Andaloucia | 12.11.2005

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

„Ja klar bin ich ein Romantiker“, bekennt Jean-Marie Machado mit leisem Lächeln. „Das Wichtigste ist die Poesie. Viele Jazzpianisten spielen im Grunde die Musik Robert Schumanns.“ Für Jean Marie Machado, einen der bedeutendsten französischen Pianisten unserer Tage, ist die Grenze zwischen Jazz und Klassik, Komposition und Improvisation, Tradition und Avantgarde nie wirklich vorhanden gewesen. Und sein fulminantes Sextett bestätigte im Birdland Jazzclub, dass es – bei aller Tücke komplexer Musik – abseits eingetretener Pfade tatsächlich immer wieder auf die Poesie ankommt.

Das jüngste Projekt des vielseitigen Pianisten nennt sich „Andaloucia“, beschäftigt sich mit der Musik Spaniens, mit Kompositionen von Enrique Granados, Isaac Albinez, Manuel de Falla. Machado arrangiert nicht einfach, er re-komponiert. Leicht macht er es sich dabei wahrlich nicht, nicht sich selbst und nicht seinen Mitspielern: Komplexe Harmonien, ausgebuffte Grooves, bewegte Themen, reiche Klangfarben, weite Spannungsböen inspirieren zu Soli der Meisterklasse.

Jean-Marie Machados Piano ist geprägt von reicher Klanglichkeit, poetischer Empfindsamkeit, kluger Dosierung. Sein klassischer Hintergrund mischt sich mit improvisatorischer Phantasie und romanischem Esprit. Da spielt ein Maler impressionistischer Klangwelten, ein Erzähler spannender Geschichten, ein Künstler, der abstrahieren kann und rekonkretisieren. Mit einem klassischen Jazzsextett hat die vielgestaltige Musik nur das Line-up gemein. Sie erinnert nur zuweilen an die Hardbop-Tradition von „America’s classical music“, kennt ihre ganz eigenen europäischen Wege. Selbstredend spielen die Persönlichkeiten der Akteure in der international besetzten Band eine entscheidende Rolle: Seien es die scharfkantig-präzisen wie sensiblen Linien des brillanten deutschen Trompeters Claus Stötter, die luftig lyrischen Girlanden des englischen Saxophonvirtuosen Andy Sheppard, die urgewaltig brodelnden Attacken des US-amerikanischen Posaunisten Gary Valente, die melodiösen Grooves von Jacques Mathieux am Schlagzeug oder die stabil strukturierten Lines von Bart de Nolf am Bass, keine Sekunde kommt Langeweile auf, immer bleibt die Spannung auf hohem Niveau, immer verfügt sie gleichzeitig über Charme und natürlich – bei allem Anspruch – über jede Menge Poesie.

Zum Nachhören gibt’s das Konzert am 17.2.06 um 23.05 auf Bayern 4 Klassik in der Reihe „Jazztime – Jazz auf Reisen“.