Daniele di Bonaventura Band’Union | 22.10.2022

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es ist ein typisches Birdland-Konzert – typisch vor allem wegen der frappierenden Auswirkungen dieser ganz besonderen Akustik im Hofapothekenkeller. Die Band spielt betont leise, dimmt den Sound immer weiter herunter, tastet sich auf Zehenspitzen durch die Themen, damit auch ja jede klitzekleine Nuance, jedes zarte Streicheln auf den Trommelfellen, jeder winzige Schnaufer des Bandoneons, sogar jedes zufällige Knacksen der Ellenbogen vernehmbar ist. Und mit den vier Musikern wird automatisch das Publikum ruhiger, traut sich nicht mehr zu bewegen oder zu atmen, nur um nichts von dem schönen Zauber zu zerstören. Fast wie in einem Keith-Jarrett-Konzert.

So etwas funktioniert nur, wenn keiner einen Verstärker benutzt, wenn alles mit dem reinen Klang der Instrumente transportiert wird. Diese italienische Combo kann das – nicht immer zwar, denn gerade nach der Pause will Daniele di Bonaventura, der famose Bandoneon-Maestro aus Fermo, sein Handzug-Schifferklavier unbedingt mit etwas Hall ausstaffieren. Das ist überflüssig. Warum nicht einfach diesen wunderschönen, aus dem Argentinischen stammenden Blasebalg pur belassen, ihn quasi „unpluggen“? Erst dann erreicht die Musik nämlich diesen sanften Flow, diese wärmende Atmosphäre, die beinahe körperlich spürbar wird und an diesem herrlichen Altweiber-Samstag die Qualität eines Mistrals erlangt, der über das Mittelmeer zieht. Di Bonaventura, der Gitarrist Marcello Peghin, der Bassist Felice Dela Gaudio und der Perkussionist Alfredo Laviano verwenden, beziehungsweise verfremden Volksweisen wie das traurige „Sanctus“ oder das lebensfrohe „Vola Vola Vola“, Lieder aus dem italienischen Widerstand während des Zweiten Weltkrieges wie „El Soldato De Levita“ (dankenswerterweise verzichten sie in Neuburg auf den Gassenhauer „Bella Ciao“), simple Popsongs mit einer ziemlich eingängigen Melodiestruktur oder feine Eigenkompositionen wie „Maria e il Mare“, Di Bonaventuras kleiner Tochter gewidmet.

Das klappt vortrefflich, zumindest über weite Strecken des Konzertes. Die sanften Klänge breiten sich wie eine wohlige Heizdecke im Hofapothekenkeller aus, erzeugen eine gleißende, Laid Back-Grundstimmung von Strand, Meer und Sternenhimmel. Die heimelige Atmosphäre passt irgendwie zu diesem sonnendurchfluteten Oktober, in dem sich das Jahr verabschiedet, und könnte womöglich viele Heizprobleme im nahenden Winter lösen helfen, weil die Darbietung im einmal mehr proppenvollen Auditorium die Temperatur automatisch auf rund 30 Grad ansteigen lässt. Sind Daniele di Bonaventura und Co. also so etwas wie ein musikalischer Betablocker? Zum Glück nicht ganz. Zwar entspannen Art und Weise des kollektiven Vortrags ungemein, aber im Inneren setzen sie doch erstaunlich viele Emotionen frei, die so mancher nicht mehr in sich selbst vermutet hätte. Eine durchaus befreiende Wirkung, wie sich an vereinzelten Reaktionen erkennen lässt.

Der 56-jährige Bandleader erweist sich als hinreißender, ideenreichen, durchaus risikobereiter Improvisator, der die Melodien teilweise mit seinem eigenen Körper ausformt und trotz markanter Tonartwechsel stets zum Grundmotiv zurückfindet. Er und Marcello Peghin (auf der zehnsaitigen Gitarre) fliegen durch die Themen, luftig, verspielt und voller Abenteuerlust, während Alfredo Laviano am Trommelset das Publikum gerne an der Hand nimmt und durch die einzelnen Taktstriche geleitet. Es ist ein Genuss, wenn Laviano bei einem Solo auf seinen Fellen immer leiser wird, bis er selbst die abendliche Siesta mit einem lauten Schlag beendet und dabei schelmisch grinst. Einzig Bassist Felice Dela Gaudio, der mehr begleitet, als melodische Ausrufezeichen zu setzen, hinkt ein wenig hinterher. Auch dauert der gesamte Abend – Spielfreude hin, teils frenetische Publikumsreaktionen her – einfach zu lang, so dass es irgendwann den Anschein erweckt, als würden sich die vier in einer Schleife befinden, bei der man vieles schon einmal gehört zu haben glaubt.

Aber hallo – es sind eben Italiener! Wenn sie einmal die Leidenschaft packt, dann stoppt sie so schnell keiner. Und genauso klingen sie: gestikulierend, lässig, entspannt und keineswegs wie ein populistischer Ableger des argentinischen Tango-Flairs. Molto bene!