John Marshall Quartet | 29.05.2021

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Wie sein älterer Bruder, der Bebop, kann auch der Hardbop als Gegenbewegung gegen eine allzu domestizierende Vereinnahmung des Jazz verstanden werden. Suchten die rasanten Virtuosen des Bebop Alternativen zur einengenden Welt der großen Swingorchester, gaben die Hardbopper der Ostküste dem Jazz die Sporen als Antwort auf den weicheren Westcoast-Stil: hart akzentuierte Rhythmen, Funkenflug, Tempo, Kontraste, Energie! Was John Marshall mit seinem Quartett im Neuburger Birdland bot, war das Beste aus beiden Welten, ein klingender Jungbrunnen, ein Weckruf aus dem Winterschlaf des Corona-Jahres.

Knallig, knackig, kantig, klar: Die Trompete schmetterte die Klassiker des Bop ins Gewölbe, dass es eine wahre Freude war: Monks »Epistrophy«, Dizzys »Woody‘n You«, Tadd Damerons »Hot House« erklangen so frisch wie je, ungemein mitreißend und vital. John Marshall, der sich mit sonorem Bariton u.a. in »You‘re My Thrill« auch als stilvoller Sänger präsentierte, steht wie kaum ein anderer für Authentizität. Virtuosität, Kreativität und Souveränität kamen ungemein präsent auf den Punkt.

Und kaum bessere Mitstreiter hätte er finden können für seine Mission: Claus Raible im Feuerflug über die Tastatur des Bösendorfer Flügels – immer wieder eine Freude! -, Martin Zenker im hurtigen Dauerlauf über die vier Saiten des Kontrabasses – nicht selten beschleunigt durch mitreißende Sprints – und Xaver Hellmeier mit unbeirrtem Drive am Schlagzeug, alle vier in ungemein kompaktem Groove!

Die Spielfreude war mit Händen zu greifen nicht nur bei den Gillespie-Hits »Night in Tunesia«, »Tin Tin Deo« oder »Con Alma« oder Lee Morgans Ohrwurm »The Sidewinder«. Ein toller Schubs in eine hoffentlich offenere Perspektive!