Es gibt Momente, in denen Unbekanntes vertraut wirkt. In der Musik des amerikanischen Gitarristen Peter Bernstein, der mit seinem Quartett, an dem Sullivan Fortner am Klavier, Doug Weiss am Kontrabass und Schlagzeuger Kush Abadey beteiligt sind, im Neuburger Birldnad Jazzclub zu Gast ist, ist das der Fall. „Das kenn ich doch!“ mag sich manch einer im ausverkauften Club an diesem Abend fragen, um dann, als Bernstein den Titel verrät, verblüfft festzustellen, dass einem Stücke wie „Tears Autumn“, „Harbor No Illusion“ und der „Hadish’s Blues“ doch völlig fremd sind, weil seine Eigenkompositionen nun mal keine Klassiker im üblichen Sinne sind. Woran aber liegt es dann? Vielleicht daran, dass die Band, die genau an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne operiert, auf einen lässigen, straight-ahead gespielten Swing setzt, bei dem die Themen der Stücke zum Fundament einer eloquent phrasierten, einfallsreichen Improvisationskunst werden. Und zusätzlich auch daran, dass das Zusammenspiel der Rhythmusgruppe auch deshalb so harmonisch und tight sei, um, wie man nachlesen kann „den kristallinen Sound des Leaders an der Jazzgitarre zum Strahlen zu bringen und seine Single-Note-Linien adäquat zu grundieren.“
Dass Standards wie „Stablemates“ nach Art von Benny Golson, das völlig umgekrempelte „Love For Sale“ oder Fred Coot’s „You Go To My Head“ durch Bernstein’s Bearbeitungen, den Umgang seiner über jeden Zweifel erhabenen Band mit den Möglichkeiten der Dynamik, der Interaktion, der Lautstärke und der Tempi erneut zu Meisterwerken des Jazz – nur eben in runderneuerter Form – werden würden, war vorherzusehen, denn Bernstein hat im Birdland – ob als Partner des Organisten Larry Goldings oder wie diesmal als Chef seiner eigenen Band – eigentlich immer nicht nur überzeugt, sondern regelrecht begeistert. Und so ist es auch diesmal. Der umtriebige Doug Weiss, der neue Piano-Star Sullivan Fortner, der vor noch gar nicht allzu langer Zeit eines der besten Piano-Solokonzerte hingelegt hat, das das Birdland je erlebt hat, und dann natürlich Kush Abadey, auf dessen Dienste auch Ravi Coltrane, Chris Potter, Jeremy Pelt, and Tomasz Stanko gerne zurückgreifen und dessen Liebe zu höchst verzwickten Rhythmen offensichtlich ist, machen den Abend schließlich vollständig zu einem spannenden Erlebnis. Und das trotz all der bekannten Elemente, die von Bernsteins Traditionsbewusstsein her rühren, von der gewachsenen Basis, auf der er seine Musik entwickelt.
Der Auftritt im Birdland ist der siebzehnte von insgesamt achtzehn einer Tour durch die wichtigsten Jazzclubs Europas. Nach Gigs in Amsterdam, Mailand, London und Berlin geht’s von Neuburg aus noch nach Wien und dann nach Hause nach New York. Die Aussicht auf ein paar Tage Erholung daheim mag ein Grund sein für die gelöste Stimmung in der Band, die zahlreichen gemeinsamen Abende auf der Bühne innerhalb kurzer Zeit sind ganz sicher einer für das blinde Verständnis der Musiker untereinander, das zu diesen entspannten, wie selbstverständlich laufenden Grooves führt, aus vier Top-Musikern eine Band im wahrsten Sinne macht, bei der alle Räder perfekt ineinander greifen und die läuft wie ein gut geschmierter Hochleistungsmotor. Das Peter Bernstein Quartet: Höchstes Niveau wegen absoluter Präsenz bei gleichzeitig enormem Schwierigkeitsgrad.

