Grant Stewart Quartet | 01.05.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Ein Saxofon, ein Kla­vier, ein Kontrabass und ein Schlagzeug – eine geradezu klassische Besetzung im Jazz. Nicht nur im Hardbop, um den es an diesem Abend im Birdland Jazzclub hauptsächlich geht, sondern generell. Es gibt viele Bands, die mit diesem Line Up Geschichte geschrieben haben, das Quar­tett um Charlie Parker, das von John Coltrane oder auch das von Dave Bru­beck zum Beispiel. Solch legendären Ruf genießt das des aus Toronto, Kana­da, stammenden und in New York behei­mateten Tenoristen Grant Stewart zwar nicht, aber er gilt trotzdem als eine der derzeit wichtigsten Stimmen seines Gen­res. Warum das so ist, ist kann man bei seinem Gastspiel in Neuburg feststellen.

Dort nämlich findet das vorletzte Kon­zert seiner aktuellen Tournee durch Eu­ropa statt, für die er den Pianisten Martin Sasse, den Kontrabassisten Thomas Kenji Rabson und Bernd Reiter an den Drums rekrutiert und damit eine hervor­ragende Wahl getroffen hat, denn die Band ist innerhalb kürzester Zeit zu ei­ner homogenen Einheit geworden, weil es, wie man schnell merkt, zwischen ihren Mitgliedern nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich optimal läuft. Das Publikum profitiert davon, fordert und bekommt am Ende zwei Zugaben, und wenn es noch bis Mitternacht so weiter gegangen wäre, hätte wohl keiner etwas dagegen gehabt.

Stewart hat ein Gespür für besonders schöne Melodien und scheint die Setlist danach ausgewählt zu haben. „Kiss And Run“ von Sonny Rollins und Clifford Brown, „Off Minor“ von Thelonious Monk, „Bean Soup“ von Coleman Hawkins, Billy Strayhorn’s „Lush Life“, Cole Porter’s „All Through The Night“ – sie und all die anderen sind die ideale Plattform für Stewart’s warmen, präzi­sen, klaren und kraftvollen Ton, der idea­le Ausgangspunkt für seine wunderschö­nen Improvisationen zwischen den an den Beginn und ans Ende jedes Stückes platzierten Themen. An ihnen orientiert sich sein Spiel, an ihnen hangelt es sich quasi entlang. Stewart improvisiert nach­vollziehbar, spielt griffige, aber deswe­gen nicht weniger originelle Linien, vari­iert, modifiziert, ohne sich wegzubea­men oder in seine eigene Welt davonzu­stehlen. Er vollzieht seine kunstvollen solistischen Höhenflüge bei gleichzeiti­ger Bodenhaftung, bleibt geerdet, igno­riert nicht den melodischen Rahmen und zeigt sich dennoch ungemein einfalls­reich. Nichts passiert bei ihm losgelöst vom Fundament, nichts im luftleeren Raum, nichts ist elitär, vieles trotzdem virtuos und regelrecht süchtig machend. Ähnliches gilt für Martin Sasse, den zweiten Hauptsolisten des Abends. Er scheint die ideale Ergänzung zu Stewart zu sein. Was er an diesem Abend an Ide­en produziert und auf höchstem Niveau umsetzt, ist selbst für ihn, einen der bes­ten Jazz-Pianisten Europas, absolut au­ßergewöhnlich.

Und auch das Timing stimmt. Nicht nur innerhalb der Band, woran Rabson und der diesmal besonders gut aufgelegte Birdland-Dauergast Bernd Reiter ent­scheidenden Anteil haben, sondern – als wäre es geplant und nicht glücklicher Zufall – auch tagesaktuell. Drinnen ver­abschiedet sich die Band mit „How High The Moon“, dem Klassiker von Morgan Lewis, und draußen steht der Vollmond fett am klaren Sternenhimmel und be­gleitet das Publikum nach Hause. Es gibt Abende, da passt einfach alles zusam­men. Dieser mit dem Grant Stewart Quartet im Birdland in Neuburg war so einer.