Es ist noch gar nicht so furchtbar lange her, dass die Frauen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit einem Kaffee-Service als Sieg-Prämie abgespeist wurden. Immerhin: pro Spielerin. Diese Art von Demütigung und Respektlosigkeit geschah zu einer Zeit, als Frauen selbst im sich ach so fortschrittlich und liberal gebenden Jazz noch belächelt, manchmal sogar verspottet wurden und sich Machismo und Sexismus ausgesetzt sahen – vor allem, wenn sie nicht etwa sangen oder Klavier spielten, sondern an Instrumenten zu hören waren, die als „männlich“ galten. Es hat sich eine Menge getan in der Zwischenzeit. Wie selbstverständlich mischen Frauen in der obersten Jazz-Liga mit und gewinnen bei internationalen Kritikerumfragen zu Recht nicht selten ihre Kategorien. Vier solche starken Frauen – alle Bandleaderinnen von Format – gastierten jetzt zusammen im ausverkauften Neuburger Birdland.
Die finnische Bassistin Kaisa Mäensivu, die Vibrafonistin Sasha Berliner, die Saxofonistin Nicole McCabe (beide aus den USA) und die deutsche Schlagzeugerin Mareike Wiening hatte sich einst während des Studiums in New York kennen gelernt und sofort gemerkt: da stimmt die Chemie, da gibt es ähnliche musikalische Vorstellungen. Zum zweiten Mal schon touren sie jetzt gemeinsam durch Europa.
Das Quartett lebt unter anderem davon, dass vier höchst unterschiedliche Temperamente miteinander kommunizieren. Während Kaisa Mäensivu das Rückgrat bildet und mit Ruhe, Wachsamkeit, Übersicht und Gewissheit den Laden zusammenhält, explodiert vor ihr die mittlerweile in Kalifornien lebende Altistin Nicole McCabe. Mit durchdringendem Timbre und einer gewissen Grundschärfe schäumt sie durch die Tonlagen, reißt dabei pfiffige Zitate mit und zeigt viel Charakter. Die ebenfalls in Kalifornien ansässige Vibrafonistin Sasha Berliner – Ururur-Enkelin des Grammophon-Erfinders und deutschen Grammophon-Gründers Emil Berliner – klöppelt mit einem unwiderstehlichen eleganten Flow, setzt kluge Pointen, schlägt immer wieder mal Haken. Und Mareike Wiening, seit letztem Jahr Schlagzeug-Professorin an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, mischt das musikalische Geschehen auf, mit vielen unerwarteten Akzenten, Schlagkombinationen zwischen beachtlicher Wucht und frappierend lockerer Behändigkeit.
Das Konzert im Birdland zeigt: Kaisa Mäensivu, Sasha Berliner, Nicole McCabe und Mareike Wiening sind im klassischen Jazz verwurzelt, sind in der Historie firm, bleiben aber überhörbar Frauen von heute. Immer wieder gibt es einen Twist ins musikalische Hier und Jetzt, immer wieder verquicken sie unaufdringlich Tradition und Moderne, egal, ob sie sich nun an der Arthur Blythe-Version des „Jitterbug Waltz“ orientieren oder Billy Strayhorns „Upper Manhattan Medical Group“ in ein neues Gewand mit frischem aber zeitlosem Zuschnitt stecken (Arrangement: Sasha Berliner).
Während der erste Set im Birdland noch etwas verhalten und Luft nach oben zu spüren war, entwickelten Kaisa Mäensivu, Sasha Berliner, Nicole McCabe und Mareike Wiening im zweiten Teil des Konzerts einen durchweg mitreißenden Drive, eine Energie, die nachhallte. Das Publikum freute sich unbändig, dass ausschließlich Frauen auf der Bühne des Birdland standen und saßen. Diese vier Instrumentalistinnen aber könnten – wie etwa ihre Kolleginnen der Band Artemis – dafür stehen, dass das Genus im Jazz bald nur noch eine untergeordnete Rolle spielen sollte und der Genuss, der Musikgenuss nämlich, in den Vordergrund rückt.

