Am 4. September feiert Manfred Rehm, seit 1985 offiziell 1. Vorsitzender des 1958 von ihm selber gegründeten Birdland Jazzclubs in Neuburg an der Donau, seinen 85. Geburtstag. In einem Alter, in dem viele seines Jahrgangs sich längst zur Ruhe gesetzt haben, ist er noch umfänglich aktiv, lenkt die Geschickte eines der wichtigsten Jazz-Clubs Deutschlands, ja, Europas. „Jazz hält eben fit und jung“ sagt er mit einem Augenzwinkern, gibt aber auch gerne zu, dass der Sport – er schwimmt, fährt Rad und bewegt sich täglich nach einem strammen und fest umrissenen Plan – schon auch mit zur Gesundheit beitragen. Immerhin erledigt er nach wie vor als Veranstalter mit einem weltweiten Netzwerk und langjährigen Kontakten in die Jazzszene einen Fulltime-Job, und das soll auch noch möglichst lange so bleiben. „So lange es geht, mache ich das“, sagt er. „Und so lange es Spaß macht“. Und genau das tut es nach wie vor, wie man allwöchentlich bei den von ihm organisierten Konzerten sehen kann.
Im Grunde ist die Sache recht einfach: Der Jazz ist Rehms Leben. Die Richtung zeichnete sich bereits in frühen Jahren ab. Als von Musik begeisterter Vertreter seiner Generation hätte er eigentlich Elvis-Fan werden müssen. Wurde er aber nicht. „Weil mich nie die kommerzielle Seite der Musik interessierte, sondern deren unglaubliche kreative Vielfalt“, wie er betont. Seine ersten Kontakte mit „seiner“ Musik verdankte er Mitte der 50-er dem Radio, genauer gesagt Werner Götze, der bereits damals im Bayerischen Rundfunk erste Jazzsendungen moderierte, und AFN Munich, dem Sender für die US-Streitkräfte in Europa. „Das lief alles über Mittelwelle“, sagt er, „und das Rauschen hat mitunter sehr gestört, aber was da lief, war eben meine und die Musik meiner Freunde.“ Auch an seine ersten eigenen Platten erinnert er sich noch. Zuerst war da 1956 eine Single von Jerome Richardson, dann kam eine LP von J. J. Johnson namens „Dial J.J. 5“ dazu. „Bei der läuft’s mir heute noch kalt den Rücken runter, wenn ich sie auflege“, sagt er.“ All die Musiker, die er im Radio hörte, kamen dank des Konzertbüros Lippmann + Rau zu der Zeit auch für Konzerte nach München, also fuhren Rehm und seine Clique dorthin, um sie – in der Regel im Deutschen Museum – live zu sehen. Sechs Mann in einem VW Käfer mit 34 PS. Einmal holte Duke Ellington die jungen Leute aus der Provinz, die er ganz hinten im Saal entdeckt hatte, sogar persönlich nach vorne in die erste Reihe. „Das war am 14. November 1958“, erinnert Rehm sich ganz genau, „und wir wussten gar nicht, wie uns geschah.“ Und wenn die Musiker sich nach dem Konzert noch im Studio 15 in der Leopoldstraße zu einer späten Session trafen, drückte sich die Neuburger Delegation vor dem Eingang herum, um ihre Helden ganz aus der Nähe zu sehen.
Zuhause in Neuburg gründete er 1958 einen Verein, organisierte Fahrten an die Isar, wohnte ab 1962 die Woche über für sechs Jahre selbst dort, trieb sich im dortigen Domicile herum, hatte als Flötist – später kam das Altsaxofon hinzu – in Neuburg zwei eigene Bands, die Birdland Jazzband und die Birdland Oldtime Band. Während er sich mit Leidenschaft und Ausdauer seiner großen Liebe, dem Jazz, widmete, machte er beruflich freilich etwas ganz anderes. Nach einer Ausbildung zum Vermessungsingenieur war er bis zu seiner Pensionierung mit 64 Jahren in Vollzeit beim Vermessungsamt Ingolstadt tätig. „Ich habe schon immer viel lieber draußen gearbeitet statt im Büro“, sagt er. „Da war der Beruf des Geometers also genau der richtige Job für mich.“ Neben dem des Konzertveranstalters im Zweitberuf, wohlgemerkt.
Zuerst buchte Rehm für die Künstler, die er in Neuburg vorstellte, und deren Publikum unterschiedliche Säle in wechselnden Gasthäusern, was aber nicht wirklich befriedigend war „Der Wirt war am Umsatz interessiert, wir am Jazz. Das funktionierte nicht immer reibungslos“, erzählt er. 1985 wurde dann der Birdland Jazzclub neu gegründet, Rehm wurde erster Vorsitzender – was er bis heute ohne Unterbrechung ist – die „Schöne Aussicht“ und das „Cocodrillo“ wurden kurzfristig feste Spielsätten, aber keine Dauerlösung. Eine eigene Heimat bekam der Club dann endlich 1991. „Ich hatte gehört, dass das Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke umgebaut wurde und erfahren, dass der Besitzer der Immobilie dort eine Weinstube einrichten wollte. Wir haben uns persönlich getroffen, fünf Minuten miteinander geredet und per Handschlag ausgemacht, dass der Keller fortan den Birdland Jazzclub beherbergen sollte.“ Was er bis heute tut. Seither fanden dort – Rehm hat das vor kurzem mal grob geschätzt – 3.000 bis 4.000 Konzerte mit rund 25.000 Musikern statt. Von denen er selber exakt sechs versäumt hat.
Heute genießt das Birdland in der Szene einen fast legendären Ruf. Täglich kommen Anfragen von Musikern und Agenturen aus der ganzen Welt um einen Konzerttermin. Die Warteliste ist lang und die Liste mit den Namen all derer, die hier gespielt haben, deren Portraitfotos an den Wänden hängen – und aus Platzmangel im Magazin schlummern – , ist noch länger. Es sind viele Weltstars darunter, aber der Status der Musiker ist Rehm gar nicht so wichtig. „Nicht die Namen und die Bekanntheit sind entscheidend“, sagt er, „sondern der Tiefgang ihrer Musik. Es gibt Bands, bei denen explodiert das Publikum bereits beim zweiten Stück, weil es mitgerissen wird. Das ist das, was wirklich zählt.“ Guter Jazz müsse sich echt anfühlen, nicht aufgesetzt, nicht rein dem Kommerz verpflichtet, nicht in erster Linie an Verkaufszahlen orientiert. „Es gibt eine unglaubliche Palette von stilistischen Varianten. Von der Avantgarde bis zum Oldtime Jazz ist alles möglich.“ Rehm hat es geschafft, für jede dieser Varianten ein eigenes Publikum zu interessieren, das aber gleichzeitig offen ist für das, was jenseits der primären Vorlieben noch so alles passiert, das bereit ist, auch Neues auszuprobieren. Nur bei Jazz-Rock und Fusion stößt er bisweilen an seine Grenzen. Das sei nur eingeschränkt möglich, was nicht an deren mangelnder Qualität liege, sondern am Grad ihrer elektrischen Verstärkung, für die das Birdland-Gewölbe aus akustischen Gründen weniger geeignet sei. Um mit Rehms Konzept in einer Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern erfolgreich zu sein, muss man ein Programm anbieten, das auch Leute von auswärts anzieht. Und so setzt sich das Publikum im Birdland im Schnitt aus 20 Prozent Neuburgern und 80 Prozent aus Ingolstadt, München, Augsburg, Nürnberg und Regensburg zusammen. Und ein paar sind fast immer dabei, die von noch weiter anreisen. Das war nicht immer so, das ist das Ergebnis einer Strategie über viele Jahre hinweg, für die Rehm verantwortlich war und ist. Und noch etwas hat sich augenfällig verändert im Vergleich zu den Anfangsjahren. „Es gibt heute eine unglaublich hohe Qualität auch bei ganz jungen Musi-kern“, sagt er. „Jazz ist heute Teil des Lehrplans in den Musikhochschulen. Die hervorragende Ausbildung, die die jungen Leute dort erhalten, ist nicht zu vergleichen mit der in den Jahren, als wir hier in Neuburg angefangen haben.“
Jazz löst bei allen, die dafür offen sind, Begeisterung aus. Bei den Musikern, beim Publikum, nicht selten auch bei denen, die darüber berichten. Bei Manfred Rehm natürlich auch, weil er überzeugt ist, dass von der Beschäftigung „mit den schönen Dingen“ eine Kraft ausgeht, die einen stärkt. „Alles was ehrlich und wahr ist, bewegt mich. Kultur an sich und der Jazz im Besonderen. Ich muss die Musiker in erster Linie gar nicht mal sehen. Ich mache die Augen beim Hören zu und genieße. Wahrscheinlich kommt das noch von früher, vom Radiohören.“
Manfred Rehm hat viel erreicht in seinem Leben, in dem sich bis heute alles um Jazz dreht. Die Reihen „Jazz im Audi Forum“, die ebenfalls für Audi konzipierten Konzerte im Rahmen der „After Work Jazz Lounge“, das „Birdland Radio Jazz Festival“ in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk, die Konzerte für „Art Of Piano“ und „Regio Jazz“. Er ist als Berater für andere Veranstalter tätig, unter seiner Führung hat das Birdland mittlerweile sieben Mal den „Applaus“, den Spielstättenpreis der Bundesregierung, erhalten und ist einer der meist beachteten Werbeträger seiner Heimatstadt. Dazu ist mehr nötig als lediglich eine emotionale Leidenschaft für eine bestimmte Musik. Dafür braucht es auch eine Haltung, eine Persönlichkeit, ein Gespür dafür, wie man mit Menschen umgeht. Rehm verbindet Profes-sionalität mit Herzblut, echte Gastfreundschaft mit respektvoller Distanz und Wertschätzung mit konstruktiver Kritik. Er sorgt dafür, dass „seine“ Musiker vom Flughafen oder vom ICE abgeholt werden und vor Ort im besten Hotel wohnen, würde aber trotz freundschaftlicher Verbundenheit nach dem Konzert nie einem feuchtfröhlichen Umtrunk zustimmen. Er gratuliert ihnen nach dem Gig zu einem gelungenen Auftritt, nimmt sich aber auch die Freiheit, auszusprechen, wenn mal was nicht geklappt hat. Er verhandelt couragiert mit Behörden und Sponsoren, bietet aber gleichzeitig jungen Musikern Gagen an, die gebucht waren, aber wegen Corona kurzfristig nicht auftreten durften. Jeder, der mit ihm zu tun hat, bemerkt es sofort: Hier ist ein echter Profi am Werk, der nach wie vor für seine Musik brennt, der weiß, was er tut und wie er es tun muss. Hoffentlich hält dieser Zustand noch ganz lange an. Man kann es ihm und seinem Publikum nur wünschen. – Alles Gute zum Geburtstag, lieber Manfred Rehm!

