Lynne Arriale Trio & Randy Brecker | 23.03.2009

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Birdland Neuburg! Wohl kaum ein anderer Ort lässt improvisierte Musik auf solchem Niveau so hautnah erleben, unverstärkt, akustisch, unmittelbar und innig. Dass Lynne Arriale sich im unmittelbar akustischen Kontext des Neuburger Jazzkellers augenfällig wohl fühlt, zeigte sich auch bei ihrem dritten Konzert nach 2001 und 2007 im historischen Gewölbe unter der Hofapotheke in der Neuburger Altstadt.

Die Pianistin mit dem gertenschlanken Anschlag, der wendigen pianistischen Eloquenz und der stets haarscharf ausgewogenen Balance zwischen Verstand und Gefühl, Kalkül und Intuition, Überlegung und Spontaneität, resolut, klar und grazil zugleich, hat eine Band der Sonderklasse zusammengeholt und geformt. Die Vier sind nicht etwa auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeicht, sondern widmen sich mit Engagement und Hingabe der gemeinsamen Musik: „Carry On“. Hinhören ist angesagt, auf der Bühne und im Zuhörerraum. Nicht von ungefähr heißt die jüngste CD der Dame „Nuance“! Detailreich und fein aufeinander abgestimmt agiert die Band, zu verschworener Einheit verschmolzen, aus der die Solisten wie selbstverständlich hervortreten. Einziges Manko: Die Reihenfolge der Soli ist fast immer gleich, so dass die Dramaturgie eher ins Innere der Soli selbst verlegt ist.

Ohne geschwätziges „Yada Yada Yada“ – „und so weiter und so fort“ eröffnen Lynne Arriales Kompositionen weite musikalische Felder, sind komplex genug um herauszufordern und hinlänglich offen um Raum zur Improvisation und spontanen Interaktion zu bieten. Randy Brecker, dessen Trompete wie Flügelhorn selten so nah am Ohr sein dürften wie an diesem Abend, spielt im uptempo spritzige Läufe von sprudelnder, purzelnder, dichter Qualität – Dizzy Gillespies „A Night in Tunesia“ oder Thelonious Monks „I Mean You“ – und flötet förmlich, haucht die Melodien ins Mundstück bei Balladen: „Longing“ oder „Arise“, zart und schön. George Mraz widerlegt alle, die da meinen, ein bis zwei Bass-Soli reichten für einen Jazzabend locker aus. Seine Darbietungen erfreuen durch phantasievolle Variabilität, geschickt gesetzte Spannungsbögen und eine unaufgeregte, dezent kultivierte, damit umso wirkungsvollere Virtuosität. Im Verbund mit dem wohldosiert, flexibel und sensibel spielenden Schlagzeuger Anthony Pinciotti gibt Mraz ein Rhythmusgespann, das Ariales „Crawfish and Gumbo“ ebenso zum fröhlichen Jagen bringt wie es Stings „Wrapped Around Your Finger“ den rechten Groove verpasst oder der „Ballad Of The Sad Young Men“ zarten Schmelz unterhebt. Keine Gewitter, dazu ist der Abend zu sehr geprägt von der Hand und der „gentle soul“ der Pianistin, von der wasserdichten Einheit der Band, von purer Musik, die direkt da ankommt, wo sie hingehört.