Fee Claassen & Carolyn Breuer Quintett | 17.03.1995

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Auf der Suche nach Neuem stößt der Jazzfan immer häufiger auf Altbewährtes. Die Kombination Stimme/Saxophon birgt trotz langer Vergangenheit und damit verbundener Abnutzungserscheinungen manchmal auch höchst erfreuliche Überraschungen. Nämlich dann, wenn durch Mut zum Risiko verkrustete Schemata, gerade bei Vokalisten, aufgebrochen werden, um im Einklang mit den Instrumenten neue Ausdrucksformen zu finden. Daß dies beim Konzert der Saxophonistin Carolyn Breuer und ihrer kongenialen Partnerin Fee Claassen im abermals gut besetzten Neuburger Birdland-Jazzkeller ausgerechnet zwei jungen Frauen gelang, mag auch stellvertretend für den augenblicklichen Kreativitätsmangel der überwiegend männlich dominierten Szene stehen.

Dabei bieten Breuer und Claassen keinesfalls ein revolutionäres Bandkonzept: konventionelles Rhythmustrio mit Piano, Baß und Drums, darüber ein einfallsreiches Horn und eine inspirierte Sängerin – schön und gut. Doch während andere sich auf die zig-tausendste Kopie dieses seit Billie Holiday bewährten Erfolgsrezeptes verlassen, geht das ambitionierte deutsch-holländische Frauen-Duo den schwierigeren, aber interessanteren Weg. In der Combo übernimmt Claassens Stimme nicht selten den Part eines zweiten Bläsers, sei es unisono im Chorus, im Scat oder einfach als lautmalerisches Mittel. Das Resultat ist an Originalität und Eigenständigkeit kaum zu überbieten, die dynamischen Kontraste zwingen förmlich zum Hinhören. Eine diffizile Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne, die selbstredend ein hohes Maß an Fertigkeiten erfordert.

Fee Claassen zum Beispiel beherrscht ihr Handwerk aus dem Effeff. In Neuburg präsentierte sich die außergewöhnlich intonationssichere, rhythmisch flexible Vokalistin mit edler Sophistication. Daß der klassische Wort-Gesang allenfalls 40 Prozent ihres Vortrages einnimmt, verunsicherte allzu gewöhnungsbedürftige Ohren nur während des Openers „Arrival“. Dann freilich entwickelten die schwierigen Arrangements voller Posie und Abenteuerlust nach und nach ihre ureigene Wirkung, wobei sich die Niederländerin offenkundig in allen Sesseln zuhause fühlt. Sirenenhaften Intermezzi folgten stimmungsvoll interpretierte Standarts wie die teuflisch swingende Gershwin-Nummer „They can`t take that away from me“ (im Duo mit einem exzellenten Hermann Breuer am Piano), Monks „I mean you“ oder das brasilianische „Mantenha Fé“ mit portugiesischen Lyriks.

Daß Carolyn Breuer mit ihrem intelligenten und gleichzeitig herzerfrischend emotionalen Alt- und Sopransaxophonspiel den nahezu idealen Kontrast lieferte, bedeutete mehr, als nur eine angenehme Begleiterscheinung. Die hochtalentierte Tochters Hermann Breuers hat sich seit ihrem letzten Auftritt im Neuburger Hofapothekenkeller im Oktober 1993 deutlich verbessert. Keine effekthaschenden Licks mehr, sondern erfindungsreiche Solostrukturen, die jede Menge Platz für eruptive Ausbrüche schaffen, brachten der blonden Lady an diesem Abend zu Recht den meisten Beifall ein. Wie überhaupt der ständige Wechsel zwischen anspruchsvollen Originalkompositionen und eingängigen Standarts nie den Verdacht aufkommen ließ, nur eingleisig unterhalten zu werden.

Carolyns pianospielender Papa zog einstweilen als kompetenter Wegweiser durch das dichte Soundgestrüpp geschickt die (Erfolgs-)Fäden und fügte dem Quintet sogar hin und wieder mit wohldosierten Posauneneinschüben einige breuer-typische Farbtupfer hinzu. Ein Kompliment gilt zudem Stefan van Wylick am Kontrabaß und Joost Patocka am Schlagzeug, die sich zwar solistisch weitgehend zurücknahmen, aber eine vortreffliche Swing-Grundlage lieferten – der heimliche Garant für jene spannende, witzige, geistreiche, hoffnungsvolle und oft auch neue Musik.