Traditionsgemäß sind die „Neuburger Barockkonzerte“ alljährlich einmal zu Gast im Birdland Jazzclub. Aus diesem speziellen Anlass treten dort Künstler auf, die die Welten der Klassik und des Jazz einander näher bringen, die dafür sorgen, dass die Vorbehalte der Puristen beider Lager, die es mitunter leider immer noch gibt, an Gewicht verlieren und ein Austausch stattfindet. Versuche, die beiden Fraktionen – die Klassik, die oftmals strengen Regeln gehorcht, und der Jazz mit seinem Drang nach Freiheit – einander näher zubringen oder sich gegenseitig befruchten zu lassen, sind gar nicht so selten. Von Jacques Loussier bis zu Nigel Kennedy, von Ekseption bis zum Modern Jazz Quartet und dem Third Stream gab es viele Ini-tiativen in diese Richtung, gelungene und weniger gelungene.
Und nun ist an diesem Abend also das Helmut Lörscher Trio aus Freiburg im Birdland zu Gast und zeigt allen Zweiflern, wie man das beispielhaft hinbekommt, weil der Professor am Flügel, Matthias Daneck am Schlagzeug und Bernd Heitzler – der auch im Neuburg bestens bekannten Cecile Verny Quartett für die tiefen Töne zuständig ist – zweier Sprachen mächtig sind und sie absichtlich nicht akzentfrei sprechen, so dass die Farbe der jeweils anderen immer durchschimmert. Genau das verleiht der Sache nicht nur einen unwiderstehlichen Charme und versöhnt nicht nur zwei Positionen miteinander, sondern verzahnt sie so, dass die eine ohne die andere an diesem Abend gar nicht denkbar ist.
Lörschers Trio spielt nicht nach, fügt nicht den Werken Johann Sebastian Bachs einfach nur eine Rhythmusgruppe hinzu, sondern schreibt ihn mit den Mitteln des Jazz weiter und infiziert anders herum jenen mit der Kompositionsweise und den Strukturen Bachs. Lörschers Stücke, in denen sich die beiden Genres treffen, sich miteinander verbinden, ergreifen nicht Partei, sondern vermitteln. Sein „Bolero Italian“ fußt auf dem 2. Satz des Italienischen Konzerts, die „Sonata à Tre“, das zentrale Stück des Abends, hält am Sonatenaufbau fest und bietet doch viel Raum für Improvisation, Jerome Kern’s Klassiker „All The Things You Are“ entwickelt sich bei ihm aus einer Fuge heraus und seiner „Passacaglia“ liegt eine Zwölftonreihe zugrunde. Und dass das auffälligste Stück des Abends „Fahrstuhl zur Gavotte“ heißt, ist ja auch kein Zufall angesichts Miles Davis‘ legendärem Soundtrack zum Kultfilm „Fahrstuhl zum Schafott“.
„Strenge Form trifft auf improvisatorische Freiheit, architektonische Klarheit auf spontane Bewegung“, heißt es im Programmheft. Und die Band beweist, dass das kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern setzt diesen Satz auch in hörbare Realität um, was nur möglich ist, wenn man bereit ist, auf Scheuklappen, überholte Hörgewohnheiten, Vorurteile und geistige Enge zu verzichten. Die Band tut das und das Publikum auch. Beide Fraktionen werden zu einer, die die Musik gemeinsam heftig beklatscht und schließlich zwei Zugaben einfordert. Am Ende ist das Ganze der Schulterschluss zweier Genres, die mit Konzepten wie diesem auf Augenhöhe miteinander umgehen und sich gegenseitig bereichern, ohne dass dies lediglich als vordergründiges Alibi für gegenseitige Offenheit und Toleranz herhalten müsste. Mit dem Programm „From Bach To Now“ gelingt dem Helmut Lörscher Trio dieser Schulterschluss auf absolut überzeugende Weise.

