■ ■ Ignaz Dinné Quintett | 25.09.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Der Gourmet hat seinen Lieblingsitaliener, der Cineast seinen Lieblingsfilm und der Weinliebhaber sei­nen Lieblingstropfen. Der Tenorsaxofo­nist Ignaz Dinné definiert seine Lieb­lingsstücke, die er an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg seinem Publikum akustisch ans Herz legt, fol­gendermaßen: „Man kennt sie besonders gut und spielt sie schon seit sehr langer Zeit. Man macht beim Spielen die Augen zu, ist entspannt genug, um sich zurück­zulehnen und genießt sie jedes Mal neu.“

Acht solche Lieblingsstücke hat Dinné im Gepäck, und es handelt sich dabei nicht notgedrungen um Standards oder gar Evergreens, sondern um eine ganz persönliche Auswahl, um Joe Hender­son’s „Serenity“, Wayne Shorter’s „Al Gaucho“, Thelonious Monk’s „Reflecti­ons“ und Dave Brubeck’s „In Your Own Sweet Way“ und ein paar andere, die man als Zuhörer auch selber kennen kann aber nicht zwingend kennen muss. Für Dinné und seine Band mit dem uk­rainischen Trompeter Dima Bondarev, dem argentinischen Gitarristen Ramiro Olaciregui, dem Kontrabassisten Max Leiss und dem Schlagzeuger Julian Fau dienen sie als Basis, als Orientierungs­rahmen und bieten gleichzeitig genügend Freiraum, in dem sie sich solistisch ent­falten können. Jeder in der Band ist mit eigenen Ensembles unterwegs, bringt ei­gene Alben auf den Markt, gibt Konzerte unter eigenem Namen, hier, unter Dinnés Leitung, sind sie gleichberechtigte Part­ner, teilen den Platz für die Soli, unter­stützen einander, wenn sie sich anschi­cken, mit besonders hervorgehobenen Beiträgen ihre eigene Sicht der Dinge zu offenbaren.

Der vermutlich auffälligste von allen ist Dima Bondarev (Deutscher Jazzpreis 2025), der bei Joe Henderson’s „Inner Urge“, ganz dem Titel des Stücks ent­sprechend, seinem inneren Drang nach­gibt und alle Register zieht. Dinné mode­riert mit seinen Ansagen den Ablauf des Abends und mit seinem Saxofon die Aktivitäten seiner Kollegen. Jeder wird an besonderen Stellen des Programms besonders gefeatured, jeder hat immer wieder seine ganz besonderen Momente und in der Summe ergibt sich daraus ein Abend mit lockerem, abgeklärtem, sou­verän vorgetragenem Mainstream, ein rundes Gesamtpaket jenseits abgehobe­ner Angeberei, mit dem jeder im Saal et­was anfangen kann, das ganz einfach gut tut. Und vielleicht wurde einer von Dinnés Lieblingssongs ja am Ende sogar auch zu einem für irgendjemand im Pu­blikum. Überraschenderweise fügen sich die beiden Eigenkompositionen – Olaci­regui’s „CM’s Blues“ und Dinnés „Pati­ence“ – nahtlos ein in die Setlist, auf der neben den bereits erwähnten auch Na­men wie Kurt Weill und Cole Porter ste­hen, von Säulenheiligen der Musikge­schichte also, neben denen man erst ein­mal bestehen muss.

Mit Ignaz Dinné ist an diesem Abend wieder einmal ein Musiker in Neuburg zu Gast, der in der deutschen Jazz-Szene in den vergangenen Jahren immer prä­sent war, sich bei einem breiten Publi­kum aber nie in den Vordergrund ge­drängt hat. Vielleicht lag es daran, dass er vor seinem Umzug nach Berlin viele Jahre in Boston und New York gelebt hat, dort mit seiner eigenen amerikani­schen Band und mit Kollegen wie Wyn­ton Marsalis und Slide Hampton unter­wegs war. An der Qualität seiner eigenen Musik lag es sicher nicht, denn die ist – wie im Birdland zu hören – nicht nur un­bestritten, sondern ganz außerordentlich.