„Er läuft und läuft und läuft“ hieß es einst in der Reklame für den legendären VW Käfer, weil er in dem Ruf stand, unverwüstlich zu sein. Zur Allotria Jazzband aus München würde aus ähnlichen Gründen der Slogan „Sie swingt und swingt und swingt“ passen. Seit ungefähr einem halben Jahrhundert besteht das kleine aber feine Dixieland- und Swing-Orchester, das als Hausband des legendären Allotria Jazzclubs in der Türkenstraße in Schwabing anfing, bis heute durchgehalten hat und nach wie vor die Fahne des traditionellen Jazz hochhält, die Musik von Sidney Bechet bis zu Benny Goodman und Duke Ellington und ihren Zeitgenossen.
Als Rainer Sander, Klarinettist und Altsaxofonist des Septetts, der bei diesem Konzert im Ingolstädter Audi Forum durch den Abend führt, wissen will, wer sich den noch an den Club und die Anfänge der Band im Jahr 1969 erinnert, gehen tatsächlich ein paar Hände hoch. Was nicht verwundert, denn wer einmal vom Bazillus des Swing angesteckt wurde, bringt ihn sein Leben nach nicht mehr los. Sander, den Trompetern Colin C. Dawson und Andrey Lobanow, dem Posaunisten Markus Krämer, dem Pianisten Thilo Wagner, dem Kontrabassisten Peter Cischeck und dem Schlagzeuger Gregor Beck, die das aktuelle Line Up der Band bilden, geht es da ganz ähnlich. Völlig unbeeindruckt von zwischenzeitlichen Entwicklungen feiern sie die Helden der Swing-Ära und deren Kompositionen, könnten sie vermutlich im Schlaf spielen. Der „Arcadia Shuffle“ von Roy Eldridge sei ihre modernste Nummer, sagt Sander. Die stammt aus dem Jahr 1939. Das sagt alles.
Wer also zu einem Konzert der Allotria Jazzband geht, weiß ganz genau, was ihn erwartet. Auf den Punkt gespielte akustische Reminiszenzen an eine Zeit, als der Jazz noch Pop war, per Radio, Kino und Schellackplatten verbreitet wurde, ausgestattet mit wunderschönen Melodien und diesem unerbittlichen Rhythmus, der so enorm in die Beine ging. Seit 50 Jahren also immer noch und immer wieder das Gleiche?
So einfach ist die Sache nicht, denn auch wenn die stilistische Ausrichtung und der Sound nahezu unverändert blieben, so hat sich neben der Besetzung auch das Repertoire geändert. Die Band verzichtet ganz bewusst auf die allergrößten Ohrwürmer aus jener Zeit, die wohl für noch mehr Applaus gesorgt hätten, denn Swing-Fans sind erfahrungsgemäß nicht nur ihrer Band treu, sondern auch all den von ihnen ganz besonders favorisierten Hits, die sie, wenn’s ginge, liebend gerne immer und immer wieder hören würden. Aber die sind gar nicht so zahlreich an diesem Abend. Viel lieber gräbt die Band weniger oft gespielte Nummern aus wie etwa „My Gal Sal“, Goodman’s „All The Cats Join In“ mit runderneuertem Arrangement, den „Down Home Rag“ von 1911, das von Carmen McRae populär gemachte „If I’m Lucky“ oder Jelly Roll Morton’s „Wolverine Blues“ in einer erstaunlich spritzigen Version.
Die Band ist gut aufgelegt, hat den nötigen „Schmiss“, wie man seinerzeit wohl gesagt hätte und kommt mit der originellen Songauswahl und der professionellen wie auch lustvollen Präsentation sehr gut an. Irgendwie haben Konzerte wie dieses etwas von Museumsbesuchen an sich. Man geht immer wieder hin, der alten Meister wegen, denkt, man hätte schon alles gesehen und ist doch immer wieder überrascht über die Umhängungen und die Schätze, die aus dem Depot ans Licht geholt werden.

