Der Bösendorfer-Flügel, der im Birdland Jazzclub schon so oft seine unerschöpflichen Klangfarben entfaltet hat, stand an diesem Abend fein abgedeckt hinten auf der Bühne. Ein Instrument, das für die Melodien, die Harmonien und auch für den Rhythmus eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt, blieb also stumm. Die spannende Frage war nun, wie die fünf Jazzer des Ignaz Dinne Quintetts mit Trompete (Dima Bondarev), Saxofon (Ignaz Dinne), Gitarre (Ramiro Olaciregui), Bass (Max Leiss) und Schlagzeug (Julian Fau) auf ihre Weise zeigen konnten, was in einer solchen Formation an Kreativität und Klangfülle möglich ist.
Sie zeigten es auf eine manchmal hinreißende und oft genug mit herrlichen Überraschungen gewürzte Art. Im gut besuchten Hofapothekenkeller waren fünf Jazzer am Werk, die alle eine ausgeprägte musikalische Persönlichkeit mit dem nötigen Selbstbewusstsein auf die Waage bringen – aber nicht alle das gleiche Gewicht. Bildlich gesprochen eroberten drei Meister an Gitarre, Bass und Schlagzeug und zwei Großmeister mit der Trompete und dem Saxofon ihr Publikum.
Was Bandleader Ignaz Dinne mit dem Tenorsaxofon und der ukrainische Teufels-Trompeter Dima Bondarev jeder für sich und vor allem im Zusammenspiel zu bieten hatten, kann man nur grandios nennen. Im Titel „Serenity“ oder in der Henderson-Ballade „Just wonderfol things“ leuchten diese Qualitäten besonders hell. Dinne und Bondarev stellen blitzsaubere, rasante Unisono-Passagen ins Gewölbe, in Phrasierung und Dynamik so gut aufeinander eingestellt, dass es oft wirkt, als spiele nur einer. Das wird möglich, weil beide Jazzer die starken Emotionen, die in diesen Stücken leben, in gleicher Weise empfinden und dann auch gestalten..
Dabei sind diese zwei Großmeister ihres Instruments durchaus verschiedene Charaktere. Dinne spielt seine Kantilenen in den Balladen mit innerer Ruhe und einer souveränen Gelassenheit aus, oft in sich versunken. Wenn es wilder und virtuoser zugeht, geht er aus sich heraus, behält aber die Leichtigkeit des musikalischen Seins und freut sich sichtlich über die Volten, die ihm seine Kreativität gerade schenkt. Rein technisch hat Dinne sowieso alles drauf, musikalisch ist er mit seinem Respekt vor jedem einzelnen Ton und mit seiner gedanklichen Tiefe ein Geschenk.
Der Mann an der Trompete hat diese elegante Art des Musizierens auch drauf, er entlockt in Stücken wie „This is new“ von Kurt Weill oder in der Ballade „Reflexions“weiche, warme Farben. Da denkt man als Zuhörer nicht unbedingt an ein Blechblasinstrument, das auch richtig Dampf, um nicht zu sagen Krach machen kann. Die Gefahr, die für den intimen Birdland-Keller noch zuträglich Lautstärke zu überschreiten, ist in Titeln wie „Inner urge“ oder „El Goucho“ durchaus gegeben. Und bei einem manchmal geradezu exaltierten Musiker wie Bondarev ganz besonders.
Der Ukrainer überrascht oft mit schier verrückten Eskapaden bis hinauf in die höchsten Lagen und mit manch heißen Ritt über ein paar Oktaven hinauf und hinunter. Er hat die Dynamik aber auch bei den wildesten Ausbrüchen unter Kontrolle. Mit heißem Herzen und doch auch mit kühlem Verstand, das ist die Kunst dieses verwegenen Großmeister an der Trompete.
Das Gesamtkunstwerk Quintett funktioniert bei zwei solchen Kalibern nicht automatisch. Gitarre, Bass und Schlagzeug sind ja nicht nur eine Art Begleit-Trio, das im Hintergrund mitspielt. Auch das könnte noch ein mehr als passables Ergebnis abliefern. Aber Leiss, Fau und Olaciregui sind eben hochmusikalische Persönlichkeiten. In vielen Titeln entwickelt das Quintett deshalb eine fast kammermusikalische Qualität, die jedem Instrument seinen vollen Wert gibt. Und mit ihren Soli dürfen Gitarre, Bass und Schlagzeug zwischendurch genug glänzen. Drei Meister auch sie, aber in der Struktur dieses Quintetts nicht die Großmeister.

