Kenny Barron Trio | 18.03.1999

Donaukurier | Reinhard Köchl
 

Mit Pianotrios hatte er eigentlich abgeschlossen. Ungeachtet des spürbaren Einfühlungsvermögens, das zwischen ihm und seinen langjährigen Quintettpartnern Ray Drummond (Baß) und Ben Riley (Schlagzeug) existierte, sah der New Yorker lange Zeit keine wirklich echte Herausforderung mehr in dieser populärsten aller Jazzformationen. Zuviele vor ihm hatten schon alles gespielt, was zu spielen war, jedes Thema, jede Phrase gnadenlos plattgewalzt. Tatsächlich hinterließ nirgendwo sonst das schleichende Gift der Vereinheitlichung markantere Spuren, als gerade bei den Pianotrios.

Weil Kenny Barron dennoch dem unaufhörlichen Drängen nachgab, durchschlug er den gordischen Knoten. Zusammen mit Drummond und Riley entschloß er sich nach langem Zaudern zu einer Welttournee, die in auch in den Neuburger „Birdland“-Jazzclub führte, und schenkte dieser einst beim Publikum so beliebten Sparte einen Teil ihrer verlorenen Identität wieder.

Komplizierte, an die innere Struktur gehende Rettungsversuche wie diese funktionieren freilich nur dann, wenn weise Musiker zusammenkommen und ihren gebündelten Erfahrungsschatz in die Waagschale werfen. Schon der Opener „Embraceable You“ verrät den unbedingten Willen zum Umbruch im Vertrauten: obwohl einer der vielen mißhandelten Standards aus dem „Great American Songbook“, bearbeiten ihn die drei, als wäre der Song just in dem Moment geboren, als er von ihnen eine neue Gestalt geschenkt bekam.

Weit entfernt von der aufgebrauchten Phantasie des Originals keimen still unter der Oberfläche plötzlich wieder Emotionen. Ray Drummond läßt dunkle, mächtige Töne durch den Hofapothekenkeller flimmern, die so groß sind, wie des Bassisten hünenhafte Erscheinung. Seine geschmeidigen Arpeggien leuchten wie bengalische Feuer in dunkler Nacht. Ben Riley legt derweil eine zischende Lunte für den ultimativen Urknall, vielschichtig dosiert, voller inbrünstigem Groove. Thelonious Monks unverwechselbarer rollender Beat über Snare und Becken – sein früherer Drummer läßt ihn abermals aufglimmen. Wenn Riley trommelt, wirkt dies, als würde ein Indianer all sein Wissen an seine Nachgeborenen weitergeben.

Dazwischen, daneben, darunter, darüber: Kenny Barrons schwerelose Läufe, seine glitzernden Akkorde, die sanft gesetzten und dann wieder ungestümen Triller. Mal tänzelt er leise in eine Improvisation hinein wie in „Blue Moon“, dann stürmt er wild voran in die Eigenkomposition „Memorial“, wo die Cluster wie Gischtkronen über die Klaviatur rauschen. Mitunter macht sich der kahlköpfige Pianogrande gar einen Heidenspaß daraus, seine kongenialen Begleiter mit verschränkten, fremden Zitaten in die Irre zu führen. Doch die reagieren auf jede Frage keck mit der passenden Antwort aus schnurrenden Bop-, Blues- oder Shufflerhythmen.

Kopf an Kopf peitschen die drei Soundkonstrukteure voran, balgen sich verspielt, transportieren ihren Spaß mitten hinein ins gebannte Auditorium. Das ausverkaufte „Birdland“ atmet den kontinuierlichen Hauch einer lauen Sommernacht, der alles Konkrete auflöst. Das ist Unterhaltungsmusik im besten und ursprünglichsten Sinn des Wortes. Musik, die sich im Moment genügt, dem Augenblick jedoch die Anmutung von Ewigkeit verleiht. So sollen Pianotrios sein: nicht mehr, aber auch nicht weniger.