■ ■ Lotus Flower Trio | 16.10.2026

Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
 

Ein Trio von besonderer Konstellation und Qualität, zugleich eine Weltpremiere gab es zum Club-Auftakt des 16. Birdland Radio Jazz Festivals. Selten zu erleben in der Männer dominierten Welt des Jazz: Zwei Frauen an den Saxophonen, ein Mann am Klavier, erstmals in dieser Formation auf der Bühne. Ergebnis war ein überaus aufregendes musikalisches Abenteuer mit Extrakick, ein Konzert voller Energie, Power, Finesse und Faszination, das noch lange nachhallen wird!
Einstieg mit fast romantisch klangvoll perlenden Arpeggien am Bösendorfer, meditativ, suchend. Langsam baut sich Spannung auf, erahnen sich Strudel, mit viel Volumen steigt das Alto ein, Melodie betont zunächst im homophon sich dazu gesellenden Tenor. Peu a peu lösen sich die Stimmen voneinander, beginnen durch den Raum zu wirbeln in heftiger Bewegung, nur ab und an noch wie die Ruhe vor dem Sturm.

Der französische Pianist Bruno Angelini agiert außerhalb aller Schubladen, sein aktuelles Projekt mit Angelika Nescier und Camille Maussion ehrt Menschen, die – einem Zitat Wayne Shorters folgend – in unserer Welt wirken wie Lotusblumen: Sie klären das dreckige Wasser um sie herum. Rosa Parks, deren Mut die Bürgerrechtsbewegung in den USA in Gang brachte, gilt die erste der Widmungen, die Originalstimme wird im Konzert zugespielt; Nelson Mandela die abschließende, auch seine Stimme ist zu hören.

Das Lotus Flower Trio musste im Birdland kurzfristig auf die angestammte Tenorsaxophonistin Sakina Abdou verzichten. Die flugs eingesprungene Camille Maussion harmonierte indes aufs Ersprießlichste mit Angelika Nescier am Alto. Zwischen Komposition und freier Improvisation agierten Agnellini, Nescier und Maussion traumwandlerisch sicher voller Phantasie und Energie, zugleich immer eng am Kern der Themen. Als echtes Trio vereinten sie Wucht und Power mit Gefühl und Empathie, Freiheit und Abenteuer mit Differenzierung und Empfindsamkeit: Powersoli, Duette, Terzette, mal Luft und Liebe, mal Starkstrom und Sturm.
Nescier ist die etwas härtere von den beiden Saxophonistinnen, ihr Alt sucht immer wieder das Risiko, attackiert, schwingt sich in feurig höchste Höhen, Maussion bleibt ruhiger, setzt mehr auf Fläche als auf Linien, nuancenreich, zugleich jederzeit fähig zu eruptiven Momenten. Alle Drei sind technisch schlicht und einfach brillant, vielseitig und ungemein ausdrucksstark. Einer der Momente, an denen das Publikum schier den Atem anhält, als Angelini im Innern des Flügels die Saiten anschlägt, Maussion die Luft zum Flattern bringt und Nescier höchste Töne in die Atmosphäre tupft.

Bei aller Freiheit im Detail bleiben die Drei eng aufeinander und auf die Kompositionen bezogen, folgen offenkundig einen inneren Drehbuch, erzählen vom Leben, wie es ist oder wie es sein kann, klangfarbenreich und ungemein lebendig. „Por la defensa de los rios“ ist zwei Frauen gewidmet, Mutter und Tochter, die eine ermordet, die andere endlich erfolgreich in der Rettung natürlicher Lebensgrundlagen in einem Tal in Honduras. Den „Madres de la plaza de Mayo“ in Buenos Aires ist ein weiterer Song zugeeignet: Mit Händen greifbar die Ungewissheit, die Trauer, die Klage, die Verzweiflung, die Empörung und der Protest angesichts der in der Diktatur verschwundenen Kinder. Das letzte Wort des Abends freilich hat mit Nelson Mandela in „L’art de la paix“ die Sehnsucht nach Frieden, die beharrliche Kraft der Gewaltlosigkeit und die Hoffnung auf Einsicht und Menschlichkeit. Ein so wichtiges Konzert! Gerade heute!

Nachzuhören in BR Klassik am 15.1.2027 um 23:00 Uhr, danach 30 Tage lang in ARD-Sounds