„Achtung: Aufnahme!“ Ein Schild, das darauf hinweist, dass das Konzert fürs Radio mitgeschnitten wird, wurde im Audi Forum zwar nirgends aufgehängt, aber natürlich weiß es trotzdem jeder im Saal. Spätestens dann, als Ulrich Habersetzer vom Bayerischen Rundfunk das Publikum und die Band des Abends begrüßt, das IRIS International Quintet, und damit das 16. Birdland Radio Jazz Festival eröffnet.
Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, nach dem Konzert aus 90 Minuten Livemusik die besten Momente für die Sendung auszuwählen, die am 20. November in der „Jazztime“ auf BR Klassik ab 23 Uhr ausgestrahlt wird und danach 30 Tage lang auf „ARD Sounds“ kostenlos abrufbar ist. Damit tue er sich angesichts der Klasse der Band besonders schwer, sagt er nach dem Konzert, weil er am liebsten alles, jeden einzelnen Ton, senden würde. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein, denn was Bandchef und Schlagzeuger Vladimir Kostadinović (Österreicher mit serbischen Wurzeln), Trompeter Alex Sipiagin (in Italien lebender Russe), Altsaxofonist Jaka Kopač aus Slowenien, Josh Ginsburg (in Berlin lebender Kontrabassist aus Baltimore) und Vibrafonist Joe Locke aus Kalifornien – was für eine erlesene Besetzung – ins Audi Forum zaubern, ist Jazz auf höchstem Level. Die Band ist über jeden Zweifel erhaben und gibt an diesem Abend in Ingolstadt ein Konzert, das zum besten gehört, was man in 16 Jahren Festival je gehört hat, wobei sich Locke und Sipiagin als zwei absolute Top-Virtuosen besonders hervortun.
Ja, es ist ein ganz besonderes Ereignis, in dessen Mittelpunkt das Album „Iris“ steht, dessen Stücke Kostadinović für seine Tochter geschrieben und nach ihr benannt hat, um so wunderschöne Nummern wie „The World Keeps Ending“ und „Unborn Child“, in denen Momente aus dem Modern-, dem Mainstream- und dem Fusion-Jazz wie selbstverständlich zusammenfließen in Melodien, in die man sich augenblicklich verlieben könnte, in denen sich die hohe Kunst des Komponierens mit meisterlicher Interpretation treffen. Dass das Kontingent an Tonträgern, die jede Band mit dabei hat, wenn sie unterwegs ist, bereits beim sechsten von insgesamt 15 Konzerten ihrer Tournee quer durch Europa ausverkauft ist, dann spricht das Bände. Der stete Fluss, der auch für die langsameren Titel so charakteristisch ist, ist stets spürbar, schleicht sich nicht nur emotional beim Publikum ein, sondern auch körperlich. Man kann das beobachten. Kaum einen oder eine sieht man im Saal, der oder die nicht irgendwie mitwippen würde, und nach jeder Nummer fällt der Applaus denn auch dementsprechend aus. Sein Kollege Joe Locke hat es laut JPC einmal so ausgedrückt: Vladimir „ist tief in der Tradition verwurzelt und swingt richtig hart, ist aber gleichzeitig ein überzeugter Modernist. Er hat wunderschöne Musik geschrieben, manche sehr ekstatisch und tief berührend, andere wiederum recht knifflig und von großer intellektueller Strenge“.
Was für ein Paukenschlag also gleich zu Beginn des 16. Birdland Radio Jazz Festivals, was für eine Eröffnung. Und nachdem die so gut gelungen ist, darf man zurecht gespannt sein, was im Laufe des Festivals noch so alles auf einen zu kommt. Zuerst gleich am nächsten Wochenende das Lotos Flower Trio und das Olivia Trummer Quintett, beide im Birdland Jazzclub in Neuburg.

