Cecil Taylor – Nachruf | 05.04.2018

Augsburger Allgemeine | Reinhard Köchl
 

Jeder wusste, dass dieser Abend etwas ganz Besonderes sein würde. Als der pianistische Godfather des Freejazz, der „Maximo Lider“ einer epochalen Klangrevolution, die in den 1960er Jahren die Grundfeste der Musik erschütterte, im November 2011 tatsächlich dem Birdland-Jazzclub in Neuburg seine Aufwartung machte, da hatte er schon vor dem ersten Ton Jazzgeschichte geschrieben. Zum einen ging da im restlos ausverkauften, intimen Hofapothekenkeller das vielleicht wichtigste Konzert in der inzwischen 60-jährigen Geschichte des rührigen Clubs über die Bühne. Zum anderen war es tatsächlich Cecil Taylors letztes Gastspiel in Europa, ein Umstand, den damals viele der aus der ganzen Republik angereisten Zuhörer schon zu ahnen schienen. Am vergangenen Dienstag ist der legendäre und bis zuletzt alterunmilde Pianist nun in New York gestorben, kurz nach seinem 89. Geburtstag.

Der Auftritt des Paradiesvogels, der das Piano nie als bloßes Harmonieinstrument, sondern als Schlagzeug mit 88 Fellen verstehen mochte, in Neuburg galt als Sensation. Viele können es bis heute nicht glauben, dass der launische, unberechenbare, kleine Mann ausgerechnet „at a small jazz club in Bavaria“ Hof hielt, wie am Freitag viele internationale Nachrufe erstaunt anmerkten. Doch es war Taylors ausdrücklicher Wunsch gewesen, hier und nirgends anders zu spielen, zusammen mit seinem letzten Schlagzeuger, dem Engländer Tony Oxley. Er hatte viel gehört von diesem Kellergewölbe, noch mehr von dessen Bösendorfer-Flügel. „Nur die bei der Probe umherwuselnden Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, die für das Birdland-Radio-Festival aufbauten, passten ihm nicht“, erinnerte sich Impresario Manfred Rehm.

Generell galt Cecil Percival Taylor als Querdenker und Unruhestifter. Bloßes Begleiten, wie es vielen Jazzpianisten 1955, dem Zeitpunkt seines Auftauchens in der New Yorker Szene, ins Stammbuch geschrieben war, hasste er abgrundtief. Schon in jenen Jahren fiel der Kauz ganz bewusst aus dem Rahmen des Normierten, gab sich radikal und ablehnend gegenüber allen Swing- und sonstigen populistischen Tendenzen. Einzig die Welt des Cecil Taylor besaß für ihn Gültigkeit, sein eigener Kosmos, den man sehen musste, wenigstens einmal im Leben, um zu begreifen, was da zu hören war.

Konzerte mit ihm: eine zweistündige permanente Überforderung. Freie, ekstatische Improvisationen, die in seinen letzten Jahren zunehmend mildere Züge annahmen, unverständlich gebrabbelte, wahlweise geschriene langatmige eigene Lyrik, manchmal auch seltsam unbeholfene Tanz-Intermezzi. Professionelle Entschlüsselungsversuche landeten meist bei Taylors klassischer Klavierausbildung, bei europäischen Namen wie Bartók, Chopin, Stockhausen oder Cage. Doch er selbst wischte solche Deutungen stets beiseite, sah sich lieber im Kontinuum der afroamerikanischen Kultur. Auch hier galt er als Einzelgänger. John Coltrane, neben dem wilden Pianisten sowie Ornette Coleman und Albert Ayler eine Art geistiger Vater der musikalischen Avantgarde, hatte 1958 mit ihm eine Platte aufgenommen („Coltrane Time“). Das Resultat und seinen Partner fand er später unzumutbar.

Cecil Taylor, bekennender Schwuler und Fan von Louis Armstrong, Bessie Smith und Judy Garland, besaß kaum Freunde unter seinen schwarzen Kollegen. Allerdings gab es durchaus Ausnahmen wie den lebenslangen Komplizen Jimmy Lyons am Saxofon, der sich mit Haut und Haaren auf die Visionen Taylors einließ. Seinen größten Erfolg feierte er jedoch ausgerechnet in der „Alten Welt“ mit der Elf-CD-Box „Cecil Taylor in Berlin ʼ88“ (FMP), für die er den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ erhielt und im amerikanischen Magazin „Down Beat“ sogar zum Pianisten des Jahres gewählt wurde.
Wie Tänzer versuchen, sich von ihren physischen Beschränkungen zu befreien, so hat sich auch Cecil Taylor von den Grenzen des Klaviers, ja von der Musik im klassischen Sinn gelöst. Schon als er noch lebte, spielte er in einer anderen Dimension.