■ ■ In Remembering Lee | 02.10.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Im Eingangsbereich des Neuburger Birdland Jazzclubs hängt rechts an der Wand ein Foto des legendären Altsaxofonisten Lee Konitz. Jeder Besucher muss an ihm vorbei. Andererseits jedoch kommt kaum einer aus der langen Reihe all der Saxofonisten, die hier zu Gast waren, an ihm vorbei, denn beeinflusst hat er sie mehr oder weniger alle. Ganz besonders die Altsaxofonistin Kristina Brodersen, die zusammen mit ihrer Köln-Düsseldorfer Band mit Tobias Weindorf am Klavier, Peter Weiss am Schlagzeug und Christian Ramond am Kontrabass ihm an diesem Abend ein ganzes Programm widmet.

Konitz war Brodersens Mentor und Lehrer, sein Spiel und seine Philosophie haben sie nachhaltig beeinflusst. Sie teilt in ihrer Hommage an ihn seine Liebe zu rasanten Achtelläufen, spielt, wenn sie improvisiert, wie er lieber ein paar Noten weniger als ein paar zu viel, lotet wie er in dem ihm gewidmeten Projekt Grenzen aus, genießt wie er all die Freiheiten, die ihr damit geboten werden. Ohne je darauf aus zu sein oder zu riskieren, ihn zu kopieren. Man habe die Setlist während der Anreise aus Köln mehrmals umgeworfen, sagt sie, und sogar auf der Bühne ergeben sich ganz spontan noch diverse Änderungen. Das fordert alle Beteiligten heraus. Selten hat man die spontane Interaktion zwischen vier Musikern nicht nur hör- sondern auch so deutlich sichtbar miterlebt. Augen- und Ohrenkontakt und volle Konzentration waren immer entscheidend, wenn Konitz selber im Birdland zu Gast war, und sie sind es auch hier.

Das Konzert ist eine Mischung aus Konitz-Titeln, eigenen Stücken aus der Feder Brodersens und Weindorfs und Standards, die auch Konitz liebte und gerne spielte. Und es ist ein Abend der Widmungen. Das Konzert entstand im Andenken an Konitz, dessen „Kary’s Trance“ ist seiner Tochter gewidmet, sein „317 East 32nd und „L.T.“ wiederum seinem eigenem Lehrer Lennie Tristano, Tobias Weindorf widmet zwischendurch seinen „Waltz For K.W.“ dem Trompeter Kenny Wheeler, während Brodersen mit „Lee“ und erneut Weindorf mit „The Old Bird“ nachträglich den im Auge haben, dessen Geist an diesem Abend den Keller unter der ehemaligen Hofapotheke durchweht, der quasi mit auf der Bühne steht wie er es 2016 und 2017 zum letzten Mal im Birdland tat. Konitz ist präsent, mit kleinen Anekdoten und mit Stücken aus seinem Vermächtnis wie „Subconscious-Lee“ gleich zu Beginn und „It’s You“ mit diesem wahnwitzigen Thema, das die Band wie alles an diesem Abend souverän meistert ohne Gefahr zu laufen, aus der Kurve getragen zu werden.

Lee Konitz wurde im Oktober 1927 geboren und verstarb im April 2020. Es gibt also – noch – keinen runden Geburtstag, keinen aktuell zwingenden Grund, seinen Todestag zu begehen. Und dennoch widmen ihm Brodersen und ihrer Mitstreiter einen ganzen Abend. Vermutlich ganz einfach deswegen, weil er eine zentrale Stelle in ihrem Künstlerleben eingenommen hat, sie dankbar sind für die doch recht lange Wegstrecke mit ihm in New York und später in seiner Wahlheimat Köln. Es kommt einem so vor, als wäre dieser Erinnerungsabend der Band ein echtes Bedürfnis. Ein herausragender Musiker wird gewürdigt von seinen herausragenden Erben. Was will man mehr.