Marialy Pacheco | 18.09.2020

Donaukurier | Karl Leitner
 

Es mag an der jahrelan­gen postrevolutionären Isolation liegen, dass der kubanische Jazz eine so eigen­ständige Sprache entwickeln konnte. Wobei insbesondere die Pianisten einen entscheidenden Anteil daran hatten. Chu­cho Valdés, Gonzalo Rubalcaba und auch Roberto Fonseca kommen einem da in den Sinn, in jüngerer Zeit aber auch Marialy Pacheco, die im Neuburger Birdland Jazzclub an diesem Abend ein Solokonzert gibt.

Und zwar eines der ganz besonderen Art. Es mag sein, dass die Musik von der größten der karibischen Inseln deswegen eine derartige Faszination ausübt, weil in ihr afrikanischen Rhythmik und europäi­sche Harmonik eine so betörende Allianz eingehen. Aber da ist auch noch der Jazz, der in ihrer Heimat schon allein deswe­gen auf besonders intensives Interesse stieß, weil er als westliche, imperialisti­sche Musik geächtet war.

Bei Marialy Pacheco kommt nicht nur die Liebe zum Jazz im Allgemeinen, sondern vor allem die zu Keith Jarrett im Besonderen hinzu. Ihre Versionen von dessen „Be My Love“ und „My Song“ sind betörende Preziosen, verströmen eine Leidenschaft, die einen sofort in ihren Bann zieht, die man als Zuhörer persönlich spüren kann. Ihre Musik ist ein Spiegelbild ihrer eigenen und der Seele ihres Heimatlandes, in ihr liegen überbordende Lebensfreude, Sinnentau­mel und mit Händen zu greifende Me­lancholie ganz nah beieinander. Immer wieder erzählt sie zwischen den einzel­nen Stücken Geschichten und Anekdoten aus ihrer Vita. Manchmal tut sie das für manch einen zugegebenermaßen viel­leicht etwas zu theatralisch oder zu aus­ufernd, aber authentisch ist die quirlige Musikerin mit den flinken Fingern dabei immer. Nichts ist aufgesetzt. So ist sie eben und kann nicht anders.

Unter ihren Händen wird jedes einzelne Stück des Abends zu einem überaus schmackhaften improvisierten Bonbon. Ob es sich dabei um Mercer Ellington’s „Things Ain’t What They Used To Be“ handelt, um einen der höchst diffizilen Titel von Ernesto Lecuona, um übermü­tigen Flamenco, um die schwer zu grei­fende Komposition mit dem Fantasiena­men „Burundanga“ oder eine dieser un­vergleichlichen Balladen Jarretts – im­mer ist die Persönlichkeit Marialy Pa­checos von entscheidender Bedeutung. Die von ihr ausgewählten Stücke werden zu ihren eigenen, manche klingen schrill und bunt, wie man sie vorher vermutlich noch nie gehört hat, manche auf einzig­artige Weise intim. „Das Schöne an im­provisierter Musik“, sagt Marialy Pache­co, „ist ihre Einzigartigkeit. Was ich heu­te spiele, werde ich so nie mehr reprodu­zieren können.“ Damit bringt sie das We­sen des Jazz auf den Punkt und liefert gleichzeitig das Motiv dafür, warum für viele Jazzfans auch hundertmal interpre­tierte Standards nie uninteressant wer­den. Weil eben jeder sie anders interpre­tiert und in ganz besonderen Fällen viel­leicht sogar neu erfindet. Es gab Passa­gen an diesem Abend, da gelang Marialy Pacheco sogar das.