Es gibt Anlässe, die Wellen schlagen, bevor sie überhaupt stattgefunden haben. Das Gastspiel des amerikanischen Stardrummers Jeff Hamilton, Grammypreisträger und Birdland-Fan seit den Neunziger Jahren, ist so einer. Da wird wegen der erwartbar großen Nachfrage extra das Neuburger Stadttheater gebucht, da wird das Konzert außerplanmäßig auf einen Dienstagabend gelegt und der Saisonabschluss vor der Birdland-Sommerpause ist ja sowieso alljährlich ein ganz besonderes Ereignis.
Jeff Hamilton also, der mit Diana Krall, Barbra Streisand, Willie Nelson und viele Jahre mit Oscar Peterson gespielt hat und nur selten mit einem eigenem Trio unterwegs ist, der Mann mit dem sensa-tionellen Rhythmusgefühl, der Eleganz und Leichtigkeit auf so geniale Weise verbindet, der erzählt, dass er, wenn er eine Europa-Reise plant, zuerst den Birdland-Termin vereinbart und alle anderen dann um ihn herum bucht, sorgt in der Tat für Aufsehen. Und er hat diesmal als Gastgeschenk sein neues Trio mitgebracht, seinen Landsmann Jon Hamar am Kontrabass und den Japaner Tadataka Unno am Klavier, und dazu auch noch „Sybille’s Day“ und „The Midnight Sun“, zwei ganz spezielle Kompositionen, die er explizit zwei Freunden vor Ort widmet und nur in Neuburg spielt und sonst nirgends. „I Have The Feeling I’ve Been Here Before“ heißt eine seiner wunderschönen Balladen, die zu einem persönlichen Statement und zugleich zu einem Highlight des Abends wird.
Die knapp zwei Stunden beginnen mit „Pionciana“ und enden mit „Easy Walker“ und was dazwischen liegt, hebt dieses Konzert weit über das hinaus, was man üblicherweise von dem eines Piano-Trios erwarten darf. Hier geht es nicht um einen im Zentrum des Interesses stehenden, herausragenden Pianisten – der Unno gleichwohl ist – sondern um eine Einheit, die aus drei gleichberechtigten Komponenten besteht, deren swingende Musik ihre Magie auch aus der Tatsache schöpft, dass die drei so hervorragend harmonieren, dass Standards wie „Polkadots And Moonbeams“ so völlig neu konzipiert sind, dass der Szenenapplaus nicht nur für besonders gelungene Soli gilt, sondern völlig zurecht auch für Stellen, an denen die Arrangements besonders trickreich sind. „Wenn Du einen Song spielst, den jeder kennt, dann kleide ihn vorher neu ein!“ Das war der Rat Ray Brown’s, Hamilton’s Kollegen bei Oscar Peterson, und der hält sich seither daran, macht Standards zu neuen Kompositionen, indem er sie veredelt, auf jedes Detail Wert legt, sie mit Nonchalance, Eleganz und in transparentem Sound quasi neu erschafft. Und sie per Setlist in Beziehung setzt zu eigen Stücken wie Unno’s „The Magic Of Mr. Wess“ und dessen seinem ehemaligem Boss Roy Hargrove gewidmeten „Roy Said So“, Hamar’s „BYOB Blues“ und schließlich John Clayton’s lässig shuffelnden „Blues for Stephanie“ und Richard Rodger’s „Isn’t That Romantic“, letzterer komplett runderneuert und mit Tschaikowski ausgeschmückt.
Für Jeff Hamilton, der sich sichtlich freut, endlich wieder in Neuburg zu sein, Freunde und Bekannte zu treffen, ist der Abend ein ganz besonderer, wie er immer wieder glaubhaft versichert. Was umgekehrt auch gilt, denn seine musikalischen Gastgeschenke hinterlassen einen unvergesslichen Eindruck. Mit ihnen im Nachhall ist denn auch der „Jazz-Entzug“ während der Birdland-Sommerpause weniger schmerzlich. Die dauert bis zum 11./12. September. Die neue Saison wird eröffnet mit dem Doppelkonzert von Jeff’s Namensvetter Scott Hamilton.

