Lee Konitz & Minsarah | 12.03.2010

Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Alter umgibt sich mit Jugend, um wieder jung zu sein. Und Jugend sucht das Alter, weil sie reifer, weiser werden will. Vielleicht lässt sich auf diese Weise erklären, warum Lee Konitz selbst nach 82 Lebens- und 60 Karrierejahren immer noch neue Maßstäbe in der Welt des modernen Jazz zu setzen vermag. Ganz recht: modern. Denn während die einen nur noch reproduzieren und Standards als Vehikel für einstudierte Kabinettstückchen benutzen, genießt der legendäre Altsaxofonist bewusster denn je das Überraschungsmoment. Im Birdland-Jazzclub in Neuburg jetzt mit seinem New Quartet, einer deutsch-amerikanisch-israelischen Formation, die auch als Trio Minsarah für Furore sorgt und bei der jeder Einzelne locker als sein Enkel durchginge.

Doch der Altersunterschied wirkt mitnichten trennend, sondern fördert eher noch den kreativen Output. Selten zuvor konnte das Publikum den eher als kauzig verschrienen Konitz derart hemdsärmelig erleben. Dieser größte noch lebende Improvisator des Jazz, der schon mit Lennie Tristano, Miles Davis, Bill Evans sowie Tausenden anderer Musiker spielte, suchte seit Jahrzehnten eine eigene Band. Eine, die seine Gedanken lesen und telepathische Brücken bauen kann. Mit dem grandios sensitiven Pianisten Florian Weber, dem dezente Linien knüpfenden Bassisten Jeff Denson sowie dem elegant chargierenden Drummer Ziv Ravitz hat sie der Weltenbummler im Herbst seiner langen Laufbahn endlich gefunden. Ob die neblige Ballade „Color“, das dunkel funkelnde „What Is This Thing Called Love“ oder das verquerte „Kary’s Dance“: Ein generationsübergreifendes Kollektiv zelebriert Interaktion als Erlebnis für Musiker und Zuhörer gleichermaßen.

Das geht soweit, dass Konitz die Leute auffordert, minutenlang einen Grundton mitzusummen, während er dazu Kraft sparende, bunte, warm schimmernde Soundgirlanden aneinanderreiht. Er und Schlagzeuger Ravitz heulen wie Schlosshunde, während Weber eines seiner klassisch gefärbten Soli auf die Klaviatur legt. Alles früher undenkbar. Auch eine Hommage auf Charlie Parker, den großen Antipoden, hätte es noch vor zehn Jahren kaum gegeben. Just am Konzerttag jedoch jährt sich zum 55. Mal der Todestag von „Bird“. Konitz ehrt ihn, indem er dessen „Scrapple From The Apple“ bläst, als wäre Parker mit ihm alt geworden. In Lees glorreicher Vergangenheit hätte man vom Sezieren eines Evergreens gesprochen. Heute, in seiner glorreichen Gegenwart, passt der Begriff „plastische Chirurgie“ besser. Nicht im Sinne von schöner, sondern interessanter, aufregender.

Das Konzert beschließt, wie immer, wenn Lee Konitz nach Neuburg kommt, „Invitation“, die Lieblingsnummer von Clubchef Manfred Rehm. So war das bislang gefühlte 20 Mal. Und auch zum 21. Mal klingt es wie ein funkelnagelneuer Song. Das ist die eigentliche Großtat dieser improvisatorischen Ausnahmeerscheinung ohne Verfallsdatum.