Jazzmusiker auf Reisen haben oft einiges zu schleppen. Gitarren, Saxofone, Trompeten, mitunter sogar Kontrabässe. Dass einer sein eigenes Klavier dabei hat, kommt aus verständlichen Gründen so gut wie nie vor. Wer die schwarzen und weißen Tasten bedient, muss sich auf das verlassen, was er vor Ort vorfindet. Mitunter freilich ist das, was da angemietet, ausgeliehen oder aus irgendeiner Abstellkammer auf die Bühne gehievt wird, ziemlich gruselig.
Genau das Gegenteil trifft auf den Flügel im Birdland-Jazzclub in Neuburg zu. Der Club wurde in seiner jetzigen Form 1991 im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke in Neuburgs Altstadt eröffnet, und seit dem ersten Tag ist der clubeigene Flügel zu dessen Aushängeschild geworden. Am 12. September jenes Jahres kam er zum ersten Male zum Einsatz. „Die Klasse eines Jazzclubs ist nicht nur an seinem Programm, sondern auch an der Klasse seines Flügels abzulesen“, sagt Manfred Rehm, seinerzeit Gründer des Birdland und dessen Chef bis heute. Er erinnert sich noch ganz genau daran, wie der Flügel damals seinen Weg nach Neuburg fand. „Eigentlich sollte es ja ein Steinway sein“, sagt Rehm rückblickend, „aber dann haben wir befreundete Pianisten gefragt, welches Instrument sie denn bevorzugen würden. Ein Steinway sei hervorragend, beteuerten sie alle, aber ein Bösendorfer wäre ein Traum.“
Also fuhr eine Abordnung aus Neuburg nach Wien, um sich dort im Stammhaus der Firma Bösendorfer im 1. Wiener Bezirk diesbezüglich umzuschauen. Dort hatte bereits eine Vorauswahl stattgefunden. Der legendäre Pianist Oscar Peterson hatte aus zehn Flügeln eigens für Neuburg fünf ausgesucht, die er für besonders jazzgeeignet hielt. Die Endauswahl traf der zu der Zeit in Wien gastierende amerikanische Pianist Larry Porter. Kurz darauf stand der Flügel der Baureihe M 200 im Kellergewölbe des Clubs in Neuburg und Porter selbst weihte ihn dort mit einem Konzert ein.
„Die Baureihe M 200 gibt es seit 1958, wird auch heute noch gebaut und ist über die Jahre mit grob geschätzt 12.000 Stück unser meistverkauftes Modell überhaupt.“, sagt Florentine Müller, Sprecherin der Bösendorfer-Manufaktur. „Der aktuelle Listenpreis lag damals bei umgerechnet 57.000 Euro. Heute muss man 128.290 Euro für einen M 200 auf den Tisch legen. Viele bekannte Pianisten haben einen bei sich zu Hause stehen. André Previn und Alfred Brendel bevorzugten ihn, und aus dem Jazzbereich Oscar Peterson, Herbie Hancock, Dave Brubeck Joe Zawinul und Gonzalo Rubalcaba.
Alle, die damals in Wien dabei waren, erinnern sich noch, als wäre es gestern erst gewesen. Zum Beispiel Unternehmer und Kulturmäzen Fritz von Philipp, ein leidenschaftlicher Jazzfan bis heute. Er sorgte für die finanzielle Basis. „Der Manfred Rehm leistet im Birdland dermaßen vorzügliche Arbeit, dass wir den Club beim Kauf des Flügels ganz unbedingt unterstützen wollten. Und wir tun das regelmäßig bis heute“, sagt er. „Damals ging das noch über unser Globol-Werk, heute läuft’s über die Familienstiftung und die VpFoundation.“ Der mittlerweile 72-jährige Larry Porter, der auf „seinem“ Flügel am 2. Februar diesen Jahres auch dessen 35. Geburtstag feierte, sagt: „Dieser Flügel ist das beste, was du im Hochpreissegment finden kannst. Es ist jedes Mal ein Erlebnis, wenn ich ihn spielen darf. Es muss eine Kommunikation stattfinden zwischen dem Pianisten und seinem Instrument. In diesem Fall klappt das hervorragend. Ich weiß sogar noch, was ich damals in Wien beim Test gespielt habe. Es war ‚Round Midnight‘ von Thelonious Monk. Es ging mir damals ganz besonders um den Anschlag und den Sound und ich war sofort begeistert und bin es heute noch. Aber das Instrument bekommt hier im Club ja auch vorbildliche Pflege und Wartung.“
Damit kommt Thomas Olbrich ins Spiel, Klavierbaumeister aus dem benachbarten Oberhausen. Auch er war damals in Wien mit dabei, stimmt den Flügel seither vor jedem Konzert, mitunter also zweimal pro Woche, und kennt das Instrument in- und auswendig. „Er ist mein Baby“, sagt er, der darüber hinaus auch die Instrumente im Neuburger Kongregationssaal oder im Ingolstädter Stadttheater betreut. Alle, die darauf spielen, attestieren ihm höchste Profes-sionalität und handwerkliches Können als Klavier-Fachmann. „In der Regel hat ein Instrument wie dieses bei guter Betreuung auch nach so langer Zeit keine großen Macken. Die Hammerköpfe muss man austauschen, wenn sie abgespielt sind, und man muss den Flügel natürlich vor jedem Konzert neu stimmen, was schon bis zu zwei Stunden in Anspruch nehmen kann. Aber eigentlich hält ein Instrument dieser Qualität bei entsprechender Behandlung gut und gerne bis zu 70 Jahre“, sagt er. Aber Schreckmomente gäbe es schon auch, erzählt er. „Schädlich ist es, wenn ein Pianist in das Instrument, also direkt die Saiten greift. Oder wenn er ohne Notenpult spielt und Schnupfen hat. Verschwitzte Hände und Tröpfchenbildung beim Nießen führen zur Rostbildung auf den Saiten. Man sieht es nicht sofort, aber man hört es.“ Und dann ist da noch das Problem mit der Luftfeuchtigkeit. Das Birdland gönnt sich ja eine recht lange Sommerpause. Der Grund dafür ist unter anderem auch die Empfindlichkeit des Flügels. Olbrich: „Nicht umsonst ist unter dem Flügel ist ein Klimagerät installiert, das die Bedingungen im Clubkeller regelt. Ohne dieses Gerät läge der Feuchtigkeitsgehalt der Luft im Sommer bei bis zu 75 Prozent und wäre mit Publikum und offenen Eingangstüren noch weitaus höher, während 30 Prozent im Winter das andere Extrem wäre. Bei einem Normalwert von 45 bis 60 Prozent wären das ohne Gegenmaßnahmen in der Tat ungünstige Bedingungen, unter denen das Holz sehr stark arbeiten, das Instrument sich laufend verstimmen und dauerhaft Schaden nehmen könnte.“
Nun gibt es Konzerte mit und solche ohne Flügel. Um das Instrument, das immerhin um die 350 Kilogramm wiegt, bei Bedarf schnell und problemlos von und später wieder auf die Bühne zu bekommen, hat Robert Komarek, der im Birdland für die gesamte Technik und den Ablauf zuständig ist, ein spezielles Schienensystem nach dem Prinzip der schiefen Ebene entwickelt. Zwei Personen schieben oder bremsen, ein dritter achtet darauf, dass die Rollfüße in den Schienen laufen. Der Umbau dauert nicht mal fünf Minuten und funktioniert seit Jahren reibungslos.
Allein in der Reihe „Art Of Piano“, die von Rehm eigens rund um den Flügel herum konzipiert wurde, stand der Bösendorfer bisher 278 Mal im Mittelpunkt des Geschehens, nimmt man alle Konzerte mit Piano-Beteiligung zusammen, sind es natürlich weitaus mehr. Weltstars des Jazz haben an ihm Platz genommen, wurden durch seine Existenz und seinen hervorragenden Ruf manchmal überhaupt erst nach Neuburg gelockt. Monty Alexander, Joachim Kühn, Esbjörn Svensson, Dave Brubeck, Brad Mehldau, Kenny Barron, Aki Takase, Michael Wollny, Paul Kuhn, Geri Allen, Carla Bley, Mal Waldron, Iro Rantala, Michel Petrucciani, Diana Krall – die Liste ist endlos und wird permanent fortgeschrieben. Piano-Solokonzerte, die Cecil Taylor und Tommy Flanagan am Bösendorfer gaben, wurden auf CD veröffentlicht, und die vom Club geführten „Klavierbücher“ sind voller Lobeshymnen großer Pianisten. Monty Alexander: „Es ist immer ein Genuss, auf einem solchen Instrument zu spielen.“ Esbjörn Svensson: „Ein wunderbarer Flügel!“ Oder Bill Carrothers: „Wenn Ihr ihn je irgendwann mal verkaufen wollt, dann …“ – Was natürlich niemals nicht in Frage käme.
Ganz im Gegenteil. Von den sechs für den September geplanten Konzert im Birdland kommt er bei fünfen zum Einsatz. Und nachdem dabei erneut echte Könner wie Julian Schmid und Bernhard Pichl und so bekannte Virtuosen wie Pablo Held und Sullivan Fortner auf dem Hocker Platz nehmen werden, wird er wieder der eigentliche Star sein, perfekt gestimmt, zuverlässig, klanglich makellos. Oder, um mit Marc Copland zu sprechen: „Was für ein Instrument!“

