Jan Schreiner), einem ständig in Bewegung befindlichen, fast hippeligen Schlagzeuger (Thomas Sauerborn) und Benjamin Schaefer besteht? Dass Letzterer den fast schon heiligen Bösendorfer-Flügel von der Bühne verdrängt hat und durch ein elektrische Clavia-Nord-Piano ersetzt, ist nur schwer mit dem klassischen Birdland-Image vereinbar.
Und dennoch klappt es. Die unorthodoxe Kombination wirkt wie eine Zeitmaschine und der Bandname „Stone Flower“ wie ein roter Faden, der durch den Abend führt. Der Tastenkünstler ließ sich beim Komponieren der Stücke von einem Denkmal inspirieren, das an Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien erinnert. Es geht aber auch um einen gleichnamigen Roman von Allan Scholefield, der im Südafrika des 19. Jahrhundert spielt. Faszinierend, wie die Band dabei in dem Stück „Southern Cross“ der Molekularstruktur von Diamanten eine akustische Komponente verleiht.
Schaefers Idol Jobim hinterließ ebenfalls ein Stück von 1970, das den Titel „Stone Flower“ trägt und in seiner rauen, rumpeligen Lebensfreude die restlos begeisterten Besucher beinahe zum Tanzen bewegt hätte. Trotz der eigentlich avantgardistischen Grundausrichtung findet die Band im Hofapothekenkeller eine Versuchsanordnung, die erstaunlich warm wirkt und sogar eigene ältere Stücke und Ballettmusik von Sergej Prokofjew geschickt recycelt. Schlussendlich geht es auch darum, den Mut dieser Musiker zu honorieren, die den Mainstream verlassen, obwohl sie keinesfalls wissen, ob sie dabei je ihr Ziel erreichen werden. Zumindest für die mutigen Neuburger Zuhörer ist ihnen das diesmal schon gelungen.

