■ ■ In Remembering Lee | 02.10.2026

Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Lee Konitz, eine Jazzlegende und ein kaum erreichter Meister am Altsaxofon, war über die Jahrzehnte immer wieder Gast im Birdland Neuburg. Auch noch im hohen Alter, wenige Jahre vor seinem Tod 2020. Sein Saxofonspiel kam ohne jedes vordergründige Gehabe oder Spektakel aus und war von einem absoluten Respekt vor dem Wert jeder einzelnen Note geprägt. Seine Schülerin Kristina Brodersen, Altsaxofonistin aus Köln, hat inzwischen selbst einen klangvollen Namen in der weiten Welt des Jazz.

Die feine, klare und von einer unbändigen Intensität getragene Art ihres Vorbilds Lee Konitz hat sich Brodersen zu eigen gemacht. Aber nicht im Sinne einer perfekten Kopie, sondern in einer Art musikalischen Weiterdenkens, mit viel Mut zu großen improvisatorischen Exkursionen, mit einer stupenden Fähigkeit, dem großen Lee immer die Ehre zu geben und dabei doch in neue, eigene Dimensionen vorzustoßen.

Das Konzert hat das Motto „In Remembering Lee“. Und Kristina Brodersen am Altsaxofon bietet mit dem Pianisten Tobias Weindorf, Christian Ramond am Bass und dem Schlagzeuger Peter Weiss nicht nur eine schöne Erinnerung am den unsterblichen Großmeister Lee Konitz. Dieses Quartett gestaltet mit einer kammermusikalischen Dichte und absoluter Klarheit der Linienführung – auch in den reichlich komplexen Eigenkompositionen – eine anrührende Hommage. Moderner, auch schwieriger als viele Konitz-Standards, mit großer Ambition und einer guten Portion Demut.

Ein Markenzeichen dieses Quartetts ist das Improvisieren, der Geistesblitz aus dem Augenblick heraus – genauer gesagt aus der perfekt aufeinander abgestimmten musikalischen Denkungsart aller vier Jazzer. Anspruchsvolle Eigenkompositionen wie „The Old Bird“ oder „Tara“ und „Kary’s Trance“ fordern die Band an vielen Stellen, bei den Solopartien wie im der Gruppe. Aber die Anstrengung wirkt luftig und locker, diese Songs zerfallen nicht in Solo, Zwischenapplaus, nächstes Solo, kurzes Tutti und dann wieder eine Soloeinlage, die sich ihren Beifall abholt.

Das Publikum entwickelt im Lauf des Abends eine Zurückhaltung, was das sonst im Jazz übliche Klatschen zwischendurch angeht. Zu sehr ist spürbar, dass da bei aller Bedeutung der Soli, vor allem des Pianisten und der Saxofonistin, oft auch des Mannes am Kontrabass, ein feines musikalisches Gesamtkunstwerk zu hören ist. Da laufen lange Achtel-Ketten durch alle Instrumente, in rasantem Tempo und doch so präzise und respektvoll gestaltet, dass man wirklich jeden Ton genießen möchte.

Eigentlich scheint das unmöglich, weil es schon längst in scharfem Ritt weitergeht. Aber irgendwie gelingt es diesem Quartett, ganz besonders der weich und nobel intonierenden Kristina Brodersen und dem herausragenden Tobias Weindorf am Bösendorfer-Flügel, den Zuhörer in die Feinheiten dieser Kompositionen und in die mutigsten improvisatorischen Eskapaden voll mit hineinzunehmen. Wer sich Mühe gibt, kann bei diesen nicht selten eher langen Stücken hinter die bloßen Noten blicken und erfassen, wie sich die musikalischen Gedanken entfalten, wie sich die
Motive ineinander verschränken und dann wieder in eine lichte Klarheit verwandeln.

Ein wenig ist diese Hommage an Lee Konitz in der Gefahr, dass manches sich wiederholt und auf eine zu große Ähnlichkeit der musikalischen Mittel hinausläuft. Der mehrfache Hinweis der Moderatoren Brodersen und Weindorf, auf die vielen Achtel-Ketten in allen Instrumenten genau zu achten, beugt dieser Gefahr sozusagen vor. Genau achten, das richtet sich an die Aktiven auf der Bühne wie an die Zuhörer im Hofapothekenkeller. Wer das tut, der erlebt, dass scheinbar sehr ähnliche Tonfolgen so vielfältig und mit soviel Charme und Überraschungseffekt gespielt werden können, dass ein Déjà -vu-Gefühl gar nicht aufkommt.