Grant Stewart Quartet | 01.05.2026

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es geht um den keineswegs kleinen Unterschied. Wer die Darbietung besagter Combo im Hofapothekenkeller als eines von unzähligen Mainstream-Konzerten abtun will, der liegt oberflächlich betrachtet keineswegs verkehrt damit. Ein Sammelsurium an Standards und dann noch die klassische Quartettbesetzung. Dennoch läuft bei der Neuburg-Rückkehr des Tenorsaxofonisten Grant Stewart nach 17 Jahren vieles anders, als bei den meisten Bands dieses Schnittmusters. Der mittlerweile 54-jährige Kanadier will sich ganz bewusst von den Kollegen abheben, die unrettbar im Sumpf der Hard-Bop-Nostalgie feststecken. Gerade den alten Songs verleiht er mit seinem raren Kreativfunken und jeder Menge unerwarteter Wendungen eine windschnittige, moderne, frische Fasson. Hier erklingt endlich mal wieder ein Tenorsaxofon at its best! Voll, körperreich, eben genau so, wie ein Tenor normalerweise klingen soll, und nicht irgendwie zwischendrin. Stewart zeigt in seinen Soli eindrucksvoll auf, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, das Andenken an die Ära legendärer Brüder im Saxofon-Geiste wie Sonny Rollins („Kiss And Run“) oder Coleman Hawkins („Bean Soup“) im 21. Jahrhundert wach zu halten. Die meisten Takes entpuppen sich als hochvirtuose Hetzjagden durch Takte und Tonarten, das Geschwindigkeitslevel weckt Bilder zum Leben, auf denen Usain Bolt über die Saxofonklappen sprintet. Dass sich die gut zweistündige Darbietung im begeisterten, restlos ausverkauften Birdland markant vom handelsüblichen Bebop-Geklingel unterscheidet, liegt in erster Linie auch an der exzellenten Begleitcrew, die in jedem New Yorker Szeneclub mit Kusshand herzlich willkommen geheißen und gefeiert worden wäre. Der Kölner Pianist Martin Sasse, längst einer der beliebtesten Musiker in der jüngeren Club-Geschichte, kann sich längst jedem Affentempo anpassen und dabei perlende, spritzige Läufe wie Gewehrsalven absondern, ohne dass die Exaktheit des Anschlages darunter leidet. Am Drumset sitzt mit dem Österreicher Bernd Reiter noch so ein lebendes Birdland-Inventar, ein schlachtenerprobter Tausendsassa, der sein Spiel jeder groovenden Wetterlage anzupassen versteht. Wie wesentlich ein stabiles Rhythmus-Fundament für den späteren Erfolg sein kann, erfahren die Besucher am Beispiel des schwedischen Bassisten Kenji Rabson: Nur dank seiner geschwinden Walkinglinien und komplexen harmonischen Strukturen gelingen Grant Stewart tatsächlich auch waghalsige Skalenritte wie in „How High The Moon“, die sich wie Bungeesprünge anfühlen.

Nicht fehlen dürften beim Stichwort „Tempo“ natürlich Bezüge zu Johnny Griffin, dem Formel-Eins-Tenorsaxofonisten des Jazz. Sein Signature-Titel „All Through The Night“, den er einst bei jedem Konzert mit jeder Menge Rotwein intus wie eine Zirkusnummer zelebrierte, wäre normalerweise eine veritable Möglichkeit für Stewart, um grandios zu scheitern. Doch dem Wahl-New Yorker gelingt es tatsächlich, das Tempo hochzuhalten und trotzdem einige versteckte Facetten in der Nummer zum Vorschein zu bringen – und das alles ohne einen Schluck Alkohol.

Je länger das Konzert dauert, umso mehr gewinnt man den Eindruck, als würden Stewart und Co. erst richtig ins Laufen kommen. Manchmal tauchen im Adrenalin-Getümmel sogar Fragmente einer Ballade auf („Lush Life“), als Zugaben gibt es noch eine richtig dreckige Bluesnummer und ein gedimmtes Traum-Duett mit Martin Sasse, passend zur heranrückenden mitternächtlichen Stunde. Die einzige Frage, die am Schluss unbeantwortet bleibt, ist die, warum ausgerechnet Grant Stewart selbst angesichts dieser höllisch swingenden Musik ruhig stehen bleibt und nicht einmal mit dem Fuß wippt. Die Zuhörer könnten das nicht.