Jeff Hamilton kennt Neuburg wie seine Westentasche. Und dazu eine ganze Reihe von Leuten. Fritz und Sybille von Philipp zum Beispiel, das jazzbegeisterte Mäzenen-Ehepaar. Für die Dame des Hauses hatte die 72-jährige Drum-Legende, die sich als musikalischer Direktor von Diana Krall einen klingenden Namen machte, einmal auf Bitten ihres Mannes eine eigene Geburtstagsnummer geschrieben. „Sybilles Day“ heißt die kompositorische Widmung, hat es längst ins Bandrepertoire Hamiltons sowie des Clayton-Hamilton-Orchestras geschafft und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit und Vitalität.
Eigens für die Neuburgerin, die im ersten Rang des nahezu ausverkauften Stadttheaters sitzt, lässt der Schlagzeuger bei seiner gefeierten Rückkehr nach zwölf Jahren am Dienstagabend Sybilles großen Tag musikalisch noch einmal Revue passieren – als lebhaft swingenden, edel groovenden Party-Kracher im Shuffle-Modus. Wie oft Jeff Hamilton seit Beginn der 1990er Jahre schon in Neuburg gastierte, lässt sich kaum mehr nachvollziehen.
Es muss mit Unterbrechungen gut ein Dutzend Mal gewesen, schätzt der amerikanische Weltstar selbst. Denn ihm gefällt die Stadt; das kleine Theater-Schmuckkästchen aus der Biedermeier-Zeit, der Jazzclub im Apothekergässchen, die Altstadt. Immer wenn es eine Lücke in seinem Tourplan gibt, dann nützt er die Gelegenheit zu einem Abstecher an die Donau.
Und hat dabei fast schon erwartungsgemäß und auch zum diesjährigen „Jazz-Kehraus“ seine bekannten Widmungen im Gepäck. Dabei ist „Sybilles Day“ nicht sein einziger Neuburg-Song. Stammgäste erinnern sich daran, wie Jeff Hamilton einmal den Schlüssel für sein Zimmer im Hotel am Fluss verloren hatte („Old Man Fluss“). Diesmal feiern er und seine kongenialen Mitstreiter Tadataka Unno (Piano) und Jon Hamar (Bass) außerdem Birdland-Chef Manfred Rehm, für den sie das selten gespielte, erhabene „Midnight Sun“ intonieren. Jeder der Musiker erweist an diesem Abend einem besonderen Menschen die Ehre: „Poinciana“ etwa erinnert an den großen Tastenvirtuosen Ahmad Jamal, „Magic“ an Unnos Lehrer Frank Wess und „Roy Said So!“ an den Trompeter Roy Hargrove – alle natürlich auch ein Teil der Birdland-Ahnengalerie. Dass Jeff Hamilton den Israeli Tamir Handelman am Piano durch den Japaner Tadataka Unno ersetzt hat, bringt dem Trio kaum Reibungsverluste. Der Neue ist ein Schöngeist voller sprudelnder Ideen, eine Art Jazz-Debussy, kein eingefleischter Blues-Mann. Mit dem dichten Fundament des Basses von Jon Hamar führen die drei eine noch feinere Klinge als früher – wenn man das bei der Band eines Schlagzeugers überhaupt so formulieren kann. Sie tasten sich wie auf Luftkissen durch die Themen, agieren nahezu unverstärkt, kennen ihre Breaks aus dem Effeff und swingen wie die Leibhaftigen. Der vielleicht musikalischste aller Jazz-Schlagwerker, Hamar und Unno wirken in ihrer Kompaktheit und Funktionalität wie ein Mini-Swing-Kraftwerk voller versteckter Ressourcen. Mit wohlgeformten, eleganten Harmonien, kunterbunt wechselnden Tempi und einem feinen Näschen für paritätisches Mit- und Nebeneinander beleben sie den Geist des alten Oscar-Peterson-Trios mit einer eigenen, unnostalgischen Note.
Und spätestens bei Balladen wie „Isnt It Romantic“, diesen leisen Gratwanderungen, zeigt Jeff Hamilton jedem Möchtegern-Haudrauf mit einem kaum hörbaren Besen-Solo oder auch nur mit bloßen Händen, worauf es beim Schlagzeug-Spiel wirklich ankommt. Natürliche Autorität entsteht nicht durch Krach und Lärm, sondern durch ein spezielles Gefühl für die Atmosphäre eines Songs. Denn auch ein Drumset lässt sich wie ein Lichtregler dimmen.

