Da ist zunächst der gebürtige Kalabrese und unweit von Stuttgart lebende Lorenzo Petrocca an der Gitarre, da ist sein „schwäbischer Landsmann“ Jürgen Bothner am Tenorsaxofon und da sind Yaron Stavi, in Israel geboren und in London lebend, und sein Kontrabass. Zusammen ergeben die drei ein Jazztrio, das ohne Schlagzeug und Klavier auskommt, was immer wieder mal vorkommt, aber allzu oft nun auch wieder nicht.
Das Entscheidende aber ist gar nicht die Besetzung, sondern die Musik, die das Publikum an diesem Abend im Birdland Jazzclub zu hören bekommt. „Have You Met Miss Jones“ von Richard Rodgers, „Just Friends“ von John Klenner und „Peace“ von Horace Silver, das leider auch dieser Tage besonders aktuell ist, wie Petrocca bedauernd feststellt: – Das sind die Standards, die man zwar kennt, aber nicht in diesem wunderschönen Sound, vorgetragen mit der unaufdringlichen Eleganz dreier Könner, die genau wissen, was man tun kann, damit diese Pretiosen in dem Glanz erstrahlen, der ihnen gebührt. Dizzy Gillespie’s „Ow“, das gerne Miles Davis zugeschriebene, in Wahrheit aber von Bill Evans stammende „Nardis“ und „Esta-te“, einer der wenigen Jazz-Standards italienischen Ursprungs: – Das sind die Extras, die die Spezialisten im Publikum vermutlich kennen dürften, aber trotzdem nur relativ selten live zu hören bekommen. Und da ist noch der „Dejection Blues“ aus der Feder Ray Brown’s, in dem Petrocca den Freiraum, den ihm die Absenz von Schlagzeug und Klavier gewährt, mit herrlich rasanten Single-Läufen und dazwischen geschobenen Akkorden so richtig zu genießen scheint. Oder das von ihm selbst geschriebene „Song For Pat“ zu Ehren des großen Straight-Ahead Gitarristen, Pat Martino, in dessen Fußstapfen wie so viele auch er selber immer wieder gerne unterwegs ist. Und dann ist da schließlich noch „Equinox“, womit neben Miles Davis auch noch John Coltrane geehrt ist, das andere berühmte Jazz-Denkmal, das in diesem Jahr hundertsten Geburtstag hätte.
Wenn Jürgen Bothner mit seinem klaren, warmen Ton ins Geschehen einsteigt, wenn er seine runden, in sich geschlossenen Bögen aufbaut, ist es, als würde der klanglich umrissene Raum des kammermusikalischen Jazz, der für bestimmte Abschnitte des Konzerts cha-rakteristisch ist, sich ausdehnen, oder gar eine Tür sich öffnen, die hinausführt ins Freie. Und Bothner tastet sich quasi hinein in eine neue Umgebung, ohne freilich dabei gleich vor lauter Begeisterung völlig abzuheben. Seine Rolle in diesem Trio gleichberechtigter Partner ist ebenso entscheidend wie die Stavi’s. Dessen Solo in „Nardis“ ist großartig. Wie er über mehrere Minuten die absolut richtigen Töne, die optimalen Wendungen findet und mit perfektem Timing auf den Punkt bzw. den idealen Groove kommt, ist geradezu sensationell.
Die Musik fließt, ist nachvollziehbar, niemand im Birdland-Keller braucht ein vorher abgeschlossenes Jazz-Studium, um den Swing zu spüren, sich an den Melodien zu ergötzen und es sich auf den Harmonien bequem zu machen. Hier verbindet sich musikalische Schönheit außerhalb des Elfenbeinturms mit der Lust der Musiker, sie zu erzeugen und der Lust des Publikums, sie zu erspüren, sich auf sie einzulassen und sie zu genießen. Ein wunderbarer Abend mit wunderbarer Musik, die völlig ohne großes Getue auskommt, bei der vordergründiges Gehabe nur stören würde.

